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Theodor W. Adorno: Die Bibel der moralischen Individualisten

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1903 in Frankfurt a/M geboren
    • Studium der Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft
    • 1951 Buch "Minima Moralia"
    • 1964 Buch "Jargon der Eigentlichkeit - Zur deutschen Ideologie"
    • 1966 Buch "Negative Dialektik"
    • 1969 gestorben
    • 1969 Buch "Dialektik der Aufklärung" (USA bereits 1947)
    • ausführliche Biografie (Suhrkamp)
 
       
     
       
   

Minima Moralia (1951)
Reflexionen aus dem beschädigten Leben
Frankfurt:
Suhrkamp
(Reprint der Erstausgabe 2001)

 
   
     
 

Stimmen zu "Minima Moralia"

"Der Soziologe Heinz Bude schlug vor, die Frankfurter Theorie als Bewusstseinsstoff für soziale Aufsteiger zu lesen; daraus erklärt sich ihre Erfolgsgeschichte in der BRD. Das Erstsemester, das ich 1963 war und das die Frankfurter Universität so gründlich befremdete und verwirrte wie Adorno die amerikanische Kulturindustrie, dies Erstsemester blickte auf keine großbürgerliche Kindheit und ihre Versprechungen zurück. Den Nachwuchs von kleinen Beamten und Angestellten, der als Erster in der Familie das Gymnasium absolvierte und die Universität bezog, lockte kein Heimweh nach den heroischen Zeiten der Bourgeoisie. Sie mussten nach vorn; es führte kein Weg zurück, es fehlte überhaupt jede Spur davon.
So hätten gerade die akademischen Kader, die sich von der fassungslosen Traurigkeit der »Minima Moralia«, von der schwarzen Geschichtsphilosophie der Frankfurter Schule persönlich so tief berühren ließen, dazu beigetragen, dass die Bundesrepublik ein eigentümlicher Präsentismus beherrscht, eine Obsession durch Gegenwart, die sie so gründlich von deutsch-völkischen Traditionen scheidet. "
(Michael Rutschky in der Welt v. 17.11.2001)

"Der Zufall des gleichen Erscheinungsjahrs will es, dass neulich ein Aufsatz von Louis Menand über Salingers »Fänger im Roggen« im New Yorker erschienen ist. Louis Menand ist ein Mann, von dem im Zweifelsfall fünf Druckseiten über ein Buch ganze literaturwissenschaftliche Regalladungen ersetzen. Sein Stück über den »Fänger im Roggen«, scheint mir, ersetzt nicht nur ganze Regalladungen über Salingers Roman, sondern zugleich eine oder zwei andere über die »Minima Moralia«, die wie der »Fänger« vor fünfzig Jahren erschienen sind. Nachdem ich Menands Aufsatz gelesen habe, ist mir klar geworden, dass es nicht nur an der eigenartigen und einmaligen Rezeptionssituation der frühen Siebzigerjahre liegt, dass der Adorno der »Minima Moralia« wirklich so etwas wie der J. D. Salinger der Philosophie gewesen ist und die Erzähl- und Kommentarstimme seines berühmtesten und bestverkauften Buchs der Holden Caulfield der Kritischen Theorie."
(Stephan Wackwitz in der TAZ v. 24.11.2001)

 
     
 
       
   

Das Buch in der Debatte

AUER, Dirk (2001): Wie Münchhausen denken.
Unhäuslich. Adornos Minima Moralia sind vor fünfzig Jahren erschienen,
in: Freitag
Nr.13 v. 23.03.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (2001): Aphorismen nach Auschwitz.
Ein Buch, das man gelesen haben musste - Vor 50 Jahren erschienen Theodor W. Adornos Minima Moralia
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.04.

Interviews mit Wolf LEPENIES, Bernd LEINEWEBER und Günter GRASS

BÜRGERE, Peter (20001): Auf der Torfschwelle.
Lektüre im Freien, abseits vom Trubel der Scheinrevolution,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.04.

SEEL, Martin (2001): Das Richtige im Falschen,
in: Die ZEIT Nr.19 v. 03.05.

