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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Deutschlands Zukunft im Spiegel der Öffentlichkeit

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Bevölkerungsentwicklung in wiedervereinigten Deutschland (1990 - heute)

 
       
     
   
     
     
 

Einführung

Ein Blick in die Vergangenheit der Zukunft Deutschlands bietet die Möglichkeit die Grenzen von Bevölkerungsvorausberechnungen zu erkennen. Welche Zukünfte wurden uns Deutschen prophezeit und was ist davon überhaupt eingetreten? Diese Bibliografie ermöglicht einen Vergleich zwischen zeithistorischen Befürchtungen bezüglich des demografischen Wandels und der tatsächlichen Entwicklung in Deutschland.

Kommentierte Bibliografie (Teil 6: 2015 - heute)

2015

STALA BADEN-WÜRTTEMBERG (2015): Hochbetagte: Seit 1970 mehr als verfünffacht.
Demografischer Wandel in Baden‑Württemberg: In Baden-Baden ist bereits jeder 24. Einwohner 85 Jahre oder älter,
in:
Pressemitteilung Statistisches Landesamt Baden-Württemberg v. 29.01.

Nachdem die Bevölkerungsentwicklung nicht mehr dem seit Jahrzehnten prognostizierten Abwärtstrend folgt (mit jeder Vorausberechnung musste der prognostizierte Bevölkerungsrückgang um Jahre nach hinten verschoben werden), widmet man sich in den letzten Jahren vermehrt den Hochbetagten, denn hier lassen sich noch Dramatisierungen herbeischreiben, die auf anderen Gebieten nicht mehr möglich sind. Hat man vor 10 Jahren unter Hochbetagten noch die 75Jährigen und Älteren verstanden, so hat man sich nun auf 85Jährige oder sogar 100Jährige fokussiert, weil sich hier noch Steigerungen finden lassen, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Dagegen würde die Nennung der absoluten Zahlen (2,5 %) im Meldungsgewimmel unbeachtet bleiben...

LUKAS, Julius (2015): Magdeburg: Stadt, Hype, Fluss.
Magdeburg hat keinen besonders guten Ruf. Dabei gehört die Stadt zu den dynamischsten Orten der Republik,
in: Die ZEIT Nr.5 v. 29.01.

"Kaum jemand hatte dieser Stadt an der Elbe nach 1990 eine Wiederauferstehung zugetraut. Und doch ist die Geschichte des Ortes spätestens seit dem Jahrtausendwechsel zu einer Erfolgsgeschichte geworden – wirtschaftlich, aber auch kulturell. Der Wohlstand wächst unaufhörlich, die Arbeitslosenzahl hat sich in den vergangenen Jahren halbiert. Große Firmen wie der IT-Riese IBM haben eine Dependance in Sachsen-Anhalts Hauptstadt eröffnet. Und seit fünf Jahren wächst die Bevölkerung wieder, auf inzwischen 233.000 Einwohner: Der Nachwende-Exodus – 60 000 Bürger verließen Magdeburg nach 1990 – konnte gestoppt werden. Die Stadt lebt. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat Magdeburg schon vor zwei Jahren zur dynamischsten Stadt der Republik gekürt. Diese Stadt stehe »exemplarisch für einen erfolgreichen strukturellen Wandel«, so die Wissenschaftler",

schreibt Julius LUCAS. Fälschlicherweise wird in der ZEIT geschrieben, dass es sich dabei um ein Städteranking des IW Köln handelt. Stattdessen handelt es sich um die IW Consult GmbH. Im Niveauranking 2005 des IW Consult GmbH lag Magdeburg auf Platz 45. 2008 lag die Stadt sogar auf Platz 46. Erst im Jahr 2010 wurde Madgeburg auf Platz 40 gelistet. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sah Magdeburgs Wirtschaft im 2006 erschienenen Buch Die demografische Lage der Nation auf dem Weg nach unten. Noch 2004 schrieb das private Meinungsbildungsinstitut zu Magdeburg:

"Der Trend führt heraus aus maroden Innenstädten und Plattenbauten, hinein in Neubauten auf der grünen Wiese".

Bereits zehn Jahre später hat sich diese Prognose mehr als überholt. Welchen Wert haben also solche Städterankings und Prognosen, denen es um eine neoliberale Standortlogik geht?

SPIEGEL-Serie: 2030.
Deutschland, deine Zukunft

BARTSCH, Matthias/FICHTNER, Ullrich/JUNG, Alexander/MINGELS, Guido/MÜLLER, Ann-Kathrin (2015): 2030 - Es kommen härtere Jahre.
Zukunft: Nach Jahrzehnten chronischer Geburtenschwäche steht Deutschland vor dem Umbruch: Die Babyboomer erreichen die Rente - und ein ganzes Land muss zittern, ob das wirklich gut gehen kann. Spiegel-Serie über das Megathema Demografie (Teil 1),
in:
Spiegel Nr.12 v. 14.03.

