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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 9)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 9: 2012)

2012

STORZ, Franziska (2012): "Was heißt schon früher?"
Michaela Kreyenfeld, Juniorprofessorin für Demografie an der Universität Rostock, kennt gute Gründe für stetig sinkende Geburtenraten,
in: Neon,
Januar

Michaela KREYENFELD betrachtet das Kinderkriegen aus der Perspektive der Karrieremutter, der es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Die Kinderlosigkeit in Deutschland ist dann vor allem durch neue Kitas und flexiblere Arbeitszeiten zu verringern. Die Grenzen einer solchen Bevölkerungspolitik, die das Phänomen Kinderlosigkeit auf die Vereinbarkeitsfrage reduziert, zeigt dagegen Diana AUTH auf.

DESTATIS (2012): Vier bis fünf Jahre beträgt aktuell der Abstand zwischen Geschwistern,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 06.01.

"307 000 der insgesamt 680 000 Neugeborenen waren im Jahr 2010 bereits das zweite oder dritte Kind ihrer Mutter. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, betrug ihr Anteil an allen 2010 geborenen Kindern 45 %. Nur 5 % waren das vierte oder weitere Kind. Gegenüber 2009 stieg die Zahl zweiter und dritter Geburten um 8 000. Die 2010 geborenen zweiten Kinder waren im Durchschnitt vier Jahre jünger als ihre erstgeborenen Geschwister. Die dritten Kinder kamen durchschnittlich fünf Jahre nach dem Geburtstag des zweiten Kindes zur Welt.

Bei 45 % der zweiten Geburten (98 000) und 36 % der dritten Geburten (26 000) betrug der Abstand zum vorangegangenen Kind weniger als drei Jahre. Im früheren Bundesgebiet entscheiden sich die Eltern im Durchschnitt schneller für ein weiteres Kind als in den neuen Ländern: 48 % der zweiten und 37 % der dritten westdeutschen Kinder folgten im Jahr 2010 bereits nach weniger als drei Jahren ihrem älteren Geschwisterkind. In den neuen Ländern wurden dagegen lediglich 29 % der zweiten und 31 % der dritten Kinder mit diesem Abstand geboren.

Diese Angaben, die sich unabhängig vom Familienstand auf alle von einer Frau geborenen Kinder beziehen, liegen seit 2009 vor", heißt es in der Pressemitteilung.

DESTATIS (2012): Für 2011 wird mit einer leichten Bevölkerungszunahme gerechnet,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 13.01.

"Für das Jahr 2011 wird mit 660 000 bis 680 000 lebend geborenen Kindern und mit 835 000 bis 850 000 Sterbefällen gerechnet. Daraus wird sich voraussichtlich ein Geburtendefizit von etwa 170 000 bis 185 000 ergeben. 2010 betrug es 181 000; den 859 000 Sterbefällen standen 678 000 Geburten gegenüber", meldet das Statistische Bundesamt.

SMB/UC (2012): Putzfrauen haben in Deutschland die meisten Kinder.
Die Schere geht weiter auf: Je weniger qualifiziert Frauen sind, desto eher und häufiger bekommen sie Kinder. Am Ende der Gebärenden-Statistik stehen Künstlerinnen,
in:
Welt Online v. 01.03.

"Die Debatte um die in Deutschland nach Einkommensklassen und sozialer Schicht höchst unterschiedliche Geburtenhäufigkeit bekommt neue Nahrung durch Zahlen des statistischen Bundesamtes. Demnach bekommen hierzulande von allen Berufsgruppen die Putzfrauen am häufigsten Kinder. Umgekehrt ist der Anteil kinderloser Frauen unter Reinigungs- und Entsorgungskräften mit nur sieben Prozent der Niedrigste von allen. Das geht aus einer neuen Erhebung des Statistischen Bundesamtes hervor, aus der die "Bild"-Zeitung zitiert. Im Mittelfeld der Statistik liegen Frauen in Büroberufen (kaufm. Angestellte 27 Prozent) und Ärztinnen sowie Apothekerinnen (33 Prozent)",

behauptet Welt Online. Dabei wird nicht einmal korrekt auf die Broschüre Geburten in Deutschland, Ausgabe 2012 verlinkt, aus denen die Daten zitiert werden. Es handelt sich auch nicht um eine neue Erhebung des Statistischen Bundesamtes, sondern um eine alte Erhebung des Jahres 2008, für die nun neue Auswertungen veröffentlicht wurden:

