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Mark Greif: Was war der Hipster?

 
       
     
       
     
       
   

Mark Greif in seiner eigenen Schreibe

 
   

GREIF, Mark (2009): What You've Done to My World.
How rock music produces the feeling of physical violence,
in: nplusonemag.com v. 22.06.

GREIF, Mark (2010): What Was the Hipster?
in: The New York Magazine v. 24.10.

  • Das New York Magazine veröffentlicht vorab einen gekürzten Essay von Mark GREIF mit dem Titel "What Was the Hipster?", der im neuen N+1-Magazin erscheinen wird. Eine gleichnamige Tagung fand bereits letztes Frühjahr statt. Im Juli schrieb Jens-Christian RABE in seinem Nachruf auf den Hipster:

    "Die Zeitschrift Neon sieht sie in ihrer aktuellen Ausgabe in einem Club in Moskau, der Berliner Tagesspiegel hat sie in dieser Woche wieder einmal in den Bars in der Oranienstraße entdeckt, die taz meldete, dass es in der »US-Hipster-Szene« cool sei, sich als Indianer zu kleiden, die Neue Zürcher Zeitung weiß, dass es die Stockholmer Hipster in den Stadtteil Södermalm zieht und wo sie sich in Reykjavik herumtreiben, Geo Saison stand mit ihnen in Prag an der Bar, die Welt fand sie in Australien zwischen Sydney und Brisbane, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kennt die »Hipster-Labels« in Paris und die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung bemerkte kürzlich, dass »Großstadt-Hipster« ihre Wohnungen jetzt mit ausgestopften Tieren dekorieren."

    Mark GREIF zitiert nun in seinem Essay Jens-Christian RABE (ohne ihn zu nennen), um die Vergötterung des Hipsters in Europa zu belegen:

    "Elsewhere—and especially in Europe—the deathbed scene looks more like an apotheosis. One German paper rounded up that country’s most recent reports of hipster emergence: »The current issue of the magazine Neon sees them at a club in Moscow, the Berlin Tagesspiegel spotted them yet again this week in the bars on Oranienstraße, Taz reported that in the ‘US hipster scene’ it’s cool to dress like Indians, the Neue Zürcher Zeitung knows that in Stockholm they are drawn to the district of Södermalm, Geo Saison had drinks with them at a bar in Prague, Die Welt found them in Australia from Sydney to Brisbane, the Sunday Frankfurter Allgemeine Zeitung knows the Parisian ‘Hipster-labels,’ and the weekend edition of the Süddeutsche Zeitung commented recently that ‘big-city hipsters’ are now decorating their apartments with taxidermy.«"

    Wird der Hipster also vergöttert oder ist er im Niedergang begriffen oder eher ein Nischenphänomen? Zumindest gehört er nicht zu den "Sozialfiguren der Gegenwart", die im gerade erschienenen Buch "Diven, Hacker, Spekulanten" von Stephan MOEBIUS & Markus SCHROER beschrieben werden. Dort gibt es zwar einen Beitrag zum Dandy, aber nicht zum Hipster.

GREIF, Mark (2010): The Hipster in the Mirror,
in: New York Times Sunday Book Review v. 14.11.

GREIF, Mark (2010): A hipster's paradise.
In the late 1990s, a down-at-heel ’hood in New York’s Lower East Side became an enclave for rich white kids. They were like a new ethnic arrival,
in: New Statesman Online v. 18.11.

GREIF, Mark (2011): Was war der Hipster.
Warum gerade die Ära einer Subkultur zu Ende geht, deren Vertreter noch immer unter uns sind,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.01.

Die SZ druckt die Übersetzung eines Artikels aus dem New York Magazine ab.    

GREIF, Mark (2012): Rappen lernen.
Warum gerade die Ära einer Subkultur zu Ende geht, deren Vertreter noch immer unter uns sind,
in: Nachtstudio. Sendung von Bayern 2 v. 24.01.

 
       
   

Mark Greif: Gespräche und Porträts

 
   
HAAS, Daniel (2012): Es wäre besser, Warhol hätte es nie gegeben.
Kapitalismuskritik: Der amerikanische Kulturkritiker Mark Greif ist das New Yorker Sprachrohr einer global protestierenden jungen Intelligenz. Ein Spaziergang ins Herz der Kapitalismuskritik,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.02.

SCHIMMELBUSCH, Alexander (2012): Kultur gegen Kapital.
Im Gespräch: Der Kultursoziologe und Hipster-Forscher Mark Greif über die Begeisterung der US-amerikanischen Intellektuellen für die Occupy-Wall-Street-Bewegung,
in: Freitag Nr.5 v. 02.02.

