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Debatte

 
       
   

Jürgen Voß: Mit dem Demografiemythos in die Endlosschleife

 
       
   


Ein Kritik von Jürgen Voß anlässlich des Essays "Bevölkerungsrückgang als Problemgenerator alternder Gesellschaften" von Franz-Xaver Kaufmann in den WSI-Mitteilungen, Heft 3, 2007

 
       
     
       
   
     
 
Die Rolle der Demografiedebatte im Zusammenhang mit dem Umbau des Systems der sozialen Sicherung

Auf single-generation.de wurde schon häufig auf die fatale Rolle der Demografiediskussion im Rahmen der gegenwärtigen "Systemveränderung" eingegangen, dient doch die seit über drei Jahrzehnten niedrige Geburtenrate den unterschiedlichsten politischen Gruppierungen als argumentativer Passepartout zur Durchsetzung ihrer politischen und materiellen Interessen, wobei die Umfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme von "öffentlich" auf "privat", von "solidarisch" auf "individuell", ganz oben auf der "Agenda" steht.

Die "Rente mit 67", die groteske Umgestaltung des solidarischen Krankenversicherungssystems, die "Riesterrente", die massiven Rentenabschläge seit 1996, die (wahrscheinlich) bevorstehende Umwandlung der Pflegeversicherung in eine Kapitalversicherung, all dies sind nicht nur katastrophale Niederlagen der gewerkschaftlichen Bewegung, die tief in die individuelle Lebensgestaltung von Millionen Menschen eingreifen, sie sind - das ist ihr entscheidendes Merkmal - nicht zuletzt mit nicht selten obskuren Argumenten aus einer längst vulgarisierten Demografiediskussion ("zu wenig Kinder - zu viele alte Menschen!") als zwingend notwendig begründet worden.


Insofern ist es schon erstaunlich, wenn ausgerechnet die Gewerkschaften in ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Publikation, den WSI-Mitteilungen, einem der militantesten Demografieideologen unserer Zeit, Franz-Xaver Kaufmann, Professor für Sozialpolitik und Soziologie in Bielefeld, der sich vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung dazu hinreißen ließ, die bevölkerungspolitische Situation in Deutschland mit der nach dem dreißigjährigen Krieg (!!!) zu vergleichen, in ihrem neuesten Heft (3/ 2007) eine Plattform für die Ausbreitung seiner Thesen bieten.

Das Katastrophenszenario des Franz-Xaver Kaufmann

Unter der Überschrift Bevölkerungsrückgang als Problemgenerator alternder Gesellschaften bietet uns Kaufmann nach einem zunächst erstaunlich realistischen Rückblick auf die segensreiche Wirkung von reduzierter Geburtenhäufigkeit ("Hätte sich dieser säkulare Sterblichkeitsrückgang bei unverminderter Fertilität vollzogen, so wäre es im 20 Jahrhundert zu einem explosiven Bevölkerungswachstum in Europa gekommen. Deshalb war die Beschränkung der Geburten..... eine notwendige Anpassungsreaktion, die zwangsläufig zu einem Altern der Bevölkerung führte", S.108) die auch von anderen Autoren längst bekannte Palette an Katastrophenszenarien, deren Zeithorizont sage und schreibe bis 2100 reicht und damit die des Statistischen Bundesamt noch um eine halbes Jahrhundert übertrifft.


Aus dem fehlenden Nachwuchs folgert er drastische Produktivitätsrückgänge, mangelnde Innovationskraft und eine auf Dauer nicht mehr zu tragende Belastung der "erwerbstätigen" Generation, denn " je mehr Alte zu versorgen sind, desto mehr Nachwuchs ist erforderlich" (S. 112) - eine angesichts der chinesischen Situation mit ihren "Ein-Kind-Familien" schon fast kabarettistisch anmutende These: Permanentes Bevölkerungswachstum als zwingendes Resultat gestiegener Lebenserwartung!

Was von den Lösungsvorschlägen zu halten ist

Da ein plötzlicher Anstieg der Geburtenhäufigkeit aber nicht zu erwarten ist, empfiehlt Kaufmann die bekannten Rezepte: Die "Kapitalfundierung der Renten" (wofür es nach seiner Auffassung an sich schon zu spät ist), eine "massive Umverteilung öffentlicher Mittel zugunsten der nachwachsenden Generation", eine Reduzierung der Renten von Kinderlosen "zugunsten von Eltern mit mehr als zwei Kindern" ähnlich wie Sinn (!), und generell "einen Abbau der Prämien für Kinderlosigkeit" (alle Zitate S. 112).

