"Dem in allen Teilen des
Meinungsmarktes hinreichend entfalteten
Schreckenspanorama einer sich selbst gefährdenden
Zivilisation bleibt nichts hinzuzufügen; ebensowenig
den Bekundungen einer Neuen Ratlosigkeit, der die
ordnenden Dichotomien einer selbst noch in ihren
Gegensätzen »heilen« Welt des Industrialismus
abhanden gekommen sind. Das vorliegende Buch handelt
von dem zweiten, darauf folgenden Schritt. Es
erhebt diesen Zustand selbst zum
Erklärungsgegenstand. Seine Frage ist, wie diese
Verunsicherungen des Zeitgeistes, die
ideologiekritisch zu leugnen zynisch, denen
distanzlos nachzugeben gefährlich wäre, in einem
soziologisch informierten und inspirierten Denken zu
verstehen, zu begreifen sind. Die
theoretische Leitidee, die zu diesem Zweck
ausgearbeitet wird, läßt sich am ehesten in einer
historischen Analogie erläutern: Ähnlich wie im 19.
Jahrhundert Modernisierung die ständisch
verknöcherte Agrargesellschaft aufgelöst und das
Strukturbild der Industriegesellschaft
herausgeschält hat, löst Modernisierung heute die
Konturen der Industriegesellschaft auf, und in der
Kontinuität der Moderne entsteht eine andere
gesellschaftliche Gestalt."
Inhaltsverzeichnis
Aus gegebenem
Anlaß
Vorwort
Erster Teil -
Auf dem zivilisatorischen Vulkan: Die Konturen der
Risikogesellschaft
Kapitel I - Zur Logik der Reichtumsverteilung und
der Risikoverteilung
Kapitel II -
Politische Wissenstheorie und
Risikogesellschaft
Zweiter Teil -
Individualisierung sozialer Ungleichheit. Zur
Enttraditionalisierung der
industriegesellschaftlichen Lebensformen
Kapitel III
- Jenseits von Klasse und Schicht
Kapitel IV -
Ich bin Ich: Vom Ohne-, Mit- und Gegeneinander der
Geschlechter innerhalb und außerhalb der Familie
Kapitel V -
Individualisierung, Institutionalisierung und
Standardisierung von Lebenslagen und
Biographiemustern
Kapitel VI -
Entstandardisierung der Erwerbsarbeit: Zur Zukunft
von Ausbildung und Beschäftigung
Dritter Teil
- Reflexive Modernisierung: Zur Generalisierung
von Wissenschaft und Politik
Kapitel VII
- Wissenschaft jenseits von Wahrheit und
Aufklärung? Reflexivität und Kritik der
wissenschaftlich-technologischen Entwicklung
Kapitel VIII
- Entgrenzung der Politik: Zum Verhältnis von
politischer Steuerung und technisch-ökonomischem
Wandel in der Risikogesellschaft
Zitat:
Individualisierung - Generationen zwischen
Markt und Sozialstaat
"Individualisierung bedeutet Marktabhängigkeit in
allen Dimensionen der Lebensführung. (...).
Individualisierungen liefern die Menschen an eine
Außensteuerung und -standardisierung aus, die die
Nischen ständischer und familialer Subkulturen noch
nicht kannten.
Diese institutionellen Prägungen des Lebenslauf
bedeuten, daß Regelungen im Bildungssystem (...), im
Berufssystem (...) und im System sozialer
Sicherungen direkt verzahnt sind mit Phasen im
Lebenslauf der Menschen.
(...).
Mit der Herabsetzung der Pensionsgrenze wird für
eine ganze Generation per Erlaß das
»soziale
Alter« erhöht (mit allen damit verbundenen Problemen
und Chancen). Zugleich wird eine Umverteilung von
Arbeitsanteilen auf die nachwachsenden, jungen
Generationen vorgenommen. Gerade Individualisierung
bedeutet also: Institutionalisierung,
institutionelle Prägung, und damit: politische
Gestaltbarkeit von Lebensläufen und Lebenslagen.
(...).
