| |
|
- ROGALLA, Annette
(2001): Ein neues Stigma.
Contra: Singles ohne Kinder
zahlen schon genug für Eltern,
in: TAZ
v. 04.04.
- Kommentar:
Rogalla schneidet
ein wichtiges Thema an: die zunehmende
Stigmatisierung von Singles! Sie bleibt
jedoch dem Scheinkonflikt "Singles
versus Familien" zu sehr
argumentativ verhaftet.
Von Sozialpolitikern wird zwar viel vom
"Generationenvertrag" geredet,
aber die Zeitdimension
"Lebenslauf" wird
vernachlässigt. Kinderlose sind dann
nämlich nicht mehr nur lebenslang
Kinderlose (die kleinste Gruppe), sondern
Eltern in der Vorkinderphase und Eltern
ohne Kinder im Haushalt, oder Eltern,
deren Kinder gestorben sind. Wenn es um
die letztgenannten Gruppen geht, dann
wird aus dem medial inszenierten Konflikt
"Singles versus Familien" der
Kernkonflikt um die Umverteilung von
Geldern zwischen verschiedenen Phasen in
der Familienbildung.
- BARBIER, Hans D.
(2001): Das Pflegeurteil. Ein Muster ohne Wert,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 05.04.
- Inhalt:
BARBIER
bezweifelt die These von der
kinderfeindlichen Gesellschaft und
kritisiert die beschränkte Reichweite
des "Generationenvertrags": Partner
dieses fiktiven Vertrages müßten dann
doch wohl alle Steuerzahler sein und
nicht die eher zufällig abgegrenzten
Gruppen der Arbeitnehmer oder der
Mitglieder der gesetzlichen
Krankenversicherung."
- BRÜTT,
Christian (2001): Verfassungsschutz für die
Familie.
Ein
Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur
Pflegeversicherung will die Erziehungsleistung
anerkannt wissen,
in: Jungle
World Nr.16 v. 11.04.
- Inhalt:
Der Autor
relativiert die Bedeutung der
"generativen Leistung":
"Der gemeinhin ins Spiel gebrachte
Wohlstand einer Nation ist nicht
bevölkerungspolitisch zu bestimmen. Er
hängt vielmehr von der Entwicklung der
ökonomischen Kennzahlen, also vom
technischen Fortschritt, von der
Produktivität, vom Produktionsniveau und
nicht zuletzt vom Lohnniveau ab. Wer hier
bevölkerungspolitisch argumentiert,
verkennt zudem, dass Volkswirtschaften im
Sinne von geschlossenen
Nationalökonomien nicht erst seit der
Globalisierung aufgehört haben zu
existieren. "
- KÖPF, Peter
(2001): Geld her oder zeugen.
Immer mehr Politiker wollen
die Deutschen vom Kinderkriegen überzeugen. Die
Singles werden zu Hassfiguren. Dabei finanzieren
die schon jetzt den Nachwuchs anderer Leute,
in: TAZ
v.19.04.
- Kommentar:
Die Argumentation
von Peter KÖPF ist zwar gut gemeint,
führt aber in eine gefährliche
Sackgasse.
Wenn
"Singles" zu Hassfiguren
werden, dann liegt das in erster Linie an
solchen vorschnellen ökonomischen
Kosten-Nutzen-Bilanzen, die den Fokus auf
ein Thema lenken, das dem Kern des
Problems nicht gerecht wird.
Statt die
Scheinkontroverse "Singles versus
Familien" zu forcieren, sollte
endlich eine Selbstverständigungsdebatte
über die gesellschaftliche Situation in
Gang gesetzt werden. Erst danach kann
sinnvoll bilanziert werden.
Der
Soziologe Ulrich BECK hat Mitte der 80er
Jahre mit den Begriffen
"Individualisierung" und
"Single-Gesellschaft" wichtige
Denkanstösse geliefert, die auf den
gesellschaftlichen Wandel aufmerksam
gemacht haben. Diese Begriffe sind
mittlerweile jedoch zum Denkersatz
mutiert und behindern damit eine
Neubestimmung des politischen Konsens.