"Unumstößliche Fakten sind rar"

schreiben die Autoren, weshalb sie vor allem Schwammiges darbieten:

"Es geht um Demografie, um das Auf und Ab von Sterben und Geborenwerden, um das Hin und Her von Ein- und Auswanderung."

Aus diesem Grunde beklagen Empiriker auch das Fehlen einer Definition des Begriffs "demografischer Wandel". Denn dann müssten unsere Apokalyptiker Farbe bekennen, was sie aufgrund des Nichtwissenkönnens möglichst vermeiden wollen.

Man darf sich schon mal die Augen reiben, wenn da steht:

"Spätestens von 2030 an wird die deutsche Bevölkerung schrumpfen, leicht oder stark".

Wie das? Noch zu Zeiten der Durchsetzung der Agenda 2010 galt es als unumstößliche Wahrheit, dass Deutschland bereits nach dem Jahr 2010 schrumpfen wird. Nachdem dies nun als Fehlprognose sichtbar geworden ist, steht nurmehr die baldige Alterung der Bevölkerung im Mittelpunkt:

"Fünf Millionen Deutsche mehr als heute werden im Jahr 2030 über 65 Jahre alt sein, sie werden gut ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, das scheint gewiss",

formulieren die AutorInnen vorsichtig, denn sonst hätten sie statt von "scheint" von "ist" gesprochen. Denn auch das ist keineswegs so sicher wie das Mantra der Demografen ("Die Alten sind uns gewiss") glauben machen will, sondern ist von mindestens 6 Faktoren abhängig, die sich durchaus unterschiedlich entwickeln können: von der Entwicklung der Zu- und  Abwanderung, von der Entwicklung der Geburtenrate bzw. der Entwicklung des Erstgeburtsalters und nicht zuletzt von der Entwicklung der Sterblichkeit und Lebenserwartung.

Prognostiker gehen davon aus, dass die Zukunft nichts anderes als die Fortschreibung der jüngsten Vergangenheit ist. Sie kennen keine Brüche und Verhaltensänderungen werden allenfalls als unbedeutend erachtet. Die Zukunft ist aber alles andere als eine lineare Entwicklung, sondern gekennzeichnet von unvorhersehbaren Ereignissen. Um die Agenda 2010 durchzusetzen, wurde im Jahr 2003 die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung veröffentlicht, die in der mittleren Variante eine konstante Geburtenrate von 1,4 bis 2050 (!), einen Zuwanderungsüberschuss von 200.000 und einen Anstieg der Lebenserwartung Neugeborener bis 2050 auf 81,1 Jahre (Männer) bzw. 86,6 Jahre (Frauen) annahm.

Der Zuwanderungsüberschuss lag im Jahr 2013 mit ca. 430.000 mehr als doppelt so hoch wie in dieser Agenda 2010-Prognose. Selbst die höchste angenommene Zuwanderung von 300.000 wurde weit übertroffen. Und auch dieses Jahr wird mit einem weiteren Anstieg der Zuwanderung gerechnet. Dies hat Auswirkungen auf die nächste, die 13. Bevölkerungsvorausberechnung, die entsprechend korrigiert werden muss. Eine Vorahnung dessen, was diese Bevölkerungsvorausberechnung ergeben wird, bietet die bereits  im Juni 2014 veröffentlichte Bevölkerungsvorausberechnung für Baden-Württemberg, die der Spiegel verschweigt.

Anlässlich der Agenda 2010-Prognose hatte der Spiegel 2004 den letzten Deutschen auf dem Titelbild. Jetzt wiegelt man ab, ohne die eigene Propaganda zu nennen. Lieber deutet man auf andere:

"Statt zur Kenntnis zu nehmen, dass Bevölkerungswandel keine schlagartig einsetzende Katastrophe, sondern der sich schleichend entwickelnde Dauerzustand aller Gesellschaften ist, versteigen sich selbst als seriös geltende Experten zu alarmistischen Thesen, die die Wirklichkeit weit verfehlen. Deutschland wird kein »Land ohne Kinder« sein, wie es der Münchner Ifo-Chef Hans-Werner Sinn in einer langen, düsteren Untergangspredigt beschrieben hat. Und auch der vom einstiegen »Frankfurter Allgemeine«-Herausgeber Frank Schirrmacher bereits 2004 mit drastischen Worten beschworene Krieg zwischen Alten und Jungen findet nicht statt, obwohl er laut Schirrmacher längst begonnen haben müsste. Zweifellos aber kommen jetzt härtere Jahre."

Handelt es sich hier nicht eher um Nebelkerzen, die verschleiern sollen, dass der Spiegel keineswegs den Horrorszenarien untreu wird, sondern sie nur - aufgrund gewisser Unhaltbarkeiten - verfeinert? Darauf deutet die Tatsache hin, dass zwar Hans-Werner SINN angegriffen wird (was das Handelsblatt bereits vor Wochen vorexzerziert hat), nur um seinen gelehrigen Schüler Martin WERDING hervorzuzaubern, der dem neoliberalen Demographismus genauso huldigt wie sein Lehrer SINN.

