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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Stabilisierung des Rentenniveaus  

 
       
   

Scheindebatte, Mittel zur Bekämpfung der Altersarmut oder Mittel zur Akzeptanzsteigerung der gesetzlichen Rente? Eine Bibliografie der Kontroverse um die Bedeutung des Rentenniveaus
(Teil 4)

 
       
     
   
     
 

Einführung

Spätestens seit dem Paradigmenwechsel in der Alterssicherung im Jahr 2001 ist die Entwicklung des Rentenniveaus in den Fokus der Debatte um die Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung geraten. Die Debatte um das Rentenniveau ist dabei eng verbunden mit Änderungen an der so genannten Rentenformel, mit denen diverse Eingriffe in die Berechnung der Altersrenten vorgenommen wurden.

Die Entwicklung des Rentenniveaus spielte auch bei der Debatte um die Ausgestaltung der Ostrentenangleichung eine Rolle. Dieser Aspekt wird in der Bibliografie Der lange Weg zum Rentenüberleitungs-Abschlussgesetz behandelt. Dort befinden sich auch Statistiken zur unterschiedlichen Entwicklung des Rentenniveaus in Ost und West.

Der Beitrag Unsere Zukunft, unsere Rente beschäftigte sich mit den Positionen von Parteien und Interessenorganisationen im Bundestagswahlkampf 2017, bei dem es u.a. auch um die Stabilisierung des Rentenniveaus ging. Im Mittelpunkt stand dabei eine gleichnamige Serie der Süddeutschen Zeitung anhand derer sich die Spannbreite der öffentlichen Debatte in dieser Zeit ablesen lässt.

Die einen betrachten die Senkung des Rentenniveaus als Mittel zur Verhinderung eines Kollaps der Alterssicherung, während die anderen den Abschied von der Lebensstandardsicherung durch die gesetzliche Rentenversicherung und den Ausbau der kpaitalgedeckten Altersvorsorge als Weg in die massenhafte Altersarmut betrachten. Die einen argumentieren mit den hohen Kosten eines lebensstandardsichernden Rentenniveaus und fehlender Nachhaltigkeit der Finanzierung. Das Schlagwort dazu heißt Generationengerechtigkeit. Die anderen verweisen auf Akzeptanzprobleme durch das sinkende Rentenniveau und bezweifeln die Unfinanzierbarkeit einer Stabilisierung des Rentenniveaus. Die einen behaupten, dass ein höheres Renteneintrittsalter die Folgen der Senkung des Rentenniveaus kompensiert, während die anderen darauf hinweisen, dass die wahren Probleme nur verschleiert.

Welche Bedeutung jedoch dem Rentenniveau tatsächlich zukommt und inwiefern die Berechnung des Renteniveaus die Tür zu Manipulationen öffnet, das bleibt in der öffentlichen Debatte meist im Dunkeln. Diese Bibliografie soll Licht ins Dunkel der Bedeutung des Rentenniveaus anhand der öffentlichen Debatte bringen.

Die Debatte um das Rentenniveau hat eine grundsätzliche Bedeutung, denn eng damit verbunden ist die Frage wohin sich die gesetzliche Rentenversicherung weiterentwickeln wird. Soll sie nur noch der Grundversorgung im Alter dienen, d.h. eine Art neues Fürsorgesystem werden oder soll sie auch in Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Lebensstandardsicherung im Alter für alle darstellen. Auch vor diesem Hintergrund werden die diversen Beiträge eingeordnet werden müssen. 

Kommentierte Bibliografie (Teil 4: 2018)

2018

AUST, Andreas/ROCK, Joachim/SCHABRAM, Andrea (2018): "Grundrente" und Rentenniveau in den Sondierungsergebnissen von CDU, CSU und SPD.
Kurzexpertise Nr. 1/2018,
in:
infothek.paritaet.org v. 19.01.

SCHWENN, Kerstin (2018): Übermütige Rentenversprechen.
Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird sich die Garantie nicht halten lassen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.02.

Neben der Mütterrente gilt SCHWENN die Stabilisierung des Rentenniveaus als besonderer Dorn im Auge.

