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Shulamith Firestone: Die Tyrannei der biologischen Familie

 
       
     
       
     
       
   

Shulamith Firestone in ihrer eigenen Schreibe

 
     
       
   

Shulamith Firestone: Porträts und Gespräche

 
   
  • fehlen noch
 
       
   

Frauenbefreiung und sexuelle Revolution (1987)
Frankfurt: Fischer

 
   
 
 

Klappentext

"Shulamith Firestones Buch, das 1970 in den USA erschien, galt über lange Zeit hinweg als wichtigstes Manifest der neuen Frauenbewegung in den USA: eine grundsätzliche Abrechnung mit geschlechtsspezifischen Rollenklischees, die in der entwickelten Industriegesellschaft überflüssig geworden sind, aber zur Unterdrückung der Frauen und Kinder weiter aufrechterhalten werden.
Die Autorin unersucht die Funktion von Psychoanalyse, Rassismus, Liebe, falscher Romantik und Kindheit in der heutigen Welt. Dabei geht sie weiter als Marx, Engels, Freud und Simone de Beauvoir, deren Theorien sie in ihren eigenen Ansatz aufgenommen hat: Sie entwirft die Grundzüge einer befreiten Gesellschaft von morgen, eine humane Alternative zu dem Horror, den Orwell in seiner Zukunftsvision von 1984 beschrieben hat. Der Band ist heute noch so aktuell wie zum Zeitpunkt seines ersten Erscheinens vor mehr als 15 Jahren."

Vision einer androgynen "Spaßgesellschaft"

"Was wir in der nächsten Kulturrevolution erreichen werden, ist die Wieder-Vereinigung des Männlichen (technologischer Ansatz) mit dem Weiblichen (ästhetischer Ansatz) zur Schaffung einer androgynen Kultur, die die Höhen jeder getrennten kulturellen Entwicklung übertreffen wird oder sogar die Summe beider.
(...).
Der Sublimationsprozeß, dieser Umweg zur Wunscherfüllung, wird einer direkten Befriedigung durch die Erfahrung weichen, wie sie jetzt nur (manchmal) Kinder (...) kennen. (...). Kontrolle und Aufschub von Es-Befriedigung durch das Ich wird nicht mehr notwenig sein; das Es kann sich frei ausleben. Lust wird zum direkten Ausfluß des Seins, ein Prozeß der Erfahrung und nicht das Ergebnis von Leistung." (S.211)

Die Verdrängung der Bevölkerungsexplosion

"Zu diesem Thema habe ich mir viele Notizen gemacht, ganze Entwürfe über die Bevölkerungsexplosion abgefaßt und dabei alle möglichen beängstigenden Statistiken über die Wachstumsrate der Bevölkerung zitiert, doch bei einigem Nachdenken schien es mir, daß ich das alles - so wie andere Leute sicherlich auch - schon einmal gehört hatte. Im Rahmen dieses Buches ist es deshalb vielleicht sinnvoller zu erkunden, weshalb diese Statistiken eigentlich so beharrlich ignoriert werden. Denn obwohl von allen einschlägigen Experten zunehmend düstere Prognosen gestellt werden, sind nur wenige Leute ernstlich besorgt. Es scheint tatsächlich so zu sein, daß die gleichgültige Haltung sich geradezu proportional zur Dringlichkeit verhält, sofort etwas dagegen zu unternehmen." (S.213)

Technische Lösungen zur Kontrolle der Bevölkerungsexplosion

"Welche neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten gibt es nun zur Kontrolle dieser gefährlich anwachsenden Vermehrung? Schon jetzt haben wir mehr und bessere Verhütungsmittel als je zuvor in der Geschichte. (...).
Die künstliche Befruchtung und der künstliche Eisprung sind schon Realität. Die bewußte Wahl des Geschlechts des Fötus und die Befruchtung im Reagenzglas sind (...) nur eine Frage der Zeit. Mehrere Forschungsteams arbeiten an der Entwicklung einer künstlichen Plazenta. Sogar die Parthenogenese - die jungfräuliche Geburt - könnte ziemlich bald entwickelt werden." (S.217)

Ängste vor den neuen Methoden

"Viele Frauen in der Frauenbefreiungsbewegung (...) haben Angst, ihr Interesse an dieser Frage kundzutun, aus Frucht, den Verdacht zu erhärten, daß mit ihnen etwas nicht stimmt. Und so verplempern sie viel Energie damit, abzustreiten, daß sei gegen die Mutterschaft und für eine künstliche Fortpflanzung usw. sind. Ich will es deshalb ganz deutlich sagen: Die Schwangerschaft ist barbarisch. (...). Schwangerschaft ist die zeitweilige Deformation des menschlichen Körpers für die Arterhaltung." (S.219)

