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Frühjahrsthema

 
       
   

Die sozialen Aufsteiger und ihr Verhältnis zum Herkunftsmilieu - Die netten Jahre sind vorbei, Teil 4

 
       
   

Was uns die Bücher Rückkehr nach Reims von Didier Eribon und Proleten Pöbel Parasiten von Christian Baron über die Gesellschaft lehren (Teil 2)

 
       
     
       
   
     
 

Wer gehört zur Arbeiterklasse und ist dieser Begriff überhaupt noch zeitgemäß?

ERIBON definiert in seinem Buch nicht, was er unter dem Begriff "Arbeiterklasse" versteht. Da sich seine Beschreibungen vorwiegend auf die Situation des 20. Jahrhunderts beziehen, ist sein Begriff vor allem mit der Fabrikarbeiterschaft identisch. Aber auch das, was heute als haushaltsnahe Dienstleistungen einen neuen Aufschwung erlebt, zählt dazu. ERIBON spricht aber auch von den "classes populaires", was als die "einfachen Leute" übersetzt wird: 

Rückkehr nach Reims

"Mein Vater hat (...) von seinem vierzehnten bis zu seinem sechsundfünfzigsten Lebensjahr in der Fabrik gearbeitet, von seinem letzten Schultag bis zu dem Tag, als man ihn ungefragt in Frührente schickte. Meiner Mutter erging es kurz darauf genauso (sie war fünfundfünfzig). Beide wurden von einem System ausgestoßen, das sie ein Leben lang schamlos ausgebeutet hatte." (2016, S.49)

"Ich fragte meine Mutter nach den abgebildeten Leuten. Der erweiterte Familienkreis: die Kinder meiner Brüder, Cousins und Cousinen mit ihren Ehepartnern usw. Immer fragte ich: »Was macht er/sie jetzt?« Die Antworten ergaben eine Kartografie der heutigen »classes populaires«, der sogenannten »einfachen« Leute, die in Wahrheit Leute ohne Privilegien sind. »Der arbeitet bei X in der Fabrik«, »der bei Y in der Kellerei«, »der ist Maurer«, »der ist Polizist« und »der ist arbeitslos«. Den sozialen Aufstieg verkörpern die Cousine, die Finanzbeamtin geworden ist, und die Schwägerin, die als Sekretärin arbeitet. (...). Im sozialen Gefüge nehmen (...) all diese Menschen denselben Platz ein wie früher, die relationale Position in der Klassengesellschaft hat sich für die gesamte Verwandtschaft kaum geändert." (2016, S.97)

Wenn von Klassengesellschaft die Rede ist, dann bezieht sich das auf die vertikale Dimension unserer Gesellschaft, während es in den 1980er Jahren üblich geworden ist, die horizontale Dimensionen in den Vordergrund zu rücken. Die Unterschiede zwischen dieser Lebensstilforschung und der randständig gewordenen Klassenanalyse, wurden auf dieser Website im Jahr 2004 im Thema des Monats Ulrich Becks kosmopolitisches Projekt näher ausgeführt und diese dominierende Lifestyle-Soziologie angesichts der Agenda 2010-Politik kritisiert. Wenn es um die schulische Karriere geht, dann wird in diesem Zusammenhang auch von den "bildungsfernen" Schichten oder Milieus gesprochen. Dann geht es um jene, die keinen Hauptschulabschluss haben oder keine Berufsausbildung, die dann als Arbeitslose oder Sozialtransferempfänger zu der Unterschicht gezählt werden. BARON zählt zur Arbeiterklasse auch die Mittelschicht, d.h. alle jene, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, wobei er jedoch Unterschiede innerhalb dieser Mittelschicht macht:  

Proleten Pöbel Parasiten

"Heutzutage zählt sich kaum noch jemand zur Arbeiterklasse. Es ist üblich, außer den Superreichen und den Ärmsten alle Menschen in Deutschland zu einer ominösen Mittelschicht zusammenzufassen und diese Gruppe zwischen Ober- und Unterschicht einzuordnen. Weil sie in der gesellschaftlichen Debatte leider fest verankert sind, verwende ich für die eigentlich allesamt objektiv zur Arbeiterklasse zählenden Leute, von denen ich hier schreibe, die Begriffe »Mittelschicht« und »Unterschicht« - obwohl ich sie analytisch für falsch halte." (2016, S.15)

"Nicht nur der Kfz-Mechaniker oder die Friseurin sind lohnabhängig, sondern auch Grafikdesigner, Freelancer, ja, sogar fast alle Journalisten und Künstler sind es. Die Arbeiterklasse besteht aus allen, denen jahrzehntelang abtrainiert worden ist, sich als Teil der Arbeiterklasse zu verstehen.
Das darf aber nicht bedeuten, jene feinen Unterschiede zu ignorieren, die es innerhalb der Arbeiterklasse gibt, weil sie dieses komplexe System des Klassenhasses überhaupt erst ermöglichen. Natürlich ist ein Lehrer nicht in gleicher Weise ein Arbeiter, wie es eine Altenpflegehelferin ist. Beide mögen keine Kapitalisten sein, lebensweltlich aber trennt sie viel: Je weiter jemand im Ranking des sozialen und kulturellen Kapitals oben steht, umso mehr Wert wird er darauf legen, sich nach unten abzugrenzen. Das kann der Konsum von Bio-Produkten ebenso sein wie der regelmäßige Gang ins Theater oder die exklusive Rucksackreise nach Südamerika." (2016, S.16)

Auf dieser Website wird die Mittelschicht differenzierter betrachtet, denn zur Oberschicht gehört nur derjenige, der seinen Lebensunterhalt aus seinem eigenen Vermögen bestreiten kann und deshalb keiner Erwerbsarbeit nachgehen muss. Die Eliten werden dagegen zur oberen Mittelschicht gezählt, weil sie als Angestellte (z.B. Führungspersonen auf der obersten Ebene von Unternehmen oder Vorstände der Dax-Konzerne) oder hohe Beamten (z.B. Richter an den höchsten Gerichten; Hochschulprofessoren, Minister) ebenfalls einer bezahlten Arbeit nachgehen müssen.

ERIBON spricht auch von Herrschenden und Beherrschten, um den Unterschied der Klassen zu benennen. Soziale Aufsteiger müssen sich in dieser Sicht dann den Regeln der Herrschenden unterwerfen. Im Anschluss an BOURDIEU spricht er auch von "legitimer Kultur".

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die verwendeten Begrifflichkeiten zwar nicht immer trennscharf sind und deshalb auch immer wieder Anlass zur Kritik geben, aber auch den Gegnern von Begriffen wie "Arbeiterklasse" oder "Klassengesellschaft" fehlt eine allgemein anerkannte Theorie darüber wie sich die vertikale Struktur unserer Gesellschaft heutzutage genau darstellt. Es kursieren nur mehr oder weniger verbreitete Schicht- oder Milieumodelle, die sich wiederum in ökonomische (Einkommensklassen) und soziologische (Stellung in der Gesellschaft) unterscheiden. Entscheidender Punkt ist jedoch, dass die Herrschenden die Definitionsmacht über jene haben (wollen), die man als "Arbeiterklasse", "bildungsferne Schichten" oder "Unterschicht" bezeichnet. Dieser Aspekt soll deshalb näher beleuchtet werden.

Die einfachen Leute und die Unterschicht als Objekt von gesellschaftlichen Debatten

ERIBON beschreibt in seinem Buch, dass die einfachen Leute keine eigene Stimme haben und in der Gesellschaft nur jene über diese Menschen schreiben dürfen, die entweder als Aufsteiger froh sind ihrem Schicksal entronnen zu sein oder die herrschende Kultur repräsentieren:

Rückkehr nach Reims

"Mir ist vollkommen klar, dass meine gesamte Art zu schreiben gegenüber den Milieus und Menschen, für die meine versuchte Lebensbeschreibung und Lebenswiedergabe noch immer Lebenswirklichkeit ist, ein sozial bestimmtes Außen voraussetzt, meine eigene Exterritorialität als Schreibender ebenso wie die meiner Leser. Und natürlich weiß ich, dass die von mir so Beschriebenen wahrscheinlich nicht zu meinen Lesern gehören werden. Von Arbeitermilieus wird nicht oft gesprochen. Und wenn, dann meistens unter der Maßgabe, dass derjenige, der spricht, sie verlassen hat und dass er von seinem »Aufstieg«, über den er froh ist, berichten will. Die soziale Illegitimität der Beschriebenen wird genau in dem Moment bestätigt, wo jemand, der die notwendige kritische Distanz (und damit eine wertende, urteilende Perspektive) erreicht hat, sie beschreibt und anklagt." (2016, S. 90)

Das Monopol der Herrschenden auf die Beschreibung der einfachen Leute ist jedoch nicht mehr ganz so ungebrochen. In Zeiten des Internets und der Möglichkeiten des Selbstverlegertums ist eine Konkurrenz zur Elitenkultur entstanden. Die Eliten versuchen diese Konkurrenz mit aller Macht wieder zurückzudrängen und zu diffamieren. BARON beschreibt in seinem Buch diese Entwicklung nur im Hinblick auf den Online-Journalismus der Printmedien: 

Proleten Pöbel Parasiten

"In Onlineredaktionen - auch in linken - entscheiden mittlerweile immer seltener Menschen darüber, welche Texte geschrieben oder aus der Printausgabe ins Netz gestellt werden, sondern Algorithmen. Wenn ein komplexer Feuilleton-Artikel online laufen soll, verweisen die zuständigen Redakteure in allen Medienhäusern neuerdings auf die roten Lämpchen von Facebook, die genau anzeigen, welche Texte online wie viele Leser erreichen. Wenn sogar linke Medien die hintergründige Analyse dem Klicks generierenden und schnell zusammenrecherchierten Häppchenjournalismus opfern, dann darf sich niemand mehr wundern, wenn sich die breite Masse da draußen nicht ernst genommen fühlt durch jene Journalisten, die ihnen doch eigentlich die Welt erklären sollen und wollen.
Ein brennendes Anliegen scheint ihnen zu sein, das zeigen Umfragen immer wieder, eine
»neutrale« Berichterstattung vorzufinden. Wer, wenn nicht linke Medien, könnte den Leuten begreiflich machen, dass Neutralität ein Fiktion ist. (...).
Die Neutralitätsfiktion einzugestehen und entsprechende Konsequenzen in puncto Transparenz und Kritikfähigkeit gegenüber den ökonomischen Bedingungen der massenmedialen Produktion der Gegenwart zu zeigen, das würde von wahrer Größe zeugen." (2016, S.230)

