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Thomas Bryant: Leben und Werk von Friedrich Burgdörfer

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1979 geboren
    • Studium der neueren und neuesten Geschichte, Politikwissenschaften und Soziologie
    • 2010 Buch "Friedrich Burgdörfer"
    • Dozent in der historisch-politischen Erwachsenenbildung
 
       
     
       
   

Thomas Bryant in seiner eigenen Schreibe

 
   

Neu:
BRYANT, Thomas (2011): Alterungsangst und Todesgefahr.
Der deutsche Demografie-Diskurs (1911-2011)
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.10-11 v. 07.03.

Der Historiker Thomas BRYANT zeichnet die 100jährige Debatte zum demografischen Wandel nach, in der des Öfteren die Gefahr der "Vergreisung" und des "Aussterbens" beschwört worden ist. Die Debatte um den Geburtenrückgang als Ursache dieser gefährlichen Entwicklung setzt um das Jahr 1911 ein:

"1911 ist gewissermaßen das Stichjahr für die Diskussion über die demografische Alterung in Deutschland. Es war der Gynäkologe Max Hirsch, der in jenem Jahr einen Aufsatz unter dem Titel »Der Geburtenrückgang - Etwas über seine Ursachen und die gesetzgeberischen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung« veröffentlichte. Auch wenn der Begriff »Geburtenrückgang« hier erstmals im Titel einer Veröffentlichung auftauchte, so gab es bereits schon zuvor einige andere Autoren, die sich gleichermaßen mit diesem Gegenstand auseinandergesetzt hatten."

Unter der Formel "Deutschland in Gefahr" fasst BRYANT die Debatte der Jahre 1911 - 1945 zusammen, in der Nationalökonomen wie Lujo BRENTANO oder Julius WOLF ("Der Geburtenrückgang"), Mediziner, Hygieniker und vor allem der Bevölkerungswissenschaftler Friedrich BURGDÖRFER die Entwicklungen beschrieben bzw. wie letzterer populärwissenschaftlich anheizten:

"Mit seinem 1932 veröffentlichten Hauptwerk »Volk ohne Jugend« verhalf Burgdörfer diesem Diskurs endgültig zum Durchbruch, indem er »die drohende Schrumpfung und Überalterung des Volkskörpers« aufs Schärfste verurteilte und sich zugleich energisch für eine »volkserneuernde, volkserhaltende Familienpolitik« aussprach, um so die »biologische Selbstvernichtung« des deutschen Volkes abzuwenden.
Nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten 1933 stiegen demografische Themen in den Rang eines zentralen, gesamtgesellschaftlichen Politikums auf."

Was heutzutage gerne verdrängt wird: im goldenen Zeitalter von Ehe und Familie, also den 1950er Jahren, wurde das Aussterben beschworen. Ganz im Gegensatz zum gegenwärtigen Mythos, wonach Konrad ADENAUER zugeschrieben wird, dass Frauen Kinder immer kriegen, sah das 1953 ganz anders aus:

"Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Gründung eines Bundesministeriums für Familienfragen im Herbst 1953. Bundeskanzler Konrad Adenauer rechtfertigte dieses institutionelle Novum damit, dass »die wachsende Überalterung des deutschen Volkes« gefährlich und »die Bevölkerungsbilanz des deutschen Volkes (...) erschreckend« sei. Sein zuständiger Fachminister Franz-Josef Wuermeling malte gar das altbekannte Schreckgespenst vom »allmähliche(n) Aussterben unseres Volkes« an die Wand."

Den Nachkriegsdiskurs nennt BRYANT "Deutschland ohne Deutsche". Erstaunlicherweise liest man jedoch bei BRYANT, dass die Debatte erst wieder in den 1980er Jahren entflammt. Dies steht jedoch im Widerspruch zur Tatsache, dass bereits in den 1970er Jahren entscheidende Weichenstellungen vorgenommen werden (Gründung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung 1973) und gerade auch im Hinblick auf die Rentenpolitik eine öffentliche Debatte forciert wurde (auch hier). Dagegen wird die Debatte seit der Wiedervereinigung von BRYANT unter das schillernde Motto "Deutschland gegen Methusalem" gestellt, was einer Verengung der Debatte auf die Kontroverse um das Methusalem-Komplott (Frank SCHIRRMACHER) geschuldet ist. Für BRYANT ist für diese Phase ein Schwanken zwischen zwei Extrempositionen charakteristisch. Entscheidender ist jedoch, dass mit dem  demografischen Wandel die Agenda 2010 gerechtfertigt wurde, die das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit einseitig zu Lasten der Arbeitnehmer verändert hat.

