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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Reproduktionsmedizin und die Fruchtbarkeitskrise

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um Geburtenrückgang und ungewollte Kinderlosigkeit (Teil 6)

 
       
     
   
     
     
 

Einführung

Seit 1978 das erste "Retortenbaby" geboren wurde, ist die künstliche Befruchtung zum Alltag von Reproduktionsmedizinern in der ganzen Welt geworden. Dies hat auch den Blick auf die Kinderlosigkeit verändert. Diese Veränderung des Blicks auf Kinderlose und die Einflüsse von Professionsinteressen und bevölkerungspolitischen Interessen sollen in dieser kommentierten Bibliografie im Vordergrund stehen.

Kommentierte Bibliografie (Teil 6 - 2010 bis 2012)

THORN, Petra (2010): Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch. Erfahrungen, Lebensgestaltung, Beratung, Stuttgart: Kohlhammer Verlag

Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch

"Noch immer ist männliche Unfruchtbarkeit ein Tabuthema und für die meisten Betroffenen eine stille Krise: Männer sprechen kaum darüber, wenn ihre Fruchtbarkeit eingeschränkt ist oder sie keine Kinder zeugen können. Der Ratgeber von Petra Thorn schildert die Erfahrungen von Männern mit Fruchtbarkeitsstörungen, beschreibt ihren Umgang damit und die Lösungen, die sie gemeinsam mit ihren Partnerinnen entwickeln. Zugleich bietet er einen fundierten Überblick über die derzeit verfügbaren medizinischen Therapien und über mögliche Alternativen zur Erfüllung des Kinderwunsches. Dieser Band vereint Erfahrungsberichte betroffener Männer mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie der klinischen Erfahrung der Autorin und ist einer der wenigen, die explizit Männer ansprechen."
(Klappentext)

WOLFF, Thomas (2010): Wunschkind von einem toten Vater.
Künstliche Befruchtung: Ines S. will ein Kind - von ihrem toten Mann. Die Eizellen hat das Paar vor Jahren einfrieren lassen. Doch eine künstliche Befruchtung wäre gegen das Gesetz. Diese Woche entscheidet ein Gericht über den Fall,
in: Frankfurter Rundschau v. 04.05.

KEKULÉ, Alexander S. (2010): Samen - wollt ihr ewig leben?
Eine Frau will ein Kind von ihrem verstorbenen Mann. Der tragische Fall zeigt einmal mehr, dass die Reproduktionsmedizin in einer ethischen und rechtlichen Grauzone arbeitet,
in: Tagesspiegel v. 12.05.

LACHENMANN, Akiko (2010): Ihr Bauch gehört mir.
Leihmütter in den USA: Sarah Jessica Parker hat es getan, die Partnerin von Robert de Niro auch: Sie haben ihre Kinder von fremden Frauen austragen lassen. Ihr Beispiel macht in den USA Schule, das Geschäft mit Leihmüttern boomt. Ein Besuch in der größten Vermittlungsagentur an der Ostküste,
in: Frankfurter Rundschau v. 11.06.

KRAUS, Uwe (2010): "Nicht die Kinder wegsparen".
Magdeburg unterstützt künstliche Befruchtung,
in: Neues Deutschland v.
01.07.

Uwe KRAUS berichtet über die Neuregelung der Förderung künstlicher Befruchtung in Sachsen-Anhalt. Demnach sollen nicht nur Ehepaare wie in Sachsen, sondern auch unverheiratet zusammenlebende Paare gefördert werden.

EHRINGFELD, Klaus (2010): Mutter trägt Sohn ihres Sohnes aus.
Außergewöhnlicher Kinderwunsch: Jorge ist ein 31-jähriger homosexueller Single mit großem Kinderwunsch. Schwer zu glauben, aber er hat einen außergewöhnlichen Weg gefunden, den Traum Realität werden zu lassen,
in: Frankfurter Rundschau v.
12.08.

SCHOCKENHOFF, Eberhard (2010): Guter Hoffnung?
In vielen Ländern ist es üblich, künstlich erzeugte Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib einem Gentest zu unterziehen: Hauptsache, kein behindertes Kind. In Deutschland ist die rechtliche Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik noch umstritten. Das unlängst ergangene Urteil des Bundesgerichtshofs zugunsten der PID hält einer ethischen Prüfung jedoch nicht stand,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.09.