Neu:
TIMM, Ulrike (2012): "Erfahrung mit Occupy Wall Street" hat mich verwandelt.
Iiteraturwissenschaftler Greif über die Verbindung von Kultur und Finanzmarktprotest ,
in: DeutschlandRadio v. 03.02.

 
       
   

Rappen lernen (2012)
Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"»Unsere Sprache kostet nichts. Sie gehört uns allen. Man kann sie nicht privatisieren.« 1989 beging Mark Greif einen großen Fehler: Er entschied sich für Indie-Rock – und gegen Hip-Hop. Als er 20 Jahre später versucht, selbst Rappen zu lernen, um dieses Versäumnis wiedergutzumachen, stößt er auf schier unüberwindbare Hindernisse: die anspruchsvolle Atemtechnik, das Wort »Nigger«, die Affinität zu Materialismus und Gewalt.

In Rappen lernen setzt Greif nicht nur dem Hip- Hop ein Denkmal, sondern er entwirft zugleich eine Kulturgeschichte von Schwarz und Weiß und erzählt davon, was es bedeutet, in neoliberalen Zeiten erwachsen zu werden."

Zitat:

Fehlentscheidung Postpunk

"Hip-Hop und ich, wir sind zur selben Zeit groß und dann gemeinsam erwachsen geworden. Doch wie viele andere politisierte weiße Mittelklasse-Amerikaner meiner Generation beging ich einen Fehler von historischem Ausmaß: Ich entschied mich, an Postpunk zu glauben, nicht an Rap. Und das bedeutete, dass ich einem unbedeutenden Ableger (Postpunk) eines (an sich schon) unbedeutenden Genres (Punk) die Treue schwor, der das Letzte aus einem einst bedeutenden Musikstil herausholte, der im Prinzip schon 1972 erledigt war (Rock). Ich wurde also Postpunk-Fan, anstatt mich einer neuen Musikrichtung von wahrhaft weltgeschichtlichem Rang anzuschließen." (2012, S.5f.)

 
     
 
       
   

Rezensionen

fehlen noch

 
       
   

Hipster (2012).
Eine transatlantische Debatte
Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Ende der neunziger Jahre tauchte plötzlich eine neue soziale Spezies in US-Großstädten auf: die Hipster. Die Erben der Beatniks oder Hippies trugen zu enge Jeans, Baseballmützen, Schnäuzer und hatten Dosenbier oder einen Laptop dabei. Begleitet wurde ihr Auftreten von der Musik der Strokes oder von Belle and Sebastian, 2001 setzte Wes Anderson ihnen in The Royal Tenenbaums ein filmisches Denkmal. Spätestens als 2004 die erste deutsche Filiale von American Apparel eröffnete, hatten die Hipster bzw. die eng mit ihnen verwandten digitalen Bohèmes den Sprung über den Atlantik geschafft. Die New Yorker Zeitschrift n+1 widmete den Hipstern 2009 eine Tagung an der New School: Was sind eigentlich Hipster? Und wofür sind sie ein Symptom? Für eine Generation, die Geld verdienen und doch nicht erwachsen werden will? Ein durch und durch ironisches Zeitalter? Den postindustriellen Konsumkapitalismus? Der Band sorgte nicht nur in den USA für großes Aufsehen, das Buch wird mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt. In dieser Ausgabe werfen Jens-Christian Rabe (Süddeutsche Zeitung), Tobias Rapp (Der Spiegel) und Thomas Meinecke zusätzlich einen deutschen Blick auf dieses transatlantische Phänomen."

Zitat:

Der Hipster als Produkt des Selbsthasses

"n+1, so der Vorwurf, sei schließlich selbst ein Hipster-Magazin und werde durch ähnliche soziale Kräfte geformt und vorangetrieben. Ich denke, dass der (...) Vorwurf (...) eine gewisse Berechtigung besitzt. Der Hipster verkörpert auf fundamentale Art und Weise einen kulturellen Trend, den wir mit der Gründung des Magazins bekämpfen wollten. (...). Er ist zugleich Gefahr und Versuchung, ein Feind also, mit dem wir sehr gut vertraut sind. (...). Der subkulturelle Typus des Hipsters ist ein Produkt des Neoliberalismus, dieser berüchtigten Strömung unserer Zeit, öffentliche Güter zu privatisieren und die Umverteilung von unten nach oben voranzutreiben. Die Hipster verherrlichen reaktionäre Politik, tragen Rebellen-Kostüme und verstecken sich hinter der Maske des »Lasters« (englisch vice, ein Schlüsselbegriff der Szene; das gleichnamige Magazin spielt in den USA, inzwischen aber auch in Europa eine wichtige Rolle im Hipster-Milieu; Anmerkung des Übersetzers)."
(Aus dem Vorwort von Mark Greif, 2012, S.17f.)