Die vierteilige Serie widmet sich lediglich im letzten Teil der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme:

"Ist der demografische Wandel wirklich ein Problem, oder werden womöglich - umgekehrt - viele Probleme einfach »demografisiert«? Eine ganze Schule seriöser Wissenschaftler glaubt genau dafür gute Argumente zu haben und versucht nachzuweisen, dass der aktuelle Bevölkerungswandel keineswegs eine Katastrophe ist, sondern Normalzustand eines wohlhabenden, hoch entwickelten Landes."

Der Spiegel hätte die Chance gehabt, seine Serie aus der Sicht der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme zu entwerfen. Dies ist offensichtlich nicht der Fall. Stattdessen wird im ersten Teil nur der Apokalyptiker Martin WERDING ausgiebig zu Wort kommen lassen. Alternative Szenarien, die nicht einmal genannt werden. 

Es wird z.B. lediglich der Altenquotient genannt, aber kein Rentnerquotient, der die tatsächlichen Rentenlast aufzeigen würde. Welche Folgen die politische Fehlentscheidung der Finanzierung der Mütterrente durch Beiträge statt durch Steuern bzw. die Finanzpolitik von SCHÄUBLE (also nicht-demografische Faktoren) für die weitere Entwicklung der Rentenversicherung hat, das erfuhr man bereits letzte Woche im Handelsblatt.

Man erfährt im Spiegel-Artikel zudem nicht auf welcher Bevölkerungsvorausberechnung mit welchen Annahmen die Szenarien, die uns der Spiegel präsentiert, gerechnet wurden. Das ist kein seriöser Journalismus, sondern BILDZEITUNGSNIVEAU. Wer die Jahreszahlen der Basiszahlen verschweigt, der will lediglich verbergen, dass er mit völlig veralteten Daten hantiert. Sonst gibt es keinen Grund dafür sie nicht zu nennen. Nicht Transparenz der Informationen, sondern Verhinderung der Nachvollziehbarkeit ist die Strategie des Spiegels.

Typisch sind hypothetische Satzkonstruktionen wie "könnte" "müsste" usw. Schließlich ist nicht die Demografie entscheidend, sondern was die Gesellschaft aus den Rahmenbedingungen macht. Nicht die Demografie bestimmt über Wohl oder Wehe, sondern nicht-demografische Faktoren wie Produktivitätsentwicklung, technologischer Fortschritt usw. Darüber schweigt aber der Spiegel wohlweislich. Der zweite Teil der Serie soll sich den ökonomischen Konsequenzen des Bevölkerungswandels widmen - was bereits eine verengte Sicht der Betrachtung voraussetzt. Teil 3 gilt der Entvölkerung im Osten und in entlegenen Dörfern. Was uns da erwarten wird, das lässt sich im aktuellen Geo-Heft nachlesen.

Was die Familienpolitik betrifft, so trudelt der Spiegel zwischen Elterngeld-Hype bzw. -Verdammung und Kinderbetreuungs-Hype bzw. Verdammung hin und her, weshalb der Artikel über  wenig erhellende, oberflächliche Formulierungen nicht hinauskommt:

"Die wissenschaftliche Literatur ist sich weitgehend darüber einig, dass es zwei erfolgreiche Modelle zur Verbesserung der Geburtenziffern gibt: das französische, das umfassende Kinderbetreuung mit starken steuerlichen Anreizen für Familien kombiniert, und das ähnlich funktionierende schwedisch-skandinavische, das überdies die Gleichberechtigung von Mann und Frau betont."

Weder an Frankreich noch an Schweden sind die Krisen der letzten Jahre spurlos vorbeigegangen. Was bei uns über die beiden Länder bekannt ist, ist eher mediales Wunschdenken, statt realitätsnahe Berichterstattung. Den Deutschen wird ein Sozialstaatsregime vorgegaukelt, das es Anfang der 1990er Jahre gab, aber längst gravierenden Korrekturen unterzogen wurde. Davon schweigt der Artikel jedoch.

Fazit: Faktenarmer Artikel, der keine Vielfalt an Expertenmeinungen präsentiert, sondern ganz einseitig auf ein Horrorszenarium setzt. Viele bunte Bildchen und Grafiken sollen diese Faktenarmut übertünchen.

Stellt sich also die Frage, warum man nicht die nächste Bevölkerungsvorausberechnung abgewartet hat. Und warum werden alternative Entwicklungsszenarien nicht vorgestellt, sondern nur diffamiert. Möchte man politische Fakten schaffen nach Gutsherrenart? Diese Form der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme zeigt, dass wir bereits im postdemokratischen Zeitalter leben. Die Demokratie soll ausgehebelt werden zugunsten angeblicher demografischer Sachzwänge...

WIDMANN, Arno (2015): Liebling, wir schrumpfen.
Die demographische Entwicklung in Deutschland ist dramatisch. Aber was bedeutet das für Stadt und Land?
in:
Frankfurter Rundschau v. 24.03.