Die
demografische Entwicklung erfordert
Lösungen, die einen gemeinsamen Beitrag
von Kinderlosen ("Singles") und
Eltern ("Familien")
voraussetzen, denn viele Ursachen dieser
Entwicklung sind keine Folgen
willentlichen oder unwillentlichen
("Fehl-")Verhaltens, sondern
das Ergebnis technischen Fortschritts und
verbesserter Lebensverhältnisse (z.B.
höhere Lebenserwartung) oder politischer
Handlungen (z.B. unterschiedliche
Geburtenraten in den alten und neuen
Bundesländern).
Der
Singlebegriff eignet sich zwar ideal zur
Polarisierung, verhindert dadurch jedoch
Konsenslösungen. Die Haushaltsstatistik
des Statistischen Bundesamtes liefert den
Stoff für die diversen ideologischen
Scheingefechte.
Der
griffige Slogan "Familie ist da, wo
Kinder leben" kann sich auf diese
Statistik berufen. Dann kann argumentiert
werden, dass Haushalte ohne Kinder
("Singles") wesentlich
weitverbreiteter sind als
Familienhaushalte. Die Zunahme der
Single-Haushalte ist dann ein sichtbares
Zeichen für die dramatische Zunahme der
Kinderlosigkeit.
Eine solch
scheinbar bestechende Logik führt aber
zu geradezu paradox anmutenden
Fehleinschätzungen hinsichtlich des
gesellschaftlichen Ausmasses der
Kinderlosigkeit. Nehmen wir z.B. die
Gruppe der Unfruchtbaren. Die
Fortschritte der Reproduktionsmedizin
haben dazu geführt, dass Unfruchtbarkeit
kein Schicksal mehr sein muss. Der
zunehmende "Gebärdruck" auf
Kinderlose macht solche Behandlungen
quasi zur Pflicht. Dass Unfruchtbare
bereits jetzt schon alles tun, um ihren
Kinderwunsch zu realisieren, lässt sich
an der rapiden Zunahme von
Mehrlingsgeburten ablesen. Paradoxerweise
erscheint dieser "Erfolg" der
Reproduktionsmedizin in der Lesart der
"Single-Gesellschaft" als
Zunahme der Kinderlosigkeit. So führt
z.B. die Geburt von Drillingen im
Vergleich zur Geburt von 3 Einzelkindern
im Abstand von 1 2 Jahren bei
gleicher Verweildauer der Kinder im
Elternhaus zu einer durchschnittlich
kürzeren Existenz eines
Familienhaushaltes, in dem die Drillinge
geboren werden. In der Haushaltsstatistik
wird dies als Anstieg der Kinderlosen
sichtbar, der in dieser Weise nicht
gegeben ist.
Der
Rückgriff auf den statistischen
Singlebegriff führt zu gravierenden
Fehleinschätzungen. So erscheint eine
"Gesellschaft der Nesthocker"
bei gleicher Kinderzahl
familienfreundlicher als eine
Gesellschaft der Selbständigen. Eine
Gesellschaft der erwerbstätigen Frauen
und Männer erscheint bei gleicher
Kinderzahl kinderfeindlicher als eine
Gesellschaft der Vollzeitmütter.
Wer den
Singlebegriff also unbesehen übernimmt,
der sitzt solchen immanenten Verzerrungen
auf. Er läuft Gefahr die Tragweite der
demografischen Entwicklung zu verkennen.
Eine
Familienförderung, die ihre
Handlungsmaximen aus der angeblichen
Polarisierung zwischen lebenslang
Kinderlosen und Kinderreichen ableitet,
ist für die überwältigende Mehrheit
der Kinderarmen in der jüngeren
Generation kontraproduktiv. Sie könnte
vermehrte lebenslange Kinderlosigkeit
fördern, weil sie den Noch-Kinderlosen
Lasten auferlegt, die den Kinderwunsch
bereits im Keim ersticken.