 
     
 
       
   

Die Beiträge des Sammelbandes

Vorwort zur deutschen Ausgabe
Vorwort zur amerikanischen Ausgabe

Die Tagung an der New School

I. Vorträge

GREIF, Mark - Positionen
LORENTZEN, Christian - Ich lag falsch. Nach Charles Bernstein
CLAYTON, Jace - Die Vampire von Lima

II. Podiumsdiskussion

Reaktionen

BAUMGARDENER, Jennifer - Williamsburg, Jahr null
JEFFERSON, Margo - Zwanzig Fragen
EVANS, Patrice - Hip-Hop und Hipsterismus. Anmerkungen zu einer Philosophie des Uns und der Anderen

Essays

TORTORICI, Dayna - Man erkennt sie, wenn man sie sieht
GREIF, Mark - Nachruf auf den weißen Hipster
GLAZEK, Christopher - South Side Story. Hipster gegen Chassidim

Reaktionen von diesseits des Atlantiks

RAPP, Tobias - Hackescher Markt, Trucker-Mütze, Tourist. Der Berliner Hipster in drei Begriffen
MEINECKE, Thomas & Eckhard SCHUMACHER - Geradeaus Wilhelmsburg
RABE, Jens-Christian - Gegenwärtigkeit als Phantasma. Über den Hass auf den Hipster

 
   

Rezensionen

ALBERS, Philipp (2012): Porno-Schauzer und Truckermütze,
in: DeutschlandRadio v. 31.01.

DALKOWSKI, Sebastian (2012): Der Hipster - Streber im digitalen Zeitalter.
Weil der Hipster in Geschmacksfragen stets vorne liegen will, muss er viel Spott ertragen. Auch von Hipstern selbst. Dabei gibt er Hinweise, wie man sich im digitalen Zeitalter verhalten kann,
in: Rheinische Post Online v. 01.02.

HARTMANN, Andreas (2012): Die Haar schön.
Er legt Wert auf sein Aussehen, hört die richtige Musik, hat meist gute Umgangsformen, und trotzdem mag ihn niemand: den Hipster,
in: Jungle World Nr.5 v. 02.02.

HARTMANN beschreibt die Sicht auf den deutschen Hipster u. a. anhand der Berliner Topographie:

"Der Hipster wurde in Neukölln und Kreuzberg zu einer ähnlichen Hassfigur wie der Tourist, nicht zuletzt, weil der Hipster ja sehr oft auch nichts anderes ist als ein Zugereister aus Barcelona oder New York. Andere Berliner Stadtteile haben längst ähnliche Hassfiguren wie den Hipster entwickelt. Im Prenzlauer Berg ist das der »Schwabe«, in Friedrichshain der »Yuppie«, wobei der Yuppie meist auch ein Hipster ist, aber Friedrichshainer Autonome definieren ihre Feindbilder eben lieber in den Kategorien, die sie gewohnt sind. Nur in Berlin-Mitte ist der Hipster willkommen, weil Berlin-Mitte mit seinen ganzen Hipster-Läden für den Hipster etwas Ähnliches ist wie der Vatikan für den Katholiken."

 
       
   

What was The Hipster? (2010).
A Sociological Investigation
(herausgegeben zusammen mit Kathleen Ross und Dayna Tortorici)

nplusonemag

 
   
     
 

Klappentext

"What Was the Hipster? is the third, most notorious entry in our small books series. Featured in New York Magazine, denounced by the Village Voice, praised as »possibly the most divisive publication since the report of the Warren Commission,« the 200-page, perfect-bound book features the transcript of an investigation into the rise and fall of the contemporary hipster and also includes essays and responses from critics."

 
     
 
       
   
  • Rezensionen

englischsprachig

ELBOROUGH, Travis (2010): What Was the Hipster?
An in-depth look at today's urban trendies finds they have become a punchbag for society's ills,
in: Observer v. 14.11.