MINGELS, Guido (2015): Die Demokalypse bleibt aus.
Zukunft (Teil 4): Seit mehr als hundert Jahren fürchtet sich Deutschland vor dem demografischen Wandel und beschwört seinen eigenen Untergang. Eine Widerrede,
in: Spiegel Nr.15 v. 04.04.

Nicht wirklich eine Widerrede ist dieser vierte Teil der Demografie-Serie. Statt ein alternatives Szenario zu entwickeln, bleibt der Artikel in einer oberflächlichen Widerlegung von 8 Mythen stehen. Deutschland stirbt nicht aus! Wer hätte das gedacht?

"Gemein ist all den Alarmisten, dass sie vermeintlich unheilvolle und angeblich unumkehrbare demografische Trends als Grundlage für gesellschaftliche Krisenszenarien nutzen. Der SPIEGEL machte hier keine Ausnahme. Noch 2004 formulierte das Magazin die Titelzeile »Der letzte Deutsche - Auf dem Weg zur Greisenrepublik«"

Zum ersten Teil der Spiegel-Serie wurde auf dieser Webseite geschrieben:

"Anlässlich der Agenda 2010-Prognose hatte der Spiegel 2004 den letzten Deutschen auf dem Titelbild. Jetzt wiegelt man ab, ohne die eigene Propaganda zu nennen. Lieber deutet man auf andere".

Nun wird also von MINGELS auch auf die eigene Propaganda hingewiesen. Mit Hinweis auf den Historiker Thomas BRYANT geht MINGELS auf den "Ewigwährenden Untergang" ein - so ein viel aufschlussreicheres Buch von Thomas ETZEMÜLLER.

Was an diesem Mythenknacken stört: Es werden zwar die Apokalyptiker von Herwig BIRG über Hans-Werner SINN bis Frank SCHIRRMACHER genannt und Horrorzahlen zitiert. Die wichtigsten Kritiker bleiben dagegen ungenannt und ihre Position wird erst recht nicht dargelegt.

Den Mythos "Wenige Kinder, viele Alte - ein Rezept für den Untergang", der auf die Altenlast anspielt, wird nur dahingehend relativiert, dass statt der "Altenlast" die zunehmende Erhöhung der Lebenserwartung in den Fokus gerückt wird. Dies entspricht der gegenwärtigen politischen Zielsetzung die Lebensarbeitszeit - vor allem durch die Erhöhung des Renteneinstiegsalter - weiter zu erhöhen. James VAUPEL und Axel BÖRSCH-SUPAN stehen für diese Stoßrichtung der Demografiepolitik.

Die angebliche Widerrede ist im Grunde nicht viel mehr als die Essenz aus dem Themenheft Demografischer Wandel der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte vom 7. März 2011. Im Grunde wird in diesem letzten Teil die gleiche Politik vertreten wie in den ersten drei Teilen - nur dass man versucht eine Zielgruppe zu erreichen, die sich von dummdreisten Apokalypse-Szenarien - wie in der Vergangenheit auch vom Spiegel praktiziert - nicht beeindrucken lässt.

Man kann sich diese langweilige Mythenzertrümmerung schenken (diese wurden auf dieser Webseite bereits seit über einem Jahrzehnt gründlicher als jetzt im Spiegel zertrümmert; mehr z.B. zur angeblich idealen Pyramidenform hier, mehr zur angeblich aussagekräftigen Geburtenrate hier und hier) und stattdessen Autoren lesen, die sich tatsächlich der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme in kritischer Absicht widmen, z.B. Christian RADEMACHERs Buch über deutsche Kommunen im demografischen Wandel, das Demografie-Heft der Zeitschrift Prokla, die Kritik des Bevölkerungsstatistikers Gerd BOSBACH und des Politikwissenschaftlers Christoph BUTTERWEGGE.

Was lernen wir aus diesem Spiegel-Artikel? Die Funktion der Medien in unserem postdemokratischen Zeitalter ist die Schaffung zeitgemäßer Mythen zur Durchsetzung von als alternativlos darzustellender Politik. Aufklärung war gestern!

Die Botschaft ist eindeutig: Wir sind die Elite und wissen was gut für Euch ist. Ihr Leser seid dumm, deshalb müssen wir für Euch Mythen erschaffen. Sind diese Mythen nicht mehr zeitgemäß, dann erschaffen wir einfach neue Mythen. Wir Bürger brauchen aber keine Mythenschaffer und -zertrümmerer, weshalb wir mündigen Bürger die Aufklärung in unsere eigene Hand nehmen müssen. Selbstaufklärung ist die Aufgabe des mündigen Bürgers in unserem Zeitalter der Postdemokratie geworden.

RHEINISCHE POST-Titelgeschichte: Boom-Städte am Rhein

HÜWEL, Detlev & Martin KESSLER (2015): Boom-Städte am Rhein.
Während Düsseldorf, Köln, Bonn und der Rhein-Kreis Neuss vom Zuzug der Menschen sowie einer hohen Geburtenrate profitieren, schrumpft die Bevölkerung in Remscheid, Duisburg und Krefeld,
in: Rheinische Post v. 25.04.

