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Rezensionsessay

 
       
   

Romantik 2.0 in Zeiten des Kulturkampfes ums Internet

 
       
   

Warum das Online-Dating nicht der Untergang des Abendlandes ist

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Zitat:

Romantik 2.0

"Betrachtet man (...) Liebe als ein gesellschaftliches Phänomen, sieht man nicht nur, dass Liebe eine relativ junge Erfindung ist, sondern auch, dass jedes Liebespaar eine Sonderwelt bildet. Liebende folgen ihren eigenen Regeln, die für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar sind. Sie nehmen die ganze Welt mit den Augen des anderen wahr, wodurch plötzlich alles auf eine neue Weise sinnvoll wird. So hält jeder Liebende seine Liebe für einzigartig - und hat damit zugleich Recht und Unrecht. Denn Liebe wird zwar stets einmalig erlebt, sonst könnte es nicht Liebe sein. Aber dieser Eindruck des Einmaligen ist zugleich nur möglich, weil alle Liebenden bestimmten Mustern folgen, einer Art Liebescode. Und dieser Code ist so komplex und wandlungsfähig, dass ihn jeder Einzelne dennoch auf einmalige Art und Weise erleben kann."
(2005, S.9f.)

Das Online-Dating und die Revolution der Partnersuche

Im Jahr 2008 wurden auf dieser Website die neuen Trends auf dem Partnermarkt vorgestellt . Ein Jahr später wurde dann auf die wissenschaftliche Erforschung des Online-Dating eingegangen . Damals boomten noch Online-Partnervermittlungen wie Parship oder ElitePartner. Seitdem hat sich das Online-Dating durch den Siegeszug der sozialen Netzwerke wie Facebook gewandelt. Mit dem Älterwerden der Generation Facebook geraten die traditionellen Dating-Plattformen unter Druck.

Seit Ende der Nuller Jahre ist das Matching-Verfahren der Online-Partnervermittlungen mehr und mehr ins Gerede gekommen und zahlreiche Kulturpessimisten beschreiben die Liebe in Zeiten der Algorithmen (so der Titel eines aktuellen Buches des amerikanischen Journalisten Dan SLATER) als Zerfall der Werte bzw. als Bedrohung der Monogamie. Steile Thesen vom Ende der Liebe treffen auf neubürgerliche Sehnsüchte nach einer heilen Welt. Es droht wieder einmal der Untergang des Abendlandes - diesmal durch das Internet. In Deutschland zog der Großmeister des Alarmismus - Frank SCHIRRMACHER - mit seinem Pamphlet Ego durch die Talkshows und Mitte-Gazetten dieser Republik. Es herrscht also Kulturkampf ums Internet.

Mitten in diesen Kulturkampf platzt nun das Buch Romantik 2.0 von Christian SCHULDT, das eine Lanze für das Online-Dating bricht und behauptet, dass das Internet die Romantik neu erblühen lässt. Wie das? Hat uns die in den Feuilletons der Mitte-Presse gefeierte Soziologin Eva ILLOUZ nicht gerade darüber aufgeklärt, warum die Liebe weh tut? Und dass gerade das Internet die Romantik zerstört hat?

Die Sachlage scheint also eindeutig, aber sie ist es nicht. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass der Kulturkampf ums Internet blind macht für die Errungenschaften des Online-Datings. 

Das Internet hat eine neue Gelegenheitsstruktur für die Partnersuche geschaffen

Für jüngere Menschen, den so genannten Digital Natives, gehört das Internet inzwischen wie selbstverständlich zum Alltag dazu. Es ist insbesondere die noch mit den alten Medien sozialisierte Single-Generation, die heutzutage den Kulturpessimismus in Sachen Internet befeuert. Nur aus einem Grund: weil sie gerade an den Schalthebeln der Mediengesellschaft sitzt und ein starkes Interesse an Bestandswahrung hat. Eine Kontroverse dreht sich deshalb darum, ob das Internet gefährliche Parallelwelten schafft oder ein normaler Teil des Alltags ist. Die Kulturpessimisten behaupten grob gesagt, dass das Internet gefährliche Parallelwelten schafft und dadurch wahlweise die sozialen Beziehungen, der Zusammenhalt der Gesellschaft oder gar das Gemeinwohl bedroht werden. Die Durchdringung des Alltags durch die Internetnutzung muss aus dieser Sicht verhindert werden. Was aber, wenn die alltägliche Internetnutzung die Gelegenheitsstrukturen und Kommunikationsmöglichkeiten moderner Gesellschaften verbessert, indem sie z.B. die Kommunikation von Menschen ermöglicht und intensiviert, die sich ansonsten nie getroffen hätten?

