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Debatte

 
       
   

Gentrifizierung

 
       
   

Eine Zwischenbilanz
Ein Essay anlässlich des Kapitels "Von der Gentrifizierung zur Gated Community" in dem Buch "Wir müssen leider draussen bleiben" (2012) von Kathrin Hartmann
(Teil 1)

 
       
     
       
   
     
 

Gentrifizierung - Hamburger Schanzenviertel und Prenzlauer Berg in Berlin als Prototypen des Gentrifizierungsprozesses?

Im Februar 2002 wurden auf dieser Website Bücher aus dem Bereich der deutschen Gentrificationsforschung der Jahre 1983 bis 1996 vorgestellt, die sich mit der Aufwertung innenstadtnaher Stadtviertel befassen. Es wurde aufgezeigt welche Entwicklung diese stadtsoziologische Forschung genommen hat und welche Rolle Singles als Akteuren zugewiesen wurde . Ende der 1980er Jahre war das Hamburger Schanzenviertel von der Gentrifizierung bedroht. Der Spiegel-Artikel Lachs oder Fladenbrot von Tom SCHIMMECK beschreibt die damalige Debatte um die Aufwertung von Hamburger Innenstadtvierteln.

Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel; Foto: Bernd Kittlaus 2014

Die Rote Flora gilt noch heute als Symbol des Widerstandes gegen die Gentrifizierung. 1987 beschrieben die Soziologen Hartmut HÄUßERMANN & Walter SIEBEL in ihrem Buch Neue Urbanität die Yuppisierung, ein Begriff der damals zum Synonym für Gentrifizierungsprozesse avancierte . Mitte der 1980er Jahre war zwar in den Städten die Alternativbewegung bereits im Niedergang begriffen, aber sie diente noch als Erklärungsfolie der Stadtsoziologie. Vielleicht sollte man deshalb den Begriff "Alternative"  weniger eng betrachten und die damals entstandenen vielfältigen "Jugendszenen" bzw. die "Postadoleszentenszene" mitberücksichtigen, die zum Entstehen der Szeneviertel beitrugen . HÄUßERMANN & SIEBEL sahen in der Baby-Boomer-Generation die Basis für die damalige Reurbanisierung:

Neue Urbanität

"Die gleichen Ursachen, die für die Bevölkerungsabnahme verantwortlich sind, wirken dahingehend, daß die Abwanderungstendenz abflacht und sich neues Leben in jenen Stadtvierteln zeigt, die bis vor kurzem noch zu veröden drohten. Grob gesagt: Es ist die Tendenz, keine Kinder zu haben oder doch nur wenige und diese auch erst spät zu bekommen, die beides erklärt: sinkende Bevölkerungszahlen und ein steigender Anteil jener, die die Innenstadt nicht lediglich als vorübergehendes Übel betrachten, sondern diesen Standort zum Wohnen geradezu suchen. Was sind das für Leute?
Die Antwort ist kaum überraschend: Es sind die, die schon immer in den Innenstädten gewohnt haben - aber davon gibt es heute mehr. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist größer geworden, und er steigt weiter."
(1987, S.12)

Seit Mitte der 1970er Jahre sahen die Städte ihr Problem in der Stadtflucht, der so genannten Suburbanisierung und waren deshalb darauf bedacht die Städte für gut verdienende Familien wieder attraktiver zu machen. Hans-Peter GATZWEILER & Wendelin STRUBELT schreiben dazu 1988 in dem Sonderheft Soziologische Stadtforschung der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie:

Demographische Veränderungen und der Wandel der Stadt

"(Die) Entwicklung der Ausländerbevölkerung (hat) in den letzten 20 Jahren entscheidend die Bevölkerungsentwicklung der Großstädte, weniger ihres jeweiligen Umlandes, geprägt (...). Erst mit der wirtschaftlichen Rezession 1974/75 und der veränderten Ausländerpolitik (Anwerbestopp 1973) traten die Bevölkerungsverluste der Kernstädte vor dem Hintergrund der allgemeinen natürlichen Bevölkerungsentwicklung und der Randwanderung deutlicher zutage. Die betroffenen Städte nahmen die Auswirkungen der Bevölkerungssuburbanisierung erst zu diesem Zeitpunkt politisch richtig wahr und die Stadtflucht wurde zu einem geläufigen und populären Schlagwort in der politischen Auseinandersetzung. Es begann ein »Kampf« um einkommensstarke Einwohner zwischen Kernstädten und ihren Umlandsgemeinden".
(1988, S.200)

