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Winterthema

 
       
   

Das Geburtengeschehen in Deutschland bis 2025

 
       
   

Wie sich die Geburtenentwicklung der Frauenjahrgänge 1972 bis 1985 Ende des Jahres 2017 darstellt. Oder: Warum Deutschland den Geburtenanstieg verschlafen hat (Teil 1)

 
       
     
       
   
     
 

Einführung

Die Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes zur Geburtenentwicklung in Deutschland sind derzeit weitgehend zum Erliegen gekommen. Für das Jahr 2016 gibt es nur spärliche Informationen, sodass sich Einschätzungen weitgehend mit dem Stand 2015 begnügen müssen.

Mitte der Nuller Jahre wähnte sich Deutschland am Abgrund. Frank SCHIRRMACHER und Matthias MATUSSEK fachten eine Hysterie um die zukünftige demografische Entwicklung an, der weite Teile unserer Eliten nur umso bereitwilliger folgten. Deutschland wurde zur endlos schrumpfenden Gesellschaft stilisiert. So legte z.B. Cordula TUTT nahe, dass die Bevölkerungsvorausberechnungen noch viel zu optimistisch seien und Deutschland noch dramatischer schrumpfe als bis dahin angenommen:

Das große Schrumpfen

"In den nächsten 50 Jahren wird die Bevölkerung in Deutschlands jährlich um knapp 200.000 Menschen schrumpfen, wenn man den Vorhersagen glaubt. Zunächst geschieht das langsamer, dann schneller. (...). Folgt man den Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dann leben zur Mitte des Jahrhunderts nur noch 69 bis 74 Millionen Menschen in Deutschland statt der heute rund 82 Millionen Einwohner. Die amtlichen Prognostiker haben ihre früheren Voraussagen immer wieder nach unten korrigiert, manche internationalen Berechnung gehen von noch weniger Menschen im Land aus." (2007, S.17)

Deutschland holte die Abrissbirne hervor und zerstörte Wohnung um Wohnung, um den angeblich drohenden Preisverfall in den ostdeutschen Städten aufzuhalten. Es begann ein rasanter Wettlauf um die schnellste Schließung von Kindergärten und Schulen sowie anderen öffentlichen Einrichtungen, die wegen der endlosen Schrumpfung Deutschlands für immer überflüssig sein sollten. Deutschland bereitete sich auf sein baldiges Aussterben vor. Der Spiegel posaunte ins Land hinaus, dass die Geburtenrate auf Jahrzehnte vorprogrammiert sei:

Der letzte Deutsche

"In Wahrheit ist die Geburtenrate der nächsten Jahrzehnte weitgehend programmiert. Weil die Zahl der potenziellen Mütter bereits seit langem sinkt und Ungeborene nun mal keine Nachfahren in die Welt setzen". [mehr]
(Spiegel v. 05.01.2004)

Tatsächlich ist die Geburtenrate seit den 1970er Jahren scheinbar relativ konstant. Berechnet man jedoch - wie der Ökonom Detlef GÜRTLER das getan hat - die Geburtenrate nicht für alle gebärfähigen Frauen, sondern pro Frauenjahrgang, dann lässt sich daraus eine Trendwende ablesen. Die Generation Golf ist gebärfreudiger als dies z.B. Susanne GASCHKE behauptet, während die 68er - also jene, die lautstark die jetzige Debatte dominieren - Teil des Problems sind . Das war der Kommentar von single-dasein.de und single-generation.de zum damaligen Spiegel-Titel.

Der Ökonom Detlef GÜRTLER hat bereits im Jahr 2003 darauf hingewiesen, dass die Kohortenfertilität der in den 1970er Jahre geborenen Frauen höher ist als jene der vorangegangenen Frauenjahrgänge . Dies aber deutet darauf hin, dass keineswegs erst das 2007 eingeführte Elterngeld für die steigende Geburtenrate, die nun keiner mehr leugnen kann, verantwortlich ist. In seinem Artikel Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Baby-Boom schrieb Detlef GÜRTLER:

Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Baby-Boom

"Auf die Jahrgänge 1967 bis 1969 entfallen die absoluten Minima der altersspezifischen Geburtenziffern; in den jüngeren Jahrgängen steigen die Geburtenzahlen wieder an. So hatten 1000 Frauen des Jahrgangs 1968 bis zu ihrem 25. Geburtstag 382 Kinder geboren - beim Jahrgang 1973 waren es zum gleichen Zeitpunkt bereits 421."
( Welt 19.08.2003)  

Es dauerte also fast 15 Jahre, bis nun auch das Statistische Bundesamt den Geburtenanstieg nicht mehr leugnen kann, wie das Jürgen DORBRITZ und Olga PÖTZSCH als die Verwalter der zukünftigen Geburtenentwicklung weiterhin tun. Diese Geschichte wird erst geschrieben werden, wenn Deutschland von der Geburtenentwicklung der nächsten Jahre überrollt wird. 

Denn: Zehn Jahre später wächst Deutschland - gegen alle Prognosen - und viele Großstädte platzen aus allen Nähten. Wohnungsnot rufen nun jene, die aufgrund der demografischen Heilslehre noch vor wenigen Jahren die gähnende Leere im Wolfsland verkündet haben. Obwohl die Bevölkerung seit über einem halben Jahrzehnt wächst, geben immer noch die "Schrumpfologen" den Takt vor. Das jetzige Wachstum, so ihr Mantra, sei nur eine kurze Episode, bevor Deutschland mit dem Wegsterben der Babyboomer seiner Schrumpfung mit schnellen Schritten entgegen geht. Und zumindest die Vergreisung ist gewiss. Aber was ist, wenn alles anders kommt?

Deutschland ist auf eine steigende Geburtenrate nicht vorbereitet

Die Geburtenentwicklung in Deutschland wird seit Jahren in den koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes zu niedrig eingeschätzt. Noch in der letzten 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung wurde von einer konstanten Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau bis zum Jahr 2060 ausgegangen. Auf dieser Website hieß es dazu im November 2015:

"Die Fortschreibung von 1,4 Kindern pro Frau bis 2030 oder gar 2060, könnte zukünftig ganz unerwartet ebenfalls zu einer Verringerung der Treffsicherheit von Bevölkerungsvorausberechnungen führen."

Zwei Jahre später ist dieser Fall bereits eingetreten. Der in den Medien weitgehend ignorierte Demografiebericht der Bundesregierung Jedes Alter zählt vom Februar 2017 weist auf einen Anstieg der Geburten auf bis zu 1,6 Kinder pro Frau hin:

Jedes Alter zählt

"Bei der Entwicklung der Geburtenrate deutet sich eine Veränderung an. Dafür spricht der Anstieg bei der sogenannten endgültigen Kinderzahl von Frauenjahrgängen. Bis zum Geburtsjahrgang 1968 ist der Wert jahrzehntelang kontinuierlich zurückgegangen. Der Geburtsjahrgang 1968 hat mit 1,49 Kindern je Frau die niedrigste Kinderzahl. Dieser Rückgang scheint nun gestoppt. Vorausberechnungen zeigen, dass Frauen, die in den 1970er Jahren geboren sind, wieder etwas mehr Kinder zur Welt bringen, 1973 Geborene etwa 1,56. Für die nachfolgenden Jahrgänge bis 1980 zeichnet sich ein weiterer Anstieg auf knapp 1,6 Kinder ab".
(2017, S.4)

In der Revision der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (Variante 2A) wurde die Kinderzahl erstmalig bei einer mittleren Variante auf 1,5 Kinder pro Frau bis 2060 konstant gesetzt. Dies kommt einer Nachholung des bereits erfolgten Geburtenanstiegs gleich, bleibt aber weiterhin hinter dem tatsächlichen Anstieg zurück. Im August 2016 hatte Olga PÖTZSCH in ihrem Beitrag (Un-)Sicherheiten der Bevölkerungsvorausberechnungen noch die Annahmen mit 1,4 Kindern pro Frau folgendermaßen verteidigt:

(Un-)Sicherheiten der Bevölkerungsvorausberechnungen

"Für die Ableitung der Annahmen wurden bis zur 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung vor allem Ergebnisse der Geburtenstatistik zur Entwicklung der perioden- und kohortenbezogenen Geburtenziffern verwendet. Ab der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung hat sich die Datengrundlage für die Fertilitätsannahmen verbessert. Zum einen standen ab 2008 Ergebnisse zur Verteilung der Frauenjahrgänge nach der Parität zur Verfügung, das heißt nach der Zahl der geborenen Kinder. Daraus wurden Trends in der Kinderlosigkeit und in der Verteilung der Mütter nach der Zahl der geborenen Kinder ermittelt. Zum anderen wurde die Geburtenstatistik seit 2009 um die Geburtenfolge aller Kinder einer Frau erweitert – unabhängig von ihrem Familienstand. Auf dieser Grundlage konnten die Abstände zwischen den Geburten einer Frau und die zusammengefasste Geburtenziffer nach der Geburtenfolge berechnet und analysiert werden. (...).
Die Fertilitätsannahmen in der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung beruhten auf der neuen Datengrundlage unter Berücksichtigung der Ergebnisse des Zensus 2011. Die zusammengefasste Geburtenziffer 2011 ist infolge der durch den Zensus 2011 nach unten korrigierten Bevölkerungszahl um 2 % gestiegen. In den Folgejahren 2012 und 2013 stieg die Geburtenhäufigkeit weiter leicht an. Der Trend zu späterer Familiengründung und höherer Kinderlosigkeit setzte sich zugleich fort. Aus der Perspektive des Jahres 2013 war der leichte Anstieg der Periodenfertilität der Ausdruck des sich intensivierenden »Nachholens« der im jüngeren Alter nicht realisierten Geburten durch die Frauenkohorten zwischen 30 und 40 Jahren. Unter Berücksichtigung der altersspezifischen Geburtentrends und der Entwicklungen in der Kohortenfertilität wurden zwei Annahmen getroffen. Bei der Annahme G1 »annähernde Konstanz« setzen sich die Trends der letzten Jahrzehnte fort (Statistisches Bundesamt, 2015). Die Annahme G2 »leichter Anstieg« ging von theoretisch realisierbaren Veränderungen im Geburtenverhalten aus, auf welche allerdings nur wenige noch nicht verfestigte Tendenzen hinwiesen."
(2016, S.40f.)