LOWMAN, Stephen (2010): 3 books on hipsters,
in: Washington Post Online v. 03.12.

deutschsprachig

THUMFART, Johannes (2010): Der Hipster ist tot.
Ein Exorzismus,
in: De:Bug Nr.148, Dezember
 

 
   

Der Hipster in der Debatte

WACKWITZ, Stephan (1999): Popmusik, Literatur und die Erzeugung schwerer Zeugen,
in: Merkur, H.1, Januar

  • Stephan WACKWITZ  greift Diedrich DIEDERICHSENs Unterscheidung von Hipstern und Hip-Intellektuellen im Buch "Sexbeat" auf, um sich dem dialektischen Verhältnis von Pop und Antipop bzw. von Hochkultur und Popkultur zu widmen:

    "Die Umarbeitung des leichten in das schwere Zeichen (...) ist eine parasitenhafte, eine vampiristische Operation. Wo Spaß ist, soll Ernst werden, der Schwachsinn darf nicht sein, was er ist; im frühromantisch-ironischen Licht muß er als Tiefsinn erscheinen. Sobald die Hochkultur ein Fenster geöffnet hat, muß sie daran arbeiten es wieder zuzumauern (...). Die Wellen kunstvoller Rebarbisierung (Punk, Grunge, Techno), von denen die Popmusik mit zwangsläufiger Periodizität heimgesucht wird, sind auch Versuche, der Heimholung in die Hochkultur zu entgehen, an der die Hip-Intellektuellen andererseits rastlos arbeiten."

GOERGENS, Sven F. (2001): Die perfekten Pommes.
Den ewig Zuspätgekommenen zum Trost: Wahre Hipster wollen nur eins - um keinen Preis mehr hip sein,
in: Focus Nr.13 v. 26.03.

KLEIN, Richard (2004): Der Ort der Popmusik im Leben,
in: Merkur Nr.660, April

POSCHARDT, Ulf (2004): Die universelle Boutique.
Das Bildungsbürgertum stirbt aus. Das Geschmacksbürgertum tritt an seine Stelle. Eleganz ersetzt Substanz. Was alles der Schönheit geopfert wird,
in: Welt am Sonntag v. 05.12.

  • "Der Dandy verliert seine Ausnahmestellung und wird die Regel. Er ist Massenphänomen. Literarische Zeitschriften wie »Der Freund« von Christian Kracht beleben dabei seinen historischen Schatten aus dem 19. Jahrhundert neu, Magazine wie »Monopol« von Florian Illies moderieren das Dandyweltbild verschmitzt neubürgerlich",

    doziert Ulf POSCHARDT. Schon vor einiger Zeit war dazu bei Diedrich DIEDERICHSEN zu lesen:

    "Die neuen Bürgerlichen suchen nach Vorläufern und Fundamenten für das, was sie am besten können: Dresscodes und Habitus entwickeln und beurteilen, den in ihrer Generation noch aus Pop- und Szenekultur übernommenen semiotischen Reichtum von Unterscheidungsorgien auf ältere deutsche oder europäische Traditionen zurückführen. Schon eine Weile hat im Jargon des Feuilletons der Dandy den Hipster abgelöst, aber seit einiger Zeit sind alle Dämme offen, und Elite-Formulierungen aller Art haben Konjunktur." (Die Leitplanken des Zeitgeists, September 2004).

    Ganz in diesem Sinne propagiert POSCHARDT das Geschmacksbürgertum:

    "Wenn man bei Google das Wort »Geschmacksbürgertum« eingibt, werden noch null Treffer angezeigt. Das wird sich bald ändern. Geschmack bezeichnete Scott Fitzgerald - ganz Gentleman der alten Schule - als die weibliche Form des Genius. In diesem Sinne wäre die Boutiquisierung der Kultur - folgte man dem Machismo Fitzgeralds - auch ein Erfolg weiblicher Emanzipation. Die Kultur wird metrosexuell."

    Das Geschmacksbürgertum à la POSCHARDT ist ein ganz und gar geschmackloser Begriff und überflüssig dazu, denn Gerhard SCHULZE hat dazu bereits das Kategoriensystem zur Verfügung gestellt, denn über die Erlebnisgesellschaft weist POSCHARDTs Kategorie nicht hinaus...

FAS (2005): Wir sind Kanzlerin!
Wer hätte es für möglich gehalten: Angela Merkel soll die erste deutsche Regierungschefin werden. Anlaß genug, zehn Zeitgenossinnen zu fragen: Was wird sich in Deutschland ändern unter einer Bundeskanzlerin? Und vor allem: Wird es in Zukunft leichter für Frauen, Karriere zu machen? 
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.10.

  • Sascha LEHNARTZ behauptet in seinem Buch "Global Players", dass die Bildzeitung das neue Leitmedium der Berliner Republik ist. Das gilt offenbar zumindest für die Schlagzeilentexter der FAS. In seiner Geschichte des Hipstertums aus der Perspektive der zeitgeistigen Neo-Spießer beschreibt er Angela MERKEL als "Soft-Koch-Variante". Der Hipster ist eine der letzten männlichen Domänen. Und wenn LEHNARTZ für die ästhetische Generation Golf MERKEL in die Nähe von Roland KOCH rücken muss, um ihr überhaupt einen gewissen Hip-Faktor andichten zu können, dann zeigt sich wie unhip Angela MERKEL im Wahlkampf war. Die FAS hat aber die männlichen Hipster erst gar nicht gefragt, sondern Prominente wie Elfriede JELINEK, Susanne FRÖHLICH, Gisela ERLER, Ulla HAHN und Juli ZEH.

