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Debatte

 
       
   

Der tiefe Riss

 
       
   

Wie zwei alternde Babyboomerinnen Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen und damit die Gräben erst recht vertiefen

 
       
     
       
   
     
 

Ein Buch für kinderlose Masochisten

Der tiefe Riss heißt das Buch von Susanne GARSOFFKY & Britta SEMBACH, beide Jahrgang 1968, und damit Angehörige jenes Frauenjahrgangs, der für die niedrigste Kohortenfertilität verantwortlich ist, die je in Deutschland gemessen wurde, während die Frauenjahrgänge ab 1969 wieder mehr Kinder bekommen. Deren Geburtenanstieg wurde in Deutschland verschlafen, weil die Medien, also GARSOFFKY & SEMBACH, so sehr auf das Schrumpfen und das Altern der Bevölkerung fixiert sind, dass Deutschland mit dem anstehenden Geburtenanstieg vollkommen überfordert sein wird. Nichts davon lesen wir in jenem Buch, das angeblich den tiefen Riss zwischen Kinderlosen und Eltern kitten will, aber das genaue Gegenteil tut. Ihr ehrenwertes Vorhaben beschreiben die beiden Journalistinnen folgendermaßen: 

Der tiefe Riss

"Wir machen alles falsch. (...). Entweder wir haben Kinder und unterliegen damit sofort dem Verdacht - vor allem in Magazinen und Sonntagszeitungen -, übervorsichtige, überehrgeizige oder überbehütende Mütter und Väter zu sein. Oder wir haben keine Kinder und werden - wiederum in Magazinen und Sonntagszeitungen - als egoistische, karriere geile und verantwortungslose Männer und Frauen beschimpft, die sich nur um eines kümmern: sich selbst. In Deutschland im gebärfähigen Alter zu sein ist ein Graus.
Wir lassen uns von jeder noch so kleinen Überschrift provozieren und gegeneinander aufbringen - anstatt dass wir uns zusammenschließen, die Menschen mit und die ohne Kinder, um gemeinsam diesen Schimpftiraden ein Ende zu bereiten." (S.9)

Das wäre ein ehrenwertes Vorhaben, aber es scheitert an der Umsetzung durch das Buch. Dies liegt daran, dass die Autorinnen gar nicht willens sind, die Argumentation der Gegenseite ernst zu nehmen. Ihre Position zum demografischen Wandel erklären sie zur einzig wahren Position, während sie anderen unterstellen, Verschwörungstheorien nachzuhängen:

Der tiefe Riss

"Die Gründe, dass aus diesem Riss mittlerweile ein tiefer Graben geworden ist, haben uns schon vor einigen Jahren die Demografen geliefert. Verstärkt wurde der Konflikt noch durch deren Uneinigkeit über die Interpretation ihrer eigenen Daten und Prognosen. Während die einen die Zukunft düster malen, das Ende unseres Sozialstaates vorhersagen und damit Bestsellern wie Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott oder Überschriften wie »Die Deutschen sterben aus« Nahrung gaben, halten die anderen solche Szenarien für Verschwörungstheorien. Hinter ihnen stünden vor allem die neoliberalen Pläne, den Sozialstaat weiter zu reduzieren und Sozialleistungen zu kürzen.." (S.10)

Die Autorinnen beziehen sich mit dieser Schwarz-Weiß-Malerei auf den Sozialstrukturforscher Stefan HRADIL, der jedoch nicht zwei, sondern vier Positionen in der öffentlichen Debatte ausmacht: die "Pessimisten" (z.B. Herwig BIRG, Hans-Werner SINN und Franz-Xaver KAUFMANN), die "Kritiker" (z. B. BERGER &KAHLERT, Gerd BOSBACH und Christoph BUTTERWEGGE),  die "Optimisten" (Karl-Otto HONDRICH und die "Aktivierer". Letztere, zu denen man HRADIL zählen kann, behaupten, dass die Mobilisierung durch die Pessimisten zu einer Bewältigung der Herausforderungen durch den demografischen Wandel führen würde. Die Autorinnen wissen das auch, aber der Leser muss sich bis auf Seite 101 durchkämpfen, um das zu erkennen. Dort wird die Darstellung von HRADIL von den Autorinnen folgendermaßen bewertet:

Der tiefe Riss

"Der Soziologe Stefan Hradil unterscheidet in seinem Aufsatz über die Demografie-Debatte vier wesentliche »Typen«: Die »Pessimisten« (...). Die »Kritiker«, die die Auswirkungen des Wandels für aufgebauscht halten und jede Änderung am System für neoliberale Bestrebungen zur Zurückdrängung des Wohlfahrtsstaates (Anm.d.V.:  ablehnen?). Die »Optimisten« (...) und die »Aktivierer« (...).
Es ist unerheblich, wer letztendlich recht behält in diesem Meinungsstreit. Wir dürfen uns nur nicht zum Spielball der einen oder anderen Richtung machen lassen. Während sich Kinderlose vor allem von den »Pessimisten«, die den Geburtenrückgang lauthals beklagen, zu Recht unter Druck gesetzt fühlen, sehen sich Eltern durch die »Optimisten«, die dem Schrumpfen der Bevölkerung fast nur Positives abgewinnen können, beinahe verunglimpft in ihrer Rolle. Was darauf folgte, haben wir hier beschrieben - ein Schlagabtausch zwischen Menschen mit und ohne Kinder, der in seiner Sinnlosigkeit und seinem destruktiven Potenzial eigentlich kaum zu überbieten ist. (S.101f.)

Die Autorinnen machen es sich sehr einfach, wenn sie Kinderlose und Eltern als simple "Opfer" zweier Werthaltungen darstellen. Auf dieser Website wird bezweifelt, dass Angst ein guter Ratgeber ist. Im Bereich der Kinderbetreuung und der Grundschule kann man bereits jetzt sehen, dass die Fixierung auf die negativen Aspekte des demografischen Wandels zur Ausblendung der Chancen durch den gegenwärtigen Geburtenanstieg führt. Der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER spricht deswegen zu Recht von Demographismus und fordert Empirie statt Propaganda. RADEMACHERs Typologie der "Beurteilung" des demografischen Wandels ist überzeugender als jene von HRADIL, weil sie die Zielsetzungen und Interessen der politischen Akteure betont, die mit den jeweiligen Ansichten zum demografischen Wandel korrespondieren. Die Autorinnen treibt nach eigener Aussage die Angst, um die Zukunft ihrer Kinde umr:

Der tiefe Riss

"Unsere einzige Motivation ist die, unseren Kindern keine allzu große Hypothek zu hinterlassen. Denn die werden am Ende den Preis für alle heutigen Versäumnisse bezahlen. Und auch das ist wieder so ungerecht, dass man schreien könnte. Statt zu schreien, schreiben wir. Und hoffen, dass man die Lautstärke, die aus einzelnen Zeilen hervorschallen soll, auch hört. Wir schreiben, damit mehr Menschen aufstehen und führ ihre Rechte eintreten, um zumindest ein paar der gröbsten Systemfehler endlich zu korrigieren."
(S.120)

Die Autorinnen möchten also keineswegs über die Lage von Kinderlosen und Eltern aufklären, sondern mittels pessimistischer Szenarien und einem klaren Standpunkt ("Es bedarf einer Umverteilung von Kinderlosen zu Eltern") die politische Meinung beeinflussen.

Auf dieser Website wird deshalb von der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme (Eva BARLÖSIUS) gesprochen. Der demografische Wandel wird als Ideologie begriffen, dessen Auswirkungen allein durch empirische Forschung zu Leibe gerückt werden kann. Während die nationalkonservative Bevölkerungswissenschaft à la BIRG auf wenigen Grundüberzeugungen beruht, die bereits viele Jahrzehnte alt sind und die in Deutschland bis vor wenigen Jahren nicht einmal in Frage gestellt wurden, wäre es an der Zeit zu fragen, inwiefern die Vorstellungen vom demografischen Wandel, die in der öffentlichen Debatte kursieren, überhaupt zutreffend sind. Doch diesen Ansatz verfolgen die Autorinnen nicht, sondern sie schüren Ängste, indem sie in ihrem Buch die Argumentation der Pessimisten (zu denen muss auch Frank SCHIRRMACHER gezählt werden) verbreiten.