POSCHARDT, Ulf (2001): Denk mal moralisch.
Vor 50 Jahren erschienen die Minima Moralia von Theodor W. Adorno: eine fundamentale Gesellschafts-Kritik. Was kann sie uns in Zeiten eines fundamentalen Pragmatismus noch sagen?
in:
Welt am Sonntag v. 19.08.

Infos zu: Ulf Poschardt - Autor der Generation Golf

KNIPP, Kersten (2001): Theodor W. Adorno: Minima Moralia,
in: Büchermarkt. Sendung des DeutschlandRadio v. 06.09.

RUTSCHKY, Michael (2001): Fassungslose Traurigkeit.
Bewusstseinsstoff für soziale Aufsteiger: Vor 50 Jahren erschien Adornos "Minima Moralia",
in: Welt
v. 17.11.

Infos zu: Michael Rutschky - Chronist der 68er-Generation

WACKWITZ, Stephan (2001): Im Zaubermantel der Verneinung.
Fünfzig Jahre "Minima Moralia", fünfzig Jahre "Fänger im Roggen": Ein Plädoyer dafür, Adornos Kulturkritikbuch als Zwilling von Salingers Roman zu begreifen. Zugleich ein Rückblick auf die Siebzigerjahre, als das Ganze noch das Unwahre war
in: TAZ v. 24.11.

SCHNEIDER, Christian (2003): Das Teddy-Syndrom.
Theodor W. Adorno wäre in ein paar Tagen hundert Jahre alt geworden. Sein intellektueller Einfluss ist bis heute wirksam geblieben - gerade weil er den Intellektuellen der Nachnazizeit ein unschuldiger Vater war. Nachruf eines versöhnten Schülers,
in: TAZ v. 30.08.

SCHNEIDER beschreibt die Schülergenerationen Adornos: "Die meisten Schüler Adornos saßen nicht in den Frankfurter Hörsälen, sondern irgendwo draußen: in der Provinz. Nirgendwo wurden Adornos theoretische Interventionen so zur persönlichen Lebenslehre stilisiert wie abseits der Metropolen - hießen die Orte Hannover, Bad Dürkheim oder Pirmasens.
Die Verwandlung von Theorien in Weltanschauungen und Privatreligionen ist stets das Privileg der Provinz. Dort bekommen Aussagen, die sich als Anweisungen zum richtigen Leben lesen lassen, leicht absolutes Gewicht. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« - Adornos meistzitierter Satz aus den »Minima Moralia« wurde gerade in der Provinz zum Mantra, zur Waffe gegen die Zumutungen der Realität."

 
   

SZ-Serie zum Buch

BERNARD, Andreas (2001): Room Service im Hotel Abgrund.
Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Vor fünfzig Jahren erschienen Theodor W. Adornos "Minima Moralia",
in: Süddeutsche Zeitung v. 06.08.

PORNSCHLEGEL, Clemens (2001): Konstanze,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.08.

NEUMANN, Gerhard (2001): Zweite Lese,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.08.

STAUN, Harald (2001): I.Q.,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 13.08.

VISMANN, Cornelia (2001): Lämmergeier,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.08.

KAISER, Joachim (2001): Tisch und Bett,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 18.08.

GUMBRECHT, Hans Ulrich (2001): Sur l'eau,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 21.08.

GÖTTLER, Fritz (2001): Intention und Abbild,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 24.08.

RAULFF, Ulrich (2001): Aufforderung zum Tanz,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 28.08.

LENK, Elisabeth (2001): Ausgrabung,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 31.08.

REEMTSMA, Jan Philipp (2001): Der Paragraph,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 03.09.

GERNHARDT, Robert (2001): Kalte Herberge,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 05.09.

ZISCHLER, Hanns (2001): Paysage,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 08.09.

 
   

TAZ-Serie: Teddy, der Inkommensurable

WACKWITZ, Stephan (2003): Das Buch aus Sand.
Teddy, der Inkommensurable (1): Die "Dialektik der Aufklärung" von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer als heiliger Text gelesen - um tote Buchstaben mit lebendigem Geist zu erfüllen,
in: TAZ v. 11.01.