"Selbst bei weiter guter Wirtschaftsentwicklung dürfte sie 2025 rund 4 Milliarden Euro kosten",

erklärt uns SCHWENN. Das wird - wie bei NAHLES - zum Positivszenario erklärt. Die Garantie gilt nur bis 2025 was SCHWENN - genausowenig wie andere Neoliberale - nicht daran hindert so zu tun, als ob die Stabilisierung des Rentenniveaus auf Ewigkeiten festgeschrieben wäre. Denn ohne diese Suggestion könnten die Babyboomer nicht als Drohszenario eingesetzt werden und darauf verzichten Neoliberale nie. Alles könnte jedoch zur Makulatur werden, wenn nicht von angeblichen Positivszenarien ausgegangen wird, sondern von pessimistischen Annahmen, die auch dem Rentenversicherungsbericht 2017 und der Bevölkerungsvorausberechnung zugrunde liegen. Beide hinken dem tatsächlichen Geburtenanstieg in Deutschland hinterher. Dies mag sich 2025 noch nicht auswirken, aber die Jahre ab 2030 sind keineswegs durch die demografische Entwicklung festgelegt - ganz zu schweigen von Entwicklungen, die noch gar nicht in den Blick kommen, weil die Zukunft offen ist. 

RÜRUP, Bert (2018): Politik in Zeiten alternder Wähler.
Leitartikel: Rentenreformen halten allenfalls zwei Legislaturperioden,
in:
Handelsblatt v. 02.03.

Das Problem ist, dass weder das ökonomische, noch das demografische Umfeld auf längere Zeit prognostiziert werden kann, obwohl das gerne von Ökonomen behauptet wird. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt dies - auf andere Weise als dies von RÜRUP gemeint ist.

"Norbert Blüm war der erste Sozialminister, der sich Ende der 1980er Jahre den Problemen der Rentenversicherung infolge der Bevölkerungsalterung stellte.
Laut damaligen Prognosen hätte sich der Beitragssatz bis zum Jahr 2030 auf 36 bis 41 Prozent mehr als verdoppelt. Um den Anstieg auf 27 Prozent zu begrenzen, beschloss eine informelle Koalition aus Union, FDP und SPD am Vormittag des 9. Novembers 1989 das Rentenreformgesetz 1992",

erzählt uns RÜRUP. Tatsächlich gab es Anfang des Jahrtausends laute Aufschreie der Neoliberalen, weil der Beitragssatz auf 22 Prozent bis 2030 begrenzt werden soll. Derzeit liegt er bei 18,6 Prozent, d.h. weit unter dem befürchteten Anstieg, der seit den 1990er Jahren zu hysterischen Debatten geführt hatte. Entscheidender ist jedoch ein anderer Aspekt:

"Die (...) Leistungsrücknahmen wurden kaschiert, indem zuvor die Erwerbsbiografie des Standardrentners von 40 auf 45 Jahre verlängert und so das ausgewiesene Rentenniveau um gut sechs Prozentpunkte angehoben wurde."

Eine Wiederholung dieser Praxis wird seit Jahren von Neoliberalen von Bundesbank bis Axel BÖRSCH-SUPAN gefordert. Die Erwerbsbiografie des Standardrentners soll von 45 auf 47 Jahre verlängert werden, um die weitere Absenkung des Rentenniveaus zu verschleiern. Dieses Spielchen wird in Zukunft öfters gespielt werden.

RÜRUP geht davon aus, dass die Leistungsausweitungen seit 2014 schnell wieder dem "Diktat leerer Kassen geopfert werden" können, denn:

"In einer Demokratie besteht Rentenpolitik durchweg im Nachsteuern entsprechend geänderter Rahmenbedingungen und Gerechtigkeitsvorstellungen. Das ist allemal besser, als die Rentenpolitik einem wohlwollenden Diktator zu überlassen, und sei dieser ein noch so kluger Ökonom."

Diese Sicht verschleiert jedoch ebenfalls, denn sie lässt die Interessenpolitik außer Acht. Welche politische Entscheidungen Rahmenbedingungen und Gerechtigkeitsvorstellungen erfordern, das ist keine Frage objektiver Fakten, sondern eine Frage politischer Machtverhältnisse.

