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- HONDRICH, Karl Otto (1986): Die
Verwandlung,
in: Spiegel Nr.50 v. 08.12.
- Inhalt:
HONDRICH
beschäftigt sich in dem Artikel angesichts der Debatte um die
Asylanten mit dem Geburtenrückgang:
"Fallende
Geburtenraten lassen sich bis weit ins 19. Jahrhundert
zurückverfolgen. In diesem Trend markiert allerdings das Jahr 1972
einen besonderen Punkt: Seither übertrifft die Zahl der sterbenden
Deutschen die der Geborenen, die deutsche Bevölkerung nimmt ab.
In
den letzten 14 Jahren schrumpfte sie in der Bundesrepublik,
ausgehend von 58,3 Millionen, um knapp zwei Millionen, bis zum Jahr
2030 sagt ein Arbeitskreis beim Bundesinnenminister einen Rückgang
auf 42,6 Millionen voraus, eine Modellrechnung läßt nur noch 34
Millionen Deutsche übrig. Ob sich die Bundesrepublik in 40 Jahren um
knapp die Hälfte, um ein Drittel oder nur um ein Viertel der
deutschen Bevölkerung entleert: In Zeitbegriffen gesellschaftlichen
Wandels ist dies ein atemberaubender, wenn auch von den einzelnen
nicht wahrgenommener Prozeß."
- HONDRICH,
Karl Otto (2000): Von Generation zu Generation
wird die Liebe weniger.
Die
Gesellschaft hat Angst vor Unfruchtbarkeit und
Kinderarmut, aber traut sich nicht, darüber zu
reden. Stattdessen lenkt sie ihre Ängste auf die
Homosexuellen-Ehe,
in: Tagesspiegel
v. 02.09.
- Kommentar:
Der Soziologe
HONDRICH unternimmt eine
Interessenanalyse, deren Fazit heißt:
"im Verteilungskampf sind die
Kinderarmen längst auf dem Weg zur
numerischen und moralischen Mehrheit der
Modernisierungsgewinner".
Mit einem
Taschenspielertrick macht HONDRICH aus
einer Minderheit eine Mehrheit, indem er
die Interessengleichheit verschiedener
Gruppen wie Homosexuellen, Singles,
unverheirateten Paaren und verheirateten
kinderlosen Doppelverdienern unterstellt.
Er fasst diese unter dem Begriff
"Kinderarme" zusammen, ohne
diesen Begriff zu definieren.
Bevölkerungspolitisch
ist eine Kinderzahl von 2,3 pro Paar
notwendig, um die Reproduktion zu
sichern, d.h. die sog. Normalfamilie
(Eltern mit zwei Kindern) muss
bevölkerungspolitisch zu den Kinderarmen
gezählt werden.
Die
Begriffe "Singles" und
"unverheiratete Paare" sagen
darüber, ob es sich um Eltern handelt,
erst einmal gar nichts aus. Singles - ob
als Alleinlebende oder Alleinstehende -
können genauso Eltern sein wie
unverheiratete Paare. Zahlen muss
HONDRICH schuldig bleiben, weil die
Statistik in dieser Hinsicht große
Lücken aufweist.
Singles
sind im Gegensatz zu HONDRICHs
Interessenanalyse nicht konfliktfähig.
Es gibt weder eine soziale Bewegung der
"Kinderarmen" (nicht einmal der
Kinderlosen), noch einen einheitlichen
Verband, der "Kinderarme"
politisch vertreten würde.
Singles sind
eine heterogene Gruppe. Ältere Witwen,
die mehr als zwei Kinder aufgezogen
haben, bevor sie nun als Alleinlebende
ihren Lebensabend verbringen und junge
Ledige, die kinderlos sind, aber
irgendwann Kinder wollen, sind im
statistischen Sinne Singles. Sie passen
jedoch nicht so recht in das Bild von
HONDRICH, der sich lieber den Medienstar
"allein lebender Yuppie" zu
eigen macht - eine statistisch gesehen
unbedeutende Gruppe.
- HONDRICH, Karl Otto
(2001): Ausblick auf das 21. Jahrhundert.
in: Neue Zürcher Zeitung
v. 20.01.