"Ungeachtet dieser Ambivalenz bleibt festzuhalten, dass der diskursive Schwerpunkt nach wie vor eindeutig auf den »Gefahren« des demografischen Wandels liegt - vorrangig im Bereich der staatlichen Wohlfahrtspolitik. Die letztgenannte Sichtweise offenbarte sich auch 2003 in einer Rede des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering: »Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Unsere Antwort heißt: Agenda 2010! Die Demografie macht den Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig.«"

Kritische Sozialwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einer "Demographisierung sozialer Probleme" bzw. "Demographisierung des Gesellschaftlichen". In der Schlussbetrachtung geht BRYANT auf Thilo SARRAZINs Bestseller Deutschland schafft sich ab ein, den er als Vorbote weiterer "Erbwalter" einer bedenklichen nationalen Tradition einstuft. Vor diesem Hintergrund ist jedoch die Einschätzung von BRYANT, dass der Begriff "demografischer Wandel" zur Versachlichung der Debatte beigetragen hat, selber ideologisch. BRYANT behauptet, dass dadurch die Chancen der "demografischen Alterung" diskutierbar geworden seien:

"Aufgrund der demografischen Veränderungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung richtete der Deutschen Bundestag eine Enquête-Kommission ein, die sich ausführlich mit diesem Thema auseinandersetzte. Der Kommission war es gelungen, die ideologisch aufgeladenen Begriffe »Vergreisung« und »Volkstod« weitestgehend durch den neutraleren Begriff »demografischer Wandel« - der sich inzwischen mehrheitlich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat - zu ersetzen und damit zugleich auch den Alterungsdiskurs insgesamt etwas zu versachlichen.
Ohne diesen semantischen Fortschritt wäre es um die Jahrtausendwende wohl nicht zur Herausbildung eines gänzlich neuen Diskursstranges gekommen, der nun erstmals nicht nur einseitig die Gefahren und Nachteile thematisiert, sondern ergänzend dazu auch die potenziellen Chancen und Vorzüge der demografischen Alterung mit in Betracht zieht."

Inwiefern die "potenziellen Chancen und Vorzüge" tatsächlich realisiert werden können, ist jedoch die entscheidende Frage. Das hervorragende Buch Lebensqualität produzieren von Alban KNECHT zeigt deutlich, dass mehr Lebensqualität für alle eine Herausforderung darstellt, denn es besteht die Gefahr, dass in unserem konservativen Wohlfahrtsregime die Chancen des demografischen Wandels ungenutzt bleiben.

 
       
   

Thomas Bryant im Gespräch

 
   

fehlt noch

 
       
   

Friedrich Burgdörfer (1890 - 1967) (2010).
Eine diskursbiographische Studie zur deutschen Demographie im 20. Jahrhundert
Stuttgart: Franz Steiner Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Die »ambivalente Moderne« hat Spuren hinterlassen – auch in Schweden. Social Engineering schien eine Möglichkeit, die negativen Folgen der Moderne aufzufangen, indem die sozialen Beziehungen neu gestaltet werden sollten. Zwei der weltweit bekanntesten Sozialingenieure waren Alva und Gunnar Myrdal. In Schweden, den USA und Asien versuchten sie zwischen 1930 und 1980 eine gerechte Gesellschaftsordnung zu entwerfen, die jedoch das Paradebeispiel einer »Normalisierungsgesellschaft« darstellt. Ein Blick auf ihre aufregend-konfliktreiche Ehe zeigt, dass sich Machtbeziehungen präziser analysieren lassen, wenn sie in den Alltagspraktiken der Experten verortet werden."

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Thematik, Methodik und Aufbau

1.1.1. Thematik
1.1.2. Methodik
1.1.3. Aufbau

1.2. Forschungsstand und Quellenlage

1.2.1. Forschungsstand
1.2.2. Quellenlage

2. Von "Fritz" zu "Friedrich" – Biographischer Abriß zum Werdegang Friedrich Burgdörfers bis 1933

3. Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik (1909–1933)

3.1. Vom Doktor zum Agitator – Friedrich Burgdörfers Engagement in bevölkerungspolitischen Organisationen und Institutionen des späten Kaiserreiches und der Weimarer Republik
3.2. "Das Gespenst des Gebärstreiks" – Friedrich Burgdörfer und die Anfänge der Diskussion um den Geburtenrückgang
3.3. "Die fortschreitende Überalterung und Vergreisung unseres Volkskörpers" – Friedrich Burgdörfers theoretische Erkenntnisse und praktische Lösungs- und Reform-Vorschläge zum Geburtenrückgang und zur demographischen Alterung

3.3.1. "Mehr Särge als Wiegen!" – Ursachen und Folgen des Geburtenrückgangs und der demographischen Alterung aus der Sicht Friedrich Burgdörfers
3.3.2. "Belebung und Stärkung des Familiensinnes und der Freude an der Familie" – Friedrich Burgdörfers Lösungsansätze zur Bekämpfung des Geburtenrückgangs und der demographischen Alterung

3.4. "Die neumalthusianische Hetze gegen die Kindererzeugung" – Friedrich Burgdörfers Kritik an der Lehre des (Neo-) Malthusianismus
3.5. "Der Aderlaß des Weltkrieges" – Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik im Zeichen des Ersten Weltkrieges