SIEMS, Dorothea (2018): Geschwätz von gestern.
Die Angst vor Altersarmut wächst. Doch die große Koalition treibt mit ihren populären Plänen nur die Ausgaben weiter in die Höhe, statt Rücklagen für die schwierigen Jahre zu stabilisieren. Vertrauensbildende Sozialpolitik sieht anders aus,
in:
Welt v. 31.03.

Dorothea SIEMS präsentiert die üblichen Positionen des öffentlichkeitsscheuen CDU-Wirtschaftsrats, der seine Positionen hauptsächlich über ihm freundlich gesinnte Medien verbreiten lässt, und der BDA. SIEMS arbeitet brav alle Punkte von Mütterrente II bis zur Stabilisierung des Rentenniveaus ab.

Die Kosten der Stabilisierung des Rentenniveaus auf 48 Prozent bis 2025 werden in Form zweier Extremszenarien präsentiert: Andauern des jetzigen Konjunkturaufschwungs ("vier Milliarden Euro") oder wirtschaftliche Flaute ("Zusatzkosten von 15 Milliarden Euro. Im Extremfall sogar bis zu Milliarden 38 Euro"). Dabei beruft SIEMS sich auf eine nicht nachvollziehbare "Analyse des Wirtschaftsrats".

Fazit: Seriöser Journalismus sieht anders aus! Der Artikel richtet sich nicht an Andersdenkende, sondern an Anhänger der eigenen Glaubensgemeinschaft.     

DRIBBUSCH, Barbara (2018): Milchschäumen mit 67.
Debattereihe Zukunft der Arbeit: Immer mehr Leute jenseits der 60 arbeiten, auch noch im Rentenalter. Ist das nun gut oder schlecht? Kommt drauf an. Das soziale Gefälle ist groß,
in: TAZ v. 16.04.

Barbara DRIBBUSCH wendet sich gegen eine Stabilisierung des Rentenniveaus, weil Ältere ihre Rente durch Erwerbsarbeit aufbessern sollen. Lediglich für Menschen mit gesundheitlichen Problemen und "KleinrentnerInnen" sieht DRIBBUSCH andere Möglichkeiten vor:

"Das neue Programm mit bezahlten Jobs für Langzeitarbeitslose, das sie Groko plant, sollte vor allem Menschen über 55 Jahren mit gesundheitlichen Einschränkungen zugutekommen. Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente sind bereits beschlossen. Auch eine Aufstockung für KleinrentnerInnen mit langer Berufsbiografie wäre ein richtiges Signal."

Im Grunde ist DRIBBUSCH nicht mehr weit von den neoliberalen Hardlinern entfernt, die weitere Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente ablehnen, weil sie die vorhandenen Verbesserungen als ausreichend empfinden. Zu einer Erhöhung des Renteneintrittsalters schweigt DRIBBUSCH genauso wie zur privaten Altersvorsorge. 

MEA (2018): Pressemitteilung zu den Kosten der doppelten Haltelinie,
in: Pressemitteilung MEA v. 24.04.

"(B)ereits im Jahr 2023 (wird) die im Koalitionsvertrag von derzeit 43% auf 48% anzuhebende Haltelinie des Rentenniveaus unterschritten und zwei Jahre später die auf 20% abzusenkende Haltelinie beim Beitragssatz überschritten (...).Da durch den demographischen Wandel die Zahl der Rentenempfänger weiter steigt und die der Beitragszahler weiter fällt, aber nun die beiden wichtigsten finanziellen Stellschrauben der umlagefinanzierten Rentenversicherung fixiert sind, entsteht ein Fehlbedarf, der laut Koalitionsvertrag durch Steuermittel sicher zu stellen ist. Er wird (...) im Jahr 2025 inflationsbereinigt knapp 11 Mrd. Euro betragen. Danach steigt der Fehlbetrag sehr schnell an. Würde man die doppelte Haltelinie weiter fortsetzen, würde der Fehlbetrag im Jahr 2030 45 Mrd. erreichen und bis 2035 auf über 80 Mrd. Euro pro Jahr anwachsen, also mehr als dem doppelten der heutigen Nachhaltigkeitsreserve. Im Jahr 2048 läge der durch Steuermittel sicherzustellende Finanzbedarf bei über 125 Mrd. Euro. Diese Zahlen sind kaufkraftbereinigt", heißt es in der Pressemitteilungen zu den Berechnungen von BÖRSCH-SUPAN & RAUSCH.

