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Thema des Winters

 
       
   

Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen in Deutschland (Teil 3)

 
       
   

Ist die Talsohle bei den Akademikerinnen erreicht? - Eine Kritik der Debatte um die Geburtenentwicklung anhand neuer Erkenntnisse

 
       
     
       
   
     
 

Wer sind die Kinderlosen?

In der Bevölkerungswissenschaft wird von einer Kultur der Kinderlosigkeit gesprochen . Selten wird jedoch die Heterogenität der Gruppe der Kinderlosen aufgezeigt. Welche Einseitigkeiten von Seiten der Bevölkerungswissenschaft (und in gleicher Weise bei den Sozialpolitikern) vorherrschen, zeigt das Lehrbuch Bevölkerungssoziologie des Schweizer  Familiensoziologen François HÖPFLINGER, das dieses Jahr in 2. Auflage erschienen ist. Dort werden die Kinderlosen folgendermaßen beschrieben:

Bevölkerungssoziologie

"Kinderlosigkeit bzw. ein Erwachsenenleben ohne Kinder wird - in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern - vermehrt zu einer attraktiven Wahloption. Namentlich in urbanen Regionen entstand (und konzentriert) sich eine wachsende Gruppe, die aufgrund individualistischer Orientierungen (z.B. mit Kindern kann man das Leben nicht mehr so genießen) eine Elternschaft schon früh ausschließt. So zeigt die Analyse von Kerstin RUCKDUSCHEL (2004) zu den Determinanten des Kinderwunsches in Deutschland, dass Selbstverwirklichungsstreben und Wohlstandsdenken den Wunsch nach Kindern reduzieren. Eine Untersuchung von unter 40-jährigen deutschen Ehepaaren belegt zudem, dass auch ein geringer wahrgenommener affektiver Wert von Kindern den Übergang zu einem ersten Kind negativ beeinflusst (Henz 2008). Zumindest einige Gruppen von Frauen und Männer verlängern zudem ihr jugendnahes Erwachsenenalter jenseits des dritten Lebensjahrzehnts. Zu erwähnen sind beispielsweise langjährige und spät Studierende [mehr] oder freizeitorientierte urbane Personen, die in ihren bisherigen Freizeit- und Konsummilieus verharren und mit der Zeit wenige Anreize erleben, eine Familie mit Kindern zu gründen und die dazu notwendige langfristige elterliche Verantwortung zu übernehmen. Eine weitere Gruppe, die - aus anderen Gründen - in einem kinderlosen Lebensmilieu verbleibt, sind homosexuelle Männer und Frauen, die vor allem in urbanen Gebieten eine eigene - oft stark jugend- und körperbetonte - Erwachsenenkultur pflegen [mehr]. Daneben sind im Einzelnen auch Geschlechtsrollenzugehörigkeit und Partnerschaftsverläufe von Bedeutung. So kann die gestiegene Trennungshäufigkeit von Partnerschaften die Geburtenhäufigkeit negativ beeinflussen (Eckhard 2006), ebenso wie ein Trend zu spätem Wegzug aus dem Elternhaus (Nesthocker-Syndrom) oder eine ausgedehnte jugendorientierte Lebensgestaltung. Kinderlos gebliebene Frauen und Männer umfassen deshalb eine sozial heterogene Gruppe, und die Gründe für Kinderlosigkeit können im Einzelnen biologische, biographische oder wertorientierte Ursachen aufweisen.
Soziologisch bedeutsam ist die Feststellung, dass sich heute durchaus eine urbane Kultur kinderlosen Erwachsenenalters entwickelt hat, die dadurch gestärkt wird, als durch die demographische Alterung Familien bzw. Haushalte mit Kindern in immer mehr Regionen zu einer soziodemographisch wie soziokulturellen Minderheit werden. Nach Ansicht von Jürgen Dorbritz (2005: 389) sind es individualistisch deutbare
»Gründe, bei denen sich diejenigen ohne Kinder und ohne Kinderwunsch am stärksten von denen unterscheiden, die sich für ein Leben mit Kindern entschieden haben. Es ist nach diesen Ergebnissen eine Gruppe in der Bevölkerung vorhanden, die sich aufgrund individualistisch geprägter Orientierungen gegen Kinder entscheiden.«" [mehr]
(2012, S.74f.)

