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Debatte

 
       
   

In Verteidigung der Managerehe

 
       
   

Oder: Eine Kampfschrift der neuen Reaktionäre
Ein Essay anlässlich des  Artikels "Produktion und Reproduktion" von Norbert Bolz in der FAZ vom 22. 02. 2003

 
       
     
       
   
     
 

Vom Artikel "Produktion und Reproduktion" zum Buch "Die Helden der Familie"

"LITERATUREN: Wie gehen Sie an das Thema heran, Herr Bolz, als Medienwissenschaftler oder als Privatmann? Ihr neues Buch heißt »Die Helden der Familie« (...).
NORBERT BOLZ: Ich bin (...) auf das Thema gekommen, als mich die »Westdeutsche Allgemeine« einmal zu Weihnachten um einen Artikel über die Heilige Familie bat. Daraufhin schrieb ich über die Entheiligung der Familie im rot-grünen Zeitalter. Der Text wurde dort nicht veröffentlicht, es hatte einen Riesenkrach in der Redaktion gegeben, einige waren leidenschaftlich für den Artikel, andere leidenschaftlich dagegen. Gleichzeitig gab es eine Anfrage der »FAZ«, die den Artikel dann unter dem Titel »Produktion und Reproduktion« druckte, obwohl auch hier die Redaktion sich zerstritten hatte. Daraufhin dachte ich, dass etwas dran sein muss an dem Thema, und ich verfolgte es weiter. So ist das Buch entstanden."
(aus: Literaturen, Juni 2006, S.16)

Sind die 68er unser Schicksal?

"Unser Schicksal sind die Achtundsechziger", behauptet Norbert BOLZ. Sie besetzen die Professoren- und Chefredakteursposten unserer Republik, konkretisiert er weiter. BOLZ gehört also nicht zur Schicksalsgemeinschaft für die er spricht, denn als Shooting-Star der Single-Generation besetzt er einen wichtigen Professorenplatz. Im Kampfblatt der Konservativen Revolution, bei dem ein anderer Shooting-Star der Single-Generation, Frank SCHIRRMACHER, einen wichtigen Redakteursposten einnimmt, darf er sich dennoch zum Anwalt der 68er-ff.-Generationen aufschwingen. In dieser Sprachrohrfunktion kritisiert er den vereinigten Angriff der 68er und der Feministinnen - irgendwie das gleiche - auf die bürgerliche Familie. Im Sinne der FAZ-Klientel ist das die Managerehe, zu deren Verteidigung er antritt. Nach dem alten Fußballer-Motto "Wen jemand am Boden liegt, dann muss kräftig nach getreten werden", rechnet er nun mit dem rot-grünen Zeitalter ab, das allerspätestens am 2. Februar zu Ende gegangen ist.

Die familienpolitische Wertehierarchie des rot-grünen Zeitalters

Produktion und Reproduktion

"Höchste Wertschätzung genießt das berufstätige Paar mit ganztägig betreutem Kind. Dann folgt die alleinerziehende Mutter; sie ist die eigentliche Heldin des rot-grünen Alltags. Nun die Singles und die Dinks (double Income, no kids). Am unteren Ende der Werteskala rangiert die klassische Familie mit arbeitendem Ehemann und Mutter/Hausfrau." [mehr]
(Norbert Bolz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.02.2003)

Die Wertehierarchie bedarf gewisser Korrekturen, denn BOLZ ist offensichtlich nicht ganz up to date. Es mag sein, dass die ersten beiden Lebensformen im Mittelpunkt der rot-grünen Reformbestrebungen stehen. Dass Singles jedoch an der dritten Stelle rangieren sollen, das ist angesichts der Rentenreformen und der Hartz-Reform wohl eher ein übler Scherz. Mag sein, dass BOLZ die gehasste Karrierefrau mit Singles gleichsetzt, das ist aber doch eher sein persönliches Problem (das er im übrigen mit Michel HOUELLEBECQ teilt). Statt des Begriffs "Singles" müsste also ehrlicherweise der Begriff "Karrierefrauen" eingesetzt werden.

Double income, no kids - Zwei Lebensformen in einen Topf geworfen

"Dinks" ist ein beliebter Kampfbegriff, denn er beinhaltetet mindestens zwei grundverschiedene Lebensformen, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Zum einen die "Dual Career Couples" (Doppelkarrierepaare bzw. DCCs) und zum anderen die Doppelverdienerpaare, bei denen die Frau gewöhnlicherweise nur die Zuverdienerrolle innehat. Diese Lebensform geht also nahtlos über in die klassische Familie. Selbst die eingefleischte "Hausfrau" - vor allem die "Frau an seiner Seite" - ist im Grunde ihres Herzens Karrierefrau. Sie muss sich dafür nur nicht die Hände als lohnabhängige Arbeiterin schmutzig machen. Gerne schreibt sie z.B. Bücher über die mangelnde Anerkennung ihres Mutter- und Hausfrauendaseins oder über mangelnde Manieren, währenddessen das Dienstpersonal - vorzugsweise allein erziehende Frauen im Niedriglohnsektor (man gönnt sich ja sonst nichts!) die Hausarbeit erledigen und Kindermädchen die Kinder beaufsichtigen damit sie nicht beim Manuskriptverfassen stören.

