[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen ] [ News ]  [ Homepage ]

 
       
   

Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

 
       
   

Abschied von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse oder Rückbesinnung der Politik auf die Stärkung von Gebieten jenseits der Großstädte und Ballungszentren? Eine kommentierte Bibliografie der Debatte

 
       
     
   
     
 

Vorbemerkung

Urbanität gilt in der Wissenschaft seit langem als Leitbild und spätestens seit neoliberale Standortortpolitik und Identitätspolitik eine Liaison eingegangen sind, wurde der ländliche Raum abgeschrieben. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hat dazu beigetragen, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kein Wert mehr ist, sondern das angeblich Alternativlose wurde auch noch politisch gefördert. Seit jedoch der Rechtspopulismus den neoliberalen Konsens gefährdet, wurde auch in Deutschland der ländliche Raum als Möglichkeit zur politischen Profilierung entdeckt. Die kommentierte Bibliothek soll einen Überblick über diese Debatte ermöglichen.   

Kommentierte Bibliografie (Teil 4: 2016)

2016

LUDWIG, Jan (2016): Der kurze Weg nach Westen.
Einwanderer aus Polen lassen ganze Dörfer in Brandenburg wiederaufblühen. Doch in ihrem Heimatland werden sie oft schmerzlich vermisst,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.01.

"Rund 15 Prozent der Gartzer Einwohner stammen aus Polen. Gartz mag in dieser Hinsicht ein Extremfall sein, aber es zeigt eine Tendenz, vor allem in Brandenburg: Aus Polen kommen die meisten Einwanderer in Deutschland. Polen gründen die meisten Unternehmen in Deutschland. Polen stellen die größte Zahl ausländischer Studenten in Berlin, ebenso wie die Hälfte aller neu eingebürgerten EU-Bürger in Mecklenburg-Vorpommern. Dort und in den überalterten Orten Brandenburgs sind es Polen, die die Dörfer verjüngen.
(...).
Aus den Dörfern und Städten zogen in den vergangenen Jahren Zehntausende junge Familien weg. Schwedt, die nächstgrößere Stadt in Brandenburg, hatte eines 50.000 Einwohner, heute 30.000. Es werden immer weniger. Das Durchschnittsalter in Schwedt hat sich seit den Achtzigern verdoppelt",

berichtet Jan LUDWIG in seiner Reportage aus Gartz an der Oder. Eine Bevölkerungsvorausberechnung des Landesamt für Bauen und Verkehr hat in einer Prognose aus dem Jahr 2012 für das Amt Gartz einen Bevölkerungsrückgang bis 2030 um 13,2 Prozent berechnet (2010: 7.057 Einwohner; 2015: 6.913; 2020: 6.699; 2030: 6.124). Eine Prognose aus dem Jahr 2010 hatte noch einen Rückgang im Jahr 2030 auf 5.907 Einwohner ergeben. Die Stadt Gartz (2013: 2.470 Einwohner) liegt im dünn besiedelten Landkreis Uckermark, dem das private, neoliberale Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung im Jahr 2006 die zweitschlechteste Entwicklungsperspektive in Brandenburg bescheinigte.

Anhand dem ca. 20.000 Einwohner zählenden ostpolischen Ort Tomaszów beschreibt LUDWIG die negativen Folgen der polnischen Wanderungsströme, um seine These, dass Migration oftmals ein Nullsummenspiel sei, zu belegen.

