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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 1)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Aus der nachfolgenden Tabelle sind die endgültigen Kinderzahlen der Frauenjahrgänge ab 1930 ersichtlich. Der Frauenjahrgang 1965 hat 1551 Kinder pro 1000 Frauen zur Welt gebracht. Das entspricht einer Kohortenfertilität ("Geburtenrate"; engl.: Cohort Fertility Rate, abgekürzt: CFR) von 1,551 Kindern pro Frau des Geburtsjahrgangs 1965.

Die Entwicklung der endgültigen Kinderzahl der Frauenjahrgänge 1930 - 1965 in Deutschland

Tabelle 1: Endgültige durchschnittliche Kinderzahl der
Frauenkohorte (Lebendgeborene je 1000 Frauen des
Geburtsjahrgangs
Geburtsjahrgang Deutschland

Früheres
Bundesgebiet1

Neue
Länder2

1930 2 121 2 141 .
1931 2 164 2 163 .
1932 2 201 2 200 .
1933 2 224 2 225 .
1934 2 221 2 240 .
1935 2 167 2 173 .
1936 2 132 2 135 .
1937 2 108 2 108 2 082
1938 2 069 2 070 2 044
1939 2 026 2 025 2 016
1940 1 977 1 971 1 983
1941 1 917 1 903 1 952
1942 1 864 1 850 1 900
1943 1 830 1 810 1 891
1944 1 801 1 778 1 874
1945 1 795 1 775 1 862
1946 1 795 1 780 1 866
1947 1 770 1 752 1 834
1948 1 750 1 729 1 826
1949 1 735 1 715 1 802
1950 1 724 1 701 1 790
1951 1 693 1 658 1 795
1952 1 686 1 647 1 802
1953 1 675 1 629 1 808
1954 1 657 1 606 1 809
1955 1 673 1 622 1 816
1956 1 670 1 619 1 813
1957 1 659 1 603 1 825
1958 1 660 1 605 1 821
1959 1 660 1 603 1 819
1960 1 657 1 603 1 796
1961 1 633 1 580 1 762
1962 1 613 1 564 1 724
1963 1 588 1 543 1 679
1964 1 567 1 527 1 638
1965 1 551 1 518 1 604
1966 1 526 1 497 1 562
Quelle: Statistisches Bundesamt
(Website: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/
GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Geburten/Tabellen/
EndgueltigeKinderzahl.html (Zugriff: 26.02.2016)
Anmerkungen:
1 Seit 2001 ohne Berlin-West.
2 Seit 2001 ohne Berlin-Ost, für die Jahre 1930 bis 1936
liegen keine vollständigen Angaben vor.
. = Zahlenwert unbekannt oder geheim zu halten.

Die Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer von 1990 - 2015 in Deutschland

Tabelle 2: Zusammengefasste Geburtenziffer
(TFR) in Deutschland
Jahr Deutschland

Früheres
Bundesgebiet1

Neue
Länder2

1990 1 454 1 450 1 518
1991 1 332 1 422  977
1992 1 292 1 402 830
1993 1 278 1 393 775
1994 1 243 1 347 772
1995 1 249 1 339 838
1996 1 316 1 396 948
1997 1 369 1 441 1 039
1998 1 355 1 413 1 087
1999 1 361 1 406 1 148
2000 1 378 1 413 1 215
2001 1 349 1 382 1 231
2002 1 341 1 371 1 238
2003 1 340 1 364 1 264
2004 1 355 1 372 1 307
2005 1 340 1 355 1 295
2006 1 331 1 341 1 303
2007 1 370 1 375 1 366
2008 1 376 1 374 1 404
2009 1 358 1 353 1 405
2010 1 393 1 385 1 459
2011* 1 364 1 357 1 433
2011** 1 391 1 381 1 461
2012 1 406 1 395 1 483
2013 1 419 1 412 1 493
2014 1 475 1 470 1 544
2015 1 502 1 503 1 561
Quelle: Statistisches Bundesamt Bevölkerung und
Erwerbstätigkeit. Zusammenfassende Übersichten
Eheschließungen, Geborene und Gestorbene
(Stand: 17.10.2016)
Anmerkungen:
1 Seit 2001 ohne Berlin-West.
2 Seit 2001 ohne Berlin-Ost
* Geburtenziffer ohne Zensusbereinigung
** Geburtenziffer ab 2011 auf Basis Zensus 2011