Christian SCHULDT erzählt in seinem Buch die Geschichte von Veit und Clara, die sich - obwohl in der gleichen Stadt lebend und in der gleichen Szene verkehrend, nie kennen gelernt hatten. Erst ein soziales Netzwerk half mittels Gelegenheitsstruktur und Zufall auf die Sprünge.

Romantik 2.0

"Veit suchte nach einer alten Freundin, deren Nachnamen er vergessen hatte. Also tippte er »Clara« ins Suchfeld ein. In der Trefferliste tauchte die alte Bekannte nicht auf - dafür aber eine schöne Unbekannte, die er spontan anschrieb. Sie schrieb zurück, sie telefonierten, und schließlich reiste Clara von Frankfurt nach Wien, um Veit zu besuchen. »Es ist, als habe der liebe Gott gesagt: 'Wenn ihr es nicht schafft, euch auf normalem Wege kennenzulernen, dann gebe ich euch eben das Internet'«, sagt Veit über seine Line-Lovestory. Zumal die beiden sich ebenso gut im wirklichen Leben hätten begegnen können: Veit hatte früher in Frankfurt gewohnt, beide hatten dasselbe Stammcafé, Clara jobbte in seinem Lieblingstheater, und sie hatten sogar gemeinsame Freunde. Aber begegnet sind sie sich im Internet."
(2013, S.30)

In den Medien, aber auch in der Wissenschaft, wird Online-Dating mit einer rationalen Strategie, die nichts dem Zufall überlässt, gleich gesetzt. Dies liegt daran, dass der Begriff Online-Dating üblicherweise nur für die Partnersuche auf speziellen Online-Plattformen benutzt wird. So z.B. auch eine Definition von Christian SCHULDT:

Romantik 2.0

"Online-Dating (...). Was genau ist damit eigentlich gemeint? Eine Definition könnte so lauten: Online-Dating ist das gezielte Kennenlernen und Treffen möglicher Partner über speziell ausgerichtete Webseiten - mit dem Ziel, eine Beziehung im echten Leben zu führen. Dieser Zusatz ist besonders wichtig. Denn das Prädikat »beziehungsbereit« bildet einen gemeinsamen Nenner für die Online-Dater, eine kollektive Gleichgesinntheit, die in dieser Form wohl nur im Internet möglich ist. Und das heißt auch: Beim Online-Dating geht es um die gute, alte romantische Liebe."
(2013, S.22)

Mit sozialen Netzwerken, Foren oder Chatrooms ergeben sich jedoch auch neue Gelegenheitsstrukturen des Kennenlernens im Internet über die gezielte Partnersuche hinaus. Damit löst das virtuelle Kennenlernen die Face-to-Face-Kennenlernsituation für immer mehr Menschen im Alltag ab. Mit social-Dating-Plattformen wie Badoo oder Zoosk hat zudem die Spezialisierung sozialer Netzwerke für die Partnersuche begonnen.

Die Rede von den Parallelwelten speist sich u. a. dadurch, dass es mittlerweile selbst für religiöse und politisch extreme Weltanschauungsgruppen spezielle Dating-Plattformen gibt, in denen sich Gleichgesinnte kennenlernen können. Dies vergrößert einerseits den Partnerpool, andererseits aber auch die Separierungsmöglichkeiten wie Christian SCHULDT beschreibt.

Romantik 2.0

"»Wenn jemand in Bayern auf dem Dorf lebt und einen muslimischen Partner sucht, wie soll das funktionieren?«, fragt Cüneyt Tirgil, Gründer der muslimischen Partnerbörse Muslima. Auf seiner Plattform tummelten sich bereits 2010 rund 1,7 Millionen flirtfreudige Korangläubige. (...).
Religiöse Spezialbörsen gibt es auch für Christen, etwa Himmlisch-Plaudern oder Christ-sucht-Christ. Katholiken suchen bei KathTreff die weltliche Liebe und erhalten für einen Quartalsbeitrag von 29 Euro hilfreiche Tipps wie »Beten Sie täglich um den richtigen Ehepartner«. Denn KathTreff versteht sich ausdrücklich als Heiratsvermittlung mit dem Ziel der Eheschließung. Für Homosexuelle gilt: Wir müssen leider draußen bleiben. Hier zeigt sich auch eine Kehrseite der Dating-Nischenangebote: Durch die Spezialisierung auf bestimmte Werte und Konventionen tragen sie dazu bei, überkommene Traditionen aufrechtzuerhalten und gesellschaftliche Gräben zu vertiefen."
(2013, S.26)