"Die hier dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf die Altersgruppe der 35- bis 49-jährigen Frauen (im diesem Alter waren im Jahr 2008 die Jahrgänge 1959 bis 1973). Theoretisch können diese Frauen zwar ihr erstes Kind noch bekommen, die meisten von ihnen haben sich jedoch bereits für oder gegen eine Familie mit Kind entschieden. 77 % der 35- bis 49-jährigen Frauen waren 2008 erwerbstätig." (2012, S.36)

Die Daten sind bereits dadurch verfälscht, dass hochgebildete Frauen meistens Spätgebärende sind, während gering gebildete Frauen ihre Kinder frühzeitig bekommen. Was es heißt, die Kinder zu unterschlagen, die nach dem 35. Lebensjahr geboren werden, kann man aus der Geburtenstatistik erfahren. Im Jahr 2008 wurden immerhin 24 % der Kinder in Deutschland von Frauen geboren, die 35 Jahre und älter waren. Aus der folgenden Tabelle sind die Anteile der Spätgebärenden zu ersehen.

Tabelle: Anteil der Geburten von Spätgebärenden in Deutschland im Jahr 2008
Altersgruppe

Geburten

35 - 39 Jahre 129.980
40 - 44 Jahre 32.892
45 Jahre und älter 1.541
Spätgebärende insgesamt 164.413
Insgesamt 682.514
Quelle: Statistisches Jahrbuch 2010, S.56 und eigene Berechnungen

Wenn man dann noch davon ausgeht, dass dies überproportional Kinder von Akademikerinnen sind, dann zeigt sich wie wenig aussagekräftig die Daten sind. Hätte man nur die Kinderlosen der 40-44jährigen Frauen genommen, dann wäre das Ergebnis kaum verfälscht.

Das Statistische Bundesamt behauptet weiterhin, dass die Geburt 1. Kinder bei Spätgebärenden nicht ins Gewicht fällt. Betrachtet man das Jahr 2010 für das Zahlen vorliegen, dann ergibt sich, dass der Frauenjahrgang 1973 in diesem Jahr 24.677 Kinder zur Welt brachte. Davon waren immerhin 7.865 erste Kinder, also fast 32 %. Der Anteil der ersten Kinder lag 2010 bei den Spätgebärenden in allen Frauenjahrgängen über 25 % teilweise sogar über 30 %.

Dieses Jahr steht eine neue Erhebung an. Müssen wir dann auch wieder 5 Jahre warten, bis diese Daten zur Verfügung stehen?

PÖTZSCH, Olga (2012): Geburtenfolge und Geburtenabstand - neue Daten und Befunde,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 2

BMFSFJ (2012): Familienpolitik und Fertilität: demografische Entwicklungen und politische Gestaltungsmöglichkeiten.
Monitor Familienforschung, Ausgabe 27,
in:
bmfsfj.de, März

Die aktuelle familienpolitische Selbstdarstellung des Bundesfamilienministeriums (hier als PDF-Datei downloadbar) bezieht sich bei der Geburtenentwicklung in Deutschland nicht mehr auf die bislang dominierende nationalkonservative Position, sondern macht sich die fortschrittliche Position des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zu eigen, die von einer höheren Geburtenrate in der jüngeren Generation ausgeht:

"Die Studien zeigen, dass die um den Tempo-Effekt korrigierte Geburtenrate bei etwa 1,6 Kindern pro Frau liegt (vgl. European Commission 2010: 32, Goldstein/Kreyenfeld 2011). Das bedeutet, dass Frauen in Deutschland aktuell im Durchschnitt etwa 1,6 Kinder bekommen (gleichermaßen in West- wie Ostdeutsch-land). Es gibt sogar erste Hinweise darauf, dass Frauen, die in den 1970er-Jahren geboren wurden, im Durchschnitt wieder mehr Kinder bekommen als die in den 1960er-Jahren geborenen Frauen."

