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Nancy Fraser: Plädoyer für ein Modell der universellen Betreuungsarbeit

 
       
     
       
     
       
   

Nancy Fraser in ihre eigenen Schreibe

 
       
   

FRASER, Nancy (2001): Was ist gerecht?
Früher, in der Fabrikgesellschaft, war die Sache klar: Es ging um die Arbeit. Und Gerechtigkeit hieß: Umverteilung, Heute, in der Wissensgesellschaft, ist die Sache interessanter. Gerechtigkeit heißt Anerkennung. Und mehr.
in: Tagesspiegel v. 05.05.

FRASER geht davon aus, dass die Kämpfe um Anerkennung Umverteilungskonflikte ersetzt haben, statt zu mehr Gleichheit zu führen. Bei der Identitätspolitik besteht nach FRASER die Gefahr, dass die Kämpfe zu Separatismus, Chauvinismus und Intoleranz führen. Sie plädiert deshalb für ein Status-Modell der Anerkennung:

"Im Status-Modell ist mangelnde Anerkennung eine soziale Beziehung von Unterordnung, die durch institutionalisierte Muster kultureller Werte weitergegeben wird. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Heiratsgesetze gleichgeschlechtliche Partnerschaften ausschließen, weil sie als illegitim und pervers angesehen werden. Oder wenn eine Sozialpolitik allein stehende Mütter als sexuell verantwortungslose Schnorrerinnen betrachtet (...). In jedem dieser Fälle wird einigen Mitgliedern der Gesellschaft der Status als vollwertige Partner in der Interaktion verwehrt.
Schließlich bedeutet mangelnde Anerkennung im Status-Modell eine Verletzung von Gerechtigkeit. Wo und wie auch immer eine Forderung nach Anerkennung erfolgt, sie ist immer in Ordnung. Das heißt genau dieses: Das Ziel ist nicht, eine Gruppenidentität aufzuwerten, sondern Unterordnung aufzuheben. Genau diese Politik der Anerkennung braucht die Wissensgesellschaft."

Ein wichtiger Artikel zum Thema Identitätspolitik und damit zum Kampf der Lebensstile.Die amerikanische Singlebewegung hat z.B. in den 1960er und 1970er Jahren eine Identitätspolitik im Sinne von FRASER betrieben. Das "swinging single"-Stereotyp war eine Kampfansage an das "lonely single"-Image der Alleinstehenden. Von einem gleichberechtigten Lebensstil ist das Single-Dasein in den USA heutzutage weit entfernt. Die Identitätspolitik ist letztlich gescheitert.
Der Kampf der Lebensstile und die Normalfamilie der Neuen Mitte (mit weiterführenden Links)

FRASER, Nancy (2005): Frauen, denkt ökonomisch!
Für einen neuen Feminismus, der transnational agiert und soziale Gerechtigkeit im Auge hat,
in: TAZ v. 07.04.

Nancy FRASER sieht den herkömmlichen Feminismus gescheitert und fordert eine Neuorientierung. Sie unterscheidet hierzu drei Phasen: die feministische Bewegung von den 70ern bis zum Ende der 80er Jahre, danach ab den 90er Jahren die identitätspolitische Phase. Nun soll ein transnationaler Feminismus für die Durchsetzung der sozialen Gleichheit sorgen.

Die von FRASER beschriebenen Phasen sind nicht nur für den Feminismus bedeutsam, sondern sie markieren auch die Wende im Single-Image (siehe hierzu auch den Kommentar zum Beitrag von Bettina RÖHL).

Mit der identitätspolitischen Phase der Anerkennungspolitik wurden Singles zum Spielball zwischen progressiven und traditionalen Lebensstilpolitiken.

FRASER, Nancy (2009): Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte,
in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, August

Die Feministin Nancy FRASER geht der Frage nach:

"Sind wir Opfer eines unglücklichen Zusammentreffens, eines Zufalls? Oder gibt es (...) eine Art untergründiger Wahlverwandtschaft zwischen Feminismus und Neoliberalismus?"

FRASER sieht in der gegenwärtigen Krise eine Chance

"die bevorstehende große Transformation in Richtung Gerechtigkeit zu verändern."

Ziel ist die Aufwertung von Tätigkeiten wie Betreuungs- und Sorgearbeit.