BARON bleibt jedoch dem traditionellen Verständnis der Medien treu. Warum aber sollte sich die kulturelle Selbstverständigung der Menschen einer Gesellschaft auch in Zukunft nur in den kanalisierten Bahnen von Medieninstitutionen abspielen? Derzeit ist noch nicht entschieden, ob sich in Deutschland eine autokratische Entwicklung durchsetzt wie in Russland oder in der Türkei. Die Gefahr besteht jedoch, dass die liberale Meinungsfreiheit auch hierzulande der Staatsraison geopfert werden wird. Postdemokratische Tendenzen, die selbst vor Einschränkungen des Wahlrechts für als unwürdig empfundene Gesellschaftsgruppen nicht zurückschrecken, gibt es bereits in Teilen unserer meinungsbildenden Medien. So schreibt z.B. BARON:

Proleten Pöbel Parasiten

"Eine Abschaffung des Wahlrechts für »Nettostaatsprofiteure« forderte im September 2006 in der Tageszeitung Die Welt der Gründer und Herausgeber der radikalliberalen Zeitschrift eigentümlich frei, André F. Lichtschlag. Deutschland (...) sei »auf dem Weg hin zu einem neosozialistischen Staat« (...). Deshalb solle über folgenden Vorschlag nachgedacht werden: »Wählen dürfen in Zukunft nur noch die Nettosteuerzahler, also Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der privaten Wirtschaft.« Das sei ein gerechter »Wahlrechtsentzug für die Unproduktiven«.
Wenige Wochen später fand diese Idee in der gleichen Zeitung Unterstützung durch den Publizisten Konrad Adam, der 2013 zum Bundesvorsitzenden der rechten Partei »Alternative für Deutschland« (AfD) aufsteigen sollte. Er fokussierte dabei besonders den Entzug des Wahlrechts für Rentner und Arbeitslose". (2016, S.81)

Weit verbreiteter ist es jedoch im Namen der Generationengerechtigkeit ein Familienwahlrecht zu fordern. Weil solche Forderungen (noch?) nicht durchsetzbar sind, wird über die mediale Verbreitung von Stereotypen als unwürdig erachteter gesellschaftlichen Gruppen eine Ausgrenzung subtilerer Art erreicht. Die Debatte um die so genannte Unterschicht im Vorfeld und in Begleitung der Hartz-Gesetzgebung stellt BARON vor dem Hintergrund eines gesamtgesellschaftlichen Wandels dar, in dessen Verlauf die Individualisierungsverheißungen einem Drohungsszenario gewichen ist, das BARON folgendermaßen beschreibt:   

Proleten Pöbel Parasiten

"Unser Gemeinwesen ist von einer Gesellschaft der Versprechen zu einer Gesellschaft der Drohungen geworden. (...). Denn wenn du dich im Konkurrenzkampf nicht durchsetzt, landest du schnell im Zwangsregime namens Hartz IV!
Die soziale Herkunft ist unter diesen verschärften innergenerationellen Konkurrenzbedingungen gerade bei der Ressource Bildung zu einem unlauteren Wettbewerbsvorteil geworden, den Mittelschichteltern ihren Kindern gewähren können, um deren Berufskarrieren zu sichern. Am Ende der Grundschulzeit, wenn in den meisten Bundesländern noch immer die Empfehlungen der Lehrerinnen und Lehrer für eine weiterführende Schule anstehen, wirkt dieser Startnachteil fort: Statistisch gesehen bekommt das Kind eines Arztes oder Juristen fünfmal öfter eine Gymnasialempfehlung als ein Facharbeiterkind. Schüler aus gebildeten Elternhäusern legen siebenmal häufiger das Abitur an einem Gymnasium ab als Arbeiterkinder." (2016, S.43)   

Der Soziologe Peter BERGER hat noch in einem 2004 erschienen Aufsatz von einer "Integration durch Individualisierung" gesprochen, was in dem bereits weiter oben erwähnten Monatsthema Das kosmopolitische Projekt Ulrich Becks vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Änderungen kritisiert wurde. Der Klassenkampf von oben wurde Mitte der Nuller Jahre von dem Historiker Paul NOLTE vorangetrieben, der sich zum Sprachrohr einer Generation Reform stilisierte. BARON sieht bei NOLTE eine Umdeutung der sozialen Frage von einem Umverteilungsproblem zu einem Mentalitätsproblem: 

Proleten Pöbel Parasiten

"Einer der Wortführer dieser Bewegung ist der Historiker Paul Nolte, der schon 2003 in der Wochenzeitung Die Zeit einen Gastbeitrag mit dem Titel »Das große Fressen« veröffentlicht hat, in dem er behauptet: »Nicht Armut ist das Hauptproblem der Unterschicht. Sondern der massenhafte Konsum von Fast Food und TV.«"
(2016, S.28)

"Den endgültigen Durchbruch schaffte die These von der Umdeutung der sozialen Ungleichheitsfrage in ein Mentalitätsproblem unkultivierter »Hartzer« im Jahr 2006, als die Studie »Gesellschaft im Reformprozess« der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erschien. Großes Aufsehen erregte die Behauptung, ein zunehmender Bevölkerungsteil gehöre dem sogenannten »abgehängten Prekariat« an. (...). Kurt Beck (...) äußerte sich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung besorgt ob der Existenz einer neuen Unterschicht, in der kaum noch Aufstiegsbestrebungen zu finden seien. Er definierte seine Diagnose als »Unterschichtenproblem«." (2016, S.30)  

Die räumliche Dimension der sozialen Ungleichheit: Abgehängte in einer abgehängten Stadt

BARON, der in Kaiserslautern aufgewachsen ist, zeigt anhand eines als sozialer Brennpunkt verschrienen Wohnblocks die Situation von "Abgehängten in einer abgehängten Stadt" auf. Dazu wählt er als Ausgangsort eine Kneipe, die als Treffpunkt der dortigen Unterschicht dient:

Proleten Pöbel Parasiten

"Man könnte meinen, in ihrer Kneipe träfen sich alle Stereotype der Unterschicht (...), die in den USA als »white trash« (weißer Abfall) gelten würden und in Deutschland wahlweise »Asoziale«, »Hartzer«, »Alkis« oder »Prolls« heißen. (...).
Sie alle sind Abgehängte in einer abgehängten Stadt. Kaiserslautern zählt knapp 100.000 Einwohner und ist beim Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft grandios gescheitert. Nach und nach haben die arbeitsplatzträchtigsten Unternehmen diesem Ort den Rücken gekehrt. Geblieben sind Menschen, die einen Job verloren haben, von dem sie zu hoffen wagte, er würde ihnen ein Leben lang erhalten bleiben. Die Arbeitslosigkeit liegt rund vier Prozent über dem Bundeswert und sogar fünf Prozent über dem Landeswert für Rheinland-Pfalz. Anstatt mit den Nachbarn Baden-Württemberg und Hessen auf Augenhöhe zu agieren, steht Kaiserslautern bei der Arbeitslosenquote auf einer Stufe mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern."
Die Kaufkraft ist im Vergleich zu benachbarten Großstädten wie Saarbrücken, Trier oder Mannheim dementsprechend gering, so dass man sich werktags in der Fußgängerzone eher in einer heruntergekommenen britischen Industriestadt wähnt als im ansonsten prosperierenden Südwestdeutschland. (...). Nur die Technische Universität bietet einer die Armut ignorierenden Politik noch Gelegenheit, Kaiserslautern zum unverzichtbaren Wissenschaftsstandort zu überhöhen und davon abzulenken, dass diese Stadt fast nur noch den wenigen technisch und naturwissenschaftlich Hochqualifizierten etwas bieten kann." (2016, S.20f.)

Das Handelsblatt hat im vergangenen Jahr in einer Serie zum Prognos-Zukunftsatlas die Stadt Kaiserslautern als  Am Boden geblieben beschrieben. Und es gibt für die Autorin nur zwei Orte, die von den Deutschen mit Kaiserslautern verbunden werden: Den Betzenberg und damit der Fußball sowie der Asternweg, den BARON in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zur Unterschicht stellt:

Proleten Pöbel Parasiten

"Wen es am härtesten trifft, der landet hier im Asternweg (...)(im) berüchtigten »Texasblock«, dem der Ruf vorauseilt, besonders brutale Zeitgenossen zu beherbergen. Bei alteingesessenen Kaiserslauterern firmiert die Gegend unter der alten Bezeichnung »Kalkofen«, den die Stadt vor gut zehn Jahren in Astern- und Geranienweg umbenannt hat. Umgeben vom dicht bewachsenen Pfälzer Wald, lässt sich das Gespenst des sozialen Brennpunkts von hier nicht einfach sprachlich vertreiben: Kalkofen ist stadtweit mehr als ein Name oder ein Ort, er ist vor allem Warnung und Vorurteil. Was auch mich traf, obwohl ich zwei Kilometer von dort entfernt aufgewachsen bin.
Wer einmal hier strandet, kommt nicht mehr weg. In den zehn baufälligen Wohnblöcken leben 350 Menschen in sogenannten Schlichtwohnungen unterhalb des Existenzminimums. (...). 75 Euro zahlen die Bewohner monatlich an die Stadt als Nutzungsentgelt. Weil sie keinen Mietvertrag haben, sind ihre Anrechte auf eine menschenwürdige Wohnsituation stark eingeschränkt." (2016, S.22)

