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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

 
       
   

Abschied von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse oder Rückbesinnung der Politik auf die Stärkung von Gebieten jenseits der Großstädte und Ballungszentren? Eine kommentierte Bibliografie der Debatte

 
       
     
   
     
 

Vorbemerkung

Urbanität gilt in der Wissenschaft seit langem als Leitbild und spätestens seit neoliberale Standortortpolitik und Identitätspolitik eine Liaison eingegangen sind, wurde der ländliche Raum abgeschrieben. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hat dazu beigetragen, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kein Wert mehr ist, sondern das angeblich Alternativlose wurde auch noch politisch gefördert. Seit jedoch der Rechtspopulismus den neoliberalen Konsens gefährdet, wurde auch in Deutschland der ländliche Raum als Möglichkeit zur politischen Profilierung entdeckt. Die kommentierte Bibliothek soll einen Überblick über diese Debatte ermöglichen.   

Kommentierte Bibliografie (Teil 3: 2015)

2015

BBSR (2015)(Hrsg.): Gleichwertigkeit auf dem Prüfstand,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1

Gleichwertigkeit auf dem Prüfstand

Trotz vieler Erfolge gibt es im Bundesgebiet Unterschiede in den Lebensbedingungen. Der demografische Wandel droht die Kluft zwischen wachsenden und schrumpfenden Regionen zu vergrößern. Hat sich das Postulat gleichwertiger Lebensverhältnisse angesichts der demografischen Entwicklungen überlebt? Sind unterschiedliche Standards geeignet und angemessen, um die Daseinsvorsorge auch in Schrumpfungsräumen zu sichern? Inwieweit sind Lebensverhältnisse überhaupt empirisch vergleichbar? Autoren verschiedener Disziplinen formulieren in dem vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) herausgegebenen Heft ihre Antworten. Nach Ansicht des Verfassungsrechtlers Edmund Brandt, Technische Universität Braunschweig, enthält das Grundgesetz keinen gesetzgeberischen Handlungsauftrag, für gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet zu sorgen. Weiter reichende verfassungsrechtliche Impulse könnten vielmehr vom Sozialstaatsprinzip beziehungsweise der Verpflichtung des Staates ausgehen, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, plädiert für eine alternative Regionalpolitik, die unter dem Motto »Vielfalt statt Gleichwertigkeit« Unterschiede akzeptiert. Die Gleichwertigkeit werde durch den demografischen Wandel immer weiter ausgehebelt, so seine These. In Schrumpfungsräumen komme es darauf an, neue Formen der Versorgung zu ermöglichen und dabei Standards, Normen und Gesetzesgrundlagen auf den Prüfstand zu stellen. BBSR-Experte Rupert Kawka legt einen Vorschlag für ein Monitoring vor, mit dem sich die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse anhand eines Indikatorensystems bestimmen lässt. Die Indikatoren beziehen sich auf die Infrastrukturausstattung der Regionen, beschreiben deren wirtschaftliche Leistungskraft, soziale Verhältnisse, Umweltbedingungen sowie ihr kulturelles Angebot. Das Set soll der Frühwarnung dienen und zeigen, wo Standards regional unterschritten werden. Die Bündelung von Infrastruktur, Bürgerbeteiligung in der Regionalentwicklung und Modellvorhaben zur Daseinsvorsorge sind weitere Themen, die die Diskussion um die Weiterentwicklung von Programmen der Regionalpolitik und der Regionalplanung befördern können. Dabei geht es auch um die Frage, inwieweit das Zentrale-Orte-Konzept noch geeignet ist, gleichwertige Lebensverhältnisse dauerhaft zu sichern. Darüber hinaus blickt das Heft auf Konzepte der Europäischen Union, die das Zusammenwachsen von Europas Regionen unterstützen sollen.
(Zusammenfassung)

KAWKA, Rupert (2015): Einführung,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.I-II

BRANDT, Edmund (2015): Gleichwertige Lebensverhältnisse - verfassungsrechtliche Grundlagen,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.1-10

BÖHME, Kai & Sabine ZILLMER (2015): Zillmer Was haben gleichwertige Lebensverhältnisse mit territorialer Kohäsion zu tun?
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.11-22

KLINGHOLZ, Reiner (2015): Vielfalt statt Gleichwertigkeit – Die Regionalpolitik braucht eine neue Zielsetzung,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.23-28

SCHARMANN, Ludwig (2015): Gleichwertige Lebensverhältnisse (nur) durch "gleiche" Mindeststandards? Ansätze und Sichtweisen aus der Landesplanung am Beispiel Sachsens,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.29-44

EINIG, Klaus (2015): Gewährleisten Zentrale-Orte-Konzepte gleichwertige Lebensverhältnisse bei der Daseinsvorsorge?
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.45-56

ELBE, Sebastian & Rainer MÜLLER  (2015): Rainer Müller Gleichwertigkeit als Bürgeraufgabe. Partizipation der Zivilgesellschaft = Überforderung der Zivilgesellschaft?
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.57-70

KAWKA, Rupert (2015): Gleichwertigkeit messen,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.71-82

Rupert KAWKA wendet sich bei der Messung der Gleichwertigkeit von Lebensverhältnisse gegen einen Gesamtindex wie er häufig vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung  für seine Demografierankings verwendet wird:

"Angesichts der vielfältigen Aspekte beim Begriff des bundesstaatlichen Sozialgefüges muss – und sollte – am Ende (...) kein Gesamtindex der Gleichwertigkeit stehen, der schwer zu interpretieren ist, weil er die einzelnen Aspekte miteinander verrechnet, der eventuell ein Gewichtungsschema erfordert und der letztlich sogar Defizite bei bestimmten Themen überkompensieren könnte." (2015, S.72)

KAWKA lehnt sich mit seinem Messkonzept insbesondere an das Raumordnungsgesetz an, das folgenden Dimensionen der Gleichwertigkeit nennt:

"Das Raumordnungsgesetz aus dem Jahr 2008 fordert ausgeglichene soziale, infrastrukturelle, wirtschaftliche, ökologische und kulturelle Verhältnisse und benennt damit die Dimensionen, die in ein Indikatorenkonzept gehören sollen. Darüber hinaus wird der Aspekt der Innovationen genannt." (2015, S.73)

Daneben diskutiert KAWKA sieben Indikatorenkonzepte. Er fasst das Ergebnis folgendermaßen zusammen:

"Insofern werden im Folgenden die Dimensionen Wirtschaft, Umwelt, Infrastruktur, Sozialstruktur sowie Kultur weiter betrachtet. Die Ergänzung um die Aspekte Innovation und Grundbildung, Lebenserwartung sowie persönliche Sicherheit ist dabei unproblematisch, weil sie sich in die fünf Dimensionen gut einfügen lassen." (2015, S.74)

Aus der folgenden Tabelle ist das Indikatorensystem mit seinen Eckwerten und seinem Raumbezug ersichtlich:

Tabelle: Indikatoren zur Messung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland
Dimensionen Indikatoren Eckwerte Raumbezug
Soziale Verhältnisse Vorzeitige Sterblichkeit Männer: höchstens 190 ; Frauen: höchstens 115 Todesfälle je 100.000 Einwohner Landkreise bzw. kreisfreie Stadt
  Anteil der Schulabbrecher höchstens 10 % Einzugsgebiet von max. 16 km um den Haupt- bzw. Regelschulort
  Empfänger von sozialen Mindestleistungen max. 3 % Gemeindeebene nicht verfügbar, deshalb Kreisebene
  Gemeldete Straftaten je 100.000 Einwohner Bis zu ca. 5.500 Straftaten in Landkreisen;  ca. 9.500 Straftaten in Städten werden seitens der Presse und einzelner Polizeidirektionen als sicher bezeichnet;
bis zu 7.000 Straftaten gemäß der Nachhaltigkeitsstrategie.
Wohnortnahe Daten nicht verfügbar, deshalb nur Kreisebene und kreisfreie Städte
Infrastrukturelle Verhältnisse Erreichbarkeit der Oberzentren 60-90 Minuten im Individualverkehr Radius
  Erreichbarkeit der Mittelzentren 30 Minuten im Individualverkehr Radius
  Hausärzte Ein Hausarzt auf 1.671 Einwohner bezogen auf die Mittelbereiche gemäß der Bedarfsplanungs-Richtlinie des Bundesgesundheitsministeriums Mittelbereiche
  Grundschulen max. 8 km zwischen Schul- und Wohnort  
  Erreichbarkeit von Autobahnen 30 Minuten Radius
  Breitbandversorgung flächendeckend mind. 50 Mbit/s Gemeinde
Wirtschaftliche Verhältnisse BIP je Erwerbstätiger 75 % des Bundesdurchschnitts Laut SGB III, § 140 (4) sind Pendelzeiten von insgesamt 2,5 Stunden bei einer Arbeitszeit von mehr als 6 Stunden zumutbar. Entsprechend können die recht großen fünfzig Arbeitsmarktregionen von Kropp/Schwengler (2011) herangezogen werden, die aber auch kleiner als der 2,5-Stunden-Radius sind.
  Arbeitslosenquote 3 % (Vollbeschäftigungsquote)
  FuE-Ausgaben bezogen auf das BIP 3 % des BIP
Ökologische Verhältnisse Feinstaub Jahresmittelwert 40 μg/m3 Durch Dichte der Messstationen und Extrapolierbarkeit festgelegt
  Zustand der Fließgewässer Gewässergüte II Durch Dichte der Messstationen  festgelegt
  Eutrophierung des Bodens Grenzwert beim Stickstoffüberschuss von 80 kg/ha landwirtschaftlich genutzter Fläche Durch Dichte der Messstationen und Extrapolierbarkeit festgelegt
Kulturelle Verhältnisse Erreichbarkeit von Volkshochschulen 30 Minuten Mittelzentraler Einzugsbereich
  Erreichbarkeit von öffentlichen Bibliotheken 15 - 20 Minuten Gemeinde bzw. Gemeindeverband
  Erreichbarkeit von soziokulturellen Zentren 30 Minuten Mittelzentraler Einzugsbereich
Quelle: KAWKA 2015, Tabellen 1-3, S.77ff.; eigene Darstellung

KAWKA entnimmt seine Zielgrößen den Sollwerten unterschiedlicher politischer Vorgaben, wobei die Unterschreitung der Mindeststandards als ungleichwertig definiert ist. Das Indikatorensystem mit 19 Indikatoren soll ein Monitoring der Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen in fünf Dimensionen ermöglichen und bietet damit Vergleichmöglichkeiten zu anderen Herangehensweisen an die Problematik. 

TRIPPEL, Katja (2015): Über die Dörfer.
Stirbt sie oder stirbt sie nicht, die deutsche Provinz? Die Prognosen sind schlecht, aber das sind sie schon seit Jahrzehnten, und doch fanden GEO-Reporter auf einer Reise über Land kräftige, zukunftsfrohe Dörfer. Und kämpferische. Überall trafen sie auch auf existenzielle Fragen: Sollten wir schwache Regionen um jeden Preis beleben? Oder sie aufgeben und menschenleere Naturparadiese schaffen?
in:
Geo, März

"Laut Berlin-Institut haben westdeutsche Dörfer, von denen man länger als 40 Minuten in die nächste Großstadt fährt, von 2003 bis 2008 mindestens doppelt so viele Einwohner eingebüßt wie Dörfer nahe den Speckgürteln. Im Osten betrug der Schwund fern der Citys rund sieben Prozent, Tendenz steigend.
Der Exodus folgt einer Regel: Die geografische bestimmt die demografische Lage",

berichtet Katja TRIPPEL, die lediglich zwei "Experten"-Positionen zum Thema demografischer Wandel von deutschen Kommunen vorstellt. Einerseits die neoliberale Position des Berlin-Instituts, das die Aufgabe des Ziels gleicher Lebensverhältnisse in Deutschland propagiert und zum anderen die Langzeitstudie Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel des Thünen-Instituts, das 14 Dörfer (seit 1952 in Westdeutschland 10 Dörfer und seit 1993 zusätzlich 4 ostdeutsche Dörfer) untersucht hat. Im Gegensatz zum Berlin-Institut, das mit plakativen Propagandafeldzügen die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme betreibt, zeigt die Langzeitstudie, dass Dörfer sehr verschiedenen Einflussfaktoren unterliegen. Inwieweit demografische Faktoren eine Rolle spielen, muss in jedem Einzelfall geklärt werden. Demografie ist nicht unser Schicksal wie uns die Alarmisten seit der Jahrtausendwende erzählt haben, sondern kommunale Entwicklungen sind in erster Linie eine Frage der Politik.

TRIPPEL berichtet aus drei Dörfern: Bockholte im Emsland, Freienseen im hessischen Vogelsberg und Mildenburg im ostdeutschen Brandenburg.

"Hauptsächlich Metropolen und Universitätsstädte prosperieren - auch weil sie die bildungshungrige Landjugend anziehen. Und derzeit wachsen erstmals mehr Kleinkinder in Städten heran als draußen im Grünen",

behauptet TRIPPEL. Noch um die Jahrtausendwende galten Städte als wenig attraktiv für Familien. Im Jahr 2003 wurde der Prenzlauer Berg in Berlin als Symbol einer neuen Mütterlichkeit inszeniert. Nicht nur das Berlin-Institut erklärte dann ab Ende 2004 den "Baby-Boom" in Berliner Prenzlauer Berg für einen Irrtum. Es ist keineswegs ein Zufall, dass die Widerlegung dieses "Baby-Booms" mit dem Agenda-Setting des Elterngeldes ab September 2004 zusammenfällt. Der Meinungskampf um den "Baby-Boom" war geprägt von der Durchsetzung des Elterngeldes. Vor Inkrafttreten des Elterngeldes DURFTE es keinen Babyboom geben, danach MUSSTE es einen geben. Wenige Jahre später revidierten die Geburtenpropagandisten also ihre Meinung. Kaum war das Elterngeld in Kraft getreten, da schrieb ausgerechnet in der Welt Iris MARX den Baby-Boom in den Städten herbei. 2009 konstatierte dann auch das Berlin-Institut einen Geburtenanstieg im Szene-Bezirk. Es ist auch kein Zufall, dass der mediale Fokus auf dem Akademikerbezirk ruhte, denn es ging den Medien keineswegs um einen allgemeinen Geburtenrückgang, sondern um einen gewollten Geburtenanstieg bei Akademikerinnen, deren Kinderlosigkeit nach der Jahrtausendwende weit überschätzt wurde.

Cloppenburg galt dagegen als Symbol des ländlichen Kindersegens. In der GEO-Reportage steht Bockholte für diesen Typus:

"622 Einwohner, gut ein Viertel mehr als vor 20 Jahren, Tendenz steigend."

Wie in Cloppenburg wird auch der Bockholter Kindersegen auf die Russlanddeutschen zurückgeführt:

"Bockholte ist vor allem dank seiner Zuzügler gewachsen: Russlanddeutschen, die ab Ende der 1990er Jahre in Werlte Arbeit fanden und im Neubaugebiet Häuser bauten."

Das hessische Freienseen wird dagegen im Kampf gegen den Bevölkerungsschwund beschrieben:

"Freienseen hat seit 2006 sieben Prozent seiner Einwohner verloren. Die Gemeinde Laubach, zu der Freienseen zählt, schrumpft ebenso schnell - und ist so pleite, dass sie 2012 unter den kommunalen Rettungsschirm es Landes Hessen schlüpfte. (...).
Laubach dreht sich im Teufelskreis. Der Schwund verursacht eine finanzielle Misere, die die abgelegene Gemeinde erst recht unattraktiv macht."