Neu:
FRASER, Nancy (2017): Für eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus,
in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Februar

Die Feministin Nancy FRASER konstatiert einen "Kollaps der neoliberalen Hegemonie" angesichts des Wahlausgangs in den USA. FRASER unterscheidet einen allgemeinen und einen progressiven Neoliberalismus. Nur letzterer sei am Ende. Diesen progressiven Neoliberalismus beschreibt sie folgendermaßen:

"In seiner US-amerikanischen Form ist der progressive Neoliberalismus eine Allianz zwischen einerseits tonangebenden Strömungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Mulitikulturalismus und den Verfechtern von LGBTQ-Rechten) und andererseits kommerziellen, oft dienstleistungsbasierten Sektoren von hohem Symbolgehalt (Wallstreet, Silicon Valley und Hollywood). Hier stehen progressive Kräfte faktisch im Bündnis mit den Kräften des kognitiven Kapitals, insbesondere der Finanzialisierung. (...). Ideale wie Vielfalt und Empowerment dienen jetzt der Verklärung politischer Entwicklungen, die zur Zerstörung des produzierenden Sektors und der Lebensverhältnisse der Mittelschicht geführt haben".

FRASER sieht diesen progressiven Neoliberalismus im Zusammenhang mit dem 1992 begonnenen Siegeszug des "Clintonismus", der zur Schwächung traditioneller Lebensformen und zum Aufstieg der Doppelverdiener-Haushalte geführt hat. FRASER kritisiert den Abschied von Gleichheitsideal, das vom Ideal der Meritokratie verdrängt wurde:

"Fortschritt wurde zunehmend mit meritokratischen Ansprüchen statt mit fortschreitender Gleichheit identifiziert. Zum Maßstab der Emanzipation avanciert dadurch der Aufstieg von »talentierten« Frauen, Minderheiten, Schwulen und Lesben in der kommerziellen Winner-take-all-Hierarchie - und nicht mehr deren Abschaffung. Diese linksliberal-individualistischen Fortschrittsvorstellungen traten nach und nach an die Stelle der weiterreichenden, antihierarchischen, egalitären, klassenbewussten und antikapitalistischen Auffassungen von Emanzipation, die in den 1960er und 1970er Jahren floriert hatten. (...). Eine Partei, die die kapitalistische Ökonomie liberalisieren wollte, fand ihren Traumpartner in einem meritokratischen und unternehmefreundlichen Feminismus, der sich auf das Durchbrechen »gläserner Decken« konzentriert.
Somit verbindet der progressive Neoliberalismus verkürzte Emanzipationsideale mit gefährlichen Formen der Finanzialisierung."

FRASER beklagt die Vernachlässigung der Schnittstellen zwischen Arbeiterbewegung und den neuen sozialen Bewegungen. Sie plädiert deswegen für eine Neuausrichtung linker Politik:

"Statt mit dem Bündnis aus Finanzialisierung und Emanzipation die sozialen Sicherungssysteme zu bekämpfen, sollten wir eine neue Allianz der Verfechter von Emanzipation und sozialer Sicherung gegen die Finanzialisierung schmieden."

 
       
   

Nancy Fraser im Gespräch

 
       
   

THADDEN, Elisabeth (2016): "Es gibt keinen Weg zurück".
Was bedeutet Trump für Amerikas Neue Linke? Ein Gespräch mit der Feministin Nancy Fraser und ihrem Mann, dem Psychoanalytiker Eli Zaretsky,
in:
Die ZEIT Nr.48 v. 17.11.

Nancy FRASER, Autorin des Buchs Die halbierte Gerechtigkeit und Vertreterin der sozialen Linken kritisiert den Elitenfeminismus einer Hillary CLINTON:

"Clintons weißer liberaler Feminismus vertritt nur die erfolgreichen, gebildeten Elitefrauen an der Wall Street, nicht aber die Heerscharen von mexikanischen und schwarzen Kindermädchen, die unterdessen die Fürsorgearbeit leisten. Von Gleichheit keine Spur."