Erst im Zuge der Flüchtlingswelle entdeckten die Medien hierzulande solche Viertel neu. Man spricht auch nicht mehr von sozialen Brennpunkten, sondern von "Quartieren mit besonderem Entwicklungsbedarf". In der FAS schrieb Inge KLOEPFER  Mitte 2014 der Sozialstaatsmentalität eine zentrale Rolle für unterschiedliche räumliche Entwicklungen zu. Jan HAUSER erklärte im September 2016 in der FAZ den sozialen Wohnungsbau zum Problem: Er sei dafür verantwortlich, dass die Stadt Essen geschrumpft sei, weil sie die falschen Leute anzog: Sozialtransferempfänger statt Doppelkarriere-Familien. Am gleichen Tag hat Judith LEMBKE - ebenfalls in der FAZ - den sozialen Brennpunkt Mümmelberg in Hamburg entdeckt, um Maßnahmen vorzustellen wie nicht nur die Wohngegend gentrifiziert werden kann, sondern vor allem entstigmatisiert. Diese wenigen Schlaglichter zeigen bereits, dass die Berichterstattung zur Wohnsituation einen wichtigen Stellenwert in der Unterschichtendebatte einnimmt. Zur Situation am Kaiserslauterer Asternweg schreibt BARON:

Proleten Pöbel Parasiten

"Dass Menschen im reichen Deutschland allen Ernstes heute noch in solchen Verhältnissen leben müssen - ohne warmes Wasser, ohne Heizung, ohne Dusche -, das wollen viele aus der Mittelschicht nicht wahrhaben.
Selbst die Eigenheimbesitzer, die hier ganz in der Nähe leben und jeden Kontakt zu ihren Nachbarn meiden wie der Teufel das Weihwasser, denken nichts Gutes über diese Menschen. Sie sehen in ihnen kaum mehr als Kleinkriminelle, Brutalos und Asoziale, die aus reiner Bequemlichkeit dem Alkohol verfallen sind und nicht mehr in ein bürgerliches Leben zurück wollen. Hätte der Privatsender VOX nicht im April 2015 und ein Jahr später jeweils einen abendfüllenden Fernsehdokumentarfilm über den Asternweg gesendet, viele von ihnen wüssten noch immer nichts von den Zuständen in den Schlichtwohnungen.
Mittlerweile hat sich ein Verein namens
»Asternweg - Eine Straße mit Ausweg« gegründet, der die Wohn- und Lebenssituation der Bewohner verbessern und ihnen zu einer neuen Chance verhelfen will. (...). Die Politik hat dafür bislang nicht gesorgt, obwohl der Kalkofen einer der ältesten sozialen Brennpunkte Deutschlands ist, der direkt nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist." (2016, S.27f.)

"Viele registrieren mit Argwohn, dass die Stadt Kaiserslautern für sie jahrelang einfach nicht für Duschgelegenheiten sorgen wollte. Kurze Zeit, nachdem die Flüchtlinge angekommen waren, funktionierten die Behörden aber ein leerstehendes Haus um und bauten dort ein paar Gemeinschaftsduschen ein. Die dürfen zwar offiziell alle Bewohner nutzen, sie reichen aber nicht einmal für die Geflüchteten." (2016, S.129)

Dass die Politik und vor allem die Medien das Problem zu weniger Wohnungen für Geringverdiener erst aufgrund der Flüchtlingswelle aufgriffen, hat Rechtspopulisten in die Hände gespielt. Hinzu kommt, dass die Lage von Hartz IV-Empfängern skrupellos von Geschäftemachern ausgenutzt wird. Dazu heißt es bei Franziska SCHUTZBACH in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik:

Das Geschäft mit der Wohnungsnot

"Gut dokumentiert sind (...) die Aktivitäten von Private-Equity-Fonds in Nordrhein-Westfalen, die mit sogenannten Hartz-IV-Geschäftsmodellen hohe Renditen einfahren. Seit der Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen wechselten hier insbesondere ehemalige Werkswohnungen mit einem hohen Anteil an Hartz-IV-Empfängern unter den Mietern in großer Zahl den Besitzer. Die neuen Eigentümer setzten auf eine für sie rentable Abwirtschaftung der Immobilien. Obwohl sie die Bausubstanz verfallen ließen, waren ihre Mieteinnahmen durch die Transferleistungen der Jobcenter garantiert."
(März 2017, S.105)

BARON zeigt auf, wie gesellschaftliche Debatten über die Unterschicht das Denken der einfachen Leute beeinflusst. Das Beispiel eines älteren Arbeitslosen zeigt, dass mit der Unterschichtdebatte die Gruppe der einfachen Leute gespaltet wird:

Proleten Pöbel Parasiten

"1998. (...). Es war das Jahr seiner Entlassung bei dem Nähmaschinenhersteller Pfaff, der ihm 20 Jahre lang einen sicheren Arbeitsplatz geboten hatte. Seine Erkenntnis nach all den Jahren in der Perspektivlosigkeit bringt er (...) schnell auf den Punkt: »Ob mit Arbeit oder ohne: Verarscht wern wir doch ehe alle.« (...). Mit »Unterschicht« verbindet Heinz nicht etwa sich selbst. Ihm fällt da jemand ganz anderes ein: »De Florida-Rolf!«
Welch ein gutes Gedächtnis! Denn die Geschichte um Florida-Rolf liegt einige Jahre zurück. Im Sommer 2003 und damit inmitten der Werbephase für das rot-grüne Sozialabbau-Programm Agenda 2010 berichtete die Bild-Zeitung über den damals 64-jährigen Frührentner Rolf J., der im US-amerikanischen Miami lebte und monatlich Sozialhilfe aus Deutschland erhielt, womit er seine Wohnung finanzierte. (...). Unerwähnt geblieben sind in der breit rezipierten Diskussion damals die amtsärztlich diagnostizierten Krankheiten von Rolf J. ebenso wie die Tatsache, dass es sich bei dem Gesetz nicht um einen Ausdruck sozialstaatlicher Dekadenz, sondern um eine Ausnahmegenehmigung gehandelt hatte (...). Weniger als 1000 Menschen nahmen dieses Gesetz zwischen 1949 und der Abschaffung im Sommer 2003 in Anspruch. Was nichts daran zu ändern vermochte, dass die Medien kurz vor der Einführung der sogenannten Hartz-Gesetze eine Diskussion entfachten, die den bestehenden Sozialstaat als Hängematte denunzierte." (2016, S.26f.)

Für BARON ist nicht etwa der vielzitierte Arbeiterstolz die Grundlage für solche Spaltungsprozesse, sondern der Neid:

Proleten Pöbel Parasiten

"Je stärker jemand stolz sein Arbeitsethos nach außen trägt, umso mehr können wir davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um Erwerbsarbeitsfreude handelt, sondern um eine durch die ständige Bedrohung vor sozialen Sanktionen ausgelöste Überanpassung.
Wenn ich in meiner Familie oder deren Freundes- und Bekanntenkreis genauer nachfrage, bestätigt sich das dann auch fast immer als entscheidender Grund, warum viele Prekäre so stark auf vermeintliche Sozialschmarotzer draufhauen, die offen damit umgehen, angeblich nicht arbeiten gehen zu wollen: Es ist blanker Neid! Tief im Innern sehen sich die Menschen nach einer lebensbejahenden Form der Faulheit und nach der Freiheit vom Erwerbsarbeitszwang. Kaum eine Utopie wäre emanzipatorischer als eine jenseits dieses Zwangs." (2016, S. 105)

Es wäre jedoch falsch diesen Aspekt lediglich auf die Unterschicht zu münzen, während der Mittelschicht und Oberschicht andere Motive zugeschrieben werden wie es bei BARON an einer Stelle anklingt::

Proleten Pöbel Parasiten

"Die Unterschicht (...) dient auch als Drohpotenzial für die Mittelschicht, der gezeigt wird, was passiert, wenn sie die Versprechen des Kapitalismus nicht für voll nimmt. (...).
Selbsthass kennzeichnet viele aus der Unterschicht, während die Mittelschicht das Radfahrer-Prinzip anwendet: Nach oben buckeln und nach unten treten. Die Oberschicht verfügt als Einzige über das, was man früher als
»subjektives Klassenbewusstsein« bezeichnet hat. Ihre Aufgabe sieht sie darin, eigene Privilegien zu sichern und Unfrieden unter den Lohnabhängigen zu stiften." (2016, S.98f.)

An solchen Stellen erscheint die Analyse von BARON allzu holzschnittartig. Die Soziologin Cornelia KOPPETSCH beschreibt dagegen in ihrem Buch Die Wiederkehr der Konformität (2013) drei Formen der Reaktion auf Abstiegsängste in der Mittelschicht: Die Logik des Erbes, die Selbstoptimierung und die Beharrung. BARON wendet sich in seinem Buch insbesondere gegen das, was KOPPETSCH als Logik des Erbes beschreibt, die sich häufig in links(liberalen) Milieus finden läßt.

Die Verachtung der einfachen Leute durch die Linken

Es ist die Auseinandersetzung von BARON mit den verschiedenen linken Milieus in Deutschland und sein Engagement für die Kultur der einfachen Leute, die dazu führte, dass sein Buch in den Rezensionen im Gegensatz zum Buch von ERIBON schlecht weggekommen ist. Das Problem dieser Art von Auseinandersetzung mit den Linken liegt in der Gefahr Lob von der falschen Seite zu erhalten. Das Plädoyer für einen linken Populismus verstärkt diese Gefahr zusätzlich.

