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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

 
       
   

Abschied von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse oder Rückbesinnung der Politik auf die Stärkung von Gebieten jenseits der Großstädte und Ballungszentren? Eine kommentierte Bibliografie der Debatte (Teil 1)

 
       
     
   
     
 

Vorbemerkung

Urbanität gilt in der Wissenschaft seit langem als Leitbild und spätestens seit neoliberale Standortortpolitik und Identitätspolitik eine Liaison eingegangen sind, wurde der ländliche Raum abgeschrieben. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hat dazu beigetragen, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kein Wert mehr ist, sondern das angeblich Alternativlose wurde auch noch politisch gefördert. Seit jedoch der Rechtspopulismus den neoliberalen Konsens gefährdet, wurde auch in Deutschland der ländliche Raum als Möglichkeit zur politischen Profilierung entdeckt. Die kommentierte Bibliografie soll einen Überblick über diese Debatte ermöglichen.

     Kommentierte Bibliografie (Teil 1: 2001 - 2007)

2001

MOZ (2001): Schwedt.
Die Stadt junger Familien wurde zur Single-Stadt,
in: Märkische Oderzeitung v. 26.06.

Wer einen Einpersonenhaushalt führt, der ist so etwas wie ein Untermensch. Berichte über die Veränderung der Haushaltszahlen klingen deshalb so ähnlich wie Berichte von der Front, wenn klar ist, dass die Schlacht verloren ist. Welche Stadtteile sind schon in der Hand der Singles? Wann fällt der nächste Stadtteil? Bange Fragen. Familien sind schließlich eine aussterbende Gattung!

Solange Journalisten nur Haushalte zählen und nicht die Menschen, lässt sich dieses verzerrte Gesellschaftsbild aufrechterhalten. Aber da 85 % der Bevölkerung in Deutschland nicht im Einpersonenhaushalt lebt, wäre eine solch stumpfsinnige Auflistung ziemlich öde und langweilig. Kriegsberichtserstattung ist da eben spannender!

VOLLWEITER, Rainer (2001): Im Vordertaunus ist das schwache Geschlecht stark vertreten.
Frauenüberschuss in Kronberg und Bad Homburg bietet Anlass zu Spekulationen. Neuerdings mehr männliche Babys
in: Frankfurter Rundschau v. 14.08.

Was machen Journalisten, wenn sie über die Veröffentlichung neuer statistischer Daten berichten sollen? Sie versuchen unbrauchbare Daten mit einem allgemein interessierenden Thema zu verbinden und heraus kommt dann solch ein Artikel.

Was soll man von Angaben halten, die sich nur auf die regionale Verteilung von Männern und Frauen beziehen, aber sinnvolle Altersgruppen vermissen lassen?

Rainer VOLLWEITER jedenfalls spekuliert angesichts des Datendefizits über die Chancen von Frauen auf dem Partnermarkt in zwei hessischen Gemeinden. Man erfährt, dass Frauen der Altersgruppe 0-26 derzeit gute Chancen haben einen Partner zu finden! "Früh gefreit, nie gereut" heißt deshalb sein Motto. Am besten schon für Säuglinge auf Partnersuche gehen.

Offensichtlich gibt es vor allem bei über 60jährigen einen Frauenüberschuss. Über die Chancen im mittleren Alter erfährt man nichts.

Angesichts "globaler Nomaden" (Walter KIRN) scheinen solche regionalen Ungleichgewichte der Geschlechter für Partnersuchende im mittleren Alter an Bedeutung zu verlieren und Fernbeziehungen halten sich sowieso nicht an die Grenzen von Statistikbezirken.

KRANICH, Michael (2002): Schönbohm hält Baby-Begrüßungsgeld für fragwürdig.
Kommunen mit üppig gefüllter Gemeindekasse können Bargeldzuwendungne an Neugeborene als "Patenschaftsgeld" deklarieren,
in: Märkische Allgemeine v. 09.01.

Bericht über den Streit um die Geburtenprämie, die von der Gemeinde Basdorf in Brandenburg eingeführt wurde:

"Um dem Kinderwunsch Nachdruck zu verleihen, hatte Basdorf auf eigene Faust beschlossen, neue Erdenbürger mit 1000 Mark Begrüßungsgeld zu empfangen. Das war Bestandteil eines ganzen Systems von kinder- und familienfreundlichen Maßnahmen und hat Familienminister Alwin Ziel (SPD) so gut gefallen, dass er Basdorf im Mai 2001 sogar zur familienfreundlichsten Gemeinde des Landes Brandenburg gekürt hat."

CARSTENS, Peter (2001): Geburtenrückgang und wachsende Mobilität in Sachsen.
Der Bevölkerungsrückgang ist nur bedingt auf die Abwanderung in die alten Bundesländer zurückzuführen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.06.

HONNIGFORT, Bernhard & Franz SCHMIDER (2001): Zur Arbeit ohne Rückfahrkarte.
Eine ostdeutsche Familie: Der Vater jobbt in Bayern, die Mutter in Sachsen und die Töchter in Baden-Württemberg,
in: Frankfurter Rundschau v. 07.06.

"Living apart together" nannte sich Anfang der 1990er Jahre die freiwillige Bindungsform der "Aristokraten der Liebe" (Matthias HORX), heutzutage stehen dagegen die berufsbedingten Formen der "Spagatfamilie" (Ulrich BECK), "Commuter-Ehe" (Rüdiger PEUCKERT) oder "Fernliebe" im Brennpunkt.

Die Romantisierung der Familienpolitik - wie sie z.B. im Imagewandel der Grünen zum Ausdruck kommt (vgl. Bernhard PÖTTER "Harte Politik, kein Kinderspiel",  taz 07.06.2001) - verkennt die Realitäten in Deutschland. Fehlende Arbeitsplätze und damit verbundene Abwanderungsprozesse führen genauso zum Bevölkerungsrückgang wie die Hoffnungslosigkeit der Daheimgebliebenen:

"was Tochter Nicole in Lörrach auffiel (...): 'Man sieht hier so viele Kinder überall.' Im letzten Jahr vor der Wende wurden in den ostdeutschen Ländern noch 220 000 Kinder geboren. 1994 waren es gerade noch 79 000, im vergangenen Jahr 104 000. Nirgendwo sonst auf der Welt werden weniger Kinder geboren als in Ostdeutschland: 1,1 pro Frau (...). Die fünf ostdeutschen Länder haben in den vergangenen zehn Jahren eine Million Einwohner verloren. Hält der Trend an, wird die Bevölkerungszahl bis 2020 noch einmal um eine halbe Million sinken. Europaweit haben Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die höchsten Abwanderungsraten. Nur die portugiesische Armenregion Alentejo weist vergleichbare Zahlen auf. Noch schmerzlicher als die reine Zahl ist, dass vor allem die hoch qualifizierten und jungen Menschen den Osten verlassen."

2002

RAMELSBERGER, Annette (2002): Wo Altersheime die Zukunft sind.
In Grimmen wandern ganze Schulklassen in den Westen ab,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.04.

Annette RAMELSBERGER war im Osten, dort wo es zwar eine kinderfreundliche Infrastruktur gibt, aber kaum Menschen mehr, die dort eine Familie gründen möchten.

HILLA, Dieter (2002): Krefeld gehen die Kinder aus.
Im Jahr 2015 werden 18 000 Menschen weniger in Krefeld wohnen als heute. Dies geht aus der jüngsten Studie zur Bevölkerungsentwicklung hervor. OB Dieter Pützhofen forderte gestern Gegenmaßnahmen.
in: Rheinische Post v. 19.06.

Man wird in 13 Jahren den heutigen Bericht auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen können. Nur wird dann keiner mehr sagen können, ob die Prognose je hätte Realität werden können, denn die Politik reagiert auf eine Problemdefinition und verändert damit das Problem selbst. Allein die Plausibilität der Problemdefinition reicht aus, um politische Projekte durchsetzen zu können. So wird in Krefeld offenbar der demografische Wandel dazu benutzt, um Neubaugebiete gegen missliebige Umweltschützer durchzusetzen. Ob solche kleinräumige Bevölkerungsprognosen überhaupt einen Sinn machen, diese wichtige Frage wird erst gar nicht gestellt. Es belegt jedoch, dass die bevölkerungspolitische Problemdefinition mittlerweile zur Selbstverständlichkeit in der politischen Alltagsrhetorik geworden ist. Christoph BUTTERWEGGE bezeichnet eine solche Strategie als Biologisierung sozialer Konflikte.

SOMMER, Bettina & Hermann VOIT (2002): Bevölkerungsentwicklung 2000,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 7, S.557-565

SOMMER & VOIT gehen u.a. auf die Entwicklung der Wanderungsverluste in Ostdeutschland ein (Wanderungssaldo neue Bundesländer und Ost-Berlin gegenüber dem früheren Bundesgebiet), die aus der folgenden Tabelle ersichtlich sind:

Jahr

Abwanderungsverlust

1990 359.126
1991 169.476
1992 87.825
1993 53.286
1994 27.260
1995 25.273
1996 14.034
1997 10.441
1998 30.728
1999 43.587
2000 61.277
Quelle: WIST 7/2002, Tabelle 4,
S.560

 

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Serie: In der demographischen Zeitenwende (Teil 4)

BISKY, Jens (2002): Angenehm leer.
Ziellos mobil,
in: Süddeutsche Zeitung v. 04.09.

Es ist nichts als blanker Zynismus, wenn Jens BISKY, Jahrgang 1966, die Probleme eines strukturschwachen Gebietes - und damit die räumliche Dimension sozialer Ungleichheit - in ein Modell der zukünftigen Entwicklung der Altengesellschaft in Deutschland umdeutet. Dieser Zynismus hat System und ist durchaus kein zufälliger Einzelfall, sondern er ist paradigmatisch für die neue Art den Verteilungskampf zu verfechten. Neue Mythen braucht das Land!
Das ist das Motto der bevölkerungspolitisch motivierten Sozialpopulisten. Im Jahr 1966 wurde in den USA der Roman Make Room! Make Room! (deutsch: New York 1999) von Harry HARRISON veröffentlicht. Damals war die Bevölkerungsexplosion ein weit verbreitetes Schlagwort und
HARRISON
malte sich aus, wie New York im Jahr 1999 aussehen würde. Er beschrieb die Metropole als 40 Millionen-Stadt,
in der die Menschen wegen Nahrungsmittelknappheit Soylent Green (Menschenfleisch!) verabreicht bekommen.
Besser bekannt dürfte der Film von Richard FLEISCHER sein: Jahr 2022 ... die überleben wollen (im Original Soylent Green, USA 1973).  Anfang der 70er Jahre musste man die Geschichte bereits ins Jahr 2022 verlegen, um noch glaubwürdig zu erscheinen. Heutzutage reden Bevölkerungswissenschaftler nicht mehr von einer Bevölkerungsexplosion, denn auch die Weltbevölkerung nimmt nicht in dem Maße zu, wie das die Bevölkerungsexperten Mitte der 60er Jahre prognostiziert haben. BISKYs Szenario des leeren Landes wird in 30 Jahren genauso überholt sein wie heutzutage das Science-Fiction-Szenario New York 1999. New York City hatte im Jahr 2001 etwas mehr als 8 Millionen Einwohner. Und das ist gut so!

2003

ZEIT-Serie: Land ohne Leute (Teil 1)

NIEJAHR, Elisabeth (2003): Land ohne Leute.
Deutschland verliert jährlich 200000 Einwohner, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Es wächst ein demografisches Problem ungeheuren Ausmaßes heran, doch die Politiker ignorieren es,
in: Die ZEIT Nr.2 v. 02.01.

HUMMEL, Katrin (2003): Kinder, Kinder, Kinder.
Im Landkreis Cloppenburg wären die Renten noch sicher - wenn es den Rest Deutschlands nicht gäbe,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.01.

Katrin HUMMEL, Jahrgang 1968, berichtet aus Emstek, dem kinderreichsten Ort in ganz Deutschland. 189 Neugeborene bei 10.250 Einwohnern im Jahr 2000 meldet HUMMEL. Gleichzeitig ist dort die Arbeitslosenquote am niedrigsten, aber es herrscht Überproduktion von Schweinefleisch ("jede Stunde werden 600 Schweine geschlachtet"). Ob die Renten sicher wären, wäre jedoch keineswegs ausgemacht, denn wer sollte denn das ganze Schweinefleisch essen, wenn es Restdeutschland nicht gäbe?

SEILER, Lutz (2003): Schwarze Abfahrt Gera-Ost.
Deutsche Landschaften Thüringen (9): Die Welt hinter Korbußen, Bethenhausen, Brahmenau, Hirschfeld, Pölzig, Reichsstädt und Schwaara, 
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.01.

Der in Gera geborene Schriftsteller Lutz SEILER erzählt vom Thüringen seiner Kindheit, den Korbmachern und dem Uranabbau, der die Gegend um Gera prägte:

"(D)as winzige Dorf (...) meiner Kindheit (...) zählt 502 Einwohner und heißt Korbußen. (...). Damals sagte man, der Name des Ortes ginge zurück auf die slawischen Korbmacher (...). Auch meine Mutter hat noch Ruten geschnitten. (...) Die Ruten wurden an einen Korbmacher geliefert im benachbarten Großenstein, das heute mit den Ortschaften Korbußen, Bethenhausen, Brahmenau, Hirschfeld, Pölzig, Richstädt und Schwaara eine Verwaltungsgemeinschaft bildet. (...). Einige Jahre hatten wir in Korbußen, dem zweiten Dorf meiner Kindheit geliebt, nachdem das erste namens Culmitzsch für den Uranbergbau geschleift worden war und bevor wir, wie viele der ausquartierten Dörfler, eine der damals begehrten Neubauwohnungen in der Stadt zugewiesen bekamen. (...). Schon in den achtziger Jahren veränderte sich die Gegend. (...). Plattenbauten schoben sich von Gera-Bieblach her über die Hügel auf die Dörfer zu. (...). Die Neubauten der achtziger Jahre und die Reihenhäuser der Nachwendezeit reichen bereits bis an das Korbußen benachbarte Dorf Trebnitz heran, das (...) inzwischen zur Stadt Gera gehört. (...). Das berühmte Heilbad Bad Ronneburg zog mit seinen strahlenden Wassern reichsweit ein illustres Publikum an. (...). Aus Bad Ronneburg wird nach dem ersten Weltkrieg wieder Ronneburg und nach dem zweiten die »Grube Ronneburg« mit ihren weithin sichtbaren Kegelhalden (...). Wer die Uranprovinz noch einmal sehen will, muss sich beeilen. 2007 sollen alle Halden verschwunden sein, dann wird die Bundesgartenschau sich mit ihrer guten dunklen Muttererde über den Schutt gelegt haben."

MELLE, Stefan (2003): Wiederbelebungsversuch.
Wo es an Arbeit fehlt, schrumpfen die Städte. Die Kultur soll neue Impulse geben,
in: Berliner Zeitung v. 22.02.

Für Sozialpopulisten wie Meinhard MIEGEL oder Hermann ADRIAN ist die Sache klar: Der demographische Wandel bzw. Kinderlose sind schuld an allen Problemen unserer Gesellschaft, also auch an schrumpfenden Städten. Tatsache ist jedoch: Die Bevölkerung wächst dort, wo Arbeitsplätze entstehen, die Menschen ernähren können. Diesen Ansatz stellt Stefan MELLE vor:

"In den meisten Häusern, die in Ostdeutschland abgerissen werden, hätten noch lange Leute wohnen können. Aber sie ziehen weg aus Leinefelde, Schwedt oder Suhl - wie die Industrie, die sie ernährte. Die leeren Häuser verfallen und kosten Geld. Also beseitigen Bund, Länder und Kommunen sie für viel Geld als unerwünschte Ruinen.
Aber der Abriss ist für die Städte keine Dauerlösung, und er vergeudet Ressourcen. Daher will die Bundeskulturstiftung jetzt die kulturellen Folgen für schrumpfende Städte international untersuchen. Denn seit 1950 büßten 136 Großstädte aller Kontinente jeweils mehr als 100 000 Einwohner ein. In Afghanistan eher durch Kriege. Im Osten der USA oder in Großbritannien aber wie in Ostdeutschland durch den Umbau der Wirtschaft.
            Das Projekt vergleicht die US-Autostadt Detroit sowie Liverpool und Manchester, die alle rund die Hälfte der Bewohner verloren - mehr als die Region Halle/Leipzig, die in dem Projekt besonders beleuchtet wird."

