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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 14)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 14: 2017)

2017

MILUPA (2017):Aktuelle Milupa Geburtenliste zeigt: Geburtenrate 2016 in Deutschland um rund 6 Prozent gestiegen,
in: Pressemitteilung der Milupa Nutricia GmbH v. 11.01.

"Die Ergebnisse zeigen, dass es im vergangenen Jahr 760.652 Geburten in deutschen Kliniken gab. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Geburtenrate in Deutschland somit um 6,08 Prozent gestiegen", heißt es in der Pressemitteilung.

DESTATIS (2017): 2.268 Babys von Frauen ab 45 Jahre im Jahr 2015 geboren,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 24.01.

"Im Jahr 2015 wurden 2.268 Kinder von Frauen geboren, die 45 Jahre oder älter waren. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, waren das 0,3 % aller lebend geborenen Babys dieses Jahres. Ähnlich viele Geburten hatten Mütter ab 45 Jahre bereits vor 50 Jahren gehabt. Im Jahr 1965 hatten sie 2.491 Babys zur Welt gebracht, was 0,2 % aller Geborenen entsprochen hatte. Danach hat nicht nur die Zahl der Geburten insgesamt, sondern auch die Zahl der Geburten von älteren Müttern abgenommen. Im Jahr 2000 hatten 706 Neugeborene eine Mutter, die 45 Jahre oder älter war (0,1 % aller Geburten). Seitdem stiegen die Geburten in dieser Altersgruppe kontinuierlich und haben sich bis 2015 mehr als verdreifacht",

heißt es zur Zahl der Woche des Statistischen Bundesamtes. Nicht mitgeteilt wird uns jedoch die Anzahl der Mütter, die 1965 Kinder geboren haben. Diese ist um einiges größer als heutzutage gewesen, d.h. heutzutage gibt es relativ mehr späte Mütter über 45 Jahre als 1965, auch wenn das Statistische Bundesamt eher das Gegenteil suggeriert.

Zieht man die altersspezifischen Geburtenziffern der Frauen von 45 und mehr Jahren zur Rate, dann stieg die Geburtenziffer dieser Frauen von 2,5 im Jahr 2011 auf 3,4 im Jahr 2015. Damit ist die Geburtenzahl dieser Frauen inzwischen genauso hoch wie jene der 15 und 16-jährigen Frauen

Viel interessanter ist dagegen der Anstieg der Geburtenzahlen bei den über 40-jährigen Frauen. Diese Frauen wurden noch Mitte der Nuller Jahre zu den lebenslang Kinderlosen gezählt. Diese Geburtenziffer lag im Jahr 2011 bei 59,3 und ist seitdem auf 75,7 gestiegen. Würden die über 40-jährigen Frauen  heutzutage bei der Geburtenrate nicht mitberücksichtigt, dann würde sie für das Jahr 2015 nicht bei 1,50 Geburten pro Frau liegen, sondern nur bei 1,42.

DESTATIS (2017): Bevölkerung in Deutschland voraussichtlich auf 82,8 Millionen gestiegen,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 27.01.

"Die Einwohnerzahl Deutschlands steigt aufgrund der überdurchschnittlich hohen Wanderungsgewinne seit 2012 wieder an. Das Statistische Bundesamt (Destatis) geht nach einer Schätzung derzeit davon aus, dass Ende 2016 etwa 82,8 Millionen Menschen hier gelebt haben. Am Jahresende 2015 waren es 82,2 Millionen Menschen gewesen. Damit würde Ende 2016 der bisherige Höchststand vom Jahresende 2002 von gut 82,5 Millionen Personen übertroffen werden",

erklärt uns das Statistische Bundesamt. In Wirklichkeit sind die Zahlen von 2002 und 2016 nicht vergleichbar, weil dazwischen der Zensus 2011 lag, der zur Korrektur der Bevölkerungszahlen um ca. 1,5 Millionen nach unten führte, d.h. die heutige Bevölkerungszahl läge bereits seit längerem über jener des Jahres 2002.

"Für 2016 wird der Schätzung nach mit 730.000 bis 770.000 Geburten"

gerechnet. Letztes Jahr prognostizierte das Statistische Bundesamt 705.000 bis 730.000 Geburten. Tatsächlich waren es dann 737.575 Geburten.

ASTHEIMER, Sven (2017): In Deutschland leben so viele Menschen wie noch nie.
Durch Zuwanderung steigt die Zahl auf fast 83 Millionen - für den demographischen Wandel hat das Folgen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 28.01.

Sven ASTHEIMER nutzt die gestrige Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes zur Bevölkerungsentwicklung zur Demografisierung gesellschaftlicher Probleme.

"Gerechnet wird mit einem leichten Anstieg der neugeborenen Kinder auf bis zu 770.000 und einer annähernd gleichbleibenden Zahl an Todesfällen mit bis zu 940.000. Daraus ergibt sich ein anhaltend negatives Geburtendefizit von mindestens 150.000",

erzählt uns ASTHEIMER. Was wäre dann eigentlich ein positives Geburtendefizit? Da käme ASTHEIMER wohl in Erklärungsnot. Diese Sicht ist zudem normativ, weil dabei die "natürliche" der "unnatürlichen" Bevölkerungsbewegung (Wanderungen) gegenübergestellt wird. Der Betrachtung liegt ein statisches Bevölkerungsideal zugrunde, das wohl eher einer geschlossenen als einer offenen Gesellschaft angemessen ist.

Zuletzt kommt die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung ins Visier, der erst im Jahr 2018 eine neue Bevölkerungsvorausberechnung folgen soll, obwohl deren Annahmen sowohl zu Geburten als auch zu den Wanderungen bereits bei ihrer Veröffentlichung überholt waren und nun Jahr für Jahr immer krasser von der Realität abweichen.

So liegt der Wanderungsüberschuss für 2016 selbst in der hohen Variante 2 um 350.000 Personen zu niedrig, was fast 90 Prozent daneben ist. Auch im letzten Jahr sah es nicht besser aus. Die Zahl der Geburten wird für 2016 mit 697.000 angegeben und liegt damit gemäß der jetzt veröffentlichten Schätzung um mindestens 33.000 (bei 770.000 sogar um 73.000) zu niedrig. 

BUNDESMINISTERIUM DES INNERN (2017): Jedes Alter zählt.
"Für mehr Wohlstand und Lebensqualität aller Generationen". Eine demografiepolitische Bilanz der Bundesregierung zum Ende der 18. Legislaturperiode,
in: bmi.bund.de
v. 01.02.

