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Debatte

 
       
   

Gentrifizierung

 
       
   

Eine Zwischenbilanz
Ein Essay anlässlich des Kapitels "Von der Gentrifizierung zur Gated Community" in dem Buch "Wir müssen leider draussen bleiben" (2012) von Kathrin Hartmann
(Teil 2)

 
       
     
       
   
     
 

Neubau-Gentrification in ehemaligen Industriegebieten und auf städtischen Brachen

Im Gegensatz zu dieser klassischen Form der Gentrification in Altbauquartieren steht die Neubau-Gentrification. Andrej HOLM geht von einem sehr weiten Verdrängungsbegriff aus, wenn er auch die Umnutzung von Wohngebäuden als Büros mitberücksichtigt. Der Kampf der Lebensstile wie er bei HARTMANN zum Ausdruck kommt, greift hier zu kurz, denn die Auswirkungen von Neubauprojekten auf die Sozialstruktur ergeben sich durch die Verknappung des Bodens für alternative Nutzungen und nicht allein dadurch, dass statusniedere Bewohner durch statushöhere Bewohner verdrängt werden.

Wir  Bleiben Alle!

"Insbesondere Entwicklungsprojekte in ehemaligen Haufen- oder Industrieanlagen, aber auch die räumliche Ausdehnung von innenstädtischen Büronutzungen sind typisch für diese Entwicklungen. Oftmals wird argumentiert, dass ein Neubau von Wohnungen in vormals unbewohnten Gebieten keine Verdrängung verursache. Doch die Umwandlung ehemaliger Industriebauten in luxuriöse Lofts oder auch die Errichtung sogenannter Townhouses auf städtischen Brachen haben einen nur scheinbar verdrängungsneutralen Charakter. Zum einen werten spektakuläre Neubauten auch die umliegenden Wohnviertel auf, insbesondere, weil die in unmittelbarer Nachbarschaft realisierten Bodenwertrenditen die Begehrlichkeiten anderer Eigentümer_innen wecken. Zum anderen verschärfen sie die Schließung innerstädtischer Wohnungsmärkte für ärmere Haushalte, da sich der Anteil preiswerter Wohngelegenheiten in den betroffenen Gebieten reduziert."
(2010, S.14f.)

Supergentrification - Aufwertung bereits aufgewerteter Viertel

Berlin Prenzlauer Berg; Foto: Bernd Kittlaus 2014

Neubauten im Luxuswohnbereich werden gemäß HOLM vor allem in bereits aufgewerteten Wohnvierteln errichtet.

Wir  Bleiben Alle!

"Die aktuelle Welle von Luxuswohnprojekten in den Aufwertungsgebieten der Ostberliner Innenstadt, aber auch die Pläne für das »Bernhard-Nocht-Quartier« in Hamburg-St. Pauli, stehen exemplarisch für diesen Trend. In Berlin-Mitte und Teilen von Prenzlauer Berg übersteigen die Neubauanträge mittlerweile die Anzahl der Modernisierungsaktivitäten in Bestandswohnungen. Die Pläne für eine Hochhausbebauung auf dem Gelände des bisherigen Universitätscampus Bockenheim in Frankfurt am Main zeigen, dass selbst bereits gentrifizierte Wohnviertel nicht als Schutzzonen für erweiterte Aufwertungsdynamiken anzusehen sind."
(2010, S.15)

Bei HARTMANN führt Gentrifizierung - auch Super-Gentrifizierung - immer zum vollständigen Austausch der Bewohner.

Wir müssen leider draussen bleiben

"Es ist die letzte Stufe der ökonomischen Vertreibung, wenn selbst die Profiteure der Gentrifizierung aus dem Viertel weichen müssen. Aufwertungsprozesse, die in bereits aufgewerteten Quartieren stattfinden, nennt man Supergentrifizierung. Das bedeutet, dass selbst die gut verdienende Mittelschicht verdrängt wird - durch wirklich Reiche. Es folgt über kurz oder lang ein vollständiger Austausch Statusniederer durch eine ranghöhere Bevölkerung. Es ist das Gegenteil einer sozialverträglichen Mischung, wie sie die Stadtpolitik eigentlich garantieren müsste."
(2012, S.128)

Aber sind Aufwertungsprozesse tatsächlich immer erfolgreich? Und betreffen Aufwertungen immer ein ganzes Viertel? Und müssen immer alle Phasen eines Aufwertungsprozesses durchlaufen werden?