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
Tabelle: Schätzungen und vorläufige/tatsächliche Geburtenzahlen gemäß Pressemeldungen
des Statistischen Bundesamts
Jahr Endgültige
Geburtenzahl

(Stand:
29.01.2017)
Schätzung der Geburten
im Januar des folgenden
Jahres
Veröffentlichung der vorläufigen bzw. endgültigen Geburtenzahl
im folgenden Jahr
April /
Mai
Juni Juli August /
September
November Dezember
2005 685.795 680 000 bis 690 000       686.000    
2006 672.724 670.000 bis 680.000   673.000   672.700    
2007

 

684.862

Im Jahr 2007 meldete das Statistische Bundesamt abweichend von der üblichen Praxis
Quartalszahlen, Halbjahreszahlen und Zahlen für die ersten 3 Quartale des Jahres.

680.000 bis 690.000        685.000    
2008 682.514 680.000 bis 690.000 675.000     683.000    
2009 665.126 645.000 bis 660.000 651.000       665.000  
2010 677.947     678.000 678.000 677.947    
2011 662.685 660.000 bis 680.000     663.000     662.685 *
2012 673.544 660.000 bis 680.000     674.000      
2013 682.069 675.000 bis 695.000           682.069
2014 714.927 675.000 bis 700.000       714.966    
2015 737.575 705.000 bis 730.000   737.630        
2016   730.000 bis 770.000            
Quelle: Statistisches Bundesamt; * Zahlen aus dem Heft 12 Wirtschaft und Statistik
 

Kommentierte Bibliografie (2000 - 2003)

2000

SCHROETER, Johannes (2000): Eine Frage der Zeit.
Die Lasten der Kindererziehung sind privatisiert, der Nutzen seit langem sozialisiert: die Ursachen des drastischen Geburtenrückgangs,
in: Rheinischer Merkur Nr.47 v. 24.11.

Während andere Autoren die Ursachen des Geburtenrückgangs bei den 68ern suchen, geht SCHROETER noch einmal 100 Jahre zurück.
Seine zentrale These ist, dass der Geburtenrückgang eine "unbewältigte Folge des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft" ist. Die bäuerliche Familie ist für SCHROETER das Gegenbild zur Kleinfamilie der Industriegesellschaft. Der "Pillenknick" ist eine

"Lappalie und völlig harmlos im Vergleich zu dem, was die Frauen der Geburtsjahrgänge zwischen 1865 und 1900 verursachten. Zum einen erstaunt, dass sie ihre Kinderzahl gegenüber der vorherigen Generation um zirka 60 Prozent absenken konnten - ohne sichere Verhütungsmittel."

Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kam mit der Industriegesellschaft in die Welt. Im Kern ist es ein Problem der "Wohlstandsdifferenz zwischen Elternschaft und Kinderlosigkeit", das auf zwei Wege gelöst werden kann: Senkung des Aufwandes durch öffentliche Einrichtungen oder Erhöhung des Nutzens von Kindern durch Erziehungsgehalt, höheres Kindergeld usw.

Der Ansatz von SCHROETER ist lobenswert, zeigt er doch, dass es sich bei dem Problemkomplex "Geburtenrückgang" um ein Phänomen handelt, das sich im historischen Kontext relativiert, gleichzeitig mangelt es SCHROETER an einer kritischen Reflexion bezüglich der statistischen Daten und deren Interpretierbarkeit.