BREUER, Ingeborg (2012): Vom Kinderwunsch zum Kind.
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demografie: Die Geburtenrate in Deutschland bleibt hinter dem Kinderwunsch insbesondere deutscher Frauen zurück. Doch je nach Berechnungsmethode der Geburtenrate ist nicht zwangsläufig ein demografisches Problem zu erwarten,
in:
DeutschlandRadio v. 22.03.

HIL (2012): Neugeborenen-Rate bei privat Versicherten steigt,
in: aerzteblatt.de
v. 26.04.

DESTATIS (2012): Mütter mit mehreren Kindern haben mit Familiengründung früher begonnen,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 24.05.

"Mütter, die mehr als zwei Kinder geboren haben, haben mit der Familiengründung früher begonnen: Sie waren nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) bei ihrer ersten Geburt durchschnittlich 26 Jahre alt und damit drei Jahre jünger als Mütter von Einzelkindern (29 Jahre). Dieser Befund bezieht sich auf Mütter der Jahrgänge 1959 bis 1968, die zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 40 und 49 Jahre alt waren. Die Zahl ihrer leiblichen Kinder kann als nahezu endgültig betrachtet werden", heißt es in der Pressemitteilung.

Es handelt sich dabei nicht um aktuelle Daten, sondern um Daten des Mikrozensus 2008

DESTATIS (2012): 2011 - Weniger Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 02.07.

Das Statistische Bundesamt meldet in einer sehr knappen Pressemitteilung die vorläufigen Geburtenzahlen für 2011. Demnach wurden ca. 663.000 Geburten gezählt (662.712 in der Tabelle der Geburtenzahlen 1950-2011).

Dies ist ein neuer Tiefststand in Deutschland, aber die Medienberichterstattung hält sich nicht an Fakten, sondern an politische Interessen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. So gab es im März 2006 einen publizistischen Höhenpunkt in der Erregung über den Geburtenrückgang, nur um dem Buch Minimum von Frank SCHIRRMACHER Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die tatsächlichen Geburtenzahlen für das Jahr 2005 (685.795) lagen dann auch weit über den falschen Zahlen, die von der Springer-Presse lanciert wurden (676.000).

Der Tiefststand im Jahr 2006 (672.724) wurde dann aufgrund der Einführung des Elterngeldes in seiner Bedeutung heruntergespielt. Im Mai 2007 schrieb die Springer-Presse einen Babyboom herbei. Dem trat das Statistische Bundesamt dann durch eine frühzeitige Veröffentlichung der Geburtenzahlen des 1. Quartals 2007, also jenem Jahr mit einem Geburtenhoch (684.862) entgegen.

Seitdem werden Geburtenzahlen in erster Linie unter dem Gesichtspunkt von Erfolg und Misserfolg des Elterngeldes betrachtet. Den Tiefststand 2006 und das darauf folgende Geburtenhoch 2007 kann man unter diesem Gesichtspunkt als Mitnahmeeffekt durch den kurzzeitigen Aufschub von Geburten beschreiben.

Andererseits können die Schwankungen der Geburtenzahlen aber auch durch die Schwankungen in der Anzahl der potenziellen Mütter mitverursacht sein (Echoeffekt). Mittlerweile sind die geburtenschwachen 1980er Frauenjahrgänge (Geburtentiefststand 1984: 812.292) für einen Großteil des Geburtenaufkommens verantwortlich. Lediglich die letzten Akademikerinnen der Generation Golf (1965-1975 Geborene) bekommen noch ein paar wenige Kinder. Bereits die wesentlich geburtenschwächeren letzten Jahrgänge der 1970er Jahre (Generation Praktikum, Netzgeneration) leisten in den nächsten Jahren als Spätgebärende ihren Beitrag zum Geburtenaufkommen. Der Beitrag der Spätgebärenden hat sich zwar im letzten Jahrzehnt prozentual stark erhöht, aber im Gegensatz zu den geburtenstärkeren Frauenjahrgänge der 1960er Jahre fallen die Spätgebärenden der 1970er Jahre absolut gesehen nicht mehr so stark ins Gewicht.

