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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 12)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 12: 2015)

2015

DESTATIS (2015): Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2014 erneut angestiegen,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 21.01.

Während der heute vorgestellte Migrationsbericht 2013 lediglich die Situation bis zum Jahr 2013 beleuchtet, legt das Statistische Bundesamt heute erste Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung im Jahr 2014 vor. Danach hat die Zuwanderung weiter zugenommen und Deutschland wächst seit 2011 - gegen jegliche Bevölkerungsvorausberechnung weiter, statt wie vorhergesagt zu schrumpfen.

Die Anzahl der Lebendgeborenen wird auf 675.000 bis 700.000 geschätzt. Letztes Jahr waren 675.000 bis 695.000 Lebendgeborene geschätzt worden, tatsächlich waren es dann 682.069. Bei einem Rückgang der potentiellen Mütter wäre damit mit einem weiteren Anstieg der Geburtenrate zu rechnen.

GEOGRAPHISCHE RUNDSCHAU-Thema: Bevölkerungsgeographie

LEIBERT, Tim (2015): Geburtenhäufigkeit und Familienpolitik in Europa.
Im europäischen Vergleich ist die Geburtenhäufigkeit in Deutschland besonders niedrig. Daran haben auch die umfangreichen familienpolitischen Reformen der letzten Jahre nichts geändert. Sind die Erwartungen, dass mit der "richtigen" Familienpolitik ein entscheidender Beitrag zur Steigerung der Fruchtbarkeit geleistet werden kann, also überzogen? Im Folgenden wird überprüft, ob eine Analyse der Raummuster der Fertilität in Europa einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage leisten kann,
in: Geographische Rundschau,
April
 

RHEINISCHE POST-Titelgeschichte: Boom-Städte am Rhein

HÜWEL, Detlev & Martin KESSLER (2015): Boom-Städte am Rhein.
Während Düsseldorf, Köln, Bonn und der Rhein-Kreis Neuss vom Zuzug der Menschen sowie einer hohen Geburtenrate profitieren, schrumpft die Bevölkerung in Remscheid, Duisburg und Krefeld,
in: Rheinische Post v. 25.04.

BUJARD, Martin & Detlev LÜCK (2015): Kinderlosigkeit und Kinderreichtum.
Zwei Phänomene und ihre unterschiedlichen theoretischen Erklärungen,
in: Working Paper des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Nr.1 v. 27.04.

Seit Jahren wird auf dieser Website kritisiert, dass die Verengung auf die Bekämpfung der Kinderlosigkeit, bei der sich zudem herausstellte, dass sie bis zum Mikrozensus 2008 weit überschätzt wurde, kontraproduktiv für eine Erhöhung der Geburtenrate ist. Die kinderreiche Familie wurde dagegen sträflich vernachlässigt. Nun dämmert dies auch dem BIB und man ist aus dem Tiefschlaf aufgewacht.

SCHARNIGG, Max (2015): Keine Kinderüberraschung.
Neue Studien sehen Deutschlands Geburtenrate auf dem letzten Platz - weltweit,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.06.

Max SCHARNIGG berichtet nicht über die Geburtenrate (TFR oder CFR), sondern über die rohe Geburtenziffer, in die auch die Alterstruktur einer Gesellschaft einfließt und die deshalb keine Aussage über die Geburtenentwicklung eines Landes ist. Zudem wird nicht erwähnt aus welchem Jahr diese rohen Geburtenziffern der einzelnen Ländern stammen, sodass daraus auch keine Trends für die Zukunft abgelesen werden können. Angeblich habe Deutschland sogar Japan als Schlusslicht abgelöst. Dies lässt sich jedoch nicht überprüfen, weswegen ein solcher Artikel nicht für die Qualität der Zeitung spricht. Vielmehr besteht hier der Verdacht, dass mit veralteten Daten wieder einmal der Fachkräftemangel beschworen werden soll, der angeblich droht.

BUJARD, Martin (2015): Folgen der dauerhaft niedrigen Fertilität in Deutschland.
Demografische Projektionen und Konsequenzen für unterschiedliche Politikfelder,
in: Comparative Population Studies v. 03.06.

"Der Geburtenrückgang und der demografische Wandel erfahren in Deutschland in Politik, Medien und Wissenschaft eine enorme Beachtung (vgl. Barlösius/Schiek 2007; Stock et al. 2012), inzwischen wird sogar von einem eigenen Politikfeld »Demografiepolitik« gesprochen (Hüther/Naegele 2013; Mayer 2012)",

schreibt Martin BUJARD. Auf single-generation.de wurde diese Entwicklung viel früher vorausgesehen. Dort heißt es seit dem Jahr 2002: Die Autoren der Generation @: Erwachsenwerden im Zeichen der Demografiepolitik. Damit sind die nach der Generation Golf kommende "Generation" der 1976 ff. Geborenen gemeint.

Martin BUJARD will die Folgen von Schrumpfung und Alterung in Deutschland abschätzen. Dabei bedient er sich nicht der fortschrittlichsten, sondern der dominanten Methode, obwohl diese offensichtlich nicht in der Lage ist, eine solche Abschätzung überhaupt leisten zu können:

"Bevölkerungsprojektionen, die sowohl Projektionen für die Bevölkerungsgröße als auch die Alterung umfassen, gibt es u.a. von den Vereinten Nationen für den Zeitraum bis 2100 (UN 2012) und vom Statistischen Bundesamt (2009a/b) für Deutschland bis 2060. Dabei werden bisherige Trends der demografischen Parameter fortgeschrieben, wobei ein Spektrum unterschiedlicher Annahmen und ihrer Kombinationen berechnet wird. Diese Projektionen verstehen sich explizit nicht als Prognosen, trotzdem werden die mittleren Varianten faktisch oft als solche interpretiert. Allerdings sei auf zwei ernst zu nehmende Kritikpunkte an diesen Projektionen hingewiesen: Zum einen wird die Auswirkung des angenommenen durchschnittlichen Gebäralters auf das Fertilitätsniveau teilweise nicht berücksichtigt (Goldstein et al. 2011), was bei der Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (2009a) angesichts eines ab 2020 nicht mehr steigenden Gebäralters in der mittleren Variante zu einer anschließenden Unterschätzung der TFR führen kann. Zum anderen kritisieren probabilistische Ansätze die deterministische Beschaffenheit klassischer Projektionen und dass die Unsicherheit durch verschiedene Varianten abgebildet und nicht anhand von Konfidenzintervallen quantifiziert wird (Werte für Deutschland siehe: Scherbov et al. 2008: 40-41). Allerdings können auch probabilistische Ansätze die Wahrscheinlichkeit von Systembrüchen und zukünftigen Entwicklungen der Annahmen nicht vorhersagen. Die Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes sind Grundlage der demografischen Analysen in Abschnitt 3 und 4, da sie in der Anwendung in Deutschland dominant sind."