Die von PÖTZSCH erwähnte Annahme G2  (Varianten 5 - 8) spielte in keiner einzigen Berichterstattung und auch in Publikationen keine Rolle. Bei dieser Annahme wurde von einem Anstieg der Geburtenrate auf 1,62 im Jahr 2028 ausgegangen. Alle Beiträge zu politischen Maßnahmen, die sich auf die Bevölkerungsvorausberechnung bezogen, beriefen sich nur auf die Annahme einer Konstanz von 1,4 Kindern pro Frau bis 2060. Die nachfolgende Tabelle zeigt, dass selbst die Annahme G2, die gemäß PÖTZSCH eigentlich die "theoretisch realisierbaren Veränderungen im Geburtenverhalten" berücksichtigen sollte, hinter der tatsächlichen Entwicklung zurückblieb: 

Tabelle 1: Vergleich der 13. koordinierten Bevölkerungs-
vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes
 mit der tatsächlichen Geburtenentwicklung
Jahr BVB 2015
(Variante 2)
BVB 2015
(Variante 5)
BVB 2017
(Variante 2a)
tatsächliche
Geburtenzahl
2014 685.000 694.000   714. 927
2015 691.000 707.000 737.600 737.575
2016 697.000 719.000 747.300 792.000

Wie konnte es zu einer solch gravierenden Fehleinschätzung kommen, obwohl doch PÖTZSCH angeblich die altersspezifischen Geburtenziffern und weitere Faktoren berücksichtigte? Die Zuwanderung kann es jedenfalls nicht allein gewesen sein, denn bereits die Zahlen für 2014 lagen oberhalb der prognostizierten Entwicklung. Die Varianten 6 und 8 weisen lediglich für das Jahr 2016 ca. 1.000 Geburten mehr aus, was zur Erklärung der Steigerung auch nicht beiträgt. Erklärbar wird diese Abweichung eher dadurch, dass die Veränderungen des Geburtengeschehens nicht ausreichend berücksichtigt wurden - und zwar aus ideologischen Gründen.

Die Kontroverse um die endgültige Kinderzahl der jüngeren Frauenjahrgänge in Deutschland

Olga PÖTZSCH hat in etlichen früheren Beiträgen ihre defensive Sicht auf die Geburtenentwicklung in Deutschland dargelegt. Zusammen mit Jürgen DORBRITZ muss sie zu jenen Kräften gezählt werden, die in der Kinderlosigkeit das Hauptproblem der Geburtenentwicklung in Deutschland sehen wollen. Dies führt zu einer Unterschätzung des Geburtengeschehens. In dem Beitrag Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus? kritisiert PÖTZSCH den Ansatz über tempobereinigte Geburtenzahlen zur Schätzung der endgültigen Kinderzahlen zu kommen:   

Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?

"Eine teilweise Übereinstimmung zwischen den tempobereinigten Periodenwerten und der Kohortenfertilität ist aufgrund des stark formalisierten Bereinigungsverfahrens nach Bongaards und Feeney mehr oder weniger zufällig und beruht auf einer relativ stetigen Fertilitätsentwicklung. (...). Bei den Überlegungen zur künftigen Fertilitätsentwicklung sind deshalb die Analysen der Kohortenfertilität der Tempobereinigung von Periodenwerten vorzuziehen." (2013, S.100)  

Rückschlüsse vom vergangenen Geburtenverhalten der Frauenjahrgänge auf das zukünftige Geburtenverhalten sind jedoch ebenfalls heikel:

Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?

"Bereits um die endgültige Kinderzahl der Kohorte 1977 zu schätzen, mussten mehrere Annahmen getroffen werden. Die Frauen dieser Kohorte werden ihr 50. Lebensjahr im Jahr 2026 erreichen. Da eine Bevölkerungsvorausberechnung aber in der Regel über einen Zeithorizont von etwa 50 Jahren reicht, müssten dafür Annahmen zur Kohortenfertilität der Mädchen getroffen werden, die etwa im Ausgangsjahr der Vorausberechnung geboren wurden."
(2013, S.98)

Dies wäre ein Argument gegen langfristige Bevölkerungsvorausberechnungen. Auf diese will die Politik jedoch nicht verzichten, weil sie bestens instrumentalisiert werden können. PÖTZSCH nennt zwei Punkte, die für ihre Sicht auf die Geburtenentwicklung entscheidend sind, nämlich einerseits die Entwicklung der Kinderlosigkeit und andererseits die Entwicklung der Paritätsverteilung:

Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?

"Die aktuelle endgültige Kinderzahl von rund 1,6 Kindern je Frau kommt demzufolge zustande, weil etwa 80 % der Frauen eines Jahrgangs im Durchschnitt zwei Kinder geboren haben. Steigt die endgültige Kinderlosigkeit um weitere 3 bis 4 Prozentpunkte, ohne dass sich die durchschnittliche Kinderzahl je Mutter verändert, würde dies zum Absinken der endgültigen Kinderzahl auf 1,5 Kinder je Frau führen. Für die künftige Entwicklung der Kohortenfertilität sind deshalb folgende zwei Fragen von entscheidender Bedeutung: Wird der Anteil der Frauen ohne Kind weiter steigen? Und: bleibt die Struktur der Mütter nach der Zahl der Kinder weiterhin stabil?"
(2013, S.98)

PÖTZSCH beurteilt den Aufschub der Elternschaft skeptisch, da er zum Anstieg "ungewollter" Kinderlosigkeit führen könnte. Im Grunde ist die Position von PÖTZSCH darauf gerichtet, die negativen Entwicklungsmöglichkeiten in den Vordergrund zu rücken, während die positiven Entwicklungsmöglichkeiten ausgeblendet werden. Dies beruht vor allem auf den Erfahrungen mit dem zurückliegenden Geburtengeschehen der Frauenjahrgänge bis 1968. Die jüngeren Frauenjahrgänge werden vor diesem Hintergrund betrachtet. In dem genannten Beitrag legt PÖTZSCH ihre eigene Vorgehensweise dar, um die endgültige Kinderzahl der jüngeren Frauenjahrgänge abzuschätzen:

Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?

"In der folgenden Analyse werden die Veränderungen im Geburtenverhalten der Frauen im Westen und Osten Deutschlands zuerst anhand der endgültigen und kumulierten durchschnittlichen Kinderzahlen der aufeinanderfolgenden Frauenkohorten nachvollzogen. Mithilfe eines von Tomas Frejka entwickelten Ansatzes zur Analyse von Aufschub und Nachholen von Geburten wird dann versucht, für die künftige Entwicklung relevante Tendenzen zu identifizieren und eine Obergrenze für die Kohortenfertilität der heute 34-Jährigen zu schätzen."
(2013, S.88)

Für PÖTZSCH gelten Frauen, die 40 Jahre alt sind, als lebenslang kinderlos, weshalb sie die für die 40-Jährigen geschätzte Zahl mit der endgültigen Kinderzahl gleichsetzt:

Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?

"Nach dem Alter von 40 Jahren verändert sich die Kohortenfertilität nur marginal (aktuell um etwa 1,2 %), sodass die Entwicklung der bis zum Alter von 40 Jahren erreichten Kinderzahl als repräsentativ für die Kohortenfertilität insgesamt betrachtet werden kann. Die (endgültige) Kinderzahl im Alter von 44 und 49 Jahren ist praktisch identisch." (2013, S.89)

Eine solche Sicht vernachlässigt die Tatsache, dass die Akademikerinnen sehr oft noch nach dem 40. Lebensjahr Kinder bekommen. Da Akademikerinnen in den jüngeren Frauenjahrgängen bis zu 30 % des Geburtengeschehens ausmachen (siehe die folgende Tabelle), führt eine Vernachlässigung dieses Faktors zu einer Unterschätzung der Geburtenrate.

Tabelle 2: Der Anteil der Akademikerinnen an den jüngeren Frauenjahrgängen in Deutschland im Jahr 2016
  Frauenjahrgang
1972 - 1976
Frauenjahrgang
1977 - 1981
Frauenjahrgang
1982 - 1986
Frauenjahrgang
1987 - 1991
in Tausend in % in Tausend in % in Tausend in % in Tausend in %
Gesamtzahl der Frauen 2.298 100,0 2.319 100,0 2.287 100,0 1.885 100,0
Anzahl der Nicht-Akademikerinnen 1.818 79,1 1.751 75,5 1.672 73,1 1.476 78,3
Anzahl der Akademikerinnen 480 20,9 568 24,5 615 26,9 409 21,7
Quelle: Broschüre Kinderlosigkeit, Geburten und Familien, Tabellen 3.7 und 3.8; eigene Berechnungen

Aufgrund ihren Annahmen geht PÖTZSCH davon aus, dass die endgültige Kinderzahl nur bis zum Frauenjahrgang 1973 steigen wird

Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?

"Der Jahrgang 1967 hat das 50. Lebensjahr zwar noch nicht erreicht. Es ist jedoch bereits absehbar, dass die endgültige Kinderzahl dieses Jahrgangs auf das bisher vorübergehend niedrigste Niveau sinken wird. Danach kann von einem leichten Anstieg der Kohortenfertilität ausgegangen werden. Dieser wird sich voraussichtlich etwa bis zur Kohorte 1973 fortsetzen." (2013, S.90)

Diese Fehleinschätzung ergibt sich durch ihre Methode, die zum einen auf einem Index der nachgeholten Geburten und zum anderen auf einer Referenzkohorte beruht. PÖTZSCH sieht als Referenzkohorte für das frühere Bundesgebiet den Frauenjahrgang 1946 (West) und für die neuen Bundesländer den Frauenjahrgang 1960 (Ost) geeignet. Die genaue Argumentation kann hier ignoriert werden, stattdessen soll das Ergebnis von PÖTZSCH mit dem tatsächlichen Geburtengeschehen verglichen werden. Im Gegensatz zu PÖTZSCH liegen nicht nur die Ergebnisse des Jahres 2011, sondern inzwischen diejenigen des Jahres 2015 vor. PÖTZSCH ging von folgenden Annahmen für die Frauenjahrgänge 1967, 1973 und 1977 in West und Ost aus:

Tabelle 3: Die Schätzung der endgültigen Kinderzahl der Frauenjahrgänge 1967, 1973
und 1977 für West- und Ostdeutschland im Vergleich mit tatsächlichen Entwicklung
der gesamtdeutschen Kinderzahl
  Kohorten (West) Kohorten (Ost) Kohorten (Deutschland
1967 1973 1977 1967 1973 1977 1967 1973 1977
Alter 2011 44 38 34 44 38 34 44 38 34
Kinderzahl
mit 34 Jahren
1209 1233 1199 1391 1253 1219 1252 1232 1189
Kinderzahl 2011 1470 1466 1199 1546 1441 1219 1499 1489 1189
CFT-Schätzung (unten) 1470 1540 1540 1550 1560 1560      
CFT-Schätzung (oben 1550 1560 1580      
Alter 2015             48 42 38
CFT 2015             1500 1551 1449
 

Vom Statistischen Bundesamt werden lediglich für Deutschland Angaben zur altersspezifischen Geburtenziffer gemacht, die zum Vergleich herangezogen werden.

