Thomas Ziehe über
sich, die 68er-Bewegung und Lebensformen
"Aus seiner letzten
Wohngemeinschaft ist er schon lange ausgezogen. Das
Kollektivistische, das in dieser Lebensform liegt,
muß ihm ein Greuel sein. Er hat es überführen können
in eine sehr individualisierte Lebensweise.
Zunächst mal habe ich ewig
lange in einer Wohngemeinschaft gewohnt - 11 Jahre
lang, dann sehr lange die unterschiedlichsten
Beziehungsformen ausprobiert und alles dann doch
sehr aufgeschoben. Aber schlußendlich macht man es
doch wie die Generationen vor einem.
Das kannst Du nicht ewig
machen, das wird irgendwann schal und öde, und dann
mußt Du auch den Absprung finden, daß man nicht
daran hängt und nicht weitermacht, was gar keine
Kraft mehr hat. Man kann nicht so weiterleben, als
sei man jung. Aber es ist ein Schatz in mir, den ich
nie vermissen möchte, und der nachhallt.
Ich habe dann geheiratet, vor
fünf Jahren erst, mit 40, ist ja relativ spät. Da
bin ich erst mit meiner Frau zusammengezogen, die
ich schon vorher sieben, acht Jahre kannte. Bis 40
bin ich Single gewesen von meiner Lebensform, und
auch jetzt ist es hoch individualisiert, wie wir
zusammenwohnen, von ihr aus und von mir aus. Jeder
lebt zur Hälfte für sich. Das wäre für mich scher
vorstellbar ohne die Studentenbewegung.
Auf keinen Fall möchte er
aus seiner Lebensgeschichte und seiner heutigen
Lebensform, sozusagen der Inkarnation der
Individualisierung, eine neue Theorie machen - das
würde dem individualistischen Selbstverständnis ja
genau widersprechen.
Ich lebe ja nicht 'ne Theorie,
und ich lebe nicht 'ne Programmatik. Insofern ist
die Lehre, die ich gezogen habe, sehr
individualisierter: Nicht aus allem ein Modell
machen zu wollen, sondern eine Pluralität von
Lebensformen stehen zu lassen, und auch 'ne tiefe
Skepsis, ob sich Lebensformelemente überhaupt
begründen lassen."
(aus: Karl-Heinz Heinemann &
Thomas Jaitner "Ein langer Marsch. '68 und die
Folgen, S.39f.)