Bericht über die gestern veröffentliche Bevölkerungsvorausberechnung für die nordrhein-westfälischen Kreise und kreisfreien Städte bis 2040/2060.

Vergleicht man diese Vorausberechnung mit jener vom Juni 2012, dann differiert die Bevölkerungsentwicklung um fast 1 Millionen Menschen bis zum Jahr 2040. 2012 wurde angenommen, dass 2040 in Nordrhein-Westfalen nur noch 16,57 Millionen Menschen leben werden. Nach der aktuellen Vorausberechnung sind es dagegen 17,49 Millionen. Aussagen für 2060 zu machen ist moderne Kaffeesatzleserei.

Welchen Sinn haben Bevölkerungsvorausberechnungen, wenn sie innerhalb von nur 3 Jahren zu ganz anderen Ergebnissen kommen? Diesmal waren es die Wanderungsbewegungen, die unterschätzt wurden. Nächstes Mal vielleicht die Geburtenentwicklung oder die Lebenserwartung oder etwas was wir gar nicht im Blick hatten?

Die Veröffentlichung von Langfristprognosen sollte verboten werden und stattdessen kurzfristige Entwicklungskorridore aufgezeigt werden. Das könnte Denkverbote verhindern ebenso wie teure Fehlinvestitionen während dringend benötigte Investitionen unterbleiben, weil sie wegen absurd langen Vorausberechnungen als irrelevant abgetan werden.

Die modernen Märchenerzähler gaukeln uns vor, dass einzig Bevölkerungsentwicklungen langfristig voraussehbar sind. Mit jeder neuen Vorausberechnung zeigt sich jedoch, dass ihre Annahmen realitätsfern sind. Und vor allem gibt es keinen engen Zusammenhang zwischen Kopfzahl, Wirtschaftsentwicklung und Wohlstand einer Gesellschaft. Für den Soziologen Karl Otto HONDRICH sichert nicht die Stabilität von Bevölkerungen, sondern die Problemlösungskompetenz das Überleben einer Gesellschaft.

DESTATIS (2015): Neue Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland bis 2060,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 28.04.

Die Pressemeldung ist mehr oder weniger irreführend, weil die entscheidenden WENN-Annahmen politisch motiviert sind und die DANN-Aussagen vorstrukturieren. Aufschlussreich ist dagegen der Tabellenband Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, denn er ermöglicht Vergleiche mit früheren Bevölkerungsvorausberechnungen.

Wie absurd die Annahmen des Statistischen Bundesamtes sind, das zeigt z.B., dass im Pressetext zwei Varianten (Variante 1 und 2) vorgestellt werden, die von einer gleich bleibenden Geburtenrate von 1,4 bis 2060 bei weiter steigendem Erstgebäralter ausgehen. Dagegen liegt die Geburtenrate der Anfang der 1970er Jahre geborenen Frauen jetzt bereits bei 1,6. Zum anderen ist das Basisjahr der 31.12.2013 und nicht der 31.12.2014, sodass die weiter gestiegene Zuwanderung nicht adäquat berücksichtigt wird.

Selbst, wenn man diese Annahmen nimmt, die unter der gegenwärtigen realen Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre liegen, ergibt sich gegenüber der vorangegangenen Bevölkerungsvorausberechnung eine geringere Schrumpfung und selbst eine geringere Alterung. Im Jahr 2009 wurde die 12. Bevölkerungsvorausberechnung (BVB) veröffentlicht. Ein Vergleich für das Jahr 2060 zeigt:

  12. BVB   13. BVB  
  Variante 1 Variante 2 Variante 1 Variante 2
Bevölkerung 64,651 Mill. 70,120 Mill. 67,563 Mill. 73,079 Mill.
Anteil 60 Jahre und älter 40,5 % 39,2 % 39,4 % 38,2 %

Solche langfristigen Entwicklungstrends sind lediglich moderne Kaffeesatzleserei. Sie geben jedoch Aufschluss darüber, inwiefern sich bei den Bevölkerungsvorausberechnungen Richtungsänderungen ergeben haben. Es zeigt sich im Vergleich zur 12. Bevölkerungsvorausberechnung, dass sich sowohl der Trend zur Schrumpfung als auch zur Alterung abgeschwächt hat.

Im diesjährigen Frühjahrsthema geht es passend zur aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung um Deutschlands Zukunft im Spiegel der Öffentlichkeit von 1990 bis heute. Hier kann nachgelesen werden, welche Ängste in den letzten 25 Jahren mittels Bevölkerungsvorausberechnungen geschürt wurden und was tatsächlich eingetreten ist. Denn im Vergleich mit einem geschichtslosen Blick nach Vorn ist der Blick in die vergangene Zukunft aufschlussreicher. Typischerweise wird ja von den Medien nur sehr selten über Fehleinschätzungen der Bevölkerungswissenschaftler geschrieben. Stattdessen wird die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung immer als die dramatischste aller Zeiten beschrieben oder sie wird beschwiegen. Warum veröffentlichte z.B. der Spiegel seine Zukunftsserie zu Deutschland 2030 kurz vor und nicht nach dieser aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung? Offenbar passte dem Spiegel die positive Trendentwicklung nicht ins Konzept.