Die Städte wurden nun also attraktiver, aber nicht unbedingt für die anvisierte Zielgruppe, sondern im Gegenteil in erster Linie für Kinderlose, die als "neue Haushaltstypen" bezeichnet wurden. "Aussteiger" der Alternativszene gelten  HÄUßERMANN & SIEBEL noch als prototypisch für die "Pioniere" und damit den Nährboden der Gentrifizierung.

Neue Urbanität

"Die sich entleerenden Altbaugebiete der Städte sind zu prädestinierten Orten für diese neue Lebensformen geworden. Läden, die im Marktwettbewerb nicht mehr standhalten konnten, werden von Angehörigen der Szene übernommen, die sich an dieser Konkurrenz erst gar nicht beteiligen, weil sie ein besonderes Angebot für eine spezifische Klientel bieten. Und die niedrigen Mieten in heruntergekommenen Altbauten entsprechen der notorischen Geldknappheit von »Aussteigern«. Selbst für alte Fabrikgebäude und Lagerschuppen haben die Alternativen noch Nutzungsideen - als Wohngelegenheit, Kommunikationszentrum oder Kulturraum. So richten sie sich in jenen Quartieren ein, die aus dem Umwälzungsprozeß der kapitalistischen Stadt sozusagen herausgefallen sind. Stadtökonomisch waren diese Gebiete entwertet, weil es keine zahlungskräftige Nachfrage mehr gab".
(1987, S.15f.)

Als Nutznießer dieser Entwicklung werden die Yuppies beschrieben, denen ebenso wie der Alternativbewegung ein kinderloser Lebensstil zugeschrieben wird.

Neue Urbanität

"Die Yuppies sind anders. Sie sind von allem Modernen fasziniert gleich ob sie als »soft-ware-Schickeria« aus der Kultur- und Modebranche Sympathien für weiche Technologien und »wenig verstrahlte Vollwertkost« hegen, oder aber als »hard-ware-Schickeria« zu den »Modernisierungshardlinern« zählen (...), die die High-Tech-Revolution vorantreiben. Sie verkörpern einen neuen Lebensstil, der zwar schick, aber ebensowenig bürgerlich sein soll wie der der Alternativen. Ihre gelebte Kritik beschränkt sich aufs Private, vor allem auf eines: auf die Befreiung von den Zwängen eines Familienlebens."
(1987, S.16)

Yuppies werden also als kinderlose Karrierepaare oder alleinlebende Karrierist(innen)en ("Singles") beschrieben, die nicht wie üblich zur Familiengründung aus den innenstadtnahen Wohngebieten wegziehen, sondern bleiben.

Neue Urbanität

"Für die Yuppies, ob weiblich oder männlich, ist der städtische Raum die Bühne von Selbstdarstellung und demonstrativem Konsum, egal, ob es sich dabei um einen Drink, Haute Cuisine oder sonstige Kultur handelt. Für die Singles und die kinderlosen Paare ist die vielfältige Infrastrukturausstattung der städtischen Quartiere das Element, in dem sie ihr stark berufsbezogenes Leben, für das Haushalt und alltägliche Versorgung nur marginale Bedeutung gewinnen dürfen, problemlos organisieren können. Die »In-Kneipe« und die Clique (...) müssen ohne eigene Organisationsarbeit einfach vorhanden sein, man muß immer wissen, wo man jemanden trifft. Die (tatsächliche oder eingebildete) Individualität und absolute Freiheit gehören zum Credo - und dafür zahlt man schließlich auch. Denn dieser Teil der neuen Stadtbevölkerung ist durchaus zahlungskräftig. Er leistet sich die teuer und stilvoll modernisierte Wohnung oder den postmodernen Neubau."
(1987, S.17)

Die Gemeinsamkeit von Alternativen und Yuppies sehen HÄUßERMANN & SIEBEL in ihrer Ablehnung der traditionellen bürgerlichen Familie und den dafür geschaffenen Wohnraum.