Hinzu kommt, dass BUJARD nicht die aktuelle 13. Bevölkerungsvorausberechnung (BVB) aus dem Jahr 2015, sondern die völlig veraltete 12. BVB aus dem Jahr 2009 verwendet. Im aktuellen Frühjahrsthema Deutschlands Zukunft im Spiegel der Öffentlichkeit von 1990 bis heute werden vergangene Vorstellungen von Deutschlands Zukunft betrachtet und was daraus geworden ist. In einem der nächsten Themen wird genauer auf die Analyse von Martin BUJARD eingegangen werden.

LOHAUS, Stefanie (2015): Land ohne Kinder.
Seit Jahrzehnten haben wir die niedrigsten Geburtenrate der Welt. Dass die Jungen keine Lust auf Kinder haben, liegt auch an den Alten,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.06.

"Meine Generation - ich bin 1978 geboren - umfasst circa ein Viertel weniger Menschen als die Generation meiner Eltern. Schulen werden dicht-, Pflegeheime aufgemacht. Wenn nicht dagegen gesteuert wird, droht ein Rückgang der Wirtschaftsleistung, ein Versagen der sozialen Sicherungssysteme, Pflegenotstand, Altersarmut. (...).
Dabei war die niedrige Geburtenrate noch nie ein Ausdruck egoistischer Akademikerinnen im Gebärstreik. Sie ist eine Gemeinschaftsfehlleistung von Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien", schreibt Stefanie LOHAUS.

 

JUNGLE WORLD-Thema: Wettlauf für Deutschland.
Mutterschaft und Demographie

SCHRUPP, Antje (2015): Hurra wir sterben aus.
Immer mehr Menschen geht es immer besser. Sie bleiben länger gesund und leben länger. Doch anstatt sich darüber zu freuen, lamentieren Politiker und Publizisten über das Aussterben der Deutschen. Schuld an der Misere seien verantwortungslose und spaßgeile Frauen, die dem Land kein Kind schenken wollen,
in: Jungle World Nr.25 v. 18.06.
 

BILD AM SONNTAG-Titelgeschichte: Warum wollen deutsche Frauen keine Babys?
Zu verunsichert? Zu feige? Oder sind die Männer schuld?

Die Bild am Sonntag vom 21.06.2015 fragt, warum deutsche Frauen keine Kinder wollen und gibt 3 Antworten vor: Zu emanzipiert, zu feige. Oder sind die Männer schuld? Passend dazu titelt die Welt am Sonntag kompakt zu Deutschland: Schwulstes Land der Welt. Damit sind die beiden Feindbilder der Springer-Presse genannt: Feminismus und Homo-Ehe.

Angeblich hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt. Angegeben werden jedoch keine Zahlen zur Geburtenrate, sondern ein Vergleich roher Geburtenziffern, bei denen auch z.B. 65jährige Großmütter mitgezählt werden. Zwar wurde vor kurzem eine 65Jährige Deutsche Mutter von Vierlingen - was jedoch auf breite Ablehnung stieß. Wenn man also schon Geburtenzahlen vergleicht, bei denen auch 100 jährige Frauen mitgezählt werden, dann sollte man endlich auch dafür plädieren, dass 100 jährige Frauen noch Kinder in die Welt setzen sollen. Alles andere wäre scheinheilig!

Im Interview der Bild am Sonntag findet die Familienministerin SCHWESIG einen ganz anderen Schuldigen: die deutsche Wirtschaft. Diese jammert uns zwar die Ohren voll, dass uns in 50 Jahren die Fachkräfte fehlen, während die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lediglich in Sonntagsreden gefordert wird, dagegen wird in der betrieblichen Praxis das Gegenteil praktiziert.

Die Meldung zur angeblich weltweit niedrigsten Geburtenrate kam bereits Ende Mai von einem Wirtschaftsinstitut, das Probleme hat sich mediales Gehör zu verschaffen. Man kennt das von Hunden: je kleiner sie sind, desto lauter müssen sie kläffen. Und die Sensationspresse liebt schlechte Nachrichten zur Geburtenentwicklung. Auf Spiegel Online wird dagegen genauer erklärt wie die deutsche "Geburtenrate" so schlecht gerechnet wurde, dass wir auf dem letzten Platz landeten, den wir übrigens bereits Mitte der Nuller Jahre innehatten (was natürlich fast in der gesamten Presse verschwiegen wurde):

"Die überraschend schlechte Platzierung kommt zustande, weil die Forscher nicht die Zahl der Geburten pro Frau betrachten (auch in dieser Disziplin liegt Deutschland hinten, aber eben nicht ganz hinten), sondern die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner. (...).
In Deutschland, so die Studie, betrug in den Jahren 2009 bis 2013 die sogenannte Bruttogeburtenziffer 8,28 Geburten je 1000 Einwohner. Damit hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate weltweit, noch hinter Japan mit einem Vergleichswert von 8,36. Auch in den Vorjahren 2004 bis 2008 belegte Deutschland den letzten Platz der Tabelle.
Nimmt man allerdings das Jahr 2013 allein als Grundlage, haben immerhin zwei Staaten niedrigere Bruttogeburtenziffern als Deutschland, nämlich Portugal und Japan, ferner auch die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong.
"

MARGOLIS, Rachel & Mikko MYRSKYLÄ (2015): Parental Well-being Surrounding First Birth as a Determinant of Further Parity Progression,
in: Demography v. 04.08.

DESTATIS (2015): Mehr Geburten und weniger Sterbefälle im Jahr 2014,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 21.08.

"Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 715 000 Kinder lebend geboren. Wie das Statistisches Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen weiter mitteilt, waren das 33 000 Neugeborene oder 4,8 % mehr als im Jahr 2013 (682 000).
In Deutschland waren zuletzt im Jahr 2004 mehr als 700 000 Kinder zur Welt gekommen. Im Jahr 2014 starben 868 000 Menschen, gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Sterbefälle um 2,8 % gesunken (2013: 894 000). Wie in allen Jahren seit 1972 starben somit mehr Menschen als Kinder geboren wurden. 2014 lag die Differenz bei 153 000, im Jahr 2013 bei 212 000.
Den Bund der Ehe haben 386 000 Paare im Jahr 2014 geschlossen. Das ist eine Steigerung um 12 000 beziehungsweise 3,3 % gegenüber dem Vorjahr (2013: 374 000)",

heißt es in der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts. Im Januar ist das Statistische Bundesamt noch von 675.000 bis 700.000 Geburten ausgegangen. Noch vor einer Woche hieß es auf Spiegel Online:

"Deutschland steht weltweit auf dem letzten Platz, wenn es um die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner geht. Ein Grund: Der Anteil der Frauen ohne Kind ist im Laufe der vergangen Jahrzehnte kontinuierlich angestiegen, 2012 blieb jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren kinderlos."

Den angeblich letzten Platz bastelte sich das - nicht gerade hippe - Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) zurecht, um endlich wieder einmal die Medien auf sich aufmerksam zu machen. Die Presse griff das im Juni auch gierig auf.

Die Presse verspielt ihre Glaubwürdigkeit, weil sie lediglich auf Klickzahlen starrt und Analysen vermissen lässt. Stephan RUSS-MOHL sieht die Journalisten gar in einer Blase leben:

"viele Journalisten, Chefredakteure und Medienmanager inklusive, folgen ziemlich blindlings ihrem irrationalem Herdentrieb und sind längst »Victims of Groupthink«, Gefangene ihrer Ingroup, geworden".

Mit welchen Schablonen werden die Medien nun an diese Pressemeldung herangehen? Erste Meldungen lassen wenig Optimismus aufkommen, denn die Meldung der absoluten Geburtenzahlen lässt keine Rückschlüsse auf die Geburtenrate (TFR) zu. Bei Welt online titelt man z.B.: Höchste Geburtenrate seit zehn Jahren in Deutschland. Tatsächlich heißt es nur, dass es letztmalig 2004 so hohe GeburtenZAHLEN gab. Die Geburtenrate (TFR) setzt jedoch das Wissen um die Anzahl der gebärfähigen Frauen voraus. Dazu hat das Statistische Bundesamt nichts verlauten lassen. Es könnte stimmen, muss jedoch nicht. Die Geburtenrate ist abhängig von der Entwicklung der Lebendgeborenen in Deutschland, der Entwicklung des durchschnittlichen Gebäralters, das bislang immer gestiegen ist und der Entwicklung der Zuwanderung. Je nachdem, ob es hier Änderungen gab, könnte dies das Ergebnis der Geburtenrate verändern. Genaueres werden wir erst wissen, wenn die Zahlen zur Geburtenrate für das Jahr 2014 vorliegen. Alle Meldungen hierzu sind nichts als Spekulation...

FISCHHABER, Anna (2015): "Möglicherweise gibt es eine Trendwende in Deutschland".
715 000 Kinder wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge 2014 in Deutschland geboren. Ein Grund für den Anstieg - 2013 waren es fast fünf Prozent weniger - könnte die Zahl der potentiellen Mütter sein. Auch die Zahl der Eheschließungen ist gestiegen: 386 000 Paare haben im vergangenen Jahr geheiratet,
in: sueddeutsche.de v. 21.08.

Den informativsten Artikel zur Geburtenentwicklung bietet derzeit die Online-Website der SZ (was viel über den Online-Journalismus der angeblichen Qualitätsmedien aussagt):

"Wer diesen Babyboom ausgelöst hat, weiß man beim Statistischen Bundesamt noch nicht - Daten etwa über das Alter oder die Staatsangehörigkeit der Mütter gibt es erst im Oktober. Ergebnisse über die tatsächliche Zahl der Kinder, die eine Frau bekommt, also die Geburtenrate, sogar noch später.
(...).
Wie viele Kinder geboren werden, hänge aber auch immer mit der Bevölkerungsentwicklung zusammen, heißt es beim Statistischen Bundesamt. Und die ist derzeitig günstig: Die Zahl der Frauen, die zwischen 26 und 35 Jahren alt sind und besonders häufig Nachwuchs bekommen, habe sich seit 2008 stabilisiert und nehme sogar zu."

Das wurde bereits in ähnlicher Weise auf dieser Website geschrieben. Wie immer wiegelt Olga PÖTZSCH bei der Geburtenentwicklung ab:

"Beim Statistischen Bundesamt geht man allerdings davon aus, dass nach 2020 die Zahl der potentiellen Mütter wieder schrumpft - und damit auch die Zahl der Geburten wieder sinkt."

Dies würde nur stimmen, wenn die Geburtenrate weiterhin bei 1,4 verharren würde. Deshalb gibt es auch optimistischere Stimmen wie den Familiensoziologen Johannes HUININK, der von einem Anstieg der Geburtenrate ausgeht. Außerdem ging es mit den Geburtenzahlen nicht immer stetig bergab, d.h. nach einem Rückgang potenzieller Mütter gibt es auch wieder einen Anstieg potenzieller Mütter.

Die Frage stellt sich zudem, wann man von einer Trendwende sprechen kann. Die Kriterien werden leider nicht genannt, sodass es sich eher um eine nichts sagende Worthülse handelt.

DORN, Julian (2015): Ist das die Trendwende?
Geburtenhoch: Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland so viele Kinder auf die Welt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Dafür gibt es mehrere Gründe,
in: faz.net v. 21.08.

Bei der Online-FAZ wird Herwig BIRG immer noch als Professor für Bevölkerungswissenschaft an der Universität Bielefeld geführt, obwohl BIRG seit 2004 emeritiert ist und der Lehrstuhl mittlerweile umgewidmet wurde. Derzeitiger Leiter des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung ist Ralf ULRICH.

