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Debatte

 
       
   

Identität ist eine Strategie

 
       
   

Die Tyrannei der Identitätspolitik. Oder: Das Zeitalter der Marktschreier der Orientierungslosigkeit und das gute Leben 

 
       
     
       
   
     
 

Im falschen Leben

Für unsere Epoche werden täglich neue Etikettierungen ausgerufen. Noch vor kurzem wähnten sich viele in der reflexiven Moderne der Risikogesellschaft und nun finden sie sich in der regressiven Moderne der Abstiegsgesellschaft wieder. Andere wähnten sich im Mainstream der Minderheiten sicher und finden sich nun inmitten der Wiederkehr der Konformität wieder. Zwischen Lügenpresse und Fake-News sind wir auf der Suche nach dem richtigen Leben - oder wir haben es tatsächlich gefunden - und wenn nicht, dann tun wir zumindest so als ob wir es gefunden haben, denn schlimmer als das falsche Leben gewählt zu haben, ist in Zeiten der Tyrannei der Identitätspolitik nur: gar nicht zu leben.

Politik, Wissenschaft und Medien (re)produzieren tagtäglich das gute Leben. Sie geben uns Orientierung in unsicheren Zeiten. Sicherheit ist das knappe Gut - und um knappe Güter wird bekanntlich umso härter gekämpft. Als der (Neo-)Liberalismus noch eine Zukunft versprechen konnte, da wurde Orientierungslosigkeit als Tugend gepriesen. Heutzutage glauben das nur noch Ewiggestrige. Und die Alternative? Heimatlosigkeit!   

Heimatlosigkeit als Tugend

Demografie, Ökologie und Nationalismus ist heutzutage der Dreiklang, der Sicherheit verspricht. Die eigene Familie gilt als Garant des guten Lebens. Alle, die in diesen vielstimmigen Chor nicht einstimmen, sind in unserer Gesellschaft heimatlos. Ambivalenz galt als Wert der Postmoderne. Im Zeitalter autokratischer Herrscher und postdemokratischer Wuteliten ist Ambivalenz nicht mehr gefragt, sondern ein Standortnachteil. Zugehörigkeit ist zur politischen Ware verkommen. Die Türsteher der Anerkennung entscheiden über den Einlass ins gute Leben. Wer sich nicht dagegen wehrt, der lebt verkehrt.

Demografie, Ökologie und Nationalismus als Sicherheitsversprechen

Die Deutschen sterben aus, heißt die Melodie des ewigwährenden Untergangs, die seit 1911 in Deutschland eine vertraute Hintergrundmusik ist. Drei Wellen der Generation Kinderlos liegen bereits hinter uns und die nächste Welle kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Wo Wellentäler sind, da gibt es immer auch Wellenkämme: Die Babyboomer sind unser Schicksal tönt die Melodie der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme. Die sozialen Sicherungssysteme stehen vor dem Kollaps. Als die Welt noch heil war, da gab es noch keine - z.B. während des Dreißigjährigen Krieges. Schlimmer als der Dreißigjährige Krieg ist nur der Geburtenrückgang und die Zuwanderung. Die Demografie ist unser Schicksal - immer ungefähr in 30 Jahren. Weit genug entfernt, um sich in Wohlgefallen auflösen zu können, aber nah genug, um alternativlos zu erscheinen. Seit Ende der 1970er Jahre verschieben die diversen Bevölkerungsvorausberechnungen unser Schicksal Jahr für Jahr in die Zukunft und unsere Ängste köcheln weiter auf Sparflamme. Wie lange wollen wir das Spiel noch mitspielen? Zwischen Lügenpresse, Fake-News und Alternativlosigkeiten richten wir uns in unserer Ohnmacht gemütlich ein. Schluss mit der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme!

Die Ökologie ist unser Schicksal. Wenn wir nur die richtigen Waren kaufen, dann leben wir richtig! Klimawandel, Energiewende, Weniger ist mehr, Lebensqualität statt Konsum. Biosupermarkt statt/und Aldi. Wie die Demografie nahm die Ökologie Mitte der 1970er Jahre ihren Aufschwung. Die Ökologie ist die Zwillingsschwester der Demografie: Die Ökologisierung gesellschaftlicher Probleme gehört zum postdemokratischen System in Deutschland. Demografie und Ökologie stehen für die neoliberale Expertokratie als Demokratieersatz. Experten lesen uns die Leviten: Zwischen Grenzwerten und Eckwerten soll sich unser gutes Leben abspielen.