BARON liegt sicher richtig, wenn er Ressentiments bei den Linken gegenüber der Arbeiterklasse vermutet, wobei es aber keinen Unterschied macht, ob sie Mittelschichtkinder oder soziale Aufsteiger sind. Und sicher ist es verfehlt zu glauben, dass diese Menschen das "natürliche Klientel" der Linken seien. Das gilt noch nicht einmal für Frankreich, wo der Kommunismus eine viel stärkere Tradition als in Deutschland hatte. In dieser Hinsicht wird ERIBONs Buch - auch von BARON - zu einseitig ausgelegt.

Typisch für etablierte linke Aufsteiger aus der Arbeiterklasse ist die Einstellung der taz-Journalistin Doris AKRAP, die ihr Elternhaus als engstirnig beschreibt und die sich wie ERIBON als Klassenflüchtling fühlt:

Rückkehr nach Flörsheim

"Ich war ein Papakind. Meine jüngere Schwester das Mamakind. Alles, was Mutter tat, dachte, mochte, war mir suspekt. So wie ihr suspekt war, was ich tat, dachte, mochte. (...).
Meine Mutter hatte keine Ahnung, was Klasse bedeutete. Sie sprach von »den kleinen Leuten«, so wie sie auch von »den Ausländern« sprach, obwohl sie selbst mit einem verheiratet war und eine ihrer Töchter, ich, eine Aufenthaltsgenehmigung brauchte. (...).
Mein Vater verehrte Miles Davis, weil der, wie mein Vater sagte, »immer auf der Flucht« war. Immer auf der Suche nach dem Neuen. Mein Vater war alles andere als ein Jazzkenner. Er war Baustellenarbeiter, Küchenmonteur und arbeitete für die US-Army in Hessen. Vielleicht verehrte mein Vater Miles Davis, weil er selbst als jugoslawischer Marinesoldat die neue Welt bereist hatte. Vielleicht weil er vor seiner Vergangenheit floh, in der die Nazis seine Eltern, Geschwister, Tanten und Onkel ermordet hatten, worüber er nie redete."
(taz.de, 24.12.2016)

Dass die Arbeiterklasse links sei, hält sie für ein Gerücht, das Bürgerliche in die Welt gesetzt haben:

Rückkehr nach Flörsheim

"Die Linken sind schuld daran, dass die Arbeiter heute rechts wählen. Didier Eribons These, die hierzulande vor allem von bürgerlicher Seite begeistert rezipiert wurde, teile ich nicht gänzlich. Schon allein deswegen, weil mittlerweile völlig unklar ist, was und wo »links« überhaupt sein soll. Und, weil Deutschland nicht Frankreich ist.
Wenn ich meine Arbeitereltern fragte, warum sie eigentlich nie kommunistisch wählten und sie dann von Verbrechern sprachen, ist das auch ein Ergebnis deutscher Politik, die kriminalisierte, wer die Sache der Arbeiter radikal vertrat: Die Kommunistische Partei wurde 1933 von den Nazis und 1956 von der CDU verboten. Links war die deutsche Arbeiterklasse in der BRD vor allem in der Vorstellung bürgerlicher Linker. Aber nicht in der Realität.
Meinen eigenen Arbeitereltern haben nie links, sondern konservativ gewählt. Und jetzt sitze ich da und frage mich, ob ich mich fragen muss, welchen Teil ich dazu beigetragen habe, dass meine Mutter nie links wurde. Das ist absurd. Es wird viel über den Arbeiter geredet. Aber den gibt es nun mal nicht. Auch für den Arbeiter gilt wie für jeden Bürger das Recht auf Individualität."
(taz.de, 24.12.2016)

ERIBON beschreibt seine Familie als fest in der kommunistischen Tradition der Arbeiterpartei verwurzelt. Dies änderte sich jedoch nach der 68er-Revolte als die so genannte neue Linke entstand. ERIBON zitiert seinen Vater und seine Vorbehalte gegen diese linke Studentengeneration und gibt ihm im Nachhinein recht:  

Rückkehr nach Reims

"Als ich aufs Gymnasium ging und ein trotzkistischer Linker war, wurde mein Vater nicht müde, gegen »die Studenten« zu wettern, »die alles besser wissen« und die »schon in zehn Jahren zurückkommen« würden, »um uns zu regieren«. Für mich stand seine Meinung emotional und übertrieben wie sie war, im Widerspruch zu den historischen Interessen der Arbeiterklasse. (...) Wenn ich aber sehe, was aus denen geworden ist, die sich damals am Mythos des proletarischen Aufstands berauschten und den Bürgerkrieg predigten, wie könnte ich da behaupten, dass mein Vater falschlag? Sie sind genauso selbstsicher und vehement wie früher, verurteilen heute jedoch (mit wenigen Ausnahmen) all das, was auch nur von Weitem nach einem Protest der »populären Klassen« aussieht. Diese Leute haben erreicht, was ihnen gesellschaftlich versprochen war. Sie sind geworden, was sie werden sollten, und haben sich dabei von der selbsterklärten Avantgarde der Arbeiter (die sie für zu schüchtern, zu »verbürgerlicht« hielten) in deren Feinde verwandelt."
(2016, S.118f.)

Auch in Deutschland hatte die Arbeiterklasse Vorbehalte gegen die linken Studenten und auch hierzulande wandten sich die Studenten im roten Jahrzehnt bald von den Arbeitern ab und es entstanden die neuen sozialen Bewegungen als Vorboten der neuen Bürgerlichkeit.

Sind die Linken schuld am Rechtsruck der Arbeiterschaft?

ERIBON beschreibt den Rechtsruck der Arbeiterschaft in Frankreich, wobei er unterschiedliche Motive für die jeweilige Wahlentscheidung annimmt. Er geht sogar so weit, den Arbeitern, die den Front National wählten Notwehr zuzugestehen   

Rückkehr nach Reims

"Mit der Wahl der Kommunisten versicherte man sich stolz seiner Klassenidentität, man stellte diese Klassenidentität durch die politische Unterstützungsgeste für die »Arbeiterpartei« gewissermaßen erst richtig her. Mit der Wahl des Front National verteidigte man hingegen still und heimlich, was von dieser Identität noch geblieben war, welche die Machtpolitiker der institutionellen Linken, die Absolventen der ENA oder anderer technokratischer Eliteschulen, in denen eine dominante, mittlerweile transpolitisch funktionierende Ideologie fabriziert und gelehrt wurde, ignorierten oder sogar verachteten." (2016, S.123)

"So widersprüchlich es klingen mag, bin ich mir doch sicher, dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchten, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten. (...) Entwürdigt fühlen sich die Menschen vor allem dann, wenn sie sich als quantité négligeable, als bloßes Element politischer Buchführung und damit als ein stummer Gegenstand politischer Verfügung vorkommen." (2016, S.124)

Aus dieser Warte erscheinen die Linken dann schuld am Rechtsruck der Arbeiterschaft. Sie haben ihre scheinbar "natürliche" Klientel verraten, indem sie ihr die Klassenidentität geraubt haben und sie in die Arme des Front National getrieben haben:

Rückkehr nach Reims

"Die Eigenschaft Franzose zu sein, wurde zu seinem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab." (2016, S.137)

"Wenn die Linke die Mobilisierbarkeit aus dem Selbstwahrnehmungshorizont der Gruppe löscht, dann rekonstituiert diese sich anhand eines anderen, diesmal nationalen Prinzips, anhand der Selbstwahrnehmung als »legitime« Population eines Territoriums, das einem scheinbar weggenommen wird und von dem man sich vertrieben fühlt: Das Viertel, in dem man lebt, ist für das Selbstverständnis und die Sicht auf die Welt nun wichtiger als der Arbeitsplatz und die Position im sozialen Gefüge." (2016, S.139f.)

Doch schaut man sich seine Argumentation genauer an, dann hegt ERIBON Zweifel daran, dass die Arbeiterklasse die "natürliche" Klientel der Linken ist. Vielmehr sei es notwendig den richtigen Deutungsrahmen bereitzustellen, um die Arbeiterklasse für sich zu gewinnen. Dass das "Klasseninteresse" kein Automatismus ist, der den Linken zu gute kommt, ist wahrlich keine neue Erkenntnis, denn die Abkehr von der Klassenanalyse und die Hinwendung zum Lebensstil war ja gerade der Vorstellung geschuldet, dass die Arbeiterschaft nicht mehr mobilisierbar sei. Dass der neue Deutungsrahmen der Individualisierungstheorie dann nicht mehr die Arbeiterschaft, sondern die Akademiker und ihre Lebenswirklichkeit fokussierte, war angesichts der Bildungsexpansion und den entstehenden neuen sozialen Bewegungen kaum verwunderlich. Man könnte also sagen, dass ERIBON nun eine Rückbesinnung auf die Arbeiterschaft als Zielgruppe der linken Parteien vorschlägt:  

Rückkehr nach Reims

"Vielleicht ist das Band zwischen der »Arbeiterklasse« und der Linken gar nicht so natürlich, wie man gerne glaubt. Vielleicht handelt es sich dabei einfach um das Konstrukt einer bestimmten Theorie (des Marxismus), die alle anderen Theorien ausgestochen hat und bis heute unsere Wahrnehmung der sozialen Welt sowie unsere politischen Kategorien bestimmt." (2016, S.141)

"Wenn die Linke ihren eigenen Niedergang verstehen und aufhalten will, muss sie sich nicht nur von ihren neoliberalen Auswüchsen, sondern auch und gerade von Mythologisierungen und Mystifizierungen lösen, für deren Aufrechterhaltung sich manche als Verfechter einer neuen Radikalität feiern lassen. (...). Die Stellung innerhalb des sozialen Gefüges und der Arbeitswelt bestimmt noch kein »Klasseninteresse« und sorgt auch nicht automatisch dafür, dass die Menschen dieses als das ihre wahrnehmen. Dazu bedarf es vermittelnder Theorien, mit denen Parteien und soziale Bewegungen eine bestimmte Sichtweise auf die Welt anbieten. Solche Theorien verleihen den gelebten Erfahrungen zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Form und einen Sinn, und die selben Erfahrungen können ganz unterschiedlich interpretiert werden, je nachdem, welcher Theorie oder welchem Diskurs man sich gerade zuwendet, um in ihnen einen Halt zu finden." (2016, S.142f.)