KAHL, Reinhard (2003): Der Buddha einer Generation.
Teddy, der Inkommensurable (2): Der Studentenbewegung öffnete Theodor W. Adorno die Augen für die Nacktheit der Autoritäten. Aber auch die Vertreter des Antiautoritären standen ohne Kleider da,
in: TAZ v. 11.02.

Teil 2 der taz-Serie über den Säulenheiligen der moralischen Individualisten. Während Stephan WACKWITZ ein pubertäres Initiationserlebnis mit der Lektüre von Theodor W. ADORNO verband, ist KAHL ins Schallarchiv gestiegen, um sich den Autismus des Meisters wieder in Erinnerung zu rufen. Die antiautoritäre Revolte beschreibt KAHL als eine der enttäuschten Gläubigen:

"Ganz schnell konvertierten Theoretiker zu Büchervernichtern. Aus manchem Anarchisten wurde kurz entschlossen ein Maoist, buchstabengläubig, wie die Kirchen ihre Mitglieder lange nicht mehr gesehen hatten. Vielleicht wird man diese Generation einmal als die der Konvertiten beschreiben und Adorno als einen der letzten Priester.
Trotz alledem: 1968 öffnete sich der Vorhang. Wir sahen, der Kaiser ist ohne Kleider. »Er ist nackt«, schrien wir, die rebellischen Kinder im Parkett. Für einen Moment lösten sich Masken. So manches Identitätsmäntelchen fiel. Das war die antiautoritäre Sternstunde unserer Generation. Diese Urszene der 68er machten viele von uns zu ihrem Lebenskapital. Zinsen werden immer noch ausgezahlt. Aber die Enthüllungsszene war auch erschreckend, fuhr uns offenbar tiefer in die Glieder, als wir zunächst glaubten. Wir realisierten, was die Canettis schon länger wussten: selber auch nackt zu sein. Viele von uns stürmten nun in den Fundus der Geschichte, liehen heroische Kostüme und furchteinflößende Bärte aus, klebten sich Marxbärte an, hängten sich Leninmäntel um und wagten sich ohne den Schutz eines Buchs nicht mehr ins Freie. Ohne Zitat - häufig von Adorno - wurden einige Jahre keine Sätze mehr gesprochen. Das alles aus Angst, ebenfalls nackt zu sein.
Adorno war auch so ein nackter Kaiser, der 68 entblößt wurde, und er war zugleich ein Mentor, der uns die Augen für die Nacktheit öffnete. Und er war, drittens, einer, der schon wieder vorschnell Kleider anbot. Alles zusammen machte ihn zum Buddha einer Generation".

DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Pop ist ein Absturz.
Teddy, der Inkommensurable (3): Theodor W. Adorno verachtete Jazz und Popular Music. Dennoch nahm er als Musiksoziologe die Themen aktueller Poptheorie vorweg. Aus zutreffenden Beschreibungen leitete er allerdings fragwürdige Bewertungen ab,
in: TAZ v. 11.03.

Im Gegensatz zu Stephan WACKWITZ verbindet Diedrich DIEDERICHSEN keine pubertäre Erfahrung mit der Lektüre von ADORNO, sondern beschäftigt sich einerseits mit der aggressiven Abneigung ADORNOs gegen Jazz und andererseits mit dessen Vorwegnahme aktueller Poptheorie. Für den Pop-Fan ist jedoch etwas anderes interessanter:

"In den 50er- und 60er-Jahren waren natürlich die deutschen Anhänger kritischer Theorie oft Jazzfans, und Mitstreiter der Kritischen Theorie wie Herbert Marcuse begeisterten sich, in den USA lebend, während der 60er für den ganzen Komplex aus afroamerikanischer und jugendkultureller Musik als Soundtrack der Befreiung. Man hört auch von Generationen begeisterter junger kritischer Theoretiker, die immer neue Jazz-Entwicklungen und schließlich sogar Hendrix-Platten in der Absicht, den Chef umzustimmen, vergeblich in die Sprechstunde geschleppt haben sollen.
Aber ich denke, dass der reale musikalische Referent der Jazztheorie eh nicht der Punkt ist: Adorno hatte ein ganz anderes Ideal einer Musik als utopisches Potenzial. Anders als der Popfan, der seine Ergriffenheit und das daraus abgeleitete ganz Andere in letzter Instanz mit der kontingenten Tatsache begründen musste, dass man nun mal Fan ist (in der Kindheit, Jugend, Sowieso-Krise plötzlich und unerwartet von genau dieser und genau keiner anderen Musik ergriffen wurde), wollte Adorno noch mit einer Objektivität musikalischen Gehalts argumentieren (...).
Deswegen ahnte er aber auch so genau, dass man den neuen populären Musiken nur beikommt, wenn man sie bei dem (...) Anspruch packt, der sie in Konkurrenz zu seinem eigenen Modell setzt. (...). Deswegen tappte er nicht in die nahe liegende Falle, der Popmusik einfach nur unterkomplexe Kompositionen vorzuhalten, sondern bemühte sich gleich, die Sozialcharaktere fertig zu machen. Anders als die meisten Freunde und Feinde der Popmusik ahnt Adorno schon sehr früh, dass Popmusik ein ganz anderes System ist als Musik".

