Gegenstand und
Zielsetzung des Textes
"Mein Gegenstand sind gegenwärtige
Generationszuschreibungen: die Bedingungen ihrer
Entstehung und Zirkulation und der Gebrauch, den die
Adressaten von derartigen Angeboten machen. So soll
das Feld zwischen heroischem Generationskonzept und
postheroischem Spiel der Generationsmodelle
ausgeleuchtet werden." (S.222)
"Für unsere Fragestellung sind Etiketten wichtig,
die jüngere Jahrgangsgruppen bezeichnen, von denen
die jeweiligen Autoren annehmen, daß sie dem Heute
oder der nahen Zukunft ihren Stempel aufdrücken."
(S.223)
Ansätze der
Generationsbildung
"Vor allem drei Ansätze sind erkennbar: ein
historisch-politischer, der spezielle Wende und
Vereinigung als generationskonstitutiv betrachtet;
ein technologischer, der neuen Medien eine
Schlüsselrolle zuschreibt, und ein
sozialisationsorientierter, der von
Persönlichkeitseigenschaften ausgeht. Die
erfolgreichsten Modelle auf dem Generationsmarkt des
beginnenden 21. Jahrhunderts allerdings deuten im
Titel überhaupt kein Argument an: »Generation Golf«
und »Generation Ally«." (S.223)
Die Geburt der
Generation Golf: Von der Marketingidee zur
empirischen Bestätigung
"Was als Werbeidee begann und vom autobiographischen
Essay mit freundlicher Ironie umkreist wurde, das
ist nun endlich als hartes soziales Faktum
beglaubigt: die entpolitisierte, an traditionellen
Werten wie »Leistungsorientierung,
Selbstbescheidung, Disziplin« orientierte
»Generation Golf« (S.227)
Akteure der
Generationsbildung
"Konsumgüterproduzenten und ihre
Verkaufsspezialisten, das Feuilleton, die
Wissenschaft, die Massenmedien und natürlich - fast
könnte man sie übersehen - die Angehörigen der
Kohorte, deren Eigenschaften hier verhandelt
wurden." (S.228)
Generation Ally
als erste Generationsbeschreibung für Frauen
"Die geschlechterpolitische Pluralisierung der
Generationsdebatte scheint absehbar und ebenso, daß
damit der Abstand zum heroischen Aufbruchsmodell
weiter wachsen dürfte.
(...).
Kullmann beschreibt (...) nahe am Alltag und an den
Markenprodukten Lebensgeschichte und Lebensgefühle
einer von ihr definierten »Frauengeneration«, eben
der zwischen 1965 und 1975 geborenen Mädchen.
Genauer: Der Mittelschichtmädchen dieser Jahrgänge,
die eine Hochschulbildung durchlaufen haben. Und die
Beschreibungen (...) haben viel ethnographischen
Charme; sie bilden eine wichtige Quelle für
zukünftige Historiker der bundesdeutschen
Alltagskultur." (S.228f.)
Leerstelle:
Generation Ost
"Die »Zonenkinder« der Schriftstellerin Jana Hensel
sind mit ihrem Rückblick auf kollektiv geteilte
Erfahrungen zweifellos »generationsbildend«
angelegt. Allerdings bieten sie keine
distanziert-souveräne Beschreibung der Jahrgänge
1974 - 1979, die zur Wende 11 bis 15 Jahre alt
waren. Während bei Kullmann und Illies der
Generationenbegriff Abstand zur beschriebenen
Lebensform schafft, ironische Einfärbung und Kritik
erlaubt, dominiert bei Hensel ein
identifikatorisches »Wir«". (S.229)
Feuilleton und
Mittelschicht
"Golf und Ally wurden nicht nur Bestseller; die
Texte waren und sind auch Bezugspunkte einer
Generationsdiskussion in deutschen Feuilletons.
(...).
Am lebhaftesten, so der Eindruck, verläuft die
Debatte in Internet-Feuilletons. Intellektuell
aufwendige Portale wie etwa www.perlentaucher.de,
www.single-generation.de und www.single-dasein.de
bieten ihren Besuchern einen komplexen, historisch
und sozialwissenschaftlich gerahmten Einblick in die
Generationsdebatte. Schließt man von den
Wissensbeständen, die hier vorausgesetzt werden, auf
die »impliziten User« der Beiträge, dann darf man
annehmen, daß vor allem Angehörige der
gutausgebildeten jüngeren Mittelschicht, für
die die Nutzung des World Wide Web zu den
alltäglichen Kulturtechniken zählt, die
Selbstverständigung über die eigene Befindlichkeit
verfolgen." (S.230)
Universitäre
Generationenforschung und Gesellschaft
"Wer heute zum Thema publiziert, muß damit rechnen,
morgen als Experte zitiert zu werden, der sozusagen
die Generation zertifiziert, Golf, Ally oder anderen
Modellen ein akademisches Prüfsiegel verleiht.
(S.235)
Die Veränderungen
der Generationsbildung folgt gesellschaftlichen
Wandlungsprozessen
"Die geringe Resonanz für Vorschläge wie »89er« oder
»Wendegeneration« legt den Schluß nahe: Im Westen
Deutschlands wird Wandel nicht vorrangig anläßlich
politisch-gesellschaftlicher Einschnitte erfahren.
(...).
Daß Markenartikel und Populärkunst zu
Generationszeichen werden, ist weit mehr als eine
mit der sogenannten Popliteratur aufgekommene und
wieder vergehende Masche. Das Faktum spiegelt
Veränderungen in der Normalbiographie, ihren
Übergangsriten und deren symbolischer Markierung
wider.
(...).
Schon vor dem ersten Weltkrieg traten neben (...)
Kunstgeschöpfe, (...) zeitgeistsensible literarische
Bestsellerfiguren: Hermann Poperts Helmut Harringa,
der ein Krieger sein wollte im Heere des Lichts;
Walter Flex' Wanderer zwischen beiden Welten, Ernst
Wurche; und auch Else Urys Nesthäckchen. Von hier
führt eine durchaus bürgerliche, in der
Mittelschichtkultur verankerte Linie zur populären
Kunst der Gegenwart." (S.237)
Die
gesellschaftliche Funktion von
Generationsbeschreibungen
"Generationsbeschreibungen (...) dienen insbesondere
in den Mittelschichten zur anschaulichen Ordnung der
Sozialwelt, zur sinnhaften Selbstpositionierung im
historischen Wandel und als Quelle ästhetischer
Erfahrung" (S.240)
Voraussetzungen
für eine neue heroische Generation
"Der gewichtigste Grund (...) ist vermutlich, daß
seit den 1960ern kein Umbruch mehr die Westdeutschen
vergleichbar gespalten und im Kern ihres
Selbstverständnisses getroffen hat. (...) (Es) ist
nicht ausgeschlossen, daß im Gefolge tiefgehender
und polarisierender Erschütterungen wieder
Generationseinheiten die soziale Bühne betreten, die
sich in die Tradition des Aufbruchs der Jungen gegen
das Establishment einreihen." (S.242)