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Rezension

 
       
   

Kinder machen

 
       
   

Andreas Bernard beschreibt die Reproduktionsmedizin als Stütze der bürgerlichen Kleinfamilie (Teil 3)

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Das Diktat der Fruchtbarkeit als individualisierender Blick auf die Reproduktionsmedizin

Mit der Gleichsetzung von Eugenik im Sinne einer Menschenzüchtung und qualitativer Bevölkerungspolitik gelingt BERNARD die Ausblendung des Zusammenhangs von Reproduktionsmedizin und Bevölkerungspolitik in der modernen Gesellschaft. Die Soziologin Susanne SCHULTZ kritisiert eine solche Sichtweise. Sie unterscheidet im Anschluss an den französischen Philosophen Michel FOUCAULT zwei Ebenen einer Biopolitik:

Familienpolitik und die "demografische Chance"

"Foucaults Analyse von Biopolitik als zentrales Moment der Herausbildung moderner Staatlichkeit und als zwei Pole umfassend, nämlich den einer disziplinierenden Körperpolitik einerseits und den einer Verwaltung von Bevölkerung andererseits, ist inzwischen ein allseits bekanntes, vielfach wiederholtes Koordinatensystem (...). Allerdings gerät der letztere, totalisierende und spezifizierende Pol der Bevölkerungsverwaltung - und damit auch die an Prozesse der Verstaatlichung gebundenen Dimensionen von Biopolitik - gegenüber dem zweiten Pol einer individualisierenden Körper- bzw. Verhaltenspolitik heute im sozialwissenschaftlichen Mainstream eher in den Hintergrund. Es dominieren Perspektiven, die Tendenzen einer abstrakten Individualisierung neoliberaler Selbstverantwortung im Rahmen biotechnologischer oder biomedizinischer Entwicklungen in den Vordergrund stellen".
(2013, S.540f.)

In einer solchen individualisierenden Sichtweise erscheint das Kind dann z.B. als biographisches Projekt und die Nutzung reproduktionsmedizinischer Verfahren wird als Selbstoptimierung gebrandmarkt:

Kinder machen

"Die Kurierung des »Kinderwunsches«, dieses kaum zwanzig Jahre alten, vom Siegeszug der Reproduktionsmedizin hervorgebrachten Symptom, ist für manche zu einer Obsession geworden - und vielleicht hat die gegenwärtige Lage doch mehr mit Huxleys Dystopie zu tun als im ersten Moment gedacht. Die »Schöne neue Welt« der Fortpflanzung besteht achtzig Jahre nach Erscheinen des Romans allerdings nicht darin, dass eine staatliche Autorität mit ihren biopolitischen Programmen die Menschen unterdrücken würde. Unfreiheit und Zwang sind vielmehr Folgen jenes selbstgewählten Diktats, dass Fruchtbarkeit willkürlich herstellbar sei. Dies führt in den Communitys der Kinderwunsch-Foren zum unablässigen Vergleich der eigenen Leistungen bei dem Versuch, endlich ein Kind zu zeugen. (...). Das Vertrauen in die transformierende Kraft der Einsatzbereitschaft hat sich in jüngster Vergangenheit bekanntlich erhöht. In den Castingshows künftiger Popstars und Topmodels erfahren die Fernsehzuschauer seit fünfzehn Jahren unentwegt, dass man nur an sich glauben und hart an sich arbeiten müsse, um seine Ziele zu erreichen. Diese Rhetorik setzt sich im Berufsleben fort (...) und wenn eine Frau Mitte, Ende dreißig feststellt, dass sie trotz monate- und jahrelanger Versuche nicht schwanger wird, findet sie eine Reproduktionsindustrie vor, die das Versprechen der Selbstoptimierung auch auf den fortpflanzungsfähigen Körper anwendet. Familienplanung wird im Modus der Karriereplanung vorgenommen - das Kind ein weiteres »biographisches Projekt«"
(2014, S.442f.)

Selbst in der Zurückweisung solcher Zuschreibungen wie z.B. in dem kürzlich erschienenen Spiegel-Artikel Gefrorene Zeit einer 34jährigen Spiegel-Reporterin erscheinen dann die biopolitischen Zumutungen der modernen Gesellschaft als Rechtfertigungsgrund der Inanspruchnahme reproduktionstechnologischer Verfahren:

Gefrorene Zeit

"Als ich vor Kurzem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aus meinem Briefkasten zog, ärgerte ich mich über einen Artikel, in dem es um das sogenannte Social Freezing ging. (...)(Es) wurde darin von ein paar Experten erklärt, was in meinem Leben alles falsch laufen könnte. Als Social Freezing-Kundin hätte ich typischerweise gerade eine gescheiterte Beziehung hinter mir. Eigentlich sei ich ohnehin schon ziemlich alt fürs Kinderkriegen. Nun würde ich mir von geschäftstüchtigen Ärzten das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Ich sei Teil eines Lifestyle-Phänomens (...).
Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas höre oder lese. Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, werden in Deutschland wahlweise als verblendete Egoistinnen oder verwirrte Opfer beschrieben. Die einen, so die Erzählung, folgen gnadenlos und wider die Natur dem Weg der Selbstoptimierung. Die anderen sind ohnehin nicht zurechnungsfähig, weil die drohende Unfruchtbarkeit ihnen den Verstand raubt.
Tatsache ist: Social Freezing ermöglicht Frauen, auf eine noch umfassendere Art über den eigenen Körper zu verfügen. Wir drehen an der biologischen Uhr. Wir halten sie an, zumindest für eine paar Jahre. (...). Es ist ein zutiefst menschlicher Zug, die Grenzen der Natur herauszufordern. (...).
Die Gesellschaft erwartet von mir als Frau heute, dass ich arbeite und finanziell unabhängig bin. Sie erwartet auch, dass ich Kinder bekomme. Die Modelle, beides miteinander zu vereinbaren, sind noch immer dürftig. Da verbitte ich mir jede Vorschrift, wann und wie ich für Nachwuchs sorgen will. Ich finde, dass man sich freuen kann, wenn ich 3000 Euro in das Einfrieren meiner Eizellen investiere und nicht in einen Bausparvertrag oder einen Wellness-Urlaub in der Karibik.
Wer sich darum kümmert, auch in späteren Jahren noch ein Kind bekommen zu können, betreibt nichts anderes als Familienplanung."
(Nicola Abé im Spiegel Nr.29 v. 14.07.2014, S.44f.)

Eine solche Sicht blendet den bevölkerungspolitischen Imperativ entweder ganz aus oder bedient sich seiner unreflektiert. ABÉ beschreibt das Social Freezing, so genannt, weil das Einfrieren der Eizellen nicht aus medizinisch-gesundheitlichen Gründen wie z.B. bei Krebspatientinnen vorgenommen wird, sondern aus gesellschaftlichen Gründen, z.B. weil die Politik es in den vergangenen Jahrzehnten versäumt hat die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die politische Agenda zu setzen. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung befürchtet die Journalistin Christina BERNDT, dass Social Freezing dazu führen könnte, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht mehr mit Nachdruck verfolgt werden würde:

Glück auf Eis

"Wenn Frauen das Kinderkriegen aufschieben können, kann dies auch schnell von ihnen erwartet werden. Das Verständnis für Mütter am Arbeitsplatz könnte weiter sinken. Und Staat und Arbeitgeber hätten noch weniger Druck, sich um ausreichende Kinderbetreuung zu kümmern, familienfreundliche Arbeitsplätze zu schaffen und Väter zu mehr Engagement für ihren Nachwuchs zu erziehen. Social Freezing klingt nach mehr Freiheit. Es könnte aber nur ein bisschen mehr Freiraum in einer Gesellschaft bedeuten, in der Muttersein oft unnötig großen Verlust von Freiheit bedeutet."
(Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung v. 19.07.2014)

Die Bevölkerungspolitik, der es um junge Mütter geht, hätte sozusagen einen Pyrrhussieg erreicht: statt junger Mütter bekäme sie potenziell junge Mütter. Das Erstgebäralter könnte dann weit über die Menopause hinaus geschoben werden. Angesichts der prognostizierten ständig steigenden Lebenserwartung wäre das durchaus rational.

In der diesjährigen Spiegel-Titelgeschichte Späte Eltern wird die späte Mutter- und Vaterschaft dem urbanen, westdeutschen Akademikermilieu zugeordnet:

Oh, Baby!

"»Späte Eltern« nennen Wissenschaftler die etablierten Frauen ab Mitte dreißig und ihre oft noch älteren Männer. Sie finden sich vor allem in Universitätsstädten wie Bonn, in Großstädten und deren Speckgürtel - und grundsätzlich eher im Westen als im Osten (...). Beide Partner sind studiert, auch die Frauen arbeiten bald nach der Geburt wieder in hoher Stundenzahl, sie verdienen gut und besser, sie leben in einer Ehe oder stabilen Partnerschaft, sie teilen Haushalt und Hausarbeit. Und sie bedeuten, so zahlreich sind sie längst, einen Lichtblick inmitten düsterer demografischer Statistik.
Ideale Bürger einer leistungsorientierten Gesellschaft also - und gleichzeitig deren Fluch. Die neue Spielplatzelite steht an der Spitze einer problematischen Entwicklung: Deutschlands Eltern entfernen sich zunehmend von jenem Lebensalter, das die Biologie für diese Rolle vorgesehen hat. Nachwuchs ist, wenn überhaupt, für viele Menschen ein Projekt de zweiten Lebenshälfte. »Ein Megatrend«, urteilt Wolfgang Holzgreve, Professor für Frauenheilkunde und Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Bonn, »er wird in seiner Bedeutung noch vollkommen unterschätzt.«"
(Katja Thimm im Spiegel Nr.17 v. 19.04.2014, S.33f.)