- HONDRICH,
Karl Otto (2001): Eine globale Wirtschaft braucht
eine kulturelle Basis.
Sozialpolitische
Herausforderungen in den alten Industrieländern,
in: Neue
Zürcher Zeitung v. 16.06.
- Kommentar:
"Nicht die
große Zahl der Arbeitenden und des
Arbeitsnachwuchses, sondern ihre
Produktivität und Solidarität mit der
nicht arbeitenden Bevölkerung sind die
beiden Pfeiler, auf denen der Sozialstaat
materiell ruht", heißt das Credo
des Frankfurter Soziologen. In Gefahr
sieht er die Solidarität, einerseits
durch Private Versicherungen und
andererseits durch die Grundrente.
Wie lange müssen
wir auf den «Krieg der Generationen»
warten? "Die Antwort lautet:
unendlich lange. Zumindest so lange, wie
die Wirtschaft produktiv ist, die
politischen Institutionen zur Regelung
von Verteilungskonflikten funktionieren
und die Generationen durch persönliche
Zuneigung, durch die Liebe zwischen
Eltern und Kindern, einander verbunden
sind.
Destabilisierung droht dem Gesamtsystem
vielmehr aus einer ganz anderen Richtung,
nämlich aus dem Zusammenhang zwischen
steigender Produktivität und sinkender
Reproduktivität (...). Die Befürchtung,
dass dadurch die Wirtschaftskraft mangels
Arbeitskräften und die sozialen
Sicherungssysteme mangels Beitragszahlern
erlahmen würden, ist aber unbegründet:
Produktivitätssteigerungen ersetzen die
fehlenden Arbeitskräfte, sie stellen
sozusagen die künstliche Jugend der
alten Gesellschaften dar."
Es wäre nicht
HONDRICH, wenn diese schizoide
Argumentation (HONDRICH argumentiert mit
makrosoziologischem Pessimismus gegen
seinen mikrosoziologischen Optimismus)
nicht am Schluss doch noch den Einsatz
der Moralkeule erforderlich machen
würde:
"Zu den
tiefsten moralischen Voraussetzungen
aller Sozialität gehört das
Gegenseitigkeitsprinzip «Wie du mir, so
ich dir». Es gebietet uns, uns auch
tätig zurückzuwenden zu den Eltern, um
ihnen das zu vergelten, was sie für uns
getan haben. Gerade in der Beziehung zu
den eigenen Eltern kann aber
Reziprozität nicht nur ein Zurückgeben
sein. Denn das Wichtigste, was uns die
Eltern gegeben haben, ist das Leben. Das
Leben können wir den Eltern nicht
zurückgeben. Wir können es nur
weitergeben, indem wir selbst Eltern
werden. Die fortgeschrittenen
Industriegesellschaften, die von
Generation zu Generation immer mehr
Elternschaft und Jugend empfangen, als
sie zurück- und weitergeben, geraten
damit in ein Ungleichgewicht, das sie
vielleicht in ihrem moralischen Innersten
erschüttert."
Der Krieg der
Generationen, den HONDRICH oben noch
abstreitet, kommt also durch die
moralische Hintertür!
- HONDRICH, Karl Otto
(2001): Der Neue Mensch - und seine Grenzen,
in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung v. 13.10.
- Inhalt:
In seinem Essay kritisiert
der Soziologe HONDRICH die Vorstellungen vom
individualisierten, flexiblen Menschen als neue Utopien, die
alte Großutopien abgelöst hätten.
Der Angriff auf
Amerika zwingt dagegen zur
"Besinnung auf seine eigene
Kollektivität". SF-Phantasien der
"Dritten Kultur" gehen noch
weiter, wenn sie den Neuen Menschen als
einen von Leib und Lebenszeit (Klone à la
HOUELLEBECQ oder
Cyborgs) befreiten Menschen denken.
