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Franz Walter: Demografie, Milieu und Politik

 
       
     
       
     
       
   

Franz Walter in seiner eigenen Schreibe

 
   

WALTER, Franz (1999): Neue Generation, neue Mitte - neue SPD?
Eine Rede an den unzulänglichen Nachwuchs der Sozialdemokratie,
in: Berliner Republik Nr.1

WALTER, Franz (2001): Die Bürgergesellschaft - eine süße Utopie.
Über die großen Erzählungen und die zu hohen Erwartungen,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.07.

Die Zivilgesellschaft und der Umbau des Sozialstaats in der "Single-Gesellschaft"

WALTER, Franz (2002): Wenn die neue Mitte alt wird...
könnte die SPD wieder lebendig werden. Was wird aus der Partei der ausgebrannten Babyboomer?
in:
Welt v. 14.03.

WALTER, Franz (2002): Stillgelegt und ausgebrannt,
in: TAZ v. 16.03.

WALTER, Franz (2002): An der Macht und in der Sinnkrise: die Schröder-SPD.
Franz Walter analysiert die Probleme und Zukunftsperspektiven der deutschen Sozialdemokratie,
in: Frankfurter Rundschau v. 22.04.

Die SPD ist für den Göttinger Politikwissenschaftler Franz WALTER die

"Mehrheitspartei des mittleren Lebensdrittels, der 30- bis 50-Jährigen, der Eltern, Berufstätigen und Steuerzahler dieser Republik, der geburtenstarken Jahrgänge der bundesdeutschen Gesellschaft."

Aus dieser demografischen Situation heraus wird die Notwendigkeit eines Familienwahlkampfes ebenfalls deutlich: das Wählerpotential sind keine Singles, sondern die angeblicher Minderheit der Eltern! WALTER geht sogar noch weiter und weist auf den mangelnden Sozialstrukturbezug der feuilletonistischen (und familienpolitischen müsste man hinzufügen) Polarisierungs- bzw. Pluralisierungsthese hin:

"Die ergrauende deutsche Gesellschaft wird (...) sich auch wieder stärker homogenisieren. Das zeichnete sich bereits in den letzen Jahren ab, trotz gegenläufiger Interpretationen im soziologischen Feuilleton. Der weit gefächerte, kulturell experimentierfreudige Lebensstilpluralismus der 1970er/80er Jahre hat sich mittlerweile eher abgeschwächt."

WALTER, Franz (2002): Die Parteien bluten allmählich programmatisch aus.
Wenn der Wertekanon nicht lebendig gehalten wird, fehlt die Motivation zum Engagement für die Zivilgesellschaft,
in: Frankfurter Rundschau v. 16.05.

Der Politologe Franz WALTER träumt von den guten alten Zeiten, in denen angeblich alles einfacher und überschaubarer war:

"es fehlen die homogenen Soziallagen und geschlossenen Weltanschauungsgemeinschaften, in denen konsistente Überzeugungen überhaupt wachsen können."

Das Einzigste was die politische Klasse stört, ist der Wähler und die Parteibasis:

"Die Parteieliten steuern die Mitte an, währenddessen das Parteifußvolk am Rande steht, antriebslos, ohne Begriffe und Botschaft, einsam - weit von der Mitte entfernt."

WALTER, Franz (2002): Ungeliebt, ungewollt und doch vonnöten: Große Koalition.
Nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung lässt sich der Mehltau über Deutschland beheben,
in:
Welt v. 17.06.

WALTER, Franz (2002): Eine ordentliche Portion Aufsässigkeit kann nicht schaden.
Ein Appell zu Mut, Verwegenheit und kühnem Reformismus an die SPD-Generation nach Schröder,
in: Frankfurter Rundschau v. 30.09.

WALTER, Franz (2002): Politik in der Vetogesellschaft.
Regieren war in der Bundesrepublik immer schon die Kunst des Kuhhandels und Flickwerks,
in:
Welt v. 02.11.

WALTER, Franz (2002): Sinnfrei und matt.
Die Union hat den Hegemonialkampf um das moderne Deutschland aufgenommen. Und schon verloren. Denn sie ist isoliert vom säkularisierten, modernen Bürgertum,
in: TAZ v. 13.11.

WALTER, Franz (2002): Durchwursteln als Daseinsform.
Deutschlands Politiker sind konstitutionell zur Kraft- und Konzeptionslosigkeit verdammt,
in:
Welt v. 23.11.

"Was den Zustand der Parteien angeht, hat Baring (...) Recht. Ein bisschen schwieriger – und der kluge Berliner Professor weiß das natürlich – ist es mit den Rezepten, die er empfiehlt",

erwidert WALTER auf die "Brandrede" von Arnulf BARING. Danach breitet er seine eigenen  Lösungsvorschläge aus:

"Richtungspolitik per Konfrontation bringt, so wie Deutschland verfasst ist, nicht den erwünschten Befreiungsschlag. Im Gegenteil: Richtungspolitik verstärkt nur noch die Paralyse, die depressive Lage des Nichts-geht-Mehr.
Möchte man es anders, bieten sich nur zwei Alternativen: Entweder die Republik verändert radikal ihr Institutionengefüge oder die beiden Großparteien überwinden zumindest für eine begrenzte Phase das blockierende Gleichgewicht gegenseitiger Vetomächtigkeit durch Bildung einer Großen Koalition."

WALTER endet mit der Einschätzung, dass Deutschland weder das eine noch das andere will. Die Folge:

"die Nation wird weiter ziellos unzufrieden sein und ihre Depression ratlos pflegen."

WALTER, Franz (2002): Durchwursteln? Ist doch gut so!
Vom Wesen deutscher Politik.
Derzeit spielt das deutsche Publikum ein Krisenmelodram: das von der unfähigen Regierung. Völlig grundlos: Flickschusterei ist Substanz und Struktur deutscher Politik schlechthin. Anders ginge es nur beim Umsturz des politischen Systems. Aber wer will das schon?
in: TAZ v. 27.11.

WALTER, Franz (2003): Braucht Deutschland einen Charismatiker?
Kein Weitblick, nirgends. Doch das gesellschaftliche Bedürfnis nach Richtungsweisung bringt den Visionär hervor,
in:
Welt v. 02.01.

