Vorwort
I. Von wem wir sprechen
Opfer des Krieges
Von 1928 an...
Zahlen und Fakten
Ein Klischee wird zerstört
Die verschiedenen Daseinsformen
Vor dreißig Jahren...
...und heute
II. Die Frau in der industriellen Gesellschaft
...daß sie funktioniert
Erst Arbeit, dann »Emanzipierung«
Der renitente Gehorsam
Zahlen und Daten
Der anspruchsvolle Mann
Die Frau ist unentbehrlich, aber...
In der Fabrik
Die Sackgasse
Jenseits unseres Gartenzauns
Die falsche »Gleichberechtigung«
»Wenn Sie kein Mädchen wären...«
»Für die Ehre...«
»...was nicht selbstverständlich ist«
Beruf und Mann
Als »zweite Kraft«
Das überbewertete »Papier«
Der Reiz des Menschlichen
Die Mangelberufe
Die Hoffnung auf das »Wunder«
Die »gemeinsame Sache«
Ein uraltes Problem in neuer Sicht
Der »weibliche Beitrag«
Freiheit ist teuer
III. Die Mitte des Lebens
Die Ehe als Lebenswunsch
Der verdrängte Lebenswunsch
Die taktlose Frage
Der amerikanische »Zufall«
Die ignorante Frage
Die Antwort der Ledigen
Die Antwort der Witwen und Geschiedenen
Die moderne Ungeselligkeit
Frauenfreundschaften
Der Heiratsmarkt
IV. Die Intimsphäre
In demoskopischer Sicht
»Was sollen wir denn sonst machen?« (Monographische
Darstellungen)
Kompensation und Ausweg
Die Normen und der Sinn der Geschlechtlichkeit
Die »Onkelehe«
Das nachgeholte Glück
Welt ohne Vaterschaft
Das »ferngelenkte« Kind
Telefon-Seelsorge
Der kriminologische Aspekt
V. Die Frauen von heute
Zunächst der Mann
Die Frau - »Korrektur« des Mannes?
Noch einmal sehen, was ist (Einzeldarstellungen)
Die vordergründige Leiblichkeit
Provozierende Thesen?
»Zugriff« auf Welt und Zukunft
»Außen-Lenkung« und Rollenspiel
Der Dialog als Lebenshilfe
Die Freiheit und die Angst
Zitate:
Der Frauenüberschuss
"Der entscheidende Jahrgang, von dem an die
Bevölkerungsstatistik nachweisbar sehr viel mehr
Frauen als Männer aufweist, ist der Jahrgang 1928.
Die im Jahre 1928 geborenen Frauen sind heute 31
Jahre alt. Mit ihnen beginnen wir; und wir enden mit
dem Jahrgang 1914/13, mit jenen Frauen also, die
heute 45 bis 47 Jahre zählen."(S.10)
Kriegerwitwen im
mittleren Lebensalter
"Zu dieser Sondergruppe (...) zählen
Hunderttausende, die die überlebenden Opfer des
zweiten Weltkrieges und seiner Folgen sind. Wir
meinen vor allem die allein in der Gruppe der
31-46jährigen Frauen anzutreffenden rund 600 000
Kriegerwitwen. Jede achte Frau ist Witwe!" (S.11)
Das Klischee der
50er-Jahre-Karrierefrau
"Die unverheiratete berufstätige Frau ist ein Wesen
im jeweils à la mode gearbeiteten Kostüm oder
Tailleur. Ihr kurzes Haar ist modisch getönt und
frisiert, und ihr Make-up mehr unauffällig
ansprechend als auffällig aufreizend.
Fest hält sie die Kollegtasche unter dem Arm, und
sie hat es immer eilig. Mit abschätzendem, kühlem
Blick, hinter dem sich verhaltene (und erlaubte)
Nervosität knapp verbirgt, erobert sie sich ihre
Umwelt, ja, das ganze Leben. Die lässige Sicherheit
ihrer Bewegungen trägt ihr manchen bewundernden
Blick ein. »Das Leben« hat sie ernüchtert und von
Illusionen befreit. In ihrem Beruf ist sie tüchtig
und meistens auch erfolgreich. So steht sie, schlank
und rank, ein wenig »garçonne«, auf hochhackigen,
eleganten Schuhen fest in der harten Gegenwart.
Bewußt verschwendet sie keinen unnötigen oder gar
trüben Gedanken an die Vergangenheit. Ihr
Zukunftsbild, das sich ganz auf den Beruf und ihre
im Beruf erwiesene Tüchtigkeit gründet, scheint
allenthalben abgerundet. Sie wird offensichtlich
niemals älter, verliert kaum an Spannkraft und
Lebensfreude.