Die Position der Kritiker, zu denen sich auch der Autor dieser Website zählt, wird von den Autorinnen ignoriert, denn zwischen die Pessimisten und die Anhänger von Verschwörungstheorien passt bei ihnen - wie oben gesehen - kein Blatt mehr. Der Sozialstaat wird auf dieser Website als Angstschutz begriffen, der den sozialen Frieden im Lande sichert. Wer jedoch Angst zu Propagandazwecken unberechtigt schürt, der schadet dem Zusammenhalt der Gesellschaft mehr als dass er nützt. Aber die Autorinnen tun genau das: Sie schüren Angst, indem sie sich bereits durch ihr politisches Framing (Elisabeth WEHLING) auf eine unselige Tradition der über hundertjährigen Debatte zum Geburtenrückgang beziehen. Das zeigt sich z.B. bei der Alterspyramide:

Der tiefe Riss

"Ein Minister, eine Ministerin nach der anderen versucht, einigermaßen sinnvolle Handlungsanweisungen abzuleiten aus der Tatsache, dass wir keine Alterspyramide mehr haben, bei der eine breite Schicht der Berufstätigen die kleine Spitze der Alten versorgt. Und aus der Frage, welche Auswirkungen die demografische Urne, die an die Stelle der Pyramide getreten ist, tatsächlich auf uns und unseren Sozialstaat hat. Gelungen ist es niemandem. Die Politiker haben keine überzeugenden Antworten und Lösungen für den Wandel unserer Gesellschaft gefunden, ja noch nicht einmal eine breite Diskussion in Gang gesetzt, die ohne Schaum vor dem Mund mögliche Weichenstellungen skizziert." (S.10)

Schaum vor den Mund muss eine solche Darstellung jedoch treiben, denn die Pyramidenform bedeutet etwas ganz anderes: eine hohe Kindersterblichkeit! Das würden sich die Autorinnen wohl kaum für Deutschland wünschen. Der Begriff "Urne" dagegen zeigt bereits, dass die Autorinnen keine sachliche Argumentation bevorzugen. Der Spiegel hat vor Jahren dagegen den Begriff "Hochhaus" benutzt, um die Debatte zu versachlichen. Ein Debattenbuch, das die üblichen Metaphern nationalkonservativer Prägung benutzt, zielt nicht auf Versachlichung, sondern im Gegenteil auf Emotionalisierung.

Fakten, Fakten - nichts als Fakten?

Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth WEHLING hat in ihrem Buch Politisches Framing mit dem Mythos aufgeräumt, dass Fakten für sich sprechen können. Stattdessen sind Fakten immer eingebettet in Metaphern. Welche Metaphern in Debatten benutzt werden, sagt viel darüber aus, mit welcher Emotionalität Debatten geführt werden. GARSOFFKYs & SEMBACHs  "Fakten" werden geschickt mit einem in den Medien inszenierten Konflikt zwischen Kinderlosen und Eltern verwoben, wie die nachfolgende Passage verdeutlicht:

Der tiefe Riss

"Rücksichtslosigkeit ist noch das harmloseste, was sich die beiden Seiten vorwerfen. Offen ziehen Kinderlose über die auf halber Stelle und damit vermeintlich mit halber Leistung arbeitende Mutter in ihrem Team her, die beim Meeting um 17 Uhr schon wieder nicht da ist, obwohl man selbst gern auch nach Hause oder ins Kino gehen würde. Und Eltern lästern hemmungslos über den kinderlosen, karrieregeilen Kollegen, der trotz einer 50-Stunden-Woche noch die Zeit hat, ins Fitnessstudio zu gehen – weil er ja sonst kein Leben hat.
Aus der Demografie- ist längst eine Neiddebatte geworden, in der beide Seiten so damit beschäftigt sind, ihr eigenes Lebensmodell zu verteidigen, dass sie blind geworden sind für die Fakten. Dabei lohnt es sich, diese einmal genauer anzuschauen, ohne gleich Luft für die nächste Rechtfertigung zu holen:
 – Nur noch weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland leben in einer Familie.
 – Kinder sind ein Armutsrisiko in Deutschland. Wer Kinder bekommt, erlebt einen Bruch in seiner Erwerbs- und damit auch in seiner Rentenbiografie, der oft nicht mehr aufzuholen ist.
 – Kinderlosigkeit ist in Deutschland – vor allem in Westdeutschland – im internationalen Vergleich besonders verbreitet. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) sind 20 Prozent der zwischen 1963 und 1967 geborenen Frauen kinderlos, bei den Jahrgängen 1968 bis 1972 lag der Wert im Jahr 2012, als diese Frauen 40 bis 44 Jahre alt waren, bereits bei 22 Prozent. Betrachtet man nur den Jahrgang von 1972 blieb hier sogar jede vierte Frau (24,7 Prozent) kinderlos.
 – In gut 20 Jahren werden wir 40 Prozent mehr Rentner in Deutschland haben als heute, während die Zahl der Erwerbstätigen um ein Viertel schrumpft. – In zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die »Babyboomer« in Rente gehen, werden immer mehr Menschen die selber keine Kinder haben, eine von der dann erwerbstätigen Generation zu bezahlende gesetzliche Altersrente beziehen."
(S.11f)

Der medial inszenierte Konflikt, der in der Alltagswelt der meisten Menschen keine große Rolle spielt, aber nichtsdestotrotz durch die ständige Wiederholung in den Medien zu einer nicht mehr hinterfragten Selbstverständlichkeit geworden ist, beherrscht inzwischen die Deutungsschemata, die zum demografischen Wandel mehr oder weniger unbewusst abgerufen werden. Kurz bevor die "Fakten" präsentiert werden, werden wir als Leser zur unvoreingenommenen Betrachtung der "Faktenlage" aufgerufen. Die Faktenlage, die uns die Autorinnen präsentieren, besteht jedoch aus Halbwahrheiten und Verzerrungen.

Die Zahlen zur Anzahl der Familien stammen aus dem Mikrozensus 2014. Die aktuellen Daten stammen aus dem Mikrozensus 2016 und können der Fachserie Haushalte und Familien entnommen werden. 2016 lebten 81,539 Millionen Menschen in Privathaushalten (2014: 80, 073 Millionen) Davon lebten 39,392 Millionen in Familienhaushalten (2014: 38,732 Millionen). 2014 waren das 48,4 % der Menschen in Privathaushalten am Hauptwohnsitz (2016: 48,3 %). Aber woran liegt das? Es liegt in erster Linie daran, dass Eltern in der Nachfamilienphase vermehrt einen eigenen Haushalt führen, während in der Nachkriegszeit aufgrund der Wohnungsnot die Familienmitglieder noch in Mehrfamilienhaushalten leben mussten. Die Haushalte mit vielen Familienmitgliedern wurden abgelöst durch die Multilokale Mehrgenerationen-Familie. Man lebt heute zwar oftmals unter einem Dach, aber in verschiedenen Haushalten, oder am gleichen Ort. Der amtliche Haushaltsansatz ist ungeeignet, um diese moderne Familienform zu erfassen. 

Der Anstieg der Noch-Kinderlosen in der Vorfamilienphase trägt neben der Minderheit der lebenslang Kinderlosen ebenfalls zur Abnahme der Familienhaushalte bei, aber nur an zweiter Stelle. GARSOFFKY & SEMBACH stellen aber beim Geburtenrückgang nicht etwa die Abnahme der kinderreichen Familie als Hauptgrund des Geburtenrückgangs in den Vordergrund, sondern die Kinderlosigkeit. Sie beziehen sich dabei auf Publikationen aus dem Jahr 2015. Seitdem hat jedoch ein Paradigmenwechsel bei der Beurteilung der Kinderlosigkeit stattgefunden, den die Autorinnen offensichtlich ignoriert haben, um ihr Thema nicht aufgeben zu müssen. GARSOFFKY & SEMBACH zitieren noch Bewertungen auf der Basis des Mikrozensus 2012, die durch die neuen Ergebnisse des Mikrozensus 2016 als überholt gelten müssen. Auch Alexander HAGELÜKEN hat in der Süddeutschen Zeitung kürzlich noch versucht die Kinderlosigkeit in den Vordergrund zu rücken (mehr hier und hier). BUJARD & SULAK schreiben dagegen in ihrem Beitrag Mehr Kinderlose oder weniger Kinderreiche? in der renommierten Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie:

Mehr Kinderlose oder weniger Kinderreiche?