Wer die
Zeitdimensionen "Lebenslauf"
und "Generation" nicht
berücksichtigt und die
verhaltensunabhängigen Aspekte der
demografischen Entwicklung übersieht,
der trägt nicht zu einem tragbaren
Konsens bei. Er forciert stattdessen die
Stigmatisierung der "Singles"
und verschleppt sinnvolle Lösungen.
- KNIPPHALS,
Dirk (2001): Kampf der Kränkungen.
Bei der Familiendebatte geht
es immer um Geld. Scheinbar. Tatsächlich prallen
Ängste aufeinander. Singles fühlen sich als
biologische Versager, Familien als Verlierer,
in: TAZ
v. 24.04.
- Kommentar:
Knipphals zeigt mit
seinem Artikel eigentlich nur, dass
Singles in dieser Gesellschaft nicht
ernst genommen werden. Der Vorschlag,
eine Interessenvertretung nach dem
Vorbild des ADAC zu gründen, nimmt zwar
zur Kenntnis, dass Singles nicht
organisiert sind, er zeigt aber
andererseits, dass versucht wird, die
Interessen von Singles lächerlich zu
machen.
Wer mit
Singles Kurzinterviews führen möchte,
um deren aufgestaute Wut vorzuführen,
statt ihnen Gelegenheit zu geben, ihre
Position sachlich darzustellen, der darf
sich eigentlich nicht über eine Debatte
wundern, die auf Stammtischniveau
geführt wird.
Wenn
Knipphals zugibt, dass über Singles nur
im Zusammenhang mit der Kinderlosigkeit
geschrieben wird, dann ist das ein erster
Schritt der Selbsterkenntnis, der hoffen
lässt.
Tatsache ist, dass es seit Ende der 80er
Jahre allgemeiner Usus ist, Singles in
sozialpolitischen und -pädagogischen
Zusammenhängen zu betrachten. In keiner
einzigen meinungsbildenden
überregionalen Zeitung in Deutschland
finden Singles als heterogene Gruppe eine
Plattform. Es wird über sie geschrieben,
sie dürfen auch mal ein paar Statements
zu vorgegebenen Themen abgeben. Es muss
aber alles ins Klischee passen, sonst ist
es nicht öffentlichkeitsfähig.
So lässt
sich mit dem Yuppie-Klischee im Nu der
Neidaffekt aktivieren. Es ist dann
gleichgültig, um was es geht. Der
"Swinging Single" ist zur
Museumsattraktion geworden, die immer
dann hervorgekramt wird, wenn man die
Freiwilligkeit des Single-Daseins
anzweifeln möchte. Die Karrierefrau mit
unerfülltem Kinderwunsch ist die
Speerspitze im Kampf um die Vereinbarkeit
von Beruf und Familie geworden, weswegen
die Karrierefrau ohne Kinderwunsch
höchstens bei Cosmopolitain über ihre
sexuellen Wünsche plaudern darf und
ansonsten als Relikt der 70er Jahre mit
den Anfeindungen postfeministischer
Frauen rechnen darf.
Die
Wohnsituation ist auch recht einsilbig.
Singles wohnen in den allseits beliebten
verkehrsberuhigten Zonen der Großstädte
und besetzen die Altbauten und Lofts, die
ideal für Familien wären.
Vielleicht
ergibt sich die Schieflage der Debatten
vor allem daraus, dass die
Berichterstatter aus dem selben Milieu
stammen wie die Yuppies, über die sie so
gern berichten. Statistisch gesehen ist
diese Gruppe jedoch nur durch die Lupe
der Haushaltsstatistik sichtbar zu
machen. Sie ist lautstark, aber
bevölkerungsmässig irrelevant.