Neue Urbanität

"Die neuen Haushaltstypen meiden Neubauten, weil diese in der Regel auf einen spezifischen »modernen« Lebensstil zugeschnitten sind (...). Die Grundrisse sind eindeutig hierarchisiert, sie spiegeln die Herrschaftsstruktur der Kleinfamilie wider. Altbauwohnungen bestehen dagegen aus mehr oder weniger gleich großen Räumen, die verschiedene Nutzungen erlauben. (...). Dies kommt einer Lebensweise entgegen, bei der sich die verschiedenen Haushaltsmitglieder als gleichberechtigt verstehen.
Diese Eigenschaft der Altbauwohnungen ist nicht auf große bürgerliche Wohnungen beschränkt - dort findet man wohl noch am ehesten eine Hierarchisierung, die sich aber nicht so sehr auswirkt, weil auch die übrigen Räume eine passable Größe aufweisen. Auch die Wohnungen der »kleinen Leute« sind aus unterschiedlich vielen, etwa gleich großen Zimmern zusammengesetzt, denn ein Zimmer für ein einzelnes Kind konnte man sich früher gar nicht leisten. In den für Arbeiter gebauten Mietskasernen kann man sich heute sogar ganz nach eigenen Entwürfen einrichten, weil nicht einmal Küche oder Bad als separate Räume vorhanden waren. Aus einer Anzahl undefinierter Räume läßt sich mit heutigen Mitteln eine flexible Wohnform entwickeln, die differenziertesten Wünschen entgegenkommt."
(1987, S.18)

Die Alternativen werden als Pioniere der Reurbanisierung bezeichnet, die den Gentrifizierungsprozess in Gang setzen können aber nicht müssen. Sie sind also - wie die Yuppies - lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung der Gentrifizierung.

Neue Urbanität

"Die Alternativen können (...) die Funktion von »Pionieren der Reurbanisierung« haben und einen Aufwertungsprozeß einleiten, der die Voraussetzungen zerstört, die ihnen die Besetzung eines bestimmten Viertels ermöglicht hatten. Statt Müsli und naturtrübem Saft stehen dann Sekt und Kaviar auf dem Tisch. Ob es sich dabei lediglich zu einer neuartigen Mischung oder zu einem Verdrängungsprozeß kommt, hängt davon ab, wie groß der Anteil von Yuppies an der Bevölkerung in der jeweiligen Stadt ist."
(1987, S.19)

Während hier - zumindest theoretisch - noch eine Differenz zwischen dem bloßen Vorhandensein sozialer Bevölkerungsgruppen gemacht wird, zeichnen sich Medienberichte und die empirische Gentrificationsforschung in jenen Jahren selten durch eine differenzierte Betrachtung aus. Mit den Alternativen und den Yuppies sind zwei Mittelschichtmilieus angesprochen, die um den selben Wohnraum konkurrieren.

Neue Urbanität

"Das Alternativ-Milieu in den Großstädten ist (...) weitgehend ein Phänomen der Mittelschichten und der Expansion des Bildungswesens. Deshalb hat es mit der professionellen Kultur der Yuppies mehr gemeinsam als mit der Situation der großen Masse jener Arbeitslosen, die aufgrund des ökonomischen und technischen Strukturwandels aus der Produktionsarbeit ausgesperrt sind. Dies schlägt sich in den Städten auch räumlich nieder: die Räume von Yuppies und Alternativen überschneiden sich im innerstädtischen Altbaubestand, konsekutiv oder konkurrierend; die Trennungslinie zur  »normalen« Arbeitslosigkeit ist relativ scharf. Diese hat vor allem in den Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus ihren Ort. (...). Die Situation in diesen Stadtteilen wird sich bei zunehmenden Leerständen, einer Verschärfung der sozialen Segregation und bei weiteren Kürzungen im System der sozialen Sicherheit noch zuspitzen.
Der gegenwärtig zu beobachtende Wandel in der Nutzung innerstädtischer Altbaugebiete ist ein Resultat veränderter Berufssituationen und neuer Lebensstile. Die »Reurbanisierung« wird getragen von beruflich Erfolgreichen und von Alternativlern, denen (wenigstens teilweise) der alternative Lebensstil aufgezwungen worden ist."
(1987, S.20)

HÄUßERMANN & SIEBEL gehen von einer Polarisierung zwischen den Städten aus, wobei die Reurbanisierung durch Alternative und Yuppies den einen und die Entstehung einer "Kultur der Armut" (Der Berliner Stadtteil Kreuzberg erscheint in dieser Sicht als Ausnahme) den anderen Pol der Entwicklung darstellt.