"Die Ergebnisse zeigen, dass der Rückgang der CTFR im zweiten Geburtenrückgang, also der Kohorten 1933 bis 1968, zu 68,0 % auf den direkten Effekt des Rückgangs von Geburten der dritten oder weiteren Kinder zurückzu führen ist und nur zu 25,9 % auf den direkten Effekt der Zunahme der Kinderlosigkeit. Der Interaktionseffekt aus beidem beträgt 6,1 %, die Relation zwischen Frauen mit einem und zwei Kind(ern) hat sich in diesem Zeitraum quasi nicht verändert. Die in der Literatur umstrittene Frage, welcher Treiber insgesamt größer ist, lässt sich hiermit präzise beantworten. Selbst in Deutschland, das eine der höchsten Anteile lebenslang kinderloser Frauen weltweit aufweist, ist der Effekt des Rückgangs der kinderreichen Frauen im Gesamtzeitraum deutlich größer. Die Befunden widersprechen der These, wonach die Kinderlosigkeit der zentrale Treiber des zweiten Geburtenrückgangs ist".
(2016, S.509)

Die Verengung der Debatte über den Geburtenrückgang auf die Kinderlosigkeit ist hauptverantwortlich dafür, dass der medial inszenierte Konflikt zwischen Kinderlosen und Eltern überhaupt so eskalieren konnte. Ausgangspunkt dafür war die Fehleinschätzung des nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftlers Herwig BIRG, auf den sich jene immer wieder bezogen haben, die Kinderlose an den medialen Pranger gestellt haben. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass sich auch die Autorinnen bei ihrer dramatisierenden Darstellung immer wieder auf BIRG berufen, obwohl dessen empirische Untersuchungen zum demografischen Wandel bereits Jahrzehnte zurückliegen. Statt auf aktuelle Befunde setzen die Autorinnen lieber auf Klischees, die eine unvoreingenommene Betrachtung verhindern.

Die Babyboomer als Problem

Es ist eine der Merkwürdigkeiten, dass über die nächsten Jahrzehnte viele Vorstellungen in der Öffentlichkeit kursieren, die mit den Begriff Babyboomer verbunden werden. Diese sollen nach Meinung von GARSOFFKY & SEMBACH in "zehn bis fünfzehn Jahren" in Rente gehen. Das wären also die Jahre 2027 - 2032. Nach der jetzigen Gesetzeslage darf der Geburtenjahrgang 1964 im Jahr 2030 abschlagsfrei mit 67 Jahren in Rente gehen.

Wer zu den Babyboomern gehört, das ist in der Literatur umstritten. Der Jahrgang 1964 gehört jedoch für alle dazu. Eine irrige Meinung besteht darin, dass der Beginn des Geburtenrückgangs das Ende der Babyboomer-Generation bedeute. Dazu gehört der Buchautor Martin RUPPS ("Wir Babyboomer"), der damit die Geburtsjahrgänge 1959 - 1964 meint. Ihm geht es jedoch nicht um den Geburtenrückgang, sondern um eine Mentalitätsgeschichte. RUPPS nennt in seinem Buch Ich will nicht mehr zwanzig sein, eine Konsumstudie, die die Babyboomer als 1954 - 1968 Geborene definiert. Frank SCHIRRMACHER wiederum bezeichnete in seinem Bestseller Das Methusalem-Komplott die Jahrgänge 1950 - 1964 als Babyboomer.

Im Gegensatz zu diesen Publikationen betrachtet der GeroStat Report Altersdaten aus dem Jahr 2009 die Kohortenstärke als wichtigstes Kriterium für die Definition der Babyboomer in Deutschland. Die Autoren des Reports sehen die Grenze bei 1,2 Millionen Geburten pro Babyboomer-Jahrgang. Dies trifft für die Jahrgänge 1959 - 1968 zu (mehr hier). Auf dieser Website wurde teilweise auch die Millionengrenze benutzt, um die Babyboomer zu definieren. GARSOFFKY & SEMBACH sind also selber Angehörige dieser Kohorte (ein Begriff, der das Problem besser tritt als der Generationenbegriff!).

Auch zwei weitere alternde Babyboomerinnen, nämlich Christina BYLOW (Jahrgang 1962) und Kristina VAILLANT (Jahrgang 1964), haben 2014 das Buch Die verratene Generation veröffentlicht. Sie sehen in den Babyboomerinnen kein Problem, sondern Opfer. Den Begriff erklären sie folgendermaßen: 

Die verratene Generation

"Der Begriff Babyboomer stammt aus den USA, beschreibt dort aber eine Generation, die deutlich älter ist als das deutsche Pendant. Die geburtenstarken Jahrgänge werden für den deutschsprachigen Raum je nach Quelle zwischen 1955 und 1965 verortet, dann wieder reichen sie von 1958 bis 1968. (...).
Eines ist unumstritten: Am Ende der sechziger Jahre schlug die Wirkung der zu Beginn des Jahrzehnts auch in Deutschland allmählich eingeführten hormonellen Verhütungspille für Frauen voll durch. Danach fiel die Geburtenrate stark ab. Im Jahr 1964 hatte sie ihren historischen Höhepunkt erreicht: Über 1,51 Millionen Geburten im Jahr. Im Jahr 2011 sackte Deutschland mit 663.500 Neugeborenen auf den historischen Tiefstand seit Gründung der Republik. "
(2014, S.22)

Im Jahr 1964 wurden in der BRD und der DDR zusammen nur 1,36 Millionen Kinder geboren, 2011 waren es 662.685 Kinder. Wer Hoch- und Tiefpunkte nennt, der will dramatisieren, denn der deutsche Babyboom war im Vergleich zu allen anderen Ländern geradezu mickrig. Weil dies so ist, wurde der Geburtsjahrgang 1964 in Deutschland geradezu grotesk in den Hymnen des Jahres 2014 übersteigert (im Grunde wurden jedoch deren Eltern gefeiert, denn diese sind für das einigende Merkmal verantwortlich!).

Die US-amerikanischen Demografen TEITELBAUM & WINTER beschrieben in ihrem Buch The Fear of Population Decline aus dem Jahr 1985 das deutsche Geburtenwunder zu Recht als Baby-Boomchen (mehr hier). Warum, das wird klar, wenn man Deutschland mit Japan und den USA vergleicht. Das nachfolgende Schaubild zeigt, dass der Absturz der Geburten in Japan und den USA ungleich gewaltiger war als in Deutschland:

Die Hysterie in Deutschland lässt sich aufgrund der demografischen Faktenlage kaum erklären. In Japan halbierte sich die Geburtenrate von 3,65 Kindern pro Frau im Jahr 1950 auf 1,75 Kinder pro Frau im Jahr 1980 (vgl. Annette SCHAD-SEIFERT 2006, S.12). Bereits zwischen 1949 und 1960 halbierte sich die Geburtenrate von über 4 Kindern pro Frau auf 2 Kinder. In Deutschland führte dagegen bereits der angebliche Rückgang um ein Drittel zur Hysterie. Seit Mitte der 1970er Jahre liegt die Geburtenrate in Japan unterhalb des Bestandshaltungsniveaus, seit Mitte der 1990er Jahre wie in Deutschland bei 1,3 - 1,4 Kinder pro Frau. Hinzu kommt, dass in Japan die Lebenserwartung weit höher ist als in Deutschland. Alle diese Unterschiede werden in der deutschen Debatte meist ignoriert. Vielmehr wird Japan als Beispiel betrachtet, was Deutschland drohen wird. In dem Kapitel Schreckensszenarien aus dem "Land des Lächelns" wird uns von GARSOFFKY & SEMBACH die Vergreisung und Schrumpfung als Horrorszenario präsentiert. Als einziger Unterschied wird uns die geringere Zuwanderung in Deutschland als mildernder Umstand verkauft. Andere wie Felix LILL ("Einsame Klasse") sehen in Japan das Vorbild einer zukünftigen Single-Gesellschaft. In internationalen Vergleichen werden uns andere Länder ständig als Projektionsflächen für unsere Ängste präsentiert, denn Angst ist das Treibmittel des Neoliberalismus.

Anlässlich der Veröffentlichung des Rentenversicherungsberichts 2017 erklärte Thomas ÖCHSNER in der Süddeutschen Zeitung die Lage der Rentenversicherung in den nächsten 15 Jahre folgendermaßen:

Sieben gute und sieben schlechte Jahre

"Dem Bericht zufolge gibt es von 2017 bis 2023 ein Zwischenhoch mit steigenden Renten, einem stabilen Beitragssatz und stabilem Rentenniveau. Der Rentenexperte Werner Siepe, der die Zahlen der Regierung analysiert hat, spricht von »sieben guten Rentenjahren«, weil der Job-Boom viel Geld in die Rentenkasse spült. 2024 folgt dann ein Übergangsjahr. Danach kommen eher sieben schlechte Rentenjahre. »Das liegt am Eintritt der Babyboomer mit den Geburtsjahrgängen 1959 bis 1968 in den Ruhestand. Die Rentenneuzugänge in diesen Jahren werden deutlich zunehmen, was zu einem starken Anstieg der Rentenausgaben führen wird«, schreibt Finanzmathematiker Siepe in seiner Analyse."
(SZ v. 22.11.2017)

Der Rentenversicherungsbericht 2017 nimmt seinen Ausgangspunkt bei der aktualisierten 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, die von einer konstanten Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau und eine geringeren Steigerung der Lebenserwartung im Vergleich zur letzten Bevölkerungsvorausberechnung ausgeht. Diese Annahmen holen nur nach, was bereits im letzten halben Jahrzehnt stattgefunden hat. Der gegenwärtige Geburtenanstieg auf 1,6 Kinder pro Frau, der bis zum Frauenjahrgang 1985 möglich ist, wird in dieser Prognose gar nicht berücksichtigt. Sollte dies geschehen, dann sind alle Befürchtungen hinsichtlich des demografischen Wandels in den nächsten 20 Jahren hinfällig. Dann stehen aber ganz andere Herausforderungen an: nämlich die Bewältigung des Geburtenanstiegs auf den Deutschland nicht vorbereitet ist.