Die gesamtdeutschen Geburtenziffern liegen in der Regel zwischen den Werten von West und Ost. Für die Frauenjahrgänge 1973 und 1977 ist das jedoch nicht der Fall. Abweichungen sind der Tatsache geschuldet, dass für die gesamtdeutsche Kohortenfertilität (CFT) auf die Zahlen von PÖTZSCH im Beitrag Kohortenfertilität: Ein Vergleich der Ergebnisse der amtlichen Geburtenstatistik und der Mikrozensuserhebung 2008 (Tabelle 3, S.183) zurückgegriffen wurde und diese durch die Zahlen der Fachserie (Natürliche Bevölkerungsbewegung) und das Statistische Jahrbuch 2017 für die Jahre bis 2015 ergänzt wurden. Möglicherweise liegt das an unterschiedlichen Gebietsabgrenzungen. Berlin wird von manchen Autoren dem Osten zugerechnet. In den 1990er Jahren wurde Westberlin dem Westen und Ost-Berlin dem Osten zugeordnet. Andere wiederum haben Berlin nicht berücksichtigt. Wodurch diese Unstimmigkeiten entstanden sind, lässt sich hier nicht klären.

Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die Zahlen von PÖTZSCH die Zensusberichtungen nicht enthalten. In dem Beitrag Fertility in Germany before and after the 2011 Census: Still no Trend Reversal in Sight (Stand: 30.06.2016) geht PÖTZSCH den Auswirkungen des Zensus 2011 auf die Geburtenrate nach. Durch den Zensus reduzierte sich die Anzahl der gebärfähigen Frauen, was zur Erhöhung der Geburtenrate führt. Dies hat z.B. für das Land Berlin zu einem Rückgang um 5,9 Prozent geführt, im Vergleich zu 1,8 Prozent im Bundesdurchschnitt (vgl. 2016, Schaubild 2, S.93). PÖTZSCH betrachtet die Auswirkungen jedoch als minimal. Der Aufsatz erschien mittlerweile als Demografisches Bild der Fertilität in Deutschland vor und nach dem Zensus 2011: Noch keine Trendwende in Sicht (Publikation: 22.08.2017) auch auf Deutsch. Dort heißt es zur Entwicklung der Kohortenfertilität:

Demografisches Bild der Fertilität in Deutschland vor und nach dem Zensus 2011: Noch keine Trendwende in Sicht

"Es ist bereits absehbar, dass die endgültige Kinderzahl der späten 1960er Jahrgänge weiter auf circa 1,49 Kinder je Frau sinken wird. Danach ist eine leichte Erholung der abgeschlossenen Kohortenfertilität zu erwarten (Pötzsch 2010a; Goldstein/ Kreyenfeld 2011; Sobotka 2011). Zu dieser Erholung trägt einerseits bei, dass sich die kumulierte Kohortenfertilität bis zum Alter von 29 Jahren bei den Jahrgängen 1969 bis 1973 stabilisierte. Andererseits stieg aber die Geburtenhäufigkeit dieser Kohorten im Alter ab 30 Jahren kontinuierlich weiter. Zusammen haben diese beiden Effekte für eine günstige Konstellation gesorgt, die sich jedoch ab dem Jahrgang 1974 nicht mehr fortsetzt. Zwischen den Jahrgängen 1974 und 1984 nahm die kumulierte Fertilität bis zum Alter von 29 Jahren wieder kontinuierlich ab. Wie sie sich im höheren Alter entwickeln wird, ist zwar noch offen, da diese Jahrgänge derzeit das Ende der gebärfähigen Phase noch nicht erreicht haben. Einige Hinweise darauf können allerdings aus der Analyse des Aufschubs und des Nachholens der Geburten, des sogenannten Postponement & Recuperation-Prozesses (P&R-Prozess), gewonnen werden (Frejka/Calot 2001; Sobotka et al. 2011; Frejka 2012; Pötzsch 2013)." (2017, S.85)

Das Statistische Bundesamt hat auf seiner Website die aktuellen Zahlen zur Kohortenfertilität unter der Rubrik Altersspezifische Geburtenziffern nach Frauenkohorten bereitgestellt. Außerdem liegen die endgültigen Kinderzahlen bis zum Frauenjahrgang 1966 (1526 Kinder pro 1000 Frauen) vor. Auf der Website des Statistischen Bundesamtes ergeben sich für den Frauenjahrgang 1966 1525,5 Kinder pro 1000 Frauen. Die Frauenjahrgänge 1967 - 1971 haben bislang folgende Kinderzahlen erreicht:

Tabelle 4: Die realisierte Kinderzahl der Frauenjahrgänge
1967 - 1971 bis zum Jahr 2015
Frauenjahrgang Alter im Jahr 2015 Kinder pro 1000 Frauen
1967 48 Jahre 1497,6
1968 47 Jahre 1488,3
1969 46 Jahre 1491,0
1970 45 Jahre 1503,6
1971 44 Jahre 1510,8
Quelle: DESTATIS-Datenbank, Rubrik Altersspezifische Geburtenziffern
nach Frauenkohorten
; eigene Berechnungen

Die Zahlen belegen, dass die Trendwende beim Frauenjahrgang 1968 liegt. Die altersspezifischen Geburtenziffern der Frauenjahrgänge ab 1972 werden in der Datenbank derzeit noch nicht aufgeführt, weshalb sie nur durch Rückgriff auf die weiter oben bereits erwähnten Publikationen bestimmt werden können. Für die Frauenjahrgänge 1972 bis 1985 ergibt sich folgendes Bild:

Tabelle 5: Realisierte Kinderzahlen der Frauenjahrgänge 1972-1985 im Jahr 2015
Frauenjahrgang Alter im Jahr 2015 CFT gemäß
PÖTZSCH
im Jahr 2008
CFT der
Jahre
2009 bis
2015
CFT im Jahr 2015
1972 43 Jahre 1342 183,1 1525,1
1973 42 Jahre 1303 248,2 1551,2
1974 41 Jahre 1225 320,7 1545,7
1975 40 Jahre 1131 397,1 1528,1
1976 39 Jahre 1024 467,1 1491,1
1977 38 Jahre 916 532,6 1448,6
1978 37 Jahre 818 592,1 1410,1
1979 36 Jahre 708 641,3 1349,3
1980 35 Jahre 603 667,6 1270,6
1981 34 Jahre 503 679,0 1182,0
1982 33 Jahre 409 673,3 1082,3
1983 32 Jahre 323 640,3 963,3
1984 31 Jahre 255 599,3 854,3
1985 30 Jahre 196 543,7 739,7
Quelle: DESTATIS-Datenbank, Rubrik Altersspezifische Geburtenziffern nach Frauenkohorten;
eigene Berechnungen; Olga Pötzsch H.1/2010, Tabelle 3, S.183

In der neueren Analyse der Kohortenfertilität nimmt PÖTZSCH ihren Ausgang nicht mehr bei den West-Ost-Unterschieden wie im Jahr 2013, sondern beim gesamtdeutschen Frauenjahrgang 1962, der 1,61 Kinder pro Frau erreichte. Das Ergebnis ihrer Analyse fasst PÖTZSCH folgendermaßen zusammen:

Demografisches Bild der Fertilität in Deutschland vor und nach dem Zensus 2011: Noch keine Trendwende in Sicht

"Für die Jahrgänge 1969 und 1973 verdeutlicht diese Darstellung die bereits beschriebene günstige Konstellation aus der Verstetigung der kumulierten CFR im Alter unter 30 Jahren einerseits und des verstärkten Nachholens im Alter zwischen 30 und 40 Jahren andererseits. Dadurch wird die endgültige Kinderzahl leicht steigen. Ab der Kohorte 1974 sinkt die Fertilität im Alter unter 30 Jahren kontinuierlich, was eine erneute Zunahme des Geburtenaufschubs bedeutet." (2017 S.87)

PÖTZSCH sieht diesen erneuten Geburtenaufschub skeptisch. Doch möglicherweise ist dieser Geburtenaufschub teilweise nur eine kurzfristige Folge der Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 (z.B. Mitnahmeeffekte) und der Finanzkrise und keine dauerhafte Veränderung des Geburtengeschehens an sich. Das Elterngeld setzt jedoch auch zusätzliche Anreize für die späte Mutterschaft und könnte dadurch auch langfristige Effekte haben. Beide Aspekte müssten bei Analysen betrachtet werden. Solche Ursachenanalyse fehlt jedoch bei PÖTZSCH, stattdessen schließt sie aus dem vergangenen Geburtenmuster auf zukünftige Bedingungen für einen dauerhaften Geburtenanstieg. Dazu gehören Annahmen zur notwendigen Paritätsverteilung:

Demografisches Bild der Fertilität in Deutschland vor und nach dem Zensus 2011: Noch keine Trendwende in Sicht

"Eine künftig stabile Paritätsverteilung setzt (...) voraus, dass sich das Geburtenverhalten im höheren fertilen Alter ändert und der Anteil der Mütter zunimmt, die eine Familie in ihren Dreißigern gründen und anschließend trotzdem noch drei oder mehr Kinder bekommen." (2017 S.90)

PÖTZSCH beruft sich bei ihren Annahmen noch auf den Mikrozensus 2012, während inzwischen neuere Daten aus dem Mikrozensus 2016 vorliegen. Während PÖTZSCH von einem weiteren Anstieg der Kinderlosigkeit ausgegangen ist, kann dies inzwischen als widerlegt gelten. Dadurch müssen auch die Annahmen zur notwendigen Paritätsverteilung als obsolet gelten. Die Voraussetzungen für einen Geburtenanstieg der Frauenjahrgänge ab 1974 haben sich dadurch verbessert.