Der Nationalismus ist unser Schicksal, denn wir werden in Grenzen hineingeboren, die wir uns nicht aussuchen können - zumindest nicht als Kinder. Auch unsere soziale Herkunft können wir uns nicht aussuchen. Der Nationalismus verspricht uns Sicherheit, aber Grenzen können sich ändern und dann stehen wir möglicherweise auf der falschen Seite der Grenze. So erging es z.B. den Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung. Aber auch innerhalb von Deutschland ändern sich immer wieder die Grenzen: Gebietsreformen ändern politische Zuständigkeiten und unsere Lebensverhältnisse. Wir können nie sicher sein, dass wir immer auf der richtigen Seite der Grenze stehen werden. Und dennoch gilt der Nationalismus als Sicherheitsversprechen. Dabei können innernationale Grenzverschiebungen unsere Lebensverhältnisse drastisch ändern. Demografie und Ökologie sind nicht unser Schicksal, sondern Ausdruck politischer Territorialherrschaft. In mobilen Gesellschaften können Wanderungen die ökonomischen, demografischen und ökologischen Verhältnisse radikal ändern. Nationalismus ist kein Garant dafür, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in einem Territorium garantiert wird.

Fazit: Die scheinbaren Sicherheitsversprechen, die Ökologie, Demografie und Nationalismus uns bieten sollen, sind allesamt brüchig. Waren wir gestern Etablierte, dann sind wir heute möglicherweise schon Außenseiter oder umgekehrt. Heimatlose wissen das, alle anderen wiegen sich dagegen in falschen Gewissheiten.

Der gescheiterte soziale Aufsteiger als Heimatloser par excellence

Soziale Mobilität gilt in unsere Gesellschaft als hoher Wert - zumindest in der politischen und ökonomischen Rhetorik. Erfolgreiche soziale Aufsteiger werden als Belege für den Mythos der Leistungsgesellschaft herumgereicht. Sie sind eine Rarität und erhalten deshalb gerne ein Stimme. Derzeit sind Autobiografien (oder zumindest autobiografisch geprägte Sachbücher) solcher Aufsteiger sehr gefragt. Von Didier ERIBON ("Rückkehr nach Reims") über Christian BARON ("Proleten Pöbel Parasiten") bis zu J. D. VANCE ("Hillbilly Elegy") werden uns Geschichten von sozialen Aufsteigern als Volksversteher präsentiert. Je kritischer sie sich mit der eigenen Vergangenheit und der eigenen Herkunft auseinandersetzen, desto eher landen sie auf der Bestsellerliste.

Eine Leerstelle ist dagegen der gescheiterte soziale Aufsteiger. Er könnte der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, denn zwischen dem Erfolg und dem Scheitern gibt es eine große Spannbreite, die von den Schwierigkeiten sozialer Mobilität in unserer Gesellschaft handelt.

Der Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg

"Soziale Mobilität ist dadurch definiert, inwiefern es eine Gesellschaft Menschen aus ärmeren Familien ermöglicht, sich emporzuarbeiten. Wenn die Kinder einen besseren Job haben als ihre Eltern, gilt die neue Generation als sozial mobiler. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Arbeitersohn Mediziner wird oder Rechtsanwalt oder Banker",
(WamS Online v. 13.05.2007)

schreibt der britische Soziologe Anthony GIDDENS und Wegbereiter der neuen Sozialdemokratie à la Tony BLAIR und Gerhard SCHRÖDER. Der Bildungsaufstieg vom Arbeiterkind zum Akademiker gilt heutzutage als Blaupause für soziale Mobilitätsprozesse. Der Begriff der Statusinkonsistenz findet sich dagegen selten in öffentlichen Debatten, denn er weist darauf hin, dass mit Bildungsaufstiegen eine Kluft zwischen den einzelnen Statusdimensionen (Einkommen, Macht, Prestige und Bildung) auftun kann, wobei Einkommen, Macht und Prestige an einen angemessenen Beruf gebunden ist. Nicht nur in der öffentlichen, sondern auch in der wissenschaftlichen Debatte spielt das Phänomen keine besondere Rolle. Es wird davon ausgegangen, das sich Bildungsaufstiege auch in entsprechende berufliche Karrieren ummünzen lassen - wenn nicht gleich, so doch auf längere Sicht. Bezeichnerweise wird das Phänomen von Wikipedia mit einer politischen Gefahr in Verbindung gebracht:

Statusinkonsistenz

"Das Konzept der Statusinkonsistenz bietet eine Möglichkeit zu erklären, warum sich Individuen, die eigentlich aufgrund bestimmter Statusmerkmale zur gesellschaftlichen Elite gezählt werden könnten, unter Umständen politisch eher mit statusniedrigen Schichten solidarisieren."
(Wikipedia, Seitenabruf: 11.04.2017)

Statusinkonsistenz bezeichnet im gewissen Sinne die ganze Spannbreite zwischen Erfolg und Scheitern des sozialen Aufstiegs. Das Phänomen wird in erster Linie als Bedrohung und nicht als Chance gesehen und ist in unserer Gesellschaft offenbar ein großes Tabu, denn sonst müsste der Begriff in unserer Gesellschaft eine Karriere machen. Denn bereits der Erfolg eines Sachbuchs mit dem Titel Die Abstiegsgesellschaft deutet darauf hin, dass das Phänomen nicht unbedeutend ist und zumindest die Angst davor weit verbreitet ist.

Der gescheiterte soziale Aufsteiger, der zwar den Bildungsaufstieg geschafft hat, aber diesen nicht in eine angemessene berufliche Karriere ummünzen kann, gehört einerseits nicht mehr seinem sozialen Herkunftsmilieu an, andererseits aber auch nicht zu den erfolgreichen Akademikermilieus, die sich über ihren Beruf mit seinem Einkommen, seiner Macht und seinem Prestige definieren. Er fällt durch die Raster der Milieuforschung, deren Kategorien zu eindimensional sind, genauso wie durch die politischen Kategorien und die Wähleransprache. Der gescheiterte soziale Aufsteiger ist ein Heimatloser par excellence: Er gehört nirgendwo richtig dazu und kann deshalb die Zugehörigkeitsrituale in der Gesellschaft viel unmittelbarer erfassen.

Geschmacksfragen am Beispiel der Popmusik

Der soziale Aufsteiger Christian BARON beklagt in seinem Buch Proleten Pöbel Parasiten, dass seine Geschmacksbildung aufgrund seiner Milieuzugehörigkeit nicht seinem anvisierten Milieu entsprach, während Didier ERIBON seinen Musikgeschmack als Distinktionsmöglichkeit betrachtete: 

Proleten Pöbel Parasiten

"Weil ich in meiner Jugend kaum Kontakt zu Gymnasiasten und Akademikerkindern hatte, blieb ich bei Classic Rock, Pop und Hip-Hop stehen, ohne alternative Musikrichtungen kennengelernt zu haben.
Das rächt sich jetzt: Ich habe keine Ahnung von den Bands über die meine Kollegen häufig sprechen und versuche dann, die Unterhaltung unbeholfen auf Fußball umzulenken." (2016, S.223)

Rückkehr nach Reims

"Mit fünfzehn oder sechzehn wollte er nur mit seinen Kumpels um die Häuser ziehen, Fußball spielen, Mädels aufreißen und Johnny Hallyday hören, während ich lieber zu Hause blieb, um zu lesen, die Rolling Stones oder Françoise Hardy zu hören (...). Mein Bruder pflegte weiterhin das Ethos der Arbeiter, seine Umgangsformen und seine Körperhaltung unterstrichen die Zugehörigkeit zu der sozialen Welt, aus der wir stammten. Ich hingegen machte mir ein Gymnasiasten-Ethos zu eigen, das genauso klischeemäßig war und mit dem ich mich von meiner Familie abgrenzen wollte". (2016, S.100)

Während ERIBON nie auf die Idee gekommen wäre, zu fordern, dass das Akademikermilieu auf den Musikgeschmack der einfachen Leute Rücksicht nehmen sollte, neigt BARON dazu, Verständnis für den Musikgeschmack der Arbeiterklasse zu wecken. Beides führt nicht zu Innovationen, sondern bestärkt nur den vorherrschenden Trend zur Konformität, der heutzutage übermächtig ist.

Popmusik und das Spiel mit den Identitäten: Das Beispiel Schüchternheit

Popkultur ist zu einem zentralen Feld gesellschaftlicher Distinktionen geworden. Sag mir was Du hörst und ich sage Dir wer du bist, lautet das Motto der Identitätspolitik. Heimatlose müssen sich diesem Spiel nicht unterwerfen, sondern können darin gesellschaftliche Anerkennungskämpfe unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen sehen. Ist derjenige auf der Höhe der Zeit, der weiß, was in den diversen Musikzeitschriften von Rolling Stone über Musikexpress und Intro bis zu Spex über einen Song steht, um nur einige bekannte zu nennen? Oder eher derjenige, der sich fragt, welche Identitäten über Popmusik vermittelt werden?