Kinderlose Luxusrentnerinnen und altersarme Mütter?

Die Alterssicherung ist im Grunde das Hauptthema von GARSOFFKY & SEMBACH und hier werden Kinderlose und Eltern auch ganz gezielt gegeneinander ausgespielt. Das Leitbild ist der katholische Sozialstaat, bei dem Arbeitnehmer die gesellschaftlichen Reproduktionskosten tragen sollen, während die Wirtschaft die Profite daraus ziehen kann. Die Rente nach Kinderzahl, die von Hans-Werner SINN in den Nuller Jahren gefordert wurde, tritt uns nun in der Variante von Martin WERDING entgegen. Dazu wurde auf dieser Website bereits alles gesagt, weshalb gefragt werden soll, mit welchen Bildern die Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt werden sollen. Bei GARSOFFKY & SEMBACH lesen wir:

Der tiefe Riss

"Die heute 66-Jährige hat drei Kinder bekommen, alle drei sind mittlerweile berufstätig und haben selbst Kinder. Während die Kinder groß wurden, hat sie über 20 Jahre ihre depressive Mutter und zum Schluss ihre Schwiegereltern gepflegt. Ihr Mann hat Zeit seines Erwerbslebens angestellt bei der Stadt gearbeitet, und die beiden konnten sich immerhin ein Häuschen auf dem Land und ein kleines Motorboot leisten, auf dem die Familie Urlaub machte .»Dass ich selber arbeite, daran war gar nicht zu denken. Erst waren die Kinder klein, und dann wurden meine Mutter und schließlich die Schwiegereltern krank«, erzählt Uschi Jensen.
Wenn sie heute ihren Rentenbescheid sieht, bereut sie das sehr. »Manchmal denke ich, ich habe den falschen Weg eingeschlagen. 210 Euro Rente bekomme ich - und wenn mein Mann stirbt, bleiben mir noch 60 Prozent von seiner. Unser Haus werde ich mir dann wohl nicht mehr leisten können.« Besonders große Sorgen macht sie sich darüber, was ist, wenn sie selbst einmal Hilfe braucht. »Meinen Kindern möchte ich auf keinen Fall zur Last fallen«, sagt sie. Ihre Tochter hat sie deshalb auch darin bestärkt, einen Beruf zu ergreifen. Und würde nie von verlangen, sie zu pflegen. Ein Pflegeheim wird sie sich hoffentlich leisten können, wenn sie das Haus verkauft. »Manchmal liege ich wach und hoffe inständig, dass ich bis zu Schluss einfach fit bleibe und dann umfalle.«
Ganz anders dagegen das Leben der kinderlosen Elisabeth Siebert. Die 80-Jährige, gepflegte Rentnerin lebt in einer komfortablen Seniorenresidenz mit Restaurant, Schwimmbad und Physiotherapie nahe der Einkaufszone einer beliebten Großstadt. Die Miete ihrer 90-Quadratmeter-Wohnung, die sie sich zusammen mit ihrem Mann teilt, beträgt einige 1.000 Euro inklusive Strom, Gas, Wasser, Telefon. Einmal die Woche kommt eine Reinigungskraft, die alles sauber hält, für den Notfall gibt es einen Klingelknopf im Bad. Elisabeth Siebert hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Sie hat, für eine Frau ihrer Generation eher ungewöhnlich, Karriere in einem Unternehmen gemacht, ihre Rente ist beachtlich, und sie konnte sich ein kleines Vermögen aufbauen. »Für Kinder war nie der richtige Zeitpunkt, entweder fehlte der Partner, oder ich hatte gerade eine neue Chance im Beruf«, erzählt sie. Einsam ist sie nicht: »Ich habe meinen Mann und einen großen Freundeskreis, mir fehlt nichts. »Ihre große Sorge ist, dass sie einmal täglich auf Hilfe angewiesen sein könnte. »Davor fürchte ich mich schon«, sagt sie. Aber leisten kann sie es sich.

Klarer als in diesen beiden exemplarischen Fällen können die Auswirkungen der Entscheidung für oder gegen Kinder, für doer gegen Kümmern kaum auf den Punkt gebracht werden."
(2016, S.111f.)

Die beiden exemplarischen Fälle sind alles andere als repräsentativ und beschrieben nur die vergangene und nicht die zukünftige Situation im Alterssicherungssystem, das aber wäre notwendig gewesen, wenn es den Autorinnen um Aufklärung ginge. Auch reproduziert das Beispiel genau jene Bilder, die den Riss zwischen Kinderlosen und Eltern erst erzeugen. Dabei schreiben die Autorinnen selber, dass das Beispiel der 80-Jährigen die Ausnahme ist. Warum also wird eine Ausnahme präsentiert, doch vor allem um Emotionen zu schüren gegen Kinderlose. Die 80-Jährige gehört zum Frauenjahrgang 1937, der als einer der Letzten auf 2,1 Kinder pro Frau kam und damit zu den Eltern der Babyboomer gehört. Die 66-jährige Mutter gehört dagegen dem Frauenjahrgang 1951 an, bei dem mehr als zwei Kinder schon die Ausnahme waren. Beide Fälle sind also Extrembeispiele und nicht typisch für ihre jeweilige Generation.

Und warum sollen Kinderlose (egal ob Frauen oder Männer!) nicht ihre Mutter pflegen, sondern nur Mütter? Warum keine Väter? Späte Mädchen hießen in der Literatur jene Frauen, die diesem traditionellen Bild entsprachen. Mit dem Aufkommen des Single-Begriffs wandelte sich das Stereotyp der kinderlosen Frau. Der Roman Spinsters von Pagan KENNEDY bringt diese Veränderungen auf den Punkt.

GARSOFFKY & SEMBACH sind jedoch nicht interessiert an einer Debatte, sondern sie wollen eine ganz bestimmte Sicht auf die Zukunft vermitteln, die durch und durch pessimistisch ist. Alle Einwände werden weggewischt. Das Jahr 2050 und 2060 ist nicht ferne Zukunft, sondern todsichere Realität, wie uns die Autorinnen versichern:

Der tiefe Riss

"Müssen wir uns nicht langsam einmal fragen, wie unsere Gesellschaft aussieht, in der Kinderlachen und jugendliche Aufbruchstimmung so rar geworden sind wie handgeschriebene Briefe in der Post? Das ist kein düsteres Schreckensszenario, sondern einfache Mathematik: Im Jahr 2060 wird nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes etwa jede dritte Person in Deutschland 65 Jahre oder älter sein, und es werden fast doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden. (...). Natürlich sind die meisten der Älteren (...) stark selbstzentriert. Vor allem wenn sie keine Kinder haben.
Von den Hochbetagten (80 Jahre und älter) wollen wir nicht einmal sprechen: Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 2013 mit 4,4 Millionen noch rund fünf Prozent. Ihre Zahl wird mit 10 Millionen Menschen im Jahr 2050 den bis dahin höchsten Wert erreichen. Und auch wenn die Zahl der Hochbetagten zwischen 2050 und 2060 auf rund 9 Millionen sinken wird, so ist damit zu rechnen, dass in 50 Jahren etwa 13 Prozent der Bevölkerung, das ist etwa jeder Achte, 80 Jahre und älter sein wird. Das ist ungeheurer viel."
(S.157f.)

Der Statistiker Gerd BOSBACH spricht von Kaffeesatzleserei und auch das Statistische Bundesamt weist inzwischen ausdrücklich darauf hin, dass Treffsicherheit kein Kriterium von Bevölkerungsvorausberechnungen ist. Die Autorinnen dagegen wollen uns weismachen, dass es hier lediglich um "einfache Mathematik" ginge. Tatsächlich geht es nicht um "Pessimisten" oder "Optimisten", sondern um "Dramatisierung" und "Entdramatisierung" sowie um Kritik.