BÖRSCH-SUPAN, Axel & Johannes RAUSCH (2018): Die Kosten der doppelten Haltelinie, MEA Discussion Papers 03-2018

 Auch im Ifo Schnelldienst 9/2018 vom 09.05.2018 veröffentlicht.

BEISE, Marc & Henrike ROßBACH (2018): Rentenpläne der Koalition "unbezahlbar".
Union und SPD haben versprochen, das Niveau der Altersbezüge zu sichern. Doch die Kosten dafür sind gigantisch. Ökonomen beziffern sie auf Dutzende Milliarden Euro jährlich,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.04.

Wer bezahlt eigentlich die Berechnungen, die im Tagesrhythmus erscheinen und doch nichts Neues ergeben? Die angebliche Studie ist lediglich ein Diskussionspapier der neoliberalen Ökonomen Axel BÖRSCH-SUPAN & Johannes RAUSCH mit dem Titel Die Kosten der doppelten Haltelinie. Im Feuilletonteil würde man so etwas Polemik nennen!

Der Koalitionsvertrag sieht eine Stabilisierung des Rentenniveaus nur bis 2025 vor. Das Papier sieht für diesen Zeitraum keinerlei Finanzierungsprobleme. Zudem war seit fast 15 Jahren immer nur von einer Beitragsobergrenze von 22 Prozent die Rede. Die Jahre davor rechnete man sogar mit weit höheren Beitragssätzen. Nun aber werden plötzlich nur noch 20 Prozent angenommen. Allein dies führt zu einer Kostenexplosion bei sonst konstanten Annahmen. Dies war von den Koalitionspartnern offensichtlich so gewollt, damit die Pläne auf möglichst viel Widerstand treffen können. Der Debatte haftet also eine gewisse Verlogenheit an.

Die Bevölkerungsvorausberechnung basiert auf der Annahme einer konstanten Geburtenrate von 1,5 bis 2060 (vgl. S.15), obwohl sie derzeit bereits bei 1,59 liegt und seit 5 Jahren ansteigt. Der Wanderungssaldo liegt bei 200.000 Personen (vgl. S.15), obwohl der Wanderungssaldo derzeit mindestens das Doppelte beträgt. Lediglich bei der Lebenserwartung wird eine Steigerung angenommen (vgl. S.15), obwohl diese derzeit stagniert. Die Annahmen berücksichtigen nicht die aktuellen Trends, sondern sind so gesetzt, dass eine Stabilisierung zu möglichst hohen Kosten führen muss. Das ist unseriös! 

Fazit: Allein die Annahmen zur Bevölkerungsentwicklung entsprechen nicht im Mindesten der aktuellen Entwicklung, sondern basieren auf einem sehr pessimistischen Szenario. Die ökonomische Annahmen sind in der Regel noch unsicherer, was die Entwicklung der vergangenen 10 Jahre zeigt. Das Papier sollte also ins Altpapier, denn zu einer seriösen Diskussion ist es untauglich!

BEISE, Marc (2018): Das größte Problem.
Kommentar zur Rente,
in: Süddeutsche Zeitung v. 24.04.

"Die Lösung kann nur in einem Mix liegen, bei dem das Rentenniveau sinkt, der Beitragssatz steigt - und die Menschen länger leben",

erklärt uns der Neoliberale Marc BEISE. Nur mit dem demografischen Wandel lässt sich das nicht begründen, sondern es wäre allein Ausdruck der politischen Machtverhältnisse!

SCHWENN, Kerstin (2018): Heils Rentenpaket belastet Scholz' Finanzplanung.
Mütterrente, hohes Rentenniveau, niedriger Beitragssatz: Der Koalitionsvertrag enthält für jeden Geschmack etwas. Der Nachteil: Die Steuerzahler müssen das mit immer mehr Milliarden bezahlen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.04.