Die Kontroverse darum, ob das Internet Parallelwelten schafft oder ein normaler Teil unseres Alltags ist, ist letztlich eine Scheinkontroverse. Das Internet ist für immer mehr Menschen Teil des normalen Alltags. Es schafft aber keine neuen Parallelwelten, denn diese waren bereits vorher in der Welt. Das Internet beschleunigt höchstens vorhandene Entwicklungen, indem es die Realisierungschancen - im guten wie im schlechten erhöhen kann.

Das Internet als Chance für Problemgruppen?

Minderheiten wie Homosexuelle haben gemäß SCHULDT beim Online-Dating eine Vorreiterrolle gespielt. Auch Menschen ohne Beziehungserfahrung , Schüchterne und Introvertierte , denen das Online-Dating durch seine Langsamkeit und Schriftkultur entgegenkommt, könnten profitieren. Als Knackpunkt wurde bislang insbesondere der Übergang von der Online- zur Offline-Beziehung gesehen . SCHULDT geht dagegen davon aus, dass durch die Angleichung der Nutzerstruktur des Online-Datings an die Bevölkerungsstruktur auch im Netz immer mehr diejenigen im Vorteil sind, die auch die Offline-Flirtkultur beherrschen.

In seinem Buch Schüchtern beschreibt Florian WERNER seine eigenen Probleme mit der Schüchternheit. Für ihn kommt das Internet Schüchternen nur scheinbar entgegen. Zudem neigen  Schüchterne aufgrund ihrer Persönlichkeit eher zur Romantik als nicht-schüchterne Menschen. Für diese romantische Ader steht gemäß WERNER exemplarisch der Dichter Cyrano de BERGERAC:

Schüchtern

"Seine Befangenheit macht Cyrano nicht nur zum romantischen Dichter par excellence, bei dem (Liebes-)Leben und Werk untrennbar ineinander übergehen - sie macht ihn auch zum Schutzheiligen aller Schüchternen, die sich in seiner tragikomischen Person und Lage wiedererkennen: Sein Name wird heute sowohl von einem Softwareprogramm, das automatisch Liebesbriefe generiert, in Anspruch genommen als auch von einer Anwendung für Smartphones, das sozialängstlichen Menschen ein ähnliches Schicksal wie das des armen Haudegen ersparen soll. »Also, schüchtern und alleine war gestern«, wirbt die Firma, welche die Anwendung vertreibt, für ihre Dienste, »denn Dank der Cyrano Flirtsprüche App bis Du nie um einen coolen Spruch verlegen, und Dein Traumpartner ist nur einen Spruch entfernt.«
Ob solche Worte aus der Dose tatsächlich einen ähnlichen Erfolg zeitigen wie ehedem die Alexandriner des Cyrano, sei dahingestellt - fest steht, dass die neuen, digitalen Kommunikationsformen gerade für Schüchterne einen scheinbar sicheren Rückzugsort bieten, der es ihnen erlaubt, sich in gebührender Distanz zu ihren Mitmenschen hinter einem Schutzwall aus Schrift zu verstecken."
(2012, S.125f.)

Für WERNER, der seine Frau offline kennengelernt hat, wäre nicht erst der Übergang von der Online- zur Offline-Beziehung beim ersten Treffen die erste große Hürde gewesen, sondern bereits der Medienwechsel zum ersten Telefonat. SCHULDT beschreibt das Online-Dating als Stufenprozess, bei dem jede Stufe sowohl die Gefahr des Scheiterns als auch die Chance der Beziehungsintensivierung birgt:

Romantik 2.0

"Online-Flirts (entwickeln sich) nach einem typischen Muster (...). Von der ersten Mail über den ersten Fotoaustausch und das erste Telefonat bis zum ersten Treffen erfolgt das Kennenlernen stufenweise, und jede Stufe birgt sowohl die Gefahr des Scheiterns als auch die Chance der Beziehungsintensivierung. Beim Online-Dating kommt man sich in klar vorgegebenen Etappen näher - wie einst beim höfischen Zeremoniell."
(2013, S.98f.)