"Aufgabe, vor der kritische Intellektuelle und soziale Bewegungen stehen: Es gilt, einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften, die in der Gesellschaft insgesamt und insbesondere in den populären Klassen zirkulieren (...) zu neutralisieren; Theorien und Sichtweisen, die neue Perspektiven erschließen und der Linken einen Weg in die Zukunft weisen". (2016, S.146f.)

Die Versöhnung der zwei auseinandertriftenden linken Politikrichtungen als Herausforderung

ERIBON enthält sich in seinem Buch politischer Ratschläge. Auch was den neuen Deutungsrahmen betrifft (mit Elisabeth WEHLING könnte man auch von politischem Framing sprechen), bleibt ERIBON im Vagen. Was er vorschlägt ist eher eine Utopie als eine Anleitung, die für die praktische Politikformulierung relevant wäre:

Rückkehr nach Reims

"Muss man annehmen, dass (...) der Untergang des Marxismus, oder zumindest sein Verschwinden als vorherrschender linker Diskurs, die notwendige Bedingung war, um die Mechanismen sexueller, rassischer und anderer Formen der Unterwerfung sowie das Entstehen minoritärer Subjektivität politisch zu denken? Möglicherweise muss man das. Aber warum sollten wir zwischen verschiedenen Kämpfen gegen verschiedene Formen der Unterdrückung wählen müssen? Wenn das, was wir sind, sich an der Schnittstelle mehrerer kollektiver Bestimmtheiten und also mehrerer »Identitäten« und Subjektivierungsweisen abspielt, warum sollten wir dann eher die eine als die andere in den Brennpunkt des politischen Interessen stellen?" (2016, S.234)

BARON geht sowohl was die Linken betrifft als auch was die politischen Ratschläge betrifft weit über ERIBON hinaus, was ihn zugleich angreifbarer macht. Was ERIBON nur andeutet, das versucht BARON konkret auf die deutsche Situation zu übertragen. Seine Kritik an den Linken läuft darauf hinaus, dass ihren diversen, postmodernen oder grün-alternativen Identitätspolitiken der übergreifende Deutungsrahmen einer Klassenanalyse fehlt:

Proleten Pöbel Parasiten

"Da werden unter Rückgriff auf postmoderne Vorstellungen allerlei gesellschaftliche Normalitätskonzepte als soziale Konstruktionen abgetan, von denen sich alle befreien müssten - vom Geschlecht über die sexuelle Orientierung und die Ernährung bis hin zu ethnischen Zuschreibungen. Alles politische Denken dieser Leute ist auf den Versuch einer Stärkung der nicht-normierten Identitäten fokussiert, deren Begründung ausschließlich moralisch erfolgt. Wer sich subjektiv von Diskriminierung betroffen fühlt, dem wird das Selbstbewusstsein eingetrichtert, jeden unbekannten Menschen ohne Rücksicht auf einfachste Höflichkeitsgesten als Rassist, Sexist, Heteronormativist und/oder Speziezist zu beschimpfen.
Sie reklamieren im Dschungel der identitätspolitischen Verbotsorgien das sprachpolizeiliche Gewaltmonopol für sich." (2016, S.179)

"Dass eine kritische Analyse von Normalitätsvorstellungen wichtig wäre, ist unstrittig. Wenn sie aber losgelöst von Klassenanalysen stattfindet, verfehlt sie jedes sozial verträgliche Ziel." (2016, S.183)

"Als moralisch Überlegene arbeiten sie in ihrem denkwürdigen Diskriminierungs-Delirium innerhalb eines unpolitischen, weil völlig losgelöst von Klassenfragen agierenden Mikrokosmos, in dem Klassensolidarität erst erlaubt ist, wenn die als wichtiger erachteten Identitätsfragen irgendwann geklärt sein sollten. Diese auf der Anerkennungsebene verharrende und sich dort hoffnungslos verzettelnde Art des Antirassismus ist dann auch vollständig kompatibel mit neoliberalen Gleichheitsbildern". (2016, S.191)

"Erst in einer Gesellschaft jenseits kapitalistischer Ausbeutung, ohne Hunger und den auf dem unermesslichen Reichtum der Wenigen beruhenden materiellen Mangel der Vielen wäre es angemessen, Konsum- und Identitätsfragen jene Bedeutung beizumessen, die sie gegenwärtig in der deutschen Linken einnehmen. Die Schwerpunktsetzung der Linken geht an der Lebensrealität ihrer natürlichen Klientel vorbei. Intelligente Identitätspolitik mit der politischen Ökonomie unserer Zeit zu verknüpfen, das hieße, den Leuten nicht ihre Sprache oder ihren Fleischkonsum vorzuwerfen, sondern sich zu fragen, warum der Siegeszug der Discounter mit ihren Billigfleischbergen ausgerechnet um die Jahre 2004/2005 herum begann: Dann nämlich, als Gerhard Schröders rot-grüne Bundesregierung viele Menschen durch das Hartz-IV-Gesetz in Armut stürzte.
Anstatt über Umverteilung zu reden, wüten moralistische Linke gegen die angeblich perverse Unterschicht". (2016, S.202f.)

Die Argumentation von BARON läuft immer wieder darauf hinaus, dass die linke Identitätspolitik, die sich auf soziale Anerkennung von Minoritäten beschränkt, unzureichend ist. Sie müsse zuallererst Verteilungsfragen der Klassengesellschaft ins Zentrum der Politik rücken. Diese Kritik wurde schon Anfang des Jahrtausends von Nancy FRASER in den USA vertreten 

Die halbierte Gerechtigkeit

"Nancy Fraser, eine der führenden Theoretikerinnen des amerikanischen Feminismus, setzt sich in ihrer neuen Studie mit der derzeitigen Situation der Linken nach dem Zusammenbruch des Sozialismus auseinander. Fraser zufolge befinden wir uns im Zeitalter des »Postsozialismus«, für den Mangel an zukunftsorientierten Perspektive, ein wiedererstarkender Wirtschaftsliberalismus und insbesondere die Entkopplung der Identitätspolitik von der Sozialpolitik konstitutiv sind. Dieser Wechsel von einer Politik der sozioökonomischen Umverteilung zugunsten einer Politik der Anerkennung von ethnischer und religiöser Differenz droht die Linke in den USA in eine »soziale« und eine »kulturelle« Linke zu spalten und wird daher in »Die halbierte Gerechtigkeit« einer kritischen Überprüfung unterzogen." (Klappentext)

Auf dieser Website wurde diese Kritik bereits im Jahr 2002 anlässlich einer Rezension des Buchs Die Tyrannei der Lust ausführlich dargestellt. Ein Hauptproblem dürfte sein, dass sich die gleichzeitige Realisierung aller Aspekte einer solch gezwungenermaßen komplexen Politik schwierig gestaltet. Die entscheidende Frage wäre ja, wie verhindert werden kann, dass neue Einseitigkeiten wie im Marxismus entstehen, wo Minoritäten- bzw. Frauenfragen als unwichtiger Nebenwiderspruch galten.

Der Moralismus in linksradikalen und linksliberalen Milieus als Hindernis für eine Neuausrichtung linker Politik

Ein Zurück zum orthodoxen Marxismus ist nicht möglich, aber eine neue Utopie ohne dessen Vereinseitigungen existiert ebenfalls noch nicht. Weil eine solche Aufgabe nicht nur BARON sichtlich überfordert hätte (vgl. BARON 2016, S.147), beschränkt er sich zum einen darauf den Moralismus der Linken zu geißeln. Das 5. Kapitel Mit der Kreditkarte die Welt retten über das gute Leben der Bessermenschen knöpft sich die grün-alternative Linke vor, während sich das 6. Kapitel Alle wollen Opfer sein mit den postmodernen Subkulturen beschäftigt. Zum anderen geht es ihm um grundsätzliche Richtungsentscheidungen in der Sozialpolitik.

Der grün-alternative Moralismus als Hindernis einer Armutsbekämpfung im eigenen Land

BARON kritisiert die Idee des guten Lebens, weil diese Ideologie dazu führt, dass die Armut im eigenen Land nicht bekämpft wird und die Konsumkultur der Armen der Verachtung preisgegeben wird. Er wirft den Grün-Alternativen zudem vor, dass ihr ökologisches Verhalten scheinheilig ist: 

Proleten Pöbel Parasiten

"Für die Liberalen sind die in absoluter Armut existierenden Menschen selbst schuld an ihrer Lage, für die Grünen sind die Menschen in relativer Armut verantwortlich für das Elend der Welt." (2016, S.152)

"Die Idee vom guten Leben, das sich Grüne als das einzig moralisch richtige auserkoren haben, macht die Diskriminierung vieler nicht auf diese Weise Sozialisierter salonfähig. Die Grün-Alternativen (...) machen sich vor, es gäbe ein richtiges Leben im falschen - und alle, die das anders sehen, werden als unanständig, doof oder boshaft verachtet. Die Arbeiter, vor allem jene im Grundsicherungsbezug, in ihrer lebensweltlichen Entscheidungsfreiheit aus finanziellen wie kulturellen Gründen meist stark eingeschränkt sind, treffen Hohn, Spott und Hass vonseiten Grün-Alternativer diese Gruppe besonders stark. Nichts als Abscheu haben sie übrig für die angeblich konsumgeilen Hartzer, die einfach keine Bio-Produkte essen wollen, sondern zu Discountern gehen und den ganzen Tag  »Kohlehydrate in sich reinstopfen« (O-Ton des langjährigen prominenten Grünen-Politikers Oswald Metzger).
Dass im Weltbild dieser Menschen, die das gute Leben jedem in genau der Weise aufzwingen wollen, wie sie es selbst leben, kein Platz für die wahre Armut in Deutschland ist, verwundert da nicht. Die Grün-Alternativen sind blind gegenüber anderen Lebenswelten, und sie bekämpfen die von relativer Armut betroffenen Menschen mehr als die kapitalistischen Strukturen." (2016, S.153f.)