In seine Zeit als Lehrstuhlinhaber fallen die gravierenden Fehlschätzungen zur Kinderlosigkeit in Deutschland. Statt der von BIRG geschätzten ein Drittel Kinderloser des westdeutschen Jahrgangs 1965, blieben gemäß dem Mikrozensus 2012 lediglich 21 % der westdeutschen Frauenjahrgänge 1963 - 1967 kinderlos. Insbesondere das Gutachten von BIRG zum Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2001, das für die Einführung höherer Beitragszahlungen Kinderloser verantwortlich war, fußte auf weit überhöhten Kinderlosenzahlen. Die Durchsetzung war nur möglich, weil die Erhebung der biologischen Geburtenfolge durch die amtliche Statistik bis nach Einführung des Elterngeldes erfolgreich politisch verhindert wurde. Kaum war das Elterngeld durchgesetzt, war plötzlich kein Problem mehr, was bis dahin als UNMÖGLICH galt. Historiker werden klären müssen, wie dieser Machtmissbrauch zustande kam.

STATISTISCHES LANDESAMT BW (2015): Hohe Zuwanderung lässt Zahl der Geburten ansteigen.
Baden-Württemberg: In 15 der 44 Stadt- und Landkreise gab es im Jahr 2014 mehr Geborene als Gestorbene,
in: Pressemitteilung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg v. 21.08.

"In Baden‑Württemberg sind im vergangenen Jahr rund 95 600 Kinder lebend geboren worden und damit etwa 4 100 mehr als in 2013. Somit lag die Zahl der Lebendgeborenen nach Angaben des Statistischen Landesamts zum dritten Mal in Folge höher als im jeweiligen Vorjahr. Als Hauptursache für diesen positiven Trend wird die in den vergangenen Jahren enorm angestiegene Zuwanderung gesehen, die auch zu einer Zunahme der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter geführt hat. So lag der Wanderungsgewinn Baden‑Württembergs – also die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen – in den Jahren 2008 und 2009 bei lediglich jeweils 3 000 bis 4 000 Personen; im vergangenen Jahr zogen dagegen rund 90 000 Menschen mehr zu als fort. Gleichzeitig ist im vergangenen Jahr auch die Zahl der Gestorben gegenüber 2013 um etwa 1 300 auf ca. 100 700 gesunken. Das Geburtendefizit, also die Differenz zwischen der Zahl der Geborenen und der der Gestorbenen, hat sich somit gegenüber 2013 auf ca. 5 000 halbiert und lag letztmals im Jahr 2008 niedriger. In immerhin 15 der 44 Stadt- und Landkreise Baden‑Württembergs konnte im vergangenen Jahr ein Geburtenplus verzeichnet werden, im Jahr zuvor gab es diese günstige Konstellation lediglich in 9 Kreisen, so das Statistische Landesamt weiter. Die Spitzenstellung nahm hierbei die Landeshauptstadt Stuttgart ein (1 124 mehr Geborene als Gestorbene), gefolgt vom Stadtkreis Freiburg im Breisgau (+ 577) sowie den Landkreisen Böblingen (+ 457), Ludwigsburg (+ 415) und Tübingen (+ 352). Insgesamt wiesen 29 Stadt- und Landkreise des Landes weniger Geborene als Gestorbene auf. Die höchsten Geburtendefizite waren 2014 im Landkreis Karlsruhe (−542), im Rhein‑Neckar- (− 533) und im Zollernalbkreis (− 523) zu beobachten. Unter den 9 Stadtkreisen wiesen lediglich Baden-Baden (− 345) und Heilbronn (− 83) ein Geburtendefizit auf. Die unterschiedliche Bilanz aus der Zahl der Geborenen und der der Gestorbenen in den einzelnen Kreisen wird wesentlich durch die Altersstruktur der Bevölkerung beeinflusst. Aber auch die Geburtenhäufigkeit – also die durchschnittliche Kinderzahl je Frau – und die unterschiedliche Lebenserwartung in den einzelnen Teilräumen bestimmen das Verhältnis von Geburten zu Sterbefällen", meldet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Titelgeschichte: Mehr Kinder und mehr Ehen

DOEMENS, Karl (2015): Mehr Kinder und mehr Ehen.
Statistik: Rund 715.000 Mädchen und Jungen geboren - Höchste Rate seit dem Jahr 2004,,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 22.08.

MENKENS, Sabine (2015): So viele Babys wie seit zehn Jahren nicht mehr.
Deutschland verzeichnet deutliches Plus an Geburten, Zahl der Sterbefälle sinkt. Schwesig will Haushaltsmittel für den Kita-Ausbau verwenden,
in: Welt v. 22.08.

KREITLING, Holger (2015): Kinder, Kinder.
Kommentar,
in: Welt v. 22.08.

DOEMENS, Karl (2015): Mehr Geburten - aber nicht genug.
Die Geburtenrate in Deutschland steigt, aber langfristig braucht es Zuwanderung für eine stabile Quote. Und zwischen den Bundesländern gibt es große Unterschiede,
in: Frankfurter Rundschau Online v. 22.08.

DOEMENS, Karl (2015): Baby-Boom in Deutschland.
Erstmals seit zehn Jahren werden im Jahr 2014 mehr als 700.000 Kinder geboren. Zuwachs in Berlin besonders deutlich. Experten sehen Einwanderung als eine Ursache,
in: Berliner Zeitung v. 22.08.

DPA (2015): Mehr Babys, mehr Tote - mehr Zuwanderung?
Mehr Kinder, weniger Todesfälle – der Abstand zwischen Geburtenzahl und Sterbefällen ist 2014 ein bisschen geschrumpft. Doch der Effekt ist nicht von Dauer. Um gegenzusteuern, gibt es nur zwei Optionen. Eine davon heißt: Mehr Zuwanderung,
in: Badische Zeitung v. 22.08.

DPA (2015): Das Defizit schrumpft, es werden mehr Babys geboren.
Demografie: Statistiker dämpfen Hoffnung auf eine Trendwende, denn die Zahl der Todesfälle liegt weit über der Zahl der Geburten,
in: Stuttgarter Zeitung v. 22.08.