In der Debatte um die Entwicklung der Kommunen herrschte dieses Paradigma der Abwärtsspirale vor. Es sollte angeblich die allgemeine Gemeindeentwicklung beschreiben. In Zeiten des Bevölkerungsrückgangs in Deutschland war dies unumstritten, seit Deutschland jedoch gegen alle Prognosen wieder wächst, regt sich Widerstand gegen diese verallgemeinernde Sicht.

Die dritte Gemeinde, nämlich Mildenburg in Brandenburg, zeigt, dass keineswegs die Demografie, sondern die geografische Lage (Umlandgemeinde von Berlin) ein wichtiger Faktor der Gemeindeentwicklung ist.

Aber auch die geografische Lage ist letztlich nicht allein ausschlaggebend, sondern die Politik hat Einfluss. Bockkholte verdankte seine Entwicklung z.B. auch einer Politik, die "strukturschwache Gebiete", wie das vor der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hieß, förderte:

"Der milliardenschwere Emslandplan, verabschiedet in den 1950er Jahren, hat die Region über Jahrzehnte mit moderner Infrastruktur versorgt und wirtschaftlich gepusht. Subventionen in diesem Ausmaß, auf Pump vom Staat bezahlt, sind jedoch längst nicht mehr mehrheitsfähig."

Zu deutsch: Die Aufgabe des Ziels gleicher Lebensverhältnisse oder zumindest eine zeitgemäße Neuformulierung dieses Ziels verschärft die Gegensätze in Deutschland.

Es stellt sich die z.B. Frage warum aufstrebende Branchen in Metropolregionen, die aus allen Nähten platzen, angesiedelt werden müssen, statt strukturschwache Gebiete zu fördern. Einfalt statt Vielfalt also?

BACKES, Laura u.a. (2015): Die Schrumpfkur.
Zukunft-Serie (Teil 3): Die Städte boomen, aber viele Dörfer veröden. Sechs Ideen gegen die große Leere auf dem Land,
in:
Spiegel Nr.14 v. 28.03.

DEGGERICH, Markus (2015): Herzflimmern.
Demografie: Über den schwierigen Kampf seines Heimatdorfs Elte im Münsterland gegen den schleichenden Tod,
in:
Spiegel Nr.14 v. 28.03.

FROMM, Anne (2015): Geboren wird nimmer.
Leben: Kliniken auf dem Land schließen ihre Geburtsstationen. Weil es zu wenig neue Babys gibt, weil Ärzte fehlen. Und weil Entbindungen teuer sind. Kann man Kinder bald nur noch in Großstädten bekommen?
in:
TAZ v. 28.03.

"Jede dritte Geburtsstation musste in den vergangenen 13 Jahren in Deutschland schließen. Gab es im Jahr 2000 noch 670 Stationen, waren es 2013 nur noch 411. Als die einzige Entbindungsstation auf der Insel Sylt Anfang 2014 verschwand, machte das bundesweit Schlagzeilen. Es geht um die Frage, wie sich Krankenhäuser darauf einstellen, dass die Leute immer älter und viele Regionen immer leerer werden. Es geht darum, ob Menschen auf dem Land das gleiche Recht auf Versorgung haben, wie Menschen in der Stadt. Und darum, wie viel das kosten darf.
Man könnte auch sagen: In Bad Belzig wird um die Zukunft des ländlichen Deutschlands gerungen. Wie soll sie aussehen?
Geburtshilfe müsse zentralisiert werden, sagen die Kliniken. Die Bad Belziger sagen: Geburtshilfe gehört zur Grundversorgung
",

berichtet Anne FROMM. Was daran ist jedoch eine angeblich alternativlose Konsequenz des "demografischen Wandels"? Dies ist die entscheidende Frage, wenn man die aktuellen Entwicklungen aus der Perspektive einer Demografisierung gesellschaftlicher Probleme betrachtet. Früher sprach man von "strukturschwachen Gebieten" statt von "demografischem Wandel" obwohl die Probleme ähnlich waren, aber die Lösungsansätze sind andere. Bei strukturschwachen Gebieten ist klar, dass es um fehlende zukunftsträchtige Arbeitsplätze in einer Region geht, die zur Abwanderung junger Menschen führt. Dann ist Strukturpolitik angesagt. Aber welche Strukturpolitik erfordert der "demografische Wandel"? Darüber dürfte sich in den nächsten Jahren ein politischer Konflikt entzünden, dessen Vorboten Bücher wie Demografie und Demokratie sind. Die derzeit übliche politische Praxis der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme könnte zur zunehmenden Ununterscheidbarkeit von Demokratie und Diktatur führen.

GEOGRAPHISCHE RUNDSCHAU-Thema: Bevölkerungsgeographie

WEHRHAHN, Rainer (2015): Relationale Bevölkerungsgeographie.
Warum werden wir in Deutschland immer "weniger" und in Frankreich nicht? Warum wird die Bevölkerung in vielen Ländern immer älter, allerdings nicht in allen Teilregionen dieser Länder? Welche Staaten, Städte und Regionen sind für Migrantinnen und Migranten aus welchen Herkunftsgebieten aus welchen Gründen interessant? Warum setzt sich Translokalität immer stärker durch und ersetzt unidimensionale Muster von Wanderungsprozessen? Derartige Fragen, die mehr auf Erklärung als auf Beschreibung demographischer Prozesse abzielen, können nur mit einem erweiterten Verständnis von Bevölkerungsgeographie beantwortet werden. Bezüge und Kontexte, Akteure und Strukturen spielen dabei eine wesentliche Rolle,
in: Geographische Rundschau,
April

RAU, Roland (2015): Keine Schule – keine Einwohner?
Studie prüft Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Abwanderung in Gemeinden,
in:
Demografische Forschung aus erster Hand, Nr.1

Der Blick auf den demografischen Wandel ist geprägt vom geschichtskonservativen Denken in Abwärtsspiralen, das empirischen Studien meist nicht standhält. In seiner Studie hat der Demograf Bilal BARAKAT den Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Abwanderung am Beispiel von Sachsen überprüft und nur einen geringen Zusammenhang gefunden. BARAKAT sieht verschiedene Gründe wirken, die einem Wegzug ("Exitoption") entgegenwirken:

"Für viele Menschen, so der Demograf, sei eine Schule vor Ort nicht unbedingt entscheidend, und das lokale Wanderungssaldo sei generell nicht von Familienwanderung dominiert. So ist die Schülerbeförderung in Sachsen relativ gut: Fast alle Schulen – auch in ländlicheren Gegenden – sind innerhalb von 20 Autominuten zu erreichen. Die Grundschulzeit umfasst zudem nur vier Jahre, nach denen die Kinder vermutlich ohnehin zu einer weiterführenden Schule pendeln müssten. Auch sind viele Bewohner in ländlichen Gegenden Hauseigentümer, die nicht ohne weiteres ihr Haus verkaufen können. Insofern, so der Demograf, gebe es genügend andere Kriterien, die darüber entscheiden, ob eine Gemeinde, auch ohne Grundschule für ihre Bewohner und für potentielle Zuzügler attraktiv bleibe."

GÖRES, Jaochim (2015): Wenn auf dem Dorf der letzte Laden dicht macht.
Dorfläden: Mit dem Kauf von Anteilen sichern engagierte Bürger in vielen kleinen Orten die Lebensmittelversorgung. Das schafft auch Arbeitsplätze, denn rein ehrenamtlich ist ein Dorfladen kaum zu führen. Inzwischen gibt es bundesweit 200 solcher Läden. Sie helfen den Einwohnerschwund zu stoppen,
in: TAZ Nord v. 25.04.