BERNDT, Christina (2010): Vater von vier Millionen Kindern.
Robert Edwards hat die künstliche Befruchtung erfunden - und bekommt dafür 32 Jahre später den Nobelpreis,
in: Süddeutsche Zeitung v. 05.10.

BRODMERKEL, Anke (2010): Mr. Retortenbaby.
Nobelpreis für Medizin - Das erste Baby aus dem Labor wurde 1978 noch skandalisiert, inzwischen freuen sich Millionen Eltern weltweit über ihre Wunschkinder aus der Petrischale,
in: Berliner Zeitung v. 05.10.

Anke BRODMERKEL schildert die Entwicklungsschritte hin zur ersten erfolgreichen Geburt durch künstliche Befruchtung. Sie lässt außerdem den Reproduktionsmediziner Klaus DIEDRICH zu Wort kommen, an dessen Klinik 1983 das zweite "Retortenbaby" in Deutschland zur Welt kam, und der zusammen mit EDWARDS zu den Gründern der Europäischen Gesellschaft für menschliche Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) im Jahr 1984 gehörte.

BRÜNING Anne (2010): "Heute ist das wie Brötchenbacken".
Gespräch mit dem Reproduktionsmediziner Heribert Kentenich,
in: Berliner Zeitung v. 05.10.

SPIEWAK, Martin (2010): Späte Anerkennung.
Der Medizinnobelpreis feiert den Triumph der Forschung über die Kinderlosigkeit,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 07.10.

PETERSDORFF, Winand von (2010): Geschäft aus der Retorte.
Die Erfindung der künstlichen Befruchtung hat eine globale Industrie geschaffen: mit Klinken, Eizellenspendern und Leihmüttern. 4,2 Millionen Babys verdanken ihr Leben der Technik. 200000 allein in Deutschland,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 10.10.

KOCH, Carole (2010): Bauch zu vermieten.
Indien entwickelt sich zu einem Weltzentrum für Fortpflanzungsmedizin und Leihmutterschaft,
in: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag v. 10.10.

SPIEWAK, Martin (2010): Der Sex, das Sperma, die Angst.
Männliche Unfruchtbarkeit gilt immer noch als Tabu. Gespräch mit der Autorin Petra Thorn, die ein Buch darüber geschrieben hat,
in: Die ZEIT Nr.42 v. 14.10.

Martin SPIEWAK spricht mit der Familientherapeutin Petra THORN, die das Buch Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch geschrieben hat, in dem das Problem der männlichen Unfruchtbarkeit im Mittelpunkt steht:

"Wenn Paare keine Kinder bekommen können, liegt die Ursache in rund siebzig Prozent der Fälle beim Mann oder bei beiden Partnern gemeinsam. Nach seriösen Schätzungen sind bis zu 1,5 Millionen Männer in Deutschland von einer Zeugungsschwäche betroffen. Dennoch gibt es bislang kaum populärwissenschaftliche Literatur dazu. Sogar Das Samenbuch stammt von Vivian Marx, also einer Frau",

meint THORN. Unter dem Schlagwort Zeugungsfähig erläutert SPIEWAK den Sachverhalt. Sein Fazit bisheriger Studien: Genaues weiß man bislang nicht.

HAARHOFF, Heike (2010): Der weite Weg zum Kind.
PID: Der schwarz-gelbe Streit über die Präimplantationsdiagnostik geht an der Wirklichkeit vorbei. Kein Wunder: Es geht um interne Machtspielchen,
in: TAZ v. 25.10.

FREITAG-Thema: Die unnatürlichste Sache der Welt: Kinder.
Früher waren Babys Schicksal, heute werden sie gemacht. Wie hoch ist der Preis dafür?

ZINKANT, Kathrin (2010): Biologischer Hürdenlauf.
Reproduktion: Die Medizin stellt Eltern, Ärzte und die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Das macht vielen Angst. Aber wir sollten uns nicht davor drücken,
in: Freitag Nr.45 v. 11.11.

BAUREITHEL, Ulrike (2010): Noch ganz klein und schon so teuer.
Geschäftsfelder: Lebensanfang und -ende des Menschen bergen für die Medizin die größten Profitpotenziale. In der Debatte um die künstliche Befruchtung wird das verschleiert,
in: Freitag Nr.45 v. 11.11.