    Das finden wir ganz in Ordnung, denn der männliche Hipster ist ein Auslaufmodell, wenn er bereits durch Squares wie Sasha LEHNARTZ historisiert wird.

KREYE, Andrian (2006): Die Qual des linken Denkens.
Der erfolgreiche amerikanische Debütant Benjamin Kunkel will den Schriftsteller als öffentliche Person rehabilitieren,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.

  • Andrian KREYE berichtet von der New Yorker Hipster-Front, diesmal wird der Schriftsteller Benjamin KUNKEL, dessen Debütroman "Unentschlossen" demnächst erscheint, in der popkulturellen Hip-Geschichte verortet und die Gentrificationsgrenzen, die das "Einwandererelend" vom Pioniertum des Hipsteraufbruchs trennen, benannt, was die Frage von Britta "Ist das schon Unterschicht oder noch Bohème?" eindeutig beantwortet.

    Hätte früher die popkulturelle Hipster-Genealogie ausgereicht, so ist inzwischen auch eine Verortung in den politischen Intellektuellen-Zirkeln notwendig, um einem politisch korrekten Hype gerecht zu werden. KREYE positioniert KUNKEL in der Tradition der Partisan Review, wo bereits Susan SONTAG schrieb, die mit dem Label "Camp" sozusagen die Verbindungspunkte der beiden Szenen darstellt.

    KUNKEL und seine Mitherausgeber des Kulturmagazins n+1 haben jedoch bereits in der ersten Ausgabe ihres Magazins eine Selbstverortung vorgenommen, die keine Wünsche mehr übrig lässt, indem sie sich gegen die Nihilisten der New Republic, die Infantilen um Dave EGGERS und die Neocons abgrenzt.

LORENTZEN, Christian (2007): The Hipster Must Die.
Rumors of their demise have been greatly exaggerated. How can anything in New York be cool again as long as these cultural zombies are fourishing?
in: Time Out New York, Nr.609, 30.05.

PILLIFANT, Reid (2009): Hipsters Die Another Death at n+1 Panel.
"People Called Hipsters Just Happened to Be Young, and, More Often Than Not, Funny-Looking",
in: The New York Observer v. 13.04.

LANHAM, Robert (2009): Look at This Fucking Hipster Basher.
Never mind news articles that link economic woes to a culture shift, the report of the hipster’s death is an exaggeration. The proof, writes Hipster Handbook author, is in the pieces,
in: The Morning News v. 29.06.

Infos zu: Robert Lanham - The Hipster Handbook

FLETCHER, Dan (2009): Hipsters.
Brief History,
in: Time v. 29.07.

CLAYTON, Jace (2009): Der Gipfel der Coolness.
Hipsterologie: Popkultureller Anti-Antiimperialismus: Was es mit dem Phänomen des globalen Hipster zwischen Brooklyn, Lima und Mexiko auf sich hat,
in: TAZ v. 17.10.

Vergleich von single-generation.de (Stand: 10. Februar 2012) anlässlich zweier Übersetzungen eines Vortrags von Jace CLAYTON alias DJ Rupture in der New School in New York, der nun in einer neuen Übersetzung von Tobias MOORSTEDT auch in dem von Mark GREIF mitherausgegebenen Buch Hipster erschienen ist. Am Beispiel des peruanischen Hipstertums erklärt CLAYTON den Siegeszug der Cumbia-Musik:

"Das peruanische Hipstertum zeichnete sich dadurch aus, dass Mittelschichtkids, die sich ihr Leben lang über Cumbia lustig gemacht haben, plötzlich Partys feierten, auf denen zu dieser Musik getanzt wurde. Das alles nur wegen einer CD-Compilation mit dem Titel »Roots of Chicha: Psychedelic Cumbias from Peru«. »Roots of Chicha« wurde auf Barbès, einem von Franzosen geführten Label aus Brooklyn, veröffentlicht. Da die alte Musik jetzt auf einem coolen New Yorker Imprint erschien, konnten diese Kids sie in einem neuen Licht sehen; das war nicht einfach nur Rekontextualisierung, vielmehr war es die Erkenntnis, dass dieser altbackene und zutiefst unhippe Aspekt ihres eigenen peruanischen Hintergrundes in einen globalen Austausch getreten war". (taz 17.10.2009)