WALTER, Franz (2003): Verschreckt und verwirrt.
Seit zweieinhalb Jahren ist die rot-grüne Koalition ohne jede politische Perspektive. Sie ist das begründungsloseste Regierungsbündnis seit Bestehen der Bundesrepublik,
in: TAZ v. 04.02.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER denkt über die Wahl weit hinaus. Er hält Rot-Grün nicht für ein politisches, sondern nur für ein kulturelles Projekt, das sich mittlerweile erschöpft hat. WALTER macht sich deshalb verzweifelt auf die Suche nach dem Superman der SPD. Wenn dieser beim sozialdemokratischen Nachwuchs nicht gefunden wird, dann sieht er "in elf oder fünfzehn Jahren" - nachdem also die kommende CDU-Regierung abgewirtschaftet hat - die Sozialdemokratie ernsthaft gefährdet.

WALTER, Franz (2003): Die Sozialdemokratie vor dem Verlust der Neuen Mitte.
Nicht nur die Arbeiter, auch die Postmaterialisten der Generation Mutlangen wollen jetzt Cash statt Öko und rennen der SPD in Scharen davon,
in: Welt v. 01.03.

"Die Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen markierten (...) eine einschneidende Zäsur: Nirgendwo verloren die Sozialdemokraten so drastisch wie in den Jahrgängen 1957–1967. Fast 20 Jahre bildeten (...) diese Jahrgänge die konstante Kerntruppe und Avantgarde von Rot-Grün (...). Die stürmische Zeit hatte nachhaltig sozialisiert und politisch lange rot-grün gebunden. Umso bemerkenswerter ist der tiefe Einbruch zu Beginn des Jahres 2003, der jähe Wechsel der Lager ausgerechnet dort. Die Protest- und Bewegungsgeneration von einst ist nunmehr im Zyklus des Lebens in der Mitte angekommen, ist also um die 40 Jahre alt. Die Mutlangen-Kohorte ist im Elternalter, steht im Zentrum des Berufslebens. Sie vor allem hat gegenwärtig nahezu alle Probleme und Lasten der Gesellschaft zu tragen: Erziehung der Kinder, Pflege oft der Eltern, Steuern, Abgaben et cetera. Und ganz offenkundig war für die »Generation Mutlangen« in den letzten Monaten das Ende der Fahnenstange erreicht",

behauptet der Göttinger Politikwissenschaftler Franz WALTER. Das ist jedoch nicht der entscheidende Punkt. Entscheidender ist:

"Bei den professionellen Kommunikationseliten hat ein genuin sozialdemokratischer Reform- und Staatsbegriff derzeit keine – jedenfalls keine positive – Resonanz mehr".

Die neoliberalen Besitzstandswahrer haben entsprechend der "Ökonomie der Aufmerksamkeit" im mentalen Kapitalismus (Georg FRANCK) die zentrale Position in der Mediengesellschaft inne.

WALTER, Franz (2003): Die verdrossene Republik.
Selbst in finsteren Zeiten hatte die SPD immer ein Ziel vor Augen. Doch wofür kämpft sie heute? Sie weiß es selbst nicht,
in: TAZ v. 15.04.

WALTER, Franz (2003): Die SPD entlässt ihre Geschichte,
in: Welt v. 25.04.

WALTER, Franz (2003): Zwischen Sein und Sollen,
in: TAZ v. 20.05.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER lässt 140 Jahre SPD Revue passieren. Seine Sicht auf die heutige Unbehaustheit der Arbeiterklasse ist auch ein Vorwurf an die Adresse der sozialen Aufsteiger aus dem sozialdemokratischen Milieu:

"Wahrscheinlich markierten die 1970er-Jahre das Ende der alten Arbeiterbewegung, der klassischen Sozialdemokratie - weil sie nun erfolgreich wurde, ihr großes Jahrzehnt in Europa erlebte. Es war die Zeit, in der die sozialdemokratisch lancierte Bildungsexpansion ihren Höhepunkt erreichte. In diesem Jahrzehnt gingen hunderttausende von Kindern sozialdemokratischer Tischler, Maurer und Bergarbeiter auf das Gymnasium, studierten - und verließen hernach die ehemaligen sozialdemokratisch dominierten Wohnquartiere. Die möglichen Organisatoren des sozialdemokratischen Milieus kehrten dem Milieu den Rücken und liquidierten es dadurch. Die Arbeiterquartiere verwaisten politisch und kulturell. Die Zurückgebliebenen waren nunmehr organisatorisch unbehaust und fühlten sich weder vom Habitus noch vom Stil, aber auch nicht mehr von der Politik der neuen mittelschichtigen Sozialdemokraten vertreten. War in den Weimarer Jahren Volatilität Ausdruck des gewerblichen Bürgertums, ist sie heute das Charakteristikum der Rest-Arbeiterklasse. Arbeiterklasse und Sozialdemokratie, das gehört nicht mehr zusammen."

Michael Hartmann - Der Mythos der Leistungselite

WALTER, Franz (2003): Spirituell dürr und spröde.
Die großen christlichen Kirchen in Deutschland müssen sich zurechtfinden zwischen alten Beharrungskräften und neuer Beweglichkeit,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.05.

Der Politologe Franz WALTER analysiert zum einen den Zusammenhang zwischen Konfession und Wählerverhalten und zum anderen die Entkonfessionalisierung, die u. a. mit der Abkehr des begabten katholischen Mädchen vom Lande einherging. WALTER spricht von einem "Clash of Generations":

"In den Nachkriegskohorten, besonders bei den Baby-Boomern der 1950er und frühen 1960er Geburtenjahrgängen riss die Sozialisierungskette, welche den Bestand und die Wirkung der Kirche bis dahin reproduzierend gesichert hatte. Die Nachkriegsgeneration nahm die episkopalen und kurialen Gebote besonders zur Lebensführung nicht mehr an. So kümmern sich mittlerweile die Katholiken - mehrheitlich selbst diejenigen, die Sonntag für Sonntag den Gottesdienst besuchen - nicht mehr um das, was Bischöfe und Papst zur Sexualität, zur Ehe, zur Empfängnisverhütung verkünden. Die Kirche also prägt nicht mehr, deutet den Gläubigen nicht ihr Leben und ihren Alltag, führt sie nicht mehr - und verliert so an genuiner religiöser Substanz."

Von einer neuen Jugendkohorte verspricht sich WALTER Chancen für die Kirchen, falls sie sich nicht auf eine reine Dienstleistungsorganisation zurückzieht.

WALTER, Franz (2003): Strategie statt Taktik.
Die großen und notwendigen Reformen kann nur eine große Koalition durchsetzen. Zudem würde sie das Parlament stärken und die Parteien endlich wieder politisieren,
in: TAZ v. 24.06.