Exkurs: Wie man Dramatisierer und Entdramatisierer erkennen kann

"Im Jahr 2060 (...)(werden) nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (...)  fast doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden",

erklären uns GARSOFFKY & SEMBACH. Es lässt sich für einen Kenner der Materie leicht erkennen, dass diese Aussage nicht willkürlich herausgegriffen ist, sondern in dramatisierender Absicht. Bevölkerungsvorausberechnungen sind nichts als die lineare Fortschreibung der Vergangenheit in die Zukunft. Geht man also 70 Jahre zurück, dann ist man im Jahr 1990. Das war der Höhepunkt und zugleich einer der Wendepunkte in der Geburtenentwicklung Deutschlands. Damals wurden 905.675 Kinder geboren. Will man statt Dramatisieren das Gegenteil erreichen, nämlich entdramatisieren, dann sucht man nach Tiefpunkten. Einer war z.B. im Jahr 1995 als aufgrund des Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft in Deutschland nur noch 765.221 Kinder geboren wurden. Diese sind im Jahr 2060 dann nicht 70, sondern 65 Jahre alt. Alternativ ist auch das Jahr 1985 gut geeignet. Damals wurden 813.803 Kinder geboren. Das war kaum mehr als im Jahr 1984 dem eigentlichen Wendepunkt. Aber Zahlen, die hinten eine Null oder Fünf aufweisen erscheinen so als ob sie nicht gezielt herausgegriffen wurden, sondern sich einfach so ergeben haben. Die 1985 Geborenen sind im Jahr 2060 dann 75 Jahre alt. Aus der nachfolgenden Übersicht ist ersichtlich welche Auswirkungen die Betrachtung eines einzigen Jahrgangs haben kann.

Übersicht: Entdramatisierende und dramatisierende Darstellungsweisen mittels Bevölkerungs-
vorausberechnungen 
Anzahl der
Lebendgeborenen
im Jahr ...
Darstellungs-
absicht
Auswirkung im
Jahr 2060
Anzahl der
Lebend-
geborenen
im Jahr 2060
(1,4 Kinder)
Aussage Anzahl der
Lebend-
geborenen
im Jahr 2060
(1,5 Kinder)
1985 813.803 Entdramatisierung 909.000
75-Jährige
553.000 "knapp ein Drittel
mehr"
616.200
1990 905.675 Dramatisierung 1.049.000
70-Jährige
553.000 "fast doppelt
so viele"
616.200
1995 765.221 Entdramatisierung 936.000
65-Jährige
553.000 "knapp ein Drittel
mehr"
616.200
Quelle: 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes; Varianten 2 und 2a

Auf der Grundlage einer einzigen Variante einer Bevölkerungsvorausberechnung können also ganz unterschiedliche, aber gleichsam "richtige" Aussagen gemacht werden, in Abhängigkeit davon welchen Altersjahrgang man sich herausgreift. Ob es fast doppelt so viele Alte wie Neugeborene gibt oder nur knapp ein Drittel mehr, das macht einen Unterschied. Kritiker wie Gerd BOSBACH ("Die Zahlentrickser") weisen deshalb darauf hin, dass die Nennung von Extremwerten unseriös ist, sondern man sollte gleich große Altersgruppen miteinander vergleichen oder Durchschnittswerte bilden.

Die Autoren hätten aber auch die aktualisierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes verwenden können, die statt der 1,4 Kinder pro Frau eine minimal erhöhte Geburtenrate von 1,5 Kinder pro Frau annimmt. Schließlich hätten sie diese kennen können, denn sie kennen ja auch die Broschüre Jedes Alter zählt, die sie noch am 22. März 2017 abgerufen haben. Gerade einmal 5 Tage später wurde die Variante 2a publiziert. An der Drucklegung kann es nicht gelegen haben, denn die Autorinnen zitieren sogar einige Dokumente, die erst im Juni/Juli 2017 erschienen sind. Dann wäre sogar die Aussage "nicht einmal ein Drittel" möglich gewesen. Bei einem weiteren minimalen Anstieg auf 1,7 Kinder pro Frau, der in einem sehr langen Zeitraum von über 40 Jahren genauso realistisch wäre, würde sich die Kluft sogar weiter reduzieren. 

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Mathematik ist nur das Handwerkszeug, während es auf die Annahmen ankommt. Diese bestimmen das Ergebnis. Das aber leugnen GARSOFFKY & SEMBACH und tun so, als ob sie uns die alternativlose Zukunft aufzeigen. So schreiben sie z.B.:

Der tiefe Riss

"Es hat keinen Sinn mehr, diese Tatsache jahrein, jahraus lauthals zu beklagen. Wir haben zu wenige Kinder. Punkt. Daran ändern auch im Nachkommabereich steigende Geburtenzahlen nichts. Wir müssen anfangen, dem Rechnung zu tragen "
(S.15f.)

Natürlich meinten die Autoren "im Nachkommabereich steigende Geburtenraten". Dies aber ist purer Unsinn. Ein  Anstieg der Kohortenfertilität auf 1,6 Kinder pro Frau bis zum Frauenjahrgang 1985, der nicht unrealistisch ist, würde Deutschland im Bereich der Kinderbetreuung und der Grundschule vor eine gewaltige Aufgabe stellen, wenn Bildung nicht nur rhetorisch gefordert, sondern ernst gemeint wäre. Der Anstieg würde den Rückgang der potentiellen Mütter  bis 2025 mehr als ausgleichen und sollte sich der Anstieg darüber hinaus auf 1,7 Kinder pro Frau fortsetzen, dann würde die angeblich alternativlose Schrumpfung der Bevölkerung auch darüber hinaus ausbleiben (mehr auch hier).

Wir haben auch deswegen zu wenige Kinder, weil die Fixierung auf Schrumpfung und Alterung die Chancen unserer Gegenwart aus den Augen verlieren lässt. Das Buch der Autorinnen ist deshalb kontraproduktiv, weil es die falschen Akzente setzt.

Kinderlosigkeit als Normalität?

Kinderlosigkeit sei in unserer Gesellschaft normal, erklären uns die Autorinnen mit Hinweis auf die Broschüre Kinderlose Frauen und Männer von Carsten WIPPERMANN.:

Der tiefe Riss

"»Kinderlosigkeit ist in allen Altersgruppen, Lebensphasen und Milieus eine weitverbreitete Normalität - allerdings in unterschiedlichem Grade: In der Mitte der Gesellschaft, aber mehr noch in den gehobenen Milieus mit Leitbildfunktion sowie in den soziokulturell dynamischen und stark wachsenden Milieus ist Kinderlosigkeit überdurchschnittlich häufig die Lebenswirklichkeit, teilweise auch das Lebenskonzept.« Dies ist einer der zentralen Befunde der umfassenden Studie des Bundesfamilienministeriums zu kinderlosen Frauen und Männern. Das bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger als: Ein Leben ohne Kinder ist normal geworden in Deutschland. Es ist eine weitverbreitete und längst allgemeine akzeptierte gesellschaftliche Realität.
(S.47)

Was hierbei jedoch weggelassen wird: "Das gilt sowohl für jene, die ihren Kinderwunsch biografisch nach hinten verschieben (mit dem Risiko, dass sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt), als auch für jene, die sich bewusst für ein Leben ohne Kinder entschieden haben (bei einigen kehrt sich diese vormals feste Haltung in späteren Jahren um in den Wunsch nach einem Kind)." Die Massenumfrage fand im März bis Juli 2013 statt. Das ist nicht unerheblich, denn Umfragen werden durch das jeweilige Meinungsklima stark geprägt. Damals war die ungewollte Kinderlosigkeit und nicht die gewollte Kinderlosigkeit das Thema. Der Aufschub mag akzeptiert sein, aber nicht die lebenslange Kinderlosigkeit. Und auch diese Akzeptanz hält sich in engen Grenzen. Das ist das Ergebnis einer neueren Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Sabine DIABATÉ & Kerstin RUCKDESCHEL schreiben dazu in ihrem Artikel Gegen den Mainstream in der Zeitschrift für Familienforschung::

Gegen den Mainstream

"Entgegen der Annahme der sich ausbreitenden »Kultur der Kinderlosigkeit« zeigen die Daten, dass Kinderlosigkeit nicht ganz so oft als gesellschaftlich »normal« bewertet wird. Die Trennlinie verläuft offenbar direkt unter der Zweikindnorm. Die Abweichung nach unten, sei es durch Kinderlosigkeit oder durch die Einkindfamilie charakterisiert, werden auch von der Gesellschaft, so wird es individuell wahrgenommen, als Normabweichung sanktioniert" (2016, S.47)

Die Kinderwunschforschung steht zudem unter großem Rechtfertigungsdruck, weil deren Ergebnisse sich in den letzten Jahren mehr und mehr als fragwürdig erwiesen haben. Dies gilt insbesondere für den Kinderwunsch der Kinderlosen. In kurzer Zeit mussten jahrzehntelang verteidigte Glaubenssätze revidiert werden. Die Kultur der Kinderlosigkeit, die GARSOFFKY & SEMBACH zwar nicht nennen, aber doch in ihrem Buch beschreiben, ist weitgehend ein Forschungsartefakt. Es hat seinen wahren Kern darin, dass in den "gehobenen Milieus mit Leitbildfunktion" Kinderlosigkeit wesentlich weiter verbreitet ist als in der Gesamtbevölkerung. Insbesondere in der Medienbranche, zu der die Autorinnen gehören, ist Kinderlosigkeit zur Lebenswirklichkeit geworden. Inwiefern sich dies ändert, darüber können nur die Mikrozensuserhebungen Auskunft geben. Erst 2020 werden wir mehr darüber erfahren. In der Zwischenzeit müssen wir uns mit Magerkost begnügen, denn die Amtsstatistiker haben es mit tiefergehenden Analysen und Auswertungen des Mikrozensus 2016 nicht besonders eilig. Das Buch von GARSOFFKY & SEMBACH krankt daran, dass es die Belange einer gehobenen Mittelschicht vertritt, während die Interessen der Normalos außen vor bleiben. Dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist, das wird im Buch ausgeblendet bzw. durch den angeblichen Konflikt zwischen Eltern und Kinderlosen verschleiert.