Die
Single-Haushalte sind nicht der Nabel der
Single-Gesellschaft, sondern nur die
Spitze des Eisbergs. Der Mikrozensus 2000
hat enthüllt, dass 85 % der Bevölkerung
nicht in Einpersonenhaushalten lebt. Dies
reicht deshalb nur für Schlagzeilen wie:
"Immer mehr Deutsche leben in
Single-Haushalten" oder
"Einpersonenhaushalte erreichen
neues Rekordniveau".
Wenn in den Medien sachlich über die
heterogene Kategorie der Haushalte ohne
Kinder berichtet würde, dann ergäbe
sich ein ganz anderes Bild. Hinter dem
hohen Durchschnittseinkommen würde ein
Spaltung in wenige Yuppies und viele
Geringverdiener sichtbar werden.
Wo sind die Berichte über Lebensweisen
jenseits der Lofts? Dieses Thema wird
heutzutage nur aufgegriffen, wenn man es
mit Rechtsextremismus oder
Verwahrlosungsprozessen in Verbindung
bringen kann.
In einem
Fünftel der Einpersonenhaushalte leben
über75Jährige Trümmerfrauen, deren
generativer Beitrag weit zurückliegt und
deshalb nun als Beitrag zur
Kinderlosigkeit zählt. Die
Rechtssprechung weist geschiedene
Zahlväter vorwiegend den
Einpersonenhaushalten zu. Bei
partnerlosen allein Erziehenden zählt
dagegen das Kind als Kriterium der
Zuweisung. Die Kategorien bestimmen also
bereits den Blick auf die Menschen.
Die
Nichteheliche Lebensgemeinschaft ist
angeblich eine Erfindung der 68er, aber
vorher war sie bereits als Onkel-Ehe
weitverbreitet. Was statistisch jedoch
nicht sichtbar ist, das existiert auch
nicht.
Die Großfamilie - ein Mythos wie der
Single - verstellt den Blick darauf, dass
schlichter Wohnungsmangel mit sozialem
Gutmenschentum verwechselt wird. Die
multilokale Mehrgenerationen-Familie wird
dagegen als haushaltsübergreifender
Generationenzusammenhang zur
Veranstaltung von Rabengroßeltern.
Großelternschaft ist aber kein
traditionelles, sondern ein modernes
Phänomen aufgrund der steigenden
Lebenserwartung. Wenn die Oma ihre Enkel
hütete, dann nicht weil sie nicht lieber
in Urlaub gefahren wäre, sondern weil
diese Option gar nicht existierte.Aber
solche Versuche, eine fiktive gute alte
Zeit der egoistischen
Gegenwartsgesellschaft
gegenüberzustellen, zeigen nur die
perfiden Mechanismen auf, mit denen
subtil das Meinungsklima beeinflusst
werden soll.
Es besteht deshalb die Befürchtung, dass
es mit der Erkenntnis, dass es falsch
ist, wenn man Singles nur in ihrer
gesellschaftlichen Funktion als
Kinderlose sieht, nicht sehr weit her
ist.
Singles sollten Knipphals beim Wort
nehmen und dafür sorgen,dass es nicht
bei reinen Lippenbekenntnissen bleibt.
- AUSTILAT,
Andreas (2001): Eltern contra Kinderlose.
Wer
bezahlt wieviel? Der Streit um den Nachwuchs:
Zwei Positionen,
in: Tagesspiegel
v. 26.04.
- Kommentar:
AUSTILAT bringt es
auf den Punkt. "Eltern" und
"Kinderlose" sollten sich gegen
den "Versuch wehren, den
Generationenkonflikt in einen Konflikt
zwischen Familien und Kinderlosen
umzuleiten. Ihr und wir könnten sehr gut
im Respekt miteinander leben und unsere
unterschiedlichen Lebensentwürfe und
Erfahrungen als Bereicherung empfinden -
im Wissen, dass wir eigentlich eine faire
Lastenteilung haben: Wir tun ein bisschen
mehr für die Versorgung der heutigen
Alten und helfen euch bei den
Erziehungskosten. Ihr tut ein bisschen
mehr, dass es noch einen
Generationenvertrag gibt, wenn wir alt
sind."
|
|