Kennzeichnend für Kaufmann ist ebenso wie für die anderen Streiter auf dem Feld der Demografie die augenfällige Ignoranz der ökonomischen und machtpolitischen Sachverhalte, die ihn und seine Mitstreiter wohl auch blind dafür machen, wie stark ihre an sich gut gemeinten wenn auch falschen Aussagen ideologisch mißbraucht werden.

Es ist hier nicht der Platz, alle bekannten Argumente gegen die teilweise absurden Demografieszenarien zu wiederholen, wie sie längst etwa von Christoph Butterwege (Autor in der selben Ausgabe!), Gerd Bosbach und auch von Claus Schäfer (des häufigeren gerade in den WSI-Mitteilungen !) dargelegt worden sind: Der Hinweis auf die rein quantitativ biologische Argumentation, die wir wohl aus der Zeit der Jäger und Sammler mit uns schleppen; die Ausblendung der Nachteile eines permanenten Bevölkerungswachstums; die drastische Unterschätzung des Produktivitätsfortschritts; die Mißachtung der seit Anfang der neunziger Jahre einseitig erfolgenden Verteilung der Zuwächse des Bruttoinlandsprodukts; die gigantische Solidarleistung, die kinderlose Erwerbstätige schon seit Jahrzehnten im Rahmen unseres Steuer- und Abgabenrechts für Familien aufbringen; die stur durchgehaltene Verwechslung von "erwerbsfähig" mit "erwerbstätig"; die "20-60-Szenarien" bei einer Altersgrenze von mittlerweile 67(!); der ständige Rückgang von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen und existenzsichernder Beschäftigung überhaupt etc..

Aufgrund der idealen demografischen Situation müssten wir heutzutage idyllische Zustände haben

Hier soll nur ein einziges weiteres Argument angesprochen werden, das an sich sehr naheliegt und es darum um so erstaunlicher ist, wie wenig es in der aktuellen Diskussion verwendet wird.

Die Bundesrepublik befindet sich nämlich - was sich zunächst absurd anhört - zur Zeit in einer demografisch glänzenden Situation: Aufgrund niedriger Geburtenzahlen seit Beginn der siebziger Jahre und deutlich reduzierter Altersjahrgänge (so fehlen etwa die geburtenstarken Männerjahrgänge aus den zwanziger Jahren kriegsbedingt fast völlig, wie jede Bevölkerungs"pyramide" zeigt; des weiteren kommen demnächst die geburtenschwachen 40er Jahrgänge ins Rentenalter) und eines Erwerbspersonenpotentials, das so zahlreich ist wie noch nie in den letzten 100 Jahren (52,5 Mio. Menschen) ist - zumindest temporär - eine Idealsituation vorhanden: Die Gesamtlast "Jugend plus" Alter ist niedriger denn je. Komisch nur, dass das weder Rentner noch Arbeitnehmer, geschweige denn Berufsanfänger, zu spüren bekommen. Denn das Resultat von einem kompletten Jahrzehnt geburtenstarker Jahrgänge und damit großen Erwerbspersonenpotentials bei niedriger Gesamtlast ist nicht etwa ein wohlfahrtstaatliches Paradies mit traumhaften Wachstumsraten sondern Massenarbeitslosigkeit. Und selbst bei den längst erwerbsfähigen Jahrgängen 1970 - 1990 - geburtenschwach allesamt - ist die arbeitsmarktpolitische Situation nicht rosig sondern perspektivlos. Selbst bestens ausgebildete junge Menschen befinden sich im "Prekariat".

Ohne Geburtenrückgang in den letzten 40 Jahren wäre die Gesellschaft heute völlig überfordert

Hier schließt sich die logische Frage an, was wäre wohl geschehen, wenn sich die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre bis heute fortgesetzt hätten und unser Erwerbspersonenpotential nicht 52,5 Mio. Menschen sondern vielleicht 62 - 63 Mio. umfassen würde, bei vielleicht noch 20 Mio. existenzsichernden Vollzeitjobs?

Doch ein solcher Blick zurück, der sich angesichts der leicht überprüfbaren Fakten ja anböte, gehört nicht zum wissenschaftlichen Repertoire unserer Demografiemythologen. Wozu auch?: Das hieße ja auf die Wärmstube "Mainstream" zu verzichten und von Provinzial, MLP et. al. und vielleicht sogar von Christiansen nicht mehr eingeladen zu werden. Mit Horrorzahlen des Jahres 2090 läßt sich ja viel mehr Aufsehen erregen!

 
     
 
       
   

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Update: 27. Januar 2017