"Das peruanische Hipstertum zeichnete sich dadurch aus, dass die Mittelklasse-Sprösslinge, die ihr ganzes Leben lang auf Cumbia-Musik herabgeschaut hatten, nach der Veröffentlichung des Samplers Roots of Chicha: Psychedelic Cumbias from Peru. plötzlich zu dem Sound tanzten und feierten. Roots of Chicha kam  auf dem Label Barbès heraus, das von Franzosen betrieben wird und seinen Sitz in Brooklyn hat. Das coole New Yorker Label ermöglichte es den Kids, ihre alte Musik in einem neuen (Disco-)Licht sehen: Das war mehr als eine simple Rekontextualisierung, schließlich aren sich alle bewusst, dass dieser unmodische und genuin unhippe Aspekt ihrer eigenen Peruanität plötzlich Bestandteil der globalen Stil- und Modedebatte geworden war". (aus: Hipster, 2012, S.42)

Im Gegensatz zum schicken Hipster-Bashing, sieht CLAYTON das kosmopolitische Hipstertum, das ein "uncooles, ja piefiges Unterklassenphänomen" aufgepeppt hat, durchaus positiv.

Für CLAYTON sind (in der 2012 Übersetzung von MOORSTEDT) auch nicht die Hipster schuld an der Gentrifizierung von Szene-Vierteln, sondern die Künstler als Pioniere:

"Es sind schließlich nicht die Hipster, sondern die Künstler, die als Sturmtruppen der Gentrifizierung fungieren. Und in vielen Fällen sind es die Nachkommen der ursprünglichen Einwohner eines Viertels, die zuerst auf die Idee kommen, dort ein Haus zu erwerben, neue Märkte und Einkommensgruppen zu erschließen und neue Waren zu verkaufen. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Hipster üblicherweise in einem Stadtteil erscheinen, hat die Gentrifizierung längst Fahrt aufgenommen. Die auffällige Präsenz unabhängiger kleiner Coffeeshops, in denen weiße Kellner arbeiten, die zwar Tätowierungen tragen, aber nur solche, die man für ein Vorstellungsgespräch verdecken kann, ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass diese Gegend in naher Zukunft den Gipfel ihrer Coolness erreicht haben wird." (2012, S.46)

Neubürgerliche Gentrifizierungsbefürworter haben diese Argumentation mittlerweile auch in die deutsche Gentrifizierungsdebatte eingeführt. In der 2009er taz-Übersetzung von Harriet FRICKE wurde die Rolle des Künstlers im Gentrifizierungsprozess noch anders dargestellt:

"Die vehemente Anti-Hipster-Haltung ist ein eher uncooler Ansatz, vor allem auch in der Gentrifizierungsdebatte. Künstler sind nicht die Stoßtrupps der Gentrifizierung. Bevor sich die Künstler überhaupt überlegen, in ein bestimmtes Viertel zu ziehen, sind es in vielen Fällen die Kinder seiner ursprünglichen Bewohner, die sich abmühen, dort Häuser zu kaufen und neue Märkte, neue Einkommensgruppen und neue Verkaufsstandorte zu erschließen. Wenn der Hipster dann tatsächlich im Viertel auftaucht, ist der Gentrifizierungsprozess längst in vollem Gang. Und die Präsenz von coolen, unabhängigen Coffeeshops, deren Personal aus weißen Bedienungen mit Tätowierungen, die man leicht bei einem Bewerbungsgespräch verstecken kann, besteht, bedeutet nur, dass ein Viertel bald den Gipfel seiner Coolness erreicht haben wird."

Hat hier etwa der gedrehte Zeitgeist die Übersetzung beeinflusst? Wir erinnern uns: 2009 hob in Deutschland die Gentrifizierungsdebatte an und in Hamburg wandten sich Künstler gegen die Aufwertung des Gängeviertels. Schwammen die Künstler damals auf einer Woge der Sympathie, so hat sich das im Sommer 2010 geändert und die neubürgerlichen Gentrifizierungsbefürworter haben inzwischen die Oberhand gewonnen.

LOWTZOW, Caroline von (2009): Wo ist vorne?
Wie die Hipster die Welt eroberten,
in: Zündfunk. Sendung des Bayerischen Rundfunk v. 13.12.

LAUENSTEIN, Mercedes (2009): Der Hipster - Ein Überbleibsel der Nullerjahre,
in: jetzt.sueddeutsche.de v. 23.12.

