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Klappentext
"Shulamith Firestones Buch, das 1970 in
den USA erschien, galt über lange Zeit hinweg als
wichtigstes Manifest der neuen Frauenbewegung in den USA:
eine grundsätzliche Abrechnung mit geschlechtsspezifischen
Rollenklischees, die in der entwickelten
Industriegesellschaft überflüssig geworden sind, aber zur
Unterdrückung der Frauen und Kinder weiter aufrechterhalten
werden.
Die Autorin unersucht die Funktion von Psychoanalyse,
Rassismus, Liebe, falscher Romantik und Kindheit in der
heutigen Welt. Dabei geht sie weiter als Marx, Engels, Freud
und Simone de Beauvoir, deren Theorien sie in ihren eigenen
Ansatz aufgenommen hat: Sie entwirft die Grundzüge einer
befreiten Gesellschaft von morgen, eine humane Alternative
zu dem Horror, den Orwell in seiner Zukunftsvision von 1984
beschrieben hat. Der Band ist heute noch so aktuell wie zum
Zeitpunkt seines ersten Erscheinens vor mehr als 15 Jahren."
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Vision einer androgynen
"Spaßgesellschaft"
"Was wir in der nächsten Kulturrevolution
erreichen werden, ist die Wieder-Vereinigung des Männlichen
(technologischer Ansatz) mit dem Weiblichen (ästhetischer
Ansatz) zur Schaffung einer androgynen Kultur, die die Höhen
jeder getrennten kulturellen Entwicklung übertreffen wird
oder sogar die Summe beider.
(...).
Der Sublimationsprozeß, dieser Umweg zur Wunscherfüllung,
wird einer direkten Befriedigung durch die Erfahrung
weichen, wie sie jetzt nur (manchmal) Kinder (...) kennen.
(...). Kontrolle und Aufschub von Es-Befriedigung durch das
Ich wird nicht mehr notwenig sein; das Es kann sich frei
ausleben. Lust wird zum direkten Ausfluß des Seins, ein
Prozeß der Erfahrung und nicht das Ergebnis von Leistung."
(S.211)
Die Verdrängung der
Bevölkerungsexplosion
"Zu diesem Thema habe ich mir viele Notizen
gemacht, ganze Entwürfe über die Bevölkerungsexplosion
abgefaßt und dabei alle möglichen beängstigenden Statistiken
über die Wachstumsrate der Bevölkerung zitiert, doch bei
einigem Nachdenken schien es mir, daß ich das alles - so wie
andere Leute sicherlich auch - schon einmal gehört hatte. Im
Rahmen dieses Buches ist es deshalb vielleicht sinnvoller zu
erkunden, weshalb diese Statistiken eigentlich so beharrlich
ignoriert werden. Denn obwohl von allen einschlägigen
Experten zunehmend düstere Prognosen gestellt werden, sind
nur wenige Leute ernstlich besorgt. Es scheint tatsächlich
so zu sein, daß die gleichgültige Haltung sich geradezu
proportional zur Dringlichkeit verhält, sofort etwas dagegen
zu unternehmen." (S.213)
Technische Lösungen zur
Kontrolle der Bevölkerungsexplosion
"Welche neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten
gibt es nun zur Kontrolle dieser gefährlich anwachsenden
Vermehrung? Schon jetzt haben wir mehr und bessere
Verhütungsmittel als je zuvor in der Geschichte. (...).
Die künstliche Befruchtung und der künstliche Eisprung sind
schon Realität. Die bewußte Wahl des Geschlechts des Fötus
und die Befruchtung im Reagenzglas sind (...) nur eine Frage
der Zeit. Mehrere Forschungsteams arbeiten an der
Entwicklung einer künstlichen Plazenta. Sogar die
Parthenogenese - die jungfräuliche Geburt - könnte ziemlich
bald entwickelt werden." (S.217)
Ängste vor den neuen
Methoden
"Viele Frauen in der Frauenbefreiungsbewegung
(...) haben Angst, ihr Interesse an dieser Frage kundzutun,
aus Frucht, den Verdacht zu erhärten, daß mit ihnen etwas
nicht stimmt. Und so verplempern sie viel Energie damit,
abzustreiten, daß sei gegen die Mutterschaft und für eine
künstliche Fortpflanzung usw. sind. Ich will es deshalb ganz
deutlich sagen: Die Schwangerschaft ist barbarisch. (...).
Schwangerschaft ist die zeitweilige Deformation des
menschlichen Körpers für die Arterhaltung." (S.219)
Hoffnungen, die mit den
neuen Techniken verbunden sind
"Die künstliche Fortpflanzung ist nicht
prinzipiell enthumanisierend. Zumindest sollte die
Entwicklung dieser Alternative es ermöglichen, daß der
uralte Wert der Mutterschaft einer ehrlichen Neueinschätzung
unterzogen wird. Zur Zeit ist eine Frau, die sich offen
gegen die Mutterschaft ausspricht, geradezu physisch
gefährdet und bleibt nur ungeschoren, wenn sie schnell
hinzufügt, daß sie neurotisch oder abnorm ist oder daß sie
Kinder haßt, also nicht recht «geeignet» ist. (...). Solange
dieses Tabu nicht abgebaut ist und solange die Entscheidung
entweder gar keine Kinder zu wollen oder sie auf künstliche
Weise zu kriegen, nicht genauso legitim ist wie eine
traditionelle Schwangerschaft, sind Frauen so gut wie
gezwungen, ihre weibliche Rolle auszufüllen." (S.220)
Kinder ohne eigene Eltern
als Benachteiligte der Kleinfamiliengesellschaft
"Heime sind die Kehrseite der Familie
(...). Ebenso (...) ist die Einrichtung Heim das notwendige
komplementäre Übel einer Gesellschaft, in der die Mehrheit
der Kinder unter dem System der Protektion genetischer
Eltern lebt. In dem (...) Fall leiden unzählige Kinder, weil
Kinder der Besitz bestimmter Individuen sind und nicht freie
Mitglieder der Gesellschaft.