Typisch für das Feindbild Kinderloser ist, dass die Anteile derjenigen, die "individualistische Orientierungen" aufweisen, im Dunkeln bleibt. Verschwiegen werden in dieser Sicht auch die vielfältigen strukturellen Hemmnisse.

Gewollte, freiwillige, bewusste Kinderlosigkeit, Kultur der Kinderlosigkeit - In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit über die Einordnung des Phänomens

Die Charakterisierung der Kinderlosigkeit als gewollt bzw. ungewollt wird in der Literatur ziemlich uneinheitlich gehandhabt. Selbst bei ein und denselben Autoren differieren die Bezeichnungen. Jürgen DORBRITZ (2005, S.387) z.B. schreibt zur Policy Acceptance Studie (PPAS) 1992 und 2003, dass mit der Umfrage nicht zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit unterschieden werden kann. Dies liegt daran, dass DORBRITZ die Kinderlosen als "diejenigen, die keine Kinder haben und sich auch keine Kinder wünschen" definiert, d.h. er beschreibt implizit die gewollte Kinderlosigkeit. Die Kinderlosen mit Kinderwunsch, d.h. ungewollt Kinderlose, bleiben bei dieser Betrachtung außen vor. In der Zusammenfassung wird entsprechend von einer "Kultur der Kinderlosigkeit" gesprochen, die jedoch nicht näher konkretisiert wird.

DORBRITZ/LENGERER/RUCKDESCHEL 2005 schreiben dagegen explizit, dass das besondere Ergebnis der Befragung zunehmend durch gewollte Kinderlosigkeit geprägt sei.  

Einstellungen zu demographischen Trends und zu bevölkerungsrelevanten Politiken

"Das besondere Ergebnis der vorliegenden Befragung besteht in der Erkenntnis, dass die Zahlen zum Kinderwunsch zunehmend durch gewollte Kinderlosigkeit geprägt wird. 20 % der Befragten in der relevanten Altersgruppe haben freimütig in unserer Umfrage bekannt, keine Kinder zu wollen. Und von den 20- bis 39- Jährigen, die noch keine Kinder hatten, wollten immerhin 36 % auch keine Kinder mehr haben. Bislang sind hier die Einstellungen der Frauen beschrieben worden. Männer wünschen sich noch weniger Kinder und würden gern häufiger kinderlos bleiben. Hiermit haben wir eines der wichtigen Ergebnisse unserer Studie vorgestellt: In Deutschland hat sich das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit ausgebreitet." [mehr]
(2005, S.5)

DORBRITZ & RUCKDESCHEL 2007 distanzieren sich dagegen davon, dass die Kinderlosen ohne Kinderwunsch mit gewollt Kinderlosen gleichzusetzen seien und sprechen stattdessen von einem Indiz für eine "Kultur der Kinderlosigkeit".

Kinderlosigkeit in Deutschland - Ein europäischer Sonderweg?

"Die besondere Situation Westdeutschlands bei der realen Kinderlosigkeit ist also bereits im Kinderwunsch angelegt. Es handelt sich hier nicht um die Gruppe der gewollt Kinderlosen, gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit ist an dieser Stelle nicht unterscheidbar, es zeigt aber, dass es in einigen Ländern Europas eine Bevölkerungsgruppe gibt, die keine Kinder haben möchte. Für Deutschland könnten die überaus hohen Anteile von Personen ohne Kinderwunsch ein Indiz der sich ausbreitenden »Kultur der Kinderlosigkeit« sein". [mehr]
(2007, S.78)

DORBRITZ & SCHWARZ 1996 sowie DORBRITZ 2005 identifizieren zwei soziale Milieus "gewollt Kinderloser" entlang unterschiedlicher Bildungsgruppen:

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Die Gruppe der Kinderlosen ist relativ klein, beträgt bei den Frauen in der Altersgruppe 20-29 Jahre 15,7 % und bei den 30- bis 39-Jährigen 15,0 %.".
(2005, S.387)