SCHWENTKER, Björn (2010): Die Ökonomie des Familienglücks.
Demografie: Warum kriegen Menschen in Industrieländern überhaupt Kinder? Die Antwort darauf ist ernüchternd - und kann Hoffnung machen,
in: Freitag Nr.45 v. 11.11.

NIENHAUS, Lisa (2010): Die Babymacher aus Belgien.
Eine Klinik in Brüssel zeugt seit 1983 Babys in der Petrischale - und lockt Kunden aus aller Welt an. Auch aus Deutschland. Denn in Belgien ist erlaubt, was hierzulande umstritten ist: Die Präimplantationsdiagnostik. Ein Besuch,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.11.

KASTILAN, Sonja (2010): "Ich rate Patienten, ins Ausland zu gehen".
Der deutsche Arzt Klaus Diedrich erklärt, warum manche Paare eine PID wünschen und wie er ihnen weiterhilft,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.11.

WINKLER, Willi (2010): Leihmütterlein, Leihmütterlein.
Elton John ist Vater und Mutter geworden - eine Gratulation,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.12.

"Nur das Baby fehlte noch zum Glück", textet die SZ zum Bild des Paares Reginald Kenneth DWIGHT (besser bekannt als Elton John), 62, und David FURNISH, 48. 

NEW YORK TIMES MAGAZINE-Titelgeschichte: Meet the Twiblings.
How four women (and one man) conspired to make two babies

THERNSTROM, Melanie (2011): Meet the Twiblings,
in: New York Times Magazine v. 02.01.

GÜNTNER, Joachim (2011): Zeugung auf Probe.
Die Präimplantationsdiagnostik findet vermehrt Billigung,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 08.02.

"In den USA haben Genetiker unter der Leitung von Stephen Kingsmore gerade einen universalen Test präsentiert, der es vermag, Menschen auf 448 Gendefekte zugleich zu prüfen. Jede Wette, dass dies der Nachfrage nach der PID einen Schub geben, den Wunsch nach Leidvermeidung anstacheln und die Grenze zwischen positiver und negativer Eugenik weiter verwischen wird", glaubt Joachim GÜNTNER.

KÖRTNER, Ulrich H. J. (2011): Wunsch Kind.
Kinderlosigkeit: eine "Krankheit"? Befruchtung jenseits des Klimakteriums: nur ein Fall für die "Life-Style-Medizin"? Überhaupt, wie weit darf der Kinderwunsch gehen? Stößt er lediglich an technische Hürden, oder gibt es auch ethische Grenzen, die durch Gesetze zu schützen sind? Versuch einer Klärung,
in:
Die Presse v. 19.02.

MÜLLER-NEUHOF, Jost (2011): Das Wunschkind.
Viele Paare können Nachwuchs nur auf künstlichem Wege bekommen. Das bringt viele Probleme mit sich,
in:
Tagesspiegel v. 21.02.

HAARHOFF, Heike (2011): Der Arzt, der den Streit implantierte.
Fortpflanzung: Matthias Bloechle macht Gentests an künstlich gezeugten Embryonen - als erster Arzt in Deutschland. Nächsten Donnerstag debattiert der Bundestag darüber, ob das künftig verboten wird,
in: TAZ v. 12.03.

KALENDER, Ute (2011): Rohstoff aus dem Körper.
In den achtziger Jahren galten Bio- und Reproduktionstechnologien vielen Linken und Feministinnen als Ausdruck kapitalistischer und patriarchaler Herrschaft. Heute werden solche Technologien vor allem aus queerer Perspektive als subversive Mittel gegen Heteroverwandtschaften gepriesen, der Kritik an der modernen Biomedizin wird schnell eine regressive Sehnsucht nach vortechnologischer Harmonie unterstellt. Zu aktuellen Debatten um die Präimplantationsdiagnostik haben Linke wenig zu sagen,
in: Jungle World Nr.19 v. 12.05.