Der Soziologe Hans BERTRAM hat in seinem Beitrag Arbeit, Familie und Bindungen (2000) den Vergleich zwischen den 1920er Jahren und heute angestellt und kommt zu dem Fazit:

"Der Geburtenrückgang in Deutschland seit 1968 ist im wesentlichen auf das Verschwinden der Drei- und Mehr-Kinder-Familien zurückzuführen. Die zunehmende Kinderlosigkeit von Frauen spielt demgegenüber nur eine untergeordnete Rolle".

Wichtiger als dies ist jedoch die Tatsache, dass BERTRAM den Familienbegriff der amtlichen Statistik in Frage stellt. Es ist davon auszugehen,

"daß die handelnden Subjekte sich nicht mehr den staatlichen Ordnungsvorstellungen, wie sie in dieser Statistik zum Ausdruck kommen, unterwerfen".

Wenn dies der Fall ist, dann müssten alle amtlichen Daten einer umfassenden Neuinterpretation unterzogen werden...

2001

LAGARDE, Dominique/DAOUDI, Mounia/GACEMI, Baya (2001): Femmes du Maghreb.
Les nouveaux chois des femmes,
in: L'Express v. 25.01.

Im Maghreb, den ehemaligen französischen Kolonien Algerien, Marokko und Tunesien hat in den letzten 30 Jahren ein dramatischer Geburtenrückgang stattgefunden: von 7,5 Kinder auf etwas mehr als 2 Kinder pro Frau. Alice SCHWARZER müsste neidisch sein auf diesen "Gebärstreik" und den deutschen Familienpolitikern sollten die Argumente ausgehen. Modernisierungsschub durch die 68er?

WELT (2001): Baby-Boom in der Single-Stadt
in:
Welt v. 08.01.

Der Verfasser wundert sich über den Widerspruch zwischen gestiegenen Single-Haushalten und steigender Geburtenrate. Die hilflose Erklärung: die geburtenstarken Jahrgänge sind schuld. Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit. 44,7% Single-Haushalte klingt nur hoch, wenn man Haushaltszahlen mit Einwohnerzahlen verwechselt. Würden sich Journalisten angewöhnen die Zahlen für die Einwohner anzugeben, dann könnte man zwar keine Dramatisierung des Geburtenrückgangs betreiben, dafür müsste man sich dann nicht mehr über die Tatsache wundern, dass selbst München eine Familienstadt ist.

Noch ein Wort zu Prognosen. In den 1950er Jahren gab es keine einzige mir bekannte Prognose, die einen Geburtenrückgang im heutigen Ausmaß vorhersagte, weil Prognosen meist simple Fortschreibungen des Es-geht-immer-so-weiter sind. Und die Treffsicherheit heutiger Prognosen muss sich erst noch beweisen...

DRIBBUSCH, Barbara (2001): Viel Job, wenig Liebe.
Die Leistungsgesellschaft führt zum heimlichen Gebärstreik. Jede dritte 35-Jährige ist kinderlos - die meisten bleiben es,
in: TAZ v. 02.02.

"Der Kanadier Jerry Steinberg hatte die Nase voll. All seine Kumpels hatten geheiratet, in seinem Freundeskreis wurde nur noch über Babys geschwafelt. Steinberg gründete 'No Kidding!'."

Was DRIBBUSCH hier als Beispiel für die Zunahme der Kinderlosen präsentiert, ist eher ein Indiz dafür, dass Kinderlose eine Minorität sind. Der Versuch Kinderlose auszugrenzen, wie es z.B. in der sozialpolitischen Debatte immer sichtbarer wird, führt dazu, dass Kinderlose gezwungen werden, sich zu organisieren.  Diese "Ghettoisierung" ist nicht die Ursache, sondern die Folge der angeblichen Polarisierungen, die Demografen wie Jürgen DORBRITZ zwar theoretisch postulieren, aber nicht beweisen können. Der Begriff "Gebärstreik" weist dabei auf die Wurzeln dieser Position (mehr).  Wenn man von einem dramatischen Geburtenrückgang reden kann, dann nicht in Deutschland, sondern im Maghreb. Dagegen verblasst das Gerede vom Aussterben hierzulande (siehe L'Express v. 25.01.2001). Wenn man dort die Geburtenrate wie bei uns hochrechnen würde, dann müsste dort die Bevölkerung lange vor den Deutschen vollkommen ausgestorben sein, aber vielleicht stimmt ja etwas mit den Berechnungen nicht. Ein Blick auf die Geburtenstatistik zeigt, dass die Anzahl der Geburten im früheren Bundesgebiet 1999 höher war als in den Jahren 1973 - 1987.