Über die Bedeutung der jetzt veröffentlichten Geburtenzahlen gibt  erst die Geburtenrate Auskunft. Ob sich hinter den Geburtenzahlen auch ein Rückgang der Geburtenrate verbirgt, das ist abhängig von der Entwicklung der potenziellen Mütter und von Tempoeffekten (geht des Alter der Mütter bei der ersten Geburt zurück oder ist es weiter gestiegen?).

Die Deutungskämpfe werden also weitergehen. Man darf gespannt sein, wie sich nun angesichts der neuen Zahlen die Gegner und Befürworter des Elterngeldes (der Kita, des Betreuungsgeldes usw.) aufstellen werden. Und wird die Suche nach Sündenböcken für die Entwicklung wieder bei den Kinderlosen enden? Oder werden endlich auch die strukturellen Gegebenheiten in den Blick kommen? Schließlich gibt es genügend Indizien, dass nicht erst die Vereinbarung von Beruf und Familie, sondern bereits die Vereinbarkeit von Beruf und (gleichberechtigter) Partnerschaft ein Problem ist. Ist es unter diesen Umständen wirklich sinnvoll "Singles" immer stärker zu diskriminieren?

Erst in den letzten Jahren kommt dem Thema Partnerlosigkeit, Partnerschaft und Kinderlosigkeit vermehrt Beachtung zuteil (mehr hier, hier, hier und hier).

EHRENSTEIN, Claudia & Miriam HOLLSTEIN (2012): Müssen Frauen bald doppelt so viele Kinder bekommen?
Bevölkerungsrückgang: Schon seit 40 Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden. Das neue Rekordtief bei den Geburtenzahlen erklären Statistiker mit "normalen Schwankungen",
in: Welt Online
v. 02.07.

"Es sind vor allem die Frauen im Alter von 26 bis 35 Jahren, die Kinder gebären. Doch diese Altergruppe ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich kleiner geworden, allein zwischen 1990 und 2010 um 1,5 Millionen Frauen. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung sank von 33 auf 26 Prozent. Bevölkerungsexperten sagen voraus, dass die Zahl bis 2020 zunächst noch relativ stabil bleibt, dann aber weiter schrumpfen wird. Die Frauen müssten in Zukunft doppelt so viele Kinder wie heute bekommen, damit die Geburtenzahlen insgesamt stabil bleiben – was unwahrscheinlich ist"

berichten EHRENSTEIN & HOLLSTEIN zum Trend der zukünftigen Geburtenentwicklung.

Ganz so einfach stellt sich die Sachlage jedoch nicht dar. Veränderungen des Erstgeburtsalters und des Geburtenabstandes haben bei gleicher Anzahl von Geburten neben der Anzahl der potenziellen Mütter ebenfalls Auswirkungen auf die zukünftige Geburtenentwicklung. Der außergewöhnliche "Babyboom" der 1960er Jahre war z. B. nicht allein die Konsequenz vermehrter Geburten, sondern auch der Veränderungen im Timing der Geburten. Deshalb wird auch versucht den Trend zur späten Geburt zu stoppen.

THURNER-FROMM, Barbara (2012): Weniger Babys,
in: Stuttgarter Zeitung Online
v. 02.07.

QUADBECK, Eva (2012): Geburten trotz Zahlungen auf Tiefstand.
CDU-Abgeordneter stellt Elterngeld infrage,
in:
Rheinische Post v. 03.07.

DERNBACH, Andrea (2012): Freut Euch auf das Fremde.
Geburtenstatistik und Zuwanderung: So wenige Kinder wie nie zuvor wurden hierzulande 2011 geboren. Die Deutsch-Deutschen werden weniger, aber ihr Land leert sich nicht. Weniger Neugeborene heißt mehr Verantwortung – für den Nachwuchs von Einwanderern,
in: Tagesspiegel
v. 03.07.