HUGHES, Zachariah P. (2010): A Revised Portrait of the Hipster.
Hipsterdom must be credibly assessed to understand pending Gaga-ism,
in: The Harvard Crimson v.
30.03.

RABE, Jens-Christian (2010): Der Hipster.
Über eine tragische Rolle der Gegenwart, die niemand spielen will, obwohl sie überall herbeigeredet wird,
in: Süddeutsche Zeitung v.
17.07.

  • RABE schreibt einen Sommerloch-Nachrufartikel auf den Hipster. Während in deutschen Zeitungen und Zeitschriften der Hipster noch angesagt ist, wird der Hipster gemäß RABE in den USA bereits totgesagt, z.B. auf einer Tagung zum Thema "What was the Hipster?".

    Veranstaltet hat diese Tagung ausgerechnet das coole n+1 magazine um Benjamin KUNKEL (und nicht die New Yorker New School for Social Research wie RABE behauptet; dort fand sie nur statt). Das Magazin hat sich auf diese Weise auch im Popdiskurs positioniert. Zwei Jahre zuvor hat der Podiumsteilnehmer und Autor von n+1 Christian Lorentzen in einer Titelgeschichte des New Yorker Magazin Time Out erklärt, warum der Hipster sterben muss. Mark GREIF, ebenfalls Autor von n+1, erklärte den Hipster-Begriff und lieferte auch eine Typologie. RABE geht bei GREIF nur auf den Neo-Hipster ein, den er als Trendsetter charakterisiert ("Mittelsmann zwischen Straße und den Marketing-Abteilungen"). Nicht eingeladen war dagegen Robert LANHAM, der 2003 ein Hipster-Handbuch veröffentlichte. LANHAM wohnt seit 1996 im derzeit angesagten Williamsburg und schrieb das Buch, weil er des Hipsterseins überdrüssig war, wie er kürzlich in dem Artikel Look at This Fucking Hipster Basher schrieb. RABE referiert nochmals die Geschichte des Hipstertums, der sich ausführlicher die Radiosendung Wo ist vorne? Wie die Hipster die Welt eroberten von Caroline von LOWTZOW im letzten Dezember widmete.

    Natürlich ist der Neo-Hipster bzw. Trendsetter auch in Deutschland in die Kritik gekommen. Das Buch Konsumrebellen rechnete bereits 2005 mit diesem Typus ab. In einer Rezension des Buches Global Players aus dem  gleichen Jahr wurde auf single-generation.de aufgezeigt, wie die deutschen Neocons die Popkultur und das Hipstertum umzudeuten versuchten.

    Der Hipster geriet jedoch nicht nur von dieser Seite unter Druck, sondern er wurde auch als Pionier zum Opfer seiner eigenen Umtriebe. Darauf deutet die Schlusspointe von RABE hin:

    "Als traumatisierten Helden muss man sich den Hipster aus einem anderen Grund vorstellen: Er wurde vom Nerd, dem Inbegriff des square, links überholt. Man sehe sich nur einmal auf einer TED- Konferenz um. Und die Nerds haben längst das Geld, um ihn aus seinen Vierteln zu verdrängen. So steht der einst stolze Hipster traurig da als Modeberater und Probewohner."

    Mehr zu Szenevierteln und Berufsjugendlichen gibt es hier zu lesen.

ANDRE, Thomas (2010): Du kannst nach Hause geh'n.
Einst hörte er das Gras wachsen, nun ist er überflüssig. Ein Nachruf auf die Gesellschaftsfigur des Hipsters, den niemand mehr braucht,
in: Hamburger Abendblatt v. 09.10.

RAYNER, Alex (2010): Why do people hate hipsters?
Hipster-hate blogs are multiplying online. But who are these much-maligned trendies – and why do people find them so irritating? Perhaps we should learn to love our skinny-jeaned friends instead,
in: Guardian v. 14.10.

BLASHILL, Pat (2010): Auf der Suche nach dem verlorenen Cool.
Austin, Texas war einmal eine der Hauptstädte des Underground, heute ist es ein Freizeitpark für Tätowierte - gibt es überhaupt noch Subkultur?
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.10.

  • In Zeiten des Abgesangs auf den Hipster, macht sich der alternde Hipster Pat BLASHILL auf den Weg in seine Heimatstadt Austin in Texas, um dem Phänomen des Underground auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist eine Veteranengeschichte, die eher Generationengenossen goutieren dürften. Darüber kann ein postmodern verschwimmender Begriff des Underground auch nicht hinwegtäuschen. Diese so genannte Mehrfachcodierungstechnik, die offenbar jüngere Zielgruppen ansprechen soll, biedert sich an die üblichen Diskurse an.