BALZTER, Sebastian & Julia KÖRNER (2015): Letzte Runde.
Das Wirtshaus war einst das Zentrum des Dorflebens. Jetzt geben sogar die einfallreichsten Wirte auf. Ein Nachruf,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.04.

FOCUS-Titelgeschichte: Wo man in Deutschland am besten lebt.
402 Regionen im großen Vergleich

MATTHES, Nadja & Michael KOWALSKI (2015): Deutschlands Atlas der Stärken.
Stadt oder Land? Nord oder Süd? Der große Focus-Vergleich zeigt, in welchen der 402 Städte und Kreise die Wirtschaft floriert, wo neue Jobs entstehen und Arbeitnehmer die höchsten Gehälter erzielen,
in:
Focus Nr.22 v. 23.05.

Die Empirica-Auftragsstudie fasst die vier Indikatoren Wachstum und Jobs, Firmengründungen, Produktivität und Standortkosten sowie Einkommen und Attraktivität zum Index "wirtschaftliche Stärke" zusammen, sodass sich darin eine Rangliste von 1 bis 402 ergibt. Die folgenden 10 Landkreise, die alle in Ostdeutschland liegen, bilden die Schlusslichter (vgl. Focus v. 23.05., S.68ff.):

Region Bundesland Rang
Oberspreewald-Lausitz Brandenburg 393
Greiz Thüringen 394
Nordsachsen Sachsen 395
Unstrut-Heinich-Kreis Thüringen 396
Anhalt-Bitterfeld Sachsen-Anhalt 397
Kyffhäuserkreis Thüringen 398
Salzlandkreis Sachsen-Anhalt 399
Vorpommern-Greifswald Mecklenburg-Vorpommern 400
Altenburger Land Thüringen 400
Dessau-Roßlau Sachsen-Anhalt 402

KÄFER, Armin (2015): Deutschland zieht um.
StZ-Tagesthema Der Wandel wird sichtbar: Prognose: Landflucht und Vergreisung, Wir erleben den demografischen Wandel live,
in: Stuttgarter Zeitung v. 09.07.

BORSTEL, Stefan von (2015): Städte wachsen, das Land blutet aus.
Bevölkerung wird bis 2030 schrumpfen und altern. Der Niedergang trifft nicht alle gleich. Berlin, Hamburg und München ziehen immer mehr Junge an, andere Regionen vergreisen,
in: Welt v. 09.07.

KOSTRZEWA, Anne (2015): Nur die Alten bleiben.
Bis 2030 wird die Landbevölkerung in Deutschland stark schrumpfen. Berlin wird voll sein - und München jung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.07.

KOSTRZEWA, Anne (2015): Provinz: Arm, und nicht sexy.
Kommentar,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.07.

SOLDT, Rüdiger (2015): Revolution der Alten.
Eine neue Partei mischt Baden-Baden auf. Ihre Mitglieder sind keine Wutbürger, sondern reiche, zufriedene Rentner,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 02.08.

Rüdiger SOLDT beschreibt die Gemeinderatfraktion Freie Bürger für Baden-Baden (FBB) um den Immobilienmakler Martin ERNST als Anwalt der jungen Generation.

BBSR (2015): Unterschiede zwischen Stadt und Land vergrößern sich.
BBSR legt Studie zur Entwicklung der Städte und Gemeinden vor,
in: Pressemitteilung Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung v. 13.08.

Pressemitteilung des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zur Studie Wachsen oder Schrumpfen? BBSR-Typisierung als Beitrag für die wissenschaftliche und politische Debatte.

In der öffentlichen Debatte zum demografischen Wandel herrscht die Vorstellung vor, dass der demografische Wandel Ursache eines Abwärtssoges sei, der zum Niedergang einer Kommune bzw. eines Landes führt. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass es einen solch simplen Zusammenhang nicht gibt: 

"Allerdings bestätigen empirische Ergebnisse selten eindeutig die theoretischen Setzungen. Bezüglich der Komponenten des demographischen Wandels – quantitativer Bevölkerungsentwicklung, Veränderungen der Altersstruktur, Zuwanderung – vermitteln die empirischen Arbeiten kein einheitliches Bild hinsichtlich ihrer Wirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung (vgl. u. a. Grundlach 1993; Franz 2003; Eckey/Kosfeld/Muraro 2009). Empirische Ergebnisse legen vielmehr nahe, dass Wirkungszusammenhänge zwischen Demographie und Ökonomie hinsichtlich des allgemeinen ökonomischen Entwicklungsstandes, hinsichtlich des Verdichtungs- bzw. Verstädterungsgrades und hinsichtlich der Produktivitätsentwicklungen differenziert werden müssen. Negative wirtschaftliche Folgen aufgrund von Bevölkerungsrückgang seien nicht zwangsläufig (Bartl/Rademacher 2011). Des Weiteren treten in den verschiedenen Regionen immer wieder Phasen auf, in denen Bevölkerungs- und wirtschaftliche Entwicklung gegenläufige Tendenzen aufweisen (Franz 2003)."

Leider ist die Studie intransparent, d.h. die gewählte Darstellungsweise verzerrt die Entwicklung und es ist z.B. nicht möglich die Daten mit früheren Studien zum Thema (z.B. aus dem Jahr 2009) zu vergleichen, weil die Darstellung der Tabellen zum Schrumpfen und Wachsen der Gemeinden unterschiedlich ist. So werden 2009 zwar 5-Jahres-Zeiträume betrachtet, aber nicht 2003-2008, sondern der Zeitraum 2002-2007. In der Tabelle 1 (2009, S.445) werden stark schrumpfende und stark wachsende Gemeinden in Ost/West und Deutschland getrennt dargestellt. In der aktuellen Studie dagegen werden in der Tabelle 2 (2015, S.10) schrumpfende und stark schrumpfende Gemeinden zusammengefasst und nur für Deutschland dargestellt, während die Anzahl stark wachsender und wachsender Gemeinden fehlt.

Offenbar möchte man andere Deutungsmöglichkeiten durch sehr selektive Wiedergabe der Entwicklung erschweren.

Warum also verhindert das BBSR die Vergleichbarkeit? Hat man Angst, der mündige Bürger könnte ganz andere Schlussfolgerungen ziehen als es die Studie nahe legt? Möchte man eine ernsthafte Debatte um den demografischen Wandel verhindern?

DERNBACH, Andrea (2015): Stadt, Land - Schluss.
Die Metropolen werden immer größer, die ländlichen Regionen leerer. Welche Folgen hat das für Deutschland?
in: Tagesspiegel v. 14.08.

Berichte über die Studie Wachsen oder Schrumpfen.

METZNER, Thorsten (2015): Kampf um jedes Dorf.
Das Land Brandenburg umschließt eine der dynamischten Wachstumsregionen Deutschlands. Doch die berlinfernen Regionen vergreisen. Wie wird man in dem Bundesland mit diesem Phänomen fertig?
in: Tagesspiegel v. 14.08.

IDE, Robert (2015): In Würde vereinsamen.
Kommentar,
in: Tagesspiegel v. 14.08.

SCHWALDT, Norbert (2015): Pulsierende Metropole, verödete Dörfer.
Kleinere Gemeinden verlieren stark an Einwohnern - auch im Westen. Gewinner der Bevölkerungsveränderung sind Großstädte und ihr Umland, aber auch dort gibt es Nachteile,
in: Welt v. 14.08.

DELHAES/HEIDE/SCHMITT (2015): Die moderne Völkerwanderung.
Junge Menschen zieht es vom Land in die größeren Städte - vor allem mittlere Kommunen verlieren,
in: Handelsblatt v. 14.08.

CREUTZBURG, Dietrich (2015): Frankfurt wächst stärker als Berlin.
Die Diskrepanz zwischen Großstadt und Land nimmt zu. Im Osten schrumpfen einige Landgemeinden dramatisch. Das lähmt dort die Wirtschaft,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.08.