TRUMP nennt sie einen Nouveau Rich und "Unterschichtenmilliardär". Neureiche gelten als die Geächteten - nicht nur - beim Geldadel, der sein Vermögen einer langen Familientradition verdankt. Dem Soziologen Thorstein VEBLEN verdanken wir den Begriff des demonstrativen Konsums, der den Aufsteigern oder Neureichen zugeschrieben wird, während der Geldadel seinen ererbten Reichtum vor dem Volk versteckt.

Entsprechend ihrer These vom Kulturkampf zwischen kultureller ("Poplinke", "Lifestyle-Linke") und sozialer Linke, sieht FRASER in TRUMP jemanden, der diejenigen ansprach, die sich bei der Umverteilung benachteiligt fühlten, während die Demokraten lediglich die Anerkennung von Minderheiten bedienten:

"Die Mehrheit fühlt sich betrogen, weil im Reden über Anerkennung von Minderheitenrechten der Schutz von ökonomisch Schwachen durch Umverteilung abhandenkam. Ich nenne diese liberale Ignoranz gegenüber der sozialen Frage »halbierte Gerechtigkeit«.".

Im Gegensatz zum neoliberalen Mainstream beruft sich FRASER nicht auf den Gegensatz zwischen Fakten (CLINTON) und Lügen (TRUMP), sondern betont das Gerechtigkeitsdefizit der Demokraten:

"Sie reden von Anerkennung der Minderheiten, die Notwendigkeit der Ungleichheit ist ihnen egal, und die Reichen werden unterdessen immer reicher."

 
       
       
   

Die halbierte Gerechtigkeit (2001).
Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats.
Edition Suhrkamp. Gender Studies
Frankfurt a/M:
Suhrkamp

 
   
     
 

Klappentext

"Nancy Fraser, eine der führenden Theoretikerinnen des amerikanischen Feminismus, setzt sich in ihrer neuen Studie mit der derzeitigen Situation der Linken nach dem Zusammenbruch des Sozialismus auseinander. Fraser zufolge befinden wir uns im Zeitalter des »Postsozialismus«, für den Mangel an zukunftsorientierten Perspektive, ein wiedererstarkender Wirtschaftsliberalismus und insbesondere die Entkopplung der Identitätspolitik von der Sozialpolitik konstitutiv sind. Dieser Wechsel von einer Politik der sozioökonomischen Umverteilung zugunsten einer Politik der Anerkennung von ethnischer und religiöser Differenz droht die Linke in den USA in eine »soziale« und eine »kulturelle« Linke zu spalten und wird daher in »Die halbierte Gerechtigkeit« einer kritischen Überprüfung unterzogen."

Zitate:

"Der Schlüssel zur Verwirklichung der vollen Gleichheit der Geschlechter in einem postindustriellen Wohlfahrtsstaat liegt (...) darin, die gegenwärtigen Lebensmuster von Frauen zum Standard und zur Norm für alle zu machen (...). Wir könnten eine solche Vision das Modell der »universellen Betreuungsarbeit« nennen.
Wie würde so ein Wohlfahrtsstaat aussehen? (...) Alle Arbeitsplätze würden für Arbeitnehmer zur Verfügung stehen, die auch Betreuungsaufgaben haben. Alle wären mit einer kürzeren Wochenarbeitszeit verbunden (...). Die informelle Betreuungsarbeit würde einesteils staatlich unterstützt und wie die Erwerbsarbeit in ein einheitliches Sozialsystem integriert werden. Anderenteils würde sie in den Haushalten von Verwandten und Freunden geleistet werden".
(Nancy Fraser "Die halbierte Gerechtigkeit", 2001, S.101)

"Eine Schlüsselaufgabe ist die Entwicklung von Maßnahmen, die Menschen davon abhalten, sich vor bestimmten Aufgaben zu drücken. Entgegen der konservativen Auffassung sind die wirklichen Drückeberger im heutigen System nicht die arbeitsscheuen, armen, alleinstehenden Mütter. Es sind vielmehr die Männer aller Schichten, die sich vor der Haus- und Betreuungsarbeit drücken, sowie die Unternehmen, die auf Kosten der unterbezahlten Arbeit von Menschen leben."
(Nancy Fraser "Die halbierte Gerechtigkeit", 2001, S.103)

 
     
 
       
   

Rezensionen

ROX (2001): Primadonnen unter sich,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 23.06.