Shy Boy

"Most guys advertise
By making eyes and telling lies
If you only knew,
You Could make your dreams come true
All you gotta do is ask me to"
(Katie Melua auf Piece by Piece 2005)

Schüchternheit scheint gerade für Männer im Zeichen der individualisierten, extravertierten Gesellschaft ein Problem zu sein. Katie MELUA verspricht in ihrem Song, dass sie ausdrücklich einen schüchternen Mann sucht, er brauche es nur zu wagen sie anzusprechen, als ob das nicht gerade das Hauptproblem des Schüchternen wäre. In den nuller Jahren erlebten Menschen ohne Beziehungserfahrung gar einen regelrechten öffentlichen Aufmerksamkeitsschub, der sich mittlerweile wieder abgeflaut hat.

Florian WERNER bringt die Schüchternheit in seinem 2012 erschienenen Buch Schüchtern mit der sozialen Mobilität einer Gesellschaft zusammen:

Schüchtern

In gewisser Weise stellt die peinigende Erfahrung der Blödigkeit beziehungsweise Schüchternheit (...) die Kehrseite der Demokratisierung dar, wie sie sich seit Beginn der Moderne in den westlichen Gesellschaften vollzog. Man könnte sogar vermuten, dass die Schüchternheit proportional zur gesellschaftlichen Durchlässigkeit und Aufwärtsmobilität zunimmt: Je größer die sozialen Aufstiegschancen sind, je weiter und vielfältiger die Kreise, in denen man sich bewegt, desto zahlreicher werden auch die Gelegenheiten, sich zu blamieren"
(2012, S.86)

Schüchternheit tritt hier in Verbindung mit der Scham ("sich blamieren") auf. Während Schüchternheit als Persönlichkeitseigenschaft gilt, ist Scham jedoch eine soziale Angst. Während ERIBON eher von Scham spricht, verwendet BARON den Begriff Schüchternheit im Zusammenhang mit sozialen Herkunft. Er fühlt sich den "eloquenten Dampfplauderern" (vgl. 2016, S.65) aufgrund seines schüchternen Charakters unterlegen.

Der Song Shy Boy entstand zu einer Zeit als Schüchternheit in Deutschland noch nicht debattiert wurde und in den USA das Phänomen der Introvertiertheit erst neu entdeckt wurde. In gewisser Weise kann man seitdem auch mit diesen Identitäten spielen: Wer kann schon als Außenstehender unterscheiden, ob jemand nun schüchtern oder introvertiert ist? Während Introvertiertheit inzwischen positiv konnotiert ist, gilt Schüchternheit immer noch meist als Makel und ein Lob der Schüchternheit ist - anders als bei Katie MELUA - in der öffentlichen Debatte nur selten zu vernehmen. Urs STÄHELI schreibt dazu in seinem Aufsatz Die Angst vor der Gemeinschaft in der Zeitschrift Merkur:

Die Angst vor der Gemeinschaft

"Die Populärwissenschaft hat die Schüchternheit als erfolgreiches Thema entdeckt - und zwar nicht mehr nur im klassischen Ratgeberformat, das Schüchterne Techniken lehrt, die nächste Party oder den Betriebsausflug zu überleben. Vielmehr findet nun eine Neucodierung von Schüchternheit als soziale und ökonomische Qualität statt. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist Susan Cains (...) Bestseller Quiet; in Deutschland mag man an Florian Werners literarische Verteidigung der Schüchternheit denken. (...).
Der Schüchterne ist nun nicht nur ein potentieller und leidender Künstler, sondern er gilt in vielen Fällen sogar als der bessere Unternehmer, Manager und Erfinder. (...). Diese Heroisierung des Introvertierten geht allerdings mit einer recht problematischen Aufspaltung zwischen dem Introvertierten und dem Schüchternen einher: Der nun hochgeschätzte Introvertierte verzichtet aus eigenem Willen auf soziale Geselligkeit, während der Schüchterne von sozialer Angst getrieben und nicht mehr Herr seines Gemeinschaftswillen ist. Nur der willensstarke Introvertierte taugt zum Helden; der Schüchterne dagegen wird einmal mehr zur tragischen Figur, möchte er doch am Gemeinschaftsleben teilhaben, wird aber von seinen Ängsten davon abgehalten."