DRIBBUSCH, Barbara (2015): Bitburg ist nämlich auch ganz schön.
Studie: München und Leipzig boomen, das Land verödet. Forscher raten: die Mittelstädte stärken,
in: TAZ v. 14.08.

WILKE, Felicitas (2015): Verbaut.
In den Großstädten bekommen Wohnungssuchende keine bezahlbare Unterkunft. Aber in schrumpfenden Regionen entstehen ständig neue Häuser. Eine Studie zeigt: Deutschland baut an der falschen Stelle,
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.08.

Der Artikel geht kaum über das hinaus, was das von der Privatwirtschaft finanzierte IW Köln in seinen Pressematerialien bereits zeitungsgerecht vorgefertigt hat.

"Besonders viele neue Wohnungen, die nicht benötigt werden, entstehen zurzeit in der Eifel, im Schwarzwald, im Bayerischen Wald und in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns",

heißt es bei Felicitas WILKE. In der Pressemitteilung des IW Köln liest sich das folgendermaßen:

"Anders sieht die Lage in einigen ländlichen, strukturschwachen Kreisen wie der Eifel, dem Schwarzwald oder weiten Teilen Ostdeutschlands aus. Dort gibt es zu viele Wohnungen, die gar nicht benötigt werden."

Im Anhang des Politikpapiers Der künftige Bedarf an Wohnungen des IW Köln sind ab Seite 17 alle 402 Kreise aufgelistet. Daraus kann sich dann jede Zeitung die für ihr Einzugsgebiet wichtigsten Regionen aussuchen...

LEMBKE, Judith (2015): Wachsen oder schrumpfen.
Deutschland driftet auseinander. Wie Hiddenhausen und Ilvesheim. Hier verwaisen Häuser, dort fehlen sie. Doch der Wandel lässt sich gestalten. Ein Besuch in Ostwestfalen und Baden,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.08.

KOPPETSCH, Cornelia (2015): Die Zurückgebliebenen.
Soziologie: Warum wütet die rassistische Gewalt besonders im Osten? Weil die Menschen dort als Rassisten geboren werden? Nein, bestimmt nicht,
in: Freitag Nr.35 v. 27.08.

GEOGRAPHISCHE RUNDSCHAU-Thema: Regionen im Schrumpfungsprozess

STEINFÜHRER, Annett (2015): "Landflucht" und "sterbende Städte".
Diskurse über räumliche Schrumpfung in Vergangenheit und Gegenwart,
in: Geographische Rundschau, September

LEICK, Birgit (2015): Wie demographische Schrumpfung Unternehmen herausfordert,
in: Geographische Rundschau, September

KÜPPER, Patrick (2015): Demographischer Wandel und nachlassende Wirtschaftskraft,
in: Geographische Rundschau, September

GLORIUS, Birgit (2015): Ärzte für Sachsen.
Fachkräftezuwanderung als Lösungsansatz für demographische Probleme?
in: Geographische Rundschau, September

LEIBERT, Tim (2015): Abwanderung Jugendlicher aus postsozialistischen ländlichen Räumen,
in: Geographische Rundschau, September

MEILI, Rahel & Heike MAYER (2015): Zuwanderung und Unternehmensgründungen in peripheren Berggebieten in der Schweiz,
in: Geographische Rundschau, September

DESTATIS (2015): Neue Veröffentlichung "25 Jahre Deutsche Einheit",
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 29.09.

Um die Publikation 25 Jahre Deutsche Einheit zu lancieren, lud das Statistische Bundesamt heute zur Pressekonferenz. Das Datenmaterial bietet jedoch nur einen Überblick über 22 Jahre Deutsche Einheit, wobei überwiegend nur die Jahre 1991 und 2013 gegenübergestellt werden.

In der Pressemitteilung heißt es zur unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklung in Ost und West:

"In den ostdeutschen Flächenländern hatten 2013 rund 12,5 Millionen Menschen ihre Heimat (15 %). Ende 1991 war auf die neuen Länder mit 14,5 Millionen Menschen noch ein Anteil von 18 % der Bevölkerung entfallen.
Der Verlust von etwa 2 Millionen Menschen in den neuen Ländern (ohne Berlin) lag in der Abwanderung nach Westdeutschland und im Geburtendefizit begründet: Bis 2013 zogen mehr Menschen aus dem Osten weg als zuzogen. In den Jahren 2012 (– 14 900 Personen) und 2013 (– 10 500) hat sich der negative Wanderungssaldo jedoch stark verringert und ist 2014 auf den bisher niedrigsten Stand gesunken (– 3 300). Die Zahl der Geburten sank in den neuen Ländern zwischen 1990 und 1994 um mehr als die Hälfte von 163 000 auf 71 000. Danach nahm die Zahl der Neugeborenen jedoch wieder leicht zu und lag seit 2000 bei rund 100 000 Kindern pro Jahr. Diese Entwicklungen führten in Ostdeutschland zu einer schnelleren Alterung der Gesellschaft: 63 % der dortigen Bevölkerung waren 2013 älter als 40 Jahre (1991: 46 %).
In den westlichen Flächenländern nahm die Bevölkerung hingegen um gut 4 % zu – dazu trug die Zuwanderung aus den neuen Ländern und vor allem aus dem Ausland bei."

Weiter wird über das Wohnbauprogramm "Aufbau Ost" berichtet:

"Das Programm »Aufbau Ost«sorgte in den Jahren nach der Vereinigung für einen Boom im Wohnungsbau. Auf dem Höhepunkt des Baubooms in den neuen Bundesländern im Jahr 1997 befand sich mehr als ein Viertel aller in Deutschland fertiggestellten Wohnungen in den ostdeutschen Flächenländern. Insgesamt wurden seit 1991 knapp 8 Millionen neue Wohnungen in Deutschland gebaut – fast zwei Drittel davon in den bevölkerungsreichen Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen."

Dass ab dem Jahr 2001 mit dem Abrissprogramm Ost, euphemistisch "Stadtumbau Ost" genannt, zwischen 2001 und 2011 ca. 300.000 Wohnungen abgerissen wurden, darüber schweigt die Pressemeldung. Annett STEINFÜHRER schreibt dazu in ihrem Artikel "Landflucht" und "sterbende Städte" in der aktuellen Ausgabe der Geographischen Rundschau:

"In Ostdeutschland und im Ostteil Berlins wurden zwischen 2001 und 2011 ca. 300000 Wohnungen abgerissen, davon 92 % mit Stadtumbau-Förderung. Der Rückbau betraf vor allem kommunale und genossenschaftliche Wohnungsbestände. Private Immobilien blieben (...) weitgehend unangetastet". 

KASTNER, Bernd (2015): Hilfe.
Hardheim in Baden-Württemberg hat 4.600 Einwohner - und 1.000 Flüchtlinge. Über einen Ort, der sich trotz der vielen Menschen sehr alleingelassen fühlt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.10.

THÜNEN INSTITUT (2015): Dörfer im Wandel.
Eine Langzeitstudie beleuchtet die Entwicklung ländlicher Lebensverhältnisse in 14 ausgewählten Orten in Deutschland – Wissenschaftler und Politiker diskutieren Ergebnisse in Berlin,
in: Pressemitteilung des Johann Heinrich von Thünen-Instituts  v. 29.10.