Auf dieser Website wird schon seit Jahren kritisiert, dass in den Bevölkerungsvorausberechnungen die Geburtenentwicklung in Deutschland und die Zuwanderung nicht angemessen berücksichtigt wird. Noch im August letzten Jahres hat Olga PÖTZSCH die Bevölkerungsvorausberechnung vehement gegen jegliche Kritik verteidigt. Vorausberechnungen sollen keine Wirklichkeit abbilden, sondern dabei helfen die notwendige Politik durchzusetzen, so ihre Verteidigungslinie.

Nun also hat die Politik eine Kehrtwende vollzogen, die längst überfällig war, denn die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes war schon bei ihrer Veröffentlichung überholt, wie auf dieser Website kritisiert wurde.

"Bei der Entwicklung der Geburtenrate deutet sich eine Veränderung an. Dafür spricht der Anstieg bei der sogenannten endgültigen Kinderzahl von Frauenjahrgängen. Bis zum Geburtsjahrgang 1968 ist der Wert jahrzehntelang kontinuierlich zurückgegangen. Der Geburtsjahrgang 1968 hat mit 1,49 Kindern je Frau die niedrigste Kinderzahl. Dieser Rückgang scheint nun gestoppt. Vorausberechnungen zeigen, dass Frauen, die in den 1970er Jahren geboren sind, wieder etwas mehr Kinder zur Welt bringen, 1973 Geborene etwa 1,56. Für die nachfolgenden Jahrgänge bis 1980 zeichnet sich ein weiterer Anstieg auf knapp 1,6 Kinder ab",

verkündet nun der Demographiebericht. Dabei wird auf den Aufsatz Mehr Kinderlose oder weniger Kinderreiche? von BUJARD & SULAK im Septemberheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie verwiesen. Tatsächlich ist jedoch schon viel länger bekannt, dass die endgültige Kinderzahl (CFR) höher liegt als diejenige der Geburtenrate (TFR). Bislang wurde jedoch von Olga PÖTZSCH immer bestritten, dass die Frauenjahrgänge in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre eine höhere Geburtenrate aufweisen als diejenigen Frauenjahrgänge, die Anfang der 1970er Jahre geboren wurden.

Warum jetzt also dieser Sinneswandel, obwohl doch keinerlei neue Fakten zur Geburtensituation auf den Tisch gelegt wurden? Nachdem nun alle sozialpolitischen Forderungen erfolgreich mit Hinweis auf die schlimme demografische Lage abgeschmettert wurden, kann man sich nun in tollen Prognosen sonnen, ohne dass noch mit angemessenen Gesetzen reagiert werden müsste!

ASTHEIMER, Sven (2017): Deutschland schrumpft nicht mehr.
Die Regierung geht davon aus, dass mehr Einwanderer und Kinder die Bevölkerungszahl stabilisieren. Ein großes Risiko bleibt aber bestehen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 02.02.

Ausgerechnet das IW Köln, das Bevölkerungsvorausberechnungen nach Gutsherrenart betreibt und je nach Zielsetzung zu völlig konträren Einschätzungen der demografischen Lage kommt, nennt Sven ASTHEIMER als Kritiker der amtlichen Bevölkerungsvorausberechnung. Dabei hatte das IW Köln fast gleichzeitig mit dem Statistischen Bundesamt eine Prognose veröffentlicht, um die überhöhten Zuwanderungszahlen der amtlichen Statistiker zu kritisieren.

ASTHEIMER, Sven (2017): Von wegen schrumpfen.
Kommentar,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 02.02.

"Endlich hat auch die amtliche Statistik zur Kenntnis genommen, dass mehr Geburten und der Zustrom von Migranten keine Kurzzeitphänomene sind", meint Sven ASTHEIMER.

SPECHT, Frank (2017): Die Arbeitskräfte verschwinden.
Demografie: Nur mit 400.000 Zuwanderern pro Jahr könnte Deutschland die Zahl der Erwerbspersonen bis 2060 stabil halten - doch das erscheint unrealistisch,
in:
Handelsblatt v. 17.02.

Frank SPECHT gibt den IAB-Kurzbericht von Johann FUCHS, Doris SÖHNLEIN und Brigitte WEBER wieder, ohne dessen überholten Grundannahmen zu kritisieren. So wird in der Projektion eine konstante Geburtenrate von 1,427 angenommen, obwohl diese inzwischen schon bei 1,5 liegt. Der aktuelle Demografiebericht geht von einem Geburtenanstieg auf 1,6 aus. Allein ein solcher Anstieg würde zu rund 1 Million Erwerbspersonen mehr führen. Bereits bei einem Wanderungssaldo von 300.000 wäre die Anzahl der Erwerbspersonen nahezu konstant.

Fazit: Von einem demografiebedingten Arbeitskräftemangel kann keine Rede sein.

DOWIDEIT, Anette (2017): 3 sind die neuen 2.
Essay: Besonders in der Mittelschicht scheint das Dogma der Zweikindfamilie ins Wanken zu geraten. Das dritte Kind ist eine Adelung der eigenen Leistungsfähigkeit. Aber es steckt noch weit mehr dahinter,
in:
Welt v. 18.02.

Erst letztes Jahr entdeckte die Bevölkerungsforschung, dass es zu wenige Drei-Kind-Familien gibt. Und welch ein Wunder entdeckt die Welt nun, dass die Drei-Kind-Familie die neue Norm in der Welt der Akademiker sei. Weil jedoch die gefühlte Geburtenrate nichts zählt, werden uns gleich noch Zahlen des Statistischen Bundesamtes präsentiert, die die gefühlte Geburtenrate von Anette DOWIDEIT bestätigen sollen:

"Laut Statistischem Bundesamt wurden 2015 genau 84.036 Babys geboren, die für die Mutter das dritte Kind waren - zwölf Prozent mehr als im Jahr 2009. Die Zahl der Drittgeborenen legte damit deutlich stärker zu als die der Kinder insgesamt."

Wenn die Zahl der gebärfähigen Frauen steigt, dann steigt auch die Zahl der Drei-Kind-Familien ohne dass sich der Anteil der Frauen mit 3 Kindern erhöhen muss. Die Zahlen, die uns DOWIDEIT liefert, belegen nicht das, was sie behauptet.