BOLLWAHN DE PAEZ CASANOVA, Barbara (2003): König Ludwigs Volk soll leben.
Babyprämie in einer bayerischen Kleinstadt: In Marktoberdorf im Allgäu zahlt der Zigarrenhändler Peter Fendt 1.000 Euro Prämie für das dritte und jedes weitere Kind einer Familie. Ausländer und Heiden kriegen nichts. Denn der Mann will, dass sich die bayerische Bevölkerung erhält. Am Ende des Projekts steht die Unabhängigkeit des Freistaats,
in: TAZ v. 26.02.

Reportage über die rund 18.500 Einwohner zählende Kleinstadt Marktoberdorf, in der Peter FENDT von der Bayernpartei eine Gebärprämie von 1.000 Euro für dritte und weitere Kinder biodeutscher Eltern aussetzte. Genutzt hat es der Bevölkerungsentwicklung nichts, obwohl die Bayernpartei weiterhin im Stadtrat sitzt. Im Stimmkreis Marktoberdorf kam die AfD bei der Landtagswahl 2018 auf 8,94 % und die Konkurrenz von der Bayernpartei auf 3,26 % Zweitstimmenanteil.

STEINFELD, Thomas (2003): Sennestadt.
Deutsche Landschaften (13). Pepitahut mit Anspruch auf Besonnung.
Ein mildes Licht liegt heute auf der Stadt: Auf dem ostwestfälischen Sand wurde vor fünfzig Jahren ein Gemeinwesen für die ganze Familie errichtet. Eine Erinnerung an eine soziale Utopie,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.04.

"Auf dem kargen Boden der Senne, wo Schafe weideten, wo ein paar Bauern (...) ihre Kartoffelfelder pflügten, (...) gründete im Jahr 1956 die »Sennestadt GmBH«, ausgestattet mit einem Kapital von dreißigtausend Mark, eine  Jahr 1956 die »Stadt im Grünen«. Diese Stadt war eine der größten, aber zugleich unauffälligsten sozialdemokratischen Utopien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland erreichtet wurden, keine Trabantenstadt (...), sondern ein neues Gemeinwesen einschließlich Industriegebiet, Gymnasium und Kläranlage, eine Stadt für zwanzigtausend Einwohner, deren Autonomie in ihren Grundriss gezeichnet worden war, eine Neugründung, die ganz für sich allein bestehen sollte",

schreibt Thomas STEINFELD über den Bielefelder Stadtbezirk Sennestadt in Nordrhein-Westfalen, der die Kluft zwischen Planung und Wirklichkeit beschreibt, die natürlich dem demografischen Wandel geschuldet ist:

"Nun aber  besichtigt man die einstige Planung von Kinderfreundlichkeit, aber in der Stadt begegnet man vor allem alten Menschen: (...). Von Systemvertrauen sprach der Soziologe Niklas Luhmann (...) Eine Weile hat das funktioniert, sogar gut, dann schien sich der Enthusiasmus zu erschöpfen. Die Schwimmhalle ist heute für die Öffentlichkeit geschlossen, weil die Stadt nicht mehr den Bademeister bezahlen kann. Aus Sennestadt, der Stadt der jungen Familien, des behüteten Nachwuchses, sind die Kinder fortgezogen und nur die Eltern sind geblieben."

Wie es sich fürs Feuilleton gehört, wird der Mangel an Großbürgerlichkeit kritisiert:

"Auf alles, was an bürgerlichen Einrichtungen großartig war oder hätte werden können, wurde hier verzichtet. Es fehlen die Villen, die Fabriken und die Boulevards, die Kunst, die Salons und der Krieg. Nach der großen Niederlage wurde klein gebaut. (...). Die britische Armee mochte ihre Kasernen, Fliegerhorste und Übungsplätze in (...) Sennelager haben."   

HILBIG, Wolfgang (2003): Die farbigen Gräber.
Deutsche Landschaften Das Altenburger Land (19): Wer sich ins östliche Thüringen begibt, kann dem Industriezeitalter in den Rachen schauen. Ein Porträt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.06.

Der in Meuselwitz im Landkreis Altenburger Land geborene Schriftsteller Wolfgang HILBIG schreibt über die Gegend seiner Kindheit und Jugend im thüringischen Braunkohletagebaugebiet.

BÀNK, Zsuzsa (2003): Der Himmel, der alles wegfegt.
Deutsche Landschaften Fehmarn (20): Zwischen Brückengeländern über eine bleiblaue Ostsee: Wei kann es sein, dass wir nicht am Meer leben? Ein Porträt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 05.07.

ROSENFELD, Dagmar (2003): Land ohne Leute.
Auf einer Wiese stehen rostige Pfosten, hier war mal ein Fußballplatz. Jetzt brauchen sie keinen mehr, der Nachwuchs fehlt. In Mecklenburg-Vorpommern entvölkern sich Städte und Dörfer. In 50 Jahren ist es in ganz Deutschland so, sagen Experten. Ein Blick in die Zukunft,
in: Tagesspiegel v. 15.07.

Mit dem Konstrukt "demografischer Wandel" hat sich die Politik elegant aus der Verantwortung geschlichen! War früher ein Land ohne Leute ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Land seine Leute nicht ernähren konnte - strukturschwaches Gebiet hieß so etwas einmal - , so wird heute einfach die Argumentation umgekehrt. Das Problem der Arbeitslosigkeit wird umgedeutet in das Problem des Geburtenrückgangs. In seinem Buch Vorbild Deutschland deckt der Wirtschaftsjournalist Detlef GÜRTLER diesen Betrug auf. Dort wo die Menschen solche Arbeit finden, die eine Familie standesgemäß ernährt, dort wächst auch die Bevölkerung.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Serie: Völkerwanderung in Deutschland (Teil 1)

ZEKRI, Sonja (2003): Eine Stadt bleibt übrig.
Mezzogiorno an der Ostsee: Im vorpommerschen Wolgast schließen schon die Schulen.
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.08.

taz-Dossier: Deutsche, wollt ihr ewig leben?
Arbeit, Rente, Gesundheit: Der Nation gehen die Jungen aus. Ein Dossier zum demografischen Wandel der Gesellschaft

WINKELMANN, Ulrike (2003): Vom Jugendwahn verschont geblieben.
Was heisst das: Alt sein im Jahr 2030? Wer in einem Kurort aufgewachsen ist, weiß, wie sich das Leben im Rentnerpark Deutschland künftig anfühlen wird,
in: TAZ v. 13.09.

"Wer in Bad Lippspringe aufwächst, weiß, wie die deutsche Kleinstadt in dreißig Jahren aussieht",

erzählt uns Ulrike WINKELMANN, Jahrgang 1971, über den ostwestfälischen Kurort Bad Lippspringe, der in der Nähe von Paderborn liegt:

"Städtchen am Teutoburger Wald, das 15.000 Einwohner, 350.000 Übernachtungen vornehmlich von Gästen im Rentenalter und drei Heilquellen zählt".

TKALEC, Maritta (2003): Die neue Republikflucht ist weiblich.
Viel mehr junge Frauen als Männer ziehen in den Westen,
in: Berliner Zeitung v. 07.10.

"Warum sind unter den 620.000 Menschen, die der Osten zwischen 1991 und 2001 an den Westen verlor, 409.000 Frauen und nur 211.000 Männer?"

fragt sich Maritta TKALEC, Jahrgang 1956, und spekuliert über die Gründe:

"Bekannt aus alter Zeit ist die Dienstmädchenmigration, die junge Frauen massenhaft vom Land in die Städte führte. Historisch üblich ist es, dass die Frau eher dem Manne an dessen Wohnort nachzieht. Traditionell trifft zu, dass Frauen ihren Mann gern dort suchen, wo sie Gutverdiener vermuten. Und noch immer gilt die alte Regel, wonach der Arbeitsmarkt der größte Heiratsmarkt ist.
Der Osten jedenfalls wird als Heiratsmarkt immer unattraktiver. Und weil Frauen ihre Kinder dort bekommen, wo sie wohnen, hat der Osten zwischen seinen Rentnern bald noch mehr Platz für die Ansiedlung von Wölfen und Bären als heute schon."

MAYER, Verena (2003): Liebe in den Zeiten der Arbeitslosigkeit.
Frankfurt an der Oder hat es schwer. Die geplante Chip-Fabrik wird nicht gebaut, und nirgendwo in Deutschland werden mehr Ehen geschieden als hier. Warum ist in dieser Stadt kein Platz für die Liebe?
in: Tagesspiegel v. 14.12.

2004

SCHLEGEL, Matthias (2004): "Wenn Arbeitslose gehen, ist das eine Entlastung".
Wirtschaftsforscher sieht in der Abwanderung kein Drama. Nach seiner Einschätzung ziehen mehr Höherqualifizierte in den Osten,
in: Tagesspiegel v. 02.01.

Herbert BUSCHE vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle über die nicht vorhandenen demografischen Probleme des Osten:

  • "Die niedrige Geburtenrate in Ostdeutschland verschärft ja noch das demografische Problem.
    Das wird sich bald wieder entschärfen: Zu DDR-Zeiten haben die Frauen mit 18 bis 20 Jahren Kinder bekommen. Nach der Wende haben sie sich westdeutschen Verhältnissen angepasst und warten damit zehn Jahre länger. Diesen Knick in der Geburtenrate werden wir bald hinter uns haben.
    Bleibt nicht die Zukunftsfähigkeit des Ostens insgesamt auf der Strecke, wenn so viele junge Leute weglaufen?
    In der DDR gab es damals eine Geburtenrate von 2,2, im Westen von 1,4. 1990 ging sie im Osten sprunghaft auf 1,1 zurück. Wir schieben dort also immer noch einen Geburtenüberschuss vor uns her. Auch deshalb ist die Abwanderung von jungen Leuten unter dem Strich kein Drama.
    "

HÖGE, Helmut (2004): Zurück aufs Land!
Das "freiwillige ökologische Jahr" auf dem Land wird immer beliebter. Die Landverschickung von Künstlern und Schriftstellern auch. Sind auch Sie bereit fürs Land? tazzwei wird ab heute in unregelmäßiger Folge die "Agronauten" zu Wort kommen lassen,
in: TAZ v. 12.01.

Helmut HÖGE droht eine neue taz-Serie an. Was für die einen das Zurück zur Familie ist, das ist für andere das Zurück zum Land. Im schwarz-grünen Zukunftsmodell Laer ist beides konsequent zusammengedacht. In der Krise entdeckt unsere neue Werteelite nun die Gegenmoderne.

Kolja MENSING, Jahrgang 1971 und Autor des Buchs Wie komme ich hier raus? (2002) über das Aufwachsen in der Provinz, hat die Annäherung von Stadt und Land bereits letztes Jahr zum Thema eines Buches gemacht, während Bodo MORSHÄUSER, Jahrgang 1953, im Buch In seinen Armen das Kind die letzte Landkommunenbewegung aufgearbeitet hat.

Die Stadtsoziologen haben sich allzu lange mit der Yuppisierung der innenstadtnaher Wohngebiete beschäftigt, währenddessen die Suburbanisierung die Topografie umgestaltet hat.

Nun, da die besser verdienenden Family-Gentrifier die Innenstädte in Besitz nehmen, entdecken die Stadtsoziologen das Suburbane.

HUMMEL, Katrin (2004): Wie eine Gemeinde die Geburtenfreude steigert.
Das Beispiel Laer bei Münster. Wo die Ganztagsbetreuung gesichert ist, entscheiden Frauen sich leichter fürs Kinderkriegen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.04.

Neben dem urbanen Popelternmodell à la Prenzlauer Berg existiert noch die katholische Landvariante im nordrheinwestfälischen Laer. Von dort berichtet MEL. Was dabei zu beachten ist: Sozialpopulisten nehmen den Geburtenrückgang, d.h. den zahlenmäßigen Rückgang von Geburten, gerne zum Anlass, um die jungen Singles zu verdammen. Heutzutage ist es jedoch so, dass hinter einem Geburtenrückgang eine Steigerung der Geburtenrate, d.h. mehr Geburten pro Frau im gebärfähigen Alter stehen kann. Dies ist in Laer der Fall.
Und es könnte auch bundesweit der Fall sein. Der vor kurzem gemeldete Geburtenrückgang sagt für sich genommen also noch nichts aus.

HERRMANN, Ulrike (2004): Wo Deutschland jung ist.
In religiös geprägten Gegenden kommen viele Kinder zur Welt. Bald öd und leer: Gelsenkirchen und Löbau-Zittau
in: TAZ v. 23.04.

Ulrike HERRMANN, früher für die kinderlosenfreundliche Berichterstattung bei der taz zuständig, muss nun zur Strafe über die Studie vom Berlin-Institut berichten. Mehr muss man über die bevölkerungspolitische Wende der taz nicht mehr sagen. Mit dem Zusammenhang von Katholizismus, Sozialstaat und Geburtenpolitik beschäftigt sich das Mai-Thema von single-generation.de:

"Kindersegen durch Glaubensstrenge? Das Beispiel Cloppenburg in Niedersachsen scheint dies nahe zu legen. Nirgendwo sonst kommen in Deutschland so viele Kinder zur Welt wie in dieser katholischen Enklave: 1,92 pro Frau. Allerdings, das verwirrt, sind die Protestantinnen in Cloppenburg genauso gebärfreudig - obwohl es kaum Kinderbetreuung gibt."

Der in Deutschland dominante Katholizismus ohne Katholiken erklärt, warum dies so ist.

GRASSMANN, Philip (2004): Forscher sehen Deutschland auf dem Weg in die zweite Liga.
Studie über Folgen der Überalterung und des Wegzugs junger Menschen. Schlechte Zukunftschancen für den Osten, aber auch für einige Regionen im Westen/Bayern und Baden-Württemberg am besten gerüstet,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.04.

Philip GRASSMANN weist darauf hin, dass die 5 Landkreise mit der schlechtesten Zukunftsfähigkeit allesamt Leidtragende des Zusammenbruchs traditioneller Industrien seien: "Altenburger Land (Braunkohletagebau), Wismar und Bremerhaven (Schiffbau), Gelsenkirchen (Kohle), Löbau-Zittau (Textilwirtschaft)."

SCHWÄGERL, Christian (2004): Im alten Land.
Raum ohne Volk: Zwischen Usedom und Fichtelgebirge wird man schon im Jahr 2020 kaum noch Menschen begegnen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.04.

BÄUMLISBERGER, B/BEHREND, T./FUHRER, A./HEISSMEYER, A./SCHWAB, F. (2004): Die geteilte Republik.
Bis zum Jahr 2020 öffnet sich eine Riesenkluft zwischen Boomregionen und Landschaften, die veröden. Der Abstieg trifft nicht nur den Osten, sondern auch Teile des Westens,
in: Focus Nr.18 v. 26.04.

GEO-Titelgeschichte: Deutschlands Zukunft.
Wie werden wir leben? Wo werden wir leben? Welche Aussichten hat unsere Gesellschaft?