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung
Konzept und Methodik der Studie
Zusammenfassung der Ergebnisse

Vorstellung der Teilprojektberichte

Teilprojektbericht: Alltagsbewältigungsstrategien
Teilprojektbericht: Anforderungen an die Landwirtschaft
Teilprojektbericht: Dörfer als Wohnstandorte
Teilprojektbericht: Handlungsspielräume von Orten – Rahmenbedingungen politischen Handelns und ortsspezifische Bewältigung von Herausforderungen
Teilprojektbericht: Kindheit im Wandel
Teilprojektbericht: Ländliche Arbeitsmärkte: Chancen für Frauen – Frauen als Chance
Teilprojektbericht: Soziale Unterstützungsstrukturen im Wandel
Teilprojektbericht: Neue Medien und dörflicher Wandel

Dörfer im Visier

Badingen, Burgwall, Marienthal, Mildenberg, Ribbeck und Zabelsdorf
Bischoffingen
Bockholte
Elliehausen
Falkenberg
Finneland
Freienseen
Gerhardshofen
Glasow und Krackow
Groß Schneen
Kusterdingen
Ralbitz-Rosenthal
Spessart
Westrup

Forschung zu ländlichen Räumen durch das Thünen-Institut
Dorferneuerung aus Sicht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
Projektpartner und Kontakte

Übersicht der untersuchten Dörfer:

Ortschaft Landkreis/Kreis Bundesland
Bischoffingen (www.vogtsburg.de) Breisgau-Hochschwarzwald Baden-Württemberg
Bockholte (www.bockholte.de) Emsland Niedersachsen
Elliehausen (www.elliehausen.net) Göttingen Niedersachsen
Falkenberg (www.gemeinde-falkenberg.de) Rottal-Inn Bayern
Finneland (www.finneland.de) Burgenlandkreis Sachsen-Anhalt
Freienseen (www.laubach-online.de) Gießen Hessen
Gerhardshofen (www.gerhardshofen.de) Neustadt a. d. Aisch-Bad Windsheim Bayern
Glasow, Krackow (www.loecknitz-online.de) Vorpommern-Greifswald Mecklenburg-Vorpommern
Groß Schneen (www.friedland.de) Göttingen Niedersachsen
Kusterdingen (www.kusterdingen.org) Tübingen Baden-Württemberg
Badingen, Burgwall, Marienthal, Mildenberg, Ribbeck und Zabelsdorf (www.zehdenick.net) Oberhavel Brandenburg
Ralbitz-Rosenthal (www.ralbitz-rosenthal.de) Bautzen Sachsen
Spessart (www.spessart-brohltal.de) Ahrweiler Rheinland-Pfalz
Westrup (www.westrup.de) Minden-Lübbecke Nordrhein-Westfalen

VOGT, Luisa/BIERNATZKI, Ralf/KRISZAN, Michael/LORLEBERG, Wolf (2015): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Thünen Report Nr.32, Vol. 1: Dörfer als Wohnstandorte

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012 - Volume 1: Dörfer als Wohnstandorte

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Dörfer als Wohnstandorte - Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Dörfer als Wohnstandorte: Vorliegende Erkenntnisse und gewähler konzeptioneller Zugang
1.3 Methodik
1.3.1 Fallstudienansatz: 14 Dörfer als Forschungsbasis
1.3.2 Zentrales empirisches Instrument: Einwohnerbefragung
1.3.3 Einwohnerbefragung: Indikatoren und Datenauswertung
2 Empirische Befunde: Dörfer in Bewegung
2.1 Heterogene Entwicklungen - sekundärstatistische Ergebnisse
2.2 Wandern wird zum Normalfall - die Wanderungsdynamik im Sample der Untersuchungsorte
2.3 Warum wandert man zu? Die wichtige Rolle der Familie
3 Empirische Befunden: Qualitäten ländlicher Räume als Wohnstandorte
3.1 Wohnimmobilie - meist Eigentum und Grund für Zufriedenheit
3.2 Wohnumfeld - Natur und Ruhe als zentrale Qualitäten, aber nicht überall
3.3 Freizeitangebot - keine erwähnenswerte Qualität von Dörfern
3.4 Lokale soziale Netzwerke - stark, aber nicht erdrückend
3.5 Emotionale Bindung an den Wohnort - Orte sind relativ selten "Heimat"
3.6 Lage im Raum - wesentliche Standortqualität
3.7 Infrastrukturelle Versorgung - teils kritisch
3.8 Arbeitsmarkt - große regionale Unterschiede
3.9 Bleiben oder Gehen? Der Arbeitsmarkt als kritische Standortqualität
3.10 Qualitäten und Herausforderungen von Dörfern als Wohnorten - Fazit aus Sicht der Bewohner
4 Diskussion und Resümee
4.1 Dörfer im Wandel - sie werden heterogener und "bunter"
4.2 Qualitäten ländlicher Wohnstandorte - jenseits des Eigenheims räumlich differenziert
4.3 Ein kurzer Ausblick

"(N)ach dem Indikatoren-Set des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR 2012) für die Darstellung räumlicher Disparitäten bilden die Untersuchungsdörfer die Vielfalt räumlicher Strukturen in der Bundesrepublik für Anfang der 2010er Jahre fast vollständig ab. Das BBSR typisierte dabei allerdings auf Ebene der Gemeinden, während die Untersuchungsdörfer nicht zwingend kommunalen Status besitzen. Denkbar wäre entsprechend, dass intrakommunale Differenzen zu einer für ein Teilgebiet einer Gemeinde unzutreffenden Charakterisierung führen. Räumliche Disparitäten bzw. die Entwicklung(schancen) von Gemeinden machte das BBSR an folgenden Kriterien fest: Bevölkerungsentwicklung in Prozent bezogen auf die Jahre 2005 bis 2010, Gesamtwanderungssaldo je 1000 Einwohner (als Dreijahresdurchschnitt gemessen), Arbeitsplatzentwicklung in Prozent (Fünfjahreszeitraum), Arbeitslosenquote (im Zweijahresdurchschnitt), Realsteuerkraft in Euro je Einwohner (ebenfalls im Zweijahresdurchschnitt) sowie die Kaufkraft in Euro je Einwohner" (2015, S.12),

erläutern die Autoren bezüglich der Entwicklung der untersuchten Dörfer. Für die Bevölkerungsentwicklung in den Orten wird nicht der Untersuchungsort, sondern nur die Bevölkerungsentwicklung der Gemeinde/Stadtteilbevölkerung angegeben, die aus der folgenden Tabelle ersichtlich ist:

Tabelle: Entwicklung der Bevölkerung in den Untersuchungsgebieten 1993 bis 2013
Ortschaft Gemeinde/Stadt
(Bundesland)
Bevölkerungsstand 1993-2013
(in %)
BBSR-
Klassifikation
1993 2003 2013
Bischoffingen Vogtsburg
(Baden-Württemberg)
5.507 5.708 5.737
(1)
+ 4,2 % wachsend
Bockholte Werlte
(Niedersachsen)
7.567 9.104 9.631
(1)
+ 27,3 % wachsend
Elliehausen Göttingen-Elliehausen
(Niedersachsen)
2.177 2.716 2.938 + 35,0 % schrumpfend
Falkenberg Falkenberg
(
Bayern)
3.687 3.920 3.750 + 1,7 % wachsend
Finneland (2) Burgenlandkreis
(Sachsen-Anhalt)
k.A. k.A. 1.126 k.A. stark schrumpfend
Freienseen Laubach
(
Hessen)
10.329 10.280 9.654 - 6,5 % schrumpfend
Gerhardshofen Gerhardshofen
(
Bayern)
1.616 2.487 2.499 + 54,6 % wachsend
Glasow Glasow
(
Mecklenburg-Vorpommern)
256 196 160 - 37,5 % schrumpfend
Groß Schneen Friedland (3)
(
Niedersachsen)
7.146 7.538 7.046
(1)
- 1,4 % wachsend
Kusterdingen Kusterdingen
(
Baden-Württemberg)
7.579 8.238 8.187 + 8,0 % wachsend
Mildenberg Zehdenick
(
Brandenburg)
16.321 14.903 13.684
(4)
- 16,2 % stark schrumpfend
Ralbitz Ralbitz-Rosenthal
(Sachsen)
1.837 1.855 1.716 - 6,6 % schrumpfend
Spessart Spessart
(
Rheinland-Pfalz)
729 764 749 + 2,7 % schrumpfend
Westrup Stemwede
(
Nordrhein-Westfalen)
13,772 14.558 13.364 - 3,0 % stabil
Quelle: 2015, S.19; BBSR-Klassifikation S.12f.; eigene Darstellung
Anmerkung: (1) Bevölkerungsstand im Jahr 2012; (2) Gemeinde erst im Jahr 2009 entstanden;
(3) Ohne Durchgangslager; (4) Bevölkerungsstand im Jahr 2011