3.5.1. "Die gewaltige Geburtenpassivität der Kriegszeit" – Bevölkerungsdynamik und Erster Weltkrieg aus der Sicht Friedrich Burgdörfers
3.5.2. "Die Tatsache der contraselectorischen Wirkung des Weltkrieges" – Die rassenhygienischen/eugenischen Implikationen des Ersten Weltkrieges aus der Sicht Friedrich Burgdörfers
3.5.3. "Die staatspolitische Zerreißung des Deutschtums" – Die demographischen Folgen des Versailler Vertrages aus der Sicht Friedrich Burgdörfers

3.6. Der "unproduktivste Aufwand in unserem Volkshaushalt" – Friedrich Burgdörfer und die "Bio-Ökonomisierung" des Menschen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise
3.7. "Leben oder Tod?" – Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik am Vorabend der "Machtergreifung" des Nationalsozialismus

4. Exkurs I: "Ein Standardwerk im besten Sinne des Wortes" – Friedrich Burgdörfers Hauptwerk "Volk ohne Jugend" (1932)
5. Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik im "Dritten Reich" (1933–1945)

5.1. "Ein beglückendes Gefühl" – Friedrich Burgdörfer und das Selbstverständnis der deutschen Bevölkerungsstatistik nach der "Machtergreifung" des Nationalsozialismus (1933)
5.2. "Mit höchster Einsatzbereitschaft" – Friedrich Burgdörfers bevölkerungspolitisches Engagement in Organisationen und Institutionen des "Dritten Reiches" (1933–1939)
5.3. "Auf Herz und Nieren registriert" – Friedrich Burgdörfer und die Volkszählungen von 1933 und 1939
5.4. "Auf deutschem Boden als deutsches Volk behaupten" – Friedrich Burgdörfer und die nationalpolitische Bedeutung der Bevölkerungspolitik
5.5. "Das Stadt-Land-Problem" – Friedrich Burgdörfer und die bevölkerungsdynamische Bedeutung von Stadt und Land
5.6. "Ausmerzung der Minderwertigen und Untüchtigen" – Friedrich Burgdörfer und das Verhältnis zwischen Bevölkerungsstatistik/-politik und Rassenhygiene/Eugenik
5.7. "Unter Hinweis auf das deutsche Beispiel" – Friedrich Burgdörfer und die Bedeutung der deutschen Bevölkerungsstatistik im Ausland
5.8. "Erfassung des Judentums und der Judenmischlinge" – Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage"
5.9. "Der deutsche Lebensraum und das deutsche Lebensrecht endgültig gesichert" – Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik im Zeichen des Zweiten Weltkrieges (1939–1945)

6. Exkurs II: "Träger, Bewahrer und Mehrer der lebendigen Volkskraft" – Friedrich Burgdörfers familienpolitische Konzeption
7. Friedrich Burgdörfer und die bundesdeutsche Bevölkerungsstatistik nach 1945/49

7.1. "Removed from the service" – Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" (1945)
7.2. "In die Kollektivschuld mit einbezogen" – Friedrich Burgdörfer zwischen "Entnazifizierung", Amnestie und Rehabilitation (1946–1948)
7.3. "Noch ganz der gleiche Mensch" – Friedrich Burgdörfer und die deutsche Bevölkerungsstatistik von der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis zur Mitte der 1960er Jahre

7.3.1. "Da-sein und Da-bleiben" – Das Schicksal der Juden und Sudetendeutschen in Friedrich Burgdörfers bevölkerungsstatistischer Bilanz des Zweiten Weltkrieges
7.3.2. "Neue, bisher nicht gegebene Möglichkeiten" – Friedrich Burgdörfers Wirken in Wissenschaft, Politik und Publizistik nach 1945
7.3.3. "Rückstände eines sogenannten nationalsozialistischen Ideengutes" – Friedrich Burgdörfer und die post-nationalsozialistische Legitimitätskrise der bundesdeutschen Bevölkerungsstatistik

7.4. "Eine bleibende internationale Anerkennung" – Friedrich Burgdörfer im Lichte posthumer Rezeption

8. "Hier wird der Statistiker Bevölkerungspolitiker." – Friedrich Burgdörfer im Wechselspiel zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik

8.1. "Mit weiteren Zahlen nicht belästigen" – Friedrich Burgdörfers Wissenschaftskonzeption
8.2. Zwischen "Konservativer Revolution" und "völkischem Nationalismus" – Friedrich Burgdörfers Standort im geistig-politischen Klima seiner Zeit
8.3. "Die statistische Grauligmacherei vom Aussterben des deutschen Volkes" – Friedrich Burgdörfer im Lichte zeitgenössischer Kritik

9. Schlußbetrachtung und Zusammenfassung
10. Anhang

10.1. Chronologischer Abriß zum Leben und Werk Friedrich Burgdörfers
10.2. Übersichten zur demographischen Entwicklung im Deutschen Reich zwischen 1871 und 1945

11. Bibliographie

11.1. Archiv-Quellen
11.2. Schrifttum Friedrich Burgdörfers
11.3. Rezensionen zum Schrifttum Friedrich Burgdörfers
11.4. Schrifttum anderer zeitgenössischer Autoren (bis 1967)
11.5. Forschungsliteratur (ab 1968)

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 08. Mai 2007
Update: 18. März 2011