LÖCHEL, Rolf (2001): Dekonstruktiver Sozialismus.
Nancy Frasers Forderung nach mehr als einer halbierten Gerechtigkeit,
in: Literaturkritik.de Nr.8, August

PAUER-STUDER, Herlinde (2001): Von den Bedingungen eines guten Lebens.
Axel Honneths "Das Andere der Gerechtigkeit" und Nancy Frasers "Die halbierte Gerechtigkeit",
in: Frankfurter Rundschau v. 25.08.

NOLTE, Paul (2001): Klingeln Sie bei Ihrem Nachbarn!
Die Rückkehr der Gesellschaft: Wie bürgerschaftliches Engagement und soziale Gerechtigkeit zusammengedacht werden können,
in: Literaturen Nr.9, September

Sammelrezension zur zivilgesellschaftlichen Debatte. "Ironie ist out, Gemeinsinn ist in" behauptet NOLTE und skizziert die Kontroverse um den Umbau des Sozialstaats, in der es um soziale Ungleichheit und bürgerschaftliches Engagement geht.

Jedediah PURDY hat mit "For Common Things. Irony, Trust, and Commitment in America Today (1999) die "neue Ernsthaftigkeit" eingeklagt, um den von Robert D. PUTNAM diagnostizierten Niedergang des Sozialkapitals zu stoppen. In Europa trifft PUTNAMs Diagnose auf starke Vorbehalte, die im Buch "Gesellschaft und Gemeinsinn" empirisch untermauert werden.

Anthony GIDDENS widmet sich in Die Frage der sozialen Ungleichheit der Generationengerechtigkeit und den Teilhabemöglichkeiten an der Zivilgesellschaft. NOLTE hebt dabei den Rückzug der selbstgefälligen Oberschicht besonders hervor.

Nancy FRASERs Die halbierte Gerechtigkeit diagnostiziert eine Spaltung zwischen kultureller und sozialer Linke. Dieser Diagnose folgt NOLTE gerne. Die "spätromantischen Utopien eines harmonischen Zusammenlebens in selbst organisierter Freiwilligkeit" überzeugen ihn dagegen nicht recht:

"Da sollen kinderlose Erwachsene und 'Menschen ohne verwandtschaftliche Verpflichtungen' in lokal organisierten Einrichtungen Eltern bei der Betreuungsarbeit unterstützen - auf dieses freiwillige Engagement der Singles und 'DINKs' (Double Income No Kids), Hedonisten und Workaholics werden berufstätige Eltern wohl lange warten können."

 
       
   

Das Buch in der Debatte

 
       
   

RÖSSLER, Beate (2001): Wer ist die Beste im Land?
In der Debatte um "Mütter-Kinder-Arbeit" sind normative Differenzierungen geboten,
in: Frankfurter Rundschau v. 23.10.

RÖSSLER argumentiert auf der Linie von Nancy FRASERs feministischer Gerechtigkeitstheorie und kritisiert sowohl VINKENs Die deutsche Mutter als auch Ulrike HORNs Neue Mütter braucht das Land:  bei beiden wird zwar der Versuch gemacht,

"mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft herzustellen: bei Vinken dadurch, Frauen stärker an der Erwerbsarbeit zu beteiligen; bei Horn dadurch, die von Frauen privat verrichtete Arbeit in der gesellschaftlichen Anerkennung aufzuwerten. Doch beide lassen sich erstaunlich umstandslos in die bestehenden Verhältnisse einpassen, weil sie die grundsätzliche Struktur, dass Frauen für Kinder und Hausarbeit zuständig sind, nicht in Frage stellen. Männer kommen nämlich in beiden Positionen so gut wie gar nicht vor. Zwar kann man sagen, dass einer Position wie der von Vinken gerechtigkeitstheoretisch der Vorrang gebührt, weil sie Frauen zumindest die Möglichkeit eröffnen will, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Aber so lange eine Position nicht den Begriff der Arbeit und die geschlechtsspezifische Zuordnung auch der Hausarbeit problematisiert, solange ändert sie an den grundsätzlichen Strukturen der Gesellschaft nicht wirklich etwas."

 
       
   

weiterführende Links

 
       
     
       
   
 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 29. Oktober 2001
Update: 09. Juli 2017