BREINING, Thomas (2015): Kinderland dank Zuwanderung.
Statistik: Die Zahl der Geburten hat zugenommen; das hat einiges mit der Migration zu tun,
in: Stuttgarter Zeitung v. 22.08.

"Warum so viele Sprösslinge? Weil hier plötzlich alle so kinderfreundlich sind? Knapp 22 Prozent der im Land neu Geborenen haben eine ausländische Mutter (wie viele Kinder mit deutscher Mutter einen ausländischen Vater haben, weiß die Statistik leider nicht). Ein großer Teil der genetischen Auffrischung geht also auf Zuwanderung zurück. Von den ins Land Gekommenen – dazu gehören auch die hier bleibenden Flüchtlinge – sind eben viele Frauen im gebärfähigen Alter. Ohne sie wäre Deutschland dem Aussterben schon etwas näher. Wer noch nicht kapiert hat, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, sollte schleunigst den Kopf aus dem Sand ziehen",

behauptet Thomas BREINING. Woher er die Zahl von 22 Prozent ausländischen Müttern hat, ist unklar, denn darüber gab weder das Statistische Bundesamt, noch das Statistische Landesamt Baden-Württemberg Auskunft.

WERMELSKIRCHEN, Axel (2015): Das Geburtendefizit wird kleiner.
Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland mehr Kinder, mehr Ehen und weniger Sterbefälle als 2013,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.08.

FISCHHABER, Anna & Thomas ÖCHSNER (2015): Babys im Boom.
In Deutschland werden so viele Kinder geboren wie seit Jahren nicht - mehr, als alle Experten erwartet hatten. Doch wie lange hält der Trend?
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.08.

STALA BW (2015): Anteil der Zwillingsgeburten verdoppelt.
2014 kamen in Baden-Württemberg 1 750 Zwillingspaare zur Welt - Bei älteren Müttern ist eine Zwillingsgeburt wahrscheinlicher - auch 38 Drillingsgeburten,
in: Pressemitteilung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg v. 27.08.
 

WELT AM SONNTAG-Titelgeschichte: Das Geheimnis des neuen Kindersegens.
Die Deutschen kriegen plötzlich wieder mehr Kinder. Familienpolitiker sehen den kleinen Babyboom schon als ihren Verdienst. Doch das ist nur die halbe Wahrheit - höchstens

GASCHKE, Susanne (2015): 33000 Babys mehr und kein Gedöns.
In Deutschland werden so viele Kinder geboren wie seit zehn Jahren nicht mehr. Ein Erfolg engagierter Familienpolitik? Susanne Gaschke hat noch ein paar andere Gründe ausgemacht,
in: Welt am Sonntag v. 30.08.

DESTATIS (2015): Geburtenziffer 2013 bei 1,42 Kindern je Frau,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 06.11.

"Die zusammengefasste Geburtenziffer aller Frauen in Deutschland ist in den Jahren 2011 bis 2013 von 1,39 auf 1,42 Kinder je Frau geringfügig gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, trugen vor allem Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit zu diesem Anstieg bei. Ihre Geburtenziffer nahm im gleichen Zeitraum von 1,34 auf 1,37 Kinder je Frau zu. Bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit stagnierte dagegen die zusammengefasste Geburtenziffer um 1,80 Kinder je Frau.
Diese endgültigen Ergebnisse der Geburtenstatistik beruhen auf dem korrigierten Bevölkerungsbestand unter Berücksichtigung des Zensus 2011. Im Vergleich zu den früheren Angaben auf Basis der Bevölkerungsfortschreibung vor dem Zensus 2011 hat die Einbeziehung der Zensusergebnisse zu einer Erhöhung der bisher ausgewiesenen Geburtenziffern geführt.
Die zensusbedingte Anpassung der zusammengefassten Geburtenziffer war für Frauen insgesamt (+ 0,03 Kinder je Frau) sowie für Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit (+ 0,01) sehr gering. Bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit hat sie sich dagegen stärker ausgewirkt. Im Zensusjahr 2011 betrug die zusammengefasste Geburtenziffer der Ausländerinnen nach Berücksichtigung der Zensusergebnisse 1,82 Kinder je Frau und war damit um 0,24 höher als vor der Korrektur (1,58 Kinder je Frau).
Ursächlich dafür war die infolge des Zensus überproportional stark korrigierte Anzahl der ausländischen Frauen im gebärfähigen Alter. Während die Zahl der potenziellen Mütter mit deutscher Staatsangehörigkeit nur um 0,4 % nach unten korrigiert wurde, betrug die Anpassung bei den Ausländerinnen – 11,4 %. Damit verringerte sich die Anzahl der potenziellen Mütter mit ausländischer Staatsangehörigkeit um rund 260 000, während die Anzahl der geborenen Kinder der ausländischen Frauen unverändert geblieben ist.
Zwischen 1991 und 2013 ist die zusammengefasste Geburtenziffer der Ausländerinnen von 2,04 auf 1,80 Kinder je Frau gesunken. Eine Annäherung der Ausländerinnen an das Geburtenniveau der deutschen Frauen fand demzufolge zwar statt, verlief jedoch offenbar langsamer als bisher angenommen", meldet das Statistische Bundesamt.

STALA BADEN-WÜRTTEMBERG (2015): Neue Bevölkerungsvorausrechnungen: Hohe Zuwanderung schwächt Alterungsprozess der Gesellschaft ab.
Die Zahl der Hochbetagten in Baden‑Württemberg könnte sich dennoch innerhalb von vier Jahrzehnten annähernd verdreifachen,
in:
Pressemitteilung Statistisches Landesamt Baden-Württemberg v. 03.12.

Nach nur 18 Monaten legt das Statistische Landesamt Baden-Württemberg eine erneute Bevölkerungsvorausberechnung vor.