Das Problem dieser Tabelle ist, dass sich die Untersuchungsorte anders entwickeln können als die Gemeinde. Ende 2016 lebten z.B. in der Kaiserstuhlgemeinde Vogtsburg 5.894 Einwohner (+ 6 Einwohner im Vergleich zum Vorjahr), während im Ort Bischoffingen nur 628 Einwohner (- 8 Einwohner im Vergleich zum Vorjahr) lebten (Angaben: Website der Gemeinde und Wikipedia, Stand 05.04.2017). In der Untersuchung Die Zukunft der Dörfer des Berlin-Instituts wäre die Gemeinde aufgrund ihrer Größe (mehr als 500 Einwohner) nicht als Dorf klassifiziert worden.

HELMLE, Simone & Carmen KUCZERA (2015): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Thünen Report Nr.32, Vol. 2: Typisch ist das vermeintlich Untypische: Alltag von Dorfbewohnern

KEIL, Andreas/RÖHNER, Charlotte/JESKE, Ina/GODAU, Michael/PADBERG, Stefan/MÜLLER, Jennifer/SEYFI, Nur/SCHRAVEN, Mira (2015): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Thünen Report Nr.32, Vol. 2: Kindheit im Wandel

BEETZ, Stephan unter Mitarbeit von anderen (2015): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Thünen Report Nr.32, Vol. 4: Soziale Unterstützungsstrukturen im Wandel

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012 - Volume 4: Soziale Unterstützungsstrukturen im Wandel

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Zusammenfassung
1 Einleitung
2 Unterstützungssysteme in ländlichen Räumen
2.1 Altern und Soziale Unterstützung
2.2 Ländliche Unterstützungssysteme
2.3 Soziale Dienste und Soziale Arbeit auf dem Land
2.4 Pflege und Pflegearrangements im ländlichen Raum
3 Untersuchungsziel und methodisches Vorgehen
3.1 Ziel der Untersuchung
3.2 Methodisches Vorgehen und Untersuchungsschritte
4 Untersuchungsergebnisse
4.1 Sozialstruktur von Pflege und Alter
4.2 Pflege als wesentlicher Bestandteil des Alltags
4.3 Familienpflege als Norm
4.4 Fallbeispiel Frau A.
4.5 Selbstverständlichkeit – Kommunikation in der Pflegesituation
4.6 Geschlechter- und Rollenbilder innerhalb der Pflege von Angehörigen
4.7 Pflege als Modernisierungsfalle?
4.8 Verortungen der Pflege
4.9 Öffentliche Diskussion des Themas Pflege
5 Schlussfolgerungen

EVERS-WÖLK, Michaela/OERTEL, Britta/THIO, Sie Liong/KAHLISCH, Carolin/SONK, Matthias (2015): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Thünen Report Nr.32, Vol. 5: Neue Medien und dörflicher Wandel

TUITJER, Gesine (2015): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012, Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut, Thünen Report Nr.32, Vol. 6: Ländliche Arbeitsmärkte: Chancen für Frauen – Frauen als Chance

Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993, 2012 - Volume 6: Ländliche Arbeitsmärkte: Chancen für Frauen – Frauen als Chance

"Eine Betrachtung der Erwerbsintegration von Frauen in ländlichen Räumen allein unter dem Aspekt des Fachkräftemangels greift zu kurz. Daher werden in dieser Arbeit lokale Geschlechterkulturen und ihre Wirkung auf die Situation von Müttern zwischen Familie und Beruf untersucht. Auf Grundlage einer standardisierten Bevölkerungsbefragung (n=3.177) wird die Einbindung von Frauen in Erwerbs- und Fürsorgearbeit für 14 Orte in Deutschland erfasst und diese Muster zu drei verschiedenen Geschlechterarrangements zusammengefasst. In zwei Orten lässt sich das sogenannte männliche Ernährerarrangement finden, in dem die Position der befragten Frauen deutlich durch Fürsorgearbeit gekennzeichnet ist. In den übrigen Orten entsprechen die Arrangements eher dem Dazuverdienerarrangement (Westdeutschland) oder dem Zweiverdiener-Arrangement (Ostdeutschland). Darauf aufbauend wird auf Grundlage qualitativer Interviews mit lokalen Experten des Arbeitsmarktes und der Verwaltungen, mit Arbeitgebern sowie Frauen und Müttern die lokale Geschlechterkultur in vier der 14 Orte rekonstruiert. Entlang vier thematischer Leitbilder über Familie und Geschlecht lassen sich unterschiedliche Orientierungen bezüglich der Verortung von Frauen zwischen Erwerbs- und Fürsorgearbeit identifizieren. Es zeigt sich, dass diese Leitbilder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen oder auch negativ beeinträchtigen können. Zusätzlich kann aus dem Interviewmaterial abgeleitet werden, wie Leitbilder im Sinne von handlungsleitenden Orientierungen die Praxis der Menschen beeinflussen und die Ausgestaltung von Strukturen wie Kinderbetreuung, Teilzeitarbeitsplätzen oder Umschulungsmaßnahmen beeinflussen."
(Zusammenfassung)

WEINGARTNER, Maximilian (2015): Das Landleben verändert sich - die Zufriedenheit bleibt.
Seit einiger Zeit zieht es viele Deutsche in Ballungsräume und Großstädte. Sind die Menschen auf dem Land unglücklich? Mitnichten, zeigt eine Umfrage. Doch auch sie haben Schwierigkeiten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.10.

Maximilian WEINGARTNER berichtet über die vom Projektkoordinator des Thünen-Instituts, Heinrich Becker, am Donnerstag vorgestellte Langzeitstudie des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Als Ergebnis der Studie fasst er zusammen:

"Die unterschiedliche Entwicklung der Untersuchungsdörfer seit 1952 kann nach Schlussfolgerung der Studie nicht allein auf einzelne Faktoren zurückgeführt werden, etwa die verkehrliche Lage oder regionale, wirtschaftliche und demographische Entwicklungen."

ASENDORPF, Dirk (2015): Landleben 2.0.
Wie rettet man Dörfer vor dem Aussterben? Darüber machen sich Demografen und Software-Ingenieure Gedanken. Schnelle Internetanschlüsse können helfen, entscheidend ist jedoch etwas anderes,
in:
Die ZEIT Nr.50 v. 10.12.

Der Sound der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hört sich folgendermaßen an:

"zwei Drittel aller Deutschen (leben) in ländlichen Gebieten, über die Hälfte in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern. Und von diesen Kleinstädten schrumpfen viele unaufhaltsam: Zuerst schließt der letzte Laden, dann die letzte Arztpraxis und am Ende auch die letzte Kneipe. Frei werdende Immobilien finden keine Käufer mehr, Leerstand breitet sich aus - was potenzielle Zuzügler erst recht verschreckt. So entsteht eine Abwärtsspirale des Bevölkerungsschwundes".