HÖFL-HIELSCHER, Elisabeth (2001): Ende des Pillenknicks?
Die Stadtstatistiker melden für München einen Babyboom
in:
Süddeutsche Zeitung v. 23.02.

Elisabeth HÖFL-HIELSCHER scheint den Mythen von der "Single-gesellschaft" nicht mehr zu glauben:

"Manche erklären den Babyboom nun damit, dass jetzt die geburtenstarken Jahrgänge der 60-er Jahre ins Elternalter gekommen seien. Das kann aber so nicht stimmen: Die wären nämlich, auch wenn die »erstgebärenden Mütter« immer älter werden, schon Mitte der 90-er Jahre dran gewesen. Das Rätsel müssen nun die Fachleute knacken. Bei denen galt es bislang ja als ausgemacht, dass in der Single- und Yuppie-Metropole kein Platz für Kinder sei. Eine Zeit lang rauschte sogar die Nachricht durch den Blätterwald, München sei die Stadt mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt. Und jetzt das! Sogar die Zahl der »Familienhaushalte« und der Großfamilien nimmt trotz der hohen Lebenshaltungskosten zu".

Solche Analysen passen einfach nicht zum kommenden Familienwerte-Wahlkampf , in denen Apokalyptiker und Polarisierer das Wort haben...

SPIEGEL -Titelgeschichte: Zurück zur Familie.
Verfassungsgericht verurteilt die Politik

DARNSTÄDT, Thomas/FESTENBERG, Nikolaus/FISCHER, Susanne/GATTERBURG, Angela von/HILDEBRANDT, Tina/JUNG, Alexander/MARTENS, Heiko/NEUBACHER, Alexander/REIERMANN, Christian/SAUGA, Michael (2001): Ein Segen für die Familie.
Wer Kinder kriegt, zahlt drauf. Das verstößt gegen die Verfassung. Das Karlsruher Urteil zur Pflegeversicherung verlangt einen grundlegenden Wandel in der Familienpolitik. Erziehungsarbeit muss belohnt werden - auch damit der Bevölkerungsschwund gebremst wird,
in: Spiegel Nr.15 v. 09.04.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in der Debatte

LEVINE, Tom (2001): Praktizierte Gleichberechtigung - größere Kinderzahl.
Familienpolitik - Kinder oder Inder oder was? Deutschland ist angesichts der sinkenden Geburtenzahlen aus jahrzehntelanger Lethargie erwacht. Manche Staaten sind längst munterer,
in: Berliner Zeitung v. 14.04.

Der Bevölkerungsstatistiker Ron Lesthaeghe kritisiert, dass die deutschen Statistiker dem Umstand, dass Frauen immer später in ihrem Leben Kinder kriegen, nicht genügend Beachtung schenken würden.

"Betrachte man - anders als die deutsche Statistik - nicht nur die aktuelle Geburtenentwicklung pro Jahr, sondern das jeweilige Verhalten von Frauen-Altersgruppen (so genannten 'Kohorten'), so werde deutlich, dass der Geburtenrückgang langfristig weniger dramatisch sein dürfte. Die Frauen der Jahrgänge 1957 bis 1961 etwa hätten zwar viel später mit dem Kinderkriegen angefangen als ihre Vorgängerinnen, aber dann aufgeholt: Die Geburtenrate ihrer Altersgruppe liegt bei rund 1,6 Kindern pro Frau; verglichen mit 1,8 für die Jahrgänge 1942-1946. Die heute 35- bis 40-Jährigen hätten bereits jetzt eine Rate von 1,5 erreicht - obwohl sie sich durchschnittlich noch länger Zeit gelassen hätten, bevor das erste Baby kam."