Im Gegensatz zur letzten Bevölkerungsvorausberechnung, bei der bis 2060 noch mit einer Geburtenrate (TFR) von 1,4 Kindern pro Frau gerechnet wurde, wird nun mit einem Anstieg auf 1,5 Kinder pro Frau gerechnet. Dies liegt immer noch unter der Geburtenrate (CFR) der Anfang der 1970er Jahren geborenen Frauen. Zur Begründung heißt es:

"Die Geburtenrate lag im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 1,46 Kindern je Frau. 2013 lag diese Kennziffer im Südwesten bei 1,41 und im Jahr 2012 bei 1,39. Damit war die Geburtenrate im vergangenen Jahr so hoch wie seit 1997 nicht mehr. Ursächlich für diesen Anstieg könnte unter anderem die deutlich verbesserte Kinderbetreuung im Land sein. Desweiteren könnten hierfür auch die in letzter Zeit sehr günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit einem Höchststand an Erwerbstätigen und einer relativ geringen Arbeitslosenquote im Land eine Rolle spielen. Aufgrund dieser aktuellen Entwicklung wurde für den Vorausrechnungszeitraum ein leichter Anstieg der Geburtenrate auf 1,5 Kinder je Frau unterstellt. Außerdem wurde bei den altersspezifischen Geburtenraten angenommen, dass der seit Jahrzehnten zu beobachtende Trend, dass die Frauen ihre Kinder tendenziell später bekommen, sich in den kommenden 10 Jahren fortsetzen wird."

DESTATIS (2015): Anstieg der Geburtenziffer 2014 auf 1,47 Kinder je Frau,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 16.12.

Die Geburtenrate für das Jahr 2013 war erst im November diesen Jahres veröffentlicht worden, während nun bereits die Geburtenrate für das Jahr 2014 veröffentlicht wurde. Sollte damit verhindert werden, dass der Anstieg der Geburtenrate der letzten Jahre angemessen in der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes vom April diesen Jahres einfließen konnte? Die Festschreibung der Geburtenrate von 1,4 bis 2030 bzw. 2060 wurde bereits im April auf dieser Website scharf kritisiert (mehr hier). Ein Vergleich mit den tatsächlichen Geburtenzahlen zeigt die Fehleinschätzung des Statistischen Bundesamtes hinsichtlich der Geburtenentwicklung für die 12. und 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Das aktuelle Winterthema befasst sich ausführlich mit den interessengeleiteten Bevölkerungsprognosen dieses Frühjahrs. 

"Die zusammengefasste Geburtenziffer des Jahres 2014 betrug in Deutschland 1,47 Kinder je Frau. Das ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) der höchste bisher gemessene Wert im vereinigten Deutschland. Die Geburtenziffer ist zum dritten Mal in Folge gestiegen. Im Jahr 2013 hatte sie knapp 1,42 betragen. Damit wurden 2014 im Vergleich zum Vorjahr 56 Babys pro 1 000 Frauen mehr geboren.
Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit haben 2014 durchschnittlich 1,42 Kinder je Frau zur Welt gebracht, im Jahr 2013 waren es 1,37 Kinder je Frau gewesen. Auch bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit war die Geburtenziffer mit 1,86 Kindern je Frau höher als im Vorjahr (1,80).
Die Geburtenziffer nahm 2014 in allen Bundesländern zu. In den ostdeutschen Bundesländern war sie mit 1,54 Kindern je Frau höher als im Westen Deutschlands (1,47). Das Land mit der höchsten zusammengefassten Geburtenziffer war Sachsen mit 1,57 Kindern je Frau. Die niedrigste Geburtenziffer hatte das Saarland (1,35).
Besonders stark nahm die Geburtenhäufigkeit bei den Frauen der Jahrgänge 1976 bis 1985 zu, die 2014 zwischen 29 und 38 Jahre alt waren. Diese Frauen hatten im jüngeren gebärfähigen Alter deutlich weniger Kinder zur Welt gebracht als Frauen der älteren Jahrgänge. Ihre bisher aufgeschobenen Kinderwünsche realisieren sie nun verstärkt im höheren gebärfähigen Alter. Die Geburtenhäufigkeit jüngerer Frauen bis 25 Jahre hat sich zugleich stabilisiert.
Das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt nahm weiter zu. Die Mütter der Erstgeborenen waren 2014 mit durchschnittlich 29,5 Jahren um gut 2 Monate älter als die Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 2013. Beim zweiten Kind waren Mütter rund 32 Jahre alt und damit um 1 Monat älter als Mütter bei der zweiten Geburt im Vorjahr. Das durchschnittliche Alter der Mütter beim dritten Kind hat dagegen nur geringfügig um weniger als einen halben Monat auf gut 33 Jahre zugenommen",

meldet nun das Statistische Bundesamt. Zum Schluss gibt es noch die endgültige Kinderzahl des Frauengeburtsjahrgangs 1965:

"Im Jahr 2014 erreichten die Frauen des Jahrgangs 1965 das Alter von 49 Jahren. Sie brachten im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 1,55 Kinder zur Welt."

Dieser Geburtsjahrgang war Anfang des Jahrtausends aufgrund seiner weit überschätzten Zahl von Kinderlosen in die Kritik geraten. Journalistinnen wie Susanne GASCHKE forderten damals eine Rentenkürzung für die gebärfaulen jüngeren Jahrgänge.

Im Jahr 2005, d.h. im Alter von 39 Jahren lag die Geburtenrate des westdeutschen Jahrgangs noch bei 1,47, während der ostdeutsche Jahrgang bei 1,58 lag (mehr hier). Das Statistische Bundesamt weist nun 10 Jahre später die endgültige Kinderzahl mit 1,52 für Westdeutschland und mit 1,6 für Ostdeutschland aus. Die westdeutschen Frauen haben also im Alter von 40 Jahren bis 49 Jahren doppelt so viele Kinder zur Welt gebracht als die ostdeutschen Frauen.

Bislang lag die endgültige Geburtenrate (CFR) der Frauenjahrgänge aufgrund des steigenden Erstgebäralters (Tempoeffekt) immer höher als die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR). Bei den jüngeren Frauenjahrgängen könnte sich das umkehren, weshalb die Statistiker seit einiger Zeit an einem neuen Indikator arbeiten. Zu niedrig ausgewiesene Geburtenraten erhöhte in der Vergangenheit über die Medien den Druck auf die Politik. Was nun, wenn sich das ändern würde? Da der Druck nicht vermindert werden soll, wird man hier handeln. Der Deutungskampf um die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung zeigt, dass es bei Bevölkerungsprognosen nicht um eine realistische Einschätzung zukünftiger Entwicklungen geht, sondern um politisches Agendasetting.