Der O-Ton dieses Sounds wird seit Jahren von einem neoliberalen Privatinstitut verbreitet, das sich das Sterben der Dörfer auf seine Fahnen geschrieben hat. Schon in den 1950er Jahren wurden die Dörfer in Deutschland totgesagt. Die Langzeitstudie Dörfer im Wandel des Thünen-Instituts, das 1952, 1972, 1993 und 2012 ausgewählte Dörfer untersuchte, zeigt, dass angeblich sterbende Dörfer durchaus eine Zukunft haben. In einer Pressemitteilung heißt es dazu:

"Die Studie macht sehr heterogene ländliche Entwicklungen deutlich, die in weiten Teilen nicht mit dem landläufigen Bild ländlicher Entwicklungen übereinstimmen. Eines der auffälligsten Ergebnisse: Die Problem- oder »Rückstandsdörfer« aus der ersten Untersuchung von 1952 haben diese Situation längst überwunden. »Dabei kann die unterschiedliche Entwicklung der Untersuchungsdörfer nicht auf einzelne Faktoren wie verkehrliche Anbindung, wirtschaftliche oder demografische Entwicklung zurückgeführt werden«, sagt der Leiter der Verbundstudie, Dr. Heinrich Becker vom Thünen-Institut. »Die Entwicklungen sind vor allem das Ergebnis der Entwicklungsanstrengungen vor Ort. Dabei verstanden es die örtlichen Entscheidungsträger vielfach, die verschiedenen staatlichen Unterstützungsprogramme in ihrem Sinn zu nutzen.«"

Wer wie Dirk ASENDORPF allein demografische Daten und ihre lineare Fortschreibung in die Zukunft als Indikator der Zukunftsfähigkeit aufzählt, der vernachlässigt ökonomische ("strukturschwache Gebiete"), politische (Gestaltungsspielraum von lokalen und überregionalen Akteuren, z.B. Gestaltung des Länderfinanzausgleichs) und soziokulturelle Faktoren (z.B. Geschichtskonservatismus, Demographismen, Selbststigmatisierung der Bevölkerung) als Aspekte der Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume.

Auch die Ausspielung verschiedener Faktoren gegeneinander ist kontraproduktiv. So spitzt ASENDORPF dies im weiteren Artikel auf die Frage zu:

"Lässt sich das Dörfersterben tatsächlich mithilfe moderner Technik verhindern? Oder sind eher andere, soziale Impulse gefragt, um das Landleben attraktiver zu machen?"

Telekommunikation gegen ehrenamtliches Engagement heißt hier die falsche Alternative, die politische und kulturelle Faktoren beiseite lässt und einzig den Gemeinsinn als Allheilmittel propagiert. Solche Sozialromantik vernachlässigt z.B. das Zusammenspiel unterschiedlicher politischer Ebenen. So entscheidet sich die Frage nach der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, die im Grundgesetz garantiert ist, keineswegs im letzten Dorf, sondern auch in gesamtgesellschaftlichen Diskursen, die von neoliberalen Privatinstituten forciert werden.

REICHEL, Reiner (2015): Flüchtlinge aufs Land.
Die Wohnungsnot könnte einfach gelindert werden - außerhalb der Ballungsgebiete herrscht Leerstand,
in: Handelsblatt
v. 11.12.

Beim IW Köln macht offenbar jeder seine eigene interessengeleitete Bevölkerungsprognose. Während Philipp DESCHERMEIER die hohe Zuwanderung in der diesjährigen IW Köln-Bevölkerungsprognose bis 2030  ganz herausrechnete, damit der Fachkräftemangel weiterhin beklagt werden kann, geht nun sein IW Köln-Kollege Michael VOIGTLÄNDER dagegen von einer hohen Zuwanderung bis 2020 aus.

Anders als Reiner REICHEL behauptet, stammt die jüngste Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes nicht aus dem Jahr 2009 - nur weil das REICHEL gelegen kommen würde, sondern vom April diesen Jahres. Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg ist noch aktueller und hat nicht nur wie das Statistische Bundesamt den Zuwanderungsüberschuss angepasst, sondern auch schon die Geburtenrate - wenn auch nicht in dem Ausmaß wie das aufgrund der tatsächlichen Geburtenentwicklung der Fall sein müsste.

SIEVERS, Markus (2015): Der Reichtum steigt regional.
Da sich Konzerne in Ballungsgebieten ansiedeln, fallen ohnehin strukturschwache Regionen weiter zurück,
in:
Frankfurter Rundschau v. 22.12.

NIEWELO, Gianna (2015): The Dorf.
Früher musste man nach New York ziehen, wenn man die Welt erleben wollte, zumindest aber nach Saarbrücken. Nur nicht auf dem Land bleiben. Heute ist auch die Provinz irgendwie chic. Wie konnte das passieren?
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.12.

Nachdem das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung forderte, dem langsamen Sterben der stadtfernen Dörfer in Deutschland ein schnelleres Ende zu bereiten, weil deren Infrastruktur unrentabel sei, hat nun zumindest rhetorisch eine Gegenbewegung zur Ehrenrettung des Dorfes eingesetzt:

"Provinz - das Klischee verbindet mit dem Begriff Kleinstädte und Dörfer, die überaltern und veröden. Mit gottverlassenen Straßen, Industriebrachen, Ärztemangel. Es verbindet damit Orte, aus denen gerade die Jüngeren fliehen. (...).
Aber Provinz, das meint eben auch die Summe der Gegenden, in denen mehr als 55 Millionen Deutsche leben: auf dem Land, oder zumindest abseits der Metropolen. Die Zeitschrift für Ideengeschichte widmete sich vor ein paar Monaten gleich auf 120 Seiten dem Thema, sie forderte ein »Recht auf Dorf«. Soziologen holen in Streitschriften zur Ehrenrettung aus. Sie verweisen darauf, dass Dörfer wie Kleinstädte ihren Mief verloren hätten und heute die meisten der Vorzüge böten, die früher der Großstadt vorbehalten waren",

schreibt Gianna NIEWELO. Warum jetzt? Es ist weniger das Dorf als die Kleinstadt, dem die Ehrenrettung gilt. Die in der Flüchtlingskrise überforderten Städte brauchen die Provinz zur Entlastung:

"In der öffentlichen Wahrnehmung sind es die Städte, die sich um Flüchtlinge kümmern (...).
Dabei sind langfristig vor allem auch die kleineren Kommunen gefordert, weil dort Wohnraum vorhanden und bezahlbar ist. In Rheinland-Pfalz nehmen die Landkreise etwa drei von vier Asylbewerbern auf, auch in Baden-Württemberg überwiegt die Unterbringung in Orten wie Weingarten oder Rottenburg. (...) Die Provinz entlastet die Städte."

NIEWELO zitiert den Humangeografen Gerhard HENKEL, um den Unterschied zwischen dem statistischen Begriff "ländlicher Raum" und Provinz zu verdeutlichen:

"Denn während die Bezeichnung »ländliche Räume« eine statistische Größe ist - weniger als 150 Menschen leben auf einem Quadratkilometer -, ist der Provinz-Begriff für jeden frei interpretierbar. Für den Berliner ist Düsseldorf Provinz, in Düsseldorf schaut man auf Trier herab. Von wirklich dünn besiedelten Regionen wie dem Bayerischen Wald, dem Allgäu oder dem Hunsrück ganz zu schweigen."

Es ist noch nicht lange her, da wurde in der SZ die Abschaffung der Pendler-Pauschale gefordert, damit die Menschen vermehrt in die Städte ziehen. Die Stadtflucht der (besserverdienenden) jungen Familien sollte rückgängig gemacht werden. Reurbanisierung wurde begrüßt. Jetzt - im Zeichen der Flüchtlingskrise entdeckt man das Land. Warum nicht schon als der demografische Wandel die Zukunft der Dörfer bedrohte? Warum wurde nicht gegen die Zentralisierung der Arbeitsplätze in den Ballungsräumen politisch vorgegangen? Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland sollte im Zeichen der Demografiepolitik ausgehebelt werden. Nun also besinnt man sich wieder des ländlichen Raums, nachdem das Leben in der Stadt zum Albtraum zu werden droht.

 
     
 
       
   

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© 2002-2017
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webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. April 2017
Update: 31. Mai 2017