Bei Schüchternen ist die Gefahr groß, dass sie die einzelnen Medienwechsel zu sehr hinauszögern und den Übergang zur Offline-Beziehung eher vermeiden. WERNER schreibt dazu:

Schüchtern

"Menschen, die unter Schüchternheit leiden, neigen (...) zu übermäßigem Internetkonsum, bis hin zu schwerer psychischer Abhängigkeit. Schüchterne Internet addicts verbringen deutlich mehr Zeit in sozialen Netzwerken als extroviertierte Menschen, und sie formen dort häufiger enge virtuelle Freundschaften. Zugleich verstärkt der exzessive Aufenthalt im Internet jedoch ebenjene Probleme, denen die Schüchternen durch ihre Flucht in die Virtualität eigentlich zu entkommen suchten".
(2012, S.127)

Schüchternen verlangt das Online-Dating gewissermaßen mehr Selbstdisziplin ab als anderen Menschen. WERNER nennt das die Verordnung eines "Diätplanes". Auch die französische Psychoanalytikerin Marie-France HIRIGOYEN betont die Gefahren für Schüchterne:

Solotanz

"Man sucht das Internet auf, weil es einfach, anonym und preiswert ist. Ideal ist es für Schüchterne, die nicht wissen, wie sie jemanden anmachen sollen, und es ist zu jeder Tag- und Nachtzeit zugänglich, chatten kann man sogar im Schlafanzug. Am Anfang ist es ein Zeitvertreib, um das Alleinsein zu lindern, aber man kann sehr schnell süchtig werden. Personen, die im echten Leben Probleme haben, auf herkömmliche Weise zu kommunizieren, laufen am ehesten Gefahr, in diese Abhängigkeit zu geraten".
(2008, S.134)

Online-Dating ist für Problemgruppen, wie z.B. Schüchterne, also keineswegs der Königsweg, sondern birgt seine eigenen Gefahren und Chancen. Für WERNER verlangsamt Schüchternheit die Schritte durchs Leben - aber dem kann man durchaus Positives abgewinnen:

Schüchtern

"Das durchschnittliche Heiratsalter für Männer liegt in Deutschland derzeit bei dreiunddreißig Jahren, Schüchterne hingegen, das leben Langzeitstudien aus den USA und Schweden nahe, heiraten im Durchschnitt etwa drei Jahre später. Überhaupt brauchen Schüchterne für alles etwas länger: Sie bekommen später ihr erstes Kind (ebenfalls etwa drei Jahre), sie fassen später im Berufsleben Fuß (...). Böse Zungen würde angesichts meiner späten Vaterschaft und Eheschließung vermutlich sagen: Das war aber auch höchste Zeit! Ich hingegen würde, mit Blick auf meine Frau und Tochter sowie mit nicht gekannte Selbstbewusstsein, sagen: Gut Ding will eben Weile haben. Das Zaudern hat sich gelohnt."
(2012, S.66f.)

Im Hinblick auf den Übergang von der Online- zur Offline-Beziehung holen sich Schüchterne immer öfter Rat bei so genannten Pick-up-Artists . Deren Anleitungen können zwar Sicherheit für einen Flirt geben, dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung sind sie dagegen nicht zuträglich. Die US-Amerikanerin Clarisse THORN hat sich in ihrem Buch Fiese Kerle? mit dieser Aufreisser-Szene näher befasst . Sie ist der Meinung, dass man mit Hilfe dieser Anleitungen zwar möglicherweise fast jede Frau rumkriegt. Der Weg zu gutem Sex führe dagegen aber nur über vertrauensvolle Beziehungen.

Fiese Kerle?

"Pick-up-Artists haben es sich zum Ziel gesetzt, ihre Verführungskünste zu perfektionieren, um so eine möglichst große Anzahl an Frauen ins Bett zu bekommen. In den USA bereits seit einigen Jahren eine florierende Subkultur, zählt mittlerweile auch die größte deutsche Aufreißer-Community an die hunderttausend Mitglieder. Der bekannteste Pick-up-Artist ist wohl die Kultfigur Barney Stinson aus der TV-Serie How I Met Your Mother.