"Die Grün-Alternativen wollen die Menschheit von Armut und Krieg durch Geldverprassen an der richtigen Stelle erlösen. (...). Ginge es nach den Bessermenschen, müsste darum jeder gleichermaßen gezwungen werden, seinen monetären Beitrag zu leisten. Dabei hat jeder Hartz-IV-Empfänger eine bessere CO2-Bilanz als all die Bio-Fair-Trade-Konsumkritikergruppen, die zu ihren Bildungsreisen nach Indien oder Tansania sicher nicht mit dem Fahrrad aufbrechen, sondern mit dem Flugzeug die an modernen Fortbewegungsmitteln größte Dreckschleuder nutzen." (2016, S.157)

BARON bezeichnet mit Robert MISIK unsere kapitalistische Gesellschaft als "Kulturkapitalismus" und beschreibt damit den Konsum als zentrales Distinktionsmerkmal unserer Kultur. Der richtige Konsum wird damit zu einer Frage des Klassengeschmacks:

Proleten Pöbel Parasiten

"Der Journalist Robert Misik bezeichnet unsere westliche Welt als Kulturkapitalismus, in dem sich Identität über Konsum konstituiert. Hier gelte das Motto: Ein positives Image ist alles. Und wo alle danach streben, ein positives Image aufzubauen, muss es als Gegenpol natürlich ein negatives Image geben, von dem man sich entschieden abgrenzen kann. Ein solch positives Image zu kreieren erfordert nun aber aufgrund des grün-alternativen Gebots zum richtigen Konsum einen gewissen Inhalt im Portemonnaie, so dass die materiell Armen fortan auch kulturelle arm und damit gleich doppelt stigmatisiert sind: »Wer materiellen Mangel leidet und auch noch symbolisch deklassiert ist, dem klebt schnell das 'Loser'-Image an. Und wer als Loser gilt, der wird heute als Aussätziger behandelt, als einer, der nicht hineinpasst in die hyperschnelle Leistungsgesellschaft unserer Tage; der sein Schicksal verdient hat, weil er einfach nicht kreativ genug ist.«
Das schlechte Image definiert sich hierzulande (...) im Klassengeschmack der Unterschicht". (2016, S.154)

Den Mentalitätsunterschied zwischen Grünen(-Wähler) und FDP(-Wähler) sieht BARON nur darin, dass die FDP dezidiert Stellung zu den Armen nimmt, während die Grünen nie zugeben würden, dass sie genauso denken:

Proleten Pöbel Parasiten

"Ausgerechnet ein Redakteur der taz hat im Jahr 2010 eine mustergültige Charakterisierung der Partei der Grünen und damit auch der institutionellen Keimzellen (...) vorgenommen. Nachdem FDP-Rüpel Guido Westerwelle gegen Hartz-IV-Empfänger seinen als »spätrömische Dekadenz« formulierten Faulheitstadel vorgebracht hatte, folgte ein Shitstorm vonseiten einiger Grünen-Politiker, aber zugleich eine merkwürdige Welle der Zustimmung in Medien und Öffentlichkeit. Jan Feddersein stellte in der taz die korrekten Bezüge her: »Die grüne Wählerschaft war die verständigste, als es unter Kanzler Schröder um das Hartz IV genannte Konstrukt aus christlicher Soziallehre und rheinisch-kapitalistischem Almosenbewusstsein ging. Die FDP sagt offen, dass Armut Mist ist und man mit ihr nichts zu tun haben will. Die Grünen hingegen würden das niemals offen aussprechen, leben aber so. Man wohnt im angesagten Berlin-Kreuzburg und schickt die Gören auf eine elendsarme Schule entweder im eigenen Quartier oder gleich in einem anderen Viertel. Grüne würden nicht offen sagen, dass Unterschicht unter ihrer Würde sei. Aber man lebt materiell so sehr in trockenen Tüchern, dass die Antwort auf die Frage des Ökologischen immer eine der besseren Kreise bleibt. Die Grünen eint eine gusseiserne Aversion gegen alles Prollige - nicht cool, nicht öko, nicht gebildet, nicht anschlussfähig an sich selbst.«" (2016, S.168)

Tatsächlich führte die Agenda-Politik von Rot-Grün in erster Linie zu innerparteilichen Konflikten in der SPD und letztlich zur Abspaltung von Teilen der SPD, was bekanntlich zur Neugründung der Linkspartei führte. BARON wendet sich auch gegen Strömungen wie des Postwachstums und des Neominimalismus und den Kosmopolitismus von Rucksackreisenden.

Kritik an der Erwerbszentrierung des Sozialstaats

BARON prangert die Glorifizierung der Erwerbsarbeit an. Tatsächlich ist die Erwerbszentrierung des Sozialstaats in Deutschland ausgeprägter als in vielen anderen Ländern. Das Lob der Erwerbsarbeit stellt den Spaßarbeiter in den Mittelpunkt. Arbeit ist in dieser Sicht Selbstverwirklichung. Eine solche Ideologie entspricht am ehesten der Lebensweise und den Vorstellungen der oberen Mittelschicht. BARON stellt dieser Ideologie die harte Arbeit der einfachen Leute gegenüber und fordert deshalb ein Abrücken von der Erwerbszentrierung:   

Proleten Pöbel Parasiten

"Linke aus der Mittelschicht ohne häufigen Kontakt zu den von bürgerlicher Bildung fern Gehaltenen (...) inszenieren sich selbst als Teil des Proletariats und werfen mir zugleich vor, mit meinem forcierten Einsatz für diese Menschen würde ich eine Kultur verteidigten, die Kommunisten doch gerade abschaffen wollen. Das Ziel der Linken bestände darin, die Klassengesellschaft und damit auch das Sosein der Arbeiterklasse abzuschaffen. Deshalb sei es nicht falsch, sondern richtig, das Proletarische an sich zu verachten und der Arbeiterklasse nicht dabei helfen zu wollen, durch Bildung in den Rang der Kapitalistenklasse aufzusteigen. Ein cleveres Argument, mit dem Linke sich nicht nur gegen jede Form von Kritik an ihrem elitären Gehabe immunisieren, sondern auch ihre verwegene Fetischisierung der Erwerbsarbeit weiter kultivieren.
Die Glorifizierung der Erwerbsarbeit nimmt gesamtgesellschaftlich zu. (...). Eine Sichtweise, der ich mit zunehmendem Alter, aber schon als Kind skeptisch gegenüberstand. Irgendwann nämlich realisierte ich, wie zerstörerisch die Arbeit meines Vaters für seinen Körper und für seinen Geist war. Solange er diesen harten Job machte, das merkte ich, konnte er vom Alkohol gar nicht loskommen, weil er sich seinen Arbeitsalltag schönsaufen musste." (2016, S.109f.)

"Gerade Linke müssten (...) für ein Sozialsystem trommeln, das nicht mehr die menschliche Arbeitskraft als Kern der Wertschöpfung betrachtet. Ob sich das dann als Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen äußert, in der Förderung von Teilzeitarbeit bei vollem Lohnausgleich oder etwas ganz anderem, müssten die debattenfreudigen Linken noch unter sich ausfechten". (2016, S.113)

Das bedingungslose Grundeinkommen wird von vielen gefordert, sogar von Neoliberalen, die darin ein Mittel zum Abbau des Sozialstaats sehen. Hinzu kommt, dass es auch jenen zugute käme, die es nicht benötigen würden. Statt sich also mit überzogenen Forderungen, die sich als Bumerang erweisen könnten, zu profilieren, wären kleine Schritte besser.

In der Debatte um die Altersarmut zeigt sich z.B. dass die Arbeit von Rentnern über die Regelaltersgrenze hinaus, von Neoliberalen dahingehend interpretiert wird, dass diese Menschen nicht aus Not, sondern wegen dem Spaß an der Arbeit arbeiten würden. Dabei wird jedoch meist unterschlagen, wer in welchen Bereichen überhaupt weiterarbeitet. In dem Beitrag Abhängige Erwerbstätigkeit im Rentenalter. Erste Erkenntnisse auf betrieblicher Ebene der Zeitschrift WSI-Mitteilungen (Heft 2/2017) weisen Jutta SCHMITZ & Lina ZINK darauf hin, dass die Motive der Arbeit von Rentnern sehr unterschiedlich sein können:

Abhängige Erwerbsarbeit im Rentenalter: erste Erkenntnisse auf betrieblicher Ebene

"Motivlagen (...) lassen sich theoretisch durch die Extrempole der matereIlen Motive (wie Armutsvermeidung, Lebensstandardsicherung, Finanzierung von Urlauben oder einmaligen Reparaturen/Anschaffungen) und immateriellen Beweggründe (wie soziale Kontakte, Freude an der Tätigkeit, Weitergabe von Wissen, Erhalt der Fitness) ordnen."
(2017, S.109)

SCHMITZ & ZINK schätzen, dass heutzutage bereits etwa ein Drittel weiterarbeiten, um Armut zu vermeiden. Sie gehen davon aus, dass dieser Anteil weiter steigen wird. Dass dieser Anteil noch gering ist, liegt zum einen daran, dass die gesundheitlichen Voraussetzungen vorhanden sein müssen und zum anderen muss auch ein angemessenes Angebot von Arbeitsplätzen vorhanden sein. In beiden Bereichen mangelt es. Neoliberale streben jedoch nicht etwa Verbesserungen in diesem Bereich an, sondern im Gegenteil: Die Rentnerarbeit soll für Arbeitgeber billiger werden, worauf die Flexi-Rente abzielt. Eine solche Politik wird auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen und erhöht den Zwang zur Erwerbsarbeit unter schlechten Bedingungen. Eine Politik, die dagegen die Bedingungen der Erwerbsarbeit und die Entlohnung verbessern würde, wäre ein sinnvollerer Beitrag zur Eindämmung der Erwerbszentrierung als ein utopisches Grundeinkommen, bei dem die Kämpfe um die Ausgestaltung kontraproduktiv wären.