Die Kinderlosigkeit ist nicht der Hauptgrund der niedrigen Geburtenrate in Deutschland

PÖTZSCH kann - auf Basis des Mikrozensus 2012 - keine Trendwende bei der Kinderlosigkeit erkennen. Ihre Argumentation lautet folgendermaßen:

Demografisches Bild der Fertilität in Deutschland vor und nach dem Zensus 2011: Noch keine Trendwende in Sicht

"In der Kohorte 1971, die im Jahr 2012 das Alter von 41 Jahren erreicht hat, sind 22 % der Frauen kinderlos geblieben. Die Kinderlosenquote war damit um 10 Prozentpunkte höher als in den Kohorten 1940 bis 1946 (12 %). Zwischen den Jahrgängen 1946 und 1971 nahm die Kinderlosenquote, abgesehen von einzelnen kleinen Schwankungen, fast linear zu (Abb. 14).
Inwieweit und wie lange die endgültige Kinderlosenquote in Zukunft steigen wird, ist noch offen. Einerseits gibt es positive Impulse, wie zum Beispiel bei den westdeutschen Frauen mit akademischen Bildungsabschlüssen. Ihre endgültige Kinderlosenquote hat sich zuletzt bei 29 % (nach der zensusjustierten Hochrechnung) stabilisiert und wird in den nächsten Jahren voraussichtlich sogar leicht sinken (Statistisches Bundesamt 2013: 37; Statistisches Bundesamt 2015c). Andererseits deuten einige Befunde darauf hin, dass das Maximum der Kinderlosigkeit noch nicht erreicht ist. Dazu gehört u.a. der steigende Anteil der Frauen mit Hochschulbildung, die eine überdurchschnittlich hohe Kinderlosigkeit aufweisen. In den neuen Ländern sowie bei westdeutschen Frauen ohne akademische Bildung wird die Kinderlosenquote in den kommenden Jahren voraussichtlich weiter zunehmen. Dadurch würde auch das Gesamtniveau der Kinderlosigkeit weiter steigen.
Sozioökonomische, biomedizinische und kulturelle Faktoren sprechen ebenfalls eher für eine Trendfortsetzung als für eine Trendwende in der Kinderlosigkeit. Durch die Einführung des Elterngelds und den Ausbau der Kinderbetreuung wurden familienpolitische Schritte unternommen, die diesem Trend entgegen wirken könnten (Bonin et al. 2013). Allerdings ist das Problem der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie damit noch lange nicht gelöst (Bujard/Lück 2015a). Das immer weitere Aufschieben der Erstgeburt führt außerdem auch aus biomedizinischen Gründen dazu, dass nicht alle auf später aufgeschobenen Wünsche für mindestens ein Kind realisiert werden können (Beier et al. 2012; te Velde et al. 2012). Zugleich zeigt die jüngste Forschung zu Familienleitbildern, dass die lebenslange Kinderlosigkeit zu einem attraktiven Lebensentwurf geworden ist und »kaum noch als Defizit wahrgenommen« wird (Dorbritz/Diabaté 2015: 131)." (2017 S.93f.)

Das Statistische Bundesamt hat auf seiner Website die Kinderlosenanteile für die Altersgruppen der 35 - 49-jährigen Frauen in Deutschland zu den Zeitpunkten 2008, 2012 und 2016 bereitgestellt, die aus der folgenden Tabelle ersichtlich sind:

Tabelle 6: Die Kinderlosenquoten der Jahre 2008, 2012 und 2016 für drei
Altersgruppen der 35- 49-jährigen Frauen in Deutschland
Altersgruppe Mikrozensus 2008 Mikrozensus 2012 Mikrozensus 2016
35 - 39 Jahre 26 % 26 % 25 %
40 - 44 Jahre 20 % 22 % 21 %
45 - 49 Jahre 17 % 20 % 20 %

Es ist daraus zu sehen, warum PÖTZSCH aufgrund der Analyse der Daten aus dem Jahr 2012 zum Schluss kommt, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland weiter ansteigt. Dagegen weisen die Daten aus dem Jahr 2016 auf eine Trendwende hin.

Trotz dieser Belege hat Alexander HAGELÜKEN kürzlich in zwei Artikeln der Süddeutschen Zeitung (mehr hier und hier) mit Verweis auf eine kürzlich veröffentlichte Studie behauptet, dass ein Studium die Wahrscheinlichkeit von Nachwuchs um 25 % reduzieren würde. Diese Behauptung wird aus dem Kontext einer Untersuchung zum Geburtengeschehen der Frauenjahrgänge 1956 - 1975 gerissen, die für das heutige Geburtengeschehen nur noch von geringer Bedeutung sind. Tatsächlich liegt der Anteil der Kinderlosen mit Hochschulabschluss bei den in den 1970er Jahren geborenen Frauen lediglich rund 5 % über dem Anteil der Kinderlosen ohne Hochschulabschluss, wie aus der nächsten Tabelle ersehen werden kann:

Tabelle 7: Die Anzahl der Kinderlosen und Mütter (Nicht-Akademikerinnen / Akademikerinnen)
der Frauenjahrgänge 1967 - 1976 im Jahr 2016
  Jahrgang 1967-1971 Jahrgang 1972-1976
in Tausend in % in Tausend in %
Gesamtzahl der Frauen 2.912   2.298  
Gesamtzahl der Nichtakademikerinnen 2.412 100,0 1.818 100,0
Anzahl der Mütter ohne Hochschulabschluss 1.943 80,6 1.450 79,8
Anzahl der Kinderlosen ohne Hochschulabschluss 469 19,4 368 20,2
Gesamtzahl der Akademikerinnen 500 100, 0 480 100,0
Anzahl der Mütter
mit Hochschulabschluss
373 74,6 359 74,8
Anzahl der Kinderlosen mit Hochschulabschluss 127 25,4 121 25,2
Quelle: Broschüre Kinderlosigkeit, Geburten und Familien, Tabellen 3.7 und 3.8; eigene Berechnungen

Richtig ist, dass ein Studium zum vermehrten Geburtenaufschub in spätere Lebensalter beiträgt. In welchem Ausmaß die lebenslange Kinderlosigkeit dadurch begünstigt wird, ist dagegen viel schwieriger zu beantworten. Dies gilt auch für die Vereinbarkeit von Karriere und Kind. Dafür müssten z.B. auch Faktoren wie Partnerlosigkeit und gesetzliche Rahmenbedingungen betrachtet werden. Schwarz-Weiß-Malerei à la HAGELÜKEN ist da eher kontraproduktiv. Ein Vergleich der gleichaltrigen Akademikerinnen 2012 und 2016 zeigt den Rückgang der Kinderlosigkeit in allen Altersgruppen noch deutlicher (vgl. DESTATIS 2017, S.16):

Tabelle 8: Der Anteil der Kinderlosen in der gleichen
Altersgruppe zum Zeitpunkt 2012 und 2016
Altersgruppe Mikrozensus 2012 Mikrozensus 2016
30 - 34 Jahre 61 % 58 %
35 - 39 Jahre 36 % 33 %
40 - 44 Jahre 28 % 25 %
45 - 49 Jahre 27 % 26 %

Die Kinderlosigkeit der Nicht-Akademikerinnen verharrt dagegen auf dem Niveau des Jahres 2012. Das Elterngeld hat insofern zur Polarisierung in Deutschland beigetragen.

Damit ist sozusagen der erste Teil der Argumentation von PÖTZSCH weggebrochen, sodass die Betrachtung der Paritätsverteilung eine andere Bedeutung erlangt. Das Statistische Bundesamt führt dazu in seiner Broschüre Kinderlosigkeit, Geburten und Familien folgendes aus:

Kinderlosigkeit, Geburten und Familien

"Trotz der nach wie vor hohen Kinderlosigkeit werden auch heute etwa 80 % aller Frauen im Laufe ihres Lebens Mutter. Der Mikrozensus liefert Informationen über die Struktur der Mütter nach Zahl der geborenen Kinder und über die Entwicklung der durchschnittlichen Kinderzahl je Mutter.
Zwischen 2008 und 2016 stieg der Anteil der Mütter mit 1 Kind bei den Müttern im Alter zwischen 45 und 49 Jahren von 29 % auf 32 %. Gleichzeitig sanken die Anteile der Mütter mit 2 Kindern von 49 % auf knapp 48 % und der Mütter mit 3 oder mehr Kindern von 22 % auf 20 % (...). Die endgültige durchschnittliche Kinderzahl je Mutter fiel dabei leicht von 2,03 auf 1,96 Kinder je Mutter.
Bei den jüngeren Müttern im Alter zwischen 35 und 44 Jahren hat sich dagegen die durchschnittliche Kinderzahl je Mutter stabilisiert. Zu dieser Entwicklung haben vor allem die in Deutschland geborenen oder als Kind zugewanderten Mütter der 1970er und der frühen 1980er Jahrgänge beigetragen. Ob sie dann schließlich im Durchschnitt mehr Kinder zur Welt bringen werden als die heute 45- bis 49-jährigen Mütter, ist noch offen." (2017 S.21)

Die revidierte Sicht des Statistischen Bundesamtes deutet darauf hin, dass - im Gegensatz zur Sicht von PÖTZSCH - nicht mit einem Rückgang der Geburtenrate gerechnet werden muss, sondern einem weiteren Anstieg stehen keine Hindernisse entgegen. 

Auch die weiter oben aufgeführten realisierten Kinderzahlen des Jahres 2015 zeigen, dass der Frauenjahrgang 1977 entgegen den Schätzungen von PÖTZSCH die Geburtenrate des Jahrgangs 1973 erreichen kann, wenn die Frauen bis zum Alter von 44 Jahren genauso viele Kinder bekommen wie die Jahrgänge 1972 bis 1976 im Jahr 2015. Bislang bekamen die Frauen jeweils sogar mehr Kinder. Im Frauenjahrgang 1965 bekamen die 40-jährigen und älteren Frauen nur 44,4 Kinder je 1000 Frauen. Der Frauenjahrgang 1973 kam dagegen bereits auf 57,1 Kinder pro 1000 Frauen im Alter von 40 - 42 Jahren. Dies bedeutet, dass immer mehr Kinder noch von den Frauen über 40 Jahren nachgeholt werden.

