Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Alter und Lebenslauf in langfristiger
Perspektive
1.1.1. Vom Greis zum Rentner
1.1.2 Eine gegenwartsbezogene Problemstellung
1.2 Vorgehen, Quellen, Forschungsstand
Teil A - Eine
heterogene Bevölkerung
2.
Demographische Prozesse auf städtischer und
nationaler Ebene
2.1. Wer waren "die Alten"?
2.2. Altersstruktur im Wandel
2.2.1. Die demographischen Mechanismen
2.2.2. Verjüngung durch Städtewachstum: Das Beispiel
Köln
2.3 Wandlungen der Mortalität
2.3.1. Die Verallgemeinerung des Überlebens
2.3.2. Epidemiologische Transition - auch im höheren
Alter?
2.4. Zusammenfassung: Das Gewicht der Zahlen
3. Dimensionen
der Ungleichheit im städtischen Rahmen
3.1. Alter
3.2. Geschlechtsproportion
3.3. Familienstand
3.4. Beruf und soziale Stellung
3.5. Einkommensschichtung
3.6. Wanderung, Herkunft und Wohnort
3.7. Zusammenfassung: Kontinuitäten und
Ungleichheiten
Teil B - Alter
als Gegenstand der Sozialpolitik
4. Zur
Konstruktion des "problematischen" Alters -
theoretische Perspektiven
5. Kölner
Sozialpolitik vor dem Ersten Weltkrieg
5.1. Entdeckung der Alten? Das offene Armenwesen
5.2. Stiftungszwecke als Spiegel bürgerlicher
Problemwahrnehmung
5.3. Die Ausdifferenzierung der Anstalten
5.4. Eine frühe Form öffentlicher Altersvorsorge
5.5. Zusammenfassung: Zwischen Altersarmut und
verdientem Ruhestand
6.
Vorgeschichte und Verwirklichung staatlicher
Alterssicherung
6.1. Frühe Versicherungsprojekte als Antworten auf
die "soziale Frage"
6.2. Der Stellenwert von Erwerbsunfähigkeit und
Alter im publizistischen Problemspektrum 1844 - 1933
6.3. Der gestaffelte Zugang zur kollektiven
Altersversorgung
6.4. Sozialversicherung als "Signatur der Jetztzeit"
- Gesetzgebung und Regelungsprofil
6.4.1. Die Invaliditäts- und Altersversicherung
(1889)
6.4.2. Die Angestelltenversicherung (1911)
6.5. Zusammenfassung: Alter als Problem -
Versicherung als Lösung
7. Die
verwaltete Not: Stadt und Reich zwischen Erstem
Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise
7.1. Die Folgen von Krieg und Inflation im sozialen
Bereich
7.2. Vom Armenwesen zur Fürsorge
7.3. Die Klein- und Sozialrentner
7.4. Der Ausbau des Kölner Anstaltswesen
7.5. Zusammenfassung: Das Thema der "Last"
8.
Lebensverhältnisse und Sozialleistungen (1880 -
1933)
8.1. Wie bewertet man den "Output" von
Sozialpolitik?
8.2. Überleben mit Armenhilfe und Rente
8.2.1 Berlin und Köln im Kaiserreich
8.2.2. Die Weimarer Republik
8.3. Erwerbsstruktur und Lebenslauf
8.4. Wirkungen der Sozialgesetzgebung
8.4.1. Versicherte, Rentenempfänger und
Rentenleistungen
8.4.2. Ausgänge aus der Erwerbsarbeit: Altersgrenze
oder Invalidität
8.5. Zusammenfassung: Das öffentlich-private
Zusammenspiel
9. Altern und
Lebensende zwischen familiärer Unterstützung und
öffentlicher Zuständigkeit
9.1. Familie und Haushaltsstruktur
9.1.1. Recht und Familie
9.1.2. Haushaltsstrukturen im Wandel
9.2. Haushaltseinkommen im Lebenslauf
9.3. Kleine Netze in Köln - unsichtbar oder
unerheblich?
9.4. Zusammenfassung: Familie und Lebenslauf
10. Schluß:
Lange Entwicklungslinien
Zitate:
Begründung der
Altersgrenze von 60 Jahren
"Meine
Untersuchung orientiert sich durchgehend an der
Altersgrenze von sechzig Jahren. Dafür sprechen zwei
Gründe: Erstens die (...) Verankerung in den
zeitgenössischen Lebensphaseneinteilungen, zweitens
die praktische Anwendung dieser Schwelle in der
öffentlichen Statistik, wodurch alternative
Grenzziehungen nicht durchgehend mit Inhalt gefüllt
werden könnten. Gegen eine höhere Schwelle spricht
drittens, daß dann bis ins frühe 20. Jahrhundert nur
eine noch weit geringere Minderheit der Bevölkerung
beschrieben würde.
Bis zum Ersten Weltkrieg orientierten sich auch
amtliche Stellen hauptsächlich an der Altersgrenze
60. In erster Linie ist die offizielle
Alters-Definition der preußischen Statistik
anzuführen: Bereits in den Verfügungen zu Beginn des
19. Jahrhunderts wurde das vollendete 60. Lebensjahr
für die Zählungen der Bevölkerung als oberste
Einteilung festgelegt. Die Altersklassen der
Jugendlichen und Erwachsenen entsprachen
ausdrücklich dem staatlichen Interesse an der
Überwachung der Schul-, Militär-, Landwehr- und
Steuerpflichtigen und waren deshalb wesentlich
differenzierter.
(...).
Die administrative Grenzziehung, die sich in
verschiedenen Kontexten am 60. Geburtstag finden
läßt, scheint mit alltäglichen Auffassungen von
einer dann beginnenden Schonfrist für das Alter
korrespondiert zu haben." (S.49f.)