Alternativszenen und Künstler sind keine notwendige Voraussetzung von Aufwertungsprozessen

Die Neubau-Gentrification bzw. Super-Gentrification zeigen, dass die Pionierphase keine notwendige Voraussetzung für Aufwertungsprozesse in Vierteln ist.

Wir  Bleiben Alle!

"Die sonst für Gentrifications-Prozesse so typischen Pionierphasen der symbolischen Aufwertung werden bei (...) Neubauprojekten übersprungen. Immobilienwirtschaftliche Inwertsetzungen und städtische Aufwertungsstrategien zeigen dort, dass die Rolle von Künstler_innen und Alernativen in den Gentrifications-Diskursen oft überschätzt werden und diese eher Begleiterscheinungen und Katalysatoren von Aufwertungsprozessen als deren Ursache sind."
(2010, S.16)

HARTMANN beschreibt die letzte Phase des Aufwertungsprozesses folgendermaßen:

Wir müssen leider draussen bleiben

"Lebensstile markieren soziale Unterschiede. Innerhalb des selben sozialen Milieus zu leben, verspricht Sicherheit. Den Wohn- und Lebensraum nur mit seinesgleichen teilen zu müssen, ist deshalb das wichtigste Verkaufsargument. Den hohen Preis, den Menschen dafür bezahlen, um unter ihresgleichen zu bleiben, nannte der französische Soziologe Pierre Bourdieu »Extrakosten für räumliche Distinktionsprofite«"
(2012, S.132)

HOLM beschreibt den Gentrifizierungsprozess in vier Phasen (vgl. HOLM 2010, S.31ff.). Dabei dient ihm Sharon ZUKINs Beschreibung der Aufwertung des New Yorker Künstlerviertel SoHo in ihrem Buch Loft-Living als Beispiel für die Verwandlung von kulturellem in ökonomisches Kapital im Sinne der Kapitaltheorie von Pierre BOURDIEU. Bei der Wohnortwahl sehr einkommensstarker Bevölkerungsgruppen können solche sozialen Distinktionsprofite durchaus eine Rolle spielen, dagegen werden sie im Allgemeinen überbewertet . Künstler- bzw. Szeneviertel stellen jedoch nur einen bestimmten Typus von Stadtvierteln dar.

Nicht alle Viertel durchlaufen einen vollständigen Gentrifizierungsprozess

Der vollständige Austausch einer Bevölkerung eines Viertels im Sinne einer Verdrängung ist eher die große Ausnahme als die Regel.

Wir  Bleiben Alle!

"Nicht jede Aufwertung durchläuft die spektakulären Verwandlungen ehemaliger Armenviertel in exklusive Enklaven des Reichtums. Nicht einmal jedes Szeneviertel fällt zwangsläufig der weiteren Gentrification anheim und viele Aufwertungsprozesse bleiben auf halbem Wege stecken, ohne dass es zu einer vollständigen Verdrängung der früheren Bewohnerschaft kommt."
(2010, S.16)

Aber selbst wenn Aufwertungsprozesse nicht alle Phasen durchlaufen, hat dies Folgen für die Bewohnerschaft. HOLM beschreibt in diesem Zusammenhang die symbolische Gentrifizierung des Quartiers Nordneukölln, das auch als Kreuzkölln bezeichnet wird, weil es an den Berliner Stadtteil Kreuzberg angrenzt .

Berlin-Kreuzberg und Hamburg St. Pauli beschreibt HOLM als Viertel, die durch ein Nebeneinander von Aufwertungstendenzen und Beharrungstendenzen gekennzeichnet sind. Insbesondere Alternativszenen bzw. Subkulturen und Künstler können sich auch als widerspenstig erweisen. Der Umgang mit dem Hamburger Gängeviertel zeigt aber zugleich, dass Künstler als Teil der umworbenen kreativen Klasse (Richard FLORIDA) allein durch ihre Stellung in der neuen Wissensökonomie Einfluss auf die Stadtpolitik nehmen können, die anderen Bevölkerungsgruppen verwehrt bleibt. Davon zeugt das Buch Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle von Christoph TWICKEL:

Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle

"Die Besetzer und Supporter des Gängeviertels rekrutieren sich ausgerechnet aus jenem bohemistischen Milieu, um das laut Richard Florida Metropolen heute besonders werben müssen, wenn sie wirtschaftlich oben mitspielen wollen. Nicht zuletzt deshalb fasst die Politik die neuen Häuserkämpfer in Hamburg mit Samthandschuhen an. Die Räumung des Gängeviertels wäre ein Imageschaden für eine Stadt, die sich in bunten Broschüren gerne als »pulsierende Metropole« für »Kulturschaffende aller Couleur« anpreist. Zu Zeiten, in denen eine kreative Boheme das Umfeld für Unternehmensansiedlungen schaffen soll, kann keine Stadt Bilder von vollverschalten Räumkommandos gebrauchen, die »Kreative« aus Altbauten schleifen."
(2010, S.79)

Der Stadtsoziologe Andrej HOLM sieht deshalb in der "Floridarisierung" der Stadtpolitik das freundliche Gesicht der unternehmerischen Stadt:

Wir  Bleiben Alle!

"Eine beliebte Form unternehmerischer Stadtpolitik ist die Creative-City-Orientierung. Ausgehend von den Thesen des kanadischen Stadtplaners Richard Florida versuchen viele Städte für die sogenannte »Kreative Klasse« attraktive Wohn-, Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen. Als kreative Klasse zählen dabei prinzipiell alle »Leistungsträger_innen« der neuen wissensbasierten Wirtschafts- und Dienstleistungsbereiche. Angestellte in PR-Agenturen und Wissenschaftler_innen in Forschungslabors werden dabei von Richard Florida ebenso ur kreativen Klasse gezählt wie Kulturproduzierende. (...) Wie in den klassischen unternehmerischen Orientierungen geht es den Städten um die Herstellung einer besonderen Anziehungskraft für die umworbene Gruppe. Spätestens seit der Jahrtausendwende versuchen hunderte Großstädte weltweit sich als Creative Cities ein neues Image zu geben."
(2010, S.43)

In Deutschland wurden die Thesen von Richarda FLORIDA zur Kreativen Klasse und ihre Bedeutung für die Großstädte erst im Jahr 2007 in den Medien breiter diskutiert und in Form von Städte- und Regionenrankings popularisiert. Drei Jahre später spricht Philipp OEHMKE im Spiegel-Artikel Stadt der Gespenster anlässlich der Besetzung des Hamburger Gängeviertels durch Künstler davon, dass Städte, die sich wie die "Talentstadt" Hamburg als Creative Cities entworfen haben, nun ein Problem haben. Was also ist von der  Gentrifizierungskritik zu halten? HARTMANN sieht darin lediglich ein Mittelschichtphänomen, bei dem es um die Interessen verschiedener Lebensstilgruppen an einem Viertel geht.

Wir müssen leider draussen bleiben

"In den Medien wird beharrlich das Feindbild der »Pornobrillen-Träger«, der bugaboo-schiebenden Supermütter und der Latte-Macchiato trinkenden »Öko-Schwaben« bemüht, um die »Yuppisierung« und das »Bionade-Biotop« des Prenzlauer Bergs zu monieren oder zu belächeln. Doch dass gerade diese Klischees sich im Mainstream-Diskurs so durchgesetzt haben, belegt nur, dass die Gentrifizierung im Prenzlauer Berg längst abgeschlossen ist. »Das hat viel mit dem Selbstbezug der Mittelschicht zu tun, die dort ja mittlerweile vor allem lebt. Wenn es die Mittelschicht betrifft, dann kommt es in die Medien - denn dort arbeiten ja ebenfalls Angehörige der Mittelschicht«, meint der Sozialwissenschaftler Andrej Holm. Oft gehören gerade die Pioniere der Gentrifizierung zu deren späteren Kritikern (...). »Und ihnen fallen vor allem die kulturellen Veränderungen auf«, sagt der 42-Jährige, der sich mit Stadterneuerung und Aufwertungsprozessen beschäftigt. Er (...) kennt die Entwicklung im Prenzlauer Berg gut. Die Sanierung hat Holm unter anderem im Forschungsprojekt »Veränderte Bedingungen der Stadterneuerung - Beispiel Ostberlin« mit untersucht, unter der Leitung seines Doktorvaters, des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann. Mittlerweile, so hat Holm beobachtet, kommt die Gentrifizierungs-Kritik aus den Reihen von saturierten Protestlern: »Nachbarschaftsinitiativen thematisieren heute eher die Lebensqualität als den Vertreibungseffekt durch zu hohe Mieten«, kritisiert er. Schließlich haben die Bewohner, die wegen eines bestimmten Images an den Prenzlauer Berg oder in ein anderes aufgewertetes Viertel wie Mitte, Kreuzberg oder Friedrichshain gezogen sind, hohe Ansprüche an ihr Wohnumfeld und die Infrastruktur im Viertel. Sie zahlen ja nicht nur für ihre Wohnung, sondern für ihr Lebensgefühl und ihren Lifestyle."
(2012, S.117f.)