STEINMEIER, Frank-Walter (2001): Immer älter, immer weniger - Das Bevölkerungsproblem,
in: Welt v. 23.05.

"In einer auf Flexibilität und Selbstverwirklichung angelegten Zeit stellt die Entscheidung für ein Kind eine langfristige Festlegung dar, die für Frauen mit erheblichen beruflichen Risiken verbunden ist. Besonders gut ausgebildete Frauen wollen sich diesem Risiko oft nicht aussetzen, weshalb der Prozentsatz der Frauen, die innerhalb eines Jahrganges kinderlos bleiben, in nur acht Jahren von 15 Prozent (Geburtsjahrgang 1950) auf 23 Prozent (Geburtsjahrgang 1958) empor geschnellt ist",

schreibt STEINMEIER. Dies ist nicht erstaunlich, aber es hat weniger mit der viel beschworenen Selbstverwirklichung zu tun, sondern mit der Tatsache, dass Mitte der 70er Jahre die Vollbeschäftigungsgesellschaft ihr Ende fand. Jugend- und Akademikerarbeitslosigkeit wurden zu den Schlagworten jener Zeit und das "Ende der Arbeit" wurde debattiert.
Die Ausnahme war der Baby-Boom der Wirtschaftswunderzeit und nicht der "Geburtenrückgang", den STEINMEIER nicht als Rückgang der Kinderzahl pro Frau, sondern als Rückgang der Frauen, die überhaupt Kinder gebären, beschreibt. STEINMEIER suggeriert damit aber auch, dass sich dieser Rückgang im gleichen Masse fortsetzen wird. Dies ist jedoch fraglich.

JÄHNER, Harald (2001): Das Glück schien machbar.
Heute vor vierzig Jahren wurde die Anti-Baby-Pille erstmals in der Bundesrepublik verkauft,
in: Berliner Zeitung v. 01.06.

"In Westdeutschland fiel trotz steigender sexueller Aktivität die Geburtenrate zwischen 1964 und 1978 um 46 Prozent. Nach dem statistischen Pillenknick, zeitlich identisch mit der so genannten sexuellen Revolution, stieg die Geburtenrate wieder kontinuierlich an."

JÄHNER meint offensichtlich nicht die GeburtenRATE, sondern die GeburtenZAHLEN. Die GeburtenRATE hatte ihr Minimum Mitte der 80er Jahre erreicht.

2002

FR (2002): "Von Zuwanderung profitiert vor allem der Migrant, nicht der Staat".
Was der Bielefelder Bevölkerungsforscher Herwig Birg im Auftrag des Landes Bayern herausgefunden hat / Die Zusammenfassung seines Gutachtens
in: Frankfurter Rundschau v. 18.01.

Die FR dokumentiert Herwig BIRGs Gutachten für die Bayrische Landesregierung. Die zentrale Aussage ist:

"Die bis 2020 nur mäßige Abnahme des Arbeitskräftepotenzials um rd. 8 Prozent bietet den benötigten zeitlichen Spielraum zur Vorbereitung und Durchführung einer von Zuwanderungen unabhängigen, demographisch orientierten Familienpolitik zur Anhebung der Geburtenrate. Dies bedeutet, dass das Ziel, langfristig zu einer demographisch nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung zurückzukehren, nicht unerreichbar ist."

Der Begriff "demographisch orientierte Familienpolitik" ist die neudeutsche Sprachregelung für Bevölkerungspolitik. Wie ist dies zu erreichen?

"Um das Ziel einer bestandserhaltenden Geburtenrate von zwei Kindern pro Frau zu erreichen, müsste sich die Familienpolitik vor allem auf einen Abbau der lebenslangen Kinderlosigkeit konzentrieren."