SPARMANN, Anke (2004): "Vielleicht irgendwann...".
Geburtenreichtum und -armut sind ungleich verteilt. Im Kreis Cloppenburg bekommen Frauen doppelt so viele Kinder wie in Heidelberg. In Hoyerswerda leben viele Männer ohne Aussicht auf eine eigene Familie. Liegt das am Geld oder am Glauben? An Beruf, Bildung oder Beziehungen? Die Suche nach den Ursachen hat überraschende Einsichten zutage gebracht - wenn auch keine einfachen Antworten,
in: GEO. Das neue Bild der Erde, Mai

Anke SPARMANN hat mit dem Mannheimer Soziologen Karsten HANK gesprochen, der sich in der Studie Zur Struktur und Kontinuität regionaler Fertilitätsunterschiede mit regional unterschiedlichem generativen Verhalten beschäftigt hat. Seine Erkenntnis:

"Geographisch siedeln Kinderreichtum und Kinderarmut oft dicht beieinander. Die geburtenstarken Landstriche Bayerns oder Baden-Württembergs etwa liegen im Hinterland »extremer Ausreißer nach unten«, den Universitätsstädten Würzburg und Heidelberg."

In Heidelberg hat sich SPARMANN mit dem Soziologen Thomas KLEIN unterhalten, der trotz Anstieg der Single-Haushalte keinen Anstieg der Partnerlosen erkennen kann:

"der Anteil der Personen, die ohne feste Partnerschaften leben, ist trotz angeblichen »Individualisierungsschubes« seit den 1960er Jahren weitgehend konstant geblieben."

KLEIN sieht jedoch einen Unterschied bei der Dauerhaftigkeit der Partnerschaften. Das Single-Dasein ist in dieser Sicht keine alternative Lebensform, sondern Single- und Paarphasen wechseln sich im Lebensverlauf ab. Dies ist nach KLEIN auch ein weiterer Grund für den Geburtenrückgang. Erst Paare, die längere Zeit zusammenleben entscheiden sich für Nachwuchs. KLEIN plädiert deswegen dafür, Paarberatungsstellen staatlicherseits zu fördern, denn Familiengründung beginnt mit der Partnerwahl und nicht erst mit der Geburt, wie die traditionelle Familienpolitik dies annimmt. Auch das Lieblingsthema von KLEIN fehlt nicht: der Heiratsmarktengpass. Frauenüberschuss unter Heidelberger Studenten einerseits und Männerüberschuss in Hoyerswerda. Beides verringert die Chancen der Familiengründung.

MICHAL, Wolfgang (2004): Region der Zukunft.
...haben Raumplaner die entvölkerten Gebiete in Deutschlands Mitte genannt. Weil es hier schon heute aussieht wie bald vielerorts auf dem Land: verlassen. Ein Teufelskreis aus Landflucht, Alterung und wegbrechenden Steuereinnahmen, dem Politiker ohnmächtig gegenüberstehen. Schulen, Geschäfte und Bahnhöfe machen dicht. Zurück bleibt demographisches Ödland, zu schwach für einen Neuanfang,
in: GEO. Das neue Bild der Erde, Mai

GEO -Extrabeilage: Kreise und Städte im Test.
Der demographische Wandel: Daten, Trends und Analysen

GEO (2004): Der demographische Wandel: Daten, Trends und Analysen.
Kreise und Städte im Test,
in: GEO. Beilage zu den demographischen Perspektiven Deutschlands, Mai

Die Beilage macht viele Worte, hat jedoch nur wenig Fakten zur regionalen Bevölkerungsentwicklung zu bieten. Die Fakten werden durch Noten verschleiert, die viel Spielraum für Spekulation lassen. Beispielhaft hier einige Aussagen zu gesamtdeutschen und regionalen Entwicklungen:

Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung von 2000 bis 2020:

"Während die Bevölkerung auf Bundesebene - eben durch ausländische Zuzügler - weiter gewachsen ist, haben in den 1990er Jahren bereits ein Drittel aller Kreise Einwohner verloren. Bis 2020 wird sich ihre Zahl fast verdoppeln und die Gesamtbevölkerung amtlichen Prognosen zufolge zurückgehen. Zugewinne sind dann in 428 von 440 Kreisen nur noch durch inenrdeutsche Umverteilungen und den Wettbewerb um Immigranten zu erzielen."  (2004, S.4)

Baden-Württemberg:

"In den Kreisen Freudenstadt, Rastatt, dem Bodenseekreis und dem Landkreis Heilbronn wird die Zunahme (...) über zehnt Prozent betragen. Einzelne Städte dagegen schrumpfen, am stärksten der Kurort Baden-Baden. Jeder Vierte ist Rentner: bis 2020 wird die Stadt etwa 14 Prozent ihrer Einwohnerschaft verlieren" (2004, S.6)

Bayern:

"Nur Oberfranken im Norden Bayerns erlebt demographisch einen Niedergang: die Bevölkerung der Landkreise Wunsiedel, Hof und Kronach wird bis 2020 um etwa 15 Prozent schrumpfen. Die Region war im Gegensatz zum Rest des Bundeslandes schon früh industrialisiert - nun wird ihr, mit dem Zusammenbruch der Porzellan-, Textil- und Möbel-Industrie in den 1990er Jahren, der einstige Vorsprung zum Verhängnis." (2004, S.7)

Kassel:

"Bis 2020 wird die bereits seit 1994 schrumpfende Stadt voraussichtlich weitere fünf Prozent an Einwohnern verlieren." (2004, S.8)

Nordhessen:

"Besonders stark wird die Bevölkerung in den strukturschwachen ländlichen nordhessischen Regionen im ehemaligen Zonenrandgebiet zurückgehen - im Werra-Meißner-Kreis sogar um 15 Prozent." (2004, S.8f.)

Pirmasens in Rheinland-Pfalz:

"Bis 2020 könnte die Stadt im Vergleich zu 1999 rund 18 Prozent an Bevölkerung verlieren" (2004, S.12)

Sachsen:

"Zu den leidtragenden Gebieten zählen vor allem die Oberlausitz im Osten und das Erzgebirge im Südwesten. Im Kreis Löbau-Zittau etwa kamen zudem im Jahr 2001 in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen auf 100 Männer nur noch knapp 80 Frauen, und 9,3 Prozent der Einwohner waren älter als 75 Jahre. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung sagt für die Region bis 2020 einen weiteren Bevölkerungsverlust von rund 15 Prozent voraus." (2004, S.13)

Für folgende Kreise und Städte werden starke Bevölkerungsverluste bzw. -zugewinne prognostiziert:

Tabelle: Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020
Landkreise und Städte mit Bevölkerungsverlusten
von 15 und mehr Prozent (Note 6)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungswachstum von 10 und mehr Prozent (Note 1)
Stadt Coburg (Bayern) Bodenseekreis (Baden-Württemberg)
Kronach (Bayern) Freudenstadt (Baden-Württemberg)
Wunsiedel im Fichtelgebirge (Bayern) Landkreis Heilbronn (Baden-Württemberg)
Cottbus (Brandenburg) Rastatt (Baden-Württemberg)
Oberspreewald-Lausitz (Brandenburg) Landkreis Augsburg (Bayern)
Prignitz (Brandenburg) Bad Tölz-Wolfratshausen (Bayern)
Spree-Neiße (Brandenburg) Dachau (Bayern)
Uckermark (Brandenburg) Deggendorf (Bayern)
Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) Ebersberg (Bayern)
Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) Eichstätt (Bayern)
Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) Erding (Bayern)
Rügen (Mecklenburg-Vorpommern) Freising (Bayern)
Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) Ingolstadt (Bayern)
Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) Kelheim (Bayern)
Goslar (Niedersachsen) Landsberg am Lech (Bayern)
Northeim (Niedersachsen) Landkreis Landshut (Bayern)
Stadt Osnabrück (Niedersachsen) Neuburg-Schreobenh. (Bayern)
Osterode am Harz (Niedersachsen) Pfaffenhofen a. d. Ilm (Bayern)
Salzgitter (Niedersachsen) Landkreis Regensburg (Bayern)
Wilhelmshaven (Niedersachsen) Stadt Rosenheim (Bayern)
Wolfsburg (Niedersachsen) Landkreis Rosenheim (Bayern)
Bremerhaven (Bremen) Starnberg (Bayern)
Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen) Straubing-Bogen (Bayern)
Hagen (Nordrhein-Westfalen) Weilheim-Schongau (Bayern)
Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) Barnim (Brandenburg)
Pirmasens (Rheinland-Pfalz) Dahme-Spreewald (Brandenburg)
Aue-Schwarzenberg (Sachsen) Havelland (Brandenburg)
Chemnitz (Sachsen) Märkisch-Oderland (Brandenburg)
Görlitz (Sachsen) Oberhavel (Brandenburg)
Löbau-Zittau (Sachsen) Potsdam-Mittelmark (Brandenburg)
Mittweida (Sachsen) Teltow-Fläming (Brandenburg)
Riesa-Großenhain (Sachsen) Main-Taunus-Kreis (Hessen)
Aschersleben-Staßfurt (Sachsen-Anhalt) Bad Doberan (Mecklenburg-Vorpommern)
Bernburg (Sachsen-Anhalt) Nordwestmecklenburg (Mecklenburg-Vorpommern)
Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) Ammerland (Niedersachsen)
Dessau (Sachsen-Anhalt) Cloppenburg (Niedersachsen)
Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt) Harburg (Niedersachsen)
Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) Lüneburg (Niedersachsen)
Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) Stadt Oldenburg (Niedersachsen)
Schönebeck (Sachsen-Anhalt) Landkreis Osnabrück (Niedersachsen)
Stendal (Sachsen-Anhalt) Stade (Niedersachsen)
Wittenberg (Sachsen-Anhalt) Borken (Nordrhein-Westfalen)
Altenburger Land (Thüringen) Rhein-Sieg-Kreis (Nordrhein-Westfalen)
Eichsfeld (Thüringen) Alzey-Worms (Rheinland-Pfalz)
Greiz (Thüringen) Mainz-Bingen (Rheinland-Pfalz)
Jena (Thüringen) Neuwied (Rheinland-Pfalz)
Kyffhäuserkreis (Thüringen) Leipziger Land (Sachsen)
Saale-Orla-Kreis (Thüringen) Muldentalkreis (Sachsen)
Saalfeld-Rudolfstadt (Thüringen) Sächsische Schweiz (Sachsen)
Sonneberg (Thüringen) Weißeritzkreis (Sachsen)
Unstrut-Hainich-Kreis (Thüringen) Ohrekreis (Sachsen-Anhalt)
  Saalkreis (Sachsen-Anhalt)
Quelle: Geo-Beilage Heft 5, 2004, S.22ff. 
RHEINISCHER MERKUR-Spezial: Deutschland - Uneinig Vaterland.
Die Armut nimmt wieder zu. Neue Gegensätze spalten die Republik. Droht ein Klassenkampf wie in der Vergangenheit?

MEHLITZ, Johannes (2004): West gegen Ost.
Hoyerswerda blickt in eine blasse Zukunft,
in: Rheinischer Merkur Nr.32 v. 05.08.

BESSING, Joachim (2004): Lob der Provinz.
Warum will alle Welt in die Großstadt ziehen? Plädoyer für ein Leben im Abseits,
in: Welt am Sonntag v. 22.08.

Die Glückskinder der Generation Golf setzen sich in die Provinz ab, das hat bereits Thomas MEDICUS (vgl. "Ewig uneingelöstes Versprechen", FR 19.08.2004) beschrieben und Richard KÄMMERLINGS hat das für die Schriftsteller hervorgehoben (vgl. "Das leichte Spiel ist immer das schwerste", FAZ 04.11.2003). Kolja MENSING hat schon 2002 das Loblied auf die Provinz gesungen. Reichlich spät also, wenn jetzt Joachim BESSING seine Provinz besingt. Natürlich geht es bei BESSING nicht wirklich um die Provinz, sondern um ein Loblied auf die traditionelle Familie, denn die gedeiht am ungestörtesten im Abseits. Aber sooo viel Abseits solls doch nicht sein, also posaunt man sein Glücklichsein in die Welt hinaus, den Medien sei Dank...

OCHS, Birgit (2004): Wie schafft man eine lebenswerte Stadt für alle.
Gendermainstreaming im Städtebau, das ist bisher vor allem Theorie. Nun experimentieren Dessau und Pulheim, ob und wie sich die Interessen von Männern und Frauen in den Alltag kommunaler Stadtplanung übertragen lassen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.08.

KIRBACH, Roland (2004): Die letzten Kinder.
23.000 Menschen leben in Weißwasser in Sachsen. Jedes Jahr verlassen 1.000 Bewohner den Ort. Auch der 19-jährige Paul überlegt, ob es an der Zeit ist zu gehen,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 30.09.

Jahr Einwohner Differenz zum Vorjahr
2000 26.107  
2001 24.815 - 1.292
2002 23.862 - 953
2003 22.966 - 896
2004 22.218 - 748
2005 21.498 - 720
2006 20.823 - 675
2007 20.298 - 525
2008 19.906 - 392
2009 19.615 - 291
2010 19.055 - 560
2011 17.887 - 1.168
2012 17.541 - 346
2013 17.288 - 253
Quelle: http://www.weisswasser.de/zahlen_fakten (Stand: 04.06.2015) und eigene Berechnungen
RHEINISCHER MERKUR-Spezial: Deutschland im Jahr 2020.
Geisterstädte und leere Landstriche – das Geburtendefizit wird unser Land radikal verändern. Blick in eine düstere Zukunft

KLINGHOLZ, Reiner (2004): Abstieg in die zweite Liga.
Einwohnerschwund nicht ausgleichen. Der wirtschaftliche Niedergang ist programmiert,
in: Rheinischer Merkur Nr.42 v. 14.10.

"Bis 2020 wird das Land etwa 700 000 Einwohner verlieren – nicht einmal ein Prozent also. Doch diese Zahlen täuschen. Sie setzen voraus, dass weiterhin jährlich mindestens 200 000 Migranten zu uns kommen. Und sie sagen nichts über die Dynamik der demografischen Veränderung. Denn ein Schwund, der einmal eingesetzt hat, beschleunigt sich aus mathematischen Gründen immer weiter",

schwadroniert Reiner KLINGHOLZ. Denn er weis als selbsternannter Prophet ganz genau:

"Ein »Gesundschrumpfen« und eine sich danach stabilisierende Bevölkerungszahl wird es nicht geben."

KLINGHOLZ meint auch kleinräumige Aussagen machen zu können:

"Das Ruhrgebiet ist heute bereits der rentnerreichste Großraum Deutschlands und wird bis 2020 vermutlich eine halbe Million Menschen weniger vorweisen können als noch im Jahr 2000."

Dummerweise hatte jedoch Deutschland bereits 2011 aufgrund des Zensus viel weniger Menschen aufzuweisen als man dachte - nicht weil Deutschland über Nacht schrumpfte, sondern weil die Karteileichen aussortiert wurden. Nur so viel zur scheinbaren Genauigkeit von Bevölkerungszahlen. Denn merkwürdigerweise hat das Fehlen von 1,5 Millionen Menschen kein einziger Ökonom oder Bevölkerungswissenschaftler bemerkt. Alle rechneten bis dahin so als ob es 1,5 Millionen Menschen mehr gab.  

HAMANN, Götz (2004): Wie schrumpft man eine Stadt?
Wir werden weniger (3):
Sachsen erlebt, was westliche Bundesländer noch vor sich haben: Verlassene Wohnungen und verfallende Viertel in fast jeder Kommune. Stadtplaner, Politiker und Bürger lernen allmählich, mit der neuen Leere umzugehen,
in: Die ZEIT Nr.45 v. 28.10.

2005

DIENEL, Christiane (Hrsg.)(2005): Abwanderung, Geburtenrückgang und regionale Entwicklung. Ursachen und Folgen des Bevölkerungsrückgangs in Ostdeutschland, Verlag für Sozialwissenschaften

SCHIRRMACHER, Frank & Dieter BARTEZKO (2005): Wir altern im wachsenden Schatten von Riesen.
Was bedeutet die Vergreisung Deutschlands für die Städte? Man wird in Gespensterquartieren hausen und die vitalen Metropolen der Dritten Welt beneiden. Ein Gespräch mit Albert Speer,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung  v. 23.02.