Die Gegenposition zu PÖTZSCH hat bereits 2013 das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in der Pressemitteilung Endgültige Geburtenraten werden steigen vertreten. Die Autoren sind der Meinung, dass der Geburtenanstieg mindestens bis zum Frauenjahrgang 1979 anhält:

Endgültige Geburtenraten werden steigen

"»Mit den Frauen, die in den 1970ern geboren wurden, kommt die Trendwende«, sagt Joshua Goldstein. Im Osten markiert der Jahrgang 1971 das Ende des Rückgangs: Dessen Frauen werden endgültig 1,51 Kinder geboren haben. Danach steigen die Werte, und die 1979 geborenen Frauen werden bereits 1,58 Kinder zur Welt gebracht haben. Im Westen erreicht die Talsohle schon der 1968er-Jahrgang mit endgültig 1,46 Kindern. Die nur elf Jahre jüngeren Frauen des Jahrgangs 1979 werden hingegen auf 1,57 gekommen sein, wenn sie 50 Jahre alt sind." (2013)

Eine Kohortenfertilität von 1,5 Kinder pro Frau für die Frauenjahrgänge bis Mitte der 1980er Jahre entspricht einer sehr pessimistischen Sicht. Trotz steigendem Erstgebäralter haben die Frauenjahrgänge bis 1980 im Alter von 35 Jahren fast genauso viele Kinder zur Welt gebracht wie die Ende der 1960er Jahre geborenen Frauen. Zugleich aber haben die altersspezifischen Geburtenziffern bislang im Alter über 35 Jahren zugenommen.

Können die jüngeren Frauenjahrgänge eine Kohortenfertilität von 1,6 pro Frau erreichen? Dazu kann man wie PÖTZSCH den Frauenjahrgang 1962 mit 1,61 Kindern pro Frau heranziehen, dann ergibt sich folgendes Bild:

Tabelle 9: Die realisierten Kinderzahlen der jüngeren Frauenjahrgänge in Deutschland
im Vergleich mit dem Frauenjahrgang 1962
Frauenjahrgang CFT 35 Jahre CFT 36-39 Jahre CFT 40-44 Jahre CFT 50 Jahre
1962 1466,4 111,2 31,9 1613,5
1966 1343,8 133,9 44,8 1525,3
1967 - 1970 1282,6 - 1308,4
(niedrig - hoch)
141,3 - 163,4
(Anstieg + 22,1)
47,9 - 57,6
(Anstieg + 10,3)
 
1971 - 1975 1274,0 - 1303,0
(niedrig - hoch)
173,2 - 209,4
(Anstieg + 36,2)
60,4  
1976 - 1980 1267,0 - 1274,6
(niedrig - hoch)
216,5    
Quelle: DESTATIS-Datenbank, Rubrik Altersspezifische Geburtenziffern nach Frauenkohorten;
eigene Berechnungen

Bis zum Alter von 35 Jahren schwanken die altersspezifischen Geburtenziffern, d.h. es ist weder ein kontinuierlicher Anstieg, noch ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen. So erreichte z.B. der Frauenjahrgang 1973 einen Höchststand von 1303 Kinder pro 1000 Frauen. Danach ging die altersspezifische Geburtenziffer bis zum Frauenjahrgang 1977 zurück, um dann beim Frauenjahrgang 1978 wieder auf über 1270 Kinder pro 1000 Frauen zu steigen. Die Frauenjahrgänge 1978 - 1980 erreichten also eine höhere Kinderzahl als der Frauenjahrgang 1977, den PÖTZSCH in ihrer Studie fälschlicherweise als Rückgang interpretierte. Die Geburtsjahrgänge 1981 - 1985 haben das Alter von 35 Jahren dagegen bis 2015 noch nicht erreicht.

Geht man für eine Schätzung von einer pessimistischen Sicht aus, und nimmt an, dass die altersspezifische Geburtenziffer auf dem Niveau verharrt, den der letzte Frauenjahrgang im jeweiligen Alter realisiert hat, dann würde der Geburtsjahrgang 1985 eine Geburtenrate von 1,55 Kinder pro Frau erreichen. Bislang gibt es jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass die altersspezifischen Geburtenziffern nicht weiter steigen. Geht man also von einer positiven Sicht aus, und nimmt an, dass die altersspezifischen Geburtenziffern im Durchschnitt der Steigerung der letzten 5 Jahre ansteigen, dann ergibt sich für den Frauenjahrgang folgendes Bild im Vergleich zur pessimistischen Annahme:

Tabelle 10: Die mögliche Kohortenfertilität des Frauenjahrgangs 1985 bei unterschiedlichen Annahmen
zum Anstieg der altersspezifischen Geburtenziffern
Frauenjahrgang 1985
(Alter in Jahren)
CFT (Frauenjahrgang, der
diese CFT erreicht hat)
CFT bei Anstieg im
Durchschnitt der letzten
5 Frauenjahrgänge, die
diese Geburtenzahl
realisiert haben
CFT bei Fortschreibung
des durchschnittlichen
Anstiegs (angenähertes
Szenario)
30 Jahre 739,7 (1985) 739,7 (1985) 739,7 (1985)
31 Jahre 110,1 (1984) 112,0 (1980 - 1984/+ 1,9) 112,0
32 Jahre 109,1 (1983) 111,2 (1979 - 1983/ + 2,1) 111,2
33 Jahre 105,4 (1982) 108,0 (1978 - 1982/ + 2,6) 108,0
34 Jahre 97,1 (1981) 99,3 (1977 - 1981/ + 2,2) 99,3
35 Jahre 87,8 (1980) 89,9 (1976 - 1980/ + 2,1) 92,0 (1981 - 1984/ + 4,2)
36 Jahre 76,6 (1979) 78,5 (1975 - 1979/ + 1,9) 80,4
37 Jahre 62,6 (1978) 64,5 (1974 - 1978/ + 1,9) 66,4
38 Jahre 50,3 (1977) 51,9 (1973 - 1977/ + 1,6) 53,5
39 Jahre 39,6 (1976) 41,2 (1972 - 1976/ + 1,6) 42,8
40 Jahre 30,0 (1975) 31,3 (1971 - 1975/ + 1,3) 33,9 (1981 - 1984/ + 3,9)
41 Jahre 20,3 (1974) 20,9 (1970 - 1974/ + 0,6) 22,1
42 Jahre 11,8 (1973) 12,3 (1969 - 1973/ + 0,5) 13,3
43 Jahre 6,6 (1972) 6,9 (1968 - 1972/ + 0,3) 7,5
44 Jahre 3,6 (1971) 3,8 (1967 - 1971/ + 0,2) 4,2
45 Jahre 1,8 (1970) 1,9 (1966 - 1970/ + 0,1) 2,2 (1981 - 1984/ + 0,4)
46 Jahre 0,9 (1969) 1,0 (1965 - 1969/ + 0,1) 1,3
47 Jahre 0,4 (1968) 0,4 (1964 - 1968/ 0) 0,4
48 Jahre 0,2 (1967) 0,2 (1963 - 1967/ 0) 0,2
49 Jahre 0,1 (1966) 0,1 (1962 - 1966/ 0) 0,1
Endgültige Kinderzahl 1.553,6 1.575,0 1.602,6
Quelle: DESTATIS-Datenbank, Rubrik Altersspezifische Geburtenziffern nach Frauenkohorten;
eigene Berechnungen

Der Frauenjahrgang 1985 könnte eine Geburtenrate von 1,58 Kindern pro Frau erreichen, wobei lediglich ein durchschnittlicher Anstieg der letzten 5 Frauenjahrgänge angenommen wurde, die diese Kohortenfertilität tatsächlich bereits realisiert haben. Würde man dagegen den Anstieg jeweils für die Frauenjahrgänge 1980 - 1984 fortschreiben, dann würde das z.B. bedeuten, dass die altersspezifische Geburtenziffer im Alter von 35 Jahren nicht nur um 2,1, sondern um 4,2 höher läge. Im Alter von 40 Jahren läge sie nicht nur um 1,3, sondern um 3,9 höher. Bei dieser durchaus möglichen Entwicklung läge die Geburtenrate dann sogar über 1,6 Kindern pro Frau. Die letzte Spalte stellt eine Annäherung an diese mögliche Entwicklung dar und kann als Untergrenze betrachtet werden.

Welche Entwicklung der Frauenjahrgang 1985 tatsächlich nimmt, dafür bietet die nächste Tabelle Anhaltspunkte, sobald die entsprechenden Zahlen für die nähere Zukunft vorliegen. Geht man für den Frauenjahrgang 1980 von den obigen Annahmen aus, dann ergibt sich das folgende Bild:

Tabelle 11: Die mögliche Kohortenfertilität des Frauenjahrgangs 1980 bei unterschiedlichen Annahmen
zum Anstieg der altersspezifischen Geburtenziffern
Frauenjahrgang 1980
(Alter in Jahren)
CFT (Frauenjahrgang, der
diese CFT erreicht hat)
CFT bei Anstieg im
Durchschnitt der letzten
5 Frauenjahrgänge, die
diese Geburtenzahl
realisiert haben
CFT bei Fortschreibung
des durchschnittlichen
Anstiegs (angenähertes
Szenario)
35 Jahre 1270,6 (1980) 1270,6 (1980) 1270,6 (1980)
36 Jahre 76,6 (1979) 78,5 (1975 - 1979/ + 1,9) 78,5
37 Jahre 62,6 (1978) 64,5 (1974 - 1978/ + 1,9) 64,5
38 Jahre 50,3 (1977) 51,9 (1973 - 1977/ + 1,6) 51,9
39 Jahre 39,6 (1976) 41,2 (1972 - 1976/ + 1,6) 41,2
40 Jahre 30,0 (1975) 31,3 (1971 - 1975/ + 1,3) 32,6 (1976 - 1980/ + 2,6)
41 Jahre 20,3 (1974) 20,9 (1970 - 1974/ + 0,6) 21,5
42 Jahre 11,8 (1973) 12,3 (1969 - 1973/ + 0,5) 12,8
43 Jahre 6,6 (1972) 6,9 (1968 - 1972/ + 0,3) 7,2
44 Jahre 3,6 (1971) 3,8 (1967 - 1971/ + 0,2) 4,0
45 Jahre 1,8 (1970) 1,9 (1966 - 1970/ + 0,1) 2,0 (1976 - 1980/ + 0,2)
46 Jahre 0,9 (1969) 1,0 (1965 - 1969/ + 0,1) 1,1
47 Jahre 0,4 (1968) 0,4 (1964 - 1968/ 0) 0,4
48 Jahre 0,2 (1967) 0,2 (1963 - 1967/ 0) 0,2
49 Jahre 0,1 (1966) 0,1 (1962 - 1966/ 0) 0,1
Endgültige Kinderzahl 1.575,4 1.585,5 1.588,6
Quelle: DESTATIS-Datenbank, Rubrik Altersspezifische Geburtenziffern nach Frauenkohorten;
eigene Berechnungen; Olga Pötzsch H.1/2010, Tabelle 3, S.183

Die endgültige Kinderzahl des Frauenjahrgangs 1980 könnte je nach Entwicklung also zwischen 1,57 und 1,59 liegen. Die Variante 2A des Statistischen Bundesamts bleibt hinter dieser möglichen Entwicklung zurück, die durchaus realistisch ist. Sollte die Kinderlosigkeit bei gleich bleibender Paritätsverteilung weiter sinken, dann könnten gar noch höhere Geburtenraten erreicht werden. Auch eine Zunahme von Müttern mit 3 und mehr Kindern würde zu noch höheren Geburtenraten führen.