Das Buch bietet einen Blick hinter die Kulissen der Aufreißerszene und begleitet Pick-up- Artists auf ihren Streifzügen."
(aus dem Klappentext, 2013)

Und was, wenn es beim Beziehungsaufbau weniger um das genaue Befolgen eines Skriptes geht, sondern einfach nur darum, den richtigen Menschen, der zu mir passt zu finden? Das Beispiel von Florian WERNER zeigt, dass Männer heutzutage nicht unbedingt mehr diejenigen sein müssen, die die Initiative ergreifen:         

Schüchtern

"Glücklicherweise ergriff sie die Initiative und sprach mich mit den schönen Worten »Sag mal, fährst du auch nach Schwerte?« an; was, nebenbei bemerkt, beweist, dass sich die Geschlechterverhältnisse zwar geändert haben mögen, das Arsenal möglicher Anquatschsprüche aber auch im postfeministischen Zeitalter weitgehend dasselbe geblieben ist.
(...).
Dass wir unsere beiden Teilzüge aufs selbe Gleis setzten, ja sie nach eingehenden Stresstest sogar durch das Band der Ehe miteinander verkoppelten, war also vor allem der Beharrlichkeit und Geduld meiner Frau geschuldet."
(2012, S.64f.)

Könnte es also nicht sein, dass gerade die Langsamkeit, die uns das Online-Dating bei der Partnersuche aufzwingt, dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung entgegen kommt?

Wie das Internet die Romantik rettet

Bereits im Buch Der Code des Herzens aus dem Jahr 2005 hat Christian SCHULDT den kulturgeschichtlichen Wandel der Liebe im Anschluss an Niklas LUHMANNs Liebe als Passion beschrieben . Damals wusste er jedoch noch nicht, dass er seine zukünftige Frau im Netz finden würde. Nun beschreibt er ausführlich wie das Online-Dating in seiner spezifischen Verfasstheit die Romantik rettet. Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart sieht SCHULDT Liebesvorstellungen wirken, die sich heutzutage beim Online-Dating in einem Mix aus Romantik und Pragmatik niederschlagen. Leidenschaftlich verteidigt er das Online-Dating gegen seine Kritiker:

Romantik 2.0

"Online-Dating fördert das Zustandekommen funktionierender Beziehungen, weil wir uns nicht nur besser erreichen, sondern auch besser verstehen können. Das Medium Internet macht gelingende Liebeskommunikation wahrscheinlicher und lässt viele alte romantische Traditionen aufleben. Damit ist Online-Dating auch das beste Beispiel dafür, dass nicht alles, was mit den »Neuen Medien« zu tun hat, automatisch oberflächlich, unpersönlich oder unromantisch sein muss. In Wirklichkeit leistet die Liebe im Netz genau das Gegenteil von dem, was Kritiker ihr unter Schlagworten wie »Partnershopping« oder »Liebe per Mausklick« unterstellen: Sie rettet die Romantik."
(2013, S.168f.)

Bei diesem Loblied auf das Online-Dating verschweigt SCHULDT aber keineswegs die Schattenseiten, aber er rückt die Perspektive zurecht, denn die Kulturkritiker von Sven HILLENKAMP ("Das Ende der Liebe" ) bis Eva ILLOUZ ("Warum Liebe weh tut") überziehen den Bogen mit ihrer Kritik. Dies führt dazu, dass Ausnahmeerscheinungen und Exzesse fälschlicherweise als die neue Normalität erscheinen.

So berichtet SCHULDT beispielsweise vom Profi-Flirter Matt PRAGER ("Cyber-Cyrano"), der in New York das Geschäft des Online-Datings bis zum ersten Treffen übernimmt . Im aktuellen Focus-Report wird über die Schwabinger Agentur Suredate berichtet, die für 990 Euro dieses Geschäftsmodell auch in Deutschland anbietet . Solche "Romantik-Betrüger" sind Ausnahmeerscheinungen, ein "Outsourcing des Flirtens" wie der Focus reißerisch prognostiziert, ist dagegen kaum zu erwarten.