BURGER, Reiner (2005): Der trügerische Babyboom.
In Sachsen wurden 2004 so viele Kinder geboren wie lange nicht - und doch schrumpft der Freistaat,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung  v. 24.02.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG-Serie: Grundkurs Demographie (Teil 9)

BIRG, Herwig (2005): Die innerdeutsche Migration.
Grundkurs Demographie - Neunte Lektion,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung  v. 03.03.

Herwig BIRG setzt seinen Kreuzzug gegen die moderne Welt fort und fordert eine Lenkung der Wohnortentscheidungen durch ein steuerliches Anreizsystem

MÜLLER, Uwe (2005): Supergau Deutsche Einheit, Berlin: Rowohlt

"Ze für Zeitz, ki für Kinder, wa für Wagen: Zekiwa ist (...) eine traditionsreiche Kinderwagenfabrik. Die sechs Buchstaben sind eng verbunden mit einem Kapitel deutscher Industriegeschichte: In Zeitz, einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt an der Weißen Elster, steht die Wiege der europäischen Kinderwagenherstellung. Ihre Erfolgsgeschichte begann vor mehr als 150 Jahren. Weil der Kinderreichtum die Bevölkerung schnell wachsen ließ, kannte die Branche keine Krisen. Das änderte sich erst nach der Wiedervereinigung: Plötzlich gab es immer weniger Bedarf, und Zekiwa musste seine Produktion einstellen. Ein fatales Omen für Ostdeutschland" (S.95),

beginnt Uwe MÜLLER das Kapital Die demographische Katastrophe, in dem der Geburtenrückgang im Osten als Niedergangsszenario auch der Industriestandorte beschworen wird:

"1980 brachte jede ostdeutsche Frau durchschnittlich fast zwei Babys auf die Welt (...). Doch dann kam die Wende und ein Geburtenknick ohne Beispiel. Er (...) gab auch die angestammte Industrie dem Siechtum preis. Im Februar 1998 rollte Zekiwa in die Pleite. Der Klapperstorch als Schutzpatron hatte die Region verlassen.
Riesige Brachen im Stadtzentrum erinnern an die einstige Glanzzeit. (...). Ein kleiner Betrieb mit einer Hand voll Mitarbeitern hat den Firmennamen gerettet. Er vertreibt jetzt Kinderwagen und entwirft Modelle, die von Arbeitern in Südostasien montiert werden. Geblieben ist Zeitz ein beeindruckendes Kinderwagenmuseum, das die Stadtväter unlängst mit dem Zusatz »Deutsches« versehen haben.
Wo ein kompletter Wirtschaftszweig einfach im Museum verschwindet, obwohl seine Erzeugnisse noch konkurrenzfähig sind - da läuft etwas grundsätzlich schief. Der Niedergang (...) sagt auch etwas über die Erosion der Gesellschaft (...). In keinem anderen Staat der Welt sind nach 1990 so wenige Kinder geboren worden wie in den neuen Ländern, kaum anderswo altert die Bevölkerung deshalb so rasant.
Das hat langfristige Folgen" (S.96f.).

Der Geburtenrückgang ist jedoch gar nicht das Hauptproblem gewesen, sondern die Abwanderung junger Frauen. MÜLLER beschreibt den Osten als Jungbrunnen des Westens. Wie üblich werden Extremfälle zur Dramatisierung hervorgehoben:

"Wahrscheinlich wird ein Drittel des Jahrgangs 1985 abwandern, weshalb das Durchschnittsalter in Mecklenburg-Vorpommern bis 2040 voraussichtlich auf 57 Jahre steigen steigt.
Es fällt schwer, sich diese Zukunft auszumalen. Im »ältesten« Dorf Mecklenburg-Vorpommerns, Hohenbollentin im Landkreis Demmin, liegt heute der Altersdurchschnitt bei 50 Jahren. Was bedeutet es, wenn dieser Wert im gesamten Land um sieben Jahre steigt? Ein heute 57-jähriger Mecklenburger hat in aller Regel keinen Job mehr - er wurde meist in den Vorruhestand geschickt (...). In Zukunft werden die Menschen viel länger arbeiten müssen.
Nach dem Exodus einer Vielzahl der Besten bleiben in Ostdeutschland die weniger Mobilen zurück - Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und Alte. (...).
Verdummt der Osten?"

fragt MÜLLER als ob die Zukunft nur die lineare Fortschreibung der Vergangenheit wäre. Wie falsch dies ist, das zeigt sich, wenn MÜLLER das Schrumpfen der Großstädte als gottgegebenes Schicksal beschreibt:

"Ohne Berlin gab es 1990 in Ostdeutschland dreizehn Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Sie haben bis Ende 2003 ein Zehntel ihrer Bevölkerung verloren (...). Doch viele Städte konnten im Rahmen von Gebietsreformen zumindest einen Teil ihrer Einwohner zurückholen. Seit 1990 hat Leipzig knapp 62.000 Bürger eingemeindet, gut zwölf Prozent der heutigen Stadtpopulation. Trotzdem ist Ostdeutschlands bevölkerungsreichste Kommune fast auf das Maß von 1900 geschrumpft, als sie mit 456.000 Einwohner (...) die viertgrößte Stadt des Kaiserreichs war. Gegenüber 1933, als die sächsische Metropole mit 713.000 Bürgern am größten war, ist die Einwohnerzahl um ein knappes Drittel gesunken.
Wenn die Bevölkerung schrumpft, stehen immer mehr Wohnungen leer, und ein neuartiges Phänomen greift um sich: die »Leerstandspanik« oder der »Leerstandsschock«. (...).
Jeder sanierte Plattenbau wird fünf bis zehn Altstadthäusern zum Verhängnis. Selbst die schöne Leipziger Kernstadt hat hässliche Lücken wie ein schlechtes Gebiss. (...). Geschieht nichts, beginnt bald das große Häusersterben:
Dabei bleibt die Bevölkerungszahl der sächsischen Kommune nun wohl stabil, ebenso wie Dresden. (...).
Gera und Cottbus sind in Gefahr, unter die Grenze von 100.000 Einwohner zu fallen, womit sie ihren Status als Großstadt verlieren würden. In Zwickau ist das bereits geschehen. Ebenso wie in Schwerin, wo es keine Eingemeindungen gab und noch knapp 98.000 Menschen leben. 2017 wird die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern im besten Fall knapp 90.000 Einwohner haben. Tritt allerdings die pessimistischere Variante einer Prognose ein, die Stadtentwickler in Auftrag gegeben haben, bleiben nur 81.500 Schweriner übrig.
Beim künftigen Rückgang wird die Abwanderung eine zunehmend kleinere Rolle spiele - weil es immer weniger junge Menschen gibt, die noch abwandern könnten. Die geringe Zahl der Neugeborenen tut nun ihr Übriges.
Geburtenarmut ist auch Bevölkerungsflucht, allerdings eine, die sich nicht im Raum, sondern in der Zeit vollzieht. »Kinderlosigkeit könnte also auch als Abwanderung verstanden werden, als eine Form der Abwanderung aus der Zukunft« erklärt Kurt Biedenkopf." (S.109ff.)

Schwerin hatte Ende 2017 noch 95.797 Einwohner, also rund 6.000 Einwohner mehr als die positive Variante und 15.000 mehr als die pessimistische Variante. Während Gera keine Großstadt mehr ist, hat Cottbus seinen Großstadtstatus im Jahr 2017 erhalten können. Die Entwicklung der Großstädte in Ostdeutschland ist also differenzierter als von MÜLLER beschrieben. Leipzig gilt 2017 sogar als die bundesweit am stärksten wachsende Großstadt! Kurt BIEDENKOPFs Sachsen hatte lange Zeit das Image eines neoliberalen Musterknaben, aber der ländliche Raum wurde verkommen lassen. Die Quittung bekommt nun die CDU von Michael KRETSCHMER. Das Kapitel Deutschlands Schrumpfhauptstadt widmet MÜLLER der sächsischen Stadt Hoyerswerda (vgl. S.114ff.)

Prognosen zum Altersdurchschnitt (S. 118f.) und zum ältesten Bundesland im Jahr 2020 (S. 125) könnten sich bald als nachprüfbar falsch erweisen.           

taz-Serie: Deutschland - Räume ohne Volk und auseinanderklaffende Lebenswelten

KNIE, Andreas & Susanne SCHÖN (2005): Wenn der Staat schrumpft.
Die Daseinsvorsorge gehört zum Kernbestand des deutschen Staatswesens. Bisher. Angesichts dramatischer Bevölkerungswanderungen kann er gleichwertige Lebensbedingungen nicht mehr garantieren. Das eröffnet neue Freiheiten. Ein Essay,
in: TAZ v. 12.04.

Ist die taz nicht überflüssig, wenn Deutschland schrumpft? Diese Frage stellt sich die taz leider nicht. Was passiert eigentlich, wenn es keinen Bevölkerungsrückgang bis zum Jahr 2020 gibt? LBS-Research zweifelt die politisch korrekten Schrumpfungsszenarien aufgrund der Kluft zwischen Bevölkerungsvorausschätzungen und Bevölkerungsentwicklung nach 1989 an. Was in Deutschland fehlt, ist eine Debatte über die Angemessenheit der Vorausschätzungen. Aber hier herrscht einvernehmliches Stillschweigen.

PLATZECK, Matthias (2005): Hier Entvölkerung, dort Verdichtung.
Brandenburg erlebt beispielhaft für andere Bundesländer eine gegenläufige demografische Entwicklung. Der Osten hat die Chance, den Bevölkerungsrückgang selbst zu bewältigen. Der Aufbau Ost ist längst nicht am Ziel. Dabei macht die Abnahme der Bevölkerung schwierige Anpassungsprozesse nötig. Das Land Brandenburg will die Entwicklung aus eigener Kraft steuern,
in: Frankfurter Rundschau v. 16.04.

Warum ist jetzt plötzlich das Thema "Demografische Entwicklung" bei Politikern so überaus populär? Offenbar eignet es sich dazu, aktuelles Politikversagen zu verschleiern. Falsche Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik kann elegant zum demografischen Problem umdefiniert werden. Tatsache aber ist: das so genannte demografische Problem ist weder für die Abwanderung aus den neuen Bundesländern verantwortlich noch ist der Geburtenrückgang Ursache für ökonomische Probleme schlechthin. Würde in den neuen Bundesländern die Wirtschaft florieren, dann gäbe es dort auch ausreichend Arbeitnehmer. Der Versuch, die Kausalitäten umzukehren mag populär sein, ist aber ein billiger Taschenspielertrick von Politikern, die ihre Verantwortung gerne anderen zuschieben... 

BILLERBECK, Liane von (2005): Nichts wie weg.
Was ist weiblich? Warum mehr junge Frauen als Männer den Osten verlassen,
in: Die ZEIT Nr.17 v. 21.04.

In der Reportage von BILLERBECK werden ohne Reibungsverluste die Antworten der Sozialwissenschaftlerin Christiane DIENEL reportagemäßig umgesetzt. Das mag pädagogisch wertvoll, ganz sicher politisch korrekt sein, aber der Heterogenität der Lebensverhältnisse wird es sicher nicht gerecht.

BURGER, Rainer (2005): Silberbergwerke, Braunkohlebergbau, Brachland.
Demographie-Politik in Sachsen: "Modellregionen" sollen zeigen, wie es weitergeht, wenn kaum noch jemand weiß, wie es weitergehen soll,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.04.

SCHÄUBLE, Juliane (2005): Wild auf den Westen.
Junge Frauen kehren Ostdeutschland den Rücken. Zurück bleibt eine "männerlastige Bevölkerung",
in: Tagesspiegel v. 13.08.

"In ganz Ostdeutschland gibt es keine einzige Region mit einem Frauenüberschuss, dafür teilweise 20 Prozent weniger weibliche als männliche Einwohner", berichtet Juliane SCHÄUBLE über eine Studie von Torsten OBST.

BOLLWAHN, Barbara (2005): Über zurückgebliebene Männer.
Im Osten gibt es Regionen, aus denen Frauen in Scharen abwandern. Das ist fatal für das männliche Geschlecht
in: TAZ v. 17.08.

Barbara BOLLWAHN versucht sich eine missratene Grillparty zu erklären. Da kommt ihr eine Studie über den Männerüberschuss in Ostdeutschland gerade recht.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Serie: Der große Graben (Teil 3)

BISKY, Jens (2005): Ost gegen West.
Das Tabu, ängstlich gehütet: Die deutsche Einheit ist gescheitert,
in: Süddeutsche Zeitung v. 25.08.

Jens BISKY geißelt den Transferwahn, der auf dem unerfüllbaren Versprechen von der Angleichung der Lebensverhältnisse beruht. Eine innere Einheit existiere nicht. Der Osten verweigere sich sogar der westlichen Mitte-Presse, weil es im Osten an einem Bürgertum wie in München mangele:

"Nach der systematischen Entbürgerlichung in der DDR, nach der Ausschaltung der sozialistischen Funktionseliten und der anhaltenden Abwanderung fehlt es im Osten an einem Bürgertum, einem Mittelstand, an Eliten. Der soziale Raum zwischen Familie und Staat ist nur schwach besetzt."

BISKY fordert deshalb eine Kultur der Ungleichheit und der Unterschiede.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Serie: Der große Graben (Teil 7)

MANGOLD, Ijoma (2005): Stadt gegen Land.
Parasiten im Speckgürtel: Warum wir die City brauchen
Gigantische Pendlerströme fallen Tag für Tag in die Großstädte ein. Doch bislang wollten immer weniger Menschen in den Metropolen wohnen. Jetzt feiert die Stadt Renaissance,

in: Süddeutsche Zeitung v. 08.09.

Man muss sich fragen, warum die Suburbanisierung lange Zeit KEIN Thema der Stadtforschung war. Warum befassten sich die selbstgefälligen Stadtforscher mit den innenstadtnahen Wohngebieten, während zur gleichen Zeit die Vorstädte explodierten und das Reihenhaus zur Norm der Mittelschichten wurde? Der Einzige und sein Eigenheim war bis um die Jahrtausendwende der blinde Fleck einer Stadtforschung, die yuppiefixiert war. Nun, da Yuppies sich Kinder als Statussymbol bzw. zur Selbstverwirklichung angeschafft haben und als Family Gentrifier (Monika ALISCH) die Städte entdecken, richtet sich der Blick auf die Suburbanisierung. Ijoma MANGOLD befasst sich nicht mit dieser Geschichte der Stadtforschung und ihren Fehldeutungen, sondern gänzlich unhistorisch wird dem Optionalismus gefrönt:

"In der Wirklichkeit ist der Stadt/Land-Gegensatz heute gerade keiner hermetisch getrennter Welten mehr. Durch vielfache mobile Ausnutzungs- und Parasitärbeziehungen sind beide eng miteinander verflochten. Und ob einer in der Stadt oder auf dem Land wohnt, ist kein lebenslanges Schicksal mehr, sondern eine Frage der Optionen. Urbanität und Provinzialität sind bewegliche Lebensformen geworden, die man von einer biografischen Etappe zur nächsten wechseln kann."

Die Renaissance der Städte wird seit einiger Zeit ausgerufen. Ob sich die Entwicklungen aber an Manifeste oder politische Gutachten wie jene über den demografischen Wandel halten, das wird die Zukunft zeigen müssen...

MÜLLER, Claus Peter (2004): Platten zu Mustervillen.
Wie eine Stadt in Thüringen die Folgen der Abwanderung dämpft,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.10.

Claus Peter MÜLLER beschreibt Leinefelde im thüringischen Landkreis Eichsfeld als Vorzeigestadt, wobei er die Mentalität der Bewohner zum politischen Ideal stilisiert:

"Die Eichsfelder haben mit ihrer noch immer tiefen katholischen Prägung (...) Stolz und ihr Gottvertrauen, das sich im Alltag als Optimismus und Durchhaltewillen bewährt. Ähnlich wie die Fuldaer in Hessen schildern die Eichsfelder (...) ihre Chancen. Im umliegenden Stammland der Reformation, in Mühlhausen oder Nordhausen, ist das umgekehrt. Da (...) dominieren Sorgen, Klagen und der Ruf nach dem Staat. Die Arbeitslosenquote gilt als Nachweis der Benachteiligung."