Bereits im Jahr 1913, also vor ziemlich genau 100 Jahren erschien das Buch Das sterile Berlin von Felix A. THEILHABER, in dem die Berliner Neigung zur Unfruchtbarkeit im Mittelpunkt stand. Und welch ein Wunder: das problematische, kinderarme Milieu war schon damals das Akademikermilieu, nur dass es damals nicht im Prenzlauer Berg, sondern im bürgerlichen Charlottenburg angesiedelt war. Selbst die Ursachendiagnosen lesen sich modern: die Unsicherheit der freien Berufe, die Spätehe und der Feminismus. Das Phänomen der späten Mutterschaft wurde - im Gegensatz zu dieser Website - lange Zeit nicht unterschätzt - wie Katja THIMM behauptet -, sondern tabuisiert, d.h. ignoriert oder verleugnet. Selbst vor kurzem verharmloste das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung das Phänomen noch in seiner aktuellen Grafik des Monats Juli:

Geburten nach dem 40. Lebensjahr sind selten

"Wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) errechnet hat, waren im Jahr 2012 lediglich 4,2% der Mütter bei der Geburt ihres Kindes 40 Jahre oder älter, nach dem 45. Lebensjahr waren es sogar nur noch 0,2%. (...). Viele Frauen entscheiden sich zur Geburt eines Kindes erst dann, wenn sie im Beruf etabliert und finanziell abgesichert sind. Dies gilt in besonderem Maße für Hochqualifizierte, die Kinder vornehmlich zwischen dem 35. und 39. Lebensjahr gebären."
(BIB v. 19.07.2014)

Sicher ist der Anteil der Geburten von 40-jährigen und älteren Frauen hinsichtlich der Gesamtbevölkerung gesehen gering. Das BIB verschweigt aber den Anteil bei den Hochqualifizierten oder gar der Wissenschaftler an Hochschulen . Er könnte im zweistelligen Prozentbereich liegen und damit keineswegs vernachlässigbar sein. Was bezweckt also die Bevölkerungswissenschaft und die Bevölkerungspolitik mit ihren Desinformationskampagnen? Die derzeit umstrittenen Reproduktionstechnologien werden nicht als bevölkerungspolitische Lösung gesehen, sondern als Problem betrachtet. So kritisiert THIMM das Soical Freezing folgendermaßen als bevölkerungspolitisch kontraproduktiv:

Oh, Baby!

"So entlastend die Lösung im Einzelfall (...) sein mag: als Reparaturprogramm einer ganzen Gesellschaft taugt sie allein deshalb nicht, weil sie Politik und Wirtschaft aus der Verantwortung entließe. »Wir müssen politisch ansetzen«, sagt (...) Hans Bertram, der langjährige Berater zahlreicher Ministerien."
(Katja Thimm im Spiegel Nr.17 v. 19.04.2014, S.37)

Es ist diese Argumentation, die sich auch bei Christina BERNDT wiederfindet und die Sichtweise des Buches Zukunft mit Kindern - wie weiter oben erläutert - wiedergibt.

Kinderlosigkeit zwischen dem Recht auf ein eigenes Kind und dem bevölkerungspolitischen Imperativ

In der Spiegel-Titelgeschichte Tausendmal probiert ... und nie ist was passiert  beschreiben Ulrike DEMMER & Udo LUDWIG das Drama der ungewollten Kinderlosigkeit zwischen der Sehnsucht nach einem Kind, das bisweilen als Recht auf ein eigenes Kind eingefordert wird, und dem bevölkerungspolitischen Imperativ folgendermaßen:

Geschäft mit der Hoffnung

"Bis vor 30 Jahren hatten kinderlose Paare keine andere Chance, als sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Der liebe Gott, so hieß es dann, habe es halt nicht gewollt. Heute, angesichts von rund 150 000 Kindern, die allein in Deutschland inzwischen mit Hilfe der gut 120 Fertilitätskliniken geboren wurden, sind die Begehrlichkeiten groß: Kaum jemand scheint noch willens, die Laune der Natur zu akzeptieren. (...).
Befeuert von einer Wissenschaft, die mit immer ausgeklügelteren Methoden das Baby auf Bestellung verheißt, sind heute immer mehr Paare zum Äußersten bereit. Viele ruinieren sich finanziell, manche gesundheitlich – und oft halten die Beziehungen dem Druck nicht stand.
Ihr Wunsch kann zur Manie werden, gar zu einer Sucht, die das ganze Denken beherrscht. Schließlich wird dieser Wahn auch unablässig genährt von einer Gesellschaft, die den Wert der Familie wiederentdeckt hat, Mutterglück idealisiert und Väter vom Arbeitsplatz an den Wickeltisch komplimentiert. Schauspielerinnen inszenieren ihre Schwangerschaft, Fußballer stellen beim Torjubel pantomimisch das Wiegen eines Säuglings nach, Top-Models präsentieren sich kugelrund und im Nu wieder gertenschlank, und selbst Politiker werden öffentlich Papa – wenn auch nicht notwendigerweise mit der Ehefrau.
Galt Kinderlosigkeit zu Zeiten der Emanzipationsbewegung noch als Nachweis von Selbstbestimmung, so wird das Gebären heute eingefordert, als handle es sich um eine vaterländische Pflicht. Zeugungsverweigerer, so haben Familienpolitiker unlängst angeregt, sollen weniger Rente beziehen. Höhere Pflegeversicherungsbeiträge leisten sie heute schon.
Wie eine Aussätzige fühle sie sich, sagt Sabine Steinkamp, in einen Topf geworfen mit all den Paaren, die keine Kinder wollen. »Es gab Freunde, die haben uns Selbstsucht vorgeworfen, als karrieregeile Dinks beschimpft«, berichtet Heiner Steinkamp. Die Abkürzung steht für »Double income, no kids« – die Traumkombination vieler Hedonisten ist für die Steinkamps der Alptraum ihrer Realität.
Dem Ehepaar schnürt es die Kehle zu, wenn ihnen von Plakatwänden dieses planschende Baby der »Du bist Deutschland«- Kampagne entgegengrinst oder wenn im dazugehörenden Fernsehspot eine sanfte Stimme zu anrührenden Kinderbildern erzählt, dass Babys in der Anschaffung kostenlos seien und Deutschland mehr Nachwuchs brauche. Sabine Steinkamp kommen dann die Tränen, und ihr Mann ist geneigt, mit der Bierflasche den Bildschirm zu zertrümmern. Kinderlose, so steht es im Talmud, sind tot bei lebendigem Leib."
(Ulrike Demmer & Udo Ludwig im Spiegel Nr.35 v. 26.05.2008, S.39)

Bis in die Definition der ungewollten Kinderlosigkeit hinein, spiegelt sich der Siegeszug der Reproduktionsmedizin durch die Eingrenzung des "ungewollten" auf eine biologisch-medizinische Kategorie.