"Bereits anhand des 1992er Datensatzes der PPAS ist nach sozialen Gruppen mit hoher Kinderlosigkeit gesucht worden. Damals wurden zwei so genannte soziale Milieus der Kinderlosigkeit gefunden, das »Milieu der konkurrierenden Optionen« (niedriges bis mittleres Einkommen, eine Entscheidung für Kinder wäre eine Entscheidung gegen Lebensqualität) und das »Karrieremilieu« (vollerwerbstätig, unverheiratet, hoch qualifiziert, eine Entscheidung für Kinder gefährdet die Vollerwerbstätigkeit und Karriere) Dorbritz/Schwarz 1996:246. Das Fortbestehen dieser Milieus der Kinderlosigkeit bestätigen die Ergebnisse des Jahres 2003" [mehr]
(2005, S.389)

Tatsächlich können diese Milieus von DORBRITZ gar nicht differenziert werden, denn die Betrachtung erstreckt sich auf die Altersgruppe der 20 bis 45jährigen Frauen (1959-1983 Geborene). 26,1 % der Fach- und Hochschulabsolventinnen dieser Altersgruppe seien kinderlos, aber nur 14,7 % seien Eltern. Zum einen wird ein Hochschulabschluss äußerst selten mit 20 Jahren erreicht, d.h. Frauen, die vor ihrem Abschluss Kinder bekommen haben, können nicht berücksichtigt werden. Zum anderen werden Hochqualifizierte spät Eltern, sodass ein solcher Vergleich nur für die Altersgruppe der 40-44Jährigen überhaupt aussagekräftig wäre. Des Weiteren ist ein niedriges Einkommen von 25jährigen Berufsanfängerinnen anders zu bewerten als bei einer 40Jährigen. Es handelt sich bei diesen sozialen Milieus also weniger um real vorfindbare Milieus, sondern um idealtypische Milieus, d.h. eine Person kann in jungen Jahren dem "Milieu der konkurrierenden Optionen" angehören, während sie nach der Etablierung im Beruf dem "Karrieremilieu" angehört. 

Neokonservative Moralisten wie Paul NOLTE sehen im Hedonismus der kinderlosen Akademikerpaare das Hauptproblem einer gespaltenen Gesellschaft:

Die Abschiebung der Reproduktion

"Kinderlosigkeit von Akademikerinnen und Akademikern bedeutet ja: die gut Gebildeten und Verdienenden, die Chancenreichen lassen die ohnehin Ärmeren zunehmend auf den Kindern und den Erziehungsaufgaben sitzen. Die akademischen Mittelschichten nehmen Kinderlosigkeit als Schutzmechanismus für ihr Selbstverwirklichungsprivileg in Anspruch. Das ist ein zusätzlicher Grund, warum materielle Lebensverhältnisse auseinanderdriften: Den akademisch gebildeten Single-Paaren mit zwei vollen Einkommen stehen transferbedürftige Familien oder Familienbruchstücke der neuen Unterschichten gegenüber. Natürlich können die Akademiker beredter als diese darüber klagen, daß es ihnen an Betreuungsmöglichkeiten fehle und sie erst ihre Karriere sichern müßten - als ob solche Risiken in anderen sozialen Schichten nicht viel größer wären. Der Effekt des Kinderverzichts hat es den Eltern unter den Akademikern, den Fach- und Führungskräften in den letzter Jahren, eher schwerer als leichter gemacht, sich mit familiärer und beruflicher Verantwortung an den Arbeitsplätzen zu behaupten, ohne als Sonderlinge dazustehen. Nicht zuletzt auf diese Milieus trifft die Feststellung zu, inzwischen lebten ganze Bevölkerungsgruppen ohne jeden Kontakt zu Minderjährigen."
(Welt v. 26.01.2005)

Es stellt sich also die Frage wie viele "gewollt Kinderlose" es überhaupt gibt und welchen Milieus sie angehören. Fragen, die bislang eher die Domäne öffentlicher Spekulationen sind.

Sind Kinderlose ohne Kinderwunsch identisch mit gewollt Kinderlosen?

Oftmals werden Kinderlose ohne Kinderwunsch mit gewollt Kinderlosen gleichgesetzt. Dies kann implizit oder explizit geschehen (siehe oben). Problematisch ist diese Gleichsetzung bei Frauen und Männern, die ihre reproduktive Phase noch nicht abgeschlossen haben. Umfragen wie der PPAS sind Querschnittuntersuchungen, die Veränderungen des Kinderwunsches im Zeitverlauf nicht erfassen können. Nicht selten wird jedoch eine Konstanz unterstellt, wie z.B. von HÖHN/ETTE/RUCKDESCHEL.