Eine solche Zielsetzung läuft zwangsläufig auf eine Verschärfung der Kontroverse "Familien contra Singles" hinaus. Frankreich ist BIRGs Vorbild. Obwohl dort Bevölkerungspolitik eine lange Tradition hat, ist die dortige Geburtenrate kaum höher als in Deutschland. Da Frankreich länger als Deutschland ein Agrarstaat war, dürfte dort der Geburtenrückgang erst noch bevorstehen.
Dreh- und Angelpunkt des Überfremdungsarguments ist der angebliche Zuwanderungsdruck aus den Mittelmeeranrainerstaaten:

"Wer über Zuwanderung spricht, muss auch die demographische Entwicklung in den potenziellen Herkunftsländern berücksichtigen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Deutschland und Europa - in den südlichen Anrainerstaaten des Mittelmeers von Marokko über Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten bis zur Türkei".

Gerade diese Länder zeigen jedoch, dass die Bevölkerungsentwicklung nicht so voraussehbar ist, wie BIRG das gerne behauptet. Im Maghreb, den ehemaligen französischen Kolonien Algerien, Marokko und Tunesien hat nach einem Bericht des französischen Nachrichtenmagazins L'Express vom 25.01.2001 in den letzten 30 Jahren ein dramatischer Geburtenrückgang stattgefunden: von 7,5 Kinder auf etwas mehr als 2 Kinder pro Frau. Würde man BIRGs Prinzipien einer linearen Fortschreibung von Geburtenraten auf diese Länder anwenden, dann gäbe es dort in 30 Jahren eine Region ohne Volk. Keiner würde jedoch so etwas für realistisch halten. Aber genau nach diesem Grundmuster sind BIRGs Prognosen für Deutschland gestrickt!

SUZ (2002): Zahl der Kinder weiter gesunken.
Geburtenrückgang hält an. Mehr Familien leben vom Staat,
in: Tagesspiegel v. 16.07.

RÜHLE, Alex (2002): Ein Rock durch Deutschland.
Der Volkskörper taucht aus dem Sprachschlamm auf,
in: Süddeutsche Zeitung v. 30.08.

Katastrophen sind angeblich gut für die Geburtenrate, was RÜHLE zur Prognose veranlasst:

"Schon jetzt spricht man im Osten davon, dass die Zusammenarbeit der Einheimischen mit den Bundeswehrregimentern Hand in Hand gehe mit intensiven Formen der Völkerverständigung: In neun Monaten erwartet man entlang der Deiche einen Babyboom."

MEHLITZ, Johannes (2002): "Die Bevölkerung wird unterschätzt".
Demografie. Neue Grundlagen. Selbst eine höhere Geburtenrate kann die Folgen des demografischen Wandels nicht beheben,
in: Rheinischer Merkur Nr.49 v. 05.12.

Interview mit Axel BÖRSCH-SUPAN, Mitglied der "Rürup"-Kommission.

2003

GERSDORFF, Alexander von (2003): "Die Geburtenkrise ist nur durch Reformen zu lösen".
Rürup-Kommissionsmitglied Axel Börsch-Supan über Konsequenzen für die alternde Gesellschaft,
in: Welt v. 16.01.

Axel BÖRSCH-SUPAN hält die typische neoliberale Lösung parat. Diese ist jedoch zu kurz gegriffen, wie Leander SCHOLZ und Iris HANIKA zeigen. Ein typisches Beispiel für die absurde neoliberale Phraseologie:

"Die statische Betrachtung, es gebe eine feste Arbeitsmenge ist falsch (...). Bis 2030 fehlen acht Millionen Arbeitnehmer, das ist nicht zu ersetzen".

ABI (2003): Bezirk der schönen Mütter.
Die Ausnahme: In Prenzlauer Berg gibt es einen Baby-Boom,
in: Tagesspiegel v. 01.03.

DESTATIS (2003): Geringfügig weniger Geburten, mehr Sterbefälle im Jahr 2002,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 26.03.