Kinder machen

"Laut den Angaben der Weltgesundheitsorganisation bleibt heute ein Siebtel aller Paare ungewollt kinderlos. »Steril« wird eine Partnerschaft nach der klinischen Definition genannt, wenn nach einem Jahr des regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs keine Schwangerschaft eingetreten ist."
(2014, S.19f.)

Und auch jene kinderlosen Paare mit Kinderwunsch übernehmen bereitwillig diese Aufspaltung der Kinderlosen in "gute" ungewollt und "böse" gewollt Kinderlosen wie der Spiegel-Titel aus dem Jahr 2008 zeigt. Dabei scheint die Trennschärfe des Begriffs durchaus fragwürdig. So schreiben noch 1992 ZIEBELL/QUEISSER/SCHMERL in ihrem Buch Lebensplanung ohne Kinder zur Kinderlosigkeit:

Lebensplanung ohne Kinder

"Dem Alltagsverständnis zufolge sind Personen kinderlos, die keine Kinder haben. Bei näherer Betrachtung stellt sich dann heraus, daß zwischen den Kinderlosen differenziert werden kann.
Die einen dürfen keine eigenen Kinder haben, weil sie zwar geschlechtsreif, aber noch zu jung sind, die anderen können keine Kinder bekommen, weil sie unfruchtbar oder nicht zeugungsfähig sind, und wieder andere sind alt genug, fruchtbar oder zeugungsfähig, wollen aber keine Kinder.
In den Nachschlagwerken - auch den feministischen - fehlt der Begriff Kinderlosigkeit völlig. Weder in Brockhaus und Duden noch in soziologischen und psychologischen Handbüchern ist Kinderlosigkeit definiert. Frauen und Männer, die bewußt keine Kinder haben wollen, tauchen auch explizit in keiner Statistik auf.
In den medizinischen Wörter- und Handbüchern finden wir zur Kinderlosigkeit über den Umweg der Sterilität. Sterilität wird als Zustand der Unfruchtbarkeit mit physischer und/oder psychischer Ursache angesehen, die auf medizinischem Wege zu beheben sei (vgl. Pschyrembel 1986: 1595f.). Mediziner, wie auch Statistiker, erfassen die Kinderlosigkeit nur bei Ehepaaren. Medizinisch gesehen kann eine Ehe dann als kinderlos angesehen werden, wenn ohne Anwendung von Verhütungsmitteln nach zwei Jahren keine Schwangerschaft vorliegt (vgl. Tauber 1972:3).
Für den Statistiker ist eine Ehe kinderlos, wenn aus dieser bestehenden Ehe keine Kinder hervorgehen, die Gründe für diese Kinderlosigkeit werden nicht erhoben. Für die Vielfalt familialer Lebensformen ist statistisch noch keine Kategorie gefunden. Alleinlebende und unverheiratete Paare ohne Kinderwunsch werden nicht erfaßt, was zugegebenermaßen auch Schwierigkeiten bereiten würde.
Somit wird verständlich, daß die angegebene Zahl derer, die kinderlos sind, erheblichen Schwankungen unterworfen ist. Je nachdem, welcher Personenkreis zu den Kinderlosen hinzugezählt wird, schwanken die Zahlen für die Bundesrepublik zwischen 5 und 20 %. Wobei es sich bei den 20 % Kinderlosen um Hochrechnungen bis zum Jahr 2000 handelt (vgl. Nave-Herz 1988a:17).
Bei vielen der angegebenen Berechnungen vermischen sich dann auch noch die Gründe für die Kinderlosigkeit. Als Grund kann eine medizinisch bedingte Kinderlosigkeit vorliegen, ein noch nicht erfüllter Kinderwunsch oder eine bewußt gewählte Kinderlosigkeit.
Eine bewußt gewählte Kinderlosigkeit ist exakt kaum zu erheben, da jeweils detaillierte Angaben über den Grund der Kinderlosigkeit vorliegen müßten, um die bewußt gewählte Kinderlosigkeit von der zeitlich begrenzten Kinderlosigkeit unterscheiden zu können."
(1992, S.45f.)

Dies zeigt bereits wie problematisch die Begrifflichkeit zur Kinderlosigkeit ist. Es wäre z.B. zu überprüfen, inwiefern früher der Aufschub von Geburten aufgrund der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie als ungewollte Kinderlosigkeit betrachtet wurde. Und ob sich dies geändert hat, nachdem die Familienpolitik die Vereinbarkeit auf die politische Agenda gesetzt hat. Für die letzten Jahre gilt jedenfalls der Geburtenaufschub als gewollte Kinderlosigkeit . Inwieweit also der Siegeszug der Reproduktionsmedizin bzw. bevölkerungspolitisch motivierte Umdeutungen einen Begriffswandel hinsichtlich der Kinderlosigkeit bewirkt hat, das wäre eine spannende Frage. Eine umfassende Geschichte des Begriffs- und Bedeutungswandels der Kinderlosigkeit steht noch aus.