Abweichende
Definition des Alters durch den Sozialstaat
"Gegen den
Einwand, daß die Grenzziehung des sich entwickelnden
Sozialstaats zunächst bei 70, dann bei 65 Jahren
doch gewissermaßen den »offiziellen« Beginn des
Alters markierte, läßt sich erwidern, daß beide
Werte innerhalb der untersuchten Altersspanne
liegen, so daß eventuelle Schwerpunktverlagerungen
nicht unbemerkt bleiben. Richtig ist, daß in der
Zwischenkriegszeit (seit 1916) für Arbeiter,
Angestellte und Beamte gemeinsame gesetzliche (wenn
auch nicht tatsächlich erreichte) Ruhestandsalter
bei 65 Jahren lag und dadurch im öffentlichen
Bewußtsein zur normalen Altersgrenze wurde." (S.50)
Der Rückgang der
Geburten ist Schuld an alternden Gesellschaften
"Entgegen dem
ersten Eindruck und trotz vielfacher gegenteiliger
Behauptungen war es nicht die erhöhte
Lebenserwartung, sondern die gesunkene Geburtenrate,
die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem
in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts eine
rasche Erhöhung des Anteils älterer Menschen an der
Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches hervorrief.
(...). Das bessere Verständnis dieser Prozesse, in
denen die Wandlungen der Geburtlichkeit langfristig
die Altersstruktur der Bevölkerung prägen, hat
entscheidende Konsequenz für die Betrachtung von
Altersproblemen in Geschichte und Gegenwart. Dadurch
wird hervorgehoben, daß es nicht an den Alten liegt,
daß sie eine in Relation zur Gesamtbevölkerung
wachsende Gruppe ausmachen. Ganz im Gegenteil,
wollte man »Verantwortliche« benennen, daß müßte man
auf die jungen Ehepaare zeigen. Im
gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang ist die
Alterung der Bevölkerung als Folge der
demographischen Transition zu sehen, die den
Übergang von einer Gesellschaft, die Menschenleben
»verschwendet« (viele Geburten, hohe Sterblichkeit)
zu einer Gesellschaft des »sparsamen« Umgang mit
Leben, d.h. mit niedriger Natalität, aber hoher
Chance, nicht nur geboren, sondern auch alt zu
werden, bezeichnet" (S.59)
Debatte um die
"Vergreisung" in den 1920er und 1930er Jahren
"Es wurde
nicht als Trost empfunden, daß die
Gesamtbelastungsquote während der 1920er und 1930er
Jahre das niedrigste Niveau des 19. und 20.
Jahrhunderts erreicht hatte. Vielmehr machte sich an
der Beobachtung der Bevölkerungsentwicklung zum
ersten Mal in Deutschland ein breiter, pessimistisch
getönter Diskurs über »Vergreisung« fest." (S.58)
Vom Greisenalter
zum Ruhestand
"Vom
Greisenalter der späten Aufklärung als hauptsächlich
kulturellem Deutungsmuster mit hoher normativer
Aufladung, aber geringer praktischer Konsequenz
führte der Weg zum Ruhestand im Wohlfahrtsstaat als
neugeschaffener Lebensphase mit geringem Symbolwert,
aber umfassender materieller Bedeutung.
(...).
Neu am modernen Alter waren drei große Tendenzen,
die sich seit dem Ende des 19. Jahrhundert
durchsetzten: Neu war erstens, daß Alter als solches
zunehmend als gesellschaftliches Problem gesehen
wurde; zweitens, daß sein Hauptinhalt, der
Ruhestand, im Zusammenspiel von Arbeitsmarkt und
Sozialpolitik geschaffen wurde, und drittens, daß
immer mehr Menschen so alt wurden, daß sie diese
Phase durchleben konnten. Sozialpolitik,
Erwerbssystem und Demographie - das sind die drei
großen Motoren der Entwicklung vom Greisenalter zum
Ruhestand (...). Mit diesen drei Elementen läßt sich
eine Strukturgeschichte des Alters nachzeichnen."
(S.398)
"Vergleicht
man Anfangs- und Endpunkt dieses Strukturwandels,
springen die Unterschiede ins Auge. Einer der
wesentlichen liegt in der Klassenzugehörigkeit der
beiden Idealtypen. Der Greis war
offensichtlich ein Bürger, der Rentner
dagegen gehörte vorher zur großen Mehrheit der
abhängig Erwerbstätigen. Ihr Ruhestand unterscheidet
sich dementsprechend: auf der einen Seite der
Rückzug von Geschäften und einigen Ämtern, gesichert
durch eigenes Vermögen - auf der anderen Seite das
Ende des Arbeitsvertrags, der Verlust eigener
Erwerbsmöglichkeiten und die Abhängigkeit von
Transfereinkommen.
(...).
Personifiziert durch Greis und Rentner, weist diese
Bewegung zwischen den zwei Modellen der Lebensphase
Alter über die vorliegende Untersuchung hinaus:
Allgemeiner statt elitärer Ruhestand, gesicherte
Lebenserwartung statt Zufall des Überlebens,
vorwiegend öffentliche statt privater
Altersversorgung - diese Kontraste erfüllen sich
erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts."
(S.399)
Prognose
"Zur Zeit
herrscht ein gewisser Gleichgewichtszustand, auf
dessen Dauer sich etwa die Rentenreform 1992
beschränkt hat. Wenn allerdings die
Baby-Boom-Jahrgänge - und mit ihnen der Autor - ab
etwa den Jahren 2015/2020 in den Ruhestand treten,
könnte sich das Schwergewicht demographischer
Prozesse mit drastischen Konsequenzen für
Sozialpolitik und Gesellschaft tatsächlich
durchsetzen." (407)