MÜLLER sieht diese Mentalität verantwortlich dafür dass das katholische Thüringen - also die CDU - den Stadtumbau Ost richtig anpackt, eben wie das CSU-Bayern - und den desolaten Wohnungsmarkt - anders als die anderen ostdeutschen Bundesländer - und insbesondere die SPD-Länder Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg - gut dasteht.

"Eigentlich ist Leinefelde keine Stadt. Es war ein kleines Dorf bei Worbis im niederdeutschen Teil des Eichsfelds östlich des oberdeutschen Eichsfelds um Heiligenstadt gelegen. Beide Teile aber waren stets katholisch und damit gegen politische Extreme resistent. Sowohl die Nationalsozialisten als auch später die Sozialisten bekamen das zu spüren. Um das Eichsfeld gleichsam zu knacken, baute der SED-Staat das kleine Leinefelde zur »Arbeiterstadt« aus. (...) Die Arbeiter wurden aus der ganzen DDR angesiedelt. Binnen weniger Jahre wuchs das Dorf von 2.500 auf 16.500 Einwohner. Plattenbauten ragten auf. (...). Am Ende der DDR hatte Leinefelde die höchste Geburtenrate Gesamtdeutschlands und mit 2.400 Einwohnern je Quadratkilometer die höchste Bevölkerungsdichte Thüringens. Der Altersdurchschnitt in der Stadt lag bei 25 Jahren. Dann aber bracht die Industrie zusammen. Von den einst 12.500 Industriearbeitsplätzen gingen drei Viertel verloren. Teile der Bevölkerung wanderten in die frühere Heimat zurück oder wandten sich attraktiven Ländern (..) zu. Andere bauten sich ihr Haus im Grünen und verließen damit auch »die Platte«. Die Geburtenrate sank um zwei Drittel und die Bevölkerungszahl auf unter 13.000",

zitiert MÜLLER die Sicht des CDU-Bürgermeisters Gerd REINHARDT, der seit 1990 waltet, auf die Entwicklung seiner CDU-Stadt, die 2004 mit Worbis zusammengelegt wurde. REINHARDT präsentiert sich als Anpacker, der den Umbau Ost nicht hinterfragt, sondern in Leinefelde durchzieht:

"Die erste Erkenntnis lautete: Die Einwohnerverluste und Leerstände werden noch zunehmen. »Lügt euch nicht in die Tasche«, erinnert Reinhardt an die Devise. Die Hälfte des Wohnungsbestands war langfristig nicht mehr zu halten. Von 1993 an wurde Leinefelde umgebaut. 1995 fiel der Entschluß, sich mit dem Stadtumbau als dezentrales Projekt an der Expo zu beteiligen. Das erhöhte den Druck in der Kommune. Die Akteure rückten zusammen. Der Dorfkern und die Neubauten aus den DDR-Tagen sollten als zusammenhängende Stadt erhalten werden. Kein Plattenbau, der schon modernisiert war, sollte abgerissen werden. Vor allem an der Peripherie sollte Leinefelde »umstrukturiert« werden. (...). Die einstigen Plattenbausiedlungen ähneln heute einer Bauausstellung. Die fünften und sechsten Stockwerke mancher Häuser wurden abgetragen, Laubengänge wurden installiert, Wohnblöcke verkürzt oder aus langen »Wohnscheiben« Segmente herausgesägt. Auf dem noch durchgehenden Kellergeschoß (...) blieben moderne, individuelle Stadtvillen als Reste sozialistischer Einheitsarchitektur",

beschreibt MÜLLER den Umbau von Leinefelde, der sich in die Strategie des thüringischen Ministeriums fügt:

"»Manch einer ist noch der Meinung, es genügte punktuell ein Gebäude wegzunehmen«, sagt Olaf Langlotz, Abteilungsleiter für Wohnungs- und Städtebau in Trautvetters Ministerium. Doch Langlotz glaubt nicht an die »perforierte Stadt«, wo Parks entstehen, wo einst Häuser standen: »Andere gehen realistischer ran.« Städte sollten von außen nach innen schrumpfen, doch das sei leicht gesagt. (...). Das Land, die Städte und Dörfer entvölkern sich nicht gleichmäßig. Sorge bereiten vielfach die Gründerzeitviertel im Ring zwischen dem Ortskern und den Satelitenstädten, zumal sie in den Industriegebieten der vorvorigen Jahrhundertwende liegen. Diese Areale sind vielfach  »nicht marktfähig«."

Als Problemstädte werden ehemalige DDR-Bezirkshauptstädte wie Gera und Suhl betrachtet:

"Gera hatte einmal 120.000 Einwohner und nähert sich der Marke von 80.000, Suhls Einwohnerzahl könnte bis 2020 von ehedem 60.000 auf 35.000 sinken."

Bis 2009 sollen nach den Planungen in Thüringen insgesamt 40.000 Wohnungen zurückgebaut sein. 

WILTON, Jennifer (2005): Ein Viertel der Männer geht leer aus.
Wo in Deutschland großer Frauenmangel herrscht: Der thüringsche Ilm-Kreis steckt in Schwierigkeiten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.10.

Jenniger WILTON war im thüringschen Arnstadt. In der Reportage geht es darum, dass junge, gut gebildete Frauen dem Osten den Rücken kehren und ein Männerproletariat zurückbleibt.

Ergänzt wird die Reportage durch Statements von Bernhard NAUCK, Reiner KLINGHOLZ und Christiane DIENEL zu den Folgen dieser Migration.

HEINSOHN, Gunnar (2005): Ausblutende Landschaften.
Gunnar Heinsohn fragt, warum sich Deutschland nicht um die besten Köpfe der implodierenden Staaten Osteuropas bemüht, sondern lieber Städterückbau betreibt,
in: Welt am Sonntag v. 13.11.

GROBECKER, Claire/KRACK-ROBERG, Elle/SOMMER, Bettina (2005): Bevölkerungsentwicklung 2004,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 12, S.1261-1272

"Zwischen 1991 und 2004 zogen rund 2,60 Mill. Menschen von Osten (einschl. Berlin) nach Westen; 1,70 Mill. wählten die umgekehrte Richtung, wobei der Wanderungsstatistik nicht entnommen werden kann, wie viele Rückkehrer in die neuen Länder sich darunter befanden. Die Nettoabwanderung insgesamt aus dem Osten betrug für diesen Zeitraum rund 871 000 Personen. Dabei sind bis 1999 die Wanderungen von und nach Berlin-Ost und ab 2000 die Wanderungen von und nach Berlin berücksichtigt, da sich seit der Gebietsreform in Berlin die Wanderungen nicht mehr nach Berlin-Ost und Berlin-West unterscheiden lassen",

berichten GROBECKER/KRACK-ROBERG/SOMMER über die ostdeutschen Abwanderungsverluste.

Für die Jahre 1991 bis 1999 werden für die neuen Länder Abwanderungsverluste von 535.345 Personen ausgewiesen. In der Darstellung aus dem Jahr 2002 wurde für diesen Zeitraum ein Abwanderungsverlust von nur 461.910 Personen ausgewiesen. Dieser Unterschied von 73.435 Personen beruht auf der geänderten Gebietseinteilung. Zählt man Berlin im Zeitraum 1991 bis 2004 zu den neuen Ländern, dann reduziert sich der Abwanderungsverlust auf ca. 871.000 Personen.

2006

BÖLSCHE, Jochen (2006): Verlassenes Land, verlorenes Land.
Deutsche Provinz: Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Durch Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung droht sich der ländliche Raum in einen "Ozean von Armut und Demenz" zu verwandeln - eine Entwicklung, die ein Kartell der Parteien tabuisiert,
in: Spiegel online  v. 14.03.

Jochen BÖLSCHE zitiert aus dem Buch Deutschland, eine Reise von Wolfgang BÜSCHER nur jene Passagen, die den demografischen Niedergang in Ostdeutschland beschwören können:

"Unlängst (...) bilanzierte der preisgekrönte Autor, ihm sei auf dem langen Marsch durch die Grenzregionen klar geworden, dass sein Heimatland »große geisterhafte Teile« umfasse (...). Finster war's an der Ostseeküste: Büscher durchstreifte heruntergekommene Bahnhöfe, die ihn an eine »Station in der Steppe« erinnerten, und triste Orte mit ärmlichen Läden, die »Resterampe« oder »vietnamesischer Kleidungsmarkt« hießen. Dann kam der Wandersmann in die abgewrackte Industriestadt Guben an der Neiße. Dort fand er nicht nur bestätigt, wovor er tags zuvor gewarnt worden war: »dass es kein Wirtshaus in Guben gab«. Büscher »Es war so, dass es Guben nicht gab.« "

Solcherart Demografisierung gesellschaftlicher Probleme ist eine Steilvorlage für die Rechten dieser Republik gewesen, denn die neoliberale Predigt der Alternativlosigkeit sah darin ja nicht politisches Versagen, sondern nur einen unausweichlichen demografischen Niedergang. Ein ganzes Jahrzehnt wurde daher verschenkt!

"Die Grüne Künast zählt innerhalb der politischen Klasse zu den Ausnahmeerscheinungen. Die meisten (...) verdrängen lieber, dass der grassierende Geburtenschwund und die Arbeitslosigkeit, die Vergreisung und die Abwanderung vielerorts ein verlorenes Land hinterlassen haben, keineswegs nur auf dem Gebiet der einstigen DDR - Dunkeldeutschland goes West",

erzählt uns BÖLSCHE. Dass der Begriff "Dunkeldeutschland" ein Jahrzehnt später Karriere machen wird, aber auf ganz andere Art und Weise wie Neoliberale sich das vorgestellt haben, ist eine andere Geschichte. Es wird jedoch noch schlimmer, wenn behauptet wird, dass das Schrumpfen mit Unausweichlichkeit ganz Deutschland betreffen würde:

"»Dass die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen«, wie der Historiker Michael Stürmer die tückische Kombination von sinkender Geburtenzahl und steigender Lebenserwartung beschreibt, macht schon heute ganze Landstriche zu Verliererregionen mit schrumpfender und zugleich überalterter Bevölkerung.
Der »demografische Wandel« finde »überall in Deutschland« statt, doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten allerdings habe er sich bereits zur »demografischen Katastrophe« ausgewachsen. Busch: »Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner.« Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende »kaum vorstellbar« ist, »was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000 herunterzugehen«. Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die Dörfer. »Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark, Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben,« konstatiert Busch. In Vorpommern beispielsweise, das mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene Siedlungsstätten, allmählich zum »Flächenphänomen«, hat der Greifswalder Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet."

Die Beschwörung des Niedergangs wird ein Jahrzehnt später als neue Wohnungsnot in den Großstädten gravierende Folgen zeigen. Wen wundert es angesichts dieser neoliberalen Horrorszenarien eigentlich, dass Halle und Magdeburg ein Jahrzehnt später die Zentren der neuen Rechten geworden sind? Und das, obwohl beide Städte nicht schrumpfen? Im Jahr 2009 wird Halle seinen Tiefststand mit 230.377 Einwohnern erreichen. 10 Jahre späte sind es rund 10.000 Einwohner mehr. Magdeburg hatte bereits 2004 mit 226.675 Einwohnern den Tiefststand erreicht und ist zum Zeitpunkt des Artikels bereits wieder gewachsen. 2017 waren es rund 15.000 Einwohner mehr als im Jahr 2004.

BÖLSCHE jubelt angesichts der Erfolge der neoliberalen Bertelsmannstiftung, die mit ihren Horrorszenarien der Bevölkerung das richtige Bewusstsein einimpft. Die damals von Neoliberalen bejubelten Standortschließungen in allen Bereichen werden uns ein Jahrzehnt später zum Verhängnis werden, weil im Osten die neue Rechte auf eine desolate staatliche Sicherheitsinfrastruktur trifft und sie sich als die neuen Herren fühlen können.

"Während das Problembewusstsein in der ostdeutschen Bevölkerung mittlerweile »relativ gut ausgeprägt« sei, hat Philipp Oswalt, der im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes das Zukunftsthema »Schrumpfende Städte« bearbeitet hat, in den alten Ländern ganz andere Reaktionen beobachtet: »Der Großteil der Westdeutschen realisiert bestimmte Problemlagen nicht.«",

zitiert BÖLSCHE den damaligen Schrumpfologen Philipp OSWALT, der nicht einmal 10 Jahre später die krassen Folgen seiner eigenen Bemühungen durch "Raumpioniere" bekämpfen will. Die neoliberalen Mainstreamzeitungen schüren Panik, indem sie mit Metaphern wie "Ozean von Armut und Demenz" hantieren, die von der neuen Rechten begierig aufgegriffen werden. Der Neoliberalismus spielt mit dem Feuer, das er nicht mehr wird löschen können.

Der Begriff "Rostgürtel" wird ein Jahrzehnt später Karriere machen, um die Ursachen des Aufstiegs von Donald TRUMP zu beschreiben:

"Die neue innerdeutsche Grenze trennt nicht mehr Ost und West voneinander, sondern umschließt eine breite Schneise der Entvölkerung genau dort, wo früher einmal das Herz des Landes pochte: Betroffen sind unter anderem die einstigen Industriegebiete von Sachsen über Thüringen bis zum Kohlenpott - eine Art Rostgürtel quer durch die Republik.
Abstiegskandidat Nummer eins innerhalb dieser Region ist das Ruhrgebiet",

schreibt BÖLSCHE, der mit Begriffen wie "Wüstungen" hantiert und den Nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG, der mit abstrusen Vergleichen dramatisiert, zitiert, der ein Jahrzehnt später die Ikone der AfD wird, die mit ihren Erfolgen den Neoliberalen jene Panik spüren lässt, die sie selbst entfacht haben.   

Fazit: Artikel von Schrumpfologen wie jener von BÖLSCHE haben das Aufkommen der neuen Rechten befeuert und rechtzeitige politische Maßnahmen verhindert. Wer wie die Neoliberalen Panik schürt, der muss sich nicht wundern, dass danach jene kommen, die von dieser Panik profitieren!

BÖLSCHE, Jochen (2006): Keine Zukunft für die Kuhzunft.
Sterbendes Land: Bauerndörfer ohne Bauern, Landgemeinden ohne Gemeinderat, ohne Kneipe, ohne Arzt - das Dorfsterben hat begonnen. Nicht einmal die Kirche ist heilig. Kritiker befürchten eine "soziale und politische Erosion größten Ausmaßes". Doch das Land ohne Volk hat keine Lobby in Berlin,
in: Spiegel online  v. 15.03.

Jochen BÖLSCHE hält den Bürgermeister des niedersächsischen Tiflingerorde für einen Phantasten:

"Gerd Goebel (...)(ist) Bürgermeister im niedersächsischen Tiftlingerode, einem Dorf nahe dem ehemaligen Todesstreifen, einem dieser von Abwanderung und Geburtenrückgang geplagten Orte, von denen es Abertausende gibt - Dörfer ohne Laden und ohne Bank, ohne Bäcker und ohne Kneipe.
Bürgermeister Goebel stemmt sich gegen den Abwärtstrend. Er möchte verhindern, dass weiterhin die Jüngeren abwandern und Tiftlingerode »zum Altersheim wird«. Statt dessen will er erreichen, dass die Einwohnerschaft wieder wächst. Um die Zahl der Bürger von seinerzeit 984 auf mindestens 1000 zu erhöhen, ließ Goebel von 2003 an die Kinderspielplätze renovieren und eine zusätzliche Grundschulklasse einrichten. Medienwirksam offerierte er allen jungen Paaren im Dorf als Babyprämie einen kostenlosen Leihwagen für drei Monate, dazu Lottoscheine, Zoobesuche und allmorgendlich knackfrische Brötchen. Zweimal pro Monat, versprach der Bürgermeister, werde er persönlich den Babysitter spielen. Wegzugsprämien für Bewohner sterbender Dörfer? Goebels Kalkül, mit dem Image des familienfreundlichen Dorfs Zuwanderer anzulocken, ging auf. Im April vorigen Jahres begrüßte er den sechsjährigen Till, der mit seinen Eltern zugezogen war, als 1000. (...) Bundespräsident Horst Köhler (rühmte) den kreativen Kommunalpolitiker aus Niedersachsen als strahlendes Beispiel."

