"Niemals in der Geschichte und
nirgendwo sonst in der Welt konnten und können so viele
Menschen mit einer so langen Lebenszeit rechnen wie wir
heute in Europa. Sind wir uns dessen bewußt? Oder leben wir
immer noch mit der Mentalität von gestern? Und wie könnte
ein reifes Leben aussehen, das das Bewußtsein der langen
Lebenszeit in sich aufnimmt?"
Zitate:
Wider die Verherrlichung
der traditionalen Gemeinschaften
"Ich beklage die allenthalben sichtbar
werdende Auflösung der überkommenen traditionellen
Gemeinschaftsformen nicht. Ich nehme sie als Historiker zur
Kenntnis und versuche, die Entwicklung aus meiner Sicht zu
erklären. Man kann die alten Gemeinschaften nicht
zurückfordern, ohne nicht gleichzeitig auch die alten
Umstände, die zu jener Form des Zusammenlebens geführt
hatten, wieder einzurichten. Doch wer möchte schon die
Lebensunsicherheit unserer Vorfahren zurückhaben und wieder
»Pest, Hunger und Krieg« um sich sehen, nur um dadurch die
Voraussetzungen für »Gemeinschaft« auferstehen zu lassen? Es
wird hier auch klar, daß wir keine Veranlassung haben,
nostalgisch auf jene Gemeinschaften zurückzublicken. Sie
waren erzwungene Gemeinschaften. Insofern könnten wir die
Zeit unserer Vorfahren als »Zeit der schlechten alten
Gemeinschaften« bezeichnen."
(1988, S.146)
Die guten, freiwilligen
Gemeinschaften und die Annehmlichkeiten der
Dienstleistungsgesellschaft
"Die
heutige Zeit langfristiger Gemeinschaften - soweit es diese
gibt - ist (...) die »Zeit der guten, freiwilligen
Gemeinschaften«.
Auch ich gehöre zu den Personen, die als Einzelgänger durchs
Leben gehen. Wirtschaftlich kann ich mir dies ohne weiteres
leisten. Ich (über-) lebe sogar ganz gut. Dies fängt bei der
täglichen Haushaltsführung an. Sie ist heute auch von einem
Mann mit voller Berufsausübung problemlos nebenbei zu
leisten und wirkt mehr als Abwechslung denn als Arbeit. Beim
Einkaufen stehen je nach Wunsch Tiefkühlkost oder frische
Delikatessen aus der ganzen Welt zur Auswahl. Zuhause gibt
es den Kühlschrank und die Tiefkühltruhe, den
programmierbaren Mikrowellenherd und die ebenso
programmierbare Waschmaschine mit Flauschtrockner, den
Staubsauger, die Spülmaschine. Außerdem stellt mir die
marktorientierte arbeitsteilige Gesellschaft jede Art von
Dienstleistung zur Verfügung, die ich laufend oder auch nur
ab und zu benötige oder die ich - in welcher
Ausnahmesituation auch immer - jemals benötigen könnte. Für
die Fahrt rasch irgendwohin zu jeder Tages- oder Nachtstunde
gibt es die Funktaxizentrale, für die Party den
Partyservice, für die defekte Waschmaschine den
Reparaturdienst, für die Wohnungs- oder Treppenhausreinigung
Putzkolonnen, für die Bettwäsche und as Bügeln Wäschereien,
für den Umzug Umzugsfirmen, für die Blinddarmoperation
chirurgische (Privat-)Kliniken mit bester Betreuung. Wozu
also bräuchte ich hierzu eine Familie oder irgendwelche
andere Form von langfristiger Gemeinschaft?
(...).
Ich bin überall nur sehr kurzfristig, nur auf Zeit
»engagiert«, nämlich nur gerade dann, wenn und solange ich
die jeweilige Dienstleistung tatsächlich benötige. Und auch
dann brauche ich mich nicht mit meiner ganzen Person zu
engagieren. Nicht meine »Persönlichkeit« ist hier gefragt.
Ich bin einzig als Vertragspartner von Interesse, der das in
Frage stehende Dienstleistungsangebot kaufen und bezahlen
kann. - Sollte sich trotzdem irgendwann einmal eine
unvorhergesehene Lücke ergeben, springt der Sozialstaat ein.
(...). Solange ich mich an die Spielregeln halte, werde ich
nicht auf der Straße sterben und auch nicht verhungern oder
erfrieren." (1988, S.146f.)
Die Wahlfreiheit und
der Preis des Alleinlebens in der
Dienstleistungsgesellschaft
"Die geschichtlich gesehen erstmalige
und somit einzigartige Möglichkeit, ohne jede
Zwangszugehörigkeit zu einer »schlechten alten Gemeinschaft«
durchs Leben zu gehen, wirkt heutzutage auf viele Menschen
attraktiv. Sie gibt ihnen die Chance, sich »selbst zu
verwirklichen«, das heißt jene Dinge konzentriert zu
betreiben, die sie interessieren. Einen Punkt möchte ich
hier jedoch mit allem Nachdruck unterstreichen. Auch wenn
diese nunmehr leicht zu realisierende Form des Alleinlebens
für mich ebenfalls attraktiver ist als jede andere denkbare
Art und ich sie deshalb bewußt gewählt habe, heißt das
nicht, daß ich deswegen allein auf der Welt wäre.
Einzelgänger sind zwar nicht per Vertrag in einen
Gemeinschaft eingebunden. Sie haben keine gerichtlich
einklagbaren Verpflichtungen für andere übernommen. Dennoch
tragen auch sie Verantwortung für ihre Mitmenschen. So wie
andere für sie Dienstleistungen erbringen, ohne deren
Inanspruchnahme sie als einzelne gar nicht existieren
könnten, so haben auch sie für andere da zu sein." (1988,
S.147)
Die
Singles und ihre
gemeinschaftsbezogene Aufgabe
"Singles sind keine Sunny Boys
und Sunny Girls. Sie sind auch nicht die maßlos egoistischen
Hedonisten, als die man sie gelegentlich hinstellt. Was sich
bei ihnen geändert hat, ist einzig, daß sie nicht länger
gezwungen sind, sich zwecks Überlebens einer Gemeinschaft
einzufügen und unterzuordnen. Aufgrund der möglich
gewordenen Freisetzung von engen gegenseitigen
Gemeinschaftsverpflichtungen in Familie, Ehe, Partnerschaft,
auf dem Hof, im Geschäft usw. können und sollen sie
Pflichten anderer Art wahrnehmen. Wer wüßte zum Beispiel
nicht, daß es auch hierzulande nach wie vor Menschen gibt,
die auf die Hilfe Anderer angewiesen sind, Alleinerziehende
etwa oder Behinderte, hilfs- und pflegebedürftige ältere und
alte Menschen und andere mehr? Vor allem gibt es jede Menge
Aufgaben außerhalb unserer privilegierten Ersten Welt.
(...)
Von der schlechten alten Zwangsgemeinschaft zum guten neuen
Single. Diese Feststellung trifft immer dann zu, wenn
Singles (...) zur Übernahme jener Sorte neuer Aufgaben
bereit sind, die Nicht-Singles so nicht leisten können."
(aus: Arthur E. Imhof "Von der
schlechten alten Zwangsgemeinschaft zum guten neuen
Single?", 1994, S.20f.)