Natürlich lebt sie in einer Großstadt und besitzt
eine mit selbstverdientem Geld eingerichtete moderne
Zwei-Zimmer-Wohnung oder ein Appartement in einem
Hochhaus, wo sie abends fast immer nette Menschen um
sich hat, die sie höchst anmutig bewirtet. Sie ist
immer guter Dinge, versteht anregend und gescheit zu
plaudern. Ihre Sorgen gelten allenfalls ihrem
Geldbeutel, der guten Figur, Garderobenfragen und
ihrem Teint, kurz: ihrer äußeren Erscheinung mit
allem, was dazugehört.
(...).
So oder so ähnlich sieht das Klischee »der«
berufstätigen, »emanzipierten« Frau in der Großstadt
aus, ein Klischee, das uns tüchtige Reklamechefs der
kosmetischen und der Damenunterbekleidungsindustrie
sowie der Produzenten gewisser mondäner Modejournale
und Frauenzeitschriften landauf, landab seit Jahr
und Tag präsentieren". (S.14f.)
Definition: Die
allein stehende Frau
"Das »gemeinsame Dach« ist das entscheidende
Merkmal im Blick auf die Daseinsform und weithin
auch auf die Lebensweise und Einordnung in die
Gesellschaft. (...). Sehr oberflächlich wird
allgemein von »der alleinstehenden Frau« geredet und
geschrieben, wenn die unverheiratete Frau gemeint
ist. »Alleinstehend« ist aber nur, wer wirklich
ganz allein lebt, - ohne Ehemann, ohne Eltern
(oder einen Elternteil), ohne Geschwister, ohne
Kind." (S.17)
Individualisierung
"Es scheint, als lebten wir alle recht vereinzelt in
dem wohlanständigen bundesrepublikanischen
Gesellschaftsgefüge, das sich nach dem Kriege
etabliert hat. Die moderne Ungeselligkeit trifft
nicht nur alleinlebende, familienlose Frauen. Sie
trifft uns alle.
(...).
Hin und wieder treffen wir, meist auf der Straße,
einen guten Bekannten. (...). Zusammentreffen dieser
Art sind nur ein Symptom für die verschiedenen
Formen der Ungeselligkeit, die in schroffem
Gegensatz steht zu der Geselligkeitspflege unserer
Eltern oder Großeltern vor einigen Jahrzehnten.
Die immer deutlichere Einengung unseres Lebens durch
den Beruf und die Härten des Existenzkampfes lenken,
ohne daß wir uns dessen genau bewußt sind, auch
unser Geselligkeitsbedürfnis". (S.114f.)
"Die alten, überkommenen Bindungen sind durch den
Krieg und die Nachkriegsjahre zerrissen oder ganz
zerstört. Das frühere soziale Gruppengefüge fehlt."
(S.119)
Die
Unvollständigkeit der unbegleiteten Frau in der
Öffentlichkeit
"Ins Theater allein zu gehen, macht wohl keinem
Menschen rechte Freude. Indes birgt es nicht die
Peinlichkeiten in sich wie der »Alleingang« in ein
gutes Restaurant am frühen Abend, wo die unbegleitet
auftretende Frau wie ein »unvollständiger« Mensch
betrachtet, ja, beargwöhnt wird." (S.122)
Das "Tanzen
gehen" in bürgerlicher Sicht
"Beim Besuch von Tanzlokalen, gleich welcher Güte,
wird allerdings eine Schichtungsgrenze sichtbar.
Frauen aus bürgerlichem Milieu und in gehobenen
Berufen suchen solche Vergnügungsstätten selten auf.
Anders die Arbeiterin, die Verkäuferin, die
Friseuse, die häufig »zum Tanzen« gehen.
(123).
"Swinging
Singles" in der Nachkriegszeit
"Von beinahe hintergründiger Deutlichkeit sind die
Äußerungen einer vierundvierzig Jahre alten
Friseuse, die auch am Tage durch Aussehen und
Aufmachung kaum zu verbergen sucht, daß sie nach
Feierabend das Leben einer Halbweltdame lebt. Sie
beklagt sich nicht über mangelnde Geselligkeit.
Männer, »auch Junggesellen gibt es in Massen«.