Kerstin SCHWENN traktiert uns mit den unseriösen Berechnungen der MEA-Studie, wobei hier die mittelfristige Finanzplanung als Problem herbeigeschrieben wird:

"Noch vor Ende der Wahlperiode wird Finanzminister Olaf Scholz (SPD) jedes Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag aus Steuern für die Rente in die mittelfristige Finanzplanung einstellen müssen",

erklärt uns SCHWENN. Dass es so kommt, ist lediglich eine Fiktion oder wie es der Sprecher des Arbeitsministeriums nennt:

"Die Zahlen und Berechnungen zu Kosten einer doppelten Haltelinie fußen auf Annahmen, die ohne Fundament sind (...). Etwaige Kosten lassen sich derzeit nicht seriös bestimmen, da die Einzelheiten der angestrebten Leistungsverbesserungen in der gesetzlichen Rentenversicherung noch nicht gestehen".

Auch Markus KURTH (Grüne) kann den Zahlen nichts abgewinnen. Lediglich - wenig überraschend - der FDP passen die Zahlen zu ihrer Politik.

Fazit: Wer sich mit Planungen auskennt, der weiß: am Ende kommt es selten so wie es geplant wurde! Das gilt für mittlere Finanzplanungen erst recht. 

THELEN, Peter (2018): Nur keine Panik!
Leidartikel: In der Rentenpolitik kommen wir mit Horrorszenarien der einen oder anderen Seite keinen Schritt weiter,
in: Handelsblatt v. 26.04.

Peter THELEN kritisiert Axel BÖRSCH-SUPAN, den er als Mitglied der geplanten Rentenkommission nennt:

"Es ist (...) nicht allerbester Stil, dass der Wissenschaftler nun mit einem wahren Horrorszenario den Eindruck erweckt, eine zeitliche Verlängerung der Haltelinien wäre schlicht unbezahlbar."

THELEN ist hinsichtlich von Berechnungen zur Zukunft der Rentenversicherung ein gebranntes Kind, denn in der Vergangenheit gab es dazu grandiose Fehleinschätzungen:

"(I)m Jahr 2018 (dürfte es) nach allen verfügbaren Langfristprognosen seit der Jahrtausendwende alle (...) positiven Nachrichten eigentlich gar nicht geben (...). So kommt eine Prognos-Studie aus dem Jahr 2003, erstellt für die deutsche Rentenversicherung, selbst in der optimistischsten Variante für 2018 zu einem Rentenbeitrag von deutlich über 19 Prozent und einem Rentenniveau von um die 44 Prozent.
Tatsächlich liegt es aktuell über 48 Prozent. 2014 konnten sich Prognos und das Handelsblatt Research Institute in einer Untersuchung zur Zukunft der Altersvorsorge insbesondere wegen der teuren Rentenreform von 2014 mit Mütterrente nicht vorstellen, dass der Rentenbeitrag unter die damals erreichten 18,9 Prozent fallen würde. Und doch hat er es getan. Die Rentenversicherung fürchtete sogar, der Beitrag würde bis 2017 auf 19,4 Prozent steigen.
Mit dieser Erfahrung im Rücken scheint es angebracht, neuen Horrorszenarien über die Zukunft der Rente mit Skepsis zu begegnen."

THELEN kritisiert die Hybris des Ökonomen, der mit seinen postdemokratischen Vorstellungen sozusagen die demokratische Willensbildung aushebeln möchte, wenn er schreibt:

"Es wird am Ende keine ökonomische, sondern eine rein politische Frage sein, wie viel Umverteilung sich unsere Gesellschaft leisten will, um auch künftigen Rentnern eine Rente zu gewähren, die zu den eingezahlten Beiträgen in einem vertretbaren Verhältnis steht.
Bezahlbar oder unbezahlbar ist da keine Kategorie."

THELEN propagiert ein anderes Politikverständnis als Neoliberale, die die politische Willensbildung als Störung und uneffiziente Einmischung betrachten:

"Beim Thema Haltelinien (...) empfiehlt es sich, auf Sicht zu fahren (...). Der größte Vorzug des umlagefinanzierten Rentensystems gegenüber der ergänzenden Vorsorge über den Kapitalmarkt ist, dass die Umlageregeln jederzeit per einfaches Gesetz geändert werden können."