(Merkur, Oktober 2013)

Beim Flirten oder bei der Partnersuche kann man sich wohl kaum damit herausreden, dass man introvertiert sei und nicht schüchtern. Im beruflichen Kontext dagegen ist das anders. Das Spiel mit Identitäten ist also nicht ganz situationsunabhängig.

Statusinkonsistenz - eine überholte Kategorie? Der Mythos von der Karrierefrau, die keinen Mann abgekommen hat

Was bedeutet es eigentlich, wenn statt der Alleinverdienerpartnerschaft die Doppelverdienerpartnerschaft in der Gesellschaft zunimmt. Lassen sich dann Fragen des sozialen Aufstiegs und der sozialen Inkonsistenz noch so einfach messen und diagnostizieren? Mitte der nuller Jahre wurde die Karrierefrau, die keinen (Ehe-)Mann abbekommt zum Thema der Mainstreammedien. Den bemitleidenswerten Karrierefrauen (vgl. Einsame Spitze 2011) wurde das Dating-Down, d.h. die Suche nach einem Partner in statusniedrigeren bzw. bildungsferneren Milieus empfohlen.

Inzwischen hat sich das als kurzschlüssig erwiesen, denn die Studie des Forscherteams um den Soziologen Hans-Peter BLOSSFELD untersuchte nur die Verheirateten und ignorierte die zunehmenden Partnerschaften von Unverheirateten. Zudem konzentrierten sich die Untersuchungen nur auf Frauen in Führungspositionen, als ob nicht viele Karrierefrauen in akademischen Berufen arbeiten, die aus diesem Raster fallen. Die Soziologen sprachen von zunehmender Bildungshomogenität, was etwas ganz anderes ist als eine zunehmende Einkommenshomogenität von Paaren. Mittlerweile sind auch zunehmend Paare in den Blick geraten, in denen Frauen mehr verdienen als Männer. Dies deutet darauf hin, dass Frauen lieber mit einem gescheiterten Bildungsaufsteiger vorlieb nehmen, als ihre Partner in bildungsfernen Schichten zu suchen. Und damit wird die Diagnose Statusinkonsistenz zum Problem: Gescheiterte Bildungsaufsteiger könnten ihr Scheitern durch eine Partnerschaft kompensieren. Die Mainstreammedien suggerieren zwar das Gegenteil, indem sie thematisieren, dass eine Frau, die mehr verdient als ihr Mann ein Problem darstellt, aber die Belege dafür sind dürftig. Die Frage, ob die Zunahme von Bildungshomogenität bei Partnerschaften die soziale Ungleichheit erhöht, muss differenzierter betrachtet werden. Sie könnte im Gegenteil auch verhindern, dass Statusinkonsistenz zur Bedrohung für unsere Gesellschaft wird.   

Fazit: Es bedarf der Ausweitung des Blicks auf die gesamte Spannbreite des Scheiterns von Bildungsaufsteigern   

Das Scheitern des Bildungsaufstiegs ist nicht unbedingt eine Bedrohung für die Gesellschaft, sondern kann auch eine Chance bedeuten. Das Thema spielt in der öffentlichen Debatte jedoch (noch?) nicht die Rolle, die ihm zukommen müsste angesichts der Relevanz des Themas sozialer Ungleichheit. Der Tunnelblick auf die erfolgreichen sozialen Aufsteiger verstellt den Blick darauf, dass das Scheitern von Bildungsaufsteigern die Normalität und nicht die Ausnahme ist.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen.
          
 Die Rede von der "Single-Gesellschaft" rechtfertigt gegenwärtig eine Demografiepolitik, die zukünftig weite Teile der Bevölkerung wesentlich schlechter stellen wird. In zahlreichen Beiträgen, die zumeist erstmals im Internet veröffentlicht wurden, entlarvt der Soziologe Bernd Kittlaus gängige Vorstellungen über Singles als dreiste Lügen. Das Buch leistet damit wichtige Argumentationshilfen im neuen Verteilungskampf Alt gegen Jung, Kinderreiche gegen Kinderarme und Modernisierungsgewinner gegen Modernisierungsverlierer."

 
     
 
       
   

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© 2002-2017
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webmaster@single-generation.de Erstellt: 11. April 2017
Update: 11. April 2017