Der Trugschluss wird klar, wenn man auf der Seite des Statistischen Bundesamtes nachschaut: 2015 brachten lediglich 11,5 Prozent der Frauen in Deutschland ein drittes Kind zur Welt (2010 lag der Anteil bei 11,4 Prozent; vgl. Fachserie 1, Reihe 1.1, 2010, S.90). Und wie hoch der Anteil von Akademikerinnen war, bleibt zudem noch dahingestellt.

GERSEMANN, Olaf (2017): Sieben Millionen Zuwanderer bis 2040?
Europäische Statistiker haben neue Bevölkerungsprognosen vorgelegt. Demnach kommen deutlich mehr Einwanderer nach Deutschland als erwartet,
in:
Welt v. 01.03.

Olaf GERSEMANN ist entsetzt über die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen, weil den Neoliberalen plötzlich die Argumente wegbrechen. Seit Jahrzehnten wird das neoliberale Mantra heruntergebetet, dass der Sozialstaat wegen dem demografischen Wandel nicht tragbar sei. Nun klagt GERSEMANN:

"Wenn sich in Deutschland und anderen EU-Ländern die demografischen Herausforderungen relativeren, dann verlieren jene ein wichtiges Argument, die für eine Sanierung der Staatsfinanzen werben."

Bereits der Anfang Februar veröffentlichte Demografiebericht der Bundesregierung wies die neue Richtung, was die Springer-Presse einfach totschwieg. Nun geht das nicht mehr:

"Das Statistische Bundesamt und auch die europäische Statistikbehörde operieren seit dieser Woche mit Daten, denen zufolge die schleichende Verzwergung ausbleibt. In Deutschland würden demnach noch über Jahrzehnte hinweg annähernd 80 Millionen Menschen leben.
Besonders kühn ist die Eurostat-Prognose, die das Amt am Montagnachmittag in seine frei zugängliche Online-Dabenbak eingestellt hat. Ihr zufolge werden sogar mehr als 84 Millionen Menschen in der Bundesrepublik leben - und das über einen langen Zeitraum hinweg, nämlich von 2022 bis 2041."

Dabei ist das was uns GERSEMANN eröffnet, kalter Kaffee, denn das Statistische Bundesamt hat zwar eine Variante seiner Bevölkerungsvorausberechnung aktualisiert, die jedoch weiterhin hinter den Annahmen des Demografieberichts zurückbleibt. Dass sich die Behörde nun überhaupt zu einer Veröffentlichung entschlossen hat, weist darauf hin, dass die Kritik an der Bevölkerungsvorausberechnung nicht mehr weiter ignoriert werden konnte.

Fazit: GERSEMANNs Bericht bleibt weit hinter den Annahmen des Demografieberichts der Bundesregierung zur Bevölkerungsentwicklung zurück. Das ganze Ausmaß der Fehleinschätzung wird weiterhin geleugnet, weil dies den neoliberalen Interessen entgegenlaufen würde. Man darf also gespannt sein wie lange diese Leugnung noch durchzuhalten sein wird, denn die EUROSTAT-Zahlen, die vehement angegriffen werden, stimmen eher mit den Annahmen des Demografieberichts überein als mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes, das immer noch defensiv agiert.

Eine Online-Version des Artikels findet sich hier.

EUROSTAT (2017): Über 5 Millionen Neugeborene im Jahr 2015 in der EU.
Frauen bei Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt knapp 29 Jahre alt,
in:
Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 08.03.

Aus der Pressemitteilung ergeben sich folgende Geburtenzahlen und zusammengefasste Geburtenziffern für die 28 EU-Länder im Jahr 2015:
 

Land

Geburtenzahl

Geburtenrate (TFR)
Belgien 122.274 1,70
Bulgarien 65.950 1,53
Tschechien 110.764 1,57
Dänemark 58.205 1,71
Deutschland 737.575 1,50
Estland 13.907 1,58
Irland 65.537 1,92
Griechenland 91.847 1,33
Spanien 418.432 1,33
Frankreich 799.671 1,96
Kroatien 37.503 1,40
Italien 485.780 1,35
Zypern 9.170 1,32
Lettland 21.979 1,70
Litauen 31.475 1,70
Luxemburg 6.115 1,47
Ungarn 92.135 1,45
Malta 4.325 1,45
Niederlande 170.510 1,66
Österreich 84.381 1,49
Polen 369.308 1,32
Portugal 85.500 1,31
Rumänien 197.491 1,58
Slowenien 20.641 1,57
Slowakei 55.602 1,40
Finnland 55.472 1,65
Schweden 114.870 1,85
Großbritannien 776.746 1,80

DOERFLER, Kordula (2017): Zuzug hält Deutschland jung.
Der Demografiegipfel befasst sich kaum mit den Chancen der Zuwanderung,
in:
Frankfurter Rundschau v. 17.03.

Kordula DOERFLER ist offenbar hinsichtlich der Bevölkerungsvorausberechnung nicht auf dem Laufenden, denn sie zitiert noch aus der Variante 2 der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung vom April 2015, obwohl das Statistische Bundesamt seine Vorausberechnung kürzlich aktualisiert hat. Die Zahlen für die erwerbsfähige Bevölkerung für das Jahr 2060 wurden um ca.1,7 Millionen erhöht. Bei dieser Berechnung ist jedoch die steigende Geburtenrate immer noch nicht angemessen berücksichtigt. Sollte diese weiter steigen, ist auch die jetzige Aktualisierung hinfällig. 

HEIDENREICH, Ulrike (2017): Oma schafft das.
Eine Studie weiß: Gebildete Großmütter bekommen mehr Enkel,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.04.

Die Demografin Maria Rita TESTA ist bekannt dafür dem Zeitgeist hinterher zu hecheln. Rief sie noch Mitte der Nuller Jahre mit ihren Zunftkollegen die Niedrigfertilitäts-Falle aus (die von Frank "Panik" SCHIRRMACHER im Buch "Minimun" popularisiert wurde), wonach die Geburtenrate zwangsläufig immer stärker sinken müsse, weil sich eine Kultur der Kinderlosigkeit unter den Hochgebildeten gebildet habe, so erklärt sie uns nun - welch ein Wunder - das genaue Gegenteil: Hochgebildete sollen nun mehr Kinder als die Ungebildeten bekommen.

Genauso wie die Niedrigfertilitäts-Falle ist das nur zeitgeistiger Unsinn, denn TESTA hat lediglich KinderWÜNSCHE untersucht, die bekanntlich wenig über die tatsächliche Kinderzahl aussagen - und Ursachenerklärungen lassen sich mit Querschnittsdaten sowieso nicht belegen!