Ein solches Politikverständnis wird zuweilen als Regieren nach Kassenlage oder als Muddling-through angeprangert. Die Alternative der Neoliberalen, die angeblich eine "nachhaltige", "verlässliche" Politik versprechen, stellt sich oftmals als genauso unzuverlässlich heraus, weil sie unvernünftige Regelungen der politischen Gestaltbarkeit entzieht. 

BÖRSCH-SUPAN, Axel (2018): Länger leben, später in Rente.
Samstagsessay: Die Bundesregierung will die Rentenversicherung durch teure Eingriffe sichern. Doch statt solcher Versprechen hilft vor allem eines: Wir müssen mehr arbeiten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.04.

Axel BÖRSCH-SUPAN, gemäß Peter THELEN Mitglied der geplanten Rentenkommission, will das Ergebnis der Kommission mit seinem Beitrag bereits vorbestimmen. In den letzten Tagen wurde sein Horrorszenario über die angeblichen Kosten der doppelten Haltelinie bereits in diversen neoliberalen Wirtschaftsteilen beklatscht. Einzig das Handelsblatt stimmte nicht in den Chor der Postdemokraten ein. Der Essay hat gegenüber den Berechnungen nichts Neues zu bieten, sondern wartet mit weiteren Lügen auf:

"Heute Vierzigjährige werden (...) über zehn Jahre länger leben als bei derzeitiger Lebenserwartung. Zehn Jahre mehr!".

Bekanntlich ist für die Rentenversicherung weder die Lebenserwartung bei Geburt, noch die Lebenserwartung von Vierzigjährigen, sondern die fernere Lebenserwartung der 65- bzw. 67-Jährigen ausschlaggebend. Diese aber stagniert seit Jahren! Der Rentenversicherungsbericht 2017 nimmt deshalb eine geringere Lebenserwartung an als noch in vorangegangenen Berichten. Das aber verschweigt BÖRSCH-SUPAN, der diesen Bericht nur zitiert, wenn die Zahlen zu seinem Horrorszenario passen. Der Rentenversicherungsbericht 2017 wird deshalb nur zitiert, um den Rückgang des Rentenniveaus auf unter 23 Prozent ab 2023 zu suggerieren. Dagegen zeigt die Rentenanpassung 2018, dass die Zahlen des Rentenversicherungsberichts selbst für das Jahr 2018 schon zu pessimistisch waren. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im November 2017 wurde nämlich noch von einer um über 0,1 Prozent niedrigeren Rentenerhöhung ausgegangen als jene, die nun tatsächlich erfolgt.

Fazit: Wie die Rentenversicherung 2030 oder gar 2040 dasteht, das kann heute seriöserweise niemand - auch nicht BÖRSCH-SUPAN - prognostizieren. Ökonomen scheitern oftmals sogar an Prognosen, die für nicht einmal ein Jahr gelten sollen. BÖRSCH-SUPAN aber möchte die demokratische Willensbildung auf Jahrzehnte hinaus aushebeln. Politik muss flexibel auf Veränderungen reagieren können, statt dem ökonomischen Hirngespinst der Nachhaltigkeit auf den Leim zu gehen. Nachhaltigkeit gibt es nur, wenn die Zukunft nichts als eine Fortschreibung der Vergangenheit wäre. Das aber hat mit Zukunft nichts zu tun!  

BMAS (2018): Rentenkommission "Verlässlicher Generationenvertrag" vorgestellt,
in: Pressemitteilung des Bundesarbeitsministeriums v. 03.05.

Nun ist es offiziell, wer die Mitglieder der Rentenkommission sind. Vertreter der Wissenschaft sind die neoliberalen Ökonomen Axel BÖRSCH-SUPAN und Gert G. WAGNER, die mit ihren Vorstellungen bereits seit Jahren in der Öffentlichkeit präsent sind. Ersterer hat erst vor kurzem mit einem Horrorszenario, das jeglicher Grundlage entbehrt, Stimmung gegen die Stabilisierung des Rentenniveaus gemacht. Auch Gert G. WAGNER steht für den weiteren Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge und die Schwächung der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Soziologin Simone SCHERGER steht für Erwerbsarbeit im Rentenalter, was zur Linie der beiden anderen passt. Hier geht es um die Erhöhung des Renteneintrittsalters.