Neue Urbanität

"Der Wandel der Innenstädte wird sich (...) nicht überall gleichförmig und mit denselben Ergebnissen abspielen. (...) Nur dort, wo bei einem größeren Teil der Bevölkerung, der vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen ist, durch längere und bessere Ausbildung genügend soziale Fähigkeiten für die Organisierung einer Arbeits- und Lebens-Alternative und eine entsprechende Unterstützung durch die Stadtpolitik vorhanden sind, kann sich eine alternative Szene entfalten. Nur dort, wo Mode, Kultur, Banken und High Tech prosperieren, entwickelt sich auch ihr Erfolgszwilling, die Yuppie-Kultur. Ansätze beider Lebensformen zeigen sich in fast allen Großstädten. Aber nur in sehr wenigen erreichen sie solches Gewicht, daß sich sinnvoll von Reurbanisierung sprechen ließe."
(1987, S.21)

Rückblickend sind die Reurbanisierungstendenzen, die HÄUßERMANN & SIEBEL beschworen haben, im Gegensatz zu den Suburbanisierungstendenzen unbedeutend geblieben. Jürgen GÖDDECKE-STELLMANN schreibt in dem Bericht Renaissance der Großstädte - eine Zwischenbilanz im Jahr 2011, dass in der neuen Reurbanisierungsdebatte übersehen wird, dass die Großstädte lediglich die Bevölkerungsverluste der 1980er Jahre ausgeglichen hätten. Erst in den 1990er Jahren haben sich die Bevölkerungszahlen der Großstädte stabilisiert. Die Überschätzung des Trends zur Single-Gesellschaft und ausbleibende Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben Ende der 1980er und in den 1990er Jahren eine wirkliche Trendumkehr verhindert. 

25 Jahre nach HÄUßERMANN & SIEBEL schreibt die Journalistin Kathrin HARTMANN, eine Angehörige der Generation Golf, in ihrem Buch Wir müssen leider draussen bleiben im Kapitel Von der Gentrifizierung zur Gated Community über den Prenzlauer Berg als Symbol der Gentrifizierung:      

Wir müssen leider draussen bleiben

"Längst ist der Prenzlauer Berg zum Symbol für Gentrifizierung geworden, jenem soziokulturellen und ökonomischen Prozess also, der ehemalige innenstadtnahe Arbeiterviertel mit viel Altbau in Szeneviertel verwandelt. Zuerst kommen die Studenten und Künstler, die sich die damals noch billigen Wohnungen leisten konnten. Sie schaffen eine improvisierte kreative Struktur und locken weitere Nachzügler. Szene-Kneipen, Frühstückscafés, Friseurläden mit originellen Namen, individuell gestaltete Kleider- und Klimbim-Boutiquen und eine kreative, hoch individualisierte Bewohnerschaft werten ein Viertel erst kulturell auf, dann ökonomisch. Flair und urbanes Lebensgefühl einer solchen Infrastruktur werden attraktiv für eine besser verdienende Schicht, die Nachfrage lässt die Mieten in die Höhe schnellen, ehedem günstige unrenovierte Altbauwohnungen werden zu luxussanierten Eigentumswohnungen, ältere Menschen, weniger Wohlhabende und Migranten müssen in günstigere Quartiere fern der Innenstadt ausweichen." (2012, S.115)

Statt von Alternativlern als Pionieren spricht HARTMANN von Studenten und Künstlern, denen Kreative folgen. Statt von Yuppies spricht HARTMANN von "besser verdienender Schicht". Verdrängung wird als soziale Folge des Aufwertungsprozesses dargestellt, von der Ältere, weniger Wohlhabende und Migranten betroffen sind. Ursache sind zu hohe Mieten und die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Den Verdrängungsprozess belegt HARTMANN mit folgenden Zahlen: 