Ein anderes Problem der Kulturkritik besteht darin, Online-Dating, also die Suche nach einer festen Partnerschaft, und die Suche nach schnellem Sex in einen Topf zu werfen. So legt Marie-France HIRIGOYEN in ihrem Buch Solotanz nahe, dass für das Online-Dating die Suche nach schnellem Sex die Normalität darstelle:

Solotanz

"Chatten ist (...) oft ein freizügiges Spiel mit initimen Bekenntnissen und suggestiven Äußerungen, die zum Cybersex führen können.
Am Anfang waren die Männer auf den Datingsites in der Mehrzahl, und den Frauen blieb nur die Qual der Wahl. Sie brauchten bloß die rein sexuellen Angebote zu meiden. Inzwischen hat sich einiges geändert, Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten, und die Frauen zögern nicht, Annoncen für rein sexuelle Begegnungen aufzugeben. Das Onlinedating bewirkt eine Art Beschleunigung im Aufbau der Beziehung, der bei herkömmlichen Begegnungen sehr viel langsamer und allmählicher vor sich ging. Auf diesen Sites sind die Frauen anspruchsvoll, und die Männer haben es eilig."
(2008, S.135)

SCHULDT dagegen sieht in solchen Beschreibungen eine unverarbeitete Altlast der sexuellen Befreiung mit seiner Ära der "Liebe als Problem", die gerade im Internetzeitalter der postproblematischen Phase überwunden wird:

Romantik 2.0

"Nirgendwo sonst sind die kulturellen Vorstellungen rund um das, was wir »romantische Liebe« nennen, so präsent und konzentriert zu beobachten wie beim Online-Dating. Worte und Werte wie Liebe, Glück oder Seelenverwandtschaft werden hemmungslos groß geschrieben. Vor allem die Treue wird immer wieder erwähnt und geradezu gefeiert. Auch darin zeigt sich das postmoderne Verhältnis von Liebe und Sex: Für Untreue gibt es spezielle Seitensprung- und Adult-Dating-Seiten, in Singlebörsen regiert die Romantik."
(2013, S.162f.)

Sicher tummeln sich auf Online-Partnervermittlungsplattformen und Singlebörsen auch jene, die nur nach schnellem Sex suchen, die nach Online-Affären süchtig sind usw. Sie sind aber die Ausnahme und nicht die Regel. SCHULDT verweist zudem darauf, dass jeder  solche Täuschungsmanöver durchschauen kann - vorausgesetzt er will. Auch wenn SCHULDT keinen klassischen Ratgeber geschrieben hat, so finden sich doch immer wieder nützliche Tipps um den Fallstricken des Online-Datings zu entgehen.

Fazit: Das Ende der Liebe steht nicht bevor   

Das Buch Romantik 2.0 von Christian SCHULDT wirft einen anderen Blick auf die Online-Dating-Szene als die üblichen kulturpessimistischen Bücher, die derzeit den Buchmarkt überschwemmen. Mit dem Schwerpunkt auf Single-Börsen statt wie üblich auf Online-Partnervermittlungen wird zudem auch ein jüngeres Publikum angesprochen, während kulturpessimistische Bücher eher ein älteres, mit den alten Medien sozialisiertes Publikum,  im Auge haben. Das Buch bietet insbesondere eine überzeugende Auseinandersetzung mit dem Buch Warum Liebe weh tut von Eva ILLOUZ, dessen Kulturpessimismus sich insbesondere aus der Tatsache speist, dass darin hauptsächlich die Probleme von über 35jährigen Karrierefrauen mit Kinderwunsch im Mittelpunkt stehen. Online-Dating ist jedoch mittlerweile ein Massenphänomen geworden, das zudem ständigen Wandlungen unterworfen ist, wie SCHULDT in seinem Ausblick aufzeigt. Das Ende der Liebe ist jedenfalls genauso wenig wahrscheinlich wie das Ende der Familie.

Online-Partnervermittlungen haben ein Image-Problem, da ist SCHULDT zuzustimmen. Das  Matching-Verfahren sollte den Zufall eliminieren. Dies läuft dem romantischen Kerngedanken der Schicksalhaftigkeit entgegen. Doch wie SCHULDT eindrucksvoll zeigt, findet die Romantik genug Hintertürchen, um umso machtvoller das Online-Dating zu prägen.

Je mehr Menschen in ihrem Bekanntenkreis jemanden kennen, der seinen Partner im Internet gefunden hat und mit ihm glücklich geworden ist, desto bedeutungsloser wird in Zukunft die jetzt vorherrschende Kulturkritik sein. 

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 09. Mai 2013
Update: 24. Januar 2017