Die Entwicklung der Geburten erster Kinder in den Jahren 2009 - 2015

Seit dem Jahr 2009 werden nicht wie zuvor nur die Kinder innerhalb einer Ehe richtig gezählt, sondern es wird die so genannte biologische Geburtenfolge erfasst. Bis 2009 waren nur Schätzungen möglich, sodass die Geburtenentwicklung in Deutschland falsch eingeschätzt wurde. Die Kinderlosigkeit wurde deshalb als Hauptproblem angesehen, weil sie überschätzt wurde. Die lebenslange Kinderlosigkeit wurde teilweise auf ein Drittel geschätzt. Erst mit dem Mikrozensus 2008 wurde die Kinderlosigkeit empirisch erfasst. Dies erfolgt seitdem im 4-Jahres-Rythmus.

In den Nuller Jahren galten 40-jährige Frauen als lebenslang Kinderlose. Auch dies führte zu einer Fehleinschätzung der Kinderlosigkeit. Aus der nachfolgenden Tabelle ist die Entwicklung für die 40-jährigen und älteren Frauen ersichtlich:

Tabelle 12: Die Entwicklung der Geburten erster Kinder bei den über 40-jährigen Frauen in Deutschland 2009 - 2015
  2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
40-Jährige 3.530 3.929 3.958 3.783 3.254 4.004 4.109
41-Jährige 2.212 2.866 2.637 2.667 2.086 2.576 2.811
42-Jährige 1.227 1.674 1.638 1.649 1.363 1.724 1.580
43-Jährige 680 965 970 981 788 1.092 988
44-Jährige 393 479 505 539 420 528 607
45- bis 49-Jährige 323 525 545 613 498 732 799
40- bis 49 Jährige 8.365 10.438 10.253 10.232 8.409 10.656 10.894
Gesamtzahl der Erstgeborenen 331.444 335.862 329.952 332.233 337.175 353.178 360.355
Anteil der 40-Jährigen und Älteren 2,5 % 3,1 % 3,1 % 3,1 % 2,5 % 3,0 % 3,0 %
Anteil der Erstgeborenen an allen Kindern 49,8 % 49,5 % 49,8 % 49,4 % 47,2 % 49,5 % 49,0 %
Quelle: 2009: DESTATIS FS 1 Reihe 1.1 Natürliche Bevölkerungsbewegungen, S.91; 2010-2015: Statistische Jahrbücher 2012-2017;
eigene Berechnungen

2,5 bis 3,1 % der Frauen bekommen noch ihr erstes Kind im Alter über 40 Jahre. Dies mag vernachlässigbar erscheinen. Da es sich bei diesen Frauen jedoch vermutlich in erster Linie um Akademikerinnen handelt, könnte das erklären, warum gerade die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen besonders überschätzt wurde.

Unter den Frauenjahrgängen 1972 - 1976 gab es 2016 nur 480.000 Akademikerinnen (siehe oben). Das waren ca. 96.000 Akademikerinnen pro Jahrgang. Frauen des Jahrgangs 1972, die 1916 45-Jahre alt wurden, bekamen als über 40-Jährige rund 10.000 Kinder. Nimmt man an, dass die sehr späten Mütter alle Akademikerinnen waren, dann wären das über 9 %. Diese wären bis 2008 als kinderlos gezählt worden, obwohl sie Mütter eines Kindes waren.  Eine spezielle Gruppe übertrifft jedoch sogar dieses Ausmaß an sehr späten Müttern.

Die Hotspots der Kinderlosigkeit und die Rede von einer Kultur der Kinderlosigkeit

Die hysterische Berichterstattung zur Kinderlosigkeit in Deutschland hat ihre Hochphase zwischen zwei Ereignissen gehabt, die diesen Zeitraum prägten: zum einen das Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts vom April 2001 und zum anderen die Einführung des Elterngeldes 2007. In dieser Periode fand eine Radikalisierung der öffentlichen Debatte statt, die durch die Zuspitzung auf die kinderlose Akademikerin gekennzeichnet war. Diese Debatte hat einen wahren Kern, denn ausgerechnet die Meinungsführer der öffentlichen Debatten: westdeutsche SpitzenpolitikerInnen, westdeutsche WissenschaftlerInnen und westdeutsche JournalistInnen gehören zu jenen Berufsgruppen, in denen der Anteil Kinderloser und Kinderarmer besonders hoch war und noch ist. In der Broschüre Geburten in Deutschland 2012 wird der Anteil Kinderloser im Alter zwischen 35 und 49 Jahren in der Publizistik mit 40 % angegeben (vgl. 2012, S.37). Die Daten wurden im Jahr 2008 erhoben und betreffen damit die Frauenjahrgänge 1959 bis 1973.

In dem Buch Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht? aus dem Jahr 2009 berichten Sigrid METZ-GÖCKEL u.a. über eine Vollerhebung des wissenschaftlichen Personals in Nordrhein-Westfahlen, die die Situation 1994 und 2004 darstellt. Das Buch zeigt, dass es im Wissenschaftsbetrieb viele Kinderlose und späte Mütter gab und immer noch gibt.

Für die Kinderlosigkeit der Spitzenpolitikerinnen steht stellvertretend die Bundeskanzlerin und die öffentliche Inszenierung von Schwangerschaften und Geburten insbesondere von Grünen-Politikerinnen und Ministerinnen.

Die Radikalisierung der Debatte geht einher mit einer Umdeutung von Kinderlosigkeit. Was vor der Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als ungewollte Kinderlosigkeit begriffen wurde, das galt nun als gewollte Kinderlosigkeit. Eine Steigerung erfuhr diese Debatte durch die Rede von einer Kultur der Kinderlosigkeit, von "low-fertility-trap" und "lowest-low-fertility"-Ländern, also Niedrigfertilitätsländern. Dazu heißt es in einem Arbeitspapier von Hans-Peter KOHLER u.a.:

Low Fertility in Europe

"European countries with traditionally low fertility, such as Austria (1.34), Switzerland (1.4), and Germany (1.31), are candidates that may soon join the group of lowest-low fertility countries" (2006, S.8)

Die Grenze zwischen Low Fertility und Lowest Low Fertility wurde bei einer zusammengefassten Geburtenrate von 1,3 gezogen, obwohl solch eine Grenzziehung willkürlich ist. In Westdeutschland lag die zusammengefasste Geburtenrate 1984 und 1985 bereits unter 1,3. In Ostdeutschland lag die zusammengefasste Geburtenrate sogar zwischen 1991 und 2003 unter 1,3, in den Jahren 1991 bis 1996 sogar unter 1,0. Eine "low-fertility-trap", also eine Niedrigfertilitäts-Falle, läßt sich aus diesen beiden empirischen Fällen nicht ableiten und dennoch wurden diese Deutungsmuster prägend für die Debatte.

Die Geburtenrate 1,31 wurde im wiedervereinigten Deutschland überhaupt nur 1996 mit 1,316 erreicht, wenn man diese ab- statt aufrundet. Der Artikel gibt als Quelle eine Publikation des Europarats an. Die Zahl soll sich auf das Jahr 2002 beziehen. Damals lag die Geburtenziffer aber bei 1,34. Die Ansichten von KOHLER wurden vom einflussreichen Flaggschiff des Neoliberalismus, dem britischen Economist verbreitet ("The fertility bust") und wurden entsprechend in Deutschland ebenfalls schnell verbreitet. In Wirklichkeit lag die Geburtenrate im Jahr 2006 bei 1,66, weil damals erst der Frauenjahrgang 1957 seine endgültige Kinderzahl erreicht hatte. Selbst der Tiefstpunkt beim Frauenjahrgang 1968 liegt bei rund 1,5 Kindern pro Frau.

In den Jahren der Hysterie war ein Deutungskampf um die Geburtenentwicklung entbrannt, der seine Grundlage in der Blockade gehaltvoller empirischer Forschung hatte. Diese Jahre wären ein lohnendes Feld für Historiker. Dass die Aufgabe der Blockadehaltung mit der Einführung des Elterngeldes zu tun hat, ist ein offenes Geheimnis. Angeblich hatte die Blockade etwas mit der deutschen Vergangenheit zu tun. Dies ist offensichtlich falsch, denn sonst gäbe es keinen Grund dafür, warum die Verbesserung der Datenlage in kurzer Zeit durchgesetzt werden konnte. Welche politischen Interessen hinter dieser Blockade und welche Konfliktlinien diese aufrechterhalten haben, das wäre Aufgabe der politikwissenschaftlichen Forschung. Da Geschichtsschreibung immer die Geschichtsschreibung der Sieger ist, wird die Aufarbeitung je nach zukünftiger Entwicklung des Geburtenanstiegs, schneller oder langsamer verlaufen oder sogar verhindert werden.

Die Sachbuchliteratur seit Anfang des Jahrtausends bietet außerdem reichlich Material für Fallstudien zu der Kontroverse und den Motiven bzw. Interessenlagen der Protagonisten. Auf dieser Website wurden bereits etliche Bücher unter einem biografietheoretischen Aspekt betrachtet: z.B. Susanne GASCHKE ("Die Emanzipationsfalle"), Katja KULLMANN ("Generation Ally"), Bettina WÜNDRICH ("Einsame Spitze") und Susanne FISCHER ("Ansichten einer späten Mutter"). Anders als in Frankreich, wo Soziologen wie Didier ERIBON Gesellschafts- und Biografieanalyse miteinander verbinden, gibt es in Deutschland keine solche Tradition. Vielmehr gilt die strikte Trennung zwischen Werk und Person als Ausweis von Wissenschaftlichkeit. In populärwissenschaftlichen Werken wie Das ganz normale Chaos der Liebe von Ulrich BECK & BECK-GERNSHEIM scheinen jedoch auch persönliche Motive durch. Die Kontroverse zwischen Eltern und Kinderlosen wird in Deutschland besonders emotional geführt. Hier stehen sich die Verfechter der "reinen Lehre" unversöhnlich gegenüber. Meist wird dabei nur das eigene Lebensmodell zum einzig Wahren verklärt und die anderen Lebensmodelle zugleich abgewertet. Dies hängt auch damit zusammen, dass das Private politisch ist - nicht etwa erst in der Nachfolge der 68er-Generation, sondern seit Bestehen des Sozialstaats, der die Lebensformen sanktioniert - ob im positiven oder im negativen Sinne.