Hoffnungen, die mit den neuen Techniken verbunden sind

"Die künstliche Fortpflanzung ist nicht prinzipiell enthumanisierend. Zumindest sollte die Entwicklung dieser Alternative es ermöglichen, daß der uralte Wert der Mutterschaft einer ehrlichen Neueinschätzung unterzogen wird. Zur Zeit ist eine Frau, die sich offen gegen die Mutterschaft ausspricht, geradezu physisch gefährdet und bleibt nur ungeschoren, wenn sie schnell hinzufügt, daß sie neurotisch oder abnorm ist oder daß sie Kinder haßt, also nicht recht «geeignet» ist. (...). Solange dieses Tabu nicht abgebaut ist und solange die Entscheidung entweder gar keine Kinder zu wollen oder sie auf künstliche Weise zu kriegen, nicht genauso legitim ist wie eine traditionelle Schwangerschaft, sind Frauen so gut wie gezwungen, ihre weibliche Rolle auszufüllen." (S.220)

Kinder ohne eigene Eltern als Benachteiligte der Kleinfamiliengesellschaft

 "Heime sind die Kehrseite der Familie (...). Ebenso (...) ist die Einrichtung Heim das notwendige komplementäre Übel einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Kinder unter dem System der Protektion genetischer Eltern lebt. In dem (...) Fall leiden unzählige Kinder, weil Kinder der Besitz bestimmter Individuen sind und nicht freie Mitglieder der Gesellschaft.
Heimkinder sind jene unglückseligen Kinder, die überhaupt keine Eltern haben und die in einer Gesellschaft leben, die vorschreibt, daß alle Kinder Eltern haben müssen, um zu überleben. Wenn alle Erwachsenen durch ihre genetischen Kinder in Anspruch genommen werden, bleibt niemand übrig, der sich um diejenigen kümmert, die keiner will. Wenn jedoch niemand derartig eingeschränkte Beziehungen zu Kindern hätte, stünde jeder für alle Kinder zur Verfügung. Das natürliche Interesse an Kindern würde sich dann auf alle Kinde gleichmäßig erstrecken, anstatt beschränkt nur auf die eigenen Kinder konzentriert zu sein. Die Übel dieses Heimsystems, das kasernierte Leben, die Unpersönlichkeit, Anonymität, konnten entstehen, weil diese Institution der Abladeplatz für die Zurückgewiesenen in einem exklusiven Familiensystem sind; wir hingegen wollen die Emotionen innerhalb der Familie ausdehnen auf die ganze Gesellschaft." (S.229f.) 

1984 als Vermännlichung der Frauenrolle

"»1984« ist eine Vision von einer Gesellschaft, in der die Frauen wie Männer geworden sind" (S.230)

Die technische Revolution und ihre Folge

"Zum erstenmal ist es möglich geworden, die Familie nicht nur aus moralischen Gründen anzugreifen, (...) sondern aus funktionalen Gründen: Die Familie ist nicht länger die notwendige oder effizienteste Basiseinheit für Reproduktion/Produktion." (S.240)

Alternative Vision zu 1984

1) Ausweitung der Junggesellenberufe

"Die alten Junggesellenberufe - wie die im Zölibat der Religion Lebenden oder der Narr, Musiker, Page, Ritter und der loyale Herzog, oder aber der Cowboy, Seemann, Feuerwehrmann, Lastwagenfahrer, Detektiv, Pilot - hatten alle ein ganz besonderes Prestige und trugen nicht das Stigma, Junggesellenberufe zu sein. Unglücklicherweise standen diese Berufe den Frauen selten offen. Die meisten Junggesellenberufe für Frauen (alte Jungfer, Tante, Nonne, Kurtisane) trugen alle das Stigma ihrer sexuellen Natur.
(...). Wenn die wenigen in unserer Kultur noch existierenden Junggesellenberufe so ausgeweitet werden, daß auch Frauen sie ausüben werden, und mehr derartige Positionen geschaffen werden sowie ein Programm, das diese Berufe erstrebenswert macht, könnten wir schmerzlos die Anzahl der Leute reduzieren, die Kinder haben wollen. "(S.248)