"Angesichts der real existierenden Geschlechternormen, der autoritären Bevölkerungspolitik des deutschen Staates sowie der Bestrebungen, den reproduktiven Körper inwert zu setzen, ist eine Verwendung von Reproduktionstechnologien zu fortschrittlichen Zwecken kaum zu erwarten. Eine queer-feministische und marxistische Perspektive bedeutet deshalb nicht nur, die gesellschaftlichen Verhältnisse rund um die Reproduktionstechnologien sichtbar zu machen. Sie bedeutet auch ein konsequentes Nein zur PID",

meint Ute KALENDER im Gegensatz zu einer "Politik der ersten Person", bei der Reproduktionstechnologien begrüßt werden:

"Frauen, die sich als lesbisch definieren, oder sogar Single-Frauen sind in Deutschland ausdrücklich vom Zugang zu Reproduktionstechnologien ausgeschlossen. Auch Transpersonen, die bis vor kurzem sogar noch einem Kastrationszwang unterworfen waren, wurde die Nutzung nahezu unmöglich gemacht.
Aus queerer Perspektive wird deshalb argumentiert, die neuen Reproduktionstechnologien hätten die traditionellen Formen der Reproduktion infrage gestellt."

HUBER, Stephanie (2011): Das lange Warten auf ein Kind.
Jedes siebte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Eine künstliche Befruchtung ist für sie oft der einzige Ausweg. Doch nicht bei allen zeigt eine solche Behandlung auch Erfolg. Zwei Erfahrungsberichte,
in: faz.net v. 17.05.

PASSET, Jasmin (2011): Kinderlosigkeit im Lebensverlauf.
Wie wichtig ist das Lebensziel, Kinder zu bekommen, im Vergleich mit anderen Lebenszielen?
In: Bevölkerungsforschung Aktuell, Nr.3 v. 01.06.

GRAF, Friedrich Wilhelm (2011): Biopolitische Kontroversen sind hierzulande immer weltanschaulich geprägt.
Wer ständig die Dammbruch-Metapher beschwört, arbeitet bei seinen ethischen Entscheidungen mit einer fragwürdigen Heuristik der Furcht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.06.

Friedrich Wilhelm GRAF sieht in der nationalsozialistischen Vergangenheit und der starken Stellung der evangelischen und katholischen Kirche Hemmnisse für eine beschränkte Zulassung der Präimplementationsdiagnostik (PID). Folgende Streitpunkte sieht GRAF hinsichtlich der PID-Debatte:

"Umstritten sind der moralische Status von Embryonen im Frühstadium, das Recht auf Selbstbestimmung der Mutter und auch die Frage, ob ein Rechtsstaat freien Bürgern überhaupt eine »Pflicht zum Nichtwissen« vorschreiben darf."

Die Gefahr von Designerbabies sieht GRAF nicht:

"PID (...) eignet sich allein für monokausale erbliche Krankheiten wie Mukoviszidose oder Chorea Huntington. Eine Selektion hin auf überaus komplexe Eigenschaften liegt jenseits der Kompetenz von Genetikern."

Als Folge der rechtlichen Situation der PID in Deutschland sieht GRAF den Reproduktionstourismus ins Ausland. Die Inanspruchnahme der PID als Möglichkeit der Risikominderung zur Verhinderung von Spätabtreibungen liegt für GRAF in der individuellen Entscheidungsfreiheit. 

WEGENER, Felix (2011): Nichtschwimmer, Ullstein Verlag

Nichtschwimmer

"Felix ist im besten Mannesalter, als er nach einem Besuch beim Urologen erfährt, dass seine Spermien nichts taugen. Eine Katastrophe, findet nicht nur er, sondern auch Sonja, seine Frau. Schließlich wünschen sich beide ein Kind. Sehr. Schnell. Mutig und wunderbar komisch schildert Felix, wie er seinem gar nicht so ungewöhnlichen Leiden auf den Grund geht. Er erzählt von seltsamen Therapien (Zink!), fruchtbaren Orten (Prag!) und seinem besten Freund mit dem gleichen Problem (Jörg!). Überhaupt scheint sein halber Freundeskreis plötzlich aus Männern mit mangelhaften Hoden zu bestehen ..."
(Klappentext)

GEYER, Christian (2011): Dieser unselige Kinderwunsch.
Immer häufiger sind es die Männer, an denen die Fortpflanzung scheitert. Der Roman "Nichtschwimmer" ist eine Patientenakte über die Zerstörungskraft der reproduktiven Medizin,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.09.