WALTER, Franz (2003): Der Wandel des Wertewandels kommt bestimmt.
Mehr Individualisierung, mehr Optionen, mehr Beliebigkeit - die nächste Generation der deutschen Sozialdemokratie glaubt, sie hätte die Zeichen der Zeit verstanden. Dabei ist die Gesellschaft schon wieder in ganz anderer Richtung unterwegs,
in: Berliner Republik, H.5, S.42-54

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen

WALTER, Franz (2003): Geradezu neurotisch.
Die SPD am Ziel und am Ende ihrer Träume,
in: Süddeutsche Zeitung v. 18.11.

WALTER, Franz (2003): Rebellion der Lernwilligen.
Alle reden von Bildung, die Studenten gehen dafür auf die Straße,
in:
Welt v. 11.12.

WALTER, Franz (2003): "Die SPD hat keine Chance".
Parteienforscher Walter über die Zukunft der Sozialdemokratie,
in: Tagesspiegel v. 20.12.

"Was wir sehen, ist, dass es in der Bundesrepublik eine bisher nicht da gewesene Kluft zwischen den Interpretationseliten – wie Medien, Professoren und Politikern – und der Bevölkerung gibt. Die jetzige Politik wird von den beiden Seiten ganz unterschiedlich bewertet. Es ist ja doch sehr auffällig, dass die Reformen seit Mitte der 90er Jahre konstant von zwei Drittel bis vier Fünftel der Bevölkerung abgelehnt wird. Die Menschen glauben nicht, dass dies der Aufbruch in eine neue, innovative Gesellschaft ist", meint Franz WALTER.

WALTER, Franz (2004): Lust der Mitte.
Die SPD muss sein, wie sie in Wahrheit ist,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.02.

Zu WALTERs Analyse ist nichts mehr hinzuzufügen, denn präziser lässt sich das Dilemma der SPD und seines designierten Wundenheilers nicht beschreiben:

"Eigentlich kann der Mann nur scheitern. Denn drei Aufgaben müsste Müntefering zugleich lösen. Er muss die Sozialdemokraten regierungs- und zukunftsfähig halten; er muss ihr heftiges Identitätsverlangen stillen; und er muss ihre abtrünnigen Wähler zurückholen. Doch all diese drei Aufgaben stehen in einem heftigen Kontrast zueinander. Und überdies: für alle drei Aufgaben ist Müntefering im Grunde gar nicht der richtige Mann."

WALTER rechnet aber auch mit unserer neoliberalen Elite ab:

"In den Modernisierungsmilieus dieses Landes muss man locker englisch parlieren, mit großer Geste von Synergieeffekten reden und sich kalt und höhnisch von der Sozialstaatlichkeit verabschieden können, um hier wirklich Resonanz zu finden und zu punkten. Auf die Müntefering-SPD werden diese Menschen immer nur mit herablassender Verachtung hinabsehen. So lief das historisch schon immer ab. Hin und wieder brauchte das Bürgertum in schwierigen Zeiten die Scheidemanns, Eberts und Ollenhauers – oder eben die Münteferings. Aber ernsthaft akzeptiert hat die deutsche Bourgeoisie die korrekten, anständigen und verantwortungsbewussten sozialdemokratischen Anführer nie."

Den sozialen Aufsteigern der SPD wirft WALTER vor, dass sie sich zwar gerne als "Schutzmacht der Entrechteten" aufspielen, aber weit davon entfernt sind, dies auch tatsächlich zu sein:

"Die Sozialdemokraten des Jahres 2004 sind Menschen, die längst angekommen sind, arriviert, durchaus wohlständig, im Kern saturiert. Doch weigern sie sich merkwürdigerweise, ihre gesellschaftliche Position, ihre soziale Lage und ihren kulturellen Ort auf den politischen Begriff zu bringen. Sie sind bundesdeutsche »Mitte«, aber sie wollen das partout nicht aussprechen und sich eingestehen. Sie befinden sich im wirklichen Leben keineswegs im quälenden oder gar kämpferischen Hader mit der bürgerlichen Gesellschaft, sie tun aber in papierenen, routiniert verfassten Parteitagsresolutionen so, als wären sie nach wie vor die Emanzipationskraft der Entrechteten. Die Sozialdemokraten der Geburtsjahrgänge 1941 bis 1945, die weiterhin die mit Abstand stärksten Bataillone in der Partei und ihrem Funktionärskorps bilden, haben vor dreißig Jahren ihre politische Biographie kritisch, oppositionell, kämpferisch begonnen. Das hat sie sozial, gesellschaftlich, auch politisch weit geführt, das hat sie erfolgreich aufsteigen lassen, hat sie am Ende gesellschaftlich integriert – und schließlich verändert. Doch schauen sie immer wieder melancholisch auf ihren lebensgeschichtlichen Ursprungsimpuls zurück, auch wenn nichts davon ihr gegenwärtiges Handeln noch bewegt."

WALTER sieht im Bekenntnis zur "sozialen" Mitte die Chance der SPD:

"Müntefering ist – wie die Sozialdemokratie insgesamt – Mitte. Und genau darin könnte dann doch vielleicht eine Chance für ihn und seine Partei liegen. Müntefering ist, denkt, handelt so wie die meisten Deutschen. Er weiß, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft ändern müssen. (...).
Das Motto vom sozialen Ausgleich mag dem Feuilleton langweilig klingen. Aber Müntefering hält es für richtig und wird sich daran politisch orientieren.
Eben so, exakt so, sieht es indes auch die breite Mitte der deutschen Republik. Sie ist auf störrische Weise anders, als es die
Meinungs- und Wirtschaftseliten gerne hätten. Die deutsche Mitte tickt nicht wie der Chef von McKinsey, wie die Mitglieder der Herzogkommission, wie professorale Wirtschaftsgutachter – oder wie Friedrich Merz. Die deutsche Mitte ist ziemlich münteferingisch. (...). Er muss den Sozialdemokraten lediglich beibringen, dass sie sich politisch dazu bekennen, was sie gesellschaftlich längst und unspektakulär sind: Mitte nämlich – vernünftige, leistungsorientierte, sozial ausgleichende, unelitäre Mitte.
"

Das Bekenntnis zur sozialen Mitte heißt jedoch letztlich, dass die Unterschicht sich selbst und selbsternannten Sozialpopulisten überlassen bleibt:

"in den Vorstadtsilos der deutschen Städte wollen die Gestrandeten und Marginalisierten von einem solchen Bildungs- und Arbeitspaternalismus nichts hören. Das sozialdemokratische »Fordern und Fördern« spiegelt nicht ihre zerstörte, aussichtslose Lebensgeschichte. Müntefering wird daher nie zum Hoffnungsträger dieser neudeutschen Unterschichten avancieren. Dort reüssiert bekanntlich europaweit ein ganz anderer Typus, der hierzulande allerdings bislang noch nicht aus dem politischen Schlamm hervorgekrochen ist."