SLUPINA, Manuel/DAMM, Theresa/KLINGHOLZ, Reiner (2016): Im Osten auf Wanderschaft. Wie Umzüge die demografische Landkarte zwischen Rügen und Erzgebirge verändern, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Januar

Im Osten auf Wanderschaft

Pressestimme

"Ländliche Gegenden haben Probleme, während Großstädte und deren Umland oft boomen. Doch während die Ost-Beauftragte Gleicke für »pfiffige Lösungen« auf dem Land plädiert, setzt Klingholz einen anderen Akzent. Er findet, dass kleinere Orte von ihren Bewohnern aufgegeben würden, sei »eine kaum noch zu vermeidende Folge eines Strukturwandels, von dem die Gesellschaft als ganze nur gewinnen kann«. Die Geschichte beweise überdies, dass sich der Wandel selbst nicht verhindern lasse"
(Markus Decker, Berliner Zeitung Online v. 26.01.2016)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Blühende Landschaften - aber kaum auf dem Land
Das Wichtigste in Kürze
1 Umzüge verändern das Land
2 Der Osten wird zum Einwanderungsland
2.1 Bildungswanderer
2.2 Berufswanderer
2.3 Familienwanderer
2.4 Empty-Nest-Wanderer
2.5 Ruhestandswanderer
2.6 Wer wohin zieht und warum - eine Analyse
3 Erfolgreiche Städte - Periphere Problemdörfer
Wie passen Flüchtlinge in das ostdeutsche Wanderungsmuster?
Was tun?
Methodische Anmerkungen

Decker, Markus (2016): Studie "Im Osten auf Wanderschaft".
Ostdeutsche Städte wachsen wieder,
in:
Berliner Zeitung Online v. 26.01.

EHRENSTEIN, Claudia (2016): Im Osten boomen die Großstädte.
Die Bevölkerung in den neuen Bundesländern wächst wieder, vor allem in den Metropolen. Sogar das Landleben ist für eine Altersgruppe attraktiv,
in:
Welt v. 27.01.

Die Studie Im Osten auf Wanderschaft  verspricht Analysen auf Gemeindeebene, was jedoch nicht passiert. Statt Gemeinden werden in erster Linie  Gemeindegrößenklassen, Gemeindelagen oder Gemeindefunktionsklassen als Indikatoren für Gemeindeentwicklungen analysiert. Viel interessanter wäre dagegen, welche Unterschiede innerhalb der einzelnen Gemeindetypen bestehen, statt die Unterschiede durch Mittelwerte zu nivellieren. Gäbe es hier große Unterschiede, dann müsste nämlich gefragt werden, warum dies so ist. Hier wären also Fallanalysen (Ein gutes Beispiel ist die Langzeitstudie Dörfer im Wandel)  angesagt, statt Gemeindetypen über einen Kamm zu scheren. Analysen, die territoriale Grenzen als Indikatoren benutzen, statt z.B. Verflechtungsräume oder Beschränkungen durch Verkehrsnetze, mögen aus Sicht der Territorialmächte aufschlussreich sein, die Bedürfnisse der Einwohner werden dadurch zwangsläufig vernachlässigt. Bezeichnenderweise wurden für die Studie Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeiter befragt, aber nicht die Bürger!

WEINGARTNER, Maximilian (2016): Der Osten schrumpft nicht mehr.
Erstmals seit der Wende kommen mehr Menschen als wegziehen - doch viele Gemeinden bleiben Verlierer,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 27.01.

POLLMER, Cornelius (2016): Geh doch rüber.
SZ-Tagesthema Zuwanderung Ost: Neue Jobs und alte Freunde bewegen viele Ostdeutsche zur Rückkehr. Wo früher vom Abriss geredet wurde, gibt es nun Andrang bei den Meldeämtern. Manche fragen sich, was passiert, wenn die Wirtschaft schwächelt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.02.

"In nur 15 Prozent der ostdeutschen Gemeinden lebten im Jahr 2013 mehr Menschen als sechs Jahre zuvor. Etwa 85 Prozent der Gemeinden verlieren also nach wie vor Einwohner", erklärt Cornelius POLLMER anlässlich der Broschüre Im Osten auf Wanderschaft.

POLLMER, Cornelius (2016): Wird es ruhig, kommt der Wolf.
SZ-Tagesthema Zuwanderung Ost: Wie der Erzgebirgekreis gegen die Abwanderung kämpft. Interview mit Matthias Lißke,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.02.