SCHÄFER, Thomas (2003): Wenn einer stellvertretend für andere denkt.
Teddy, der Inkommensurable (4): Theodor W. Adorno hielt es nicht für das Recht, sondern sogar für die Pflicht des Intellektuellen, das falsche Leben und Bewusstsein der Mitmenschen unnachsichtig zu verdammen. Das macht seine Philosophie angreifbar für den Vorwurf des Meisterdenkertums,
in: TAZ v. 11.04.

Thomas SCHÄFER beschreibt den Distinktionsgewinn von ADORNOs Theorie für postpubertäre Nerds:

"Was die Horrorvisionen Adornos damals nicht nur attraktiv, sondern für manch einen geradezu unwiderstehlich machte, war (...) vor allem eines: Man fühlte sich - insbesondere nach der Lektüre - in der auf Ausbeutung, Herrschaft und Klischeehaftigkeit gegründeten bürgerlichen Gesellschaft zwar nicht besonders wohl, aber man konnte sich nun, dank der neuen Perspektive, als Teil einer geistigen Avantgarde begreifen. Hatte man damit doch das Privileg, auf der richtigen Seite zu stehen, und das ergab einen moralischen Selbstwert - oder Mehrwert -, der sozusagen das funktionale Äquivalent für ein glückliches und zufriedenes Leben in der etablierten Gesellschaft darstellte".

Unter dem Stichwort "Adorno lesen" hat Roger BEHRENS in seinem ADORNO-ABC das einstige Bescheidwissen von Adorniten beschrieben:

"Damals kursierte, zumal unter Jungs mit Brille, noch der Irrglaube, dass man, wenn sich schon auf den Partys nie die tollen Frauen für einen interessierten, wenigstens durch kluges Dahergerede beeindrucken könne. Der Feminismus hat das als Kopfwichserei diskreditiert, und heute verstehen sich die jungen Leute soweiso eher auf eine abgeklärte Unmittelbarkeit, die prahlt, mit Theorie nichts zu tun zu haben".

Ehemalige Adorniten wie Stephan WACKWITZ machen heutzutage gar ADORNO für ihr postpubertäres Nerdtum  verantwortlich und missionieren nun die Jugend.

SCHIMMANG, Jochen (2003): Zaungäste des Fortschritts.
Teddy, der Inkommensurable (5): Wie ich am Ende der Sechzigerjahre beinahe von Adorno gerettet worden wäre - dann aber erst nach zwei verlorenen Berliner Jahren und allerlei politischen Irrungen und Wirrungen seine Sensibilität und Verletzlichkeiten als Produktivkräfte des Denkens zu verstehen lernte,
in: TAZ v. 10.05.

"Wäre ich Adorno noch begegnet, selbst so kurz vor seinem Tod, so wäre ich gegen die ganze Tristesse der kommunistischen Parteikostümierung resistent gewesen, der ich ein knappes Jahr nach meinem Studienbeginn in Berlin erlag und die mich zwei Jahre meines Lebens kostete"

behauptet der Schriftsteller Jochen SCHIMMANG.  Während Stephan WACKWITZ den Übervater ADORNO aus seinem Leben tilgen möchte, stilisiert Jochen SCHIMMANG ihn zum imaginären Retter. Was es mit den verlorenen Jahren auf sich hat, das kann jeder in Der schöne Vogel Phönix nachlesen. Dagegen beschreibt Die Murnausche Lücke ein alternatives Szenario. Die schriftstellerische Tilgung ist also bereits vollbracht. Es ist wohl kein Zufall, dass sowohl WACKWITZ als auch SCHIMMANG im Merkur - einer Zeitschrift der "70er-Jahre-Geschädigten" - schreiben. Der bisweilen missionarische Eifer der Schreibenden muss wohl in den Biografien zu suchen sein...

