Inhaltsverzeichnis
I
Zur Einstimmung: Knigges "Über den Umgang mit
Menschen"
II Begrifflichkeiten: Beliebt dem Herrn, den hintern
Teil zu küssen
III Tugend und Untugend: Menschliches,
Allzumenschliches
IV Zweckideologie: Weder gut noch böse
V
Opportunismus: Sich unterwerfen, wo es notwendig ist
VI Interlude: Keine Frage des Charakters
VII Lügen, Heucheln, Schmeicheln: Das Einmaleins der
Täuschung
VIII Intrige und Perfidie: Geheime Machenschaften
IX Liebe: Mächtiger als der Mensch
X
Familienleben: Das Tor zum Glück
XI Erziehung, Flegel und die gestattende
Gesellschaft:
Wir wollen für dich nur dein Bestes
XII Anpassung: Freiwillige und erzwungene
Konfliktvermeidung
XIII Entsorgung: Von Tätern und Opfern
Zitate:
Adolf Franz Friedrich Ludwig Freyherr von Knigge
"Gleich, ob Knigges von Edelmut und Tugendhaftigkeit
nur so strotzende Schrift uns als Erziehungsbuch,
als lebenspädagogisches oder als menschenbildendes
Buch vorgestellt wird, im ganzen gesehen (...)
spricht hier ein von bitteren Erfahrungen geprägter
Idealist." (S.16)
"Was für eine Lebenshaltung steckt hinter dieser
zwiespältigen Ehrsamkeit, die aus dem Munde eines
Menschen kommt, dem Humanität und Toleranz als
Ideale vorschweben und der von uns um der
charakterlichen Vervollkommnung und der
Glückseligkeit willen Abhärtung, Aufklärung,
gesunden Menschenverstand, Edelmut, Gönnerschaft,
Berufstüchtigkeit, nützliche Kenntnisse und
Fertigkeiten, Lebensklugheit und Rechtschaffenheit
verlangt? Was soll dieses Pendeln zwischen Vernunft,
Wirklichkeit und Irrationalität, diesem Brocken aus
den Zeiten der »Aufklärung« und des »Sturm und
Drang«? Hat dem Knigge bei der Niederschrift des
»Umgang« womöglich ein selbstbekennerisches
Bedürfnis die Feder geführt? (...).
Gewiß war es dem so edel daherkommenden Knigge nicht
darum getan, uns an der Nase herumzuführen. Ganz im
Gegenteil. Worüber er auch spricht, seine
Ausführungen stehen unter dem Zeichen der
moralischen Verfeinerung. Jedoch angesichts seines
Ringens zwischen Vernunft und Leidenschaft gelingt
es ihm nicht, der Verderbnis aus dem Weg zu gehen.
Nennen wir diese Verderbnis Unterwürfigkeit,
Untertänigkeit oder Opportunismus, Liebedienerei,
Schmeichelei, Lobhudelei, Demütigung, Servilität
oder gar Niederträchtigkeit - letztendlich, sagen
wir es laut und deutlich, handelt es sich um das
Verhaltensmuster der Kriecherei in all ihren
Facetten." (S.16ff.)
"Von einer eher idealistischen Seite aus gesehen,
wie beispielsweise bei Knigge, treten in unserer
Gesellschaft drei fundamentale Werte nach vorne, an
die sich alle anderen Werte, darunter die
Arschkriecherei, anbinden: das Gute, das Schöne und
das Wahre." (S.48)
Arschkriecherei
aus soziologischer Sicht
"Arschkriecherei (...) ist an Gelegenheiten
gebunden, tritt hier und da im Leben eines Menschen
auf, gleich, ob es sich um einen Choleriker, einen
Sanguiniker oder einen anderen Typus handelt. Aus
soziologischer Sicht ist die Arschkriecherei
uneingegliedert, ungereimt und unbeständig, ob in
ihrer rudimentären Form, in ihrer anspruchslosen
Form, in ihrer intellektuellen oder hochentwickelten
Form. Angesehen als eine auf Handlungen gründende
zwischenmenschliche Beziehung, dargetan als ein
Verhaltensmuster, kann man sich bei der
Arschkriecherei nicht wie beim Charakterzug auf ihre
Eigentümlichkeiten verlassen. Arschkriecherei tritt
in den verschiedensten Varianten auf". (S.70)
Die Kunst der
Arschkriecherei
"Mit Ausnahme eines gesellschaftlichen Drucks (...)
wird niemand von außen her weder zur Arschkriecherei
gedrängt noch gezwungen. Der Arschkriecher handelt
frei, liebt die Arschkriecherei und zeigt sich eben
darum ihrer »würdig«. Ohne Bezug auf den zu
erreichenden Nutzen oder den anzurichtenden Schaden
und auch ohne Bezug auf inkriminierende Untugenden,
Laster oder Immoralität fixiert der Kriecher für
sich frei einen Wert, einen Selbstwert, den
er danach bemißt, was er schätzt und was er als
wertlos erachtet. Dieser über den Sachwerten
stehende Selbstwert, durch den sich der
Arschkriecher von seiner Täterschaft als
ungerechtfertigt, moralisch oder gar kriminell
entsorgt, enthält jenen Glauben an sich selbst, der
da sagt: »Ich bin besser als der andere.«
Von hier aus ist kein weiter Weg zur Eigenliebe.
Soweit Arschkriecherei so kunstvoll gehandhabt wird,
daß sie einem Gefälligkeitserweis ähnelt, ist sie
das Unterpfand für das Paradox, zu gleicher Zeit
Täter und Opfer zu sein." (S.188f.)
"Der Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als
wozu er sich selbst macht, es ist aber eine Kunst,
Arschkriecher zu sein und es zu bedecken verstehen."
(S.189)