NEIßE, Wilfried (2017): Bevölkerungsprognose schwierig.
Enquetekommission informiert sich über die Geheimnisse der Einwohnerentwicklung,
in:
Neues Deutschland v. 13.05.

Wilfried NEIßE berichtet über eine Sitzung der Enquetekommission Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in Brandenburg, in der es um die Bevölkerungsprognose ging und der Abteilungsleiter Rudolf FROESE vom Statistikamt Berlin-Brandenburg Rede und Antwort stand.

"Deutliche Abweichungen gab es bei den Geburten: im Jahr 2014 wurden in Brandenburg etwa 1.000 Kinder mehr geboren als erwartet.",

berichtet NEIßE, der ansonsten die Fehleinschätzungen hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung in Brandenburg herunterspielte, indem er darauf verweist, dass die falsch eingeschätzten Entwicklung auch der Zuwanderung an der Grundtendenz wenig ändere:

"Insgesamt gehen die Einwohnerzahlen in Brandenburg zurück. 1990 gab es mehr als 2,6 Millionen Einwohner, jetzt sind es noch 2,4 Millionen."

Bevölkerungsvorausschätzungen spielen jedoch z.B. in der Debatte um die geplante Gebietsreform in Brandenburg eine große Rolle.

"Die Opposition verweist auf aktuelle ermittelte höhere Geburtenraten und schließt daraus, dass die Grundlagen für die Reform erschüttert seien. SPD und LINKE dagegen beharren, dass die Gesamtannahme nicht verändert werde, wenn in den Landkreisen jetzt einige Dutzend Kinder mehr geboren werden als ursprünglich angenommen."

Das Chaos bei den Statistikämtern kommt den Verteidigern mit ihren Niedergangsszenarien gerade recht. Denn neue Zahlen zur Bevölkerungssituation 2016 verzögern sich bis nach der Bundestagswahl im Jahr 2018. Es kann davon ausgegangen werden, dass sie - nicht nur in Brandenburg - ungünstig für jene ausfallen, die mit demografischen Argumenten die letzten Jahrzehnten neoliberale Politik als alternativlos darstellen konnten.

DESTATIS (2017): Geburtenziffer in Deutschland weiterhin unter EU-Durchschnitt,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 15.05.

Einem Schaubild der Pressemitteilung lässt sich folgende Rangfolge der EU-Länder entnehmen:

Tabelle: Die zusammengefassten Geburten-
ziffern der 28 EU-Länder im Jahr 2015
Rang Land Geburtenrate (TFR)
1 Frankreich 1,96
2 Irland 1,92
3 Schweden 1,85
4 Großbritannien 1,80
5 Dänemark 1,71
6 Belgien 1,70
  Lettland 1,70
  Litauen 1,70
9 Niederlande 1,66
10 Finnland 1,65
11 Estland 1,58
(EU-Durchschnitt)
  Rumänien 1,58
13 Tschechien 1,57
  Slowenien 1,57
15 Bulgarien 1,53
16 Deutschland 1,50
17 Österreich 1,49
18 Luxemburg 1,47
19 Ungarn 1,45
  Malta 1,45
21 Kroatien 1,40
  Slowakei 1,40
23 Italien 1,35
24 Griechenland 1,33
  Spanien 1,33
26 Zypern 1,32
  Polen 1,32
28 Portugal 1,31
Quelle: Statistisches Bundesamt 2017

SCHÄFER, Christoph (2017): Putzleute haben viele Kinder, Bäcker wenige.
Für die Kinderzahl spielen Bildung, Migrationshintergrund, Geld und Zeit eine Rolle,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.05.

Christoph SCHÄFER stellt eine berufsgruppenspezifische Analyse der Geburtenrate von Christian SCHMITT (DIW) auf Basis des SOEP vor. Das Klischee Je höher der Bildungsgrad, desto niedriger die durchschnittliche Kinderzahl stimmt nicht einmal für die Akademikerinnen. Für die Männer ist es sogar vollkommen wirklichkeitsfremd.

Aber auch die berufsgruppenspezifische Analyse ist aufgrund ihrer zu kleinen Stichprobe (lediglich 20.000 Befragte im Gegensatz zu ca. 830.000 Befragten der amtlichen Statistik, die 1 % der Bevölkerung repräsentieren) nicht in der Lage die ganze Spannbreite der Faktoren zu bestimmen, da sich in Berufsgruppen immer auch die unterschiedlichen sozioökonomischen Dimensionen wiederspiegeln, sodass gerade heterogen zusammengesetzte Berufsgruppen dazu führen, dass die Vielfalt der Faktoren durch das Forschungsdesign nivelliert und dadurch ausgeblendet werden. Eine Berufsgruppe, die 50 Prozent Frauen und Männer aufweisen würde, könnte z.B. darüber hinwegtäuschen, dass Frauen viel mehr Kinder bekommen als die Männer oder umgekehrt.

Der Einfluss des unterschiedlichen Durchschnittsalters von Berufsgruppen findet z.B. keinen Eingang in die Analyse obwohl junge Beschäftigte zwangsläufig weniger Kinder als ältere Beschäftigte haben. Und wenn, dann bleibt dieser Aspekt zumindest unerwähnt, obgleich er doch erwähnenswert wäre.

ASTHEIMER, Sven (2017): Deutsche bekommen wieder mehr Kinder,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.05.

Sven ASTHEIMER kommentiert das Schaubild der gestrigen Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes.

KAUFMANN, Stephan (2017): Verdreht, geschönt, bearbeitet.
Arbeitslose, Flüchtlinge, Reiche: Mit Zahlentricksereien wird Politik gemacht, wie Statistik-Professor Bosbach zeit,
in:
Frankfurter Rundschau v. 08.07.

Stephan KAUFMANN zeigt, wie mittels Statistik die Vergleichbarkeit von Fakten verhindert werden kann. So werden Arbeitslose in Deutschland seit Jahren wegdefiniert, indem einfach die Definition von Arbeitslosigkeit geändert wurde. Auch beim Vergleich der Erwerbstätigen wird gerne geschummelt, z.B. im derzeit beliebten Vergleich mit Frankreich. Misst man jedoch nicht die Köpfe, sondern die gearbeitete Arbeitszeit, dann steht Frankreich besser da als Deutschland.