FRANKFURTER RUNDSCHAU-Titelgeschichte: Die Kinderlein kommen.
Endlich Bescherung: Die Geburtenrate ist so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr

DOEMENS, Karl (2015): Fruchtbarer Wandel.
Zahl der Neugeborenen hierzulande steigt - aus vielen Gründen, vor allem aber wegen der Familienpolitik,
in: Frankfurter Rundschau
v. 17.12.

"Für die geburtenstarken Jahrgänge wird es aus biologischen Gründen nun langsam Zeit, den aufgeschobenen Kinderwunsch zu verwirklichen. So ist die Geburtenhäufigkeit unter den 29- bis 38-Jährigen besonders hoch",

behauptet Karl DOEMENS. Die Geburtsjahrgänge 1976 - 1985 sind jedoch mit 798.334 bis 865.789 Geborenen geburtenschwächer als die 1986 - 1990 Geborenen, die zwischen 848.232 und 905.675 Lebendgeborene umfassten, d.h. in den nächsten Jahren kommen die relativ geburtenstarken Jahrgänge erst ins Familiengründungsalter. Mit der weiteren Entwicklung der Geburtenraten hat das jedoch erst einmal nichts zu tun.

"Bemerkenswert ist, dass die Geburtenziffer in den ostdeutschen Ländern mit 1,54 Kinder je Frau höher war als im Westen Deutschlands (1,47)",

meint DOEMENS. Hätte er sich mit der Geburtenentwicklung in Deutschland beschäftigt, dann würde er das nicht bemerkenswert, sondern normal finden, denn seit 2010 ist die Geburtenrate in Ostdeutschland höher als in Westdeutschland. Dies wurde übrigens von den Bevölkerungswissenschaftlern nicht so vorhergesehen, denn es wurde angenommen, dass sich die ostdeutsche Geburtenrate an die westdeutsche Geburtenrate anpasst. Inwieweit es zukünftig eine Angleichung geben wird, das muss sich noch zeigen.

BARTENS, Werner (2015): Wieder mehr Kinder in Deutschland.
So hoch war die Geburtenrate noch nie seit der Wiedervereinigung. Nicht nur die gute wirtschaftliche Lage trägt dazu bei,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 17.12.

KLEINEMAS, Martin/DPA (2015): Das Geheimnis hinter der Zahl von 1,47 Kindern.
Politiker bejubeln die höchste Geburtenziffer seit der Wiedervereinigung. Doch diese ist wenig relevant. Eine andere Größe erzählt die Wahrheit,
in:
Welt v. 17.12.

Während die Frankfurter Rundschau ganz uneingeschränkt von einer Trendwende spricht, meint KLEINEMAS: Jein, weil die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) nicht aussagekräftig sei. Vor 9 Jahren scherte sich die Welt nicht um solche Kleinigkeiten, sondern sah Deutschland wie fast die gesamte deutsche Presse am Abgrund. Die endgültige Kinderzahl pro gebärfähiger Frau (CFT) war damals in den Medien kein ernsthaft diskutierter Indikator für die zukünftige Geburtenentwicklung - nicht einmal beim Bundesinstitut für Bevölkerungswissenschaft.

Als der Ökonom Detlef GÜRTLER im Jahr 2003 einen Babyboom aufgrund der in den 1970er Jahren geborenen Frauenjahrgänge voraussagte, wiegelte Jürgen DORBRITZ ein Jahr später ab - was single-generation.de damals als haltlos analysierte. Mit Blick auf den Jahrgang 1968 wird nun auch in der deutschen Presse von einer Trendwende gesprochen:

"Der Tiefpunkt der endgültigen Kinderzahl lag beim Jahrgang 1968 bei einem Wert von 1,49 Kindern. Ab den Jahrgängen der frühen 70er-Jahre gehen die Prognosen von einem Anstieg aus, er soll zwischen 1,54 bis 1,60 Kindern pro Frau liegen."

Dieser Geburtentiefstpunkt ist bereits seit Anfang des Jahrtausends bekannt, wurde jedoch von der deutschen Presse bis nach der Durchsetzung des Elterngeldes beharrlich beschwiegen. Im Jahr 2004 schrieb Jürgen DORBRITZ:

"Die bislang für einen westdeutschen Geburtsjahrgang niedrigste endgültige Kinderzahl wird mit 1439 für die 1968 geborenen Frauen geschätzt. Für die danach geborenen Frauen (1969, 1970) erwarten wir mit 1456 bzw. 1472 leichte Anstiege der endgültigen Kinderzahl. Der Rückgang der endgültigen Kinderzahlen, der bereits seit dem Jahrgang 1933 (2224) bestand, ist damit abgeschlossen."

Auf dieser Website wurde deshalb bereits vor 2 1/2 Jahren von einer verhinderten Debatte um den Geburtenanstieg gesprochen. Das Statistische Bundesamt verteidigte noch im Jahr 2013 die Annahmen der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung mit einer Geburtenrate von 1,4 bis zum Jahr 2060 dahingehend, dass es keinerlei Anzeichen für eine Trendwende bei den Geburten gebe (mehr auch hier). Ein Vergleich zeigt, dass die tatsächlichen Geburtenzahlen weit über den prognostizierten Werten liegt. Dies wurde auch bei der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung vom April diesen Jahres nicht korrigiert. Auch hier liegen die prognostizierten Werte für das Jahr 2014 weit unterhalb den tatsächlichen Geburtenzahlen. Wann kommt also die 14. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, bei der der Geburtenanstieg bei den jüngeren Frauenjahrgängen und die Entwicklung der Zuwanderung angemessen berücksichtigt wird?

THIELE, Magdalena/KNA/DPA (2015): Kinderlein kommen.
Geburtenrate erreicht Höchststand seit 1990 - ein Babyboom ist das allerdings noch lange nicht,
in: Tagesspiegel
v. 17.12.

LEHMING, Malte (2015): Angst, Gebärfreude, Flüchtlinge.
Deutsche Stimmung vor Jahresende,
in: Tagesspiegel
v. 17.12.