TEWINKEL, Christiane (2003): Hörer, höre strukturell!
Teddy, der Inkommensurable (6): Eine gewaltige Wirkung übte Theodort W. Adorno nach dem Krieg auf die Musikpädagogik aus - und sie hält bis heute an. "Da könnte ich mich reinsetzen!" - Klavierlehrerinnen, die so kulinarisch über Musikstücke schwärmen, dürfte es für ihn natürlich gar nicht geben,
in: TAZ v. 11.06.

GRAW, Isabelle (2003): Diese Theoreme arbeiten noch.
Teddy, der Inkommensurable (7),
in: TAZ v. 11.07.

SCHOLZE, Britta (2003): Der Schein des Glücks und das Erwachen der Fantasie,
Teddy, der Inkommensurable (8),
in: TAZ v. 11.08.

POSCHARDT, Ulf (2003): Das Fest der Verschwendung.
Teddy, der Inkommensurable (9): Die Kulturindustrie war Theodor W. Adorno natürlich ein Gräuel. Die Mode aber faszinierte ihn - ein Reich der zauberhaften Freiheit von Individualität und Identität,
in: TAZ v. 11.09.

Ulf POSCHARDT, der normalerweise für die Welt am Sonntag - ganz im Sinne der Verwertungslogik des Kapitals - über die faule Republik schreibt, hat sich für einen Artikel vom schnöden Kapitalismus frei genommen und darf auf taz-Kosten über die "Dekadenz der Funktionslosigkeit" und das Verlassen der "Nützlichkeitsrechnung der Bourgeoisie" schreiben. Theodor W. ADORNO wird von POSCHARDT für die Generation Golf passend gemacht:

"Adorno war natürlich ein korrekt angezogener Mann"

und ein Individualist par excellence:

"Grundsätzlicher noch als die jeweiligen gesellschaftlichen Formationen hatte Adorno eine Abneigung gegen fast alle Formationen von Kollektivität. Weder als Linker noch als Jude, weder als Deutscher noch als Anti-Deutscher, weder als Philosoph noch als Künstler fühlte er sich wohl beim Gedanken, Teil von etwas zu sein. Die Zeitgenossenschaft ist so die philosophischste und immateriellste Form der Gemeinschaft, die sich denken lässt. Die Mode ist die Uniform der Zeitgenossen in denkbar freiester Form."

Nach diesem Ausflug in die Mode muss sich POSCHARDT nun wieder dem Kollektivismus fügen und wird weiter Funktionsprosa für die WamS schreiben und abends im Flitzer den Individualisten mimen...

 
   

Theodor W. Adorno in der Debatte

SCHEEL, Kurt (2002): Hass auf die Massen.
Kurt Scheel legt sich mit Adorno an,
in: Tagesspiegel v. 02.09.

Kurt SCHEEL, Angehöriger der Single-Generation und Mitherausgeber der Zeitschrift Merkur kritisiert die kulturpessimistische Sicht von ADORNO und dessen Adepten:

"Die Spaßgesellschaft ist das schlechthin Falsche, und die Speerspitze der Spaßgesellschaft ist das Fernsehen."

Der Autor unterstellt der Frankfurter Schule einen "Hass auf die Kulturindustrie und Verachtung der Massen". 

RUTSCHKY, Michael (2003): Das Katakombengefühl der Kritischen Theorie.
Der Weg nach draußen: Eine studentische Erinnerung im Adorno-Jahr,
in: Frankfurter Rundschau v. 09.05.