Der Konflikt zwischen Eltern und Kinderlosen ist derzeit - im Vergleich zur hysterischen Periode 2001 bis 2006 - ruhig gestellt, nichtsdestotrotz ist der Konflikt weiterhin vorhanden. Bücher wie Vögeln fürs Vaterland? Nein danke! Bekenntnisse einer Kinderlosen von Kerstin HERRNKIND und Der tiefe Riss. Wie Politik und Wirtschaft Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen von Susanne GARSOFFKY & Britta SEMBACH - beide dieses Jahr erschienen, zeigen dass das Thema weiterhin aktuell ist. Durch den Erfolg der nationalkonservativen Alternative für Deutschland ist davon auszugehen, dass die Kontroverse in verschärfter Form wieder aufzuflammen droht. Von daher ist es dringlicher denn je, dass das Thema Geburtenentwicklung in Deutschland versachlicht wird, denn in den Debatten wird gerne auf Zahlen zurückgegriffen, die dann als alternativlos begriffen werden. Dieser Beitrag will dagegen aufzeigen, dass die Entwicklungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte keineswegs vorprogrammiert sind.

Vom sterilen Berlin zu den Prenzlauer Berg-Müttern

Berlin galt bereits zu Zeiten der Entdeckung des Geburtenrückgangs Anfang des 20. Jahrhunderts als Hotspot der Unfruchtbarkeit. Der Ökonom Felix A. THEILHABER beschrieb in seinem 1913 erschienenen Buch Das sterile Berlin den bürgerlichen Stadtteil Charlottenburg als Zentrum der Unfruchtbarkeit. Anfang des Jahrtausends lag dieses Zentrum im Prenzlauer Berg, das aufgrund der Gentrifizierung zum neubürgerlichen Stadtteil aufgestiegen war. Damals entbrannte ein Deutungskampf um die Frage, ob es dort einen Babyboom gibt oder nicht. Je nach Verwendung des Indikators (Geburtenzahl, zusammengesetzte oder altersspezifische Geburtenziffer) fiel das Urteil anders aus.

Eine andere Frage drehte sich darum, ob diese Prenzlauer Berg-Mütter als Vorbilder für die unfruchtbare Republik taugen. Als nationalkonservatives Gegenmodell wurde der kinderreiche Landkreis Cloppenburg präsentiert. Nachdem das Elterngeld eingeführt war, erfand der Journalist Henning SUßEBACH den wenig schmeichelhaften Begriff "Bionade-Biedermeier" für das Biotop der Prenzlauer Berg-Mütter. Andere sprachen von "Latte macchiato-Müttern". Die Linksalternativen kritisierten, dass diese Mütter nicht das Ideal der Doppelkarriere-Familie verkörpern. Selbstmitleid im Szenecafé hieß ein bösartiger Artikel. Nach der Scheidung droht der Abstieg und das ist richtig so - war die Botschaft einer Reihe von Artikeln. Ostmütter wie Anja MAIER blickten teils neidvoll, teils hämisch auf dieses Milieu. Es waren die Jahre, in denen dem Elterngeld die Wirksamkeit abgesprochen wurde. Auch in dieser Zeit erzeugte der Sozialstaat Polarisierungen statt Versöhnungen. Statt um die Anerkennung von Vielfalt, ging und geht es darum, das eigene Lebensmodell zur Norm zur erklären.

Vor kurzem ist das Arbeitspapier Kleinräumliche Fertilitätsdifferenzierungen in Berlin und ihre Ursachen von Jürgen DORBRITZ u.a. erschienen. Dort heißt es zur Geburtenentwicklung:

Kleinräumliche Fertilitätsdifferenzierungen in Berlin und ihre Ursachen

"Berlin ist seit der Mitte der 1990er Jahre durch ein steigendes Fertilitätsniveau gekennzeichnet. Die zusammengefasste Geburtenziffer ist von Werten zwischen 1,0 und 1,1 auf durchschnittlich 1,45 Kinder je Frau im Jahr 2015 angewachsen (Abb. 1). Die sehr niedrigen Werte in der ersten Hälfte der 1990er Jahre erklären sich aus der generell niedrigeren Fertilität in den Stadtstaaten sowie dem Fertilitätseinbruch in der ehemaligen DDR, von dem auch Ostberlin betroffen war. Sowohl im Zuge des Wiederanstiegs der Geburtenhäufigkeit in den neuen Bundesländern als auch in Folge des positiven Fertilitätstrends in Deutschland generell sind die Geburtenziffern auch in Berlin auf das heutige Niveau gestiegen. Im Vergleich mit den anderen Bundesländern weist Berlin nach dem Saarland und Bremen das drittniedrigste Geburtenniveau auf. Allerdings sind die Differenzen zwischen den Bundesländern außerordentlich niedrig.
Als Universitätsstadt mit vielen studierenden jungen Frauen ist die Berliner Fertilitätssituation stark durch Kinderlosigkeit geprägt. Ca. 30 % der Frauen des Jahrgangs 1967 haben (noch) keine Kinder bekommen. Dementsprechend sind Frauen mit drei oder mehr Kindern (ca. 9 %) eine Ausnahme. Mit 32 % ist die Zwei-Kind-Familie die am häufigsten vorkommende Lebensform. Sieht man sich nur die deutsche Bevölkerung an, dann sind es sogar 34 % aller Frauen dieses Geburtsjahrgangs, die keine Kinder bekommen haben. Zum Vergleich: Der Anteil Kinderloser bei Frauen mit Migrationshintergrund beträgt nur etwa 17 %."
(2017, S.14)

Prenzlauer Berg wird in Nord und Süd untergliedert. Der nördliche Teil weist eine TFR von 0,97-1,14 auf, während es im südlichen Teil 1,15 - 1,27 sind. Dabei handelt es sich um Durchschnittswerte für die Jahre 2012 - 2014 (vgl. 2017, S.17). Beide Teile weisen das höchste Gebäralter auf: 32-33 Jahre. Es werden 6 Fertilitätsmuster durch die Kombination von Geburtenniveau und Gebäralter gebildet. Es gibt keinen Zusammenhang dahingehend, dass ein hohes Gebäralter mit niedriger Fertilität einhergehen muss. Wer spät ein erstes Kind zur Welt bringt, der muss nicht kinderarm bleiben - eine gängige Argumentation, die z.B. die skeptische Sicht von PÖTZSCH prägt. Die Autoren sehen in den nachfolgenden Ergebnissen neue Erkenntnisse:

Kleinräumliche Fertilitätsdifferenzierungen in Berlin und ihre Ursachen

"Einige der ermittelten Ergebnisse gelten als überraschend. Dazu zählen:
1. Die Existenz von Regionen mit hoher Teenagerfertilität bei unverheirateten Deutschen. Ergebnis ist eine atypische Verteilung der altersspezifischen Geburtenziffern.
2. Es bestehen in Berlin Regionen, in denen die Fertilität der Deutschen höher ist als die der Ausländer.
3. Es konnten Regionen aufgefunden werden, in denen die nichteheliche Fertilität der Ausländer ein höheres Niveau erreicht hat als die eheliche Fertilität."
 (2017, S.52)

Bei solchen Untersuchungen stellt sich jedoch immer die Frage, inwiefern diese relevant sind, denn aufgrund der Mobilität sind die Erkenntnisgewinne eher mager. Während DORBRITZ u.a. die zusammengefasste Geburtenziffer zur Grundlage machte, haben BUJARD & SCHELLER in ihrem Beitrag Einfluss regionaler Faktoren auf die Kohortenfertilität: Neue Schätzwerte auf Kreisebene in Deutschland die Verzerrungen einer solchen Herangehensweise zum Thema gemacht. Für die Jahre 1999-2003 haben BUJARD & SCHELLER für Berlin eine Differenz von 193 Kindern pro 1000 Frauen gefunden (TFR: 1,174; CFR 1969-1972: 1,367) Aufgrund der Methodik handelt es sich dabei nur um Schätzungen. Es können daraus jedoch Tendenzen zur Überschätzung der Kinderlosigkeit bzw. der Unterschätzung der späten Mütter in bestimmten Regionen gefolgert werden. BUJARD & SCHELLER schreiben dazu:

Einfluss regionaler Faktoren auf die Kohortenfertilität: Neue Schätzwerte auf Kreisebene in Deutschland

"Die Unterschiede der geschätzten kreisspezifischen CTFR für die Kohorten 1969- 72 sind enorm: Die Spannbreite liegt zwischen 2,01 in Cloppenburg und 1,05 in Passau. Die niedrigste durchschnittliche Kinderzahl haben Frauen in Großstädten. In 44 Kreisen liegt sie bei über 1,7, vor allem im Allgäu, in der Odenwaldregion, in Südfranken und im westlichen Niedersachsen. Die kreisspezifische Verteilung der CTFR unterscheidet sich fundamental von der Verteilung der TFR für vergleichbare Jahre (BBSR 2015); der Korrelationskoeffizient beträgt lediglich 0,56. Der Vergleich beider Indikatoren auf Kreisebene verdeutlicht, dass der der TFR immanente Timing-Effekt insbesondere in Ostdeutschland die Fertilität unterschätzt. Auch die niedrige TFR in Studentenstädten ist ein statistisches Artefakt, da Studenten temporär den Nenner für bestimmte altersbedingt noch kinderlose Gruppen erhöhen. Während bspw. die Heidelberger TFR viele Jahre um die 1,0 oszillierte, liegt die CTFR bei 1,36."
 (2017, S.124)

Es zeigt sich somit, dass die zusammengesetzte Geburtenziffer (TFR), die meistens als Indikator zur Geburtenentwicklung benutzt wird (z.B. DORBRITZ) zu Fehlschlüssen führt.

Die Entwicklung der Geburten in Berlin von 2009 - 2016 und die Auswirkungen auf den Schulbereich

Nachfolgend soll gefragt werden, was es bedeutet, dass Deutschland den Geburtenanstieg verschlafen hat. Aus der folgenden Tabelle ist ersichtlich, dass die Geburtenentwicklung und die prognostizierten Geburtenzahlen der Kultusministerkonferenz immer weiter auseinanderklaffen.