Sind die Studenten arm oder nur privilegiert?

BARON beschreibt seine studentische Situation aufgrund seiner sozialen Herkunft als benachteiligt und als Ausnahme:

Proleten Pöbel Parasiten

"Deutschland lässt sich (...) nur als Klassengesellschaft beschreiben. Auch wenn die Quote der Studienberechtigten eines Jahrgangs im Jahr 2012 bei sagenhaft sozialdemokratisch anmutenden 59,6 Prozent stand und die Zahl der Studierenden mit 2,8 Millionen in absoluten Zahlen so hoch wie  zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland liegt (...): Von 100 Kindern aus Nicht Akademiker-Haushalten studieren 23, bei Kindern aus Akademiker-Haushalten sind es 77." (2016, S.15)

Die von BARON zitierten Zahl von 2,8 Millionen umfasst nicht nur die Studenten des Erststudiums, die für eine Einschätzung seiner Situation relevant wären. Gemäß der 20. Sozialerhebung des Studentenwerks, die im Jahr 2012 stattfand, hatten 55 Prozent der Universitätsstudenten (inklusive Kunsthochschulstudenten) einen Elternteil mit Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Bei den Fachhochschulstudenten sind es nur 38 % gewesen  (vgl. 2013, Bild 3.12, S.83).

Wer also 2012 an einer Universität studierte hatte sehr viele Leidensgenossen, die in der gleichen Lage waren, dass sie keinem Akademikerelternhaus entstammten. Diese vielen Studenten bleiben bei BARON außen vor. Das mag daran liegen, dass BARON aus einem Elternhaus ohne Berufsabschluss kommt. 2012 kamen lediglich ein Prozent derjenigen, die an der Universität ihr Erststudium absolvierten aus einem solchen Elternhaus. Von daher ist die Situation von BARON auch im Vergleich zu den Studenten aus Nicht-Akademikerelternhäuser außergewöhnlich. Wenn jemand seine Sicht auf die Welt kritisiert, wäre das also zu berücksichtigen.   

BARON kritisiert, dass Mittelschichteltern in den Mainstreamzeitungen im Interesse ihrer studierenden Kindern das Luxusproblem fehlender, preiswerter Studentenwohnheime als vorrangiges Problem behandeln würden:

Proleten Pöbel Parasiten

"Als gäbe es im deutschen Bildungswesen kein drängenderes Problem, schreiben die studierten und fest angestellten Journalisten im Sinne ihres eigenen noch immer oft genug beruhigend fülligen Portemonnaies zugunsten ihrer studierenden Kinder wilde Pamphlete gegen die vermeintlich unbezahlbaren Buden für angehende Akademiker. Nicht nur, dass viele von ihnen später einmal die Topverdiener dieser Gesellschaft sein werden, ist es auch verlogen, den Mythos vom armen Studenten aufrechtzuerhalten. Die meisten unter ihnen leben sehr gut vom Einkommen ihrer Eltern. Warum sollte die Politik ausgerechnet Studentenwohnheime subventionieren? Wäre nicht der erste Schritt, reichlich Geld in die bessere soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems zu stecken, bevor über solche Fragen nachgedacht werden kann? Was soll dieses junglinke Umdeuten des eigenen Lebensstandards in eine karge Existenz am Rande des Verhungerns? Das trifft die wirklich Armen und Perspektivlosen dieser Gesellschaft umso härter." (2016, S.68f.)

Jeder Zeitungsleser weiß, dass pünktlich zum Semesterbeginn in den Mainstreamzeitungen die Wohnungsnot angeprangert wird. Der aktuelle Armutsbericht der Sozialverbände 2017 weist darauf hin, dass bei der Erfassung der Armut in Deutschland folgende Personengruppen nicht erfasst werden:

Menschenwürde ist Menschenrecht. Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2017

"Da bei den Armutsanalysen das Haushaltseinkommen herangezogen wird, ein entsprechender Wert für Personen in Gemeinschaftsunterkünften jedoch nicht vorliegt, werden lediglich Menschen gezählt, die einen eigenen Haushalt führen.
Damit bleiben relevante Gruppen außen vor, seien es die 185.000 Studentinnen und Studenten in Gemeinschaftsunterkünften, seien es die rund 335.000 wohnungslosen Menschen, 764.000 pflegebedürftige Menschen in Heimen, rund die Hälfte davon auf Sozialhilfe angewiesen, die über 200.000 behinderten Menschen in vollstationären Einrichtungen oder auch die vielen Flüchtlinge in Aufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften."
(2017. S.5)

Studentenwohnheim ist nicht gleich Studentenwohnheim. Oder anders formuliert: Nicht jedes Studentenwohnheim gilt  als Gemeinschaftsunterkunft, die nicht erfasst wird. Gemäß der Wohnraumstatistik 2016 des Studentenwerks gab es am 1. Januar 2016 in Deutschland 239.934 Wohnheimplätze für die rund 2,48 Millionen Studenten. Diese Zahl liegt um über 50.000 höher als die Zahl des Armutsberichts. Es dürfte sich dabei um besser ausgestattete Studentenapartments handeln, die als Privathaushalte gezählt werden.

Der Armutsbericht reagiert auch auf die Tatsache, dass der Kirchenfunktionär Georg CREMER in seinem Buch Armut in Deutschland kritisiert hat, dass bei der Armutsquote Studenten in die Statistik mit eingehen, die nicht arm, sondern privilegiert seien. Dies wurde in der neoliberalen Mainstreampresse wohlwollend registriert, um den relativen Armutsbegriff grundsätzlich zu diffamieren. Im aktuellen Armutsbericht heißt es deshalb zur Armutsquote der 18-25-Jährigen:

Menschenwürde ist Menschenrecht. Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2017

"Selbst wenn bei der Gruppe der jungen Erwachsenen berücksichtigt werden muss, dass sich hierunter auch Studenten befinden, die zwar selbst über wenig Einkommen verfügen, aber aus wohlhabenden Haushalten stammen, konnte Groh-Samberg mit entsprechenden Vergleichsrechnungen (...) zeigen, dass zwar »eine solche Korrektur (…) zu einer deutlichen Reduktion der Armutsquoten junger Erwachsener und tatsächlich auch zu einer Abschwächung der zeitlichen Zunahme von Armut bei jungen Erwachsenen (führt). Gleichwohl konnte auch mit dieser Betrachtungsweise eine signifikante Zunahme der Armut über die Zeit festgestellt werden.«"
(2017. S.5)

Der Armutsbericht verweist auf das Gutachten Expertise zur Entwicklung und Struktur von Jugendarmut von Olaf GROH-SAMBERG, in dem überprüft wurde, inwiefern die Armutsquote durch das Alleinleben von Studenten mit reichen Eltern verfälscht wird. Das Problem beschreibt GROH-SAMBERG folgendermaßen:

Expertise zur Entwicklung und Struktur von Jugendarmut

"Eine zentrale Problematik der konventionellen Vorgehensweise bei der Analyse relativer Einkommensarmut besteht im Fall der jungen Erwachsenen darin, dass ein Teil dieser jungen Erwachsenen im Alter von etwa 16 bis 27 Jahren noch zu Hause bei den Eltern wohnt, ein anderer Teil jedoch bereits ausgezogen ist und einen eigenen Haushalt führt – aber dennoch finanzielle und sonstige Unterstützung von den Eltern erfährt. Beim konventionellen Vorgehen der Armutsmessung wird jedoch die Annahme getroffen, dass nur Personen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben, ihre monetären Ressourcen miteinander teilen (»poolen«), und getrennte Haushalte als unabhängige Wirtschaftseinheiten zu betrachten sind. Das führt dann häufig dazu, dass dasselbe Kind aus einem wohlhabenden Elternhaus als »reich« erscheint, wenn es noch bei den Eltern im Haushalt lebt, aber als »arm«, wenn es bereits ausgezogen ist. Und dies, obwohl die letztere Alternative – der eigene Haushalt – möglicherweise sogar häufiger bei wohlhabenderen Familien zu finden ist als bei Familien mit niedrigem Einkommen. Vor diesem Hintergrund könnte die starke und zunehmende Armutsbetroffenheit von jungen Erwachsenen unter den Verdacht gestellt werden, Resultat eines statistischen oder zumindest demografischen Artefakts zu sein: Wenn immer mehr junge Erwachsene studieren oder längere Ausbildungsgänge wählen und dabei – eventuell im Zeitverlauf zunehmend – aus dem Elternhaus ausziehen, dann steigt auch die relative Einkommensarmut in dieser Altersgruppe übermäßig an."
(2013. S.27f.)