Die schärfsten Kritiker der "Dinks", waren vor ihrer wenig wundersamen Bekehrung selbst welche

Die schärfsten Kritiker der "Dinks" haben oftmals vor ihrem neu gewonnenen Kritikerstandpunkt die Vorzüge einer "Dinks"-Lebensphase genossen. Ganz schlaue Konservative, haben ihre Studentenphase mit dem Einkommen der Frau aufgebessert, das nicht benötigte Bafög zinsbringend angelegt, während andere zusätzlich malochen mussten. Jetzt ist das erste Kind da und da möchten sie gerne die Vorzüge der Familie mit den Vorzügen der "Dinks" kombinieren. Gib mir alles, lautet die Maxime der neuen Familienfundamentalisten! Sie plädieren also für Steuervergünstigungen zugunsten der klassischen Familie. Sind die Kinder aus dem Haus, dann kämpfen sie wieder Seite an Seite mit den "Dinks". Die USA macht es vor.

Dem gebeutelten Mann ein neues Selbstbewusstsein!

Produktion und Reproduktion

"Frauen kontrollierten schon immer die Reproduktion; erst die Pille hat sie aber zu den wahren Türhütern der Natur gemacht. Deshalb verweigern Männer zunehmend die Verantwortung. Das wiederum führt zu einer drastisch sinkenden Geburtenrate." [mehr]
(Norbert Bolz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.02.2003)

Den Applaus von männlichen Scheidungsopfern gewiss, genauso wie der Anfeindungen von 70er-Jahre-Feministinnen, verknüpft BOLZ seine Argumentation zu einem gesellschaftspolitischen Rundumschlag, der Familienfundamentalisten und Bevölkerungswissenschaftlern aus dem Herzen spricht. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass diese Krisenbeschreibung gute Chancen auf eine viel versprechende Karriere hat. So wie in den 1960er Jahren die Frauenbewegung durch den Frauenüberschuss befeuert wurde, so wird nun die neue Männerbewegung durch einen Männerüberschuss getragen. Das Schicksal sind nicht die 68er, sondern die Demografie, die den Mann zum doppelt Überflüssigen macht. Weder zur Produktion, noch zur Reproduktion ist er vonnöten.

Die Scheidungsrate als Maß für die ökonomische Unabhängigkeit der Frau

Sicherlich drückt die Scheidungsrate auch die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen aus. Im Gegensatz zur Focus-Titelgeschichte über die Faktoren der Ehestabilität, nennt BOLZ die Gesetzesänderungen der 70er Jahre als Faktor, der Einfluss auf die Ehestabilität hat.

Welche Ehe hält wie lange?

"Mitte der 70er Jahre hat der US-amerikanische Singleforscher Peter J. STEIN ein Push und Pull-Modell entwickelt. Es sollte die Faktoren enthalten, die die (fehlende) Attraktivität der Ehe und des Single-Daseins enthalten.
          
 Das Modell enthält 4 Faktoren-Gruppen: zum einen Gründe für eine Ehe und Gründe gegen eine Ehe und zum anderen Gründe für das Single-Dasein und dagegen. (...).
          
 Solche Typologien beschreiben (...) ein Feld, das lebensphasenspezifischen und zeitgeschichtlichen Einflüssen unterliegt."
(aus: single-generation.de, März 2003)

Die Rechtsprechung hat jedoch nur nachgeholt, was gesellschaftlich nicht mehr haltbar war. Frauen bevorzugten vor 1977 die "italienische Scheidung". Wo Scheidung nicht gesetzlich möglich ist, da vollzieht sich der Grabenkrieg unterhalb der Gesetzesebene. Nostalgiker verwechseln statistische Sichtbarkeiten (hohe Scheidungsrate) oder Unsichtbarkeiten (niedrige Scheidungsrate) mit gesellschaftlichen Lebensverhältnissen, die sich mit diesem Indikator nicht abbilden lassen. BOLZ ist sicherlich kein Nostalgiker, aber er setzt auf Nostalgie. BOLZ zeigt, dass so manchem die Ehe als Gefängnis verlockend erscheint. Das Gefängnis ist dann aber für andere bestimmt!

Alleinerziehende als familienpolitische Profiteure?

Alleinerziehende sind keine Erfindung des rot-grünen Zeitalters. Profiteure sind sicherlich Yuppie-Moms, die mit einem Partner zusammenleben und nicht heiraten, weil dies finanzielle und sonstige Vorteile mit sich bringt. Allerdings sind Alleinerziehende nicht unbedingt Angehörige der Neuen-Mitte-Milieus wie das BOLZ suggeriert und nicht jede Alleinerziehende lebt mit einem Partner zusammen. Christian RATH beschreibt anlässlich eines Bundesverfassungsgerichtsurteils zur beitragsfreien Mitversicherung in Krankenkassen das Dilemma der Familienpolitik folgendermaßen:

Schutz der Ehe ist nicht absolut

"Die Kassen hätten (...) nachweisen müssen, dass eine Mutter nicht allein erzieht, sondern in einer Partnerschaft lebt. Vermutlich sind die Versicherer froh, dass ihnen entsprechende Nachforschungen erspart blieben". [mehr]
(Christian Rath in der taz vom 13.02.2003)

Die Möglichkeit, die RATH nicht erwähnt, das wäre für Alleinerziehende die Umkehr der Beweislast wie bei Singles auf Arbeitssuche bei der Zumutbarkeitsregelung. Dass dies nicht diskutiert wird, bestätigt die hohe Wertschätzung von Alleinerziehenden.