Ein beliebter Trick, das gewünschte Ergebnis zu erzielen, ist die Wahl des Vergleichsjahres. So wird gerne publiziert, dass sich die Geburtenzahlen im Vergleich mit 1964 halbiert hätten. Dagegen werden seit 41 Jahren durchschnittlich 774.627 Kinder in Deutschland geboren. Die Geburtenzahl des Jahres 2015 liegt lediglich 37.052 Kinder niedriger als dieser langjährige Durchschnitt. Es kann also gar keine Rede sein, dass die Alterslast des Minibabybooms in Deutschland nicht zu tragen ist. Länder wie die USA oder Japan haben einen wesentlich größeren Babyboom zu bewältigen. Neoliberale picken sich also jene Zahlen heraus, die besonders gut zu ihrer politischen Ideologie passen.

EUROSTAT (2017): EU-Bevölkerung zum 1. Januar 2017 auf knapp 512 Millionen gestiegen,
in: Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 10.07.

Eurostat veröffentlicht heute Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung Ende 2016, wobei es für Deutschland nur Schätzungen gibt. So wird die Anzahl der Geburten in Deutschland für das Jahr 2016 mit 770.000 angegeben. Dies entspricht der Obergrenze der Schätzung des Statistischen Bundesamtes vom Januar.

BERTELSMANNSTIFTUNG (2017): Schüler-Boom: Zehntausende zusätzliche Lehrer und Klassenräume notwendig,
in: Pressemitteilung der Bertelsmannstiftung v. 12.07.

Am 26. Juli wird das Statistische Bundesamt eine Pressekonferenz zu Kinderlosigkeit, Geburten und Familien veranstalten, denn nur alle 4 Jahren werden mit dem Mikrozensus brauchbare Daten über die Entwicklung der Geburten in Deutschland veröffentlicht - ganz sicher nicht zufällig vor den Bundestagswahlen. Und ist es ein Zufall, dass die Ankündigung just dann kommt, als die Bertelsmannstiftung die Broschüre Demographische Rendite adé präsentiert. Geplant war bislang, dass Zahlen zur Geburtenentwicklung 2016 erst im Herbst veröffentlicht werden. Hat also das Statistische Bundesamt die Veröffentlichung vorgezogen, weil die Bertelsmannstiftung mit ihrer Broschüre Druck ausübt?

Auf dieser Website wird schon seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Geburtenentwicklung in Deutschland in den Bevölkerungsvorausberechnungen nicht angemessen berücksichtigt wird. Wenn jetzt die Bertelsmannstiftung plötzlich behauptet nun gäbe es dringenden Handlungsbedarf wegen steigender Schülerzahlen, dann ist das nichts als neoliberale Verlogenheit. Das Problem war schon seit Jahren erkennbar und nicht erst jetzt. In der Studie der neoliberalen Bertelsmannstiftung heißt es:

"Im Jahr 2015 legte das Statistische Bundesamt die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung »Bevölkerung Deutschlands bis 2060« (Statistisches Bundesamt 2015) vor. Diese Vorausberechnung, die sich auf die Basisdaten zum 31. Dezember 2013 stützt, enthält insgesamt acht unterschiedliche Varianten, zwei davon stellten die Autoren in den Mittelpunkt der Präsentation. Beide Varianten nahmen für den gesamten Prognosezeitraum konstant bleibende zusammengefasste Geburtenziffern an. (...).
Ein Vergleich mit den Prognosewerten der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zeigt, dass die Vorausberechnung den Wanderungssaldo für 2014 um etwa 50.000 und den für 2015 um mehr als 600.000 unterschätzt. Gleichfalls unterschätzte diese Vorausberechnung die Geburtenzahlen: Für 2014 und 2015 wurden 685.000 bzw. 691.000 Geburten erwartet. Tatsächlich wurden für diese Jahre 715.000 bzw. 738.000 gezählt (vgl. Tabelle A3).
Angesichts dieser Abweichungen der tatsächlichen Entwicklung von den Prognosewerten hat das Statistische Bundesamt im Frühjahr 2017 im Rahmen der Vorbereitung seiner Studie zur Entwicklung der Privathaushalte bis 2035 eine Aktualisierung der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung erarbeitet und vorgelegt (Statistisches Bundesamt 2017c). Diese Aktualisierung (Variante 2-A der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung) stützt sich auf die Basisdaten zum 31. Dezember 2015 und arbeitet mit Wanderungssalden, die von 750.000 im Jahr 2016 auf 250.000 im Jahr 2020 und auf 200.000 für die Jahre ab 2021 zurückgehen (...).
Des Weiteren arbeitet die aktualisierte Prognose des Statistischen Bundesamtes mit den für 2015 ermittelten altersspezifischen Geburtenziffern, die angeben, wie viele lebendgeborene Kinder jeweils 1.000 Frauen der einzelnen Altersjahrgänge im Jahr 2015 bekommen haben. Die daraus abgeleiteten zusammengefassten Geburtenziffern werden in der Vorausschätzung des Statistischen Bundesamtes über den gesamten Prognosezeitraum konstant gehalten.
Aber auch die so aktualisierte Bevölkerungsvorausberechnung unterschätzt unserer Auffassung nach hinsichtlich der angenommenen Geburtenzahlen die tatsächliche Entwicklung des Jahres 2016. Für dieses erste Prognosejahr erwartet diese Vorausberechnung 747.000 Geburten und – in Folge der Zuwanderung auch in diesem Altersjahrgang – insgesamt 754.000 unter Einjährige. Amtliche Daten zur Geburtenzahl des Jahres 2016 liegen noch nicht vor und werden wohl frühestens zum Ende des Jahres 2017 mitgeteilt werden. Das Statistische Bundesamt (2017b) gibt daher nur eine erwartete Bandbreite an: Es schätzt, dass die Geburtenzahl 2016 zwischen 730.000 und 770.000 liegen wird. Wir gehen – wie der folgende Abschnitt zeigt – davon aus, dass es 2016 in etwa 781.000 Geburten gab und dass die Altersgruppe der unter Einjährigen noch durch etwa 7.000 zugewanderte Kinder dieser Altersgruppe verstärkt wurde." (2017, S.12f.)

Bereits Anfang Februar erschien der Demografiebericht der Bundesregierung, der von den Mainstreammedien - bis auf die FAZ - völlig ignoriert wurde und der von einem Anstieg der Geburtenrate auf 1,6 Kinder pro Frau ausging. Auch das war damals schon längst bekannt, aber in den Mainstreammedien für die gute Nachrichten schlechte Nachrichten sind, wurde das nur selten erwähnt.

Dass Neoliberale bislang keinerlei Interesse an der Publizierung des veränderten Geburtenverhaltens hatten, zeigt insbesondere der Artikel von Olaf GERSEMANN in der Welt von Anfang März.