Die Fortpflanzungsmedizin erobert nun auch den Buchmarkt. Christian GEYER stellt den Roman Nichtschwimmer von Felix WEGENER vor, der die "Spermienkrise". GEYER preist das Buch als hochpolitisch, da es die Grenzen der "reproduktiven Autonomie" aufzeige und empfiehlt das Buch allen, die den Gang in die Kinderwunschpraxis antreten wollen. Im Gegensatz zu Michael KLEEBERG, der in seinem Roman Das amerikanische Hospital die Schrecken des Krieges mit denen einer künstlichen Befrucht vergleicht, zeichne sich das Buch von WEGENER durch eine Leichtigkeit aus, die GEYER an Max GOLDT erinnert. 

SPIEWAK, Martin (2011): Für ein Baby nach Prag.
Eizellspende: Bisher sind Eizellspenden nur im Ausland erlaubt – das sollte sich ändern. Unterwegs mit einem unfruchtbaren Paar,
in: Die ZEIT
Nr. 45 v. 03.11.

SEELIGER, Julia (2011): Verordnete Kinderlosigkeit.
Familienpolitik: Kristina Schröder möchte "ungewollt kinderlosen Paaren" helfen. Doch wer nicht der Norm "heterosexuelle Zweierbeziehung" entspricht, bleibt außen vor,
in:
TAZ v. 05.11.

SZ-Tagesthema: Wer soll künstliche Befruchtung bezahlen?

BRAUN, Stefan & Guido BOHSEM (2011): Kinder der Politik.
Mit zehn Millionen Euro will Ministerin Schröder Paaren helfen, die nur durch künstliche Befruchtung Eltern werden können,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.11.

Seit der Agenda 2010 gilt nicht die ungewollte, sondern die gewollte Kinderlosigkeit als Problem. Demografen sprechen von einer "Kultur der Kinderlosigkeit". Gegen diese Sichtweise macht die Lobby der Reproduktionsmediziner nun mobil:

"Kristina Schröder (...) will (...) auch jenes Klischee durchbrechen, das über kinderlose Paare weit verbreitet ist: dass diese allein dem Hedonismus frönten und an Kinder gar nicht denken würden. »Wir gehen davon aus, dass jedes zehnte Paar ohne Kinder in Wahrheit sehr gerne welche hätte.«" Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sind heute 1,5 bis zwei Millionen ungewollt kinderlos",

berichten Stefan BRAUN & Guido BOHSEM über den Kurs der Familienministerin, der auf eine Besserstellung ungewollt kinderloser Paare abzielt. Die Autoren beschreiben die Folgen der Gesundheitsreform 2004, mit der die Krankenkassenleistungen für ungewollt Kinderlose eingeschränkt wurden. BRAUN & STEFAN sehen für die Altersobergrenze von 40 Jahren für Kassenleistungen keine medizinische Begründung, sondern sie entspricht vielmehr jener Altersobergrenze, die auch für Adoptionen gilt.

Eher sind hinter der Altersobergrenze bevölkerungspolitische Motive zu sehen, denn noch bis Mitte der Nuller Jahre galten 40jährige Frauen statistisch als lebenslang kinderlos. Mit aller Macht verteidigen Demografen diese Altersgrenze, indem sie - wie zuletzt - den steigenden Anteil der Geburten von 40jährigen und älteren Frauen am Geburtenaufkommen kleinreden und damit tabuisieren zu versuchen.

Inwieweit Krankenkassen für die Finanzierung zuständig sind, das zielt auf die Frage, ob Kinderlosigkeit als Krankheit einzustufen ist oder nicht. Das Bundesverfassungsgericht befand im Februar 2007, dass Kinderlosigkeit keine Krankheit ist:

"Das Gericht sprach von einem Grenzbereich zwischen Krankheit und Beeinträchtigungen von Körper und Seele, deren Beseitigung oder Besserung nicht unbedingt von der Krankenkasse zu bezahlen ist."       

FRANK, Charlotte (2011): "Wie der Verlust eines nahen Angehörigen".
Psychologe Tewes Wischmann über die seelischen Nöte von kinderlosen Paaren und das Vorurteil, sie seien an ihrem Schicksal selber schuld,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.11.

Tewes WISCHMANN vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg tritt der Auffassung entgegen, dass in erster Linie die Zunahme des Alters der Mütter an der ungewollten Kinderlosigkeit schuld sei:

"ungewollte Kinderlosigkeit gilt oft als selbstverschuldete Misere von Menschen, die lieber Karriere gemacht haben als sich um die Familienplanung zu kümmern. Das ist ungerecht. In 90 Prozent der Fälle hat das Phänomen organische Ursachen und liegt nicht in erster Linie am Alter. Und man darf nicht vergessen, dass wir über Menschen sprechen, die beim ersten Anlauf der künstlichen Befruchtung im Schnitt bereits 3,7 Jahre erfolglos versucht haben, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen."