Michael RUTSCHKY blickt mit den Augen eines sozialen Aufsteigers der 68er-Generation auf ADORNO zurück:

"Die Kumpels, ebenso wie ich, waren soziale Aufsteiger, die Ersten in unserer Familie, die das Abitur abgelegt hatten. Meine Eltern erfüllten zwar bildungsbürgerliche Aspirationen, doch fehlten die entsprechenden Praktiken. Wenn ich am Wochenende nach Hause fuhr mit der völlig unvertrauten Aufgabe, ein Seminarprotokoll anzufertigen, lächelte weder Vater noch Mutter begütigend, ach ja, das erinnere man noch ganz genau, wie das erste Mal so etwas geschrieben werden musste. »Das schaffst du schon.« Vielmehr gerieten auch Vater und Mutter in Angst, und auch kein Onkel, keine Tante konnte mit ihren Erfahrungen einspringen. So fertigte ich nie das Protokoll eines Seminars bei Adorno an, gar ein Referat, und ich verließ Frankfurt ungeprüft, während die Kumpels bei ihm Vordiplom machten und nur das Beste zu erzählen wussten."

RUTSCHKY über die Faszination, die ADORNO ausübte:

"Besetzte den Studenten, der ich damals war, 1963, auch 1966 noch das bekannte Katakombengefühl: Mitglied einer esoterischen Gemeinschaft zu sein, die ein geheimes Wissen über den Gesamtzustand der Gesellschaft eint, ein Wissen, das draußen abgewehrt wurde, so kamen dann ja immer mehr von draußen hinzu."

Von draußen kam dann auch Stephan WACKWITZ. Dessen ADORNO-Erfahrungsbericht Im Zaubermantel der Verneinung eröffnet eine ganz andere Perspektive, diejenige des Zuspätgekommenen. Während für RUTSCHKY die Philosophie ADORNOs noch einen Coolness-Gewinn brachte, mussten die männlichen Angehörigen der Single-Generation und ihre Nachfolger eine andere Erfahrung machen, die Roger BEHRENS auf den Punkt bringt:

"die schwierige Sprache von Adornos »Dialektik der Aufklärung« (kam) gerade recht, ihre Unverständlichkeit war äußerst reizvoll. Ich wollte Bescheid wissen oder - wie man heute sagen würde - Distinktionsgewinne sammeln. Damals kursierte, zumal unter Jungs mit Brille, noch der Irrglaube, dass man, wenn sich schon auf den Partys nie die tollen Frauen für einen interessierten, wenigstens durch kluges Dahergerede beeindrucken könne. Der Feminismus hat das als Kopfwichserei diskreditiert, und heute verstehen sich die jungen Leute sowieso eher auf eine abgeklärte Unmittelbarkeit, die prahlt, mit Theorie nichts zu tun zu haben." (Adorno-ABC, 2003, S.24)

SCHIMMANG, Jochen (2003): Mit der Plastiktüte ins Suhrkamp-Haus.
Geist und Geld: Erinnerungen an den toten Professor Adorno und Frankfurt am Main - die ehemalige heimliche Hauptstadt der alten Bundesrepublik Deutschland,
in: Frankfurter Rundschau v. 01.09.

Jochen Schimmang greift hier das Thema aus der taz vom 11.05. nochmals auf.

BROECKING, Christian (2003): In die Köpfe und Herzen der Jungakademiker gepflanzt.
Adornos berühmte Verurteilung des Jazz scheint einer höchst aktuellen Diskussion zu entstammen - eine Recherche nach 50 Jahren,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.09.

Christian BROECKING berichtet über eine Merkur-Kontroverse des Jahres 1953: Die Kontrahenten sind Theodor W. ADORNO als Jazzgegner und Joachim-Ernst BERENDT, der als damals 30Jähriger dem Meisterdenker Paroli bieten wollte. Den zwiespältigen Erfolg von BERENDT beschreibt BROECKING folgendermaßen:

"Weder an Adornos Jazzfeindschaft möchte man sich gerne erinnern, noch an Berendts erzieherisches und chefsachenmäßiges Jazzgehabe. Andererseits hat gerade Berendt einer heranwachsenden Professorengeneration das Gefühl gegeben, dass Jazz dem Nachkriegs-Akademiker gut steht. Das von Berendt lancierte Bild des Studenten, der an der Sorbonne eingeschrieben ist und abends mit einem Sartre-Buch unterm Arm einen Jazzkeller betritt, pflanzte er in den fünfziger Jahren in unzähligen Artikeln und Radiosendungen in die Köpfe und Herzen vieler Jungakademiker."