Doch der demografische Wandel hat ganz andere Auswirkungen, die einer Demoagogisierung mittels Horrorszenarien zuwiderlaufen wie sie Neoliberale betreiben. Es hat deshalb so lange gedauert bis dieser Widerspruch nun auch das neoliberale Lager mit der Bertelsmannstiftung erreicht hat, weil es bislang bequem war zu leugnen, dass die Geburtenentwicklung positiver verläuft als behauptet. Die Kollateralschäden dieser Vogel-Strauß-Politik werden nun sichtbar und es dürfte nicht lange dauern bis gefragt werden wird, warum man dies nicht früher erkannt hatte.

HEUZEROTH, Thomas (2017): Schüler, Schüler, Schüler.
Bildungsexperten haben sich verschätzt. In wenigen Jahren drängen eine Million mehr Kinder in die Schulen als gedacht. Die Institutionen sind überfordert,
in:
Welt v. 13.07.

"Bislang geht die Kultusministerkonferenz (KMK) von 7,2 Millionen Schülern für das Jahr 2025 aus. (...) Tatsächlich werden (...) 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche an die Schulen drängen. (...).
Tatsächlich beruht die offizielle Schülerprognose der Kultusministerkonferenz von 2013 noch auf Zahlen aus dem Jahr 2012. Seitdem sind fünf Mal in Folge die Geburtenzahlen angestiegen. In der Studie wurden die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes (2015) mit noch aktuelleren Zahlen des Babynahrung-Herstellers Milupa für ihre Berechnungen genutzt. Das Unternehmen verfügt über Geburtenzahlen aller deutschen Geburtsstationen der Krankenhäuser des Jahres 2016",

erklärt uns Thomas HEUZEROTH. Zu der Milupa-Geburtenliste 2016 heißt es in der Studie:

"Die Milupa Nutricia GmbH veröffentlicht seit 1999 jährlich die Milupa Geburtenliste (Milupa 2017). Diese Liste erfasst alle Geburten in deutschen Kliniken. Die Ergebnisse dieser Erfassung liegen daher grundsätzlich unter den endgültigen Geburtenzahlen, da Hausgeburten und Geburten in Geburtshäusern nicht einbezogen werden. So wurden in der Milupa Geburtenliste für 2014 insgesamt 693.400 Geburten gemeldet. Das waren 97 Prozent der tatsächlich für 2014 für Deutschland berichteten 714.927 Geburten. Für 2015 meldet die Geburtenliste 717.020 Geburten; das entspricht 97,2 Prozent der für 2015 insgesamt in Deutschland gezählten 737.575 Geburten. Tatsächlich liegen also die Werte der Geburtenliste unterhalb, gleichwohl aber dicht bei den tatsächlichen Geburtenzahlen. Ein weiterer Vergleich der Daten der Geburtenliste mit den tatsächlich berichteten Geburten belegt, dass diese Liste belastbare Daten für die Abschätzung der Gesamtzahl der Geburten in Deutschland liefert: Von 2014 nach 2015 ergibt sich aus den Milupa Geburtenlisten dieser beiden Jahre ein Geburtenanstieg auf 103,4 Prozent (717.020 gegenüber 693.400). Bei den für Deutschland insgesamt für diese beiden Jahre gemeldeten Geburtenzahlen findet sich ein Anstieg auf 103,2 Prozent (737.575 gegenüber 714.927)." (2017, S.29)

Die Autoren der Studie gehen deshalb von folgenden Geburtenzahlen aus:

"Für die Schätzung der Geburtenzahlen wird davon ausgegangen, dass die Geburtenzahlen in Deutschland im Jahr 2016 um 5,9 Prozent (nach Korrektur des in der Milupa Geburtenliste berichteten prozentualen Anstiegs um 0,2 Prozentpunkte) höher lagen als 2015 und damit von 737.575 (2015) auf 781.092 (2016) angestiegen sind. In dieser prozentualen Steigerung ist die vom Statistischen Bundesamt in seiner Vorausschätzung erwartete Geburtensteigerung von 1,3 Prozent enthalten. Somit ergibt sich für die hier vorgelegte eigene Vorausberechnung eine höhere Annahme der Geburtenentwicklung zwischen 2015 und 2016 gegenüber der Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von 4,5 Prozent." (2017, S.30)

Ein Vergleich der tatsächlichen Geburtenzahlen mit der Variante 2 und 2A der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (BVB) vom April 2015 bzw. März 2017 ergibt folgendes Bild:

Tabelle: Vergleich der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen
des Statistischen Bundesamtes mit der tatsächlichen Geburtenentwicklung
Jahr BVB 2015
(Variante 2)
BVB 2017
(Variante 2a)
tatsächliche
Geburtenzahl
Bertelsmann-
Schätzung
Differenz
zu BVB 2015
2014 685.000   714. 927   ca. 31.000
2015 691.000 745.000 737.575   ca. 46.500
2016 697.000 754.000   781.092 ca. 84.000
 

SAUER, Stefan (2017): In den Schulen wird es eng.
Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt bis 2030 dramatischen Zuwachs der Schülerzahlen voraus,
in:
Frankfurter Rundschau v. 13.07.

"Grundlage der neuen Berechnungen ist zum einen der unverhoffte Geburtenanstieg in den letzten Jahren. 2014 und 2015 kamen zusammengenommen gut 1,45 Millionen Babys in Deutschland zur Welt. Das waren fast 80.000 mehr als vom Statistischen Bundesamt 2013 angenommen. Für 2016 geht die Studie von einem nochmaligen Anstieg auf 781.000 Geburten aus. Die Bevölkerungsvorausberechnung von 2013 hatte konstant etwa 710.000 Geburten pro Jahr angenommen",

erzählt uns der Märchenonkel der FR. Weder ist das Veröffentlichungsdatum richtig, noch stimmt es, dass die Geburtenzahl als konstant angenommen wurde, sondern lediglich die Geburtenrate. Denn nach der Bevölkerungsvorausberechnung wäre die Geburtenzahl bis 2020 auf 706.000 angestiegen, um danach kontinuierlich zurückzugehen (2030: 639.000; 2040: 581.000; 2050: 553.000).

STALA SACHSEN-ANHALT (2017): Geburtenanstieg in Sachsen-Anhalt,
in: Pressemitteilung des Statistischen Landesamts Sachsen-Anhalt v. 26.07.