WALTER, Franz (2004): Basis-Lektionen.
Der SPD fehle die große Vision - sagen die Intellektuellen. Einer wollte es wissen und zog mit Sigmar Gabriel über die Dörfer. Was er dort erlebte? Sozialdemokraten sind um die 60, sorgen für ihre Enkel, misstrauen dem Staat zutiefst - und Visionen sind das Allerletzte, was ihnen fehlt,
in: Welt v. 03.03.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER war zusammen mit Sigmar GABRIEL auf Parteiversammlungen in der Provinz. Dort bestimmen die Alten der SPD das Bild. Es wäre jedoch falsch diese SPD-Mitglieder mit dem Wählerpotenzial zu verwechseln. Die Jugend hat sich von den Ritualen der öden Parteiversammlungen sowieso verabschiedet und der Bericht tut seines dazu, dass dies weiterhin so bleiben wird. Aufschlussreicher dagegen ist Vertrauensverlust in den Sozialstaat, den unsere neoliberale Elite selbst in den Köpfen ehemaliger Etatisten durchgesetzt hat. Es herrscht stattdessen die Vorstellung, dass die Privatisierung des Sozialstaats durch die familiäre Generationensolidarität und Eigenvorsorge machbar wäre. Dies könnte sich jedoch für viele als fataler Trugschluss erweisen...

WALTER, Franz (2004): Das Ende der Volksparteien.
Die Implosion von Politik trifft nicht nur die SPD ins Mark, sondern wird auch demnächst die CDU einholen,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.06.

WALTER, Franz & Tim SPIER (2004): Der skandinavische Weg.
Das Potenzial für eine neue Linkspartei ist da: enttäuschte Arbeitnehmer, Arbeitslose und Opfer der Sozialreformen. Dennoch ist es fraglich, ob sie ihre Chance nutzen kann,
in: TAZ v. 19.06.

WALTER, Franz (2004): Sinnkrise einer Volkspartei.
Mitgliederschwund, "Mittigkeit" und Personalprobleme gehen der SPD an die Substanz,
in: Welt v. 19.06.

WALTER, Franz (2004): Schneidiger Imperativ.
Der Nutzen der Abweichler für die SPD,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.07.

Franz WALTER sieht in der Etablierung einer populistischen Linkspartei eine Notwendigkeit des Machterhalts. Ohne eine solche Parteigründung würde die rot-grüne Regierung ihre Mehrheit an das bürgerliche Lager der CDU/CSU/FDP verlieren.

WALTER, Franz (2004): Hybrid, unchristlich.
CDU/CSU im Abschied von sich selbst,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.08.

WALTER, Franz (2004): Die müde Republik.
Bis vor wenigen Jahren war die SPD eine programmstolze Partei. Heute weiß keiner mehr, was sie will. Der CDU reicht es halt, "bürgerlich" zu sein. Mehr erwartet niemand,
in: TAZ v. 20.08.

WALTER, Franz (2005): Die Alternativlosen.
Rot-Grün III: Langer Abschied, letzte Chance?
in: Spiegel Nr.16 v. 18.04.

WALTER, Franz (2005): Die Guten bleiben müde.
Auch wenn Sinnstiftung wieder gefragt ist - die Kirchen werden nicht zu neuen Heilsbewegungen,
in: Welt v. 24.03.

Franz WALTER sieht das Ende der Individualisierung näher rücken, was derzeit als Wandel des Wertewandels diskutiert wird. Die Kirchen werden dabei jedoch keine Hauptrolle spielen, denn sie sind mittlerweile zum "ADAC für Passageriten und Altenpflege" verkommen:

"So mag es zwar tatsächlich am Ende der individualisierten Gesellschaft absehbar zu einer Renaissance von Sinn- und Bindungswerten kommen. Doch ist nur schwer vorstellbar, daß die beiden christlichen Amtskirchen dann Herz und Motor des neuen spirituellen und gemeinschaftsbezogenen Verlangens werden. Dazu ist das institutionalisierte Christentum in Deutschland schon zu weit selbst säkularisiert. Es fehlen den Kirchen hierzulande die mitreißenden Prediger, kühnen Propheten und expressiven Verkündigungen."

WALTER, Franz (2005): Die Mitte treffen.
Die SPD kann mit ihrem Antikapitalismus auf große Zustimmung hoffen - auch bei der Union,
in: Welt v. 20.04.

Kostengünstige Klassenkampfrhetorik fürs Volk und teures Elterngeld für die Elite, so lautet derzeit die SPD-Wahlkampfstrategie. Franz WALTER erklärt, warum die SPD jetzt ihren neoliberalen Kurs mit Klassenkampfrhetorik aufpeppt:

"Gerade im Ruhrgebiet haben sich keineswegs die Lauen und Indifferenten aus der SPD verabschiedet, sondern eher die langjährigen Aktivisten, die Funktionäre und Multiplikatoren. Sie alle waren in den letzten Jahren über die Regierungspolitik bitter enttäuscht. Aber sie sind auch als Ausgetretene noch hochkommunikativ. Sie begründen in Gesprächen mit Kollegen, Nachbarn, Verwandten, Kindern ihr Abseitsstehen, ihren Zorn, ihre Opposition zum Agenda-Reformismus der Schröder-Regierung. Sie sprechen exakt die Sprache, die von Müntefering plötzlich wieder bemüht wird."  

WALTER, Franz (2005): Nicht etwa Altruismus.
Münteferings antikapitalistisches Fanal,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.04.