Kinderwünsche in Deutschland

"Neben dem Kinderwunsch steht in wachsendem Maße der Wunsch nach Kinderlosigkeit. Besonders die Männer stellen sich immer häufiger auf ein Leben ohne eigene Kinder ein: Insgesamt 23 Prozent sagten 2003 in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, daß sie sich keine Kinder wünschen, in Westdeutschland waren es sogar 27 Prozent gegenüber 21 Prozent im Osten. Dagegen wünschten sich 15 Prozent aller Frauen keine Kinder. Hier war der Ost-West-Unterschied noch sehr viel ausgeprägter: 17 Prozent der westdeutschen Frauen wollten keine Kinder, aber nur sechs Prozent der ostdeutschen (BiB & Robert Bosch Stiftung 2005, S. 10; Dorbritz et al. 2005, S. 36). Da eine Entscheidung gegen Kinder meistens nicht mehr verändert wird (Ruckdeschel 2004, S. 365), müssen diese Zahlen beunruhigen." [mehr] (2006, S.20)

HÖHN/ETTE/RUCKDESCHEL berufen sich bei ihrer Stabilitätsannahme auf das  Bamberger Ehepaar-Panel (zitiert wird jedoch nur Ruckdeschel 2004), dessen Stichprobe jedoch so besonders ist, dass die dort gefundenen Ergebnisse keinesfalls auf Kinderlose ohne Kinderwunsch verallgemeinert werden können, wie Marina RUPP schreibt .

Das Hauptproblem der Kinderwunschforschung ist, dass es bisher keine Panel-Untersuchung gibt, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Kinderwunsch und Geburt eines Kindes auf der individuellen Ebene nachweisen konnte. Eine Person könnte einen Kinderwunsch haben, aber keinen geeigneten Partner finden. Eine andere Person ohne Kinderwunsch könnte nach einer Trennung von seinem bisherigen Partner einen Kinderwunsch entwickeln. Dirk KONIETZKA & Michaela KREYENFELD haben aufgezeigt, dass sich der Begriff "gewollte Kinderlosigkeit" im Laufe der Zeit verändert hat und heutzutage jedwede Kinderlosigkeit meint, die nicht durch Unfruchtbarkeit hervorgerufen wurde.

Kinderlosigkeit in Deutschland - theoretische Probleme und empirische Ergebnisse

"In der Literatur wird häufig zwischen gewollter und ungewollte Kinderlosigkeit unterschieden (...). Allerdings hat sich die Bedeutung dieses Begriffspaars über die Zeit verändert. So klassifizierte Veevers (1979:3) unverheiratete Frauen als ungewollt kinderlos. Heute besteht dagegen Konsens darüber, dass unter ungewollter Kinderlosigkeit nur biologisch bedingte Unfruchtbarkeit zu verstehen ist. Auch wenn es problematisch ist, den Anteil biologisch bedingter Kinderlosigkeit in einer Population präzise zu schätzen, wird meistens davon ausgegangen, dass zwischen 5 und 10 Prozent aller Frauen in entwickelten Ländern biologisch bedingt kinderlos bleiben (...).
Eine strikte Unterscheidung zwischen ungewollter und gewollter Kinderlosigkeit ist schwierig, weil Fruchtbarkeit altersabhängig ist und Individuen häufig erst dann von ihrer Unfruchtbarkeit bzw. Subfekundität erfahren, wenn sie einen konkreten Kinderwunsch haben. Rindfuss, Morgen und Swicegood (...) betonen, dass im Lebenslauf gewollte temporäre Kinderlosigkeit in ungewollte dauerhafte Kinderlosigkeit umschlagen kann. Morgan (...) sieht das Aufschieben von Fertilitätsentscheidungen als einen der wichtigsten Gründe dafür, dass eine Frau ungewollt kinderlos bleibt (...). Allerdings liegen kaum mikroanalytische Studien vor, die den Prozess rekonstruieren, wie ein zunächst latenter, aber aufgeschobener Kinderwunsch in ungewollte, endgültige Kinderlosigkeit mündet (eine Ausnahme sind die Analysen des Bamberger Ehepaar-Panels, siehe Rupp 2005)
[mehr]
(2007, S.14f.)

