Naomi WOLF erzählt nochmals die Story vom Wertewandel im Hinblick auf alleinerziehende Mütter. Dabei geht es nicht immer um Fakten, sondern eher um Ideologien. WOLF beginnt mit dem verlorenen Wahlkampf der Republikaner gegen Bill CLINTON im Jahr 1992. Aber es wird nicht auf die Gesetzgebung CLINTONs eingegangen, sondern auf die Ideologie der Verlierer, also z.B. auf Dan QUAYLEs Kreuzzug gegen alleinerziehende Mütter. Dazu merkt WOLF an:

"Die Botschaft dahinter: Selbstsüchtige, egozentrische Feministinnen (wenn es sich um wohlhabende weiße Frauen handelte) oder unfähige Sozialschmarotzerinnen (im Falle farbiger Frauen mit wenig Geld) stellten ihre eigenen Interessen über die ihrer Kinder. Eine soziologische Studie porträtierte alleinerziehende Mütter als die Urheberinnen von vorwiegend afroamerikanisch geprägter Kriminalität, des Analphabetismus und Drogenmissbrauchs in den Innenstädten."

Vor diesem Hintergrund zeichnet WOLF dann den folgenden Wertewandel:

"Wie sich die Zeiten geändert haben. So, wie man damals alleinstehende Mütter in irrationaler Weise geißelte, werden sie heute ebenso irrational zu Heiligen stilisiert. In Europa gibt es zwar mehr Alleinerzieherinnen als in den USA, aber typischerweise hat man dort gar nicht so sehr das Bedürfnis, auf die eine oder andere Weise ein moralisches Urteil über sie zu fällen. In der amerikanischen Popkultur dagegen hat sich die alleinstehende Mutter vom egoistischen Yuppie oder der mit Drogen voll gepumpten Schlampe zu einer Frau entwickelt, die lustiger ist als ihre verheirateten Kolleginnen, ein bisschen heldenhafter und gewiss weniger altbacken."

Zum einen gilt WOLFs Blick auf Europa ganz gewiss nicht mehr für Deutschland seit zuerst Gunnar HEINSOHN und danach Thilo SARRAZIN wie zuvor schon die US-Amerikaner im CLINTON-Amerika die alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin als Sozialschmarotzerin entdeckt haben und die Bundesregierung inzwischen das Elterngeld für diese Gruppe gestrichen hat. Das Bild der alleinerziehenden Mutter ist seitdem bei uns genauso wie in den USA zwei geteilt: zum einen in die Heldinnen der alleinerziehenden Karrieremütter und zum anderen in die unwürdigen alleinerziehenden Sozialhilfemütter.
Die Popkultur wie sie von Naomi WOLF beschrieben wird, ist im Grunde keine Popkultur, sondern eine Prominentenkultur, die vor allem aus Hollywood-Schauspielerinnen besteht und das Thema der Boulevardmedien ist.

Des Weiteren findet man bei WOLF eine Umdeutung der Heiratsengpass-Story von Susan FALUDI ("Backlash"). Man könnte fälschlicherweise meinen, der Newsweek-Titel auf den sich WOLF bezieht, wäre erst in den 1990er Jahren erschienen, aber er erschien bereits 1986:

"Die Glorifizierung alleinstehender Mütter steht für einen kollektiven Frust der amerikanischen Frauen - und jener Frauen, die in den Mainstream-Medien Entscheidungen treffen. In den 90er-Jahren zeichnete man ein erniedrigendes Bild dieser Frauen (...).
(...).
Dann aber wurde die Frauen stark genug, um sich gemeinsam gegen den hohen sozialen Wert eines Heiratsantrags zu stellen. Zunehmend erkannten Frauen, dass sie arbeiten und gleichzeitig eine Familie haben könnten - und dass dies sogar durchaus klappen könnte."

Während Susan FALUDI den Heiratsengpass für alleinlebende und kinderlose Karrierefrauen zurückwies, geht es WOLF dagegen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hierin zeigt sich der in den 1990er Jahren vollzogene Wertewandel hin zu Familienwerten und der Unterschied zwischen Gleichheitsfeministinnen wie FALUDI und Differenz- bzw. Postfeministinnen wie WOLF. Im Übrigen widerrief Newsweek erst im Jahr 2006 die Heiratsengpass-Story.