WALTER wirft die Frage nach dem Adressaten von Münteferings Antikapitalismus-Kritik auf, um auf die Rollen aufmerksam zu machen, die die neuen Unterschichten und die Gegeneliten zukünftig im politischen Geschehen spielen könnten:

"Mit den neuen Unterschichten ist nicht zu rechnen. Einige Sozialwissenschaftler charakterisieren das dauerarbeitslose Neuproletariat als eine Klasse der »Überflüssigen«. Dieses Kennzeichen der Überflüssigkeit hat es in der Industriegesellschaft kaum einmal gegeben. (...). Sie mögen in Zeiten weiterer sozialer Verschlechterung zum Treibsand und Resonanzboden für erratische antikapitalistische Affekte taugen, aber sie werden nicht zu einem zielbewussten politischen Träger organisierten Protestes, um den es natürlich der arrivierten Sozialdemokratie auch gar nicht geht.
         Erfolgreicher politischer Protest wird von anderen sozialen Gruppen initiiert und angeführt. Fast durchweg handelt es sich um enttäuschte, wenn man so will: von ihrer primären Klasse abgefallene Eliten. Die Kritik am Kapitalismus würde nur dann Wucht bekommen, wenn sie - kühl formuliert - von ressourcenstarken Gegeneliten, die nicht zum Zuge gekommen sind, aufgenommen würde. Solche blockierten Gegeneliten bildeten in der Geschichte stets Motor und Führungsspitze aller großen Veränderungsbewegungen. (...). Die Soziologen sprechen hier nüchtern von einer Statusinkonsistenz, also von der Diskrepanz zwischen hohem Leistungspotenzial und geringer gesellschaftlicher Position, die in die Revolte führt."

WALTER verweist hier auch auf nicht-revolutionäre Alternativen für Gegeneliten: die Übernahme bohemistischer Rollen, wie sie unlängst Michael RUTSCHKY vorgeschlagen hat. Ulrich BECK hat bereits in den 1980er Jahren darauf hingewiesen, dass Individualisierung auch als eine Lösung für das Problem der Statusinkonsistenz angesehen werden muss.

WALTER, Franz (2005): Lahm, müde, leer.
Weil Gerhard Schröder der SPD die Normen genommen hat, hat sie keine Kraft mehr, um für ihn zu werben,
in: Welt v. 25.05.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER schreibt über Strategie und Möglichkeitsspielraum der SPD:

"Die Parole von Müntefering und Co. wird lauten: Deutschland braucht eine starke Sozialdemokratie; das Land bedarf eines verläßlichen sozialen Gewissens; die Republik benötigt einen intakten Sozialstaat - Deutschland darf keine Gesellschaft der sozialen Kälte werden.
      
  Am Ende mag es dafür reichen, als Juniorpartner einer Großen Koalition den jähen und kompletten Absturz in die Opposition abzuwehren. Das zumindest dürfte das Kalkül Münteferings sein, der aus der harten Wehner-Schule kommt und sich von oppositioneller Regeneration nichts verspricht."

WALTER, Franz (2005): Republik im Abschied.
Die Deutschen sind erschöpft vom schneidigen Vokabular des Reform-Establishments -  und werden trotzdem die liberalen Marktreformer wählen. Skizze einer paradoxen Stimmungslage,
in: ZEIT Nr.23 v. 02.06.

Franz Walter sieht die Grünen im politischen Abseits:

"Einige Zeit galt der Postmaterialismus als Erbfolger des auslaufenden Industrialismus. In dieser Zeit galt Rot-Grün als das Modernisierungsbündnis, als der kongeniale kulturelle Ausdruck einer Gesellschaft des Wertewandels diesseits vom überständigen Konservatismus, Konfessionalismus, Honoratiorenliberalismus und gewerkschaftsbürokratischen Sozialetatismus. Grün war die Farbe der Avantgarde. Doch auch das scheint nur passé zu sein. Die Grünen sind an keinem Länderkabinett mehr beteiligt, zum Ende des Jahres werden sie, ganz ohne Regierungsmacht, einsam und verlassen in der politischen Landschaft stehen."

Aber auch Schwarz-Gelb und den Marktradikalismus sieht WALTER mittelfristig in der Krise:

"Die modernen europäischen Gesellschaften haben keinen Mangel an Wettbewerb, an Märkten, an Freiheitsräumen, an Individualisierung, an Autonomie: All das ist im Überfluss vorhanden. Zur Mangelware aber sind, als Folge der Überproduktion im neuliberalistischen Wandel, die Bindungswerte geworden. Es fehlt an Kohäsion, an Sinn, an Zielen, an Orientierungen, an intakten und integrativen Institutionen. Die Nachfrage nach dieseen unterangebotenen Stoffen wird in den nächsten Jahren explosiv ansteigen. Aber der Westerwelle-Merkel-Liberalismus hat dafür keine Fertigungskonzepte."

WALTER, Franz (2005): Gedämpft und lebensweise.
Linkspartei und ergrauende Gesellschaft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.06.

Franz WALTER vertritt die Ansicht, dass die neue Linkspartei nichts mit den bisherigen jugendlich bewegten Parteien von USPD bis zu den Grünen zu tun haben. Dies liegt daran, dass nicht mehr Jugend, sondern Alter der Motor von Innovation ist. Dahinter steht bei WALTER das Gesetz der Bevölkerungszahl: die geburtenstarken Jahrgänge werden die nächsten Jahrzehnte bestimmen.

WALTER, Franz (2005): Ende einer Ära. Die Generation der 68er geht in den politischen Ruhestand.
Es spricht viel dafür, dass in diesen Monaten in Deutschland eine kulturelle und politische Ära zu Ende geht. Die Generation der "1968er" tritt ab, für die SPD sah es schon besser aus. Die jüngsten Entwicklungen in der politischen Landschaft, insbesondere die Gründung einer neuen Linkspartei, könnten jedoch die Möglichkeit eröffnen, eine neue Rolle zu übernehmen - vielleicht als Partner in einer großen Koalition,
in: Universitas, August

WALTER, Franz (2005): Machiavellistisches Meisterstück.
Mit einer Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP könnte Gerhard Schröder Kanzler bleiben,
in: Welt v. 11.08.

WALTER, Franz (2005): Die Ampel leuchtet.
Chance für Machiavellisten: Schröder darf dranbleiben, die FDP wieder ran, die Grünen dürfen das Schlimmste verhüten,
in: TAZ v. 14.09.

WALTER, Franz (2005): Die neue Ungleichzeitigkeit.
Nach der Wahl: Wie Deutschland zerfällt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.09.

WALTER, Franz (2005): Geteilte deutsche Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit verlangt Reformen, sagt das neuliberale Lager seit langem gebieterisch - und erst recht seit der Wahl. Doch was soll das für eine Wirklichkeit sein, in der es zu Sozialabbau keine Alternative gibt? Ein Kampfbegriff, denn die Wirklichkeit sieht anders aus
in: TAZ v. 27.09.