"Im Jahr 2002 wurden 725 000 Kinder lebend geboren, 5 000 oder 0,7% weniger als 2001. Die Zahl der Geburten geht seit 1991, mit Ausnahme der Jahre 1996 und 1997, zurück. Allerdings hat sich die Abnahme jetzt deutlich abgeschwächt: Von 2000 auf 2001 hatte der Rückgang etwa 4% betragen", meldet das Statistische Bundesamt zur Geburtenentwicklung.

DRIBBUSCH, Barbara (2003): Deutsche sehen alt aus.
Statistisches Bundesamt legt neue Vorausberechnung zur Bevölkerung vor. Im Jahr 2050 kommt auf zwei Personen im Erwerbsalter ein Rentner. Ursachen liegen in der niedrigen Geburtenrate,
in: TAZ v. 07.06.

"Derzeit werden in Deutschland 560.000 Babys im Jahr geboren",

behauptet Barbara DRIBBUSCH. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Beim Präsidenten des Statistischen Bundesamtes, Johan HAHLEN, heißt es anlässlich der Vorstellung der 10. Bevölkerungsvorausberechnung dagegen:

"Wegen des zu unterstellenden anhaltend geringen Geburtenniveaus wird die heutige jährliche Geburtenzahl von ca. 730 000 auf etwa 560 000 im Jahr 2050 sinken".

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob heute 560.000 oder ca. 730.000 Babys geboren werden! Die 560.000 Babys sind erst im Jahr 2050 zu erwarten und auch nur dann, wenn die Geburtenrate in jedem Jahr nur 1,4 Kinder pro gebärfähiger Frau beträgt. Ob dieses Szenario überhaupt realistisch ist, das darf angesichts des Erklärungsnotstandes der Bevölkerungswissenschaft bezüglich des generativen Verhaltens bezweifelt werden.

KERNER, Regina (2003): "Das Miefige der Kleinfamilie ist weg".
Trendforscher sehen neue Lust zum Leben mit Kindern. Geburtenrate von 1,7 erwartet,
in: Berliner Zeitung v. 03.06.

GÜRTLER, Detlef (2003): Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Baby-Boom.
Warum sich Statistiker, Demographen und Schwarzseher irren, und was daraus folgt,
in: Welt v. 19.08.

KLEIN, Michael (2003): Halali auf Nachwuchsverweigerer.
Der Staat subventioniert das Kinderkriegen - und erreicht das Gegenteil des Erhofften,
in: Welt v. 30.12.

Michael KLEIN, der eine Agentur für Nachrichten aus den Sozialwissenschaften betreibt, ist leider bezüglich der Geburtenrate von Frauen der Generation Ally nicht auf dem aktuellen Stand. Statt der von Jürgen DORBRITZ bereits 2001 errechneten 27 % (und sehr wahrscheinlich aufgrund der zunehmenden Zahl von Spätgebärenden noch zu hoch geschätzt) für die 1965 Geborenen werden von ihm "mindestens" 33 % ausgewiesen. Bei den Vergünstigungen für Familien greift KLEIN auf die Daten von Astrid ROSENSCHON zurück, die hier auf single-generation.de bereits vor einiger Zeit vorgestellt worden sind. KLEIN sorgt sich vor allem um das "down-breeding", das durch finanzielle Anreize gefördert wird:

"diejenigen, die sich fortpflanzen (...) (gehören) nicht" unbedingt zur geistigen Elite ihrer Gesellschaft".

Mit diesem Argument hat die derzeitige Familienministerin Renate SCHMIDT schon vor Jahren ihre Politik für die Mütterelite begründet und sich damit gegen die Erhöhung des Kindergeldes und für die Förderung der Kinderbetreuung ausgesprochen. Mit Verweis auf den Volkswirt Norbert BERTHOLD erklärt KLEIN, dass die Sicherheit der zukünftigen Renten nicht in erster Linie von einem Baby-Boom abhängt, sondern von Erwerbstätigen, die Beiträge zahlen, statt als Arbeitslose die Sozialkassen zusätzlich zu belasten.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Juli 2012
Update: 19. März 2017