SCHMITT, Peter-Philipp (2012): Ein Land stirbt aus.
Geburtenrückgang: Die Zahl der Geburten in Deutschland erreicht im Jahr 2011 einen neuen Tiefststand. Seit 1971 sterben jedes Jahr mehr Menschen als neue geboren werden,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.07.

BIGALKE, Silke (2012): Geburtentief trifft Zuwanderungshoch.
Bevölkerungsstatistik: Weniger Kinder als je zuvor sind im vergangenen Jahr in Deutschland geboren worden. Zwar ist nach Einschätzung von Statistikern der Rückgang langfristig nicht aufzuhalten. Doch erstmals seit zehn Jahren ist die Bevölkerung 2011 gewachsen, der Zuwanderung sei Dank,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 03.07.

SOBOTKA, Tomáš (2012): Kein Kindersegen für Europa.
Neue Berechnungsmethode zeigt, dass der jüngste Anstieg der Geburtenzahlen gar keiner war,
in:
Demografisches Forschung aus erster Hand, Ausgabe 2

BORCHARDT, Alexandra (2012): Kinder sind unbezahlbar.
Geburtenrate in Deutschland sinkt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 04.07.

"In Deutschland ist die Geburtenrate niedriger als im Rest Europas, dabei werden nirgendwo sonst Familien so großzügig subventioniert. Am fehlenden Kinderwunsch liegt das oft nicht. Um Mut zu machen, diesen auch zu verwirklichen, muss sich vor allem die Arbeitswelt ändern"

meint Alexandra BORCHARDT, die die aktuelle Coverstory von Anne-Marie Slaughter im US-amerikanischen Magazin The Atlantic gelesen hat.

Wie wenig aussagekräftig die Geburtenraten in Europa bezüglich der tatsächlichen Geburtenverhältnisse in den einzelnen Ländern sind, das kann man bei Tomáš SOBOTKA nachlesen.

Tatsächlich ist es mit der internationalen Vergleichbarkeit der Geburtenentwicklung nicht weit her. Zu oft wird die Geburtenentwicklung auf Werte, Einstellungen oder Verhaltensänderungen zurückgeführt, wo lediglich Bevölkerungsaufbau und -zusammensetzung die Unterschiede verursachen.

Zu denken sollte auch geben, dass die Ursachen, die heute debattiert werden, bereits seit 100 Jahren diskutiert werden. Der immerwährende Untergang ist nämlich bereits so alt.

AMT FÜR STATISTIK BERLIN-BRANDENBURG (2012): Berliner Bevölkerungszahl über 3,5 Millionen-Marke,
in: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg v. 05.07.

"Zur positiven Bevölkerungsbilanz im Jahr 2011 hat auch ein Geburtenüberschuss von 1 700 Personen beigetragen (2010: 1 200 Personen). Im Verlauf des vergangenen Jahres kamen 33 100 Kinder lebend zur Welt, ca. 300 weniger als im Jahr zuvor. Indes sind im gleichen Zeitraum 31 400 Personen (2010: 32 200 Personen) verstorben", meldet das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.

KAPERN, Peter (2012): Betreuungsgeld "ist rausgeschmissenes Geld".
Gespräch mit Irene Gerlach: Zusammenhang von familienpolitischen Leistungen und der Geburtenrate,
in:
DeutschlandRadio v. 05.07.

BÖS, Nadine (2012): "Die Geburtenzahl sagt nichts über den Erfolg des Elterngeldes".
In Deutschland kommen immer weniger Kinder zur Welt. Der CDU-Fraktionschef Volker Kauder hat es deshalb in Frage gestellt. Ist das Elterngeld wirklich wirkungslos? FAZ.NET hat mit dem Demographie-Spezialisten Axel Börsch-Supan darüber gesprochen,
in:
faz.net v. 09.07.