Heimkinder sind jene unglückseligen Kinder, die überhaupt
keine Eltern haben und die in einer Gesellschaft leben, die
vorschreibt, daß alle Kinder Eltern haben müssen, um zu
überleben. Wenn alle Erwachsenen durch ihre genetischen
Kinder in Anspruch genommen werden, bleibt niemand übrig,
der sich um diejenigen kümmert, die keiner will. Wenn jedoch
niemand derartig eingeschränkte Beziehungen zu Kindern
hätte, stünde jeder für alle Kinder zur Verfügung. Das
natürliche Interesse an Kindern würde sich dann auf alle
Kinde gleichmäßig erstrecken, anstatt beschränkt nur auf die
eigenen Kinder konzentriert zu sein. Die Übel dieses
Heimsystems, das kasernierte Leben, die Unpersönlichkeit,
Anonymität, konnten entstehen, weil diese Institution der
Abladeplatz für die Zurückgewiesenen in einem exklusiven
Familiensystem sind; wir hingegen wollen die Emotionen
innerhalb der Familie ausdehnen auf die ganze Gesellschaft."
(S.229f.)
1984 als Vermännlichung
der Frauenrolle
"»1984«
ist eine Vision von einer Gesellschaft, in der die Frauen
wie Männer geworden sind" (S.230)
Die technische Revolution
und ihre Folge
"Zum
erstenmal ist es möglich geworden, die Familie nicht nur aus
moralischen Gründen anzugreifen, (...) sondern aus
funktionalen Gründen: Die Familie ist nicht länger die
notwendige oder effizienteste Basiseinheit für
Reproduktion/Produktion." (S.240)
Alternative Vision zu
1984
1) Ausweitung der
Junggesellenberufe
"Die
alten Junggesellenberufe - wie die im Zölibat der Religion
Lebenden oder der Narr, Musiker, Page, Ritter und der loyale
Herzog, oder aber der Cowboy, Seemann, Feuerwehrmann,
Lastwagenfahrer, Detektiv, Pilot - hatten alle ein ganz
besonderes Prestige und trugen nicht das Stigma,
Junggesellenberufe zu sein. Unglücklicherweise standen diese
Berufe den Frauen selten offen. Die meisten
Junggesellenberufe für Frauen (alte Jungfer, Tante, Nonne,
Kurtisane) trugen alle das Stigma ihrer sexuellen Natur.
(...). Wenn die wenigen in unserer Kultur noch existierenden
Junggesellenberufe so ausgeweitet werden, daß auch Frauen
sie ausüben werden, und mehr derartige Positionen geschaffen
werden sowie ein Programm, das diese Berufe erstrebenswert
macht, könnten wir schmerzlos die Anzahl der Leute
reduzieren, die Kinder haben wollen. "(S.248)
2) Lebensstile ohne
Fortpflanzungszwang
"Heutzutage werden diejenigen, die in einem bestimmten Alter
unverheiratet sind und keine Kinder haben, dafür bestraft:
Sie fühlen sich einsam, ausgeschlossen und miserabel und
leben am Rand einer Gesellschaft, in der jedermann sich in
die Schubkästchen einer Generationsfamilie eingeordnet hat,
deren Hauptmerkmale Chauvinismus und Exklusivität sind. (Nur
in Manhattan werden Unverheiratete gerade noch geduldet, und
auch darüber kann man streiten.)
(...).
Doch in unserer reproduktionsfähigen Einheit, mit einem
begrenzten Vertrag und einer auf viele übertragenen
Kindererziehung (die somit praktisch abgeschafft ist), ohne
Existenzsorgen, aber mit Beteiligten, die sich alle
freiwillig auf der Basis persönlicher Neigung
zusammengeschlossen haben werden die »unstabilen«
reproduktionsfähigen Strukturen der Vergangenheit
angehören."(S.251)
3) Wohngemeinschaft
statt Familie als Grundeinheit der Gesellschaft
"Der
Begriff Familie beinhaltet die biologische Fortpflanzung und
bis zu einem gewissen Ausmaß die Arbeitsteilung auf Grund
des Geschlechts, das bedeutet wiederum, daß die
traditionellen Abhängigkeiten und die sich daraus ergebenden
Machtbeziehungen über Generationen weitervererbt werden.
(...).
»Wohngemeinschaft« dagegen läßt nur auf eine größere Zahl
von Menschen schließen, die für eine nicht genau festgelegte
Zeitspanne und ohne festgelegte zwischenmenschliche
Beziehungen zusammenleben."
(S.251f.)
4) Die Abschaffung der
natürlichen Geburt als Voraussetzung der Gleichbehandlung
aller Kinder
"Doch
auch eine (...) Wohngemeinschaft kann (...) keine wirklich
völlig befreite soziale Form sein, solange wir auf
natürliche Weise Kinder gebären. Die Mutter, die neun Monate
lang schwanger war, wird wahrscheinlich der Meinung sein,
daß das Produkt dieser Schmerzen und Unbequemlichkeit ihr
Eigentum ist (»Wenn ich daran denke, was ich deinetwegen
alles durchgemacht habe!«). Wir aber wollen diesen
Besitzanspruch mitsamt seinen kulturellen Verstärkern
zerstören, damit nicht ein Kind von vorneherein anderen
vorgezogen wird, damit Kinder um ihrer selbst willen geliebt
werden." (S.253)
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