Feminismus als Kreuzzug gegen die Managerehe?

BOLZ schreibt zwar immer "bürgerliche Ehe", aber in der heutigen Zeit ist dieser Begriff unangebracht, denn was BOLZ erhalten will, das sind die Privilegien einer Elite, die von der Geschlechterungleichheit profitiert. Im Kern handelt es sich um die Managerelite, aber auch Professoren und Redakteure können davon profitieren. Wenn die Feministinnen einen Kreuzzug gegen die Einverdienerehe geführt haben, dann haben sie ihn schon längst verloren. Die Manager haben das Ehegattensplitting verteidigt und die Bundesfamilienministerin Renate SCHMIDT hat vor kurzem das Ehegattensplitting zum unantastbaren Privileg erklärt. Es gibt also keinen rot-grünen Konsens gegen die Managerehe. Weder bei der SPD, wo die Generation Berlin den Rechtsruck vollzogen hat, noch bei den Grünen, wo die Kinderpolitiker das Sagen haben, haben 70er-Jahre-Feministinnen eine Chance zur Durchsetzung ihrer Interessen.

Was bezweckt der Aufstand der neuen Reaktionäre?

Wenn mit dem 70er-Jahre-Feminismus von Norbert BOLZ ein Papiertiger entworfen worden ist, dann stellt sich die Frage, was der Beitrag bezwecken soll. Der Soziologe Ulrich BECK hat 1986 drei Szenarien für die Zukunft des Kampfes der Lebensstile vorgestellt .  Kurz gesagt: Norbert BOLZ polemisiert in seinem Beitrag gegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, malt dafür das Horrorszenario der "vollmobilen Single-Gesellschaft"  an die Wand, um ein Loblied auf die refeudalisierte Hausfrauenfamilie zu singen. Ulrich BECK hat damals das dazu nötige Programm zur Durchsetzung dieses Szenarios dargelegt. BOLZ hat in seinem Beitrag jeden Punkt beherzigt.

Der neue Elitenkonsens der neoliberalen Bobokratie

Zur Zeit wird ein neuer Elitenkonsens zu Lasten Dritter ausgehandelt. Unter dem Stichwort "Umbau des Sozialstaats" geht es um das zukünftige Modell Deutschland. Die USA haben vorgemacht wie ein Konsens der alten (Managerehe) und neuen Eliten (Double Career Couples) aussehen könnte. Elinor BURKETT hat in dem Buch The Baby Boon (2000) beschrieben wie das familienfreundliche Amerika die Kinderlosen bluten lässt. Das fruchtbare Besitzstandswahrerbündnis von alter (WASP) und neuer amerikanischer Mittelschicht hat David BROOKS in seinem Buch als Bobos in Paradise (2000) von seiner schicken Lebensstilseite beschrieben . Den Betrug dieses Elitenkonses an den Kinderlosen beschreibt BURKETT folgendermaßen:

Wie das familienfreundliche Amerika die Kinderlosen betrügt

"President William Jefferson Clinton and his Republican Congress forge the most massive redistribution of wealth since the War on Poverty - this time not from rich to poor, but from nonparents, not matter how modest their means, to parents, no matter how affluent".

BURKETT beschreibt in dem Buch die massivste Umverteilungsaktion seit dem Krieg gegen die Armut. In der Clinton-Ära erfolgte die Umverteilung von den Kinderlosen - egal, ob arm - zu den Eltern - egal, ob reich. In Deutschland heißen die wichtigsten Vordenker dieser Richtung Meinhard MIEGEL, Jürgen BORCHERT, Paul KIRCHHOF und Hans-Werner SINN.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

Fazit: Die Singles sollen zum neuen Proletariat des 21. Jahrhunderts werden

Der Beitrag von Norbert BOLZ ist also nur ein Mosaikstein im Aushandlungsprozess zwischen den beiden Elitenpositionen zur Familienpolitik. Singles sind von den Verhandlungen ausgeschlossen. In keiner einzigen Neue-Mitte-Publikation ist eine ernstzunehmende Position der Singles zu finden. Singles haben keine eigene politische Lobby, es gibt keine Partei, Singles sind eine statistische Gruppe, aber keine soziale Gruppe, die konfliktfähig wäre. Was Elinor BURKETT für die USA beschrieben hat, ist also die wahrscheinlichste Entwicklung für das zukünftige Modell Deutschland.

 
     
 
       
   

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© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. März 2003
Update: 27. Januar 2017