Dass es bei der Gentrifizierungskritik um ein Mittelschichtphänomen geht, ist nichts Neues. Bereits in den 1980er Jahren - wie weiter oben bereits angedeutet - ging es um die Deutungshoheit über Gentrifizierungsprozesse. 1990 beschrieb der Soziologe Sighard NECKEL die Politik der Lebensstile, so ein Essay wiederveröffentlicht in dem Band Die Macht der Unterscheidung. NECKEL beschreibt darin die Auseinandersetzungen zwischen Punks und Yuppies in Berlin-Kreuzberg bzw. Schöneberg als Ausdruck kinderloser Lebensstile der neuen Mittelschicht . So einfach ist die Sachlage jedoch mittlerweile nicht mehr, denn das Viertel Prenzlauer Berg ist eher ein Beispiel für einen neuen Akteur auf dem Felde des Gentrifizierungungsprozesses: junge Familien, die aufgrund der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht mehr an den Stadtrand ziehen wollen, sondern in den innenstadtnahen Wohngebieten wohnen bleiben oder dort sogar hinziehen. Dieses Phänomen wurde zwar bereits 1993 von Monika ALISCH in dem Buch Frauen und Gentrification beschrieben, wird aber bis heute eher tabuisiert. HARTMANN ist hier auch keine Ausnahme, sondern sie macht es sich zu einfach, wenn sie den Modebegriff "Wutbürger" benutzt, um Kritik an der Gentrifizierung mundtot zu machen.

Wir müssen leider draussen bleiben

"Berlin scheint die Hauptstadt der »Dagegen-Politik« zu sein. So nannte der Spiegel im August 2010 Bürgerproteste, die eher Privatinteressen in den Blick nehmen als das Allgemeinwohl. »Wutbürger«, nannte Dirk Kurbjuweit solche Leute. Man kann dies kaum als einen Erfolg für die Demokratie feiern. Im Gegenteil: Das Politische ist privat geworden in der neoliberalen Konsumgesellschaft, deren Mitglieder selbst für die Ausgestaltung ihres Lebens zuständig sind. Menschen finden sich nur dann zu losen, flexiblen Gemeinschaften, zu Zielgruppen zusammen, wenn sie zufällig dasselbe Lifestylekonzept teilen."
(2012, S.123)

HOLM beschreibt Gentrifizierung dagegen als neues Leitmotiv der Stadtentwicklung, denn im Gegensatz zum Beginn der 1980er Jahre, als die Träger der Gentrifizierung als Kinderlose beschrieben wurden, sind nun Doppel-Karriere-Familien die erwünschten Träger der Reurbanisierung. Damit sind neue Konflikte vorprogrammiert, z.B. in Form von Mütterkriegen. Dafür steht das Feindbild Latte-Macchiato-Mutter, das als typische Prenzlauer Berg-Mutter gilt.

Antje SCHMELCHER sieht darin in ihrem Buch Feindbild Mutterglück einen Angriff auf die Wahlfreiheit und den Zwang zur Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft.

Feinbild Mutterglück

"Das Berliner Stadtmagazin Zitty veröffentlichte eine Liste mit Berlins beliebtesten Feindbildern. Darunter die »Übermutti«. Wofür wird sie gehasst? Weil sie stillt, strickt und kocht und sich öffentlich mit ihrem Kind zeigt. Und vor allem: »Ihr Becken gebar den Heiland von morgen, ihre Bedürfnisse haben Vorrang, ihr Kinderwagen hat Vorfahrt.«
Ich fand mich wieder in Comics, Zeitungsartikeln und der Frauen-Ratgeberliteratur: Als böse Mutter, Ehrgeizmutter, Übermutter, Latte-Macchiato-Mutter und als Karikatur."
(2014, S.201)

Die Debatte um den Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung - insbesondere die Krippenbetreuung für unter 3-Jährige - ist nicht etwa ein Beispiel für den Kampf der Lebensstile zwischen Kinderlosen und Eltern, der in Medien gerne inszeniert wird, sondern deutet auf konträre Infrastrukturinteressen und Familienideale von Müttern hin.

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Dezember 2014
Update: 22. Januar 2017