Sind wir auf dem Weg in die Single-Gesellschaft bzw. die Einkind-Gesellschaft?

Die "vollmobile Single-Gesellschaft", die Ulrich BECK Anfang der 1990er Jahre Deutschland für die nahe Zukunft prophezeite, war eine krasse Fehleinschätzung. Auch die Mitte der 1990er Jahre veröffentlichte Auftragsstudie von Stefan HRADIL ("Die Single-Gesellschaft") für die damalige Regierung erwies sich in ihren Prognosen weitgehend als Fehleinschätzung. Nun wollen uns GARSOFFKY & SEMBACH einreden, dass wir nun doch noch auf dem Weg in die Single-Gesellschaft seien:

Der tiefe Riss

"Wir wagen hier nach all unseren Recherchen die These: An den Familiengrößen weltweit kann man das am besten ablesen. Lebt der Mensch in der Agrargesellschaft meist in Großfamilienverbänden, entwickelt sich die Familiengröße in der Industriegesellschaft mit der Trennung zwischen Lebens- und Arbeitsraum zur Kleinfamilie mit einer überschaubaren Kinderzahl von eins bis fünf. Die Anforderungen der Dienstleistungsgesellschaft an jeden Einzelnen und jede Einzelne bereiten den Boden für eine kinderarme Gesellschaft. Was wird uns im Übergang zur digitalen Gesellschaft erwarten? Wenn wir uns die Auswirkungen anschauen, die es jetzt schon (...) gibt, prognostizieren wir die Single-Gesellschaft, in der Bindungen zu anderen Menschen häufig eher locker, distanziert und jederzeit kündbar gestaltet werden. Ein Blick ins Silicon Valley genügt, um diese Prognose nicht völlig absurd zu finden. Sie wird noch untermauert von neuerer Forschung, die festgestellt hat, dass Einzelkinder eher kinderlos bleiben als Menschen aus größeren Familien. Je mehr der Trend zur Einkindfamilie sich also manifestiert, mit allen damit einhergehenden sozialen Isolationsphänomenen, desto wahrscheinlicher wird auch der Anteil Kinderloser steigen. Und diese wiederum bleiben zu einem großen Teil alleinstehend."
(S.99)

Der Autor dieses Beitrags hat die Individualisierungsdebatte von ihren Anfängen in den 1980er Jahren bis heute verfolgt und Ende der 1990er Jahre eine Magisterarbeit über das Single-Dasein geschrieben. Das Thema waren Leistungen und Grenzen von Begriffstraditionen und Typologien. Es handelt sich dabei um eine für damalige Verhältnisse fundamentale Kritik an der Single-Debatte. Inzwischen sind genau 20 Jahre vergangen und die gesellschaftlichen Entwicklungen und die empirischen Forschungsergebnisse in dieser Zeit zeigen, dass diese Fundamentalkritik berechtigt gewesen ist. Im Gegensatz zu den stromlinienförmigen Wissenschaftsbeiträgen bekommen solche Beiträge keinen Beifall in der Öffentlichkeit, sondern entwickeln ihre Sprengkraft erst im Laufe der Zeit, wenn sich die Fehleinschätzungen gehäuft haben und zum Umdenken zwingen. Dieser Prozess dauert immer noch an, aber es zeigen sich Neueinschätzungen 

Als Stefan HRADIL gegen Mitte der Nuller Jahre seine Einschätzung zu den Singles revidierte, was auf dieser Website mit Guten Morgen Herr Soziologe, auch schon aufgewacht! quittiert wurde, war der Weg frei für eine gesellschaftliche Neubewertung. 2010 veröffentlichte Sonja DEML ihre Doktorarbeit, die unter dem Titel Singles: Einsame Herzen oder egoistische Hedonisten eine kritische und empirische Analyse, so der Untertitel, versprach und auch lieferte. Es war eine erste ernsthafte Auseinandersetzung mit der Debatte um die Single-Gesellschaft und mit den Mythen über das Single-Dasein.

Das Buch Wiederkehr der Konformität von Cornelia KOPPETSCH aus dem Jahr 2013 befasst sich mit den Auswirkungen der neuen Klassengesellschaft auf jene, die den Verheißungen der Individualisierung allzu naiv aufgesessen sind. Singles haben unter den neuen Verhältnissen - vor allem bei fehlenden Ressourcen - ein höheres Armutsrisiko. Die unterschiedlichen Dimensionen des echten Single-Daseins (Alleinwirtschaften, Alleinwohnen, Partnerlosigkeit, Kinderlosigkeit - im Unterschied zum falsch zugeschriebenen Single-Status ) führen dabei in vielfältiger Weise zu Stigmatisierungen, Selbststilisierungen oder gar Selbsttäuschungen.     

Der Autor dieses Beitrags kann sich auch als Pionier der Fernbeziehung bezeichnen und zwar aus eigener jahrzehntelanger Erfahrung. Was damals die Ausnahme war, das ist heutzutage im Akademikermilieu zur fast normalen Lebensphase geworden. Die Konsequenzen dieser modernen Partnerschaftsform sind jedoch noch immer nicht ganz begriffen worden und im Buch der alternden Babyboomerinnen kommt sie erst gar nicht vor. Ein fataler Mangel wie weiter unten noch dargelegt wird.     

Ob die Nerd-Kultur des Silicon-Valley das Modell der Zukunft sein wird, das bleibt abzuwarten. Bislang wird eher das urbane Gegenstück der Global-City mit den Family-Gentrifiers als idealtypischen Bewohnern präferiert. Wie schon gegen Ulrich BECK einzuwenden ist: Statt der vollmobilen-Single-Gesellschaft ist die multilokale Partnerschaft bzw. Familie entstanden. Diese mag kinderärmer sein, aber die Bestandserhaltungszahl von 2,1 Kinder pro Frau hat in modernen, offenen Gesellschaften nicht die gleiche Bedeutung wie in früheren Gesellschaften. Abschottungstendenzen wie sie Nationalkonservative von BIRG bis AfD bevorzugen, könnten die Lage jedoch ändern. Aber solche Aspekte kommen bei den Autorinnen nicht vor, die eher den Nationalkonservativen in die Hände spielen.

Vor Jahren wurde befürchtet, dass die Single-Haushalte der Älteren rapide steigen würden. Das Gegenteil ist jedoch inzwischen der Fall:

Immer mehr ältere Menschen leben mit einem Partner zusammen

"Der Anteil älterer Menschen, die mit ihrem Partner einen gemeinsamen Haushalt bewohnen, ist zuletzt stark angestiegen. Während 1996 nur etwas mehr als die Hälfte der 70- bis 79-Jährigen in einer Partnerschaft lebte, so sind es gegenwärtig bereits zwei Drittel. Ein ähnlicher Trend zeigt sich bei Menschen im Alter von 80 und mehr Jahren: Hier wuchs der Anteil von 26% auf nunmehr 41%. Dies hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) auf Basis des Mikrozensus berechnet, bei dem Partnerschaften in einem gemeinsamen Haushalt erfasst werden. Die wichtigste Ursache für den Anstieg liegt in der Verschiebung der Geschlechterproportion. So gab es noch vor zwei Jahrzehnten bei älteren Menschen einen starken Frauenüberschuss, da Männer in dieser Altersgruppe durch den Zweiten Weltkrieg dezimiert waren. Mittlerweile ist die Altersstruktur bei älteren Männern und Frauen wieder etwas ausgeglichener. Hinzu kommt, dass heute Partnerschaften ohne Trauschein weitgehend akzeptiert sind, weshalb auch ältere Menschen häufiger zusammenleben, ohne verheiratet zu sein."
(Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Pressemeldung v. 21.12.2016)

Im Kapitel Niedrige Geburtenraten akzeptieren wird die Einkindfamilie, ein Schreckgespenst, das bereits die Debatten über den Geburtenrückgang zwischen den beiden Weltkriegen beherrscht hat, als unser Schicksal beschrieben:

Der tiefe Riss

"Wir haben den Zeitpunkt für eine Ankurbelung der Geburtenrate (...) längst verpasst. Und da wir seit gut 40 Jahren eine Geburtenrate auf sehr niedrigem Niveau haben, würde das auch gar nichts mehr nützen. Denn die Frauen, die wieder Kinder Haben müssten, sind nie geboren worden. Deutschland hat zudem kaum Großfamilien, im Gegenteil: Die Einkindfamilie ist mit 53 Prozent das am häufigsten gelebte Modell. Auch das ist ein Grund für unser Demografieproblem. Wenn Frauen immer später nur ein Kind bekommen, führt das nicht zu einem nachhaltigen Bevölkerungswachstum."
(S.199)

Dass die Einkindfamilie das weit verbreiteste Modell in Deutschland ist, ist eine Fehlinterpretation der Daten durch die Autorinnen. Im Datenreport 2016, den sie in der Fußnote zitieren, steht lediglich, dass im Jahr 2014 in 53 Prozent der Familienhaushalte ein lediges Kind lebte (S.52). Das kann vieles heißen, z.B. dass das zweite Kind noch nicht geboren wurde, im Haushalt des anderen Elternteils lebt oder schon den Familienhaushalt wegen Gründung eines eigenen Haushalts verlassen hat. Für die Bevölkerungsentwicklung ist dagegen die Paritätsverteilung entscheidend, d.h. wie viele gebärfähige Frauen es mit welcher Kinderzahl gibt. Die aktuellen Daten finden sich zu den Lebendgeborenen nach der Geburtenfolge im Statistischen Jahrbuch 2017 (S.36)  Diese Daten stehen erst seit dem Jahr 2009 zur Verfügung, weshalb ein Vergleich mit früheren Generationen nicht möglich ist. Das führte - wie bereits weiter oben erwähnt - zu krassen Fehleinschätzungen hinsichtlich der Kinderlosigkeit in Deutschland. Lediglich ein Vergleich mit früheren Paritätsverteilungen ergibt Aufschluss über Trends zu Ein-, Zwei- oder Mehrkindfamilien. Wie sich diese Paritätsverteilung langfristig entwickelt, darüber lässt sich nur spekulieren. Deshalb könnte man genauso gut Szenarien entwerfen, in denen die Drei-Kind-Familie zum neuen Modell würde. Anhand der folgenden Tabelle ist die Entwicklung für Deutschland in den Jahren 2009-2015 ersichtlich: 

Tabelle: Die Entwicklung der Geburten nach der Geburtenfolge in Deutschland
 2009 - 2015
Jahr 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Gesamtzahl 665.126 677.947 662.685 673.544 682.069 714.927 737.575
1. Kinder 331.467
(49,8 %)
335.862
(49,5 %)
329.952
(49,8 %)
332.847
(49,9 %)
337.175
(49,4 %)
353.910
(49,5 %)
361.154
(49,0 %)
2. Kinder 224.270
(33,7 %)
229.931
(33,9 %)
225.398
(34,0 %)
231.743
(34,4 %)
234.929
(34,4 %)
244.538
(34,2 %)
254.001
(34,4 %)
3. Kinder 74.849
(11,3 %)
77.129
(11,4 %)
74.005
(11,2 %)
75.072
(11,1 %)
76.109
(11,2 %)
80.327
(11,2 %)
84.036
(11,4 %)
4. u.w.Kinder. 34.540
(5,2 %)
35.025
(5,2 %)
33.330
(5,0 %)
33.882
(5,0 %)
33.856
(5,0 %)
36.152
(5,1 %)
24.952
(3,4 %)
5.  u.w. Kinder             13.432
(1,8 %)
Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserien Natürliche Bevölkerungsbewegung 2009-2014;
2015 DESTATIS-Website Lebendgeborene nach Geburtenfolge (Abruf: 02.01.2017)

Die Tabelle bietet lediglich erste Anhaltspunkte, denn unveränderte Verteilungen auf dieser Ebene können durchaus durch verschiedene Entwicklungen z.B. im Ost-West-Vergleich bzw. bei den unterschiedlichen Frauenjahrgängen ergeben. Das würde aber diesen Beitrag sprengen und unterbleibt deshalb an dieser Stelle.

Das Buch Zukunft der Familie, herausgegeben von Günter BURKART, diskutierte 2009 unter dem Eindruck der bevorstehenden Schrumpfung mögliche Szenarien des Wandels der Familie. Diese Szenarien und Prognosen mögen zwar ebenfalls "pessimistisch" sein, aber sie diskutieren wenigstens die ganze mögliche Spannbreite.

In dem Buch spielen deshalb auch Fortschritte der Reproduktionsmedizin und Regenbogenfamilien eine Rolle. Themen also, die die alternden Babyboomerinnen erst gar nicht behandeln. Sie bleiben stattdessen altmodischen Vorstellungen verhaftet, weshalb sie eine mögliche "Single-Gesellschaft" auch nur als Niedergang der Familie zeichnen können. Als Beispiel aus dem Buch dient nachfolgend das Szenario von Maja S. MAIER:

Gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Elternschaft

"Da Kinderwunsch und Familiengründung nicht länger ausschließlich biographische Projekte von Heterosexuellen sind, werden sich in diesem Bereich die Grenzziehungen zwischen heterosexuell und homosexuell verwischen (...). Denkbar ist es dann, dass die Differenzierung zwischen Homosexualität und Heterosexualität in ihrer bekannten Form verschwindet und neue Grenzlinien zwischen Homosexuellen, die in familiär und/oder partnerschaftlichen Lebensformen leben und Individuen, die sich solchen Lebensentwürfen entziehen, entstehen. (...). Was bis ins 20. Jahrhundert allein den Frauen vorbehalten war, der direkte Übergang vom Bildungssystem in die Familie, könnte (...) zukünftig für beide Geschlechter - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung - zu einer Option werden. (...). Dies hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit zum einen die Folge, dass die technologischen Verfahren, die eine vom Geschlecht und von Heterosexualität unabhängige Fortpflanzung ermöglichen, weiterentwickelt und etabliert werden. Hierzu bekannt gewordene Beispiele sind der »schwangere Mann« oder die im Zuge der Stammzellenforschung entwickelte Möglichkeit einer spermienlosen Befruchtung. Zum anderen wäre auch zu erwarten, dass (erwerbsbezogene) Lebensentwürfe, in denen nicht nur Sexualität, sondern auch die Beziehungsgestaltung von der biologischen Reproduktion abgekoppelt ist, weniger problematisiert und mehr mit Blick auf ihre eigenständige Qualität entwickelt werden."
(2009, S.207)

Noch aktueller ist der Kinderwunsch von partnerlosen Singles. Im Buch Mutter Spender Kind von Anya STEINER heißt es:

Mutter Spender Kind

"Unerfüllter Kinderwunsch ist ein aktuelles Thema, das mehr Menschen in Deutschland betrifft, als allgemein angenommen wird. In vielen Fällen ist der fehlende Partner der Grund dafür. Bei einer Allensbach-Umfrage von 2011 gaben 40 Prozent der Kinderlosen an, (noch) nicht den richtigen Partner für die Umsetzung ihres Kinderwunsches gefunden zu haben. Die in diesem Buch porträtierten Frauen entschieden sich dafür, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, allein aktiv zu werden und ohne Partner eine Familie zu gründen. Auch wenn diese Frauen und ihre Kinder in der öffentlichen Wahrnehmung bisher unterrepräsentiert sind, leben sie inmitten unserer modernen Gesellschaft und tragen zur Vielfalt von Lebensentwürfen und Familienmodellen bei. Die meisten dieser Frauen sind keine  »Single mothers by choice«, dieser Terminus hat sich in den USA dafür eingebürgt (etwa: freiwillige Singlemütter), sondern »Single mothers by default« (etwa: Singlemütter, weil es keine andere Möglichkeit gab)."
(2015, S.10f.)

Das mag für viele politisch unerwünscht sein, doch auch diese Konflikte werden die zukünftige Debatte prägen, auch wenn GARSOFFKY & SEMBACH das ignorieren und lieber die Kinderlosigkeit statt politisch unerwünschte Kinderwünsche thematisieren.

Dass dieses Thema ausgeblendet wird, liegt offensichtlich daran, dass GARSOFFKY & SEMBACH den gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck auf gewollt kinderlose Akademikerinnen nicht erhöhen wollen. Sie zitieren z.B. Sarah DIEHL ("Die Uhr, die nicht tickt"). Die Rente nach Kinderzahl, die sie propagieren wird jedoch den Rechtfertigungsdruck nicht verringern, sondern die Polarisierung zwischen kinderlosen Nicht-AkademikerInnen und AkademikerInnen verstärken. Das Elterngeld, das auch explizit mit der Begründung eingeführt wurde, dass in Deutschland die Falschen die Kinder bekommen, hat nämlich nicht zu einem Rückgang der Kinderlosigkeit in allen Schichten, sondern nur im Akademikermilieu, geführt. Die Zeche der elitenfeministischen Lösung, die GARSOFFKY & SEMBACH bevorzugen, zahlen die geringverdienenden Kinderlosen. Die Hürden der Paarbildung als Voraussetzung der Familiengründung, sind nämlich ein Problem, das die Autorinnen schlichtweg leugnen.      

Mutlosigkeit und Ängstlichkeit sind das gravierende Problem des Buchs

Die Autorinnen sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder? Dann wundert es, dass die Babyboomerinnen das Problem vom Ende her denken, statt vom Anfang. Sie haben eher die eigene Alterssicherung im Blick als die gewandelten Bedingungen der Familiengründung. Statt sich den Problemen der multilokalen Partnerschaft zu widmen und die Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft zu thematisieren, jammern sie im Chor der Mainstreamstimmen über die Bindungs- und Beziehungslosigkeit ("Generation Beziehungslos").

Wer jenseits der Metropolen mit 500.000 und mehr Einwohnern, die direkt mit ICEs verbunden sind, eine Fernbeziehung leben muss, weil sich - trotz angeblichem Fachkräftemangel - keine angemessene Arbeitsstelle für beide am gleichen Ort findet, der wird kaum an eine Familiengründung denken. Das hat inzwischen selbst Norbert F. SCHNEIDER vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung festgestellt. Und auch wer eine Familie gegründet hat, der steht bei einem Arbeitsplatzverlust oftmals vor der Tatsache, dass die Fernbeziehung die einzige Option ist, um einen Absturz zu verhindern. In der Hartz-Gesellschaft ist das nicht mehr nur ein Problem des wohl situierten Akademikermilieus, das karrieregeil nur den Aufstieg im Sinn hat. In der Abstiegsgesellschaft, um einen Modebegriff zu verwenden, der es eigentlich nicht trifft, ist die Fernbeziehung zur Notwendigkeit im Kampf um den Abstieg geworden. Der Übergang zum Paar ist damit zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden. Das Phänomen wird bislang jedoch nur selten thematisiert. In dem Beitrag "Hartz" oder Herz von DIENER & FELDHAUS aus dem Jahr 2011 heißt es z.B.:

"Hartz" oder Herz?

"Gerade in einer Phase der Partnerschaft, die heutzutage als Findungs- und Probierphase gilt und die eben noch nicht eingegangen wird unter der Prämisse einer breit angelegten, wechselseitigen Versorgungsgemeinschaft, können (...) die Kosten dieser Entscheidung zum Zusammenziehen in die Höhe getrieben werden. In einem größeren, gesellschaftlichen und sozialstaatlichen Kontext gestellt, ergibt sich aus den vorliegenden Ergebnissen, dass die intendierten Änderungen der Arbeitsmarktreform in Deutschland mit vermutlich nicht intendierten Folgen im Hinblick auf den partnerschaftlichen Institutionalisierungsprozess einhergehen. Mit der Einführung es ALG II und der damit auftretenden Verschärfung der Anrechnung von Partnereinkommen wurden rechtlich Anreize wie auch Restriktionen geschaffen, die auf den privaten, paarinternen Entscheidungsprozess einwirken. Gerade für Paarbildungsprozesse können hiermit hohe Hindernisse verbunden sein (...). Diese Beeinträchtigung erreicht ihren Höhepunkt, wenn bereits zusammenlebende Paare aus ökonomischen Gründen, die mit dem eingeschränktem ALG-II-Bezug verbunden sind, wieder auseinanderziehen."
(2011, S.216)

Fernbeziehungen sind zu einer Option geworden, um Hartz IV zu vermeiden, denn Abstieg beginnt nicht erst als Hartz IV-Empfänger, sondern viel früher. Die Debatte um egoistische oder karrieregeile Kinderlose blendet die hohen Kosten einer solchen Partnerschaft aus. Wenn Partnerschaft weiter als Vorbedingung einer Familie angesehen wird - und das ist in den meisten Fällen immer noch so, dann ist keineswegs die Familiengründung das Hauptproblem, sondern bereits die Paarbildung. Das hat in vielen Fällen nichts mit überhöhten Ansprüchen zu tun, sondern schlichtweg mit den Bedingungen der flexiblen Gesellschaft und dem modernen Arbeitsmarkt.

Der Wunsch der Akademikerinnen auf Augenhöhe zu heiraten, hat zur Polarisierung der Gesellschaft ebenfalls beigetragen. Sozialer Aufstieg durch Heirat ist in Zeiten der Doppel-Karriere-Paare und der Herrschaft der neuen Mittelschicht kein anerkannter Weg mehr. Die Konsequenz ist, dass gering verdienende Singlemänner zum Problemfall werden. Die Gelegenheitsstrukturen auf den Heirats- und Partnermärkten ist mittlerweile zum eigenständigen Forschungsfeld aufgestiegen und eine zeitlang waren im öffentlichen Diskurs auch Menschen ohne Beziehungserfahrung ein Thema. In den elitenfeministisch dominierten Debatten der letzten Jahre sind diese Probleme jedoch wieder verdrängt worden. Bindungsangst und Beziehungsunfähigkeit sind allemal öffentlichkeitswirksamere Themen als ein unverstellter Blick auf die neue Klassengesellschaft und deren Konsequenzen für die Paarbildung und Familiengründung. Es könnte sich jedoch rächen, wenn der linksliberale Mainstream diese Themen den rechten Populisten überlässt.    

Fazit: Die alternden Babyboomerinnen verschenken ein wichtiges Thema, weil sie nicht radikal genug denken und sich einer Versachlichung der Debatte verweigern   

Das Buch von GARSOFFKY & SEMBACH bleibt allzu sehr dem feuilletonistischen Zeitgeist verhaftet als dass es jene Probleme aufgreifen könnte, die wirklichen Sprengstoff für die zukünftige Gesellschaftsentwicklung in sich haben. Statt die Problematik der Familiengründung umfassend zu erörtern, und dies hieße neben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch die Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft sowie die Hürden des Paarbildungsprozesses zu thematisieren, rücken sie lediglich die Befindlichkeiten des Akademikermilieus in den Mittelpunkt. Aus diesem Grunde wird der Rückgang der Geburten der Kinderlosigkeit zugeschrieben, was nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, denn problematischer ist der Rückgang der kinderreichen Familien. Das Elterngeld hat die Probleme nicht entschärft, sondern die Polarisierung verstärkt. GARSOFFKY & SEMBACH wollen den großen Wurf (Rente nach Kinderzahl, Grundeinkommen) und hadern deshalb mit den scheinbar geringen Auswirkungen der politischen Maßnahmen. Die Fixierung auf Schrumpfung und Alterung verhindert den Blick auf die tatsächliche Herausforderung der nächsten Jahre: die Bewältigung des Geburtenanstiegs in Deutschland, der von den Autorinnen klein geredet werden muss. Mit einseitig "pessimistischen" Szenarien versuchen sie die Politisierung im Namen ihrer Kinder. Die drohenden Probleme bei der Kinderbetreuung und in den Grundschulen, die jetzt erst in Umrissen erkennbar werden (siehe Sachsen), bleiben im Buch außen vor. Dies gilt ebenfalls für moderne Paar- und Familienformen. Teilweise verhindert die unsachliche Sprache und die Anlehnung an die unselige nationalkonservative Bildsprache, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema verspielt wird. Wer bei diesem heiklen Thema Kinderlose ins Boot holen will, der sollte deren Probleme ernst nehmen und nicht nur den eigenen Standpunkt gelten lassen wollen. Schon die Einleitung dürfte viele Kinderlose vom Lesen des Buchs derart abschrecken, dass sie zu den sachlicheren Teilen erst gar nicht mehr vordringen. Diese Rezension beschränkt sich deshalb darauf, die Ausblendungen und Beschränkungen aufzuzeigen sowie die Sicht auf den Geburtenrückgang mit abweichenden Entwicklungsmöglichkeiten zu konfrontieren.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen.
          
 Die Rede von der "Single-Gesellschaft" rechtfertigt gegenwärtig eine Demografiepolitik, die zukünftig weite Teile der Bevölkerung wesentlich schlechter stellen wird. In zahlreichen Beiträgen, die zumeist erstmals im Internet veröffentlicht wurden, entlarvt der Soziologe Bernd Kittlaus gängige Vorstellungen über Singles als dreiste Lügen. Das Buch leistet damit wichtige Argumentationshilfen im neuen Verteilungskampf Alt gegen Jung, Kinderreiche gegen Kinderarme und Modernisierungsgewinner gegen Modernisierungsverlierer."

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Januar 2018
Update: 04. Januar 2018