LOBENSTEIN, Caterina (2016): Schwerte schafft es nicht.
Bund und Länder rechnen sich die Kosten für Flüchtlinge schön. Viele klamme Städte müssen dafür bezahlen,
in:
Die ZEIT Nr.7 v. 11.02.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-MAGAZIN-Thema: Stadt oder Land?
Wenn die Familie wächst, geht die Suche nach dem idealen Wohnort los: Drei Erfahrungsberichte

BIRKENBACH, Sabrina (2016): Aufatmen im Bergischen,
in: Kölner Stadt-Anzeiger Magazin v. 20.02.

KNUF, Thorsten & Ulrich Paul (2016): Volle Städte, leerer Osten.
In den Ballungsgebieten wird Wohnraum laut einer Studie bis zum Jahr 2045 noch knapper. Auswirkungen in Berlin besonders groß. Stadtentwicklungssenator Geisel trotzdem optimistisch,
in:
Berliner Zeitung v. 09.03.

Der Bericht der Berliner Zeitung über die Prognos-Studie Wohnen in Deutschland 2045 im Auftrag der Baufinanzierung der Allianz verschweigt jene Annahmen der Bevölkerungsprognose, die zu einem Anstieg der Bevölkerung auf 85 Millionen im Jahr 2045 führen. Auch die auf der Allianz-Website präsentierte Studie gibt keinerlei Auskunft über die angenommene Entwicklung der Geburtenrate oder der Lebenserwartung. Einzig beim Zuwanderungsüberschuss werden 3 Varianten vorgestellt:

Das Basisszenario geht von einer Abnahme der Zuwanderung von 2015 bis 2021 auf 200.000 aus. Dieses Szenario entspricht der Variante 2 bei stärkerer Zuwanderung der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes und würde bis 2045 bis zu einem Rückgang der Bevölkerung auf 77,7 Millionen führen. Da diese Zahlen fast identisch sind mit der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, gelten für die Prognos-Studie auch die gleichen Einwände.

Die mittlere Variante, die einzig in der Berliner Zeitung genannt wird, geht dagegen von einem Wanderungssaldo von jährlich 500.000 bis 2030 aus, der dann bis 2040 auf 300.000 zurückgeht. Die obere Variante geht sogar von einem jährlichen Wanderungssaldo von 650.000 bis zum Jahr 2045 aus. Dann würden im Jahr 2045 sogar 92 Millionen Menschen in Deutschland leben.

Der Wohnungsbedarf hängt jedoch nicht in erster Linie von der Bevölkerungsentwicklung ab, sondern von der Entwicklung der Lebensformen, die wie bei der Prognos-Studie meist nur über die Entwicklung der Haushaltszahlen geschätzt wird.

Angesichts der Tatsache, dass die Prognose von Haushaltszahlen über 30 Jahre noch unsicherer ist als Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung und frühere Studien zur Binnenwanderung von völlig falschen Annahmen ausgegangen sind, handelt es sich bei dieser Studie lediglich um die Interessenpolitik eines Akteurs auf dem deutschen Wohnungsmarkt, aber nicht um eine realistische Einschätzung der weiteren Entwicklung in Deutschland.

KALTENBRUNNER, Robert (2016): Raum mit Eigenschaften.
Von Eigenheimen, zersiedelten Landschaften und der verblassten Vision einer "Bodenseestadt",
in:
Telepolis v. 13.03.

KELNBERGER, Josef (2016): Glanz und Gloria.
Sie hatten Glück im Leben und lieben ihre berühmte Stadt: Wie reiche Rentner Baden-Baden aufmöbeln wollen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.03.

Josef KELNBERGER rechnet mit dem Wahlverein Freie Bürger Baden-Baden ab, beschreibt die wechselhafte Geschichte Baden-Badens ab dem 19. Jahrhundert und verteidigt die CDU-Bürgermeisterin:

"Denn Baden-Baden, diese scheinbar so alte Stadt, hat einen gewaltigen Zuzug von jungen Familien. Sie bräuchte mehr Gewerbe und zugleich mehr bezahlbare Wohnungen. Aber beim Versuch, günstigen Wohnraum zu schaffen, sind der Ruf und das Erbe der Stadt eher Fluch als Segen."