Für
HONDRICH ist vollkommene Flexibilität
weder willkommen, noch möglich. Auch ein
"Ende der Arbeitsgesellschaft"
vermag er nirgends zu erkennen. HONDRICH
fordert eine Neuorientierung der
Soziologie - weg von unwichtig gewordenen
Fragen der Herrschaft oder Klasse - hin
zur Erforschung der "Differenzen
zwischen Kulturen", denn in
"der globalen Welt, in der sie
aufeinanderstoßen, gewinnen die
Unterschiede zwischen Kulturen eine
besondere Sprengkraft".
Aber auch das ist
nicht ausreichend, denn die
übergreifende Gemeinsamkeit aller
Menschen ist nicht in den Menschenrechten
begründet, sondern in den sozialen
Beziehungsgesetzen: "Das sind
Prozesse und Gesetzmäßigkeiten des
Zusammenlebens, denen sich niemand
entziehen kann: Das Gesetz der
Gegenseitigkeit ('Wie du mir, so ich
dir'), das Gesetz der Präferenz für das
Eigene, das Gesetzt der Unantastbarkeit
des Heiligsten ('Tabu')...".
HONDRICHs Ansatz
versteht sich als eine Absage an die sich
historisch verstehende
Soziologie à la
Ulrich BECK.
-
HONDRICH, Karl Otto (2002): Hürden vor dem Untergang.
Einige Bemerkungen zu Endzeit und Anfang in Deutschland,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 28.12.
- Kommentar:
HONDRICH tröstet die CDU/CSU/FDP-Wähler angesichts der
erlittenen Wahlschlappe:
"Die wirtschaftsliberale Rechte,
über grosse Strecken hinweg als Regierungskoalition am Rhein den
Krisenprophetien und Endzeitbeschwörungen der Linken ausgesetzt, hat
nun selbst die Lufthoheit am Krisenhimmel erobert (Rache ist süss).
Über kurz oder lang wird sie auf dem Regierungsatoll landen, und sei
es in einer grossen Koalition. In den jüngsten einvernehmlichen
Massnahmen von Regierung und Opposition ist sie bereits auf dem Weg.
Nebenbei wird die CDU dabei noch die SPD retten. Hat die erste grosse
Koalition (in den sechziger Jahren) die Sozialdemokraten de facto aus
dem Schneewittchensarg der Klassenpartei erlöst, so wird die kommende
grosse Koalition sie von einer Klienten- zu einer Allround-Partei
machen, mit der modernen Fähigkeit zu «paradoxer Politik». Statt «mehr
soziale Gerechtigkeit» wird es auch in der SPD «durch mehr Leistung zu
mehr Gerechtigkeit» heissen, was auf ein Hintanstellen sozialer
Gerechtigkeit im Namen sozialer Gerechtigkeit hinausläuft.
Die Politik, die diese Umwertung sozialdemokratischer Werte vollzieht
und unter dem Etikett «Reformen» zugleich verbirgt, wird kommen, so
oder so."
Als Hürden vor dem Untergang
bezeichnet HONDRICH Regierungswechsel, die anderen politikkorrigierenden Lebenssphären und den "Takt internationaler
Konjunkturen und Krisen".
Zusammen
machen sie die "Ohnmacht der Politik" aus, die der Soziologe HONDRICH
nicht als politisches Steuerungsproblem oder als Unregierbarkeit
erscheint, sondern als Segen.
- HONDRICH,
Karl Otto (2004): Die mittleren Jahre.
Wie kann der einzelne sich ein langes Leben in Wohlstand leisten,
wenn er (demnächst) nur noch ein Viertel seines Lebens lang selbst
Wohlstand schafft? Aufs Ganze gesehen: Können die beruflichen
Leistungsträger in ihren besten Jahren alle anderen mitversorgen?
Warum die Verhältnisse sich den vielen guten Einsichten widersetzen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.05.
- Inhalt:
HONDRICH vergleicht zu Beginn seinen universitären
Lebenslauf mit dem außeruniversitären Arbeitsleben seines Vaters, um
dann zum Schluss zu kommen, dass eine generelle Verlängerung der
Lebensarbeitszeit der Logik der Produktivitätsdynamik entgegensteht.
Weder die Kindheit/Jugend noch das Alter können unter diesem
Gesichtspunkt entscheidend verkürzt werden.