Der Spiegel-Titel aus dem Jahr 2008 von DEMMER & LUDWIG zeigt am eindeutigsten wie Bevölkerungspolitik und Reproduktionsmedizin verflochten sind. Mit Rückgriff auf Schätzungen des privaten, neoliberalen Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und Zahlen des professionspolitischen Deutschen IVF-Register wird ein Zusammenhang zwischen Einschränkungen der Kassenleistungen im Jahr 2004, dem Rückgang der Behandlungszahlen in deutschen Reproduktionskliniken und einem darauf beruhenden Geburtenausfall konstruiert:

Geschäft mit der Hoffnung

"Rund 10000 Kinder kommen seit 2004 pro Jahr in Deutschland weniger zur Welt - das ist in etwa die Zahl der Neugeborenen einer Großstadt wie Köln. Besonders stark ist der Rückgang in ärmeren Bundesländern wie Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen.
So ist der Streit um die Bezahlung der künstlichen Befruchtung zu einem Muster verkorkster Sozialpolitik geworden: Das volkswirtschaftlich gebotene Ziel, die Überalterung der Gesellschaft durch mehr Geburten einzudämmen, wird glatt hintertrieben.
Das ist umso unverständlicher, als die finanziellen Effekte für das Gesundheitssystem kaum der Rede wert sind (...). Nach medizin-ökonomischen Rechnungen, sagt Heribert Kentenich, Chefarzt der Berliener DRK-Frauenklinik und Leiter des Fertility Center Berlin, »erwirtschaftet ein Retortenbaby weit mehr Geld, als es kostet«."
(Ulrike Demmer & Udo Ludwig im Spiegel Nr.35 v. 26.05.2008, S.41f.)

Die Soziologin Susanne SCHULTZ hat diese Darstellung kritisiert, wonach jährlich 10.000 Kinder weniger aufgrund der Einschränkungen der Kassenleistungen zur Welt gekommen sein sollen . Liest man die Broschüre Ungewollt kinderlos des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, so zeigt sich wie wenig nachvollziehbar bzw. überprüfbar solche Angaben sind (vgl. 2007, S.28ff.)

Die bevölkerungspolitische Rahmung der Debatte um die Reproduktionsmedizin

Am Beispiel von Titelgeschichten des Spiegel zur Reproduktionsmedizin lässt sich zeigen, dass im Laufe der 1990er Jahre die Skepsis gegenüber reproduktionstechnologischen Verfahren zuerst in der Bevölkerung gewichen ist. Dann ist aufgrund der Debatte um den demografischen Wandel und seinen befürchteten Auswirkungen auch die veröffentlichte Meinung  umgeschwenkt. BERNARD hat diesen Einstellungswandel am Wandel der Begrifflichkeit vom Retortenbaby zum Wunschkind herausgearbeitet. Dabei wird jedoch die Ambivalenz der Einstellung zu den neuen Reproduktionstechnologien vernachlässigt, die sich eher im Begriff des Wunschkindes aus der Retorte festmachen lässt. Denn die Stellung der Reproduktionsmedizin beruht auf zwei Säulen: zum einen der Nachfragemacht der Klienten und zum anderen auf der Möglichkeit ihre Interessen als bevölkerungspolitisch relevant darstellen zu können. Die Spiegel-Titelgeschichten aus dem Jahre 2008 und aus dem Jahre 2014 zeigen deutlich die bevölkerungspolitische Rahmung der Debatte um die Reproduktionsmedizin. 2008 konnten die Lobbyisten der Reproduktionsmedizin im Einklang mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, das zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft die neoliberal geprägte Debatte um den demografischen Wandel mit "Studien" befeuert und damit die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme in den Medien etabliert haben - wie weiter oben gezeigt, ihre Interessen durchsetzen. Dagegen zeigt der Titel aus dem Jahr 2014, dass es ein Spannungsverhältnis zwischen der Reproduktionsmedizin und der derzeitigen bevölkerungspolitischen Strategie gibt. Das Interesse an möglichst jungen Müttern, bestimmt zumindest in Zeiten, in denen die zusammengesetzte Geburtenrate (TFR) unverändert auf einem als niedrig eingeschätzten Niveau verharrt (oder gar sinkt), die bevölkerungspolitische Debatte. Das neue Verfahren des Social Freezing wird zumindest so lange umstritten bleiben, bis es seine Vereinbarkeit mit bevölkerungspolitischen Strategien belegen kann. Das Verfahren kommt zwar dem bevölkerungspolitischen Wunsch nach jungen Müttern entgegen, indem es zumindest als Option auf junge Eizellen das Kinderkriegen der potenziellen Mütterelite wahrscheinlicher machen könnte. Gegner des Verfahrens heben jedoch die damit verbundenen Unwägbarkeiten hervor. Kann das Verfahren halten, was es verspricht: die ungewollte Kinderlosigkeit zu überwinden bzw. ein Recht auf ein eigenes Kind zu gewähren? Faktisch wirkt sich das Verfahren durch die erweiterten Möglichkeiten des Geburtenaufschubs dahingehend aus, dass das Erstgeburtalter zumindest der potenziellen Mütterelite weiter steigen könnte, die damit verbundenen Tempoeffekte führen dazu, dass die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) auch bei gestiegener Geburtenrate der Frauen (im Sinne der Kohortenrate CFR) auf niedrigem Niveau verharrt, d.h. der von familienministerieller Seite dringend notwendige Erfolg einer steigenden Geburtenrate könnte dadurch verhindert werden. Als Alternative dazu wäre es denkbar, den bevölkerungspolitischen Erfolgsmaßstab zu ändern und statt der zusammengefassten Geburtenziffer, eine Schätzung der Kohortenrate (CFR) zu verwenden . Bereits anhand dieser denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten wird sichtbar, dass das Verhältnis zwischen Reproduktionsmedizin und Bevölkerungspolitik spannungsgeladen ist. Eine spannende Frage wäre deshalb, ob es eine kritische Masse gibt, bei deren Erreichen nicht mehr die Bevölkerungspolitik die Debatten rahmt, sondern umgekehrt die Reproduktionsmedizin den Takt der Bevölkerungspolitik vorgibt. Oder diktiert die Reproduktionsmedizin gar schon die Richtung?