Umfragen zum Kinderwunsch sind also nicht geeignet, zwischen gewollter und ungewollter Kinderlosigkeit zu unterscheiden, weil Personen nicht unbedingt über ihre Unfruchtbarkeit Bescheid wissen. Nichtsdestotrotz ermöglichen Umfragen zum Kinderwunsch zumindest eine erste Annäherung an die Thematik.

Bewusste Kinderlosigkeit

Manche Autoren sprechen von bewusster Kinderlosigkeit. In ihrem Beitrag zum Kinderwunsch der Kinderlosen verweist Kerstin RUCKDESCHEL auf die Spannbreite der Kinderlosigkeit, bei der die bewusste Kinderlosigkeit nur eine Teilgruppe der Kinderlosen darstellt.

Der Kinderwunsch von Kinderlosen

"Die Kinderlosen (...) stellen eine sehr heterogene Gruppe dar, die nach den Ursachen der Kinderlosigkeit weiter ausdifferenziert werden muss, wobei die Grenzen nicht immer klar abgrenzbar sind. Schneewind schlägt vor, bei lebenslang Kinderlosen zwischen drei Gruppen zu unterscheiden: a) bewusst Kinderlosen, b) Kinderlosen mit Kinderwunsch, der aus gesundheitlichen Gründen nicht erfüllt werden konnte und c) Kinderlosen mit Kinderwunsch, der aber solange aufgeschoben wurde, bis er aus biologischen Gründen nicht mehr erfüllt werden konnte (Schneewind 1995, 458). Dabei muss der Kinderwunsch keine Konstante im individuellen Lebenslauf sein, sondern kann sich je nach Gegebenheiten ändern. Carl weist auf das breite Kontinuum zwischen bewusster Kinderlosigkeit und lebenslang unerfülltem Kinderwunsch hin, in dem der »Kinderwunsch im Laufe des Lebens variiert und damit als Prozess zu begreifen ist«" [mehr]
(2007, S.211f.)

Auch hier gilt wieder, dass die Grenzen unscharf sind. Man kann also festhalten, dass die Einordnung des Phänomens Kinderlosigkeit noch weiterer Forschung bedarf, weswegen sich single-generation.de diesem Thema weiter widmen wird. Hier soll zum Abschluss noch auf einige Bücher hingewiesen werden, die das Spektrum "gewollter Kinderlosigkeit" in Deutschland verdeutlichen.

Es darf jedoch gefragt werden, ob die Verengung des Begriffs "ungewollter Kinderlosigkeit" auf die Unfruchtbarkeit nicht lediglich dem bevölkerungspolitischen Imperativ geschuldet ist. Kann z.B. jemand, der keinen geeigneten Partner findet, als "gewollt kinderlos" bezeichnet werden? Zumal Partnerlosigkeit heutzutage dem entspricht, was früher Ehelosigkeit hinsichtlich des Kinderkriegens bedeutete. Zudem beinhaltet der Normenkomplex "verantwortlicher Elternschaft", dass bestimmte Voraussetzungen des Kinderkriegens erfüllt sein sollten. Können also individuelle Kompetenzen, gesellschaftliche Restriktionen bzw. Rahmenbedingungen aus dem Begriff der "gewollten Kinderlosigkeit" herausgehalten werden? Dies gilt umso mehr, da gewollte Kinderlosigkeit in der Öffentlichkeit oftmals mit Hedonismus und Egoismus gleichgesetzt werden, wie Jürgen DORBRITZ zu Recht schreibt.

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Die Hinweise darauf, dass es sich vor allem bei gewollter Kinderlosigkeit nicht nur um eigennütziges und sozial unverantwortliches Verhalten zu Lasten von Eltern und Gesellschaft handelt, sondern auch mit modernen Lebensstilen, Erwerbsorientierungen, ausgeprägter Leistungsbereitschaft und Kinder- und Familienunfreundlichkeit der Gesellschaft zu tun hat, gehören inzwischen zu den leiseren Tönen." [mehr]
(
2005, S.363)

Vom Problem der kinderfernen Milieus zum gefühlten Anstieg der Geburtenrate

Ausgerechnet in den urbanen Regionen wie z.B. München, Hamburg oder Berlin, die ja angeblich durch Kinderferne und eine Kultur der Kinderlosigkeit geprägt sein sollen, ist die gefühlte Babydichte besonders hoch - nicht zuletzt wegen des medialen Baby- und Familienkults. Barbara GALAKTIONOW beschreibt dieses Problem folgendermaßen:

Sind doch so viele Kinder, überall!