Für HONDRICH
ist die Produktivitätssteigerung zugleich das Problem und die Lösung
für das Wirtschaftssystems.
Die mittleren
Jahren sind einerseits die beruflich produktiven Jahre, andererseits
werden sie durch familiäre Verpflichtungen gegenüber den Jungen und
den Alten überlastet.
Die so genannte
"Sandwich-Generation" der 40-60jährigen sind gemäß HONDRICH die
gesellschaftlichen Leistungsträger.
HONDRICH definiert
Generationen als familiäre und nicht als politische, sodass er
schreiben kann:
"zwischen den Generationen
ist nicht Gerechtigkeit das Regulativ, sondern Liebe."
Aus dem
Blickwinkel von HONDRICH hat Kinderlosigkeit deshalb primär eine
Entlastungsfunktion:
"Die Fülle der
mittleren Jahre gerät zur Überfülle, für manche zum Überdruß.
Wünsche und Visionen der Jugend konnten nicht erfüllt werden.
Erfüllungen erstarren zu Routinen. Auch was aus Liebe getan wird,
kann zur Last, ja zur Überlast werden. Die moderne Gesellschaft
weist Auswege: Sie bietet Neuanfänge. Sie verringert die Zahl der
Kinder und entlastet so die mittleren Jahre von Bindungen und
Verpflichtungen."
Für HONDRICH
ist Kinderlosigkeit zwar in den mittleren Jahren objektiv entlastend
für Kinderlose, wirkt aber doppelt defizitär, d.h. infantilisierend
und vergangenheitsfixierend:
"Erwachsene ohne Kinder
bleiben selbst länger in der Rolle des Kindes. Sie wird nicht
dadurch aufgehoben, daß sie selbst Eltern werden. Sei bleiben immer
Nichteltern. Den eigenen Eltern gegenüber mögen sie sie auch im
sozialen Aufstieg überflügeln, werden sie niemals ebenbürtig. (...).
Mangels Bindungen an eigene Kinder, die nach vorn weisen, dominieren
bei den Kinderlosen Rückbindungen an alte Eltern, eventuell Onkel
und Tanten und Geschwister. Unwillkürlich und untergründig bleiben
sie deshalb (...) der Vergangenheit oft stärker verbunden, als sie
selbst für möglich halten."
Damit nicht genug:
Die Entlastungsfunktion wird gemäß HONDRICH für die Kinderlosen im
Alter zur Falle:
"Die kinderlosen Alten sind
(...) ganz und auf die Kinder von anderen - und immer mehr: aus
anderen Kulturen - angewiesen. Sie wandeln auf dem Grat zwischen
Vereinsamung und
Kommerzialisierung
ihrer letzten Lebensbezüge. Dies ist ein hoher Preis für die
Entlastung der mittleren Jahre von eigenen Kindern. Entlastung
enthält den doppelten Verlust einer eigenen familialen Lebensmitte
und eines von eigenen Nachkommen zumindest emotional mitgetragenen
Alters."
HONDRICH sieht
wie Ulrich
BECK (Neue Zürcher Zeitung vom 18.06.2004) das
Problem der mittleren Jahre (und damit auch des Demografieproblems)
nicht im nationalen Rahmen politisch lösbar, sondern sieht Chancen
durch die Internationalisierung:
"Reformer und
Bewußtseinsexperten (...) überschätzen die Politik und unterschätzen
die soziokulturellen Kräfte, die untergründig und wirksamer an einer
anderen Lösung der Probleme arbeiten - allerdings nicht im
nationalen Rahmen: Die Produktivitätsspirale wird exportiert,
mittlere Jahre werden importiert. Dieser merkwürdige Austausch wird
von Kassandrarufen begleitet: Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr
selbst reproduziert, gebe sich selbst auf. Irrtum. Sie geht nur auf
- in einer erweiterten Gesellschaft."
-
HONDRICH, Karl Otto (2005): Die mittleren Jahre.
Die Zeit aktiver Berufstätigkeit verkürzt sich in den
Einzelbiografien immer mehr. Zu gesellschaftlichen Veränderungen
durch die Logik der Produktivitätssteigerung (Teil 1),
in: Die Politische Meinung, Nr.160, Juni
-
HONDRICH, Karl Otto (2005): Die Bevölkerung
schrumpft? Wunderbar!