"Wenn Zukunftsangst zu Kindern führt, kippt der gesamte Ansatz der Familienpolitik – Elterngeld, Kitaplätze, umfassende Versorgung. Da stimmt was nicht",

meint Malte LEHMING angesichts von Meinungsumfragen eines Konsumforschungsinstituts. Man könnte es aber auch ganz anders sehen: Meinungsforschung fördert lediglich sozial Erwünschtes und allgemeine Einstellungen zutage - das private Verhalten folgt dagegen ganz anderen Maßgaben.

Das zeigt bereits die Tatsache, dass im Saarland nur 1,35 Kinder pro gebärfähiger Frau geboren wurden, während es in Sachsen 1,57 waren. Als die Geburtenrate in Deutschland bei 1,35 lag, setzte der Spiegel den letzten Deutschen aufs Titelbild und Deutschland wurde als Land ohne Lachen bezeichnet. Ist das Saarland nun ein Land ohne Lachen und Sachsen ein Vorbild für ganz Deutschland?

Wir sollten aufhören den Medien zu glauben, sondern selber denken!

WERMELSKIRCHEN, Axel (2015): Geburtenziffer so hoch wie seit der Vereinigung nicht,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.12.

Der FAZ war die aktuelle Meldung des Statistischen Bundesamtes zu positiv, weshalb sie diese mit einem Ausblick auf die Jahre nach 2020 ergänzt, der vom 21. August diesen Jahres stammt:

"Die Wiesbadener Statistiker weisen darauf hin, dass es von der bisherigen Bevölkerungsentwicklung abhängt, wie viele Kinder heute geboren werden. Neben der Geburtenziffer sei dafür besonders die Zahl der Frauen im Alter zwischen 26 und 35 Jahren bedeutsam, weil in dieser Altersspanne die Geburtenhäufigkeit gegenwärtig am höchsten ist. Seit 2008 habe sich die Zahl der Frauen in diesem Alter stabilisiert und sogar zugenommen, was die Geburtenzahl noch einige Jahre positiv beeinflussen könne. Nach 2020 werde ihre Zahl allerdings voraussichtlich merklich schrumpfen, was zu einem neuen Geburtentief führen könne. Eine langfristig stabile Geburtenzahl setze dann einen Anstieg der Geburtenziffer und eine größere Nettozuwanderung voraus."

Axel WERMELSKIRCHEN vermischt hier zwei unterschiedliche Aspekte der Geburtenentwicklung: Die Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) und die endgültige Kinderzahl pro gebärfähiger Frau (CFT), die in der aktuellen Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes im Mittelpunkt stand und die Entwicklung der absoluten Geburtenzahlen (vorläufige Geburtenzahlen wurden bereits im August dieses Jahres veröffentlicht). Beide Dimensionen können in die gleiche Richtung weisen, positiv oder negativ und sie können in gegensätzliche Richtungen weisen. Die Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer kann durch die Entwicklung des Erstgebäralters und des Geburtenabstands (Tempoeffekte) verzerrt werden, weswegen die endgültige Kinderzahl der aufschlussreichere Indikator für die zukünftige Geburtenentwicklung ist.

Würde sich der Geburtenanstieg der letzten Jahre fortsetzen, dann könnten die Geburtenzahlen durchaus gleich bleiben, auch wenn die Zahl der gebärfähigen Mütter nach 2020 schrumpft - was keineswegs sein muss, wenn der Zuwanderungsüberschuss weiterhin hoch ist.

Ein Vergleich der Geburtenzahlen aus der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (kurz: BVB; Annahme TFR 1,4) mit den tatsächlichen Geburtenzahlen zeigt, dass das Statistische Bundesamt die Geburtenentwicklung der letzten Jahre keineswegs angemessen berücksichtigt hat:

Tabelle: Vergleich der Lebendgeborenen von 2009 - 2014
Jahr Prognose der 12ten BVB tatsächliche
Geburtenzahlen
Differenz
2009 666.000 665.126 - 874
2010 662.000 677.947 + 15.947
2011 660.000 662.685 + 2.685
2012 660.000 673.544 + 13.544
2013 660.000 682.069 + 22.069
2014 661.000 714.927 + 53.927
Quelle: Statistisches Bundesamt: Veränderung der Zahl der Lebendgeborenen zum jeweiligen Vorjahr (Seitenabruf am 18.12.2015); Tabellenband Bevölkerung Deutschlands bis 2060 - Tabellenband. Ergebnisse der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung 2009, Tabelle Variante 1-W1 NBB ("mittlere Bevölkerung Untergrenze", Nach Tabelle Variante 1-W2 NBB "mittlere Bevölkerung Obergrenze") würden sich lediglich je 1.000 mehr Lebendgeborene in den Jahren 2013 und 2014 ergeben.

Auch die aktuelle 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vom April diesen Jahres liegt bei allen Varianten für das Jahr 2014 weit unter der tatsächlichen Geburtenzahl. Die prognostizierten Geburtenzahlen lagen zwischen 685.000 (Annahme 1,4 TFR) und 694.000 Lebendgeborenen (Annahme leichter Anstieg auf 1,6).

PENNEKAMP, Johannes (2015): Trendwende bei den Geburten in Deutschland.
Frauen in Europa kriegen im Schnitt aber mehr Kinder,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.12.

NIEJAHR, Elisabeth (2015): Kindersegen.
Überraschung: Die Geburtenrate steigt. Woran liegts?
in: Die ZEIT Nr.52
v. 23.12.

In der Rubrik Es gab auch gute Nachrichten listet die ZEIT den Anstieg der Geburtenrate auf:

"Nun scheint es, als hätten die Deutschen ausgerechnet in dem Moment ihre Einstellung zur Familiengründung geändert, in dem die Appelle zum Kinderkriegen leiser wurden",

heißt es bei Elisabeth NIEJAHR. Bereits im November 2006 wies single-generation.de auf den negativen Effekt der Medien auf das Geburtenverhalten hin, denn schon damals war erkennbar, dass jüngere Frauen mehr Kinder bekommen - also vor Einführung des Elterngeldes. Der Anstieg der Geburtenrate in den jüngeren Geburtsjahrgängen wurde lange Zeit überlagert durch Tempoeffekte, worauf auf dieser Website bereits seit über einem Jahrzehnt hingewiesen wurde.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Dezember 2015
Update: 13. Juli 2017