Tabelle 13: Die Entwicklung der Geburten in Berlin 2009 - 2015 im Vergleich zur
aktuellen Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK)
Jahr 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Gesamtzahl 32.104 33.393 33.075 34.678 35.038 37.368 38.030
1. Kinder fehlt fehlt fehlt 18.351
(52,9 %)
18.408
(52,5 %)
19.419
(52,0 %)
19.664
(51,7 %)
2. Kinder fehlt fehlt fehlt 11.110
(32,0 %)
11.292
(32,2 %)
12.135
(32,5 %)
12.253
(32,2 %)
3. Kinder fehlt fehlt fehlt 3.341
(9,6 %)
3.550
(10,1 %)
3.807
(10,2 %)
4.015
(10,6 %)
4. Kinder fehlt fehlt fehlt 1.160
(3,3 %)
1.078
(3,1 %)
1.220
(3,3 %)
1.292
(3,4 %)
5. Kinder fehlt fehlt fehlt 433
(1,3 %)
408
(1,2 %)
457
(1,2 %)
464
(1,2 %)
6. u. w. Kinder fehlt fehlt fehlt 283
(0,8 %)
302
(0,9 %)
330
(0,9 %)
342
(0,9 %)
Geburtenrate
(TFR gemäß
STB 2009-15)
1.302,3 1.346,7 1.313,7 1344,0 1.332,7 1.459,0* 1.454,4*
Geburtenrate
(TFR gemäß
Lange Reihe**)
1.299,7 1343,9 1393,9* 1.418,1* 1399,2* 1.455,9* 1449,9*
Geburtenrate
(TFR gemäß
STJ 2017)
  1.344 1.394* 1.418* 1.399* 1.456* 1.450*
KMK-Prognose   31.600 31.000 31.000 30.400 30.300 30.300
Differenz   + 1.793 + 2.075 + 3.678 + 4.638 + 7.068 + 7.730
Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: Statistische Berichte Eheschließungen, Geborene und
Gestorbene 2009 - 2015;
Vorausberechnung der Kultusministerkonferenz
Anmerkungen: * Zusammengefasste Geburtenziffer auf Basis des Zensus 2011;
STJ 2017 = Statistisches Jahrbuch 2017; ** Website Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: Home -
Statistiken - Bevölkerung - Natürliche Bevölkerungsbewegung - Lange Reihen (Stand 2015; Abruf:
16.12.2017)

Bis 2012 wurden in den Berliner Statistischen Berichten nur die Geburtenfolge innerhalb einer Ehe veröffentlicht, obwohl sie seit 2009 nach der biologischen Geburtenfolge vorliegt. Die zensuskorrigierten Geburtenziffern wurden erst 2014 publiziert. 2011 lag die Differenz bei rund 80 Kindern pro 1000 Frauen. In Deutschland wird die Geburtenentwicklung in der Statistik stiefmütterlich behandelt. Während die Abtreibungsquoten quartalsweise per Pressemitteilung veröffentlicht werden, ist das bei den Geburtenzahlen nicht der Fall. Auch darin kommt zum Ausdruck, dass Deutschland aufs Aussterben und Schrumpfen fixiert ist, statt auf Wachstum.

Von Januar bis November 2016 wurden in Berlin 37.372 Kinder geboren. Der Dezember war in den vergangenen Jahren der geburtenstärkste Monat, d.h. es wurden in Berlin 2016 über 40.000 Kinder geboren (KMK-Prognose für 2016: 30.200). Sollte dieser Anstieg in den nächsten Jahren anhalten, dann ist schon bald ein enormer Lehrermangel im Primarschulbereich zu erwarten, denn wenn nicht rechtzeitig in die Ausbildung von Lehrern investiert wird, müssen Seiteneinsteiger rekrutiert werden und die Konkurrenz zwischen den einzelnen Bundesländern führt zu hohen Kosten.

Aus der folgenden Tabelle ist die Differenz zwischen der prognostizierten und tatsächlichen Entwicklung der Schulanfänger in Berlin sichtbar.

Tabelle 14: Die Entwicklung der Schulanfänger in Berlin 2011 - 2016 im Vergleich zur
aktuellen Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK)
Jahr 2011 2012 2013 2014 2015 2016
KMK-Prognose 27.402 28.170 29.370 29.990 29.890 30.410
tatsächliche Zahl der Schulanfänger 27.843 28.639 29.967 30.975 31.431 32.205
Quelle: DESTATIS Fachserie Bildung und Kultur - allgemeinbildende Schulen Schuljahre
2010/11 - 2016/2017;
Vorausberechnung der Kultusministerkonferenz

Aus der Prognose der Kultusministerkonferenz wird der Lehrerbedarf abgeleitet. Die Bertelsmann-Stiftung hat deshalb im Juli die Broschüre Demographische Rendite ädé veröffentlicht. Klaus KLEMM & Dirk ZORN kritisieren darin, dass der kommende Lehrerbedarf aufgrund der Prognosen zur Geburtenentwicklung falsch eingeschätzt wird:

Demographische Rendite ädé

"Ziel dieser Studie ist es, diese Entwicklung für den Zeitraum von 2015 bis 2030 zu analysieren und in ihren Konsequenzen für die allgemeinbildenden Schulen zu untersuchen. Wie dringend erforderlich das ist, zeigt ein vergleichender Blick auf die letzte veröffentlichte Schülerzahlenprognose der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2013 (KMK 2013) und die Schätzdaten, die in den folgenden Abschnitten der hier vorgelegten Studie entwickelt werden: Für das Jahr 2025 liegt die KMK mit ihrer Prognose in der Primarstufe um 575.000 und in der Sekundarstufe I um 450.000 unter den in diesem Gutachten erwarteten Schülerzahlen."
 (2017, S.10)

KLEMM & ZORN beziehen sich auf die KMK-Prognose, deren Zahlen auch hier verwendet werden. Ihre Annahmen zur Geburtenentwicklung könnten die tatsächliche Entwicklung sogar noch unterschätzen. Die Autoren haben die aktualisierte Variante 2A der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung um jeweils 4,5 % erhöht gegenüber den Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Für 2016 sind sie von 81.092 Geburten ausgegangen. Diese Schätzung liegt also fast 11.000 Geburten niedriger als die Mitte November gemeldeten vorläufigen Zahlen für 2016. Die von KLEMM & ZORN ermittelte Zahl für das Jahr 2025 liegt in der Nähe des Szenarios das weiter unten für eine Kohortenfertilität von 1,6 ermittelt wurde. 

Neben den Geburten erhöht auch die Zuwanderung die Schülerzahlen, sodass sich gemäß der Bertelsmann-Stiftung für die Zahl der unter-1-Jährigen im Jahr 2016 eine Jahrgangsstärke von ca. 788.000 Kindern ergibt. Auch diese zusammengefasste Jahrgangsstärke bleibt unter der vorläufigen Geburtenzahl des Jahres 2016. Dass bereits in den ersten Lebensjahren die Zuwanderung den Geburtenanstieg verstärkt, ist aus der nächsten Tabelle erkennbar. In der 'Tabelle werden auch die Unterschiede der Prognosen von Statistischem Bundesamt und der Bertelsmann-Stiftung deutlich: 

Tabelle 15: Vergleich der Entwicklung der Geburtenzahlen und der unter 1-Jährigen in Deutschland
gemäß BVB Variante 2 A und der Schätzung der Bertelsmann-Stiftung
Jahr Anzahl der Geburten
(BVB  Variante 2A)
Anzahl der unter
1-Jährigen
(BVB  Variante 2A)
Geburten gemäß
Schätzung der
Bertelsmann-
Stiftung
tatsächliche
Geburtenzahl
Anzahl der unter
1-Jährigen gemäß
Schätzung der
Bertelsmann-
Stiftung
2016 747.300 754.000 781.092 792.000 788.000
2017 754.800 759.000     793.000
2018 758.600 762.000     796.000
2019 759.800 762.000     796.000
2020 758.900 761.000     795.000
2021 756.000 757.000     791.000
2022 751.800 753.000     787.000
2023 746.500 748.000     782.000
2024 740.300 742.000     775.000
2025 733.300 735.000     768.000
2026 725.500 727.000     760.000
2027 717.300 719.000     751.000
2028 708.700 710.000     742.000
2029 698.800 701.000     732.000
2030 689.000 691.000     722.000

KLEMM & ZORN leiten aus diesen Entwicklungen einen zusätzlichen Bedarf an Grundschulen und Lehrkräften ab, der sich aus ihrer Sicht folgendermaßen darstellt:

Demographische Rendite ädé

"Ein Blick in die Vergangenheit macht das Ausmaß dieses zusätzlich entstehenden Bedarfs an Grundschulen besonders deutlich: Von 2000 bis 2015 hat sich die Zahl der Grundschulen in Deutschland um 1.792 verringert. Der in den Jahren von 2015 bis 2025 entstehende Zusatzbedarf von bis zu 2.360 Grundschulen liegt damit oberhalb der Zahl der in den vergangenen 15 Jahren geschlossenen Grundschulen (...).
Der Bedarf an Stellen für Lehrkräfte steigt in der Grundschule schon kurzfristig bis 2020 um etwa 6.300 und bis 2025 um insgesamt etwa 24.100; danach sinkt er wieder auf »nur« noch etwa 21.100 zusätzliche Stellen."
 (2017, S.20f.)

Noch vor den Problemen im Primarschulbereich, entstehen Probleme im Bereich der Kinderbetreuung. Deutschland hat durch seine Fixierung auf den fernen Rückgang der Geburtenzahlen den Anstieg der Geburten der letzten Jahre  verschlafen und droht deshalb von einem weiteren Anstieg überfordert zu werden. Durch das Mantra, dass es keine  Trendwende in Deutschland gibt, wurde der Geburtenanstieg verniedlicht. Wenn Trendwenden im Bereich der Geburtenentwicklung sicher erkannt werden können, dann ist es für ein angemessenes, politisches Umsteuern bereits zu spät. Weil nur die Alterung der Gesellschaft als Herausforderung begriffen und bewusst gemacht wurde, droht Deutschland nun an der Herausforderung der gestiegenen Geburtenzahlen zu scheitern. Die Geburtenentwicklung könnte deshalb ausgebremst werden, weil sich die Menschen im mittleren Lebensalter aufgrund der fehlenden Infrastruktur wieder vermehrt gegen Kinder entscheiden könnten.    

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
   

Das Geburtengeschehen der nächsten Jahre in Deutschland (Teil 2)

 
       
   
 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 18. Dezember 2017
Update: 02. Januar 2018