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Sichtweise von BERNARD ist entschieden zu einfach. Sein individualisierender Blick, der sich in erster Linie an der steigenden Nachfragemacht der Reproduktionsmedizin aufgrund des in der Bevölkerung weiterverbreiteten Wunsches ungewollter Kinderlosigkeit zu entgehen orientiert, vernachlässigt die bevölkerungspolitische Rahmung der Debatten um die neuen Reproduktionstechnologien. Die Gleichsetzung von qualitativer Bevölkerungspolitik mit eugenischen Bestrebungen der Menschenzüchtung übersieht, dass eine qualitative Bevölkerungspolitik, die auf die Zusammensetzung der Bevölkerung abzielt, auch mit anderen Mitteln, z.B. dem Elterngeld oder auch der Bildungsexpansion, d.h. der Erhöhung des Anteils der Akademiker an der Bevölkerung, verfolgt werden kann. Die Soziologin Susanne SCHULTZ hat eine solche Ausblendung in ihrem Artikel Familienpolitik und die "demografische Chance" kritisiert und plädiert für eine demografiekritische Offensive. Eine solche Kritik der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme wird auch auf dieser Website bevorzugt, wenngleich die biopolitische Grundlegung durch Michel FOUCAULT dabei nicht unbedingt im Vordergrund steht, sondern die Folgen für soziale Gruppen, die durch eine solche Demografisierung ausgegrenzt werden, indem die Spaltung der Gesellschaft entlang bevölkerungspolitisch motivierter Kriterien betrieben wird. Susanne SCHULTZ beschreibt das Problem der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme folgendermaßen:

Familienpolitik und die "demografische Chance"

"Meines Erachtens ist es hilfreich, das Konzept der »Demografisierung« (...) in die Analyse biopolitischer Staatlichkeit einzubinden. Der Begriff der Demografisierung wurde von Diana Hummel, Eva Barlösius und anderen eingeführt, um die diskursiven Effekte kritisch bearbeiten zu können, die sich entwickeln, wenn Zahl, Verteilung und Zusammensetzung der (nationalen) Bevölkerung explizit als Grundlage staatlicher Politik verhandelt werden und gesellschaftliche Krisenphänomene und Konflikte auf der Grundlage demografischer, mathematisch-statistischer Daten und Prognosen auf spezifische Weise (re)formuliert werden (vgl. Hummel 2013; Barlösius 2007).
Demografisierung ermöglicht es etwa, Programme des Sozialabbaus als notwendige Konsequenzen eines objektiven demografischen Sachzwangs darzustellen und der politischen Verhandlung zu entziehen (vgl. PROKLA 146; Kistler/Trischler 2012; Bosbach/Korff 2012; ver.di 2003). Ein wichtiger Effekt von Demografisierung ist zudem, dass via Bevölkerungsstatistiken soziale Verhältnisse bestimmten, statistisch erfassten Gruppen zugeschrieben (ihnen sozusagen auf den Leib geschrieben) und an deren Vermehrung oder Verminderung gekoppelt werden (...). Demografisierung kann insofern auch den Effekt haben, neue Konflikte zwischen so gefassten gesellschaftlichen Gruppen zu schüren, wie etwa, die zwischen den Generationen oder zwischen Eltern und Kinderlosen (vgl. Baureithel 2007).
Demografisierung sollte jedoch meines Erachtens nicht im Sinne von Demagogie verstanden werden. Vielmehr gehe ich davon aus, dass Strategien einer demografischen Reformulierung sozialer Konflikte auf den Kern biopolitischer Staatlichkeit verweisen".
(2013, S.542f.)