Wir müssen leider draussen bleiben

"Nur noch jeder fünfte Anwohner des Prenzlauer Bergs hat dort den Fall der Mauer erlebt - alle anderen sind später hingezogen: Die Einwohnerschaft hat sich zu 80 Prozent ausgetauscht. Nurmehr ein knappes Fünftel (...) sind Alteingesessene. Die Anzahl der Bewohner mit Abitur hat sich seit 1990 verdoppelt, in den teuersten Gegenden rund um den Helmholtz- und Kollwitzplatz leben nun zu drei Vierteln Akademiker. In manchen Straßen des Prenzlauer Bergs hat sich die Zahl der Akademiker sogar verfünffacht, während die Arbeitslosenquote im Prenzlauer Berg unter dem Berliner Durchschnitt liegt. Allerdings sind die Unterschiede innerhalb des Prenzlauer Berg eklatant: Rund um den Kollwitzplatz sind nur 6,4 Prozent arbeitslos, in der Schmuddelecke des Prenzlauer Bergs, wo Plattenbauten den Volkspark säumen, sind es doppelt so viele. Der Migrantenanteil liegt mit elf Prozent nur knapp unter dem städtischen Durchschnitt, allerdings ist es nicht der typische Ausländer, der hier lebt: (...) Hochgebildete, mit gut bezahlten Jobs (...). Auch die Alten sind aus dem Viertel verschwunden: der Großteil der Bewohner ist zwischen 25 und 45 Jahre alt - jung, fit, leistungsfähig." (2012, S.115f.)

Berlin Prenzlauer Berg, Kollwitzplatz; Foto: Bernd Kittlaus 2014

Die Zahlen sind identisch mit einem bereits fünf Jahre alten ZEITMagazin-Artikel von Henning SUßEMANN über das Bionade-Biedermeier aus dem Jahr 2007:

Bionade-Biedermeier

"Der Prenzlauer Berg. Aus der Luft betrachtet, ist das ein Dreieck von Altbauten, das sich in die Hauptstadt keilt, restauriert und baumbestanden. Ein nur elf Quadratkilometer umfassendes Häusergeschachtel, in dem 143000 Menschen leben. Mehr als die Hälfte von ihnen ist zwischen 25 und 45 Jahre alt. Viele im alten deutschen Westen haben eine Tochter, einen Sohn, einen Neffen, eine Nichte, einen Freund, eine Freundin, die in dieses ehemalige Stück Osten gezogen ist. Der Stadtteil verändert sich so schnell, dass die Statistiker kaum noch mitkommen: Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht, Schätzungen für die gesamte Zeit seit dem Mauerfall gehen von über 80 Prozent aus.
Der Anteil der Akademiker hat sich mehr als verdoppelt, in manchen Straßen verfünffacht. In keinem anderen Berliner Viertel sind so wenige Einwohner von staatlichen Leistungen abhängig. Und da junge Leute, kurz bevor sie alt werden, doch noch ein oder zwei Kinder kriegen, sind auch die Spielplätze sehr dicht besiedelt.
(Die ZEIT Nr.46 v. 08.11.2007)

Haben sich seit dieser Zeit tatsächlich keinerlei Veränderungen ergeben? Ein aktueller Ergebnisbericht des Bezirksamtes Pankow vom Oktober 2013 gibt darüber folgendermaßen Auskunft:

Ergebnisbericht Weiterentwicklung der Erhaltungsgebietskulisse gemäß § 172 Abs. 1 Nr. 2 BauGB im Bezirk Pankow, Ortsteil Prenzlauer Berg

"Altersstruktur der Bevölkerung in den Teilräumen des Untersuchungsgebiets durch Zuzug junger Haushalte und von Familien (Alleinerziehende und Paare mit Kindern) sowie durch den Austausch von Bewohnern deutlich verjüngt. In den Teilräumen des Untersuchungsgebiets liegen die Anteile der unter 18-Jährigen um bis zu 4 Prozentpunkte höher als im Berliner Durchschnitt."
(2013, S.87)

