Zitate:
Die Arbeitsgesellschaft
entlässt ihre Kinder
"Nun sind sie da, wo sie
hingehören, die Opfer der Geschwindigkeit
(...), noch immer überzeugt von der
anhaltenden »Nutzlosigkeit, erwachsen zu
werden« (Georg Heinzen/Uwe Koch) (...)
Genaugenommen sind sie ja nie ausgestiegen,
die Aussteiger, sie haben es lediglich
versäumt einzusteigen." (2000, S.11)
"Nicht alle verkraften die
Absage an Kohärenz und Kontinuität gleich
gut (...). Für sie fügt sich das
psychosoziale Moratorium einer oft höchst
unfreiwillig verlängerten Adolszenz nicht
zur Attitüde lustvoller Erwartung, sondern
zur galligen Einsicht in die »Nutzlosigkeit,
erwachsen zu werden«. Georg Heinzen und Uwe
Koch beschrieben in ihrer biographischen
Reportage sehr treffsicher den Gemütszustand
jener Mittdreißiger, die mit sich uneins
sind, ob sie auf ihren beruflichen und
sozialen Schwebezustand eher stolz sein oder
sich gegenüber den schon etablierten
Altersgenossen als Versager führen sollten.
Die »multiple Identität« ist offenbar
nicht jedermanns Sache." (2000, S.147)
Das Yuppie-Syndrom
"Der Yuppie, vielleicht
mehr noch der stets streitbefangene Diskurs
um dieses Leitbild, hat die Kultur der 80er
Jahre nachhaltig bestimmt. Er verkörpert bis
heute den deutlichsten Widerspruch gegen
sämtliche Ideale der 68er-Zeit und der
nachfolgenden Bewegungsdekaden". (2000,
S.65)
"Auf den ersten Blick
scheint es keinen größeren Gegensatz zu
geben als den zwischen dem punkigen
Aussteiger (...) und dem Prototyp des
seidenbeschlipsten »young urban
professional« (Yuppie) (...). Und dennoch
haben beide Wesentliches gemeinsam: Sie
lassen sich nicht auf morgen vertrösten.
Null Bock auf Illusionen!" (2000, S.139)
Die 50er Jahre als
Reaktion
"Nichts mehr ist wirklich
»out«. Längst nämlich belegt die
Avantgarde nicht mehr bloß Altvertrautes mit
dem Bannfluch des hoffnungslos
Unzeitgemäßen; längst ist sie nicht bloß
Entwertungsavantgarde, längst ist sie auch
an der Front der themenpolitischen
Wiederaufbereitung aktiv: Wer heute Gott, die
Familie, das Subjekt, die Keuschheit oder die
Mutterschaft mit Emphase verabschiedet, kann
sie morgen schon emphatisch wiederentdecken.
Wo steht geschrieben, (...) daß nicht
zuletzt ein gewisser Überdruß an der
blanken Offenherzigkeit der Achtziger und
Neunziger uns bald die keuschen Fünfziger
(...) wieder näherrücken könnte."
(2000, S.72f.)
Die Generation Golf als
Wiedergänger der skeptischen Generation
Was anderes haben wir in der
scheinbar »archetypischen«
Konfliktkonfiguration der (immer noch)
Nachdenklichen wider die (schon wieder)
Naßforschen vor uns als eine »Reprise«der
68er-Aufführung mit reziproker
Generationenbesetzung? (...) Den
unterschiedslosen Menschheitshumanismus ihrer
Väter kontern sie cool mit der
Großväterdevise aus den Zeiten der
»skeptischen Generation«: Jeder ist sich
selbst der Nächste!" (2000, S. 150f.)
Plädoyer für den
Generationenkonflikt
"Den demonstrativen
»Immoralismus« und den fortwährenden
Verstoß gegen die guten links-alternativen
Geschmacksprinzipien verstehen wir nur, wenn
wir die psychologische
Widerstandsbedürfigkeit der
Nachfolgegeneration mitbedenken, die bei
diesem »Lager«-Konflikt Pate steht.
Identität formiert sich im Widerstand.
Vielleicht ist der vorenthaltene Widerstand
die größte aller Sünden, welche eine
Generation gegenüber der nachfolgenden
begehen kann. Sie betrügt sie nicht nur um
die Chance, sie selbst zu werden, sondern,
schlimmer, um die Chance, überhaupt wer zu
werden." (2000, S.155)
David Riesman von den
Füssen auf den Kopf gestellt
"David Riesman
unterscheidet in seinem soziologischen
Klassiker »Die einsame Masse« (...)
zwischen dem innen- und dem außengeleiteten
Menschen; man könnte auch sagen:
zwischen »schweren« und »leichten«
Zeitgenossen; zwischen den Aktiven und den
Passiven, den Machern und den Angemachten;
zwischen dem selbständigen Individuum und
dem rundum betreuungs- und
zerstreuungsbedürftigen Sozialpatienten,
also dem Anti-Individuum, dem Individuum
wider Willen; zwischen dem, der sich
nach seinen inneren Überzeugungen richtet,
und dem, der am Signal- und Erwartungstropf
seiner Umgebung hängt.
Es gibt einen wachsenden Bedarf an
Innenleitung.
(...)
Die New Frontier, die Grenzregion der
Jahrtausendwende, die es zu erobern gilt,
liegt im Innern. Vielleicht kommt er
schneller, als viele glauben: der wehrhafte
Verbraucher, der reflexive, auf Sinnantworten
beharrende Konsument, der die seit den 80er
Jahren eingetretende Dominanz des Bildes
über den Gedanken (und der zeichen über den
Körper) wieder rückgängig machen
will." (2000, S.214)