2) Lebensstile ohne Fortpflanzungszwang

"Heutzutage werden diejenigen, die in einem bestimmten Alter unverheiratet sind und keine Kinder haben, dafür bestraft: Sie fühlen sich einsam, ausgeschlossen und miserabel und leben am Rand einer Gesellschaft, in der jedermann sich in die Schubkästchen einer Generationsfamilie eingeordnet hat, deren Hauptmerkmale Chauvinismus und Exklusivität sind. (Nur in Manhattan werden Unverheiratete gerade noch geduldet, und auch darüber kann man streiten.)
(...).
Doch in unserer reproduktionsfähigen Einheit, mit einem begrenzten Vertrag und einer auf viele übertragenen Kindererziehung (die somit praktisch abgeschafft ist), ohne Existenzsorgen, aber mit Beteiligten, die sich alle freiwillig auf der Basis persönlicher Neigung zusammengeschlossen haben werden die »unstabilen« reproduktionsfähigen Strukturen der Vergangenheit angehören."(S.251)

3) Wohngemeinschaft statt Familie als Grundeinheit der Gesellschaft

"Der Begriff Familie beinhaltet die biologische Fortpflanzung und bis zu einem gewissen Ausmaß die Arbeitsteilung auf Grund des Geschlechts, das bedeutet wiederum, daß die traditionellen Abhängigkeiten und die sich daraus ergebenden Machtbeziehungen über Generationen weitervererbt werden. (...).
»Wohngemeinschaft« dagegen läßt nur auf eine größere Zahl von Menschen schließen, die für eine nicht genau festgelegte Zeitspanne und ohne festgelegte zwischenmenschliche Beziehungen zusammenleben."
(S.251f.)

4) Die Abschaffung der natürlichen Geburt als Voraussetzung der Gleichbehandlung aller Kinder

"Doch auch eine (...) Wohngemeinschaft kann (...) keine wirklich völlig befreite soziale Form sein, solange wir auf natürliche Weise Kinder gebären. Die Mutter, die neun Monate lang schwanger war, wird wahrscheinlich der Meinung sein, daß das Produkt dieser Schmerzen und Unbequemlichkeit ihr Eigentum ist (»Wenn ich daran denke, was ich deinetwegen alles durchgemacht habe!«). Wir aber wollen diesen Besitzanspruch mitsamt seinen kulturellen Verstärkern zerstören, damit nicht ein Kind von vorneherein anderen vorgezogen wird, damit Kinder um ihrer selbst willen geliebt werden." (S.253)

 
 
 
       
   
  • Das Buch in der Debatte

    Argument-Themenheft: Reproduktionstechnologien
    • Neu:
      CACIOPPO, Britta & Eva GEBER (2008): Allmachtsfantasien und Utopien,
      in: Das Argument Nr.275, H.2
      • Inhalt:
        "In der Frauenbewegung der 1970er Jahre sieht als erste Shulamith Firestone in den neuen Technologien Möglichkeiten zur »Befreiung der Frauen von der Tyrannei der Fortpflanzung«, welche die »materielle Basis der Frauenunterdrückung sei« (...).
        Die Realentwicklung um Stammzellforschung und Klonen hat feministische Einschätzung zur fast einstimmigen Abwehr geführt. In den 1980er Jahren  bildete sich eine breite Bewegung, die den Protest gegen neue Reproduktionstechnologien, verbunden mit Kritik an der Bevölkerungspolitik in den Entwicklungsländern, zu einem Kernstück ihrer Gesellschaftskritik macht", meinen CACIOPPO & GEBER im Argument-Themenheft "Reproduktionstechnologien".
 
   
  • Die Debatte um die künstliche Gebärmutter

    • RIFKIN, Jeremy (2002): Hebammenkunst.
      Bald gibt es die technisch erzeugte Gebärmutter
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.03.
    • BOVENSCHEN, Silvia (2002): Wir hybriden Mischwesen.
      Bei der Manipulation der Schöpfung geht es jetzt um die Frauen,
      in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.03.
    • KULLMANN, Kerstin (2002): Maschinistin des Mutterglücks.
      Es ist nur ein Stückchen Schleimhaut, rosarot, das sie entwickelt hat. Helen Liu hat es geschafft, dass sich darin eine befruchtete Eizelle einnistet. Dass Babys künftig wie Bienen in der Wabe wachsen, hat sie nicht im Sinn. Und doch fragen ihre Kritiker, ob da Frauen noch gebraucht werden.
      in: Tagesspiegel v. 28.05.
 
   

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© 2002 - 2008
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 16.Oktober 2002
Stand: 07. Juli 2008
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dem 03.Juni 2002