Deutschland jammert über den Geburtenrückgang und die Alterung
der Bevölkerung. Bestürzt registriert die nationale
Erschreckensgemeinschaft alle Szenarien der kollektiven Vergreisung.
Dazu gibt es keinen Grund: Die demografische Transformation ist das
Ergebnis einer sozialen Erfolgsgeschichte und ermöglicht die Lösung
zahlreicher Probleme. Denn der Geburtenrückgang verschafft der
Gesellschaft mehr Luft und Leistungsraum,
in: Cicero, Nr.8, August
- Kommentar:
Karl Otto HONDRICH, der bislang nicht gerade
als Verfechter des Lebensstilpluralismus bekannt war, erkennt nun
im Geburtenrückgang das Gute und wettert gegen die
Apokalyptiker:
"2,1.
Für die demografischen Gefahrenbeschwörungsgemeinschaft ist dies
eine magische Zahl. Eine Geburtenrate, die tief darunter liegt,
wird zum Inbegriff des Untergangs.
Bei
genauer Betrachtung ist der Geburtenrückgang eine Lösung für viele
Probleme."
Wie
kommt HONDRICH zu dieser neuen Sicht?
Zum
einen greift er auf ein Alternativszenario zurück, das
single-generation.de
bereits im Mai 2002 für ein Deutschland ohne Verhaltensänderung
entworfen hat:
"Der
Fall der Geburtenrate (...) verhinderte (...), dass sich heute in
Deutschland zwischen 100 und 200 Millionen Menschen drängeln. Man
kann nicht alles zugleich haben: ein längeres Leben, eine
jugendliche Gesellschaft und eine stabile Gesellschaft."
Zum
anderen vertritt HONDRICH im Gegensatz zu den Polarisierern, deren
Argumentation der Soziologe Franz-Xaver KAUFMANN in seinem neuen
Buch
Schrumpfende Gesellschaft
zu einem reaktionären Cocktail vermixt hat, eine
Entkopplungsthese:
"Bevölkerungswachstum
und Wirtschaftswachstum scheinen historisch zusammenzugehören.
(...). Entscheidend ist aber, dass das Wirtschaften selbst (...)
ein sozialer Prozess ist, der sich von demografischen Schwankungen
unabhängig macht. Je besser die Wirtschaft funktioniert, desto
weniger Menschen braucht sie."
HONDRICH
räumt auf mit der Vorstellung, dass die Jungen die Alterslasten zu
tragen hätten:
"Es
sind nicht die Jungen, die die Alterslast tragen, sondern die
Hochleister der mittleren Jahre, Männer wie Frauen. (...). Keine
Kinder zu bekommen, bedeutet für sie nicht nur Verzicht, sondern
auch Entlastung."
Einem
weit verbreiteten Mythos tritt HONDRICH ebenfalls entgegen, dass
nämlich der demografische Wandel die sozialen Sicherungssystem
gefährden würden:
"Wenn
die hochproduktive, unablässig rationalisierende Wirtschaft nur
noch kleine, jüngere »Olympiamannschaften« in den Unternehmen
belässt, kreiert sie Arbeitslose und Alte und schiebt sie im
gleichen Atemzug auf die Systeme der sozialen Sicherung ab.
Aber
ist deren Problem ein demografisches Problem? Es ist in erster
Linie durch die Wirtschaft gemacht, und zwar nicht durch ihr
Erlahmen, sondern durch ihre Effizienz. Es ist zweitens ein
Problem der offenen Gesellschaft, das die Politik auf die
Sozialsysteme übergewälzt hat."
Sein Fazit zum Sozialsystem lautet deshalb:
"Die
Zerreißprobe, auf die das Sozialsystem jetzt gestellt wird, hat
wenig mit Geburten- und Sterbeziffern zu tun, aber viel mit
politisch überdehnter und überforderter Solidarität".