"Da stimmt doch was nicht. Allein im Politikressort von Süddeutsche.de laufen zwei Kolleginnen mit runden Bäuchen herum. Der eine stellvertretende Chefredakteur ist gerade aus der Elternzeit zurück, der andere stöhnt: »Ich bin umgeben von Kindern - wo ich auch hingehe!« Redaktionsübergreifend sind in den vergangenen zwei, drei Jahren mindestens zehn Kinder auf die Welt gekommen. Der betriebseigene Kindergarten? Chronisch ausgebucht.

Sind Onlinejournalisten besonders anfällig für Schwangerschaften? Glauben wir nicht. Auch in der wirklichen Welt tummeln sich junge Mütter und Väter. Eine Blitzumfrage unter Kollegen und Freunden beweist: Jeder kann mindestens zwei Schwangere in seinem Freundeskreis nennen. Und manche der Frauen bekommen nicht nur das erste oder zweite, sondern sogar schon das dritte Kind. Der Wahnsinn, in München einen Kita-Platz zu bekommen, ist Stadtgespräch."
(sueddeutsche.de v. 26.07.2012)

Insbesondere jene Berufsgruppe der Journalistinnen, denen eine hohe Kinderlosigkeit zugeschrieben wird und die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die mediale Agenda gesetzt hat, muss nun erleben, dass ihre Propaganda so gut gewirkt hat, dass der gegenteilige Effekt eingetroffen ist. Während vor der Einführung des Elterngeldes, das bislang eher zu Mitnahmeeffekten bei den gut gebildeten Frauen geführt hat, die Kinderlosigkeit hoch geschrieben wurde, herrscht seit der Einführung des Elterngeldes der gegenteilige politische Druck vor: es müssen Erfolge im Sinne eines Babybooms her! Vor allem in Zeiten, in denen das Elterngeld wieder zur Debatte steht.

Die Front der Vereinbarkeitsvertreter ist jedoch gespalten: Jene, die auch den Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung weiter vorantreiben wollen, haben kein Interesse an einem "gefühlten Babyboom", sondern betonen weiter vor allem den fehlenden Anstieg der Geburtenrate, die wie oben bereits festgestellt - auch kein verlässlicher Indikator für die tatsächliche Geburtenentwicklung ist. Jene dagegen, die am Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung kein Interesse haben (und eher auf betriebliche bzw. private Lösungen setzen), jedoch den Wegfall des Elterngeldes fürchten, müssen die Erfolge betonen - und wenn diese nur auf einem "gefühlten Babyboom" beruhen sollten. Dies führt z.B. zu konträren Interessen auch innerhalb der einzelnen Zeitungen. Waren noch Anfang des Jahrtausends die Verteidiger der Hausfrauenfamilie in Welt und FAZ vorherrschend, geht nun vermehrt die Spaltung mitten durch die Online- bzw. Print-Redaktionen oder trennt Print- und Onlinejournalisten, wie der Online-Artikel der SZ zeigt:

Sind doch so viele Kinder, überall!

"»So viel Neugeborene wie seit 1968 nicht mehr«, jubelte die Münchner Abendzeitung Ende Dezember 2011. Von einem »Geburten-Rekord 2011« war die Rede. Auch Süddeutsche.de schrieb über die »Baby-Boom-Town«. Und in einem Städteranking, in dem das Männermagazin Men's Health 2010 eigens den Bevölkerungsanteil der unter Sechsjährigen verglichen hatte, lag die bayerische Landeshauptstadt mit fast sechs Prozent auf Platz eins von 50 aufgelisteten Städten . Die Erklärung für den Münchner Babyboom ist relativ schlicht: »München hat hohe Geburtenzahlen, aber da leben auch sehr viele junge Frauen«, sagt Sebastian Klüsener, Experte für Historische Demografie am Rostocker MPI. Der für Demografen und Politiker allerdings interessantere Wert ist in der bayerischen Landeshauptstadt allerdings nicht besonders hoch, nämlich die Geburtenrate. Sie beschreibt das Verhältnis der Neugeborenen zur Anzahl der Frauen, die potenziell Mütter werden könnten. Hier liegt München mit etwa 1,3 Kindern pro Frau im Mittelfeld, ähnlich wie vergleichbare Großstädte wie Hamburg oder Berlin."
(sueddeutsche.de v. 26.07.2012)