Reproduktionsmediziner werben gerne mit hohen Schwangerschaftsraten, während die "Geburtenrate" ("Baby-Tak-Home-Rate") eher niedrig ausfällt:

"Die sogenannte Baby-Take-Home-Rate, also die Quote der geglückten künstlichen Befruchtungen, liegt pro Zyklus bei gerade mal 17 Prozent. Nach insgesamt drei Behandlungszyklen (...) liegt die Chance auf eine Lebendgeburt immer noch unter 50 Prozent",

erklärt WISCHMANN, der sich eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz für ungewollt kinderlose Paare wünscht, die sich einer reproduktionsmedizinischen Behandlung unterziehen.  

BERNDT, Christina (2011): Zwischen Traum und Albtraum.
Risiken für Mutter und Kind,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.11.

GEO MAGAZIN-Titelgeschichte: Der gekaufte Bauch

HANIG, Florian (2011): Eine andere Frau trägt unser Kind aus.
In den Bäuchen dieser Inderinnen reifen nicht eigene Babys heran, sondern kleine Amerikaner, Europäer, Israelis. Für immer mehr kinderlose Paare im Westen sind "Leihmütter" in der Dritten Welt die letzte Hoffnung auf Elternglück. Aber darf man mit der Fruchtbarkeit Geschäfte machen? Wir haben eine deutsche Familie begleitet, die in Durban Zwillinge gebären ließ,
in:
Geo, Dezember

SCHMITZ, Thorsten (2012): Wir werden das Kind schon schaukeln.
Obwohl die Hürden in Deutschland noch immer hoch liegen, entscheiden sich immer mehr schwule Paare für Nachwuchs,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 03.01.

RÖTZER, Florian (2012): Der Mann, der ein Kind bekam, weil er auch eine Frau ist.
Die Reproduktionsverhältnisse, Geschlechteridentitäten und Familienstrukturen verändern sich technisch und gesellschaftlich,
in: Telepolis v. 14.02.

FUCHS, Claudia (2012): Das größte Wunder der Welt.
Kinderlosigkeit: Mit 32 trifft sie den Mann ihres Lebens. Als sie 35 ist, wollen sie ein Kind. Aber es klappt einfach nicht. Unsere Autorin erzählt die Geschichte einer großen Hoffnung und eines einsamen Kampfes,
in:
Magazin der Berliner Zeitung v. 31.03.

BAUREITEL, Ulrike (2012): "Jetzt fehlen nur noch die Spielregeln".
Embryonencheck: In Lübeck warten die Reproduktionsmediziner noch auf eine Verordnung, um die PID durchführen zu können, sagt Professor Klaus Diedrich. Ein erstes PID-Kind kam dort schon zur Welt,
in:
TAZ v. 13.04.

PROFIL-Titelgeschichte: Baby auf Bestellung.
Immer mehr Frauen erfüllen sich ihren Kinderwunsch mithilfe von Reproduktionsmedizin. Das Geschäft boomt - vor allem im Ausland

PLANK, Lukas (2012): Nachwuchsgebiete.
Der unerfüllte Kinderwunsch ist ein florierendes Geschäft – in Österreich und international. Um ein Kind zu bekommen, überqueren jedes Jahr tausende Frauen in Europa geografische, biologische und rechtliche Grenzen,
in:
Profil v. 09.07.

SCHAAF, Julia (2012): "Es fehlt etwas, das dazugehört".
Millay Hyatt erfuhr mit 32, dass sie kein Kind bekommen kann. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben - über Freiheit und Trauer, über Reproduktionsmedizin und Adoption, über Schlussstriche,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.07.