Fazit: Die Zusammensetzung der Kommission aus der Wissenschaft ist bereits ein Hinweis darauf, dass es um die Durchsetzung einer Erhöhung der Erwerbsarbeit im Rentenalter gehen wird, vorzugsweise die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Außerdem soll ein weiterer Ausbau der betrieblichen und privaten Altersvorsorge vorangetrieben werden. Ergebnisoffenheit sieht anders aus!

DRIBBUSCH, Barbara (2018): Spagat zwischen den Generationen.
Neue Kommission der Regierung soll Vorschläge zum künftigen Rentenniveau erarbeiten,
in: TAZ v. 04.05.

Barbara DRIBBUSCH nutzt die Vorstellung der Rentenkommission, um das Horrorszenario von Axel BÖRSCH-SUPAN zu verbreiten, als ob es sich dabei um ein unabwendbares Szenario handeln würde. DRIBBUSCH ist die Rente egal, denn ihre Zielgruppe ist die gut situierte Leserin, die meist sogar im öffentlichen Dienst arbeitet. Altersarmut ist kein Thema, denn Verzicht ist für diese Klientel mit großem sozialen und kulturellem Kapital kein Problem.

KALBE, Uwe (2018): Experten für den Unruhestand.
Arbeitsminister Hubertus Heil setzt Rentenkommission ein. Konzept soll 2020 vorliegen,
in: Neues Deutschland v. 04.05.

Uwe KALBE zitiert ausführlich die Kritik des rentenpolitischen Sprechers der Linkspartei, Matthias BIRKWALD, an der Berufung von Axel BÖRSCH-SUPAN in die Rentenkommission. Der Linkspartei ist selbst eine Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent noch zu wenig. Sie fordert die Rückkehr zu 53 Prozent.

STEFFEN, Johannes (2018): Ein stabiles Rentenniveau? – "Unbezahlbar!".
Kommissionsmitglied polemisiert gegen Umlagesystem,
in:
sozialpolitik-portal.de v. 09.05.

BUNTENBACH, Annelie (2018): Schluss mit Kürzungen!
Bei der Rente vertrete der DGB falsche Ideen, schrieb ZEIT-Redakteur Roman Pletter kürzlich. Doch er irrt,
in: Die ZEIT Nr.23 v. 30.05.

"Wegen (der)(...) Kürzungsorgie liegt der Beitragssatz bei 18,6 Prozent - so niedrig wie seit 23 Jahren nicht mehr. Seit 1995 ist die Zahl der Rentnerinnen und Rentner aber um fast sechs Millionen auf heute 21 Millionen gestiegen. (...). Wegreformiert wurde eine angemessene Alterssicherung, zu Lasten der Jungen wie der Alten. Entlastet wurden vor allem die Arbeitgeber. (...). In einem der reichsten Länder der Welt müssen wir die Frage beantworten, wollen wir das Modell »Falschensammeln« oder das Modell »Altern in Würde«",

meint Annelie BUNTENBACH vom DGB. Sie kritisiert zudem das Rentenkommissionsmitglied Axel BÖRSCH-SUPAN, das die vom DGB vertretene Stabilisierung des Rentenniveaus mit einem Horrorszenario als "unfinanzierbar" diffamiert hat:

"Bei ihm sehen die Ausgaben doppelt so hoch aus, weil er die realen Rentenerhöhungen der kommenden 40 Jahre einrechnet. Aber in dieser Zeit würden sich auch die Löhne verdoppeln, real wäre die Belastung halbiert.
Ja, ein stabiles Renteniveau kostet Geld, volkswirtschaftlich unbezahlbar ist es nicht."

BENTELE, Verena (2018): Rente geht alle an.
Gastwirtschaft: Neues Vertrauen in die Altersvorsorge schaffen,
in: Frankfurter Rundschau v. 13.06.

Verena BENTELE, Präsidentin des VdK, plädiert für eine Stärkung der gesetzlichen Rente bei der Alterssicherung, die durch eine Stabilisierung des Rentenniveaus bei 50 Prozent und den Ausbau zur Erwerbstätigenversicherung erreicht werden soll.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. Januar 2016
Update: 18. Juni 2018