Auf dieser Website wurde deshalb von Mütterkriegen gesprochen. Kinderlose sind Spielbälle im Kampf um das richtige Mutterideal und damit im Kampf um die ideale Familien- bzw. Bevölkerungspolitik. Während GALAKTIONOW lediglich auf eine dpa-Meldung verlinkt, ist der interessantere Fall der Online-Artikel des SZ-Printjournalisten Felix BERTH über den Kinderboom in München, denn dort wird dieser noch auf die Einführung des Elterngeldes zurückgeführt:

Baby-Boom in München

"Plausibel ist (...), dass das neu eingeführte Elterngeld gerade in wohlhabenden Städten wie München Wirkung zeigt. Denn wie viel Geld Eltern vom Staat erhalten, hängt von ihrem Einkommen vor der Babypause ab. Wohlhabende Paare profitieren stärker, weshalb der finanzielle Anreiz zum Kinderkriegen in München höher ausfällt als in ärmeren Städten, wo viele Eltern nur den Elterngeld-Mindestsatz von 300 Euro bekommen."
(sueddeutsche.de v. 14.11.2008)

Es gibt also bislang zahlreiche blinde Flecken in der wissenschaftlichen wie auch in der öffentlichen Debatte. Typisch für die Sichtweise der Wissenschaft, ist der Artikel Die Bedeutung familienpolitischer Maßnahmen für die Entscheidung zum Kind von Petra BUHR & Johannes HUININK im Heft 1/2012 der Zeitschrift für Sozialreform. Ein Viertel ist demnach in der 2009/2010 durchgeführten Erhebung durch familien- und bevölkerungspolitische Maßnahmen überhaupt nicht beeinflussbar. Die anderen dagegen unterscheiden sich anhand von Bildungsgrad und Einkommen hinsichtlich ihrer Präferenz für ökologische Maßnahmen, d.h. den Ausbau der Kinderbetreuung, und für ökonomische Maßnahmen, d.h. finanzielle Unterstützungsleistungen im Sinne von Kindergeld bzw. Elterngeld. Gemäß BUHR & HUININK sind die Wirkungen - ausgerechnet in der Zielgruppe Akademikerinnen gering:

Die Bedeutung familienpolitischer Maßnahmen für die Entscheidung zum Kind

"Das Elterngeld ist eine Maßnahme, die nur kurzfristig wirkt (maximal 14 Monate), und bietet allein, ohne hinreichende Flankierung durch eine langfristige Unterstützungsleistung vor allem durch Betreuungseinrichtungen, kaum einen Anreiz zur Familiengründung oder -erweiterung. Es ist besonders bemerkenswert, dass höher gebildete Frauen, die eine der Hauptzielgruppen des Elterngeldes sind, eine Erhöhung des Elterngeldes nicht häufiger als entscheidungsrelevant angeben als niedrig gebildete Frauen. Insgesamt spielt das Elterngeld eine vergleichsweise geringe Rolle, vor allem bei Familien mit mehreren Kindern".
(2012, S.337)

Das Betreuungsgeld wird von den Wissenschaftlern dagegen abgelehnt, weil es gerade von den Falschen in Anspruch genommen werden könnte: "Das Betreuungsgeld wird als ökonomische Maßnahme vor allem von Personen mit mehreren Kindern, niedriger Bildung und niedrigem Einkommen in Anspruch genommen werden."