Diese Problematik wurde auf dieser Website immer wieder in den Mittelpunkt von Themen des Monats gestellt, wenngleich dabei der "Kern biopolitischer Staatlichkeit" eher vernachlässigt wurde. Susanne SCHULTZ kommt auch auf die Rolle der Reproduktionsmedizin zu sprechen:

Familienpolitik und die "demografische Chance"

"(Der) Diskurs über den unerfüllten Kinderwunsch (kann) als staatlich relevante Zielgröße auch darauf rekurrieren, dass es die internationale Industrie der Reproduktionsmedizin inzwischen erreicht hat, ihre Leistungen nicht nur als medizinische Behandlung von Krankheiten (nämlich der Unfruchtbarkeit), sondern auch als Frage eines staatlich zu garantierenden Menschenrechts auf die Erfüllung von Kinderwünschen zu etablieren."
(2013, S.551)

Weiter oben konnte gezeigt werden, dass bereits die Definition ungewollter Kinderlosigkeit Ausdruck des Siegeszugs der Reproduktionsmedizin ist, und damit neben der Spaltung Eltern gegen Kinderlose auch die Spaltung der Kinderlosen etabliert wird. Dieser Aspekt wurde auf dieser Webseite bereits hier und hier ausführlicher behandelt und wird auf dieser Website in Zukunft noch genauer unter die Lupe genommen werden.

In der Debatte um die Reproduktionsmedizin gibt es eingespielte Argumentationsmuster, die von Fall zu Fall abgerufen werden können. Der Gefahrendiskurs rankt sich jeweils um die umstrittenen Verfahren. Derzeit sind dies in Deutschland die Präimplementationsdiagnostik (PID), die Eizellspende und darauf beruhend das Social Freezing sowie die Leihmutterschaft. Der Gefahrenkurs wird begleitet von Frankenstein- und Schöne neue Welt-Motiven. Auch BERNARD benutzt solche Versatzstücke des Menschenzüchtungsdiskurses - wie weiter oben ersichtlich, wenngleich er dabei die Grenzlinien ein wenig verschiebt. Im New York Times Magazine ist kürzlich der Artikel The Brave New World of Three-Parent I.V.F. von Kim TINGLEY erschienen, in dem ein neues Verfahren diskutiert wird, das selbst in den USA noch verboten ist.

Mit jedem neuen Verfahren können also solch kulturell veralltäglichte Versatzstücke des Gefahrendiskurses ("Frankenstein", "Schöne neue Welt", "Designerbaby") aktualisiert werden. Die Reproduktionsmedizin bleibt umstritten, auch wenn ältere Verfahren, die BERNARD in den Mittelpunkt seines Buches stellt, damit immer normaler erscheinen.  

Die Reproduktionsmedizin als Retter der bürgerlichen Kleinfamilie?

Die geradezu positivistische Sicht von BERNARD auf die Reproduktionsmedizin ist bestimmt von der Ausgangsthese, dass sie der bürgerlichen Kleinfamilie zu neuer Attraktivität verholfen hat:

Kinder machen

"Anfang des 21. Jahrhunderts (...) sind es gerade die wuchernden »unreinen«, durch Unterstützung von Dritten und Vierten entstandenen Familien, die ein seit Jahrzehnten brüchig gewordenes, symbolisch ausgezehrtes Lebensmodell wieder mit neuer Repräsentationskraft versorgt haben. Eine auffällige historische Überschneidung veranschaulicht diese These: Denn die entscheidenden Durchbrüche in der Geschichte der Reproduktionsmedizin fallen genau in jenes Jahrzehnt, in dem das traditionelle Konzept der Familie infolge der Umbrüche von 1968 in seine tiefste Krise geraten ist. (...).
Was seit dem Ende der siebziger Jahre geschieht, die reproduktionsmedizinisch hergestellte Elternschaft von Menschen, die als unfruchtbar galten, später auch von älteren Frauen, Alleinstehenden und gleichgeschlechtlichen Paaren, mag zwar politisch oder religiös überlieferte Vorstellungen des Gebildes »Familie« verletzten. In erster Linie eröffnet sie aber einem Personenkreis Zugang zu diesem Lebensmodell, der zuvor aus gesundheitlichen oder biologischen Gründen ausgeschlossen war und ihm daher umso empathischer begegnet. Ein Kind zu bekommen ist in diesen Fällen keine Selbstverständlichkeit mehr, kein zufälliger oder zwangsläufiger Effekt sexueller Aktivität, sondern das Ziel eines langgehegten Wunsches. (...).
In einem 1986 erschienen Spiegel-Artikel zur assistierten Empfängnis schrieb die Grünen-Politikerin Waltraud Schoppe: 'Die Reproduktionstechnologien führen das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie ad absurdum.' Vermutlich ist genau das Gegenteil richtig: Die Reproduktionstechnologien haben das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie aufrechterhalten und in seiner Logik bestätigt."
(2014, S.471ff.)

Dies ist im Grunde der einzige fortschrittliche Kern von BERNARDs Argumentation und bietet deswegen einen gewissen Zündstoff wie die Buchbesprechungen zeigen.