Nicht
im demografischen Wandel, sondern in den veränderten
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sieht HONDRICH deshalb den
notwendigen Umbau des Sozialsystems begründet:
"Dass
eventuell alle Generationen kürzer treten müssen, ist weniger
demografischen Faktoren geschuldet als Veränderungen im
Leistungsgefüge der Weltwirtschaft."
Die
Überschätzung des Problems der lebenslangen Kinderlosigkeit ist
mittlerweile auch bei HONDRICH angekommen:
"»40
Prozent aller Akademikerinnen bleiben kinderlos!«, tönt der Chor
der demografischen Tragödie. Und noch bevor wir von
besonnenen
Statistikern erfahren, dass die Zahl völlig ungesichert ist,
haben sich ihre vermeintlichen Folgen schon in unsern Köpfen
festgesetzt".
Auch
mit dem gefühlten Niedergang der Familie wird es nichts:
"Geburtenrückgang
und Langlebigkeit
führen dazu, dass Familien weniger in die Breite, sondern als
»Bohnenstangenfamilie«, in die Länge dehnen. Auch Menschen ohne
Kinder können, sich
an Verwandte und Freunde anschließend, ihre
Familie »machen«.
Entgegen
den Vorurteilen von der zerfallenden und verstreuten Familie sind
Familienbande heute eher wichtiger und dichter als vor einem
halben Jahrhundert."
Um
seinen Überlegungen noch mehr Stringenz zu verleihen, sieht
HONDRICH im Geburtenrückgang sogar das Ergebnis einer neuen Stufe
der gesellschaftlichen Evolution:
"Was
heute an den demografischen Klagemauern bejammert wird -
Geburtenrückgang, Vergreisung, Migration -, sind nicht Irrläufer
und Ausläufer der Evolution. Eher kündigt sich darin eine neue
Entwicklungsstufe mit neuen Problemlösungen an. Gesellschaften
stellten ihre Nachwuchssicherung um: von vielen, riskanten und
kurzen auf wenige, sichere und längere Lebensläufe; von
Quantitäten auf Qualitäten; von biologischer auf soziokulturelle
Reproduktion; von Autarkie auf Arbeitsteilung. Diese neue
Arbeitsteilung zwischen produktiven und reproduktiven, kinderarmen
und kinderreichen Gesellschaften gilt womöglich nur für eine
Übergangsphase von 50 oder 100 Jahren. nach und nach werden alle
Kulturen sich umstellen: von einer breiten Reproduktionsbasis mit
hoher Sterblichkeit auf eine schmale Basis lang lebender
Individuen.
Dies
zu begreifen und zu akzeptieren, fällt uns schwer."
Damit
wendet sich HONDRICH auch gegen eine unrealistische Politik, die
den gesellschaftlichen Fortschritt
an der Bestandserhaltungszahl orientieren
möchte:
"Dass
die Politik (...)
die
Geburtenrate der magischen »2,1« annähern könnte, ist nur ein
Wunschtraum. Die Systeme der Wirtschaft, de sozialen Sicherung,
der Familie und der Kultur haben sich auf andere Größen
eingestellt. Ihr Eigen-Sinn und ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung
sind ausgeprägt - über nationale Grenzen hinweg."
Regelmäßigen
Lesern von
single-dasein.de ist das
alles nicht neu. In den
Themen des Monats und
diversen Debattenbeiträgen wurden die meisten Aspekte bereits vor
längerem abgehandelt, aber HONDRICH hat die einzelnen Elemente in
einer positiven, gesellschaftlichen Vision zusammengefasst, die -
zumindest in dieser allgemeinen Fassung - auch die Bedürfnisse der
Singles ernst nimmt.
- KRÄTSCHMER-HAHN, Rabea
& Karl Otto HONDRICH (2005): Glücksfall Geburtenrückgang.
...denn ihm haben wir es zu verdanken, dass wir älter werden
dürfen, ohne uns gegenseitig totzutrampeln. Und außerdem:
Kinderreiche und kinderlose Gesellschaften ergänzen sich
vortrefflich,
in: Emma, November/Dezember
- Kommentar:
Die Kerngedanken dieses Artikels waren
bereits im August diesen Jahres
in der Zeitschrift
Cicero zu lesen.