HABERMAS, Jürgen (2003): Die Zeit hatte einen doppelten Boden.
Der Philosoph Theodor W. Adorno in den fünfziger Jahren. Eine persönliche Notiz,
in: Die ZEIT Nr.37 v. 04.09.

Jürgen HABERMAS erinnert sich an die 1950er Jahre am Frankfurter Institut für Sozialforschung: "Ich kam mir vor wie in einem Balzacschen Roman – der unbeholfen-ungebildete Junge aus der Provinz, dem die Großstadt die Augen öffnet. Ich wurde mir der Konventionalität meines Denkens und Fühlens bewusst".

ASSHEUER, Thomas (2003): Der wahre Konservative.
Seine Negativität hat viele erschreckt. Mit Adorno ließ sich kein Staat machen. Heute überzeugt gerade seine Kritik am verordneten Optimismus,
in: Die ZEIT Nr.37 v. 04.09.

Thomas ASSHEUER verteidigt ADORNO gegen linke Vereinnahmung:

"Gerade haben einige Getreue ihn zum Vordenker von Hardt und Negris Buch Empire ausgerufen, obwohl deren Selbsterlösungsträume bei Adorno kaum anderes ausgelöst hätten als blankes Entsetzen".

Mit den Zauberworten "Innehalten und Reflexion" arbeitet ASSHEUER seinen konservativen ADORNO heraus.

JUNGLE WORLD-Thema: Dialektik des Aufklärers.
Adorno und Amerika

DIEDERICHSEN, Diedrich (2003): Kulturindustrie und Amerikakritik.
Ist Adornos These, in der Kulturindustrie sei Kunst zur Massenkultur geworden, antiamerikanisch? Nein, aber die Frage ist trotzdem gut, 
in: Jungle World Nr.38 v. 10.09.

KLOPOTEK, Felix (2003): "Kulturindustrie ist alles".
Ein Interview mit dem Frankfurter Soziologen Heinz Steinert über Theodor W. Adorno, die Universität und über linke Kritiker,
in: Jungle World Nr.38 v. 10.09.

Infos zu: Heinz Steinert - Die Kulturindustrie

ROTH, Jürgen (2003): Wider den organisierten "Massenbetrug".
Anmerkungen zu Adornos Ausführungen zum Thema "Kulturindustrie",
in: Der Standard v. 10.09.

RUTSCHKY, Michael (2003): Plan B.
"Das Ganze ist das Unwahre",
in: Frankfurter Rundschau v. 10.09.

ROEDIG, Andrea (2003): Der große Anti-Pop.
Pathos als Methode. Adornos Kritik der Kulturindustrie,
in: Freitag Nr.38 v. 12.09.

Neu:
BOLZ, Norbert (2003): Hölle Humor.
Adornos Sätze (Schluss),
in: Frankfurter Rundschau v. 17.09.

Norbert BOLZ  vermisst bei ADORNO eine Theorie der guten Unterhaltung. "Fun ist ein Stahlbad" ist seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß im Zeitalter des Konsumismus:

"Dem einen Grundelement der Kultur, nämlich der Kunst, gönnt Adornos Werk bekanntlich eine virtuose Dialektik in der modernen Gesellschaft. Das zweite Grundelement der Kultur dagegen, die Zerstreuung, bleibt in seiner ästhetischen Theorie eigentümlich unterbelichtet und entwicklungslos. Hier war sein Freund und Leidensgenosse Walter Benjamin dialektischer, mutiger und moderner.
Dass Theodor Wiesengrund Adorno heute veraltet wirkt, könnte eben darin seinen Grund haben: Er versteht keinen Spaß - oder genauer: er versteht sich nicht auf Spaß. Nichts könnte heute aber dringlicher sein als eine Theorie der guten Unterhaltung. Und eine Leitfrage könnte lauten: Gibt es nicht doch ein intelligentes Lachen?"

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 27. November 2001
Update: 22. Juli 2015