Die neue Frontlinie der reproduktionstechnologischen Kontroverse verläuft zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren, die dem Modell der bürgerlichen Kleinfamilie insofern entsprechen, weil sie eine vollständige Familie zumindest der Anzahl nach darstellen, und jenen unvollständigen Familien, denen vorgeworfen wird, dass ihr Kind lediglich ein  biographisches Projekt sei. Dies gilt insbesondere für selbstbestimmte Single-Mütter ("single-mother bei choice"):

Kinder machen

"Wenn sich Mutterschaft (...) dank den gesellschaftlichen und medizinischen Errungenschaften der letzten vierzig Jahre verändert hat - von der leiblichen Tatsache eines auf Familienbildung ausgerichteten Lebens hin zur technologisch unterstützten Option selbstbestimmter Frauen -, dann verdeutlicht eine Erscheinung diesen Wandel auf besondere Weise: die Figur der »single mother by choice«, der alleinstehenden Frau, die sich bewusst für eine Schwangerschaft ohne Partner entscheidet. Die Idee des eigenen Kindes als biographisches Projekt zeigt sich in dieser Konstellation, die in den USA populär, in Deutschland laut Aussagen von Samenbank-Betreibern und Reproduktionsmedizinern immer verbreiteter ist, mit großer Konsequenz . Im März 2006 machte eine lange Titelgeschichte des New York Times Magazine dieses Phänomen öffentlich bekannt. (...). Die Diktion dieses Artikels mit der Überschrift »Looking for Mr Good Sperm« lehnt sich stark an die erfolgreiche Fernsehserie »Sex and the City« an. (...). Im Vorgehen der »single mothers by choice« sind die assistierten Reproduktionstechnologien endgültig nichts als ein Marktangebot; eine Samenbank liefert die möglichst glamourösen männlichen Gameten, eine Eizellspenderin wenn nötig die weiblichen, eine Reproduktionsklinik übernimmt schließlich die Insemination oder extrakorporale Befruchtung. Diese souveräne Entscheidung über Zeitpunkt und Modus der Familienplanung könnte in nächster Zeit zudem von einer neuen Technologie namens »Vitrifikation« unterstützt werden: ein Verfahren, das es Frauen ermöglicht, auch unbefruchtete Eizellen dauerhaft konservieren zu lassen."
(2014, S.444f.)     

Weiter oben wurde bereits deutlich, dass dieses Vorgehen mit dem Schöne neue Welt-Motiv des traditionellen Gefahrendiskurses in Verbindung gebracht wurde. Die Single-Mutter bekräftigt also zwar die Attraktivität der nunmehr neubürgerlich gedachten Kleinfamilie (inklusive Regenbogen- und Patchworkfamilie), aber sie tut es als Unerwünschte bzw. weiterhin eher Ausgegrenzte, der die letzte Anerkennung verwehrt wird. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass Alleinerziehende ihr Heil insbesondere in der Abgrenzung zu (kinderlosen) Singles suchen. Zumindest hinsichtlich dieser Abgrenzung erscheinen sie als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft.

Fazit: Das Buch betont die reproduktionsmedizinische Entwicklungslinie vom Retortenbaby zum Wunschkind statt zum Designerbaby und ist damit Ausdruck des gegenwärtigen biopolitischen Zeitgeists

Ist die Reproduktionsmedizin nun Fluch oder Segen? Nach Ansicht von Andreas BERNARD hat sie dem bürgerlichen Kleinfamilienmodell zu neuer Attraktivität verholfen - insbesondere bei jenen sozialen Gruppen, die bislang davon ausgeschlossen waren: gleichgeschlechtliche Paare und Alleinstehende. In dieser Hinsicht positioniert sich das Buch Kinder machen auf der Seite eines beschränkten Fortschritts. Andererseits ist es dem bevölkerungs- bzw. biopolitischen Zeitgeist verhaftet, indem das Phänomen späte Mutterschaft entweder mit kritisch gesehenen gesellschaftlichen Entwicklungen wie dem Kind als Projekt bzw. Selbstoptimierungstendenzen in Verbindung gebracht wird oder einfach ausgeblendet wird. Die neue Ordnung der Familie wird damit auf das Problem der Erweiterung der bürgerlichen Kleinfamilie durch Fremde reduziert, während der bevölkerungs- bzw. biopolitische Aspekt unterbelichtet bleibt. Reicht angesichts der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme ein individualisierender Blick auf die Reproduktionsmedizin und die Ordnung der Familie oder ist dieser Blick nicht vielmehr grundlegend zu hinterfragen, indem die gesellschaftlichen Zwänge und die Eingebundenheit der Familie in eine Politik der Bevölkerungssteuerung in den Blick genommen wird? Auf dieser Website wird deshalb eine erweiterte Sichtweise vertreten. Angebliche Optionserweiterungen durch die Reproduktionsmedizin müssen immer auch daraufhin untersucht werden, inwieweit sie neue soziale Ungleichheiten verursachen bzw. die Optionen von Minderheiten wie z.B. lebenslang Kinderlose verringern. Das Buch von BERNARD gibt insofern gute Einblicke in konventionelle Verfahren der Reproduktionsmedizin, blendet aber die wirklich neuen und damit umstrittenen Verfahren der Reproduktionsmedizin wie z.B. die Präimplementationsdiagnostik (PID) oder Social Freezing aus. Das Buch bleibt dem gesellschaftlichen Mainstream verhaftet, während kontroverse Minderheitenmeinungen außen vor bleiben und somit die Ambivalenz der Reproduktionsmedizin unterbelichtet bleibt. Inwieweit die Reproduktionsmedizin Fluch oder Segen ist, das wäre eine empirisch zu klärende Frage, denn an einer Aufarbeitung dieses gesellschaftspolitisch umstrittenen Feldes mangelt es. Das Buch von BERNARD ist hier nicht besonders weiterführend, bietet aber einen guten Ausgangspunkt zur kritischen Aufarbeitung des Themas. 

 
     
 
   

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Update: 27. Januar 2017