Dieser lediglich medienwirksamen, aber untauglichen, weil isolierten politischen Strategie, setzt BÖLSCHE die neoliberale Strategie entgegen, die das Aussterben von Dörfern prämiert, denn Jochen RAGNITZ und Rainer KLINGHOLZ empfinden alles andere als Geldverschwendung.

Schulschließungen werden von Neoliberalen als willkommene Einsparmöglichkeiten betrachtet - angesichts einer Familienpolitik, die auf Geburtenanstieg zielt, doch eine völlig unvernünftige Politikmaßnahme.

"Während das Schulsterben im Osten anschließend langsam abebben wird, steht es dem Westen noch bevor: In den alten Ländern erreicht die Schülerzahl derzeit mit knapp 10,2 Millionen ihr Maximum. Von nun an aber bis 2020 wird sie auf weniger als 8,3 Millionen sinken, überdurchschnittlich stark auf dem Lande",

droht BÖSCHE. Eine fatale Fehleinschätzung! 10 Jahre später wird der Osten - insbesondere das neoliberale Musterland Sachsen - die gravierenden Folgen dieser Politik der Schulschließungen und des Abbaus der Lehrer mit dem Aufstieg der AfD zur stärksten Partei in Sachsen bezahlen müssen. Im Jahr 2018 wird die Kultusministerkonferenz einen gravierenden Lehrermangel bis 2030 feststellen, weil die Schülerzahlen statt zu sinken, steigen. Für 2020 werden rund 10,9 Millionen Schüler in Deutschland erwartet - allein in den westlichen Flächenstaaten 8,6 Millionen ohne die bevölkerungsreichen Stadtstaaten. In Hamburg und Bremen kommen weitere 350.000 Schüler hinzu und Berlin wird diese mit rund 470.000 Schüler übertreffen. Im Vergleich zu den Zahlen von BÖLSCHE sind das weit mehr als 1 Million Schüler mehr als damals erwartet. Die EU und der Bund verstärkt mit seiner Politik die Lage im ländlichen Raum, insbesondere im neoliberalen Musterland Sachsen:

"Entwicklungen in Berlin oder Brüssel gehen seit langem überproportional oft zu Lasten der Schrumpfregionen in Ost und West. Wenn die Bundeswehr die Zahl ihrer Standorte binnen fünf Jahren, wie beschlossen, von 572 auf 392 reduziert, sind vielfach abgelegene Gemeinden betroffen wie zum Beispiel der erzgebirgische Ort Schneeberg. Dort, wo bereits vier von acht Schulen geschlossen werden mussten, lässt der Abzug von 1400 Mann samt Partnern und Kindern den Bürgermeister Frieder Stimpel nahezu verzweifeln".

Brandenburg, das bislang durchgängig von einem SPD-Ministerpräsidenten regiert wird, dient als Beispiel verfehlter Gemeindereformen:

"In dem Bundesland ist die Zahl der selbständigen Gemeinden seit der Wende von fast 2000 auf 727 zusammengeschnurrt. Wer nicht freiwillig mit dem Nachbardorf fusionieren wollte, wurde vom Land zwangsvereinigt. Ein Volksbegehren gegen den weiträumigen Demokratieabbau scheiterte, wie der Berliner »Tagesspiegel« kommentierte, an der »inzwischen großen Lethargie« in der entkräfteten, erschöpften Provinz. Wenn solche Sparmaßnahmen Schule machen, werden bundesweit Zigtausende von idealistischen Feierabendpolitikern überflüssig - was allerdings manch ein Parteifunktionär insgeheim mit Erleichterung quittieren würde. Denn in den ausgedünnten Regionen ist nicht nur die Bereitschaft gesunken, Posten in der Feuerwehr oder im Sportverein zu übernehmen, auch den Parteien fällt es immer schwerer, geeignete Bewerber für Ratsmandate zu finden."

Ist aber die Provinz wirklich erschöpft gewesen oder wurde sie von der neoliberalen Standortpolitik ausgesaugt? Durch die neoliberale Organisation der Finanzausgleiche werden benachteiligte Regionen zusätzlich bestraft. Gemeinden wird aufgenötigt zu fusionieren und die Politik zieht sich dadurch immer mehr aus der Fläche zurück. Fehlende Strukturpolitik führte dazu, dass sich die Wirtschaftskraft in den Metropolregionen ballt:

"Zur Jahreswende kam aus Brüssel die Nachricht, als erste westdeutsche Region könne auch das strukturschwache Elbe-Weser-Dreieck jene Finanzhilfen beanspruchen, die bislang Süditalien, Griechenland und ähnlichen Armutszonen vorbehalten waren, in denen die Wirtschaftskraft 75 Prozent des Durchschnitts der alten 15er-EU unterschreitet."

BÖLSCHE, Jochen (2006): Polinnen als letzte Hoffnung.
Verlassenes Land, verlorenes Land: Auf der Suche nach einem guten Job oder einer guten Partie fliehen junge Frauen massenhaft vom Land in die Städte. Zurück bleiben Männer, die sich in Fernsehsucht, Suff und Fremdenhass flüchten. Politiker erwägen bereits, Ausländerinnen für die Frustrierten anzuwerben - ein fragwürdiges Konzept,
in: Spiegel online  v. 16.03.

"Obwohl der Westen seit 1990 mit Multi-Millionen-Aufwand geholfen hat, die matt gewordene »Perle der Lausitz« mit ihren mehr als 4000 denkmalgeschützten Bauwerken aufzupolieren, steht die aufwendig sanierte Altstadt heute fast zur Hälfte leer, wirken die toten Fenster in den fein restaurierten Renaissancefassaden auf Besucher wie »Grabsteine der Urbanität« (»Frankfurter Allgemeine«). Seit der Wende sind aus der schmucken Geisterstadt an der deutsch-polnischen Grenze mehr als 20.000 Menschen gen Westen gezogen, jeder vierte Einwohner",

schreibt Jochen BÖLSCHE über Görlitz in Sachsen. Das brandenburgische Forst gilt BÖLSCHE als exemplarisch für die Abwanderung im Osten:

"Mittlerweile, beobachtet Markus Goldschmidt, Baudezernent der früheren Textilstadt Forst, »gehen sogar die Alten weg, sie ziehen ihren Kindern hinterher, in den Westen«. Seit der Wende hat der Ort in der Lausitz jeden fünften Einwohner verloren. Goldschmidt: »Wenn die Entwicklung so weitergeht wie jetzt, dann werden ganze Städte von den Landkarten verschwinden.« Mehr als alles andere aber schreckt die Fachleute ein Trend, der im Osten bereits spektakuläre Ausmaße angenommen hat und auch in den alten Ländern bereits wahrnehmbar ist: die Massenflucht junger Frauen aus dem ländlichen Raum in die prosperierenden Stadtregionen. Dieser Aderlass trifft die Abwanderungsregionen doppelt hart: Die Frauen sind zumeist besser gebildet als die Männer, zugleich verlieren die Regionen potenzielle Mütter - weiterer Schwund ist damit programmiert."

Die Geschlechterproportionen werden als Ursache für die schlechten Heiratschancen der verbliebenen Ostmänner beschrieben:

"»Sie schrauben an ihren Mopeds herum, statt an ihrer Freundin« - mit dieser Formulierung beschreibt die »Sächsische Zeitung« die Lage der jungen Männer etwa im Landkreis Riesa-Großenhain. Während die Mädchen, wild auf den Westen, teils sogar als Kellnerinnen in Österreich und in der Schweiz jobben, lungern die Jungs mancherorts, die Pulloverkapuze ins Gesicht gezogen, mit der Bierdose in der Hand im Bushäuschen herum und reißen Zoten. Schon heute kommen in den neuen Ländern auf 100 Männer im Schnitt gerade mal 84 Frauen, im thüringischen Ilm-Kreis nur noch 78 - dort geht rechnerisch fast jeder vierte Mann leer aus. Und die Schieflage wird noch dramatischer, weil sich die Geburtenzahl im Osten 1990 schlagartig halbiert hat. »Was da auf uns zukommt, ist wie ein Hurrikan, der auf die Küste zurast,« sagt der Chemnitzer Soziologieprofessor Bernhard Nauck: »In sechs bis sieben Jahren werden sich im Osten zwei Männer um eine Frau bemühen müssen, das ist sicher.«"

Als Folgen dieser Abwanderung wird das Gefühl des Abgehängtseins und der Stärkung des Rechtsextremismus beschworen:

"Als Sozialwissenschaftler die Schrumpfungsfolgen in der sächsischen Stadt Weißwasser analysierten, die seit 1990 ein Drittel ihrer Einwohnerschaft verloren hat, stießen sie in der Restbevölkerung vor allem auf Apathie und Trostlosigkeit. Auf die lokale Arbeitslosenquote von 22 Prozent reagierten die ehemals werktätigen Plattenbau-Bewohner, die in der DDR immerhin noch verbal als »führende Klasse« hofiert worden waren, mit »kognitiver Einigelung«.
Typische Äußerungen:
»Die ganze Gegend ist heute schon an den Westen verraten und verkauft worden.« - »Die deutsche Einheit wird es wohl nie geben. Hass zwischen Ossis und Wessis.« - »Ein Staat gegen die kleinen Leute, schlimmer als bei Honecker. Alle Ostdeutschen haben Wut im Bauch.«
Politisch führt das allgegenwärtige Gefühl des Gekränkt- und Abgehängtseins in Randregionen wie dem Erzgebirge (Volksmund:
»Schmerzgebirge«) teils zur ostalgischen Verklärung der SED-Staates, teils geradewegs in den Rechtsradikalismus. Immer häufiger zielen in den Zonen mit gestörter Sexualökonomie die Aggressionen der alkoholisierten Zwangssingles auf Fremde - nicht zuletzt wohl auch aus Angst, Eindringlinge könnten den Einheimischen die ohnehin knapp gewordene Ressource Frau streitig machen",

erklärt uns BÖLSCHE, aber mehr als eine Diagnose haben Neoliberale nicht zu bieten. Es werden zwar die "fehlenden Abwehrkräfte" beklagt, aber Neoliberalismus mit seiner Politik der Stärkung der Starken hat keine Rezepte für den Umgang mit den anderen, außer sie moralisch zu delegitimieren. Was wohl die Stimmungslage eher verstärkt als ihr erfolgreich zu begegnen.

"Dörfer wie das 600-Einwohner-Kaff Potzlow in der Uckermark - ein Ort, der 2002 zum Menetekel des moralischen Niedergangs in Schrumpfdeutschland wurde (...). In Brandenburg kam die DVU auf 6,1 Prozent. In Sachsen ist die NPD mit 9,2 Prozent seither fast so stark wie die SPD. Dort votierten 20 Prozent der männlichen Erstwähler für die radikale Rechte, im westdeutschen Schrumpfland an der Saar immerhin 14 Prozent. (...). Das extreme Wahlverhalten in diesen Landstrichen, meint auch der Dresdner Soziologe Engler, entspringe dem »Gefühl, verlassen, abgekoppelt zu sein«. Für diesen Wählertypus hätten die Angelsachsen den Begriff ugly citizen geprägt: Gemeint ist der hässliche Bürger, "der sich gerade noch politisch äußert, aber in einer Art, die schon eine Verwerfung des politischen Systems ist".

Nicht erst nach den Vorfällen in Chemnitz im Jahr 2018 wird nahtlos an diese Sicht angeknüpft, als ob ein Jahrzehnt lang nichts passiert wäre. Stillstand beim Neoliberalismus, der zuschaut wie die neue Rechte seine offen rechte Flanke nutzt, um politisch stärker zu werden. BÖLSCHE zitiert den nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG, dessen Sicht ein Jahrzehnt später die AfD übernehmen wird, um damit die Regierung vor sich her zu jagen:

"Weil vier von fünf Einwanderern derzeit keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, beruht laut Demografie-Professor Herwig Birg »die prekäre Finanzsituation der Kommunen nicht zuletzt auf der hohen Belastung durch Sozialhilfeausgaben für die großenteils nichtdeutschen Mitbürger«; in Hannover beispielsweise sind 40 Prozent der Sozialhilfeempfänger ausländischer Herkunft."

Die sächsische Stadt Görlitz sieht in Polinnen ein Beitrag zur Stabilisierung der Geburtenrate:

"Links der Oder das ausblutende Stadtkleinod mit seinen 10.000 großenteils sanierten, aber leer stehenden Wohnungen; rechts der Oder, gleich vis-à-vis, das polnische Zgorzelec mit massiver Wohnungsnot - liegt da nicht nahe, was dem langjährigen Oberbürgermeister Rolf Karbaum vorschwebte: die Menschen aus Westpolen zum Umzug nach Ostdeutschland zu animieren? »Die Polen sind unsere letzte Hoffnung«, glaubt Karbaum. »Wird Görlitz«, fragte bereits die konservative »Welt«, »in 20 Jahren zur Hälfte polnisch sein?«
Auch die sächsische Landesregierung setzt bei ihren Bemühungen, wieder Leben in die sterbenden Städte zu bringen, offen auf die Macht der Liebe: Auf ihrer Homepage weist sie darauf hin, dass in diesem Bundesland laut Statistik 70.000 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren fehlen, während im benachbarten Westpolen Männermangel herrsche.
Die Sprachbarriere zwischen Deutschen und Polinnen sei »zwar ein Hindernis, aber überwindbar«, zitiert die regierungsamtliche Website eine deutsch-polnische Kontaktagentur aus Görlitz. In der Stadt sei bereits jetzt zu beobachten, dass »deutsche Männer durch die Straßen laufen, mit der einen Hand die polnische Freundin haltend, mit der anderen das Wörterbuch«.
"

KRÖHNERT, Steffen/MEDICUS, Franziska/KLINGHOLZ, Reiner (2006): Die demographische Zukunft der Nation. Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen? München: Dtv, April

Ein paar typische Aussagen für das Buch zur Bevölkerungsentwicklung von 2004 bis 2020 und deren Auswirkungen:

Deutschland:

"Tatsächlich hat die Bevölkerung Deutschlands erst seit dem Jahr 2003 angefangen zu schrumpfen. Im ersten Jahr lag der Verlust bei 5.000 Einwohnern, im nächsten waren es 31.000. Diese Zahlen werden über die Jahre weiter steigen, weil immer stärker besetzte Kohorten ins hohe Alter kommen und sich gleichzeitig der Nachwuchsmangel verschärft".  (2006, S.6)

"Selbst die Lebenserwartung differiert aufgrund ungleicher Lebensverhältnisse: Sieben Jahre leben die Frauen im bayerischen Kreis Fürstenfeldbruck länger als im pfälzischen Pirmasens. Bei den Männern beträgt der Unterschied sogar acht Jahre zwischen dem (reichen) bayerischen Kreis Starnberg und dem (armen) mecklenburgischen Demmin." (2006, S.9)

Frauenmangel im Osten:

"Zwischen 1991 und 2004 haben 513.000 Frauen die neuen Bundesländer verlassen, die meisten davon im besten Familiengründungsalter zwischen 18 und 29 Jahren. Damit waren 63 Prozent aller Fortzügler weiblich. Dies hat zu einem historisch einmaligen zahlenmäßigen Missverhältnis der Geschlechter zwischen Vorpommern und dem Vogtland geführt. Mittlerweile gibt es dort in den jungen Erwachsenenjahrgängen der 18- bis 29-Jährigen ein Defizit von etwa 140.000 Frauen. Je 100 Männer dieser Altersklasse lebten 2004 in Ostdeutschland (einschließlich Berlin) nur noch 90 Frauen." (2006, S.23f.)