"Die Einkommenssituation stellt sich in allen Teilräumen des Untersuchungsgebiets günstiger dar, als in den übergeordneten Referenzgebieten. Die Ursachen hierfür liegen in den Strukturveränderungen durch die Bevölkerungsfluktuation in den Sanierungs- und Erhaltungsgebieten. Nicht allein die Altersstruktur hat sich dadurch verjüngt, sondern die Bevölkerung weist ein hohes (Aus-)Bildungsniveau und überdurchschnittliche Erwerbsquoten auf. Dies trägt zu einer vergleichsweise besseren Erwerbs- und Einkommenssituation bei.
Eine differenzierte Betrachtung der Ergebnisse der Sozialstudien zeigt, dass dennoch bestimmte Personen- und Bewohnergruppen als verdrängungsbedrohte Bevölkerung zu charakterisieren sind, da ihre Äquivalenzeinkommen um bis zu einem Drittel niedriger liegen als im Mittel der Teilräume und auch deutlich niedriger als in den übergeordneten Referenzgebieten. Hierzu zählen Familien mit Kindern (Paare und Alleinerziehende), Seniorenhaushalte (Singles und Paare) sowie arbeitslose Transferbezieher.
Im Hinblick auf die Verdrängungsproblematik ist darauf hinzuweisen, dass die Haushalte mit den unterdurchschnittlichen Einkommen überproportional in den besonders aufwertungsbedrohten, öffentlich geförderten Belegrechtswohnungen und in den unsanierten Beständen wohnen."
(2013, S.91)

Der Ergebnisbericht liefert für die ehemaligen Sanierungsgebiete des Prenzlauer Bergs zum Teil detaillierte Sozialstrukturdaten, die sich jedoch durch andere Altersgruppenaufteilungen und Indikatoren nicht auf die Daten von HARTMANN oder SUßEBACH beziehen lassen. Deutlich wird aber bereits hier, dass auch in gentrifizierten Vierteln wie Prenzlauer Berg weitere Aufwertungen möglich sind. Und ob bei einem Austausch der Bevölkerung tatsächlich Verdrängung vorliegt, das ist zum einen ein Mess- bzw. Methodenproblem und zum anderen eine Definitionssache. Dazu aber später mehr.

Berlin Prenzlauer Berg; Foto: Bernd Kittlaus 2014

Zunächst soll gefragt werden, ob es tatsächlich nur einen einzigen Verlauf von Gentrifizierung gibt? Der Stadtsoziologe Andrej HOLM beschreibt neben dem idealtypischen Gentrifizierungsprozess, den HARTMANN hervorhebt, verschiedene Verlaufsformen, d. h. das Schanzenviertel in Hamburg oder das Szeneviertel Prenzlauer Berg in Berlin sind keineswegs prototypisch für Gentrifizierung in Deutschland.

Wir  Bleiben Alle!

"Was in den verschiedenen Städten als Gentrification beschrieben wird, kann sich dabei deutlich voneinander unterscheiden: nicht alle Aufwertungen enden wie der Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg, die Kölner Südstadt oder München-Schwabing die sich zu Enklaven des gehobenen Wohnens entwickelt haben. Auch der Verlauf folgt selten einem festgesetzten Modell mit klar vorgegebenen Entwicklungsphasen."
(2010, S.8)

Was Kathrin HARTMANN beschreibt ist also lediglich der klassische Gentrifizierungszyklus. Vernachlässigt wird dabei z.B. dass die Aufwertung in Sanierungsgebieten stattfindet, weshalb HOLM auch von öffentlich geförderter Verdrängungsdynamik spricht.

Wir  Bleiben Alle!

"Kritische Studien haben (...) schon in den 1980er Jahren von »öffentlichen Anschubfinanzierungen für Gentrification« gesprochen. Heute attraktive Wohngebiete wie Frankfurt-Bockenheim, Berlin-Prenzlauer Berg, die Kölner Südstadt, das Hambuger Schanzenviertel oder die Dresdner Neustadt sind Beispiele für solche staatlich initiierten oder begleiteten Stadtteilaufwertungen.
Die großflächige Festlegung von Sanierungsgebieten mit dem Ziel der umfassenden baulichen Erneuerung der Wohngebiete haben die Verdrängungsdynamiken verstärkt".
(2010, S.12)

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Dezember 2014
Update: 22. Januar 2017