WALTER, Franz (2006): Das Elend der deutschen Sozialwissenschaftler.
Die sektiererhaft vor sich hinwerkelnden Hochschulvertreter des Faches brauchen dringend einen Praxisschock,
in: Welt v. 14.01.

Franz WALTER, als Feuilletonpolitologe beschimpft, sieht gerade im politischen Essay das, was die Sozialwissenschaftler am dringendsten benötigen. Er schließt sich damit dem Feuilletonsoziologen Ulrich BECK an, der vor kurzem die Bedeutungslosigkeit der Soziologie beklagt hat:

"Die politischen Kontroversen der Republik finden ganz überwiegend ohne die nach C4 oder C3 bezahlten Sozialwissenschaftler statt. Es sind mittlerweile routinemäßig die immer gleichen vier oder fünf Sozialwissenschaftler, die in öffentliche Diskussionen eingreifen, die systematisch einordnen, historisch erläutern, normativ differenzieren, Deutungen präsentieren, Zusammenhänge herstellen, Schlüsselbegriffe formen."

WALTER, Franz (2006): Mythen für die Oberstufe.
Was haben die 68er eigentlich hervorgebracht? Guido Westerwelle, ein paar Hochschulpräsidenten und eine allgemeine Gleichgültigkeit,
in: TAZ v. 01.07.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER, ein Angehöriger der Single-Generation, klärt sein Verhältnis zu den 68ern: "Wegen meiner zotteligen Haare und dauerpubertären T-Shirts gelte ich als »68er«. Immer wieder erhalte ich auf meine publizistischen Meinungsäußerungen wütende Briefe, und ganz regelmäßig werde ich darin als der ewige »68er« geschmäht. Da ich selbst - wie sagt man - mitunter kräftig austeile, bin ich gerne bereit einzustecken.
          
 Doch der 68er-Vorwurf trifft mich irgendwie ziemlich hart. Erstens war ich in jenem berüchtigten Jahr gerade einmal 12 Jahre alt und interessierte mich ausschließlich für Fußball. Politik reizte mich überhaupt nicht - erst recht galt dies für die studentischen Roten Garden. Zweitens wohnte ich auch in den Jahren danach nie in einer Kommune, rauchte nie einen Joint, schwärmte nie für »Grateful Dead«, sondern blieb stattdessen über drei Jahrzehnte stets treu und grundsolide an der Seite der immergleichen Frau.
          
 Schon aufgrund solcher Spießigkeiten und einer zutiefst proletarischen Herkunft habe ich die »68er«-Zeit meines postadoleszenten Lebens nicht sonderlich gemocht, ja mehr noch: regelrecht verachtet. Als umso bitterer empfinde ich es daher, ausgerechnet dieser Truppe gehätschelter Zöglinge der Bourgeoisie zugerechnet zu werden.
          
 Dabei konnte ich deren merkwürdige Mischung aus selbstgerechtem Moralismus und bräsigem Zynismus niemals ausstehen. Ich wundere mich auch heute noch über ihre intellektuelle Hochnäsigkeit, obwohl sie nicht einen einzigen klugen Theoretiker von Rang hervorgebracht haben; ihre wichtigsten Stichwortgeber gehörten allesamt der Generation zuvor an.
          
 Ich finde es grotesk, wie die 68er sich alle fünf, zumindest jedenfalls alle zehn Jahre selbst feiern und dabei am eigenen, wenngleich reichlich verwelkten Mythos berauschen, aber in all den Jahren nicht einmal eine einigermaßen lesbare Geschichte ihrer gerne beweihräucherten Revolte zustande bekommen haben.
          
 Gleichwohl, sie haben es geschafft: Mit Ausnahme einiger verbiesterter Konservativer glaubt inzwischen eigentlich jeder halbwegs liberale Mensch dieser Republik, dass erst nach 1968 das aufgeklärte und tolerante Zeitalter der Bonner Demokratie nach dem schlimmen autoritären Muff und Mief einer kleinbürgerlichen Adenauer-Ära begonnen habe."

WALTER, Franz & Matthias MICUS (2006): Der Aufstieg aus den Armutsquartieren.
Parallelgesellschaften können Raum für Entwicklung bieten, wenn sie das Selbstbewusstsein ihrer Mitglieder fördern,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.12.

Neu:
WALTER, Franz (2010): Im Ausverkauf.
Der Sozialstaat beruht auf Geben und Nehmen. Der Glauben an diesen Ausgleich ist uns abhandengekommen. Dabei profitiert auch die Mitte von einem handlungsfähigen Wohlfahrtsstaat,
in: Welt v. 23.02.

 
       
   

Franz Walter: Gespräche und Porträts

 
   

HERRMANN, Ulrike (2002): "Es fehlt eine Leitidee für morgen".
Wer spricht die Wähler der "Mitte" mehr an - Unionsparteien oder SPD? Der Parteienforscher Franz Walter sieht nur noch kleine Unterschiede,
in: TAZ v. 21.02.

HERRMANN, Ulrike (2003): "Die SPD verliert ihren Charakter als Volkspartei", sagt Herr Walter.
Wenn die unteren Schichten demnächst nicht vom Aufschwung profitieren, kann sich die SPD neue Programme sparen,
in: TAZ v. 15.11.

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen

SEIBEL, Andrea (2003): "Die SPD ist längst Partei der akademischen Dienstleister".
Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter über die Sozialdemokratie und die Angst der Menschen vor Veränderungen,
in: Welt v. 21.11.

WALTER beschreibt, warum das Parteiensystem NOCH stabil ist, obwohl der Unmut wächst:

"Die SPD wirk deshalb so merkwürdig neurotisch, weil sei immer noch gern tut, als sei sei Arbeiterpartei. Sie ist jedoch längst Partei der akademischen Dienstleister, ist wirklich Partei eines neuen Mitteestablishments. (...). Wenn die sozialdemokratischen Parteitagsdelegierten über Arbeiter, kleine Leute und Unterschichten reden, dann ist das mittlerweile im Ton bürgerlich-protestantischer Philanthropie des 19. Jahrhunderts. Und des wegen haben sich in den letzten Jahren die unteren Schichten von der SPD abgekoppelt. Verharren diese Abgekoppelten in ihrer Passivität und Resignation, dann bleibt auch das Parteiensystem stabil. Zwar ist ein Potential für Protest, Verbitterung, vielleicht gar Radikalität vorhanden. Nur muss erst jemand kommen, der den Unmut schürt und in politische Aggressivität übersetzt. Dann ist es vorbei mit der Hyperstabilität des in sich längst hoch labil und porös gewordenen politischen Systems."