Landflucht:

"Bereits heute erfahren abgelegene, ohnehin schon dünn besiedelte Regionen einen starken Bevölkerungsrückgang, der sich bis 2020 nicht nur fortsetzen, sondern ausdehnen wird. (...). So sterben nach und nach die Dörfer - vor allem in den ostdeutschen Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Zeitversetzt erleben Nordhessen, Südniedersachsen oder Oberfranken die gleiche Entwicklung. Europaweit ist dieses Phänomen der Landflucht zu beobachten." (2006, S.28)

Wohnungsleerstand:

"Hoyerswerda ist überall: Allein in Ostdeutschland stehen etwa 1,3 Millionen Wohnungen leer - etwa 16 Prozent des Bestandes. Städte wie Gera und Dessau, aber auch Pirmasens oder Bremerhaven im Westen tragen inzwischen das Stigma des Verfalls" (2006, S.42f.)

Abwärtsspirale:

"Für die 15 kreisfreien Städte, die seit 1995 die größten Bevölkerungsverluste vermelden, werden bis 2020 weitere prognostiziert. Wer so viel verloren hat, wird weiter verlieren." (2006, S.43)

Anmerkung: Folgenden kreisfreien Städten wird ein weiterer Bevölkerungsrückgang prognostiziert: Hoyerswerda, Cottbus, Halle a.d.Saale, Suhl, Görlitz, Neubrandenburg, Dessau, Brandenburg, Gera, Chemnitz, Magdeburg, Stralsund, Zwickau, Bremerhaven und Pirmasens (vgl. 2006, S.42). 

Für folgende Kreise und Städte werden starke Bevölkerungsverluste bzw. -zugewinne prognostiziert:

Tabelle: Vergleich der Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020 und 2004-2020 (Die fettgedruckten Regionen wurden in beiden Prognosen mit der besten oder schlechtesten Note bewertet. Die grün und rot markierten Regionen verbesserten bzw. verschlechterten sich um mindestens 2 Noten)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungsverlusten
von 15 und mehr Prozent (Note 6)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungswachstum von 10 und mehr Prozent (Note 1)
Stadt Coburg (Bayern); 2004: Nur noch 5-10 % Bodenseekreis (Baden-Württemberg)
Kronach (Bayern); 2004: Nur noch 5-10 % Freudenstadt (Baden-Württemberg)
Wunsiedel im Fichtelgebirge (Bayern); 2004: Nur noch 10-15 % Landkreis Heilbronn (Baden-Württemberg)
Cottbus (Brandenburg); 2004: Nur noch 10-15 % Rastatt (Baden-Württemberg)
Oberspreewald-Lausitz (Brandenburg) Landkreis Augsburg (Bayern)
Prignitz (Brandenburg) Bad Tölz-Wolfratshausen (Bayern)
Spree-Neiße (Brandenburg) Dachau (Bayern)
Uckermark (Brandenburg) Deggendorf (Bayern)
Demmin (Mecklenburg-Vorpommern); 2004: Nur noch 10-15 % Ebersberg (Bayern)
Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) Eichstätt (Bayern)
Rostock (Mecklenburg-Vorpommern); 2004: Nur noch 5-10 %

- 2004: 198.993 Einwohner
- 2015: 206.011 Einwohner
- Bevölkerungswachstum 2004-2015: ca.3,4 %

Erding (Bayern)
Rügen (Mecklenburg-Vorpommern); 2004: Nur noch 5-10 % Freising (Bayern)
Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern); 2004: Nur noch 10-15 % Ingolstadt (Bayern)
Wismar (Mecklenburg-Vorpommern); 2004: Nur noch max. 5 Prozent

- 2004: 45.442 Einwohner
- 2015: 42.557 Einwohner
- Bevölkerungsrückgang 2004-2015: ca. 6,3 %

Kelheim (Bayern)
2000: Goslar; 2004: Göttingen (Niedersachsen) Landsberg am Lech (Bayern)
Northeim (Niedersachsen); 2004: Nur noch 10-15 % Landkreis Landshut (Bayern)
Stadt Osnabrück (Niedersachsen); 2004: Nur noch 5-10 % Neuburg-Schrobenhausen (Bayern)
Osterode am Harz (Niedersachsen) Pfaffenhofen a. d. Ilm (Bayern)
Salzgitter (Niedersachsen); 2004: Nur noch 5-10 % Landkreis Regensburg (Bayern)
Wilhelmshaven (Niedersachsen); 2004: Nur noch 5-10 % Stadt Rosenheim (Bayern)
Wolfsburg (Niedersachsen); 2004: Nur noch 5-10 % Landkreis Rosenheim (Bayern)
Bremerhaven (Bremen); 2004: Nur noch 10-15 % Starnberg (Bayern)
Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen); 2004: Nur noch 5-10 % Straubing-Bogen (Bayern)
Hagen (Nordrhein-Westfalen); 2004: Nur noch 10-15 % Weilheim-Schongau (Bayern)
Wuppertal (Nordrhein-Westfalen); 2004: Nur noch 10-15 % Barnim (Brandenburg)
Pirmasens (Rheinland-Pfalz); 2004: Nur noch 10-15 % Dahme-Spreewald (Brandenburg)
Aue-Schwarzenberg (Sachsen) Havelland (Brandenburg)
Chemnitz (Sachsen) Märkisch-Oderland (Brandenburg)
Görlitz (Sachsen) Oberhavel (Brandenburg)
Löbau-Zittau (Sachsen) Potsdam-Mittelmark (Brandenburg)
Mittweida (Sachsen); 2004: Nur noch 10-15 % Teltow-Fläming (Brandenburg)
Riesa-Großenhain (Sachsen) Main-Taunus-Kreis (Hessen)
Aschersleben-Staßfurt (Sachsen-Anhalt) Bad Doberan (Mecklenburg-Vorpommern)
Bernburg (Sachsen-Anhalt) Nordwestmecklenburg (Mecklenburg-Vorpommern)
Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) Ammerland (Niedersachsen)
Dessau (Sachsen-Anhalt) Cloppenburg (Niedersachsen)
Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 % Harburg (Niedersachsen)
Quedlinburg (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 % Lüneburg (Niedersachsen)
Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) Stadt Oldenburg (Niedersachsen); 2004: Nur noch max. 5 %
Schönebeck (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 % Landkreis Osnabrück (Niedersachsen); 2004: Nur noch max. 5 %
Stendal (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 % Stade (Niedersachsen)
Wittenberg (Sachsen-Anhalt) Borken (Nordrhein-Westfalen)
Altenburger Land (Thüringen) Rhein-Sieg-Kreis (Nordrhein-Westfalen)
Eichsfeld (Thüringen); 2004: Nur noch 10-15 % Alzey-Worms (Rheinland-Pfalz)
Greiz (Thüringen); 2004: Nur noch 10-15 % Mainz-Bingen (Rheinland-Pfalz)
Jena (Thüringen); 2004: Nur noch 10-15 % Neuwied (Rheinland-Pfalz)
Kyffhäuserkreis (Thüringen) Leipziger Land (Sachsen)
Saale-Orla-Kreis (Thüringen); 2004: Nur noch 10-15 % Muldentalkreis (Sachsen)
Saalfeld-Rudolfstadt (Thüringen) Sächsische Schweiz (Sachsen); 2004: Nur noch max. 5 %
Sonneberg (Thüringen) Weißeritzkreis (Sachsen)
Unstrut-Hainich-Kreis (Thüringen); 2004: Nur noch 10-15 % Ohrekreis (Sachsen-Anhalt)
  Saalkreis (Sachsen-Anhalt)
Kreise und Städte für die erst 2006 ein Bevölkerungsrückgang von 15 Prozent und mehr prognostiziert wurde
Elbe-Elster (Brandenburg)  
Döbeln (Sachsen)  
Hoyerswerda (Sachsen)  
Niederschlesischer Oberlausitzkreis (Sachsen)  
Zwickau (Sachsen)  
Gera (Thüringen)  
Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt)  
Halberstadt (Sachsen-Anhalt)  
Weißenfels (Sachsen-Anhalt)  
Quelle: Geo-Beilage Heft 5, 2004, S.22ff., Die demografische Lage der Nation, 2006, S.56ff. 

KLOEPFER, Inge (2006): Deutschland 2020.
Demographischer Wandel: Gewinner und Verlierer,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.02.

Inge KLOEPFER, Jahrgang 1964, stellt eine Analyse der Bertelsmann Stiftung vor. Jena ("Boom-Town des Ostens"), Hamburg ("Zukunft für Junge"), Ahrensfelde ("Aufstieg mit Berlin") werden als Gewinner porträtiert. Dagegen werden Gelsenkirchen ("Trauer auf Schalke"), Chemnitz ("Abstieg ohne Ende") und Mittenwald ("Berge ohne Kinder") als Verlierer beschrieben.

SCHRÖDER, Miriam (2006): Der Osten verliert, der Süden profitiert.
Eine aktuelle Studie zeigt: Große Teile Ostdeutschlands und manche Gebiete im Westen verlieren schon jetzt dramatisch viele Einwohner. In den nächsten 15 Jahren drohen ganze Landstriche auszubluten,
in: Spiegel Online v. 15.03.

Spiegel Online bläst die Studie Die demografische Lage der Nation gleich zu einer ganzen Serie über das Verlorene Land, verlassene Land auf. Der 68er Jochen BÖLSCHE erzählt Wohlfühlgeschichten (MARTENSTEIN), denn hierzulande boomt nur noch die Apokalypse-Industrie.

In den 1970er und 1980er Jahren sind die 68er extra in die Toscana und die Provence gefahren, um sich in den niedergehenden Regionen zu erholen oder sogar für immer niederzulassen. Warum also plötzlich diese Aufregung?

Offenbar verstellt der demografische Tunnelblick einen nüchternen Blick auf die Realitäten: Wenn Wirtschaft und Politik ganze Regionen fallen lassen - dafür hat zuletzt Jens BISKY ("Die deutsche Frage", 2005) unter viel Beifall plädiert - dann ist es ziemlich verlogen, wenn dies als demografischer Wandel debattiert wird. Die Menschen tun nur das, was unter den gegebenen Bedingungen sinnvoll ist.

BERLINER ZEITUNG-Serie: Volk mit Falten (Teil 1)

BERG, Lilo (2006): Das Land zerfällt.
Eine neue Studie benennt die Gewinner und Verlierer der demografischen Wende. Die Schere zwischen starken und schwachen Regionen öffnet sich immer weiter,
in: Berliner Zeitung v. 16.03.

ZYLKA, Regine (2006): Deutschlands Osten schrumpft,
in: Berliner Zeitung v. 16.03.

SCHUH, Hans (2006): Systematischer Frauenklau.
Demografische Analysen zeigen: Städte ziehen junge Frauen an, im Osten droht regional der Niedergang,
in: Die ZEIT Nr.12 v. 16.03.

WAGNER, Richard (2006): Frohe Botschaft!
Die Strukturprobleme einer Gesellschaft sind primär ökonomisch und organisatorisch bedingt. Es gibt kein Nachwuchsproblem. Allen demographischen Krisenmeldungen zum Trotz: Die Lage ist besser als die Stimmung. Nachrichten aus einem guten Land,
in: TAZ v. 15.04.

RIECHELMANN, Cord (2006): Mythen in den Bevölkerungsdebatten.
Wer sagt eigentlich, wann ein Territorium über- oder unterbevölkert ist? Ein Blick auf die überholten Gegensätze in den Studien zur demografischen Lage der Nation,
in: TAZ v. 06.05.

TAGESSPIEGEL-Themenausgabe: Gutes, altes Deutschland

METZNER, Thorsten (2006): In der Altmark.
Brandenburg organisiert den Generationenwandel,
in: Tagesspiegel v. 28.05.

MARETZKE, Steffen (2006): Regionale Rankings - ein geeignetes Instrument für eine vergleichende Bewertung regionaler Lebensverhältnisse?
in: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 6-7, S. 325-335

Am Beispiel der Kreisregion Eichstätt zeigt Steffen MARETZKE, dass sich für strukturstarke Regionen große Rangplatzunterschiede in Abhängigkeit des Rankingverfahrens ergeben können. So erreicht Eichstatt im einem Verfahren den 22. und im anderen Verfahren den 175. Rangplatz bei insgesamt 394 Kreisregionen.

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND-Serie: Deutschland schrumpft (Teil 2)

TUTT, Cordula (2006): "Man wird Jeep und Handy brauchen".
Brandenburg,
in: Financial Times Deutschland v. 18.07.

LUCIUS, Robert von (2006): Das deutsche Sibirien.
Die Jungen verlassen Gardelegen, weil es an Arbeitsplätzen fehlt - eine wirtschaftliche Perspektive für die alte Stadt in Sachsen-Anhalt ist nicht in Sicht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.08.

AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Ländlicher Raum

NEU, Claudia (2006): Territioriale Ungleichheit - Eine Erkundung,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.37 v. 11.09.

Claudia NEU definiert den Begriff der "territorialen Ungleichheit" folgendermaßen:

"Im Folgenden soll dieser Begriff verwendet werden, wenn sowohl der Zugang zu erstrebenswerten Gütern und Dienstleistungen wie Arbeitsplatz oder gesundheitliche Versorgung als auch das Erreichen von begehrten Positionen auf Grund des Wohnortes dauerhaft erschwert oder erleichtert ist und so Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben für die Betroffenen eingeengt oder erweitert werden." (2006, S.8)

Gemeint ist damit die geografische Dimension der Ungleichheit. NEU wendet sich dabei um eine allzu schlichte Gegenüberstellung gebräuchlicher Differenzierungen:

"Prosperierende - auch entlegene - ländliche Räume stehen neben Kleinstädten, die mehr als 20 Prozent ihrer Einwohner verloren haben, und Großstadtvierteln, die von Armut gezeichnet sind. Ebenso wenig lassen sich die aktuellen Entwicklungen als ein Ost-West-Problem abtun, das in Folge der Transformation Ostdeutschlands entstanden ist. In der Eifel werden ebenso händeringend Ärzte gesucht wie in Vorpommern. Auch international lässt sich gut verfolgen - was aber lange in Deutschland nicht wahrgenommen wurde -, dass (binnennationale) territoriale Ungleichheit sich ausbreitet. Die US-amerikanischen »rural ghettos« (ländliche Ghettos) sind nicht weniger trostlos als »le désert français« (die französische »Wüste« im Zentrum Frankreichs) oder der Landkreis Demmin in Mecklenburg-Vorpommern. Und überall finden sich die gleichen Anzeichen des Niederganges: ökonomische Strukturschwäche mit hohem Grad an Langzeitarbeitslosigkeit gepaart mit den Folgen des demographischen Wandels (Geburtenrückgang, Abwanderung und veränderter Altersaufbau). Für den ländlichen Raum treten als besondere Erschwernisse dünne Besiedlung und weite Entfernung zu Agglomerationsräumen, bei ungünstigen naturräumlichen Standortbedingungen eine monostrukturelle, verarbeitungsarme Landwirtschaft hinzu." (2006, S.9f.)