BINSWANGER, Michèle (2010): Das unrühmliche Ende der Hipster.
Skinny Jeans, bunte Schals, Nerd-Brillen - die Hipster sind im Mainstream angekommen und werden im Internet als Möchtegern-Avantgarde lächerlich gemacht. Aber was ist eigentlich hip?
in: Basler Zeitung Online v. 27.10.

THUMFART, Johannes (2010): Lifestyle Hipster, hör' die Signale!
Die eigene Geschmacklosigkeit und die permanente Revolution: Der Hipster ist ein Phänomen der Nullerjahre. Ein Essayband rückt ihm jetzt zu Leibe,
in: Zeit Online v. 02.11.

DELIUS, Mara (2010): Warum Amerikas Intellektuelle den Hipster beerdigen.
Wer hip ist, gehört keiner Subkultur an. Er will sich nur der Rebellion nah fühlen. Übrig bleiben Tattoos und designte Schrifttypen,
in: Welt Online v. 09.11.

KRAMAR, Thomas (2010): Der Hipster ist nicht hipp, aber noch ganz munter.
Wem das Wort „cool“ auf die Nerven geht, der darf auf „hip“ wechseln. Doch er sollte es nicht mit Doppelkonsonant schreiben,
in: Die Presse v.
18.11.

LINTZEL, Aram  (2011): Vom Hipster lernen, auch wenn er nervt.
Über den Sinn und Zweck ästhetischer Kleinstunterscheidungen,
in:
TAZ v. 08.02.

Die einstige Linke ist verzweifelt auf der Suche nach dem "Anders anders sein", nachdem alle poplinken Positionen mit dem  Neoliberalismus zur Unkenntlichkeit verschmolzen scheinen. Die Gegenkultur wurde als Konsumrebellentum entlarvt, der Künstler ist nichts weiter als der Wegbereiter der Gentrifizierung und der Hipster Anführer einer Pfadfindergruppe.

Wie sehr sich die einstige Linke in einer Orientierungskrise befindet, kann man in dem Sammelband "kapitalistischer Realismus" nachlesen. Dort schreibt Diedrich DIEDERICHSEN über die Nietzsche-Ökonomie und Robert MISIK sucht wie Aram LINTZEL nach den feinen Unterschieden zwischen falschem und wahrem Popkapitalismus.

In Abgrenzung zu Thomas HECKEN und der Kulturtheorie von Pierre BOURDIEU verteidigt LINTZEL den Hipster gegen seine Verächter. Der Hipster wird in dieser Sicht zum Inbegriff dessen, was der einstigen Poplinken verloren ging: die Orientierung. Er ist der Fixstern am Himmel der falschen Individualismen. Man hat es hier mit einer Tugend der Orientierungslosigkeit zu tun, die Bescheidwissen sein möchte.  Das Pfeifen im Walde sozusagen.

Das Gegenteil davon zelebriert Georg DIEZ, der den Urhipster Jack KEROUAC, dessen Debüt On the Road gerade wieder entdeckt wird, zum konservativen Revolutionär stilisiert. Er symbolisiert für ihn die existenzialistische Wut im Gegensatz zum schnöden Wutbürger der Gegenwart:

"Er hasste die Linken und die Liberalen. Er blieb ein konservativer Revolutionär. Ein gefallener Engel, wie alle Visionäre."

Anders anders sein ist der letzte Schrei auf dem Markt der Nonkonformismen. Falsch verstehen, das ist in jedem Fall die Sache der anderen.

BRUCKMAIER, Karl (2011): Wilde Jagd.
Der größte Irrtum der Popmusik ist, dass es ständig etwas Neues geben könnte - das gab es noch nie, und das ist auch richtig so,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.10.

BRUCKMAIER setzt auf Spießertum statt auf Hipster:

"Die Ideologie der Hipster von vor dreißig Jahren sind das Gesicht der Aus- und Vernutzung von heute. Es ist geradezu ein Akt des Widerstands gegen diese Art als Freiheit getarnten Verfügbarkeitsirrsinns zu heiraten, fünf Kinder zu kriegen, ein Haus zu bauen und nie woandershin als nach Osnabrück in Urlaub zu fahren, und sich dazu eine LP-Box (...) von Bob Dylan ans Bein zu binden. (...).
Der Einzug der Philologie in den Pop ist nur ein Zeichen seines Erwachsenseins."

BAUER, Patrick (2012): Die Hipster, die ich rief.
In Berlin-Neukölln zeigt sich: Auf die Gentrifizierung schimpfen immer die am lautesten, die damit begonnen haben,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 13.01.

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 25. Oktober 2010
Stand: 29. April 2012