REINECKE, Stefan (2004): "Was nicht ins Konzept passt, filtert die SPD-Spitze einfach weg", sagt Franz Walter.
Tausende Sozialdemokraten geben ihr Parteibuch zurück - die SPD-Führung antwortet mit einem Achselzucken,
in: TAZ v. 15.01.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER bringt das sozialdemokratische Problem in einen Zusammenhang mit der Individualisierungsthese der Neue-Mitte-Theoretiker:

"In der SPD selbst gibt es dafür seit langem eine trivial-soziologische Erklärung: Der Mitgliederschwund wird als Folge der Individualisierung verstanden, die dazu führt, dass die Menschen sich nicht mehr verbindlich an Kollektive binden.
Das ist ja nicht falsch.
Nein, aber unscharf. Die SPD verliert am stärksten in ihren Traditionsgebieten, im Ruhrgebiet und im Saarland. Sie verliert bei den so genannten kleinen Leuten. Das zeigt, dass sich dieses Milieu vernachlässigt fühlt. Deshalb ist die allgemeine Individualisierungsthese ein Versuch der Selbstberuhigung.
Die SPD-Spitze scheint den Mitgliederschwund achselzuckend hinzunehmen - so wie das Wetter. Warum?
Offenbar hält sie die Mitglieder für nicht so wichtig. Die SPD hat sich bei den letzten Wahlkämpfen stark von Marketingexperten beraten lassen - und in deren Blick sind Mitglieder Ballast: konservative, sentimentale Leute, die jedem Versuch, beweglich, modern und kampagnenfähig zu sein, im Wege stehen. Das ist - von Ulrich Beck bis zu Matthias Machnig inspiriert - eine wesentliche Linie in der SPD der letzten Jahre.
"

Wahlfreiheit besteht - gemäß Franz WALTER - für die Nicht-Elite nur noch zwischen Pest und Cholera... Single-generation.de hat im September-Thema zu 20 Jahren Individualisierungsthese WALTERs Sicht bereits vorweggenommen. Die jetzigen Probleme sind bereits im Aufstieg dieses Paradigmas Anfang der 1980er Jahre angelegt gewesen. Der Ungleichheitsforscher Stefan HRADIL hat in einem neueren Beitrag das subjektsoziologische Paradigma jenseits der Individualisierung beschrieben:

"Wenn Subjektorientierte Soziologie an Individualisierungsprozesse gekoppelt wäre, ginge sie schweren Zeiten entgegen. Denn heute erleben wir - wenn ich das recht sehe - nicht wenige Gegenbewegungen gegen die Individualisierung" (aus: Erfahrungen mit Subjektorientierter Soziologie, S.239, in: Marek FUCHS & Jens LUEDTKE (HG.) Devianz und andere gesellschaftliche Probleme, 2003 )

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen

BOLLMANN, Ralph (2004): "Der Wechsel verschafft Schröder Spielraum".
Münteferings künftige Doppelrolle als Partei- und Fraktionsvorsitzender sorgt aber für neue Probleme, sagt Parteienforscher Franz Walter,
in: TAZ v. 07.02.

REINECKE, Stefan (2004): "Linkspopulismus wäre keine schlechte Idee", sagt Franz Walter.
Die SPD könnte gewinnen - wenn sie wüsste, was sie will. Und die Union liebäugelt mit der Idee, ohne FDP zu regieren,
in: TAZ v. 03.03.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER sieht wie René CUPERUS ein Populismusdefizit bei der SPD. In einer Debatte über die Vermögen- und Erbschaftssteuer sieht WALTER eine Chance der SPD die eigenen Wähler zu mobilisieren und die Gegner zu spalten. Der Versuch, die Agenda 2010 als alternativlos zu inszenieren, hat seine Glaubwürdigkeit längst verloren. Seit der Statistiker Gerd BOSBACH die Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2050 als Ideologie entlarvt hat, ist die Position der Neue-Mitte-Reformer noch weniger haltbar.

SCHMIDT, Michael (2004): "Der harte Kern der CDU ist größer".
Parteienforscher Walter über die SPD, bunte Milieus und die mangelnde Dynamik der Gesellschaft,
in: Tagesspiegel v. 07.09.

SEIBEL, Andrea (2004): "In der Mitte ist viel Platz".
Nach Meinung des Politologen Franz Walter sind Grüne und FDP die postmodernen Gewinner der Krise der Volksparteien,
in: Welt v. 09.09.

REINECKE, Stefan (2004): "Merkels Mitgefühl wirkt kalt kalkuliert", mein Franz Walter.
Die CDU hat keine Idee, wie sie die Unterschichten, denen sie ihre Wahlsiege verdankt, bis 2006 an sich binden will,
in: TAZ v. 08.12.

BOLLMANN, Ralph (2005): "Müntefering will die Partei disziplinieren".
Der Politologe Franz Walter meint, dass der SPD-Chef den "Fliehkräften" des Machtverfalls etwas entgegensetzen will: den Wahlkampf,
in: TAZ v. 23.05.

BOLLMANN, Ralph (2005): "Die Grünen sind in einer Sackgasse".
Der Politologe Franz Walter führt die Verluste der Grünen auf den Erfolg von Münteferings Kapitalismuskritik bei Grünen-Wählern zurück,
in: TAZ v. 23.05.

REINECKE, Stefan (2005): "Die SPD kann sich bei Lafontaine bedanken".
Wenn die Linkspartei satt über 5 Prozent kommt, wackelt nicht nur der schwarz-gelbe Sieg. Die gesamte Machtlogik im Parlament verändert sich. Die FDP rückt an den Rand, die SPD in die Mitte. Doch die SPD begreift das nicht,
in: TAZ v. 07.07.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER sieht im Linksbündnis einen wichtigen Faktor, der das Parteiensystem verändert und eine Wählerschicht anspricht, die vernachlässigt wurde:

"Die Linkspartei versammelt ein Milieu, das früher sozialdemokratisch orientiert gewesen wäre, von dem sich die SPD aber wertemäßig entfernt hat. Die Linkspartei steht konsequent für Sozialstaat, kollektive Güter und Wohlfahrtsstaatlichkeit - und auch für die Interessen derjenigen im öffentlichen Dienst und jener, die älter als 45 sind. Damit besetzt sie einen vakanten Ort. Wo alle, zumindest rhetorisch, für Deregulierung sind, vertritt sie alle, die Regulierung wollen. Wenn sie das wie bisher ohne Chaos und Sektierertum schafft, dann kann sie ein stabiler Teil der Parteienlandschaft werden."