TRIEBLER, Svenna (2012): Dann lieber aussterben.
Deutsche Politiker sorgen sich um die geringe Zahl der Geburten, aber nicht um die geringe Höhe der Löhne,
in:
Jungle World Nr.28 v. 12.07.

RADA, Uwe (2012): Folgen eines rasanten Wachstums.
Wachstum: Die Bevölkerung in der Hauptstadt wächst schneller als prognostiziert. 2011 wurde nach Angaben des Amtes für Statistik die Marke von 3,5 Millionen Einwohnern gerissen - mit Auswirkungen auf zahlreiche Felder der Politik: vom Wohnen bis zum Busverkehr,
in:
TAZ Berlin v. 13.07.

"Bislang wurden die Wanderungsgewinne in Berlin allerdings durch eine negative "natürliche Bevölkerungsentwicklung" relativiert. 2011 aber gab es statt eines Sterbeüberschusses einen Geburtenüberschuss. 33.100 Babys wurden geboren, 31.400 Menschen starben. Dass Berlin nun entgegen allen Erwartungen die symbolische 3,5-Millionen-Marke erreicht hat, bedeutet nicht nur, dass noch nie so viele Menschen in der Stadt gelebt haben wie seit dem Ende des Krieges",

schreibt Uwe RADA anlässlich einer Pressemeldung des Amtes für Statistik Berlin Brandenburg vom 5. Juli 2012. Einen Geburtenüberschuss gab es in Berlin erstmals in den letzten Jahrzehnten im Jahr 2007:

"Eine kleine Sensation hat es aus Sicht der Bevölkerungsstatistiker des Amtes für Statistik im Jahr 2007 gegeben. Die Zahl der Geburten war mit 31 174 Kindern größer als die der Gestorbenen (30 980 Personen), der Überschuss an Geburten betrug somit 194 Personen. Einen Geburtenüberschuss hat es in den statistischen Aufzeichnungen nach dem Krieg nur Mitte der 60er und in den 80er Jahren im ehemaligen Ostteil der Stadt gegeben." (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Pressemitteilung vom 23.06.2008)

Auch im Jahr 2010 gab es einen Geburtenüberschuss von 1200 Personen. Großstädte zeichnen sich inzwischen im öfter durch zwei scheinbar widersprechende Trends aus: Zunahme der Geburten und Zunahme der Einpersonenhaushalte. Lediglich beim Bonner General-Anzeiger hat man sich darüber Gedanken gemacht.

DESTATIS (2012): Einwohnerzahl Deutschlands im Jahr 2011 erstmals seit 2002 wieder gestiegen,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 25.07.

SCHULZ, Stefan (2012): Deutschlands Bevölkerung wächst.
Immer mehr Zuwanderer bleiben: "Die Zahl der Geburten hat in Deutschland im Jahr 2011 einen Tiefststand erreicht. Trotzdem ist die Bevölkerung zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder gewachsen. Die Zuwanderung steigt - und auch das Bildungsniveau der Zuwanderer,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.07.

SEIBEL, Andrea (2012): Diese 0,1 Prozent!
in:
Welt v. 26.07.

STATISTISCHES LANDESAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (2012): Geburtenrate in Baden-Württemberg stagniert auf niedrigem Niveau – Zahl der Neugeborenen sinkt auf Tiefststand.
Durchschnittliche Kinderzahl je Frau war 2011 in den Landkreisen Biberach und Rottweil am höchsten, im Stadtkreis Heidelberg am niedrigsten,
in: Pressemitteilung Statistisches Landesamt Baden-Württemberg v. 24.08.

HOLLSTEIN, Miriam (2012): Akademikerinnen bekommen mehr Kinder.
Geburten: Eine neue Studie gibt Entwarnung: Der Geburtenrückgang bei sehr gut ausgebildeten Frauen ist gestoppt. Allerdings kommt es auf den Beruf an, den die Frauen ausüben,
in: Welt Online v. 19.09.

WINKELMANN, Ulrike (2012): Schröders Traum vom Kinde.
Angeblich mehr Akademikerkinder: Eine Politikerin wollte eine schöne Meldung: Hurra, die studierten Frauen kriegen wieder mehr Kinder. Nur leider lässt sich das so einfach gar nicht sagen,
in: taz.de v. 20.09.