HYATT, Millay (2012): Ungestillte Sehnsucht. Wenn der Kinderwunsch uns umtreibt, Berlin: Ch. Links Verlag

Ungestillte Sehnsucht

"Mit 32 erfährt Millay Hyatt, dass sie keine Kinder bekommen kann. Der Wunsch aber ist intensiv. So intensiv, dass er zu einer Gewalt heranwächst, die sie und ihren Mann zu Ärzten, Heilpraktikern und in Adoptionsseminare führt. Sie geben die Hoffnung nicht auf. Millionen Menschen in Deutschland teilen dieses Schicksal - ob aufgrund von Unfruchtbarkeit, eines fehlenden oder unwilligen Partners oder von Homosexualität. Viele von ihnen gehen über körperliche, seelische und finanzielle Grenzen hinaus, um ihre Sehnsucht nach einem Kind zu stillen. Während die Reproduktionsmedizin voranschreitet, bleibt die Verzweiflung der Betroffenen unsichtbar. Was treibt diese Menschen an? Wie werden sie mit der Belastung fertig? Welche Rolle spielen dabei Familie, Freunde, die Gesellschaft? Millay Hyatt befragt sich selbst und zahlreiche Gesprächspartner, und sie analysiert das System, das dahintersteckt."
(Klappentext)

STOCK, Günter u.a. (2012)(Hg.): Zukunft mit Kindern. Fertilität und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Campus Verlag

Zukunft mit Kindern

"6. »Da die Lebenserwartung von Frauen in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen ist, können Frauen länger Kinder bekommen.«

Was wir heute wissen: Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich der Zeitpunkt des Eintritts der Menopause nicht verschoben, sondern liegt nach wie vor bei durchschnittlich 51 Jahren. (...).

7. »Bis Anfang/Mitte vierzig können Frauen problemlos schwanger werden.«

Was wir heute wissen: Die Fruchtbarkeit der Frau nimmt etwa ab dem 30. Lebensjahr allmählich und ab dem 35. Lebensjahr deutlich ab. Mit steigendem Alter der Frau kann aus einer zeitweise gewollten Kinderlosigkeit eine ungewollte Kinderlosigkeit werden. Auch die Zeugungsfähigkeit des Mannes nimmt etwa ab dem 40. Lebensjahr ab.

8. »Das Aufschieben des Kinderwunsches von Frauen bis Mitte dreißig/Anfang vierzig ist ohne Weiteres möglich, da die Reproduktionsmedizin problemlos den Kinderwunsch erfüllen kann, falls es auf natürlichem Weg nicht funktioniert.«

Was wir heute wissen: Der Eintritt einer Schwangerschaft und die Geburt eines lebenden Kindes hängen entscheidend vom Alter der Frau und damit von der Anzahl und der »Qualität« (Entwicklungs- und Befruchtungsfähigkeit) der Eizellen ab. So haben Frauen über etwa 40 Jahre im Vergleich zu Frauen unter etwa 34 Jahren - ähnlich wie auf natürlichem Weg - bei einer IVF-Kinderwunschbehandlung nicht einmal mehr eine halb so große Chance, schwanger zu werden und ein lebendes Kind auszutragen. Mit steigendem väterlichem Alter ab etwa 40 Jahren nimmt jedoch auch die Spermienqualität ab, aber in geringerem Ausmaß als die Qualität der Eizellen.

9. »Die Samenqualität des Mannes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verschlechtert.«

Was wir heute wissen: In jüngster Zeit ist die Samenqualität gleich geblieben. In der Vergangenheit waren die Methoden und Standards zur Messung der Spermienqualität zu unterschiedlich und machten einen Vergleich von Studien unmöglich. Erst die Erstellung von Standardwerten durch die World Health Organization (WHO) hat einheitliche Kriterien geschaffen. Langzeitstudien sind erforderlich, um die Frage nach Veränderungen der Samenqualität eindeutig zu beantworten." (2012, S.28f.)  

HOFFMANN, Thomas S. (2012): König Kunde kauft ein Kind.
Erobern in Österreich die Marktliberalen die Fortpflanzungsmedizin? Eine Polemik zur bevorstehenden Empfehlung der Bioethikkommission des Bundeskanzleramts, die umstrittene Präimplantationsdiagnostik gesetzlich zuzulassen,
in:
Der Standard v. 20.09.

MÜHL, Melanie (2012): Nicht ohne eine Tochter.
Geschlechterselektion: An Retortenbabys hat sich die Gesellschaft gewöhnt. Inzwischen aber gibt es immer mehr Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes vorher festlegen wollen. Wohin führt das?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.10.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
   

Zum Teil 7 der kommentierten Bibliografie (2013 - 2014)

 
       
   
 
   

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© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 21. September 2014
Update: 23. Januar 2017