Betrachtet man die Expertise von Martin BUJARD, dann zeigt Abbildung 9, dass es im Jahr 2006 - also kurz vor Einführung des Elterngeldes - einen starken Rückgang der kinderlosen 40jährigen Akademikerinnen (2,2 % im Vergleich zu Schwankungen um 1 %) gegeben hat, während bei den kinderlosen 40jährigen Nicht-Akademikerinnen gleichzeitig ein starker Anstieg (3,4 %) zu verzeichnen war. Eigentlich hätte man solche Effekte eher für das Jahr 2007 erwartet. Eine Erklärung findet sich bei BUJARD nicht. Es könnte sich um ein Indiz dafür handeln, dass der Ansatz von BUJARD (Betrachtung einzelner Jahrgänge, statt mehrere zusammenzufassen) bei Mikrozensusdaten eher ungeeignet ist.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die politische Interessenlage einen großen Einfluss auf die Einschätzung der Geburtenentwicklung hat. Bevölkerungswissenschaftler legen andere Maßstäbe an als Medienvertreter. Aber auch die zusammengefasste Geburtenziffer, die von deutschen Bevölkerungswissenschaftlern bislang präferiert wird, hat ihre Tücken, weil sie das Geburtenaufkommen durch Timingeffekte, verzerrt wiedergibt.

Die zusammengefasste Geburtenziffer: Ihre Nützlichkeit für die bevölkerungspolitische Propaganda und warum sie jetzt zum Problem wird

Die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) lag in der Vergangenheit wegen des steigenden Erstgebäralters weit hinter der endgültigen Kinderzahl der jüngeren Frauenjahrgänge zurück. Dies ermöglichte die relativ problemlose Umdeutung von Eltern in Kinderlose, ohne dass sich dagegen groß Widerstand regte. Besonders drastisch äußerte sich die Verzerrung in Ostdeutschland, aber auch Westdeutschland war davon in steigendem Maße betroffen. Bereits 2004 wiesen Dirk KONIETZKA & Michaela KREYENFELD auf diesen Sachverhalt hin:

Angleichung oder Verfestigung von Differenzen?

"Auch wenn Vergleichbares für die Geburtenentwicklung in Westdeutschland nicht gilt, wird die zusammengefasste Geburtenziffer dort ebenfalls seit vielen Jahren durch Verzerrungen geprägt. Diese sind zwar geringer ausgeprägt, weil das Alter bei der Erstgeburt, im Unterschied zu dem abrupten Wandel in Mittel- und Osteuropa seit 1990, über einen längeren Zeitraum kontinuierlich angestiegen ist. Dennoch ist der Interpretationsgehalt der periodenspezifischen Geburtenziffer auch in Westdeutschland durch Tempo-Effekte gestört. Die vielzitierte Zahl von 1,4 Kindern pro Frau, die sich aus der aktuellen westdeutschen Geburtenziffer ergibt, ist (...) als Schätzwert für die endgültige Kinderzahl der Frauen zu niedrig angesetzt. Ein realistischeres Bild liefern kohortenspezifische Analysen, die z.B. auf einen Wert von 1,6 Kindern für Frauen, die um 1960 geboren sind, verweisen". [mehr]
(2004, S.28f.)

Was aber passiert, wenn das Erstgebäralter nicht mehr ansteigt, sondern stagniert oder sogar zurück geht? Dieser Fall könnte bereits eingetreten sein, bzw. in naher Zukunft eintreten. Eine mögliche Reaktion könnte die Umstellung auf eine tempobereinigte Geburtenziffer sein. 

Fazit:

Man darf auf die Ergebnisse des Mikrozensus 2012 gespannt sein, denn sie könnten endlich Licht ins Dunkeln der widersprüchlichen Deutungen bringen. Kritisch zu sehen ist jedoch, dass diese wichtigen Erkenntnisse ausgerechnet im Bundestagswahljahr veröffentlicht werden und deshalb mit einer politische Vereinnahmung gerechnet werden muss. Dies könnte auch dazu führen, dass Erkenntnisse, die politisch unliebsame Entwicklungen beinhalten, zurückgehalten werden. Dies war bereits vor dem Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichtes als auch im Familienwahlkampf 2005 so. 2005 wurde die lebenslange Akademikerinnenkinderlosigkeit weiterhin mit über 40 % beziffert - obwohl längst Erkenntnisse vorlagen, dass sie lediglich unter 30 % lag. Auf dieser Website werden deshalb die Ergebnisse des Mikrozensus 2012 genau unter die Lupe genommen werden.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

 
     
 
       
   

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Update: 24. Januar 2017