Nun meldet auch Ulrike WINKELMANN Bedenken an, was auf dieser Website bereits gestern anlässlich eines Artikels von Miriam HOLLSTEIN getan wurde:

"Die Zahlen sind allzu schwach. Denn für sein optimistisch-nützliches Ergebnis hat Bujard die Zahlen des Mikrozensus verwendet. (...). Der Mikrozensus erhebt aber seit je nur die Kinder pro Haushalt, nicht aber die von einer Frau insgesamt geborenen Kinder. Ausgezogene Kinder, grad bei Oma urlaubende Kinder oder sonst wie abwesende werden nicht erfasst. Auch die noch nicht geborenen. Dass sich auf solch dünner Datenbasis kaum Aussagen über Kinderhaben und Kinderlosigkeit fällen lassen, wurde vor Jahren erkannt. Doch die Mühlen der Statistiker mahlen langsam, eine Korrektur des Mikrozensus fiel mau aus. Und erst der im kommenden Jahr veröffentlichte Mikrozensus von 2012 wird die Frage nach den tatsächlich geborenen Kindern pro Frau ordentlich erheben."

Welche gravierenden Fehleinschätzungen sich aus dem Mikrozensus hinsichtlich dem Gebärverhalten ergeben können, das zeigt schön ein Schaubild, das einem Artikel von Martin BUJARD entnommen ist, der jedoch einen anderen Zweck verfolgte:

Im Schaubild werden beispielsweise die Kinder einer Frau des Jahrgangs 1957 zum einen als Kinder im Haushalt (Erhebungsmethode Mikrozensus) und zum anderen als Kohortengeburtenrate (CFR) dargestellt. Die endgültige Kinderzahl für Frauen des Jahrgangs 1957 wird mit 1,66 Kindern angegeben. Akademikerinnen, die im Vergleich mit Nicht-Akademikerinnen häufig noch mit über 40 Jahren Kinder bekommen, werden durch den Mikrozensus falsch erfasst, wie das Auseinanderklaffen der beiden Kennzahlen (Kinder im Haushalt/CFR) ab dem 40. Lebensjahr zeigt. Das Statistische Bundesamt meldet jedoch jährlich nur die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR). Diese liegt durch die Verschiebung des Erstgebäralters (Timing-Effekt) derzeit weit niedriger als die Kohortengeburtenrate (so z.B. für den Jahrgang 1957 im Jahr 2007: 1,37 TFR statt 1,66 CFR). Darauf spielt WINKELMANN an, wenn sie schreibt, dass man bis 2028 warten müsse, um die tatsächliche Kinderzahl der in den 1970er Jahren geborenen Akademikerinnen mit den in den 1960er Jahren geborenen Akademikerinnen vergleichen zu können. Was man aber bereits jetzt sagen kann: Die Geburtenrate der Mitte der 1960er Jahre geborenen Akademikerinnen wurde von den deutschen Bevölkerungswissenschaftlern eindeutig unterschätzt. 

Etwas wäre jedoch anzumerken, denn die Geburtenfolge wird inzwischen jährlich richtig erfasst. Diese konnte bis 2009 nur bei verheirateten Frauen korrekt erfasst werden. Bis 2009 galt sozusagen hierzulande die lebenslange Ehe als amtliche Norm. Es hat also immerhin 40 Jahre gedauert bis die Scheidungsreform auch in der amtlichen Statistik angekommen ist. Von daher ist Skepsis hinsichtlich der amtlichen Erhebungen durchaus angebracht.

Auf sueddeutsche.de findet sich folgende Richtigstellung einer Agenturmeldung:

"Die Nachrichtenagentur dapd hatte gemeldet, Studienleiter Martin Bujard habe gesagt, dass der »Turnaround« bei den Geburten geschafft sei. Dies war auch in einer früheren Fassung dieser Meldung zu lesen. Diese Aussage hat Bujard aber ausdrücklich nicht getroffen. Richtig ist vielmehr, dass abzuwarten bleibt, ob die Geburtenrate nachhaltig ansteigt, wie es nun auch korrekt in der Meldung heißt"

DESTATIS (2012): Leichter Rückgang der Geburtenziffer 2011 auf 1,36 Kinder je Frau,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 20.09.