Der von KELNBERGER beschworene Zuzug junger Familien ist offensichtlich jedoch keineswegs kennzeichnend für Baden-Baden:

"Tatsächlich ist Baden-Badens Einwohnerschaft im Durchschnitt älter als der Rest des Landes. Das sieht die Oberbürgermeisterin aber eher als Chance. Baden-Baden könne dem Rest des Landes vorleben, wie eine alternde Gesellschaft vom Engagement der Seniorinnen und Senioren profitiert." 

BORSTEL, Stefan von (2016): Wo leben die Deutschen am längsten?
Am Starnberger See werden die Menschen am ältesten. Am niedrigsten ist die Lebenserwartung im strukturschwachen Pirmasens,
in:
Welt v. 31.03.

Stefan von BORSTEL berichtet über eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sabine ZIMMERMANN (Linkspartei) zur Lebenserwartung in Deutschland. Nach den Daten des BBSR unterscheidet sich die Lebenserwartung deutlich zwischen strukturschwachen Regionen, in denen viele Menschen mit geringem Einkommen leben und Gegenden, in denen viele reiche Menschen leben. Jedoch gibt es auch große geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Lebenserwartung. Eine Grafik zeigt uns die Unterschiede in der Lebenserwartung für einige ausgewählte kreisfreie Städte und Landkreise, wobei nicht kenntlich gemacht wurde, ob die kreisfreie Stadt oder der Landkreis gleichen Namens gemeint ist.

Tabelle: höchste und niedrigste geschlechtsspezifische
Lebenserwartung in Deutschland
Stadt oder Landkreis Männer Frauen
Breisgau-Hochschwarzwald (79,5) 85,0
Starnberg 81,3 (83,6)
Pirmasens 73,0 77,1
Quelle: Grafik in der Welt v. 31.03.2016

MOHR, Reinhard (2016): Richtig schön alt werden.
Für den Mann, der sich den besten Jahren nähert, ist der Starnberger See das Paradies: Hier hat er die höchste Lebenserwartung (aber meiden Sie bloß Pirmasens),
in:
Welt am Sonntag kompakt v. 10.04.

Reinhard MOHR, alternder Ex-Spiegel-Mitarbeiter und Autor des Buches Generation Z, in dem er das privilegierte Altern seiner Generationseinheit beschreibt, berichtet anlässlich einer Studie des Robert Koch Instituts (Welt 31.03.) zu Gesundheit und Lebenserwartung in Deutschland. Nicht die sozioökonomischen Unterschiede in der Lebenserwartung interessiert MOHR, sondern lediglich der Starnberger See als Wohnort von Prominenten, die sich die Gegend noch leisten können. Ein Artikel also, der auf die Zielgruppe der People Magazine abzielt. In der Welt am Sonntag findet sich der Artikel unter der Schlagzeile Ommm am Wohlstrand.

LEMBKE, Judith (2016): Das Land von übermorgen.
Wie die Deutschen in 30 Jahren wohnen, weiß keiner. Aber man kann ja mal darüber spekulieren,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.05.

Man stelle sich vor, wie uns unsere Zukunftsforscher an die Wand gefahren hätten, die 1980 für das Jahr 2020 geplant hätten! Nun stellt uns Judith LEMBKE die Zukunftsvisionen des Jahres 2050 vor, die auf dem Projekt Baukulturatlas Deutschland 2030/2050 beruhen. Drei Szenarien hat man sich dort ausgedacht: das geschrumpfte Netzland mit 65 Millionen Einwohnern, das energiegebeutelte Wattland und das auf 85 Millionen gewachsene Integralland, das LEMBKE als "