Wenn
es heißt: "Der Fall der Geburtenrate (...) verhindert (...), dass
sich heute in Deutschland zwischen 100 und 200 Millionen Menschen
drängeln", dann
greift HONDRICH einen Gedanken auf, der von
uns bereits vor 3 1/2 Jahren vorgedacht wurde.
Wir
forderten damals schon, dass Singles eine Projektion einklagen
sollten, um die Debatte zu versachlichen.
Was
HONDRICH liefert, ist noch keine Projektion, aber zumindest ein
Anfang, denn bislang wagte sich ein renommierter Soziologe in
dieser Angelegenheit noch nicht so weit vor.
Was
hier von den Autoren näher beleuchtet wird, das ist der
Zusammenhang von Kinderlosigkeit, Arbeitsteilung und
Globalisierung:
"Der
Gedanke, dass fortschreitende Arbeitsteilung sich weltweit nicht
nur auf Güter und Dienste erstrecken könnte, widerstrebt dem tief
verwurzelten Vorrang, den wir eigenen Kindern geben. Dass
Outsourcing (...) eine Option (...) auch für die Reproduktion der
eigenen Lebensformen und ihrer lebendiger Träger (ist), erscheint
mehr als befremdlich.
Die
Chance, die daraus erwachsen könnte, wäre die Aufwertung der
Lebensoption der Kinderlosigkeit in einem transnationalen
gesellschaftlichen Rahmen. Die heutige gesellschaftliche Abwertung
und unausgesprochene Selbstabwertung von kinderlosen Frauen könnte
im Rahmen transnationaler Arbeitsteilung sogar zu einer
höherwertigen Option werden."
KRÄTSCHMER-HAHN
& HONDRICH überwinden mit diesem Ansatz das Defizit der
nationalkonservativen Debatte, die von
Susanne GASCHKE bis Herwig BIRG dominiert wird.
Den
Wert der Kinderlosigkeit neu zu definieren, das dürfte eine
wichtige Zukunftsaufgabe sein.
Das
Problem ist jedoch, dass diese neue "Avantgarde der Kinderlosen"
(GASCHKE), die sich als transnational versteht, kaum etwas mit
jenem gerade entstehenden "Kinderlosenproletariat" zu tun hat, das
ebenfalls mit der Globalisierung entsteht.
Ob
z.B. die männlichen Singles in den neuen Bundesländern ihre "Freiheit,
keine Kinder zu haben" zu würdigen wissen, darf bezweifelt werden.
-
HONDRICH, Karl Otto (2006): Geburtenrückgang als Chance.
Die demografische Situation schafft nicht nur soziale Probleme,
sondern löst auch manche,
in: Wiener Zeitung v. 31.03.
-
HONDRICH, Karl Otto (2006): Der Fall der Geburtenrate - ein
Glücksfall.
Wirtschaft und Sozialversicherungen sind nicht auf "eigenen"
Nachwuchs angewiesen,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 29.07.
- Inhalt:
Für HONDRICH ist die Bestandserhaltungszahl
2,1, die von
nationalkonservativen Bevölkerungspolitikern
und ihren Sympathisanten zum Maß der Dinge erklärt wird,
irrelevant (Anmerkung: Auch Ökonomen wie z.B.
Stephan FASSHAUER bestreiten dies):
"Die
entscheidende Frage ist vielmehr, über welche Mechanismen der
Bestandserhaltung und der Leistungssteigerung soziale Systeme
verfügen, auch wenn Geburtenraten gegen null tendieren".
Dieser
Frage geht HONDRICH dann anhand der Wirtschaft, der sozialen
Sicherung und der Familie nach.
Die
Wirtschaft kommt gemäß HONDRICH mit weniger Kindern aus. Weniger auf
Migranten, sondern auf Frauen setzt hier HONDRICH, weil die
Integrationskosten für Letztere geringer sind und noch ein großes
Kräftereservoir vorhanden ist.
Das
Problem der sozialen Sicherung sieht HONDRICH nicht - wie
Nationalkonservative und ihre Sympathisanten - in der Unterjüngung,
sondern in der Zunahme der Älteren, der verlängerten Jugend, der
Arbeitslosigkeit und der "Einwanderung in die Sozialsysteme, statt
in den Arbeitsmarkt".