"Die zusammengefasste Geburtenziffer des Jahres 2011 betrug in Deutschland 1,36 Kinder je Frau. Damit lag sie nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) niedriger als im Vorjahr (1,39) und etwa auf dem Niveau von 2009. Die durchschnittliche Zahl der Geburten ging 2011 bei jüngeren Frauen zurück, während sie bei den Frauen im Alter von Mitte 30 bis Mitte 40 zunahm. In den neuen Ländern war die zusammengefasste Geburtenziffer mit 1,43 Kindern je Frau höher als im früheren Bundesgebiet (1,36)"

meldet das Statistische Bundesamt. Gestern wurden Daten zur Geburtenrate von Akademikerinnen in der Presse lanciert, die Martin BUJARD, Mitarbeiter am Institut für Bevölkerungsforschung im Auftrag des Familienministeriums erhoben hat. Man will offensichtlich einer erneuten Debatte um die Wirksamkeit des Elterngeldes den Wind aus den Segeln nehmen und der im Vergleich zum Vorjahr wieder gesunkenen allgemeinen zusammengefassten Geburtenziffer die gestiegene Geburtenziffer der Akademikerinnen entgegensetzen.

Heute hat das Familienministerium seine Interpretation zur Geburtenentwicklung in Deutschland: Aktuelle Zahlen und Erkenntnisse online gestellt. Zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen heißt es dort:

"Die Kinderlosigkeit von Frauen im Alter von 40 Jahren ist in Deutschland seit 2005 gestoppt. Die Entwicklung der Geburten in den letzten Jahren hat gezeigt, dass nicht der Bildungsstand entscheidend ist, ob und wie viele Kinder Frauen im Laufe ihres Lebens bekommen. Vielmehr gibt es zwischen den verschiedenen Berufsgruppen erhebliche Unterschiede. So gab es seit 1973 einen Geburtenrückgang bei Frauen in den meisten Berufen - dabei in sämtlichen nichtakademischen Berufen - zum Beispiel bei Verkäuferinnen oder Erzieherinnen. Im gleichen Zeitraum haben Frauen in mehreren akademischen Berufsfeldern wieder mehr Kinder bekommen. Dies ist beispielsweise bei Lehrerinnen und Ärztinnen der Fall."

Warum wird uns aber die Studie von Martin BUJARD weiterhin vorenthalten?

EMMERLING, Dieter (2012): Geburten, Sterbefälle, Eheschließungen 2011,
in:
Wirtschaft und Statistik, Dezember

"Im Jahr 2011 wurden 662.685 Kinder lebend geboren. Das waren 15.262 oder 2,3 % weniger Kinder als im Vorjahr. (677.947 Kinder). Damit wurde ein erneuter Tiefstand bei den Geburten erreicht; der bisher niedrigste Stand resultierte aus dem Jahr 2009 mit 665.126 lebend Geborenen. Nach dem Geschlecht aufgegliedert ergibt sich die Zahl von 339.899 lebend geborenen Jungen (2010: 347.237) und 322.786 lebend geborenen Mädchen (2010: 330.710). Die Geschlechterproportion der Neugeborenen betrug im Jahr 2011 damit 1.053 Jungengeburten je 1.000 Mädchengeburten. Das Geschlechterungleichgewicht bei Geburt ist mit den vorhandenen Daten schon seit 1872 zu beobachten. Als langfristiger Durchschnitt der Geschlechterproportion ergibt sich ein Verhältnis von 1.058 geborenen Jungen je 1.000 geborenen Mädchen" (S.1065f.), beschreibt Dieter EMMERLING die Geburtenentwicklung des Jahres 2011.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Juli 2012
Update: 13. Juli 2017