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Heribert Engstler: Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik

 
       
     
       
     
       
   

Heribert Engstler in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

ENGSTLER, Heribert & Kurt LÜSCHER (1991): Späte erste Mutterschaft.
Ein neues biographisches Muster der Familiengründung,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, H.4, S.433-460

Gemäß Heribert ENGSTLER & Kurt LÜSCHER lag die Anzahl der spätgeborenen Kindern 1960 über die Anzahl im Jahr 1988. ENGSTLER & LÜSCHER gehen deshalb davon aus, dass es sich bei dem Phänomen später erster Mutterschaft nicht um ein neues Phänomen, sondern um ein ein "gefühltes Phänomen" handelt, da vom Aufschub der Familiengründung in ein Alter von durchschnittlich 27 Jahren weite Kreise betroffen sind und der Anteil der Erstgeburten an den Geburten Spätgebärender durch den Rückgang der Kinderzahlen gestiegen ist.

Bei der Erfassung gibt es nach ENGSTLER & LÜSCHER Datenlücken, die mit Arbeiten von Herwig BIRG u. a. durch Schätzungen geschlossen werden können. Dafür ist jedoch die Anpassung an die Veränderungen des Anteils von Wiederheirateten an den jährlichen Eheschließungen zu berücksichtigen. ENGSTLER & LÜSCHER haben ermittelt, dass die

"geschätzte Gesamtzahl »später« erster Mutterschaften weitgehend - wenn auch eher zufällig - mit der Anzahl ehelicher Erstgeburten gemäß der amtlichen Definition übereinstimmt, da die darin zuviel enthaltenden tatsächlichen Erstkinder die außer acht gelassenen Familiengründungen unverheirateter Mütter ausgleichen." (S.434)

Aufgrund einer Befragung von 22 späten ersten Müttern im Jahr 1989 (Berlin sowie Regionen Schwäbisch Hall und Bodensee), bei der darauf geachtet wurde, dass nicht nur Akademikerinnen befragt wurden, finden ENGSTLER & LÜSCHER drei verschiedene Ausbildungs- und Berufsverlaufsmuster:

"Das erste Verlaufsmuster ist durch einen längeren Verbleib oder einen späten Eintritt in das tertiäre Bildungssystem gekennzeichnet, nach dessen Verlassen der Einstieg in den Beruf nur verzögert oder befristet erfolgt. Der längere Aufenthalt an der Hochschule ist einerseits bedingt durch eine überdurchschnittliche Studiendauer bis zum ersten akademischen Abschluß, oft als Folge eines Fachwechsels nach mehreren absolvierten Semestern, andererseits rührt er auch daher, daß anschließend bisweilen noch promoviert wird.
Im Unterschied zum längeren Verbleib oder relativ späten Einstieg in das tertiäre Bildungssystem und einer anschließend verzögerten oder unvollständigen Integration in das Beschäftigungssystem ist das zweite Verlaufsmuster dadurch gekennzeichnet, daß die Frauen vor der Familiengründung schon viele Jahre einer Vollzeitbeschäftigung im erlernten Beruf nachgehen (...). Zwar erfolgte die berufliche Ausbildung überwiegend außeruniversitär im dualen System oder berufsbildenden Fachschulen, das Absolvieren eines Hochschulstudiums schließt die Zugehörigkeit zu diesem Muster jedoch nicht aus, wenn das Examen zeitig erfolgt und die Absolventin danach rasch eine Daueranstellung erhält.
Das dritte Verlaufsmuster ist - mehr als die beiden ersten - durch eine geringe Kontinuität der Ausbildungs- und Berufsverläufe gekennzeichnet". (S.443)

Bei den Partnerschaftsbiografien finden ENGSTLER & LÜSCHER mehrheitlich

"bereits Bindungs- und Trennungserfahrungen mit ein bis zwei festen Partnern (...), bevor sie den Mann kennenlernten, mit dem sie schließlich eine Familie gründeten" (S.444)

Außerdem kommt bei 10 Befragten eine temporäre Sterilität und Infertilität vor. Ihr Fazit:

"Diese Angaben bestärken die Vermutung, daß die »späte« erste Mutterschaft nur teilweise Ausdruck der Inanspruchnahme gestiegener Handlungsspielräume von Frauen ist." (S.444)

ENGSTLER & LÜSCHER unterscheiden bei den späten Müttern drei biographische Muster des Kinderwunsches, die unterschiedlichen Handlungsmustern entsprechen:

"(1) wiederholter, mehr oder weniger gewollter Aufschub bei grundsätzlich bestehendem Kinderwunsch; (2) späte Bereitschaft zur Mutterschaft, naheliegenderweise in Verbindung mit einer Veränderung der Lebenssituation und einem Sinneswandel; (3) ungewollter, meist durch physiologische oder gesundheitliche Probleme bedingter Aufschub bei zumindest anfangs selbstverständlichem, zeitweise stark betontem Kinderwunsch. Es ist zweckmäßig, diese Grundmuster idealtypisch zu überhöhen, um die beobachteten Muster des Entstehens später erster Mutterschaft zu Handlungsmustern in anderen Bereichen des sozialen Lebens in Beziehung zu setzen. Wir schlagen vor, dem ersten Muster den Charakter des »wiederholten Abwägens«, dem zweiten denjenigen einer »Konversion« und dem dritten denjenigen von »Schicksal« zuzuschreiben." (S.450)

 
       
       
   

Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik (2003)
erweiterte Neuauflage
(zusammen mit Sonja Menning)

Bonn: Zweigstelle des
Statistischen Bundesamts. Im Auftrag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 
   
     
 

Kommentar

Heribert ENGSTLER & Sonja MENNING haben die Verbreitung der Alleinlebenden in Tabelle A 1 - 26 (S.226) für das Jahr 2000 differenziert dargestellt.
Im Gegensatz zu den üblichen Publikationen ist die Verbreitung der Alleinlebenden gegliedert nach
1) Gebieten: alten Bundesländern/neuen Bundesländern/Deutschland gesamt
2) Alter (unter 20; 20 - 74 in jeweils 5 Jahre umfassenden Altersgruppen; 75 und mehr)
3) Geschlecht (Männer und Frauen)
Durch diese Differenzierung ist es zum Beispiel möglich den Anteil von Männern oder Frauen in bestimmten Altersgruppen zu ermitteln.

In aktualisierten Tabellen zum Datenreport mit ausgewählten Ergebnissen des Mikrozensus 2003 (erschienen im November 2004, Statistisches Bundesamt) ist die Tabelle A 1 - 26 für das Jahr 2003 aktualisiert worden.

Der Soziologe Rüdiger PEUCKERT hat im Buch  Familienformen im sozialen Wandel (2004, 5. Auflage)  die Verbreitung der Alleinwohnenden auf der Basis der Daten von ENGSTLER & MENNING übersichtlich nach Männern und Frauen in Deutschland dargestellt. (Tab.6, S.62)

     
 
       
   

Heribert Engstler in der Debatte

NANO ONLINE (2003): "Normalfamilie" ist noch kein Auslaufmodell.
Trotz Single-Trend,
in: Nano Online v. 03.04.

Neu:
DESTATIS (2006): Kinderlosigkeit von Akademikerinnen im Spiegel des Mikrozensus,
in: Statistisches Bundesamt v. 06.06.

Das Statistische Bundesamt vermutet, dass die Rede von den 40 % kinderlosen Akademikerinnen aus einer 1998 veröffentlichen Publikation von Heribert ENGSTLER stammt:

"Das oftmals öffentlich diskutierte Ergebnis, dass rund 40% der Akademikerinnen kinderlos bleiben, basiert vermutlich auf dem Datenreport »Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik«. Dieser enthält unter anderem eine Tabelle mit Ergebnissen des Mikrozensus 1976, 1991 sowie 1996 zum Anteil der Frauen ohne Kinder im Haushalt unter den 35- bis 39-jährigen deutschen Frauen nach Bildungsabschluss. Danach lebten im früheren Bundesgebiet (einschließlich Berlin-West) im Jahr 1996 39,9% der 35- bis 39-jährigen Frauen mit Universitätsabschluss ohne Kinder im Haushalt. 1976 lag der entsprechende Anteil bei 28,8%. Bei den Frauen mit Abschluss einer Fachhochschule (einschließlich Ingenieurschule, ohne Abschluss der Fachschule der DDR) betrugen die Anteile 36,2% (1996) beziehungsweise 29,8% (1976). Im Text selbst ist nachzulesen: »Auffällig ist der im Westen besonders hohe Anteil kinderloser Frauen mit Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. 40 Prozent der 35- bis 39-jährigen Akademikerinnen haben keine Kinder im Haushalt«. In einer Fußnote wird nochmals darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um eine Schätzung handelt. Zudem wird dargestellt, dass der Anteil der »kinderlosen« Frauen in den neuen Ländern (einschließlich Berlin-Ost) erheblich geringer ist.
Die Bezugnahme auf 35- bis 39-jährige Frauen erscheint für die jüngeren Geburtskohorten insofern zu eng, als Familiengründungsprozesse bei hoch qualifizierten Frauen im Vergleich zu mittleren und unteren Bildungsgruppen in einem deutlich höheren Lebensalter stattfinden; dabei ist eine »späte« Mutterschaft durchaus nicht ungewöhnlich. Um diesen Alterseffekt in den Analysen angemessen zu berücksichtigen, wird die Altersgrenze in neueren Analysen nach oben erweitert."

 
       
   

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Update: 09. März 2017