Die
Umstellung der sozialen Sicherung vom Umlageverfahren auf die
Kapitaldeckung löst die Probleme nicht, sondern erzeugt neue
Probleme. Seine These:
"Die
sozialen Sicherungssysteme können sich ohne selbstgeborenen
Nachwuchs erhalten oder mit einem Minimum, sofern Produktivität und
Dienstleistungen weiter wachsen. »Produktivitätssteigerung« heisst
denn auch das Lösungswort".
Auch
vom Aussterben der Familie kann keine Rede sein, da die Familie über
mindestens zwei Mechanismen der Selbsterhaltung verfüge: zum einen
die Erweiterung durch Verwandtenwahl:
"Wer
zur Familie gehört, entscheiden letztlich nicht Biologen,
Demographen und Statistiker anhand vorgefasster Kriterien, sondern
die Beteiligten selbst, indem sie sich gegenseitig Liebe, Intimität
und Halt schenken, also die zentralen Funktionen der Familie
erfüllen."
Ein
solcher Ansatz, der Familie als "ego-zentriertes" Netzwerk auffasst,
wurde in Deutschland erstmalig mit dem
Familiensurvey des Deutschen
Jugendinstituts, angewandt.
In
der Verringerung der Anzahl biologischer Eltern sieht HONDRICH keine
Schwächung des Familiensystems, sondern eine Stärkung im Sinne einer
evolutionären Qualitätssteigerung. Deswegen kritisiert er auch die
Subventionierung von Kindern, z.B. durch die Senkung der
Opportunitätskosten (siehe z.B.
RÜRUP).
HONDRICH
sieht die Bevölkerungspolitiker gar auf verlorenem Posten, weil sie
sich gegen den Lauf der Evolution stellen:
"Werden
die Kinder-Subventionen wenigstens im Sinne ihrer Erfinder
erfolgreich sein? Widerstände und perverse Effekte sind schon heute
sichtbar. Sie bestehen einerseits bei den Menschen, deren Energien,
wie bei den meisten Subventionen, in Tätigkeiten geleitet werden
sollen, die ihren Präferenzen nicht entsprechen. Sie treten
andererseits auch seitens der Systeme Wirtschaft, soziale Sicherung,
Familie auf. Schliesslich wird auch gegen den Lauf der Evolution
selbst subventioniert. Angesichts dieser geballten Gegen- und
Übermächte stehen die Bevölkerungspolitiker auf verlorenem Posten.
Und
wenn ihr Subventions-Vorhaben gleichwohl gelänge, was wäre gewonnen?
Wenig, ganz unabhängig davon, ob man mit «linkem» Impetus sozial
schwache Familien und Alleinerziehende subventioniert oder «rechts
denkend» Eltern mit vermeintlich guten genetischen und sozialen
Voraussetzungen, also auch die kinderlosen Akademikerinnen, fördern
will. Die Folge von Subventionen ist, dass immer mehr Leute Eltern
werden, die es sonst mangels Mitteln oder kraft anderer Interessen
und Wertorientierungen, Stärken und Schwächen nicht wären. Ob es den
Kindern, der Familie und der Gesellschaft zugute käme?"
In
dem Buch
"Die Single-Lüge" wird ähnlich
argumentiert, wenn es heißt:
"Dieses
Buch sollte als Beitrag zur Versachlichung der Debatte verstanden
werden und lieferte deshalb Argumente für eine neue Sichtweise auf
das Single-Dasein im Zeitalter der Demografiepolitik. In einer
funktional-differenzierten Gesellschaft sollten Kinderlose genauso
selbstverständlich sein wie Kinderreiche. Warum sollten sich
unterschiedliche Lebensformen, mit ihren jeweils spezifischen
Potenzialen nicht sinnvoll ergänzen können? Solange jedoch in
Singles nur eine Bedrohung und nicht auch eine Chance gesehen wird,
leben wir in einer blockierten Gesellschaft, in der wichtige
Energien gebunden sind, die bei den anstehenden Herausforderungen
fehlen werden. (2006, S.254)"
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