GROH-SAMBERG beziffert das Problem auf immerhin rund 25 % der einkommensarmen Jugendlichen im Alter von 15-30 Jahren, die in Wirklichkeit sehr wohlhabende Eltern haben, aber durch ihren Auszug aus dem Elternhaus als arm erscheinen. Von diesen rund 25 % sind rund die Hälfte Studierenden, d.h. der Anteil dieser Population von Studenten mit reichen Eltern beträgt rund 12,5 % der 15-30-Jährigen:

Expertise zur Entwicklung und Struktur von Jugendarmut

"Etwa ein Viertel der einkommensarmen jungen Erwachsenen hat (...) Eltern, die mit über 150 Prozent des Median-Einkommens als sehr wohlhabend bezeichnet werden können. Dieser Anteil unterscheidet sich kaum von dem nicht armer junger Erwachsener. Deutlich wird auch, dass insbesondere Studierende überwiegend (50 %) wohlhabende Eltern haben. Nur ein kleiner Teil der Studierenden hat Eltern, die in Armut (4 %) oder Niedrigeinkommen (7 %) leben."
(2013. S.29)

GROH-SAMBERG ist jedoch als Verfechter des Individualisierungsparadigmas gegen eine Korrektur der Armutsquote, weil der Auszug von Kindern unter diesem Gesichtspunkt als Wert an sich gilt:

Expertise zur Entwicklung und Struktur von Jugendarmut

"Insgesamt negiert diese Vorgehensweise (...) die ökonomische Unabhängigkeit von selbstständig haushaltenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegenüber ihren Eltern vollständig und stellt damit gleichsam das andere Extrem zur konventionellen Sichtweise dar, bei der beide Haushalte als vollständig getrennte Wirtschaftseinheiten betrachtet werden."
(2013. S.29)

Der Armutsbericht schließt sich dieser normativen Sichtweise an, während Georg CREMER diese Sicht nicht teilt. Und man darf davon ausgehen, dass BARON der Sicht von CREMER in dieser Hinsicht näher steht als der von GROH-SAMBERG. Man sieht an diesem Beispiel, dass die Individualisierungstheorie die Interessen der Akademikerschicht vertritt und deshalb auch als ein Ansatz bezeichnet werden kann, der die Besitzstandswahrung der oberen Mittelschicht begünstigt.

Die Imitierung der Armutskultur als Ausdruck der Verachtung der wirklich Armen

BARON kritisiert die Moden von Studenten und Linken, die die Armutskultur imitieren, und sieht in ihnen eine Verachtung der einfachen Leute bzw. der Unterschicht. Dazu gehören für ihn neben Trash-Partys von Leuten in Trainingsjacken auch das verarmte Aussehen, die Küfas, das Containern oder das Hartz IV-Fasten:

Proleten Pöbel Parasiten

"Volxküche (kurz: VoKü) ist eine linke Tradition, bei der Essen zum Selbstkostenpreis ausgegeben wird. Eigentlich eine Spitzenidee. Mittlerweile heißt die VoKü häufig »Küche für alle« (Küfa). Eine Mogelpackung: Die Küfa findet vor allem in vegetarischen und veganen Kreisen studierender und studierter Menschen statt, die sich durch ihre freiwillige Askese den unpolitischen Hipstern angleichen, die den Style der Armen kopieren, um zu demonstrieren: »Ich könnte mich teuer kleiden und exquisit essen, ich hab es aber im Gegensatz zum an Erwerbsarbeit oder Sozialstaat hängendem Pöbel nicht nötig.«" (2016, S.192)

"Heute ist von der einst so wichtigen linken Szene in Großstädten wie Frankfurt am Main, Berlin oder Hamburg fast nur noch das Mönchische geblieben: die strikte Ablehnung von allem, was Annehmlichkeit und Spaß versprechen könnte. Wie sich diese selbstgewählte Askese der linken Szene aus feministischer Sicht auswirkt, beschreibt die langjährige Aktivistin Ilona Bubeck: »Durch die Ablehnung von materiellem Luxus werden Unterschiede untereinander weggewischt und gleichzeitig die zu anderen Frauen verdeutlich. Frauen aus der Arbeiterklasse, denen verarmtes Aussehen verhasst ist, wird ihre gute Kleidung zum Vorwurf gemacht, während Secondhand-Klamotten schon als politische Überzeugung gelten. Mittelschichtfrauen können sich entscheiden, 'arm' zu sein, was in der Regel heißt, sich in bestimmter Weise zu kleiden, kaum Luxusartikel zu besitzen und lange Jahre zu studieren, statt abhängig zu arbeiten. Gerade diejenigen, die sich vom bürgerlichen Elternhaus abgrenzen wollen, werfen den anderen 'Bürgerlichkeit' vor. Frei gewählte Armut lässt sich leicht leben - die Erbschaft im Hintergrund als Sicherheit wird vor sich selbst und den anderen verheimlicht.«" (2016, S.194)

"Aus der von den meisten Obdachlosen als entwürdigend wahrgenommenen Notwendigkeit, in Mülltonnen nach weggeworfenen Lebensmitteln oder Pfandflaschen zu suchen, machen diese moralistischen Mittelschichts-Linken dann das Happening des Containerns, indem sie sich nachts zu den Abfällen von Supermärkten schleichen und den noch halbwegs brauchbaren Inhalt abstauben, um Geld sparen zu können für die Karte zum nächsten alternativen Punkrock-Festival." (2016, S.200)

"Die Journalistin Kathrin Hartmann beschreibt in ihrem lesenswerten Buch »Wir müssen leider draußen bleiben«, wie linksliberale Institutionen wie die Evangelische Landeskirche Hannover und die Diakonie Hamburg zum sogenannten Hartz-IV-Fasten einluden: Für die Dauer der christlichen Fastenzeit lebten die Teilnehmer freiwillig von dem für sie errechneten ALG-II-Satz - mit dem Ziel, mehr Sensibilität für die Lebenssituation materiell Bedürftiger zu schaffen. Eine gute Idee? Tatsächlich ist es beim »Hartzen for fun« aber nicht möglich, all das nachzuempfinden, was Hartz-IV-Bezieher tagtäglich psychisch und physisch mitmachen müssen. Hartmann stellt das platisch dar: »Von den Hartz-IV-Fastern war niemand gezwungen, Kleider aus zweiter Hand zu kaufen, bei Tafeln Essen zu holen oder zu verzweifeln, weil die Waschmaschine kaputt ist. Niemand musste Depressionen bekommen oder die letzten Tag des Monats hungern, weil kein Geld mehr da war. Niemanden wurden kriminelle Absichten unterstellt, weil er einen Antrag falsch ausgefüllt hat. Niemand musste mit Sanktionen oder Abzug rechnen, wenn er zumutbare Arbeit ablehnte. Kein Hobbyhartzer musste sich vor seinen Freunden schämen.«" (2016, S.205)

Kinderlosigkeit bzw. Aufschub des Kinderwunsches als Preis des Aufstiegs

Bei ERIBON finden sich keinerlei Hinweise auf einen Kinderwunsch. Das Thema wird nicht einmal erwähnt, obwohl heutzutage sich auch Homosexuelle ihren Kinderwunsch erfüllen könnten. BARON geht nur an einer einzigen Stelle auf seine Sicht auf die Vaterschaft ein:

Proleten Pöbel Parasiten

"Standen meine beiden Schwestern und mein Bruder schon mit Anfang/Mitte 20 als Eltern in unermesslicher Verantwortung, wäre mir niemals in den Sinn gekommen, zu diesem Zeitpunkt Vater zu werden." (2016, S.63)

Für Frauen ist dieser Aspekt dagegen zentraler. Im Jahr 2005 wurde auf dieser Website anhand der Bücher von Susanne GASCHKE ("Die Emanzipationsfalle") und Katja KULLMANN ("Generation Ally") eine Milieutheorie der Kinderlosigkeit konstatiert. Kinderlosigkeit wurde als Preis des sozialen Aufstiegs beschrieben. Eine Aufstiegsgesellschaft, so könnte man sagen, führt zum massenhaften Aufschub von Kinderwünschen. Ein Scheitern des Aufstiegs kann zur Kinderlosigkeit führen. Ein sozialer Aufsteiger muss sehr viel Zeit und Ressourcen in seinen Aufstieg investieren, die ihm dann für andere Lebenspläne fehlen. Eine Gesellschaft der Besitzstandswahrung, in denen Schließungsprozesse den Aufstieg zusätzlich erschweren, wäre in diesem Sinne auch eine Gesellschaft der Kinderlosen. Im Zeichen der Demografiepolitik wird gerne die Bestrafung von Kinderlosen gefordert. Man könnte in solchen Forderungen also auch eine Form der Besitzstandswahrung und Abschottung nach unten sehen. 

Fazit: Der Blick sozialer Aufsteiger ermöglicht Einblicke in die Zustände der Gesellschaft, die denjenigen, die in ihrem Herkunftsmilieu verharren, verborgen bleiben

Soziale Aufsteiger sind für Gesellschaften bereichernd, denn sie können zwischen den Klassen vermitteln. Da für sie vieles nicht selbstverständlich ist, sind sie gezwungen genauer hinzusehen. Ohne diese Fähigkeit wären sie nicht in der Lage die Hindernisse zu bewältigen, die ihrem Aufstieg entgegenstehen. Ihnen fehlt ein Elternhaus, das ihnen das Rüstzeug für ihren Aufstieg vermitteln könnte. Sicher idealisieren sie dabei auch die Mittelschichtverhältnisse. In der Überanpassung von sozialen Aufsteigern liegt eine der Gefahren. Klassenflüchtlinge wie ERIBON sind das eine Extrem: Sie brechen alle Brücken zum Herkunftsmilieu ab, um sich neu zu erfinden. Dadurch können sie Höhen erreichen, die sich andere soziale Aufsteiger erst gar nicht zutrauen. Aber sie können auch scheitern und solche Geschichten wären genauso aufschlussreich, liegen derzeit aber nicht im Trend. Bücher erfolgreicher Aufsteiger scheinen in einer Gesellschaft, in der die Aufstiegsmobilität beklagt wird, eine größere Chance auf Veröffentlichung zu haben. Das Beispiel von BARON zeigt dagegen, dass ein sozialer Aufstieg nicht zum Abbrechen aller Brücken zum Herkunftsmilieu führen muss. Auch politisches Engagement für die einfachen Leute kann die Konsequenz sein, obwohl erfolgreiche Aufsteiger eher dazu neigen, zu Besitzstandswahrern zu werden. Eine Gesellschaft ohne Aufstiegsmöglichkeiten ist letzten Endes eine erstarrende Gesellschaft, denn Aufsteiger setzen auch Wandlungsprozesse in Gang.

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
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Update: 08. März 2017