GASEROW, Vera (2005): "Eine große Koalition kann zwingend sein".
Der Parteienforscher Franz Walter über die Vorteile einer Zusammenarbeit der beiden großen Volksparteien,
in: Frankfurter Rundschau v. 09.08.

SOBOCZYNSKI, Adam (2005): Genosse Forscher.
Je turbulenter es bei der SPD in den letzten Wochen zuging, desto prominenter wurde der Parteienforscher Franz Walter. Er glaubt, dass die Partei ihre beste Zeit noch vor sich hat,
in: Die ZEIT Nr.47 v. 17.11.

Adam SOBOCZYNSKI porträtiert den Politikwissenschaftler Franz WALTER: "Aufgewachsen ist Walter in der katholischen Kleinstadt Steinheim in Westfalen. Die Mutter aus einer zentrumsnahen, konservativen Familie. Der väterliche Strang: eine Generationenkette aus SPD-Mitgliedern mit Ballonmützen. Walters Vater war noch, in der Weimarer Republik, Tischler, später Hilfsarbeiter auf einem kleinen Schlachthof. Als dieser dichtgemacht wurde und der Vater in einer Fabrik mit mehreren hundert Kollegen arbeitete, kam er abends nach Hause und sah aus »wie ein Protagonist aus einem Klischeefilm über Arbeitslosigkeit«, sagt Walter. (...).
          
Von 1966 an besuchte Franz Walter das Gymnasium in Bad Pyrmont (...). Als sprachlos habe er seine Schulzeit empfunden, seine Mitschüler hätten es regelrecht gerochen, dass er aus dem armen Umland kam: sein Dialekt, seine Klamotten, sein ungehobelter Gang. Er blieb sitzen, in der zehnten Klasse. »Wegen Deutsch!«, ruft Walter in seinem Dienstzimmer aus.
          
Vor versammelter Klasse habe der Lehrer höhnisch aus einem seiner Aufsätze vorgelesen, notorisch waren Akkusativ und Genitiv vertauscht. Daran müsse er immer denken, wenn die Leute sagen, seine Artikel seien stilistisch so ausgefeilt. Und an das Lachen der Mitschüler; das habe sich ihm eingeprägt. Jedenfalls habe er seine Karriere sozialstaatlicher Bildungspolitik zu verdanken, das Bafög habe ihm sein Sozialwissenschaften-Studium ermöglicht und sei Voraussetzung seiner universitären Karriere in Göttingen gewesen. Den Sozialstaat habe er daher nie als Hängematte empfunden, sagt Walter. Er habe ihm »schlicht ermöglicht, Leistung zu zeigen«."

JANZ, Nicole (2008): "Jetzt werden die Messer gezückt".
Der Parteienforscher Franz Walter ist gar nicht so überrascht vom Absturz der CSU. Die Ursachen der Wahlniederlage sieht er grundsätzlich im Wegbrechen traditioneller Strukturen - alles in allem hochgefährlich für die Union im Bund,
in: TAZ v. 29.09.

 
       
   

Die SPD (2002).
Vom Proletariat zur Neuen Mitte
Berlin: Alexander Fest Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Die nahezu 150jährige Geschichte der SPD ist ein gutes Stück deutscher Gesellschaftsgeschichte. Der Weg der Partei führt durch verschiedene Epochen und politische Systeme, und in ihrem Zentrum standen immer wieder prägende Persönlichkeiten - von Bebel bis zu Brandt und den 'Enkeln' Lafontaine und Schröder. Welche Wandlungen hat die deutsche Sozialdemokratie erfahren, und welche Traditionen sind erhalten geblieben?"

 
     
 
       
   

Rezensionen

DETTLING, Warnfried (2002): Zwischen Apparat und Milieu.
Franz Walter zieht mit leichter Hand die großen Linien der SPD-Geschichte vom "Proletariat zur Neuen Mitte". Eine Deutung der aktuellen sozialdemokratischen Sinnkrise bleibt er allerdings schuldig,
in:
TAZ
v. 21.03.

Infos zu: Warnfried Dettling - Die Bürgergesellschaft

RÜTTGERS, Jürgen (2002): Die stillgelegte Partei.
Auf ihrem langen Weg vom Arbeiterverein zur neuen Mitte hat die SPD ihr Sendungsbewusstsein verloren. Diese These entwickelt Franz Walter in einer neuen Studie,
in: Spiegel
Nr.13 v. 25.03.

BUSSE, Tanja (2002): Die Selbsterschaffung der neuen Mitte.
Franz Walter erzählt die Geschichte der SPD,
in: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte H.4, April

HOFMANN, Gunter (2002): Die SPD: Groß, leer, modern,
in:
Die ZEIT Nr.16 v. 11.04.

VOGEL, Hans-Jochen (2002): Ringelpietz im Ortsverein.
Hat die SPD ihre Grundwerte über Bord geworfen, ist sie ermattet und ruhig gestellt? Der Parteienforscher Franz Walter sucht dafür Belege,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.04.

LAU, Mariam (2002): Die bessere CDU?
Franz Walter erzählt die Geschichte der SPD als sehr deutschen Bildungsroman,
in: Welt
v. 27.04.

Infos zu: Mariam Lau - Die neuen Sexfronten für die Normalfamilie der Neuen Mitte

DECKER, Frank (2002): Vom Proletariat zur Neuen Mitte.
Zur rechten Zeit: Franz Walters Geschichte der Sozialdemokratie,
in: Berliner Republik, H.2

STORZ, Wolfgang (2002): Irgendwohin, vielleicht.
Franz Walter zeichnet den Weg der SPD nach,
in: Frankfurter Rundschau v. 24.6.

 
   

Das Buch in der Debatte

DÜRR, Tobias (2002): Helmut Kohl und die Capri-Fischer oder: Sehnsucht nach der Mitte.
Überlegungen zum Parteienstreit um einen strategischen Begriff,
in: Frankfurter Rundschau vom 30.03.

 
   

Franz Walter im WWW

www.demokratie-goettingen.de/institut/prof-franz-walter

 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 21. März 2002
Update: 01. Juli 2015