Der Schlüssel der Lebenssicherung liegt im
Arbeitsmarkt. (...). Das Bereitstellen und
Vorenthalten von Lehrstellen wird so zur Frage des
Einstiegs oder Ausstiegs in die oder aus der
Gesellschaft. Zugleich können durch konjunkturelle
oder demographische
»Hochs« und
»Tiefs« ganze Generationen ins existentielle
Abseits driften. D.h.: institutionenabhängige
Individuallagen lassen gerade entlang von
Wirtschafts- und Arbeitsmarkt-Konjunkturen
generationsspezifische Benachteiligungen bzw.
Bevorzugungen in entsprechenden »Kohortenlagen«
entstehen. Diese erscheinen allerdings immer auch
als mangelnde Fürsorge- und Versorgungsleistungen
staatlicher Institutionen, die auf diese Weise unter
Druck geraten, die institutionell vorprogrammierte
Chancenlosigkeit ganzer Generationen, Lebensphasen
und Altersstufen durch rechtliche Regelungen und
sozialstaatliche Umverteilungen zu verhindern bzw.
zu kompensieren."
(aus: Ulrich Beck
"Risikogesellschaft", 1986, S.212ff.)
Stimmen zum Buch
"Die
tumben Toren, die derzeit zu regieren vorgeben,
schätzen das Wort Flexibilisierung über die Maßen:
im Namen der Wahlfreiheit reden sie einer
Verflüssigung von Biographien, Lebensentwürfen und
Tagesabläufen das Wort, die nur im Dienste einer
vampirhaften ökonomischen Rationalität stünde. Man
könnte, schlägt Ulrich Beck vor, dieser Rede auf
unerwartete Weise Sinn geben. In der Gesellschaft,
die hilfsweise als Zwei-Drittel-Gesellschaft
bezeichnet wird und die auf die prekäre
Disponibilität aller hinauslaufen würde, wäre
von der frühindustriellen Wahlunfreiheit
direkt in den spätindustriellen Wahlzwang
gesprungen - unter Umgehung eben der vielfach
gepriesenen Wahlfreiheit. Genau diese gälte es daher
- auch als die Freiheit, nicht wählen zu müssen
- zäh zu fördern, etwa durch ein Mindesteinkommen.
Und, weit darüber hinaus, durch einen beharrlichen
gesellschaftlichen Kampf, der die Alternative
Refamiliarisierung oder Durchmarktung, Flucht in die
entmachtete Autonomie des Familialen oder die Mühsal
der generalisierten Single-Existenz meidet und dem
es um die »institutionelle
Wiedervereinigungsmöglichkeiten von Arbeit und
Leben« (S.201), auch von Haus- und Erwerbsarbeit
geht."
(Thomas Schmid im Freibeuter
Nr.31/1987)
"Es trifft
sicherlich zu, daß die »Zuweisung von
Geschlechtscharakteren ... Basis der
Industriegesellschaft« ist, und daß »tatsächliche
Gleichstellung von Männern und Frauen ... die
Grundlagen von Familie (Ehe, Sexualität,
Elternschaft usw.) in Frage« stellt (174). Aber
damit muß keineswegs gesagt sein, daß diese
Individualisierung das Ende »der Familie« überhaupt
sein müsse. Zweierlei spricht dagegen: die
anthropologische Existenzbedingungen und die (...)
Angst. Wenn aus der feudalen »Großfamilie« die
bürgerliche »Kleinfamilie« werden konnte - warum aus
dieser nicht eine »postindustrielle XY-Familie«? Sie
muß ja nicht den Vorstellungen entsprechen, die wir
uns jetzt bereits bilden können. Und sie können
dennoch sowohl die Reproduktions- und
Sozialisationsfunktionen leisten, die für das
Individuum in den meisten Fällen unverzichtbar sind
wie für die Gesellschaft, wie auch die objektive und
subjektive Bewältigung der Angst. Ich könnte mir
denken, daß die Angst auch in dem Sinne an die
Stelle der Not tritt, daß sie institutionenbildende
Energien freisetzt. Gerade wenn sie (...) allgemein
ist, wird sie konsensbildendes Potential haben, wie
das für die Entstehung von Institutionen notwendig
ist."
(Rainer Mackensen in der
Soziologischen Revue,
H.1/1988)