BAUMANN, Daniel (2015): Wird die Demografie zur Katastrophe?
Analyse: Einige Argumente gegen die Angst,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.04.

WELT (2015): Deutschland verliert bis zu 13 Millionen Einwohner.
Trotz Zuwanderung wird die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken. Gleichzeitig gibt es weniger Erwerbstätige und mehr Alte,
in: Welt v. 29.04.

Die Welt bleibt sich treu und nimmt den niedrigsten vom Statistischen Bundesamt berechneten Bevölkerungsstand für das Jahr 2060 als Schlagzeile. Das Statistische Bundesamt hat jedoch 8 mögliche Varianten berechnet, die von 67,563 Millionen (Rückgang von 13 Millionen Menschen) bis zu 78,606 Millionen (Rückgang von 3 Millionen Menschen) im Jahr 2060 reichen.

Stellungnahmen aus Politik und der profitgierigen Versicherungswirtschaft beenden den Seite 1-Artikel.

KAMANN, Matthias (2015): Auf die Alten kommt es an,
in: Welt v. 29.04.

Der zugehörige Kommentar von Matthias KAMANN nimmt den angeblich unausweichlichen Rückgang um 13 Millionen Menschen zum Anlass, um zum einen gegen Kinderlose zu hetzen:

"Die Geldtransfers von Alt zu Jung sind beachtlich. Doch bislang gibt es fast nur in Familien solchen Altruismus. Ihn müssen künftig auch Kinderlose aufbringen."

Tatsächlich kommen Kinderlose schon heute z. B. für die Schulen mit auf, obwohl nie ein Kind von ihnen je eine Schule besuchen wird. Dagegen wird wohl kaum ein Kinderloser etwas einzuwenden haben. Wenn man also den Beitrag von Kinderlosen beurteilen will, dann sollte man alle gesellschaftlichen Aspekte betrachten und nicht nur einzelne Aspekte herauspicken.

Und zum anderen einen Umbau des Rentensystems zu fordern, wobei KAMANN zu feige ist, konkreter zu werden:

"Form und Beginn des Rentnerdaseins müssen geändert werden".

Angesichts der Tatsache, dass jedoch auch ein nur minimaler Rückgang um nur 3 Millionen Menschen genauso möglich ist, ist die Frage zu stellen, warum die Presse ihre Aufklärungspflicht derartig missbraucht und stattdessen eine tendenziöse Berichterstattung liefert, die eher die Profitinteressen der Versicherungsbranche im Auge hat als das Wohl der Menschen in Deutschland.

KAISER, Tobias (2015): Weniger und älter.
Ohne Zuwanderer ist Deutschland aufgeschmissen. Der demografische Wandel hält bis 2060 an,
in: Welt v. 29.04.

In der Berliner Morgenpost lautet die Schlagzeile des Artikels: Deutschland gehen die Einwohner aus. Bis zu 13 Millionen Menschen weniger als heute leben im Jahr 2060 hier. Tobias KAISER behauptet, dass sich zur Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2009 "praktisch nichts geändert" hätte, obwohl "unerwartet viele Zuwanderer nach Deutschland gekommen sind". Dass dies nicht sichtbar wird ist zum einen dem Zensus 2011 geschuldet, der dazu führte, dass von heute auf morgen mit 1,5 Millionen Menschen weniger gerechnet werden musste. Diese müssten also bei einem fairen Vergleich hinzugerechnet werden. Zum anderen wurde als Basisjahr 2013 und nicht 2014 gewählt, d.h. die starke Zuwanderung der Jahre 2014 und 2015 fließt überhaupt nicht in die Berechnungen mit ein.

"Kommen heute auf 100 Menschen im Erwerbsalter 34 Seniorinnen und Senioren, würden es 2060 bereits 60 und damit beinahe doppelt so viele sein."

Die Zahlen, die uns KAISER präsentiert, sind der Variante 2 entnommen und beziehen sich auf eine Altersgrenze von 65 Jahren. Im Vergleich zur Variante 2 aus dem Jahr 2009 sind es immerhin 2 "Rentner" weniger geworden. Nimmt man jedoch die realistischere Altersgrenze von 67 Jahren, dann sind es statt der 61,1 nur noch 53,5 "Rentner" (2009 waren es dagegen noch 55,5). In der Frankfurter Rundschau hat Daniel BAUMANN ebenfalls die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung unter die Lupe genommen und auf Schieflagen bei der Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung hingewiesen.

Der Bevölkerungsstatistiker Gerd BOSBACH weist in der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass ein Blick auf 2060 vergleichbar ist mit einem Blick von 1968 auf heute. Damals wurde aufgrund des Babybooms von einem enormen Bevölkerungswachstum ausgegangen. Im Buch Die Gesellschaft der nächsten Generation aus dem Jahr 1966 heißt es in dem Aufsatz Die Stadt unserer Enkel:

"Die Zahl der Einwohner in der Münchner Stadtregion wird im Jahre 2000 auf mindestens 2,9 Millionen angewachsen sein." (Hermann von Wimpffen 1966,S.117)

Tatsächlich lebten im Jahr 2000 lediglich 1,2 Millionen Menschen in München.

Abgesehen von dieser Art von moderner Kaffeesatzleserei, wäre besser zu fragen, inwiefern z.B. das Jahr 2010 bzw. 2020 an Schrecken verloren hat im Vergleich zu den uns noch seit den 1990er Jahren prophezeiten Katastrophen. Im aktuellen Frühjahrsthema wird genau dieser Frage nachgegangen.

MARON, Thomas (2015): Deutschland schrumpft langsamer.
Tagesthema Altersaufbau: Immer mehr Deutsche leben immer länger, immer weniger Menschen werden hierzulande geboren. Im Jahr 2060 werden deshalb im Extremfall 100 Erwerbstätige 101 Senioren und Kinder versorgen müssen, schätzt das Statistische Bundesamt,
in: Stuttgarter Zeitung v. 29.04.

CREUTZBURG, Dietrich (2015): Einwanderung hält Überalterung nicht auf.
Bist 2035 steigt die Zahl der Rentner stark an. Die heutige Relation zur Arbeitsbevölkerung wäre nur bei einem Renteneinstiegsalter von 74 Jahren zu halten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.04.

Der Bericht der FAZ stützt sich - wie die Welt - auf diejenige Variante mit den ungünstigsten Berechnungen von 8 Varianten und kommt deshalb zu folgender Schlussfolgerung:

"Wollte man sicherstellen, dass auch im Jahr 2060 noch 34 Ältere auf 100 Erwerbspersonen kommen, müsste das Ruhestandsalter auf 74 Jahre steigen."

Verschwiegen wird jedoch, dass der Rentnerquotient heute weit über diesem Altenquotient liegt, aber sich sehr unterschiedlich entwickeln kann. Entscheidend ist die Arbeitsmarktlage, die Lohnentwicklung und die Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Jobs. Diese Einflussfaktoren relativieren die demografische Kopfzahl erheblich.

ÖCHSNER, Thomas (2015): Das Land der alten Menschen.
Einwanderung kann den Rückgang der Bevölkerung nur abmildern,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.04.

SAUER, Stefan (2015): Zuwanderung mit Konzept.
Statistisches Bundesamt und Migrationsexperten stellen neue Erkenntnisse vor,
in: Frankfurter Rundschau v. 29.04.

KLÖPPER, Anna & Anna LEHMANN (2015): Voll verrechnet.
Bildung: Fast überall in Berlin wird der Platz in den Schulen knapp - in Kreuzberg hat das paradoxe Folgen,
in: TAZ Berlin v. 02.06.

Anna KLÖPPER & Anna LEHMANN beschreiben am Beispiel Berliner Bezirk Lichtenberg, wie demografische Entwicklungen verschlafen werden:

"Schon 1994 hatte der schwarz-rote Senat beschlossen, die Flächen rund um die Rummelsburger Bucht, einen Seitenarm der Spree, städtebaulich zu entwickeln. Ein neues Quartier mit 5.400 geförderten Wohnungen, Gewerbe und öffentlicher Infrastruktur sollte entstehen. Doch der Boom blieb zunächst aus: Die Stadt zog sich aus dem Projekt Rummelsburger Bucht in den Jahren nach der Jahrtausendwende finanziell zurück und verkaufte die Flächen »eigentumsorientiert«.
Auf der Lichtenberger Seite siedelten nun Baugruppen und errichteten Reihenhäuser. Fast 3.500 Menschen leben heute an der Rummelsburger Bucht, darunter viele Familien mit Kindern. Allein: Eine neue Schule wurde hier nicht gebaut. "Aus der Erfahrung der 90er und frühen 2000er Jahre war ein Kinderreichtum, wie wir ihn heute erleben, nicht anzunehmen", sagt Schulstadträtin Kerstin Beurich (SPD). Entsprechende Mittel seien bezirksseitig auch gar nicht vorhanden gewesen."

Was nutzen also Bevölkerungsvorausberechnungen bis zum Jahr 2060, wenn diese zum einen bereits nach 3 Jahren vollkommen überholt sind und zum anderen kleinräumige demografische Entwicklungen den angeblichen Großtrends entgegenlaufen?

"Es muss etwas geschehen. Nirgendwo kommen weniger Kinder zur Welt als hier",

schwadroniert heute Marc BEISE in der Süddeutschen Zeitung ("Hilfen für Großfamilien"). Merkwürdig nur, dass man es in Deutschland trotzdem nicht schafft, genügend Schulen für die angeblich nicht vorhandenen Kinder zu bauen.

Wie wäre es eigentlich, statt auf die vergangenen Geburtenratenartefakte zu starren, kleinräumige und kurzfristige Geburtentrends sowie die Wanderungsbewegungen von Familien besser vorherzusagen? Offenbar ist das doch viel schwieriger als globale Trends auszuposaunen, die wenig hilfreich sind um konkrete Planungen, z.B. im Schulsektor, anzuleiten.

BUJARD, Martin (2015): Folgen der dauerhaft niedrigen Fertilität in Deutschland.
Demografische Projektionen und Konsequenzen für unterschiedliche Politikfelder,
in: Comparative Population Studies v. 03.06.

KÄFER, Armin (2015): Der Südwesten wächst und wird älter.
StZ-Tagesthema: Der demografische Wandel ist in vollem Gang. Die Kluft zwischen Stadt und Land wird größer, die Vergreisung wächst rasant - das zeigt eine Studie zur Bevölkerungsentwicklung. Die Herausforderungen an die Politik sind enorm,
in: Stuttgarter Zeitung v. 09.07.

Armin KÄFER kann offenbar nicht einmal richtig abschreiben! In der Pressemeldung der privaten, neoliberalen Bertelsmann-Stiftung heißt es:

"In den kommenden 15 Jahren steigt die Zahl der Hochbetagten über 80 Jahre bundesweit um 47,2 Prozent auf über 6,3 Millionen."

Wäre dies eine Verdopplung, dann dürften heute nur 3,15 Millionen über 80-Jährige in Deutschland leben. Das Statistische Bundesamt meldete jedoch zur Veröffentlichung der 13. Bevölkerungsvorausberechnung am 28. April diesen Jahres:

"Im Jahr 2013 lebten 4,4 Millionen 80-Jährige und Ältere in Deutschland. Ihre Anzahl wird 2060 mit insgesamt 9 Millionen etwa doppelt so hoch sein wie heute."

Eine Verdopplung der über 80-Jährigen steht uns erst in 45 und nicht bereits in 15 Jahren bevor - vorausgesetzt die jetzige Entwicklung würde 45 Jahre anhalten, was jedoch an moderne Kaffeesatzleserei grenzt.

Unsere Presse leidet eindeutig am Vergreisungssyndrom, denn wer sich Deutschland ständig als Greisenstaat vorstellen muss, der fantasiert sich die Zahlen auch entsprechend zurecht...

KOSTRZEWA, Anne (2015): Nur die Alten bleiben.
Bis 2030 wird die Landbevölkerung in Deutschland stark schrumpfen. Berlin wird voll sein - und München jung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.07.

Auch die SZ, die gerne eine "Qualitätszeitung" wäre, meldet fälschlicherweise eine Verdoppelung der 80-Jährigen bis 2030.

CICERO-Titelgeschichte: Die große Illusion.
Warum unser Wohlstand in Gefahr ist

MARGUIER, Alexander (2015): Wohlstandsillusion.
Während fast überall in Europa die Krise herrscht, freuen sich die Deutschen über ihre blühende Wirtschaft. Aber wenn wir nicht endlich aufwachen, dürfte es damit bald vorbei sein,
in: Cicero, September

Hurra, wir wachsen! titelte der Cicero im Juni 2013. Zu einem 100-Millionen-Volk sollten die Deutschen werden. Gerade mal 2 Jahre später - Deutschland platzt aus allen Nähten, droht uns Alexander MARGUIER schon wieder mit Schrumpfung und Vergreisung:

"Einer Studie der OECD zufolge wird die Zahl der Einwohner in Deutschland - Zuwanderung hin oder her - bis zum Jahr 2030 um knapp 5 Prozent von 81,1 Millionen auf 77,4 Millionen Menschen schrumpfen."

Man sollte sich stattdessen lieber die prognostizierten Zukünfte Deutschlands der vergangenen 25 Jahre ansehen - und was davon geblieben ist...

DESTATIS (2015): Jeder dritte Ostdeutsche wird bereits 2030 über 64 Jahre alt sein,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 07.09.

Anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung Bevölkerungsentwicklung in den Bundesländern bis 2060 meldet das Statistische Bundesamt:

"Die Bevölkerung in den ostdeutschen Flächenländern wird in den kommenden 20 Jahren trotz Nettozuwanderung stark altern. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Grundlage der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung nach Ländern mitteilt, wird der Anteil der über 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung der neuen Länder von 24 % im Jahr 2013 bereits bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf mindestens 32 % steigen. Danach wird er bis zum Jahr 2060 nur geringfügig auf mindestens 34 % zunehmen. Im übrigen Bundesgebiet wird der Anteil der über 64-Jährigen deutlich langsamer steigen und erst um 2060 ein vergleichbares Niveau von über 30 % erreichen."

 
     
 
       
   

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Update: 22. Januar 2017