(...). Und sie, die Friseuse, sowie ihre
gleichaltrige Freundin, Verkäuferin in einem
Modesalon, seien »sehr oft unterwegs, in Bars und
Kabaretts«. Außerdem haben sie beide eine hübsche
Wohnung, »und übers Wochenende sit bei uns immer was
los«. Vermutlich hat man hier eine der vielfältigen
Formen verschleierter Prostitution vor sich, die es
in allen Schichten gibt, wo Geld keine Rolle
spielt." (S.123f.)
Heiratsanzeigen
und Ehevermittlungsinstitute als letzter Ausweg
"Wenn alle überkommenen Formen der Geselligkeit
versagen und die Unergiebigkeit der modernen
Ungeselligkeit durchschaut wird, - was bleibt dann
noch übrig, um die Absonderung zu sprengen? Als
letzter Ausweg zeigt sich dann oft nur noch der
Heiratsmarkt.
Hier wird der Wunsch nach der Ehe oder zumindest
nach dem Partner für die gesetzlich nicht
ausdrücklich sanktionierte Lebensgemeinschaft
eindeutig und unverhohlen ausgesprochen. Es ist
heute üblich geworden, diese Form der Partnersuche
zu tolerieren. Tatsächlich kann denn auch eine
Kritik an dieser öffentlichen Partnersuche nicht
eigentlich die Menschen meinen, die auf den
Heiratsmarkt angewiesen sind. Die Kritik wird sich
vielmehr gegen die Gesellschaft richten müssen, die
eine solche Institution notwendig macht.
Sehr viele Frauen leiden unter den Zumutungen, die
ihnen dieser letzte Ausweg ansinnt (...).
Der Anlauf, um der Zeitung ein Heiratsinserat zu
übergeben oder dem Institut einen ersten
»unverbindlichen Besuch« abzustatten, dauert oft
viele Monate. Die Menschen haben zuviele Hemmungen
zu überwinden, ehe der endgültige Schritt zu diesem
Abenteuer fest beschlossen wird." (S.129f.)
Onkelehen
"Bei Kriegerwitwen ist die Haltung des allmählichen
und entschiedenen Verzichts auf den Mann häufiger zu
beobachten als bei ledigen Frauen. Mancher wird
gegen diese Behauptung protestieren wollen. In der
Tat war ja die »Onkelehe« bis vor kurzer Zeit ein
heftig diskutiertes Problem im Zusammenhang mit der
Rentenregelung. In den ersten Nachkriegsjahren stand
die »Onkelehe« in hoher Blüte; heute liegt sie
weithin im Sterben. Die günstigere Regelung für die
Kriegerwitwe, die eine zweite Ehe schließen möchte
(sie erhält heute den fünffachen Jahresbetrag ihrer
Sozialrente ausbezahlt), dürfte hierfür entscheidend
ins Gewicht fallen. Der nächst wichtige Grund ist
immaterieller Art: die herangewachsenen Kinder mit
ihren Problemen schärfen das
Verantwortungsbewußtsein der Mutter.
Das Modell einer »Onkelehe«, wie sie vielfach
ausgesehen haben mag, hat der Dichter Heinrich Böll
in seinem Roman »Haus ohne Hüter« in einer
exemplarisch deutlichen Sprache geschildert."
(S.165f.)
Schlüsselkinder
"Entbehrt schon die Vollfamilie zunehmend den Vater,
wie sehr entbehrt ihn dann erst die unvollständige
Familie! Für das vaterlose Kind, dessen Mutter
erwerbstätig ist, wurde nach dem Kriege die
Bezeichnung »Schlüsselkind« erfunden.
Das Buch in der
Debatte
"M. E. existieren nur zwei empirische Studien, in
denen alleinstehende Frauen in der Nachkriegszeit
befragt wurden: Regina Bohne (1960) interviewt
ledige Frauen der Geburtsjahrgänge 1914 - 1920, und
Inge Gahlings (1961) vergleicht die berufliche und
private Situation lediger und verheirateter
Volksschullehrerinnen in Hessen. In der von Bohne
populärwissenschaftlich aufbereiteten Untersuchung
wird die These von Simone de Beauvoir vertreten, daß
die kollektive Befreiung der Frau nur durch eine
Verbesserung der beruflichen Position erreicht
werden kann. Realiter sind die interviewten Frauen
überwiegend in un- und angelernten Berufen tätig.
(...). Die Untersuchung endet mit einem Plädoyer für
die Emanzipation der Frau mittels qualifizierter
Erwerbsarbeit."
(aus: Dorothea Krüger "Alleinleben
in einer paarorientierten Gesellschaft", 1990, S.49)