Solch eine differenzierte Sicht wird jedoch durch das präferierte Territorialkonzept wieder zurückgenommen. NEU diskutiert zwei Raum-Konzepte: zum einen das Konzept des sozialen Raums von Pierre BOURDIEU und zum anderen das Peripherie-Zentrum-Konzept von Reinhard KRECKEL, auf den sie sich schon bei ihrer Definition von territorialer Ungleichheit bezogen hat. Der Ansatz von KRECKEL ist jedoch ungeeignet, die ganze Spannbreite abzudecken, was NEU selber sieht:

"Es muss stets ein (territorialer) Bezugsrahmen (Nation, Region, Stadtteil) definiert werden, innerhalb dessen Ungleichheiten verhandelt werden. Denn der Wert von Ressourcen wie Bildung oder Wissen bzw. Kapitalsorten und das Ausmaß territorialer Ungleichheit können nur im Verhältnis zu diesem Bezugsrahmen bestimmt werden, da dort Ungleichheiten unmittelbar wirksam werden. In diesem Zusammenhang gilt es zukünftig, das Kreckel'sche Zentrum-Peripherie-Modell, das stark auf die territorialen Unterschiede der (nationalstaatlich verfassten) Weltgesellschaft abgestellt ist, konsequenter auf kleinräumige Einheiten - in und zwischen Nationen - anzuwenden. In umgekehrter Richtung ist mit Bourdieu zu überprüfen, wie sich die - eher im Nahraum angelegten - Wechselbeziehungen zwischen sozialem und physischem Raum in einer globalisierten Welt bewähren." (2015, S.15).

Das Territorialprinzip wird jedoch durch Wanderungen unter Druck gesetzt:

"Wer anderswo Alternativen sieht, wandert ab - vor allem junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren sowie Hochgebildete. Oder - um es mit Pierre Bourdieu zu sagen: Wer noch Kapital hat, das er anderswo in die Waagschale werfen kann, geht weg. So finden sich zunehmend Territorien (Regionen, Gemeinden), in denen sich ein Mangel an erstrebenswerten Gütern und Dienstleistungen mit der Anwesenheit von Personen paart, die keinen oder kaum Zugang zu diesen Gütern haben." (2006, S.14)

Unklar bleibt bei den Ausführungen von NEU der Status demografischer Prozesse. Sind sie tatsächlich entscheidend oder lediglich Vorwand, um anders geartete Interessen zu verschleiern?

BARLÖSIUS, Eva (2006): Gleichwertig ist nicht gleich,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.37 v. 11.09.

SCHIRRMACHER, Frank (2006): Nackte Aste.
Die neue soziale Basis der NPD ist eine demographische,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.09.

ARNING, Matthias (2006): Überall Nägel.
Schirrmacher mit Hammer,
in: Frankfurter Rundschau v. 21.09.

Der Sozialpsychologe Harald WELZER und der Historiker Wolfgang BENZ halten nichts von SCHIRRMACHERs biopolitischen Thesen vom Vortrag. Für sie ist die hohe Arbeitslosigkeit und die fehlende demokratische Tradition  entscheidender als die demografischen Verhältnisse.

NIEDENTHAL, Clemens (2006): Die oberen 10.000.
Die Jungen ziehen weg, die Alten sterben aus. Was anderswo Gemeinden ruiniert und ganze Landstriche entvölkert, kommt dem Örtchen Wunsiedel sehr gelegen. In Zukunft will das fränkische Kleinstädtchen am demografischen Wandel genesen, indem es sich ganz auf die Zuwanderung älterer Menschen einrichtet,
in: TAZ v. 22.09.

PAETZ, Berthold (2006): Sonderstudienpläne für Schwangere.
Menschenschwund und Back-Home-Bewegung: Gibt es einen Halt auf der schiefen Ebene der ostdeutschen Demografie?
in: Freitag Nr.52 v. 22.12.

2007

PROKLA-Thema: "Bevölkerung"
Kritik der Demographie

BARLÖSIUS, Eva & Claudia NEU (2007): "Gleichwertigkeit - Ade?"
Die Demographisierung und Peripherisierung entlegener ländlicher Räume,
in: Prokla 146, H.1, März

Eva BARLÖSIUS & Claudia NEU stellen anhand der deutschen Serie Verlassenes Land, verlorenes Land (Spiegel Online vom 14. bis 21. März 2006) und die französischen Le Monde-Artikel über die Krise der französischen Gesellschaft ("La crise de la société française") zwei gegensätzliche Sichtweisen auf ländliche Regionen vor.

BARLÖSIUS & NEU kritisieren, dass in der deutschen Debatte eine Demografisierung gesellschaftlicher Probleme vorherrscht, die sie folgendermaßen beschreiben:

"In der öffentlichen Diskussion über die Zukunftsfähigkeit entlegener ländlicher Regionen werden deren Entwicklungschancen beinahe einzig auf ihre Bevölkerungsstruktur zurückgeführt. Aufgrund von hohen Abwanderungsraten und zunehmender Alterung der verbleibenden Bewohner hätten sie keine Zukunftsperspektive mehr. Alle anderen Prozesse wie Globalisierung, Deindustrialisierung, Umbau zur Wissensgesellschaft, durch welche diese Landstriche zunehmend von den städtischen Ballungsgebieten entkoppelt werden und die wiederum die dort lebende Bevölkerung erst dazu drängen abzuwandern, um woanders Erwerbsarbeit zu finden, werden als nachgeordnet betrachtet. Tatsächlich gehen jedoch die ökonomischen Wandlungsprozesse der besonderen Ausprägung des demographischen Wandels in diesen Regionen zumeist voraus." (2007, S.86)

Als weiteres Beispiel nennen die Autorinnen das Buch Die ausgefallene Generation von Herwig BIRG, in dem Konflikte und soziale Ungleichheiten auf den demografischen Wandel zurückgeführt werden.

Visualisiert werden diese Szenarien gerne mit "demogaphischen Landkarten", die das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung und die Bertelsmann Stiftung in Deutschland popularisiert haben.

BARLÖSIUS & NEU weisen darauf hin, dass mit der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme eine Umwertung der Gestaltbarkeit einhergeht:

"Charakteristisch für die gesellschaftliche Semantik der Moderne ist, dass sie Gegenwart und Zukunft als weitgehend offen und unbekannt begreift ( vgl. Koselleck 1979, Luhmann 1997: 997-1010). Ansonsten könnte die Gegenwart nicht als »Entscheidungsraum« und die Zukunft als Gestaltungschance gedacht werden. Die Demographisierung schreibt aber die gesellschaftliche Semantik über die Gegenwart und Zukunft um: von weitgehend offen und unbekannt zu größtenteils vorbestimmt und bekannt."
(2007, S.88)

Den strategischen Vorteil einer solchen Demografisierung gesellschaftlichen Probleme erläutern die Autorinnen folgendermaßen:

"Angesichts der steigenden Zukunftsungewissheit, mit der die modernen Gegenwartsgesellschaften konfrontiert sind und die zumeist mit den beiden Schlagworten Globalisierung und Wissensgesellschaft umschrieben wird, verheißt die Demographie eine gesicherte Zukunftsausdeutung und zudem eine, die sich bestens dazu eignet, gesellschaftliche und politische Entscheidungen zu treffen, die nicht als solche rechtfertigungsbedürftig sind, da sie sich auf »biologische Schicksalhaftigkeit« berufen können."

Die Autorinnen sehen das Konzept der nachholenden Modernisierung, das bislang die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland legitimiert hat, als nicht mehr zeitgemäß angesichts der "globalisierten Wissensgesellschaft". Nicht mehr Gleichheit, sondern Differenz soll nun der Maßstab territorialer Gerechtigkeit sein:

"Gleichheit und Angleichung waren typisch für die Vorstellung von territorialer Gerechtigkeit, welche Zukunft als Modernisierungsprojekt - für entlegene ländliche Räume als nachholende Modernisierung - verstand. Zukünftig scheint diese Vorstellung für eine »globalisierte Wissensgesellschaft« wenig »passend« (...). Wird Zukunft weiterhin als handlungsoffen verstanden, so ist eine Vorstellung von territorialer Gerechtigkeit hilfreich, die Differenz als gleichberechtigt anerkennt und Verschiedenartiges zulässt ohne die Teilhabechancen und Handlungsspielräume der Bewohner entlegener Regionen zu verschließen."
(2007, S.91).

Für die Autorinnen stehen damit einzelne Infrastrukturen in diesen Regionen zur Disposition. Das Buch Demografie und Demokratie von Jens KERSTEN, Claudia NEU und Berthold VOGEL, das 2012 erschienen ist, beansprucht eine Neuregelung des Verhältnisses von Stadt und Land zu leisten.

PLATH, Jörg (2007): Wachstum gibt's nicht mehr.
Cordula Tutt: "Das große Schrumpfen",
in:
DeutschlandRadio v. 23.04.

KRÖHNERT, Steffen & Reiner KLINGHOLZ (2007): Not am Mann. Von Helden der Arbeit zur neuen Unterschicht? Lebenslagen junger Erwachsener in wirtschaftlichen Abstiegsregionen der neuen Bundesländer, herausgegeben vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

DIETRICH, Stefan (2007): Männer in Not,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 31.05.

HONNIGFORT, Bernhard (2007): Frau = schlau = weg.
Sie geht, er bleibt. In Ostdeutschlands Dörfern leben zunehmend Problem-Männer,
in: Frankfurter Rundschau v. 31.05.

OSCHLIES, Renate & Andrea Beyerlein (2007): Junge Frauen verlassen den Osten.
Sozialstudie: 18- bis 29-Jährige suchen Jobs im Westen. Dramatischer Männerüberschuss in den neuen Ländern / Forscher warnen vor neuer Unterschicht und rechten Tendenzen,
in: Berliner Zeitung v. 31.05.

SCHLEGEL, Matthias (2007): Osten ohne Frauen,
Schwestern, zur Sonne...,
in: Tagesspiegel v. 31.05.

TRETBAR, Christian (2007): Junge Frauen verlassen den Osten.
Studie warnt vor "neuer männerdominierter Unterschicht". Grund ist unterschiedliches Bildungsniveau,
in: Tagesspiegel v. 31.05.

BURGER, Reiner (2007): Zurückgelassen in der Ödnis,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.06.

WEDEL, Mathias (2007): Not am Mann.
Dem Osten laufen die Frauen weg,
in: Freitag Nr.23 v. 08.06.

MARTENSTEIN, Harald (2007): Über den Frauenmangel,
in: Tagesspiegel v. 01.06.

"Ich bin für Emanzipation und all das. Gleichzeitig sehe ich, dass die Chancengleichheit den Karrieredruck auf uns Männer wahnsinnig erhöht. Einerseits haben wir jetzt all die ehrgeizigen Frauen als Konkurrentinnen, andererseits werden wir, wenn wir es nicht nach oben schaffen, dadurch zusätzlich bestraft, dass wir keine Partnerin finden oder sogar Nazis werden müssen. Es gibt wirklich sehr nette Fensterputzer!" meint Harald Martenstein zur Not am Mann.

GÜNTNER, Joachim (2007): Opfer einer Damenwahl,
in: Neue Zürcher Zeitung  v. 09.06.

"Noch lässt sich der ostdeutsche Mann in Not mit hängenden Schultern darstellen. Steht er bald stramm, wie es bereits heute einige tun, reckt den geschorenen Kopf und die Hand zum unheilvollen Gruss? Über Skinheads und Neonazis sang die Punkrock-Band «Die Ärzte» 1993 sinnig: «Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe / Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.»", fragt sich Joachim GÜNTNER angesichts der Studie Not am Mann, die von FAZ und Spiegel gehypt wird.

HEYMANN, Nana (2007): Aufbruch Ost,
in: Tagesspiegel v. 24.06.

Nana HEYMANN, Jahrgang 1977, berichtet anlässlich der Studie Not am Mann über Herzberg im Landkreis Elbe-Elster.

KIRCHBACH, Roland (2007): Zum Dreinschlagen.
Der Frust Jugendlicher auf dem Dorf nimmt zu. TV und Internet zeigen ihnen eine unerreichbare Welt, sagt der Berliner Soziologe Hartmut Häußermann,
in:
Die ZEIT Nr.28 v. 05.07.

Im ZEIT-Dossier über die Samstagnacht auf dem Land, macht der 68er Hartmut HÄUßERMANN den Frauenmangel für Exzesse mitverantwortlich:

"Wenn man in einem so beschränkten Handlungskreis lebt, wie es ein Dorf darstellt, dann gibt es einen Energiestau, der sich irgendeinen Ausweg sucht – vor allem bei jungen Männern, Frauen sind davon ja kaum betroffen. Wahrscheinlich ist sogar der Frauenmangel mit ein Grund, warum sich solche Männlichkeitsrituale austoben können. Außerdem gibt es einen kollektiven Teilnahmezwang."

WELT-Serie: Besser Altern (Teil 3)

REENTS, Heino (2007): Hoffnungszeichen für Eigenheimbesitzer.
Warum der demografische Wandel nicht automatisch zum Preisverfall bei Wohnimmobilien führt,
in: Welt v. 01.08.

BOECKER, Arne (2007): Haus der Geborgenheit.
Wie sich die ostdeutsche Stadt Eggesin mit ihrem Bürgermeister gegen Abwanderung und Überalterung stemmt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 04.08.

WELT-Serie: Besser Altern (Teil 6)

HOLLSTEIN, Miriam (2007): Ostdeutschland wird zum Rentnerparadies.
Der Osten entwickelt sich zu einem Ruhesitz für Westdeutsche. Während die einen sich über den Zuwachs freuen, fürchten die anderen, dass Städte wie Görlitz und Weimar in Zukunft ausschließlich als Altersresidenz angesehen werden könnten,
in: Welt v. 09.08.

RATHENOW, Lutz (2007): Leben und trinken in der Trostlosigkeit.
Der Osten zerfällt: In den Städten herrscht der Erfolg, in der Provinz dagegen jugendlicher Stumpfsinn,
in:
Tagesspiegel v. 27.08.

NIKOLOW, Rita (2007): Einbußen durch Abwanderung und Geburtendefizit,
in:
Tagesspiegel v. 30.08.

"Sachsen-Anhalts Bevölkerung schrumpft: Seit 1990 ist die Zahl der Einwohner von 2,9 Millionen auf weniger als 2,4 Millionen gesunken", berichtet Rita NIKOLOW.

SYLVESTER, Regine (2007): Männer allein zu Haus.
Im deutschen Osten wandern die jungen Frauen ab,
in: Berliner Zeitung v. 15.09.

"Ueckermünde. 10 500 Einwohner, früher 12 000. Die meisten sind schon älter. Bei den 18- bis 25-Jährigen - Anfang 2006 nur noch 943 Personen - waren 504 junge Männer und 439 junge Frauen. Ein Unterschied von mehr als zehn Prozent. Und im gesamten Landkreis Uecker-Randow mit vielen kleinen Ortschaften kommen in derselben Altersgruppe auf hundert Männer nur noch 77 Frauen, das sind dann schon fast 25 Prozent. Ein deutlicher Unterschied.
Es ist Zufall, dass ich in Ueckermünde bin
",

schreibt SYLVESTER zu ihrer Reportage. Ganz so zufällig war es doch nicht, denn am Anfang stand die Studie Not am Mann des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung:

"Man kann sie im Internet runterladen und selber lesen, dass im deutschen Osten eine Situation entstanden ist, die es noch nie in der deutschen Geschichte gab und die man an keinem anderen Ort in Europa findet - auch in den entlegensten und frostigsten Gegenden kommt ein solcher Frauenmangel nicht vor",

behauptet SYLVESTER, doch Beweise dafür bleibt sie schuldig.

MÜLLER, Uwe (2007): Der Osten altert schneller als der Westen.
Glaubt man den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus Wiesbaden, dann sieht es düster aus für Deutschlands Osten: Er vergreist. Nach Berechnungen von WELT ONLINE rückt Sachsen-Anhalt zum "Altersheim der Republik" auf. Jung ist nur noch der reiche Süden der Republik,
in: Welt v. 24.11.

TAGESSPIEGEL (2007): Not am Mann.
Zum Beispiel in Großharthau, Sachsen: Auf 100 Männer kommen hier nur 46 Frauen. "Die Mädels haben sich einfach fortgemacht", heißt es an vielen Orten Ostdeutschlands. Es entsteht eine Gesellschaft von Junggesellen, die sich oft als Versager fühlen, sagt eine Studie. Und manche driften in die rechte Szene ab,
in: Tagesspiegel v. 03.12.

 
     
 
       
     
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. Januar 2016
Update: 31. Januar 2019