"Der Trend steigender Geburtenzahlen setzt sich in Sachsen-Anhalt seit dem Jahr 2014 weiterhin fort. Im 1. Halbjahr 2016 wurden in Sachsen-Anhalt 8 633 Kinder lebend geboren. Wie das Statistische Landesamt in Halle (Saale) mitteilte, waren das 269 Neugeborene bzw. 3,2 Prozent mehr als im 1. Halbjahr 2015.
Die Entwicklung verlief regional unterschiedlich. Der Saalekreis und der Salzlandkreis verzeichneten gegenüber dem 1. Halbjahr 2015 Steigerungen um 11 bzw. 10 Prozent, die kreisfreie Stadt Dessau-Roßlau registrierte eine Zunahme von 6 Prozent. Die beiden einwohnerreichsten Städte Halle (Saale) und Magdeburg verbuchten Geburtenzunahmen von 5 bzw. 4 Prozent.
In den Landkreisen Altmarkkreis Salzwedel, Anhalt-Bitterfeld, Harz und Wittenberg nahmen die Geburtenzahlen gegenüber dem 1. Halbjahr 2015 ab", heißt es in der Pressemitteilung.

REINSCH, Melanie (2017): Aufatmen - ein wenig.
Leidartikel: Die Kinderlosigkeit steigt nicht weiter. Das ist ein Erfolg. Die angestrebte Trendwende gibt es aber nicht. Wie lässt sie sich erreichen?
in: Frankfurter Rundschau
v. 27.07.

"Ein Blick in die Nachbarländer zeigt: Deutschland bildet mit der Schweiz, Italien und Finnland das Schlusslicht. Nirgendwo sonst in Europa leben mehr Frauen ohne Baby",

erklärt uns Melanie REINSCH. Die Demografin Michaela KREYENFELD hat in ihrem Blog folgende Zahlen zur Kinderlosigkeit des Frauenjahrgangs 1965 in 21 europäischen Ländern veröffentlicht. Betrachtet man zugleich die EUROSTAT-Zahlen zur Geburtenentwicklung in diesen Ländern, dann ergibt sich folgende Übersicht:

Land Anteil der Kinderlosen des Frauenjahrgangs 1965 (CFT)
(Seitenabruf: 02.08.2017)
Geburtenrate im Jahr 2015
(TFR)
Schweiz 22 % 1,54
Westdeutschland 22 % 1,50
Österreich 21 % 1,49
England/Wales 21 %  
Finnland 19 % 1,65
Niederlande 18 % 1,66
Italien 18 % 1,35
Griechenland 16 % 1,33
Ostdeutschland 16 % 1,56
Spanien 15 % 1,33
Schweden 13 % 1,85
Portugal 13 % 1,31
Frankreich 13 % 1,96
Rumänien 12 % 1,58
Norwegen 12 %  
Dänemark 12 % 1,71
Slowakei 11 % 1,40
Ungarn 10 % 1,45
Slowenien 9 % 1,57
Tschechien 7 % 1,57
Bulgarien 4 % 1,53

Auf den ersten Blick ist deutlich, dass ein hoher Anteil von Kinderlosen nicht gleichbedeutend mit einer niedrigen Geburtenrate (TFR) ist und umgekehrt ein niedriger Anteil von Kinderlosen nicht gleichbedeutend mit einer hohen Geburtenrate. So hat Bulgarien trotz niedrigstem Kinderlosenanteil von 4 % eine kaum höhere Geburtenrate als Deutschland. Niederlande und Finnland haben dagegen trotz hoher Kinderlosigkeit eine vergleichsweise hohe Geburtenrate.

AMT FÜR STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG (2017): Mehr Geburten im ersten Halbjahr 2016,
in: Pressemitteilung Amt für Statistik Berlin-Brandenburg v. 02.08.

"Im ersten Halbjahr 2016 wurden in Berlin 19.800 Kinder geboren, 10.100 Jungen und 9.700 Mädchen. Nach Mitteilung des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg waren es insgesamt 1.600 Neugeborene bzw. 8,8 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Andererseits sind 17.400 Menschen verstorben, annähernd genau so viele wie im Vergleichszeitraum 2015. Damit ergibt sich ein Geburtenüberschuss von 2.400 Personen.
Im Land Brandenburg erblickten 10.100 Kinder in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 das Licht der Welt, davon 5.200 Jungen und 4.900 Mädchen. Das waren fast 1.000 Kinder bzw. 10,9 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2015. Verstorben sind 16.100 Menschen und damit etwas weniger als im Vergleichszeitraum. Dennoch bedeutet dies ein Geburtendefizit von 6.000 Personen", meldet das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.

UHLMANN, Stefan (2017): Mehr Kinder.
Geburten: Die Zahl der Neugeborenen pro Frau in Deutschland steigt wieder an, liegt aber weiter unter der der Sterbefälle. Im europäischen Vergleich ist der Zuwachs eher bescheiden,
in:
Das Parlament Nr.32-33 v. 07.08.

EUROSTAT (2017): Teenage and older mothers in the EU,
in: Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 08.08.

Nach der EUROSTAT-Definition gehören alle unter-20-Jährigen zur Kategorie "Teenagermütter". Der Anteil der unter 15-Jährigen spielt dabei keine Rolle. In der gesamten EU gab es lediglich 193 Mütter, die jünger als 15 Jahre alt waren (Gesamtzahl der Geburten: ca. 2,34 Millionen). Aus der folgenden Übersicht ist der Anteil der Teenagermütter in den 28 EU-Ländern ersichtlich:

Land Rang

Anteil der
Teenagermütter
(in Prozent) im
Jahr 2015

Rumänien 1 12,3 %
Bulgarien 2 11,9 %
Ungarn 3 9,0 %
Slowakei 4 8,4 %
Lettland 5 5,5 %
Großbritannien 6 5,4 %
Litauen 6 5,4 %
Polen 8 4,8 %
Estland 9 4,4 %
Malta 10 4,3 %
Kroatien 11 4,2 %
Portugal 12 3,7 %
Frankreich 13 3,6 %
Irland 14 3,3 %
Tschechien 14 3,3 %
Deutschland 16 3,0 %
Griechenland 17 2,9 %
Österreich 18 2,8 %
Spanien 19 2,7 %
Finnland 20 2,5 %
Belgien 20 2,5 %
Luxemburg 22 2,0 %
Zypern 22 2,0 %
Schweden 24 1,4 %
Dänemark 24 1,4 %
Slowenien 26 1,3 %
Niederlande 26 1,3 %
Italien 28 1,2 %

STRAUBHAAR, Thomas (2017): Mehr Kinder machen glücklich(er)!
Kolumne,
in:
Welt v. 09.08.

Thomas STRAUBHAAR will uns einreden, die persönliche Zufriedenheit hänge von der Höhe der Geburtenrate eines Landes ab. Dies widerspricht seiner Eingangsthese:

"Der Grund liegt nicht so sehr bei ökonomischen Faktoren. Es ist die Freiheit, unabhängig von Zwang und Rahmenbedingungen selbständig große Lebensentscheidungen zu fällen".

Das aber hieße auch, dass Kinderlosigkeit genauso wie das Kinderhaben - ob eines, zwei oder mehr - als gleichwertige Lebensentwürfe gelten müssten. Die Geburtenrate ist dafür kein Maßstab. Aus der folgenden Übersicht lassen sich die Geburtenrate, Anteil der Kinderlosen mit dem Ranking des World Happiness Report 2017 (S.20ff.) vergleichen:

Land Rang im World
Happiness Report
2017 (2014-2016)
Anteil der Kinderlosen des Frauenjahrgangs 1965 (CFT)
(Seitenabruf: 02.08.2017)
Geburtenrate im Jahr 2015
(TFR)
Schweiz 4 22 % 1,54
Westdeutschland 16 22 % 1,50
Österreich 13 21 % 1,49
England/Wales 19 21 %  
Finnland 5 19 % 1,65
Niederlande 6 18 % 1,66
Italien 48 18 % 1,35
Griechenland 87 16 % 1,33
Ostdeutschland 16 16 % 1,56
Spanien 34 15 % 1,33
Schweden 10 13 % 1,85
Portugal 89 13 % 1,31
Frankreich 31 13 % 1,96
Rumänien 57 12 % 1,58
Norwegen 1 12 %  
Dänemark 2 12 % 1,71
Slowakei 40 11 % 1,40
Ungarn 75 10 % 1,45
Slowenien 62 9 % 1,57
Tschechien 23 7 % 1,57
Bulgarien 105 4 % 1,53

Das Beispiel Frankreich steht im krassen Gegensatz zur These von STRAUBHAAR. Trotz hoher Geburtenrate liegt Frankreich bei der Zufriedenheit weit hinter Deutschland. Die Schweiz rangiert auf Platz 4 bei der Zufriedenheit, obwohl Geburtenrate und Kinderlosigkeit dort ähnlich hoch sind wie in Deutschland. Die südeuropäischen Krisenstaaten, die alle eine ähnliche Geburtenrate aufweisen, belegen weit auseinander liegende Plätze: Sie reichen von Spanien (34) bis Portugal (89).  In Osteuropa liegen Tschechien und Slowenien bei der Geburtenrate gleichauf, liegen aber bei der Zufriedenheit auf Platz 23 bzw. 40 - hinter Ostdeutschland, das bei ähnlicher Geburtenrate auf Platz 16 liegt. Überhaupt Deutschland: hier unterscheidet sich die Geburtenrate beträchtlich zwischen Ost und West. Müssten dann nicht unterschiedliche Zufriedenheitswerte angegeben werden?

HERGERT, Stefani (2017): Städte von Welt.
Grafik des Tages: Deutschlands Metropolen wachsen rasant - vor allem, weil sie für Menschen ohne deutschen Pass attraktiver werden. In der bayerischen Landeshauptstadt haben schon fast drei von zehn Menschen nicht oder nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft. In den größten deutschen Städten werden seit ein paar Jahren aber auch wieder viel mehr Kinder geboren,
in:
Handelsblatt v. 22.08.

Stefani HERGERT kennt nur 6 deutsche Metropolen, die aus der folgenden Übersicht ersichtlich sind:

Metropolen Einwohner
(2010)
Einwohner
(2016)
Geburtenanstieg
(2010 - 2015)
Geburtenanstieg
(2010 - 2016)
Berlin 3,39 Mio. 3,67 Mio. + 13,9 % (5) (4)  
Hamburg 1,79 Mio. 1,86 Mio. + 13,8 % (6) (5)  
München 1,35 Mio. 1,54 Mio. + 20,4 %  (1)
(siehe Text)
+ 26,0 % (1)
Köln 1,03 Mio. 1,08 Mio. + 17,1 % (2)
(siehe Text)
+ 22,0 % (2)
Frankfurt a/M 656.427 729.624 + 16,8 % (3)
(siehe Text)
+ 21,5 % (3)
Düsseldorf 600.068 635.704 + 10,0 % (6)
(siehe Text)
+ 15,7 % (4)

Die Übersicht zeigt, dass die Zahlen nicht alle auf dem aktuellen Stand sind, weshalb sich die Frage ergibt, warum nicht das Jahr 2015 gewählt wurde? Dann wäre jedoch nicht Düsseldorf, sondern Stuttgart die sechste Stadt gewesen. Für Stuttgart liegen jedoch noch keine Zahlen für 2016 vor.

Auch was den Geburtenanstieg angeht, ist auf den ersten Blick sichtbar, dass die Zahlen nicht vergleichbar sind. Seriöser wäre es deshalb gewesen alle Geburtenzahlen für das Jahr 2015 auszuweisen. In München gab es 2016 einen Zuwachs um 5,6 %, d.h. bis 2015 hätte es einen Anstieg von 20,4 % gegeben. In Köln wurden 2010 nur 9.682 Kinder geboren, während es 2015 11.810 Kinder waren, was einem Anstieg um 17,1 % entspricht. In Frankfurt a/M stieg die Zahl der Lebendgeborenen von 2010 (7.300; vgl. Statistisches Jahrbuch 2016, S.41) bis 2015 (8.526) um 16,8 %. In Düsseldorf stieg die Zahl der Lebendgeborenen (vgl. Statistischen Daten Düsseldorf 2016, S.43) von 2010 (5.950) bis 2015 (6.545) nur um 10 %. 2016 waren es 6.886 Lebendgeborene.

Fazit: Durch die Grafik des Tages wird die Geburtenentwicklung verfälscht, denn Düsseldorf lag 2015 auf Platz 6, während es beim Handelsblatt so scheint, dass Düsseldorf bei der Geburtenentwicklung vor Berlin und Schlusslicht Hamburg liegt. Berlin hat vor kurzem für das 1. Halbjahr 2016 eine Steigerung der Geburten um 8,8 Prozent gemeldet. Von daher wird das Ergebnis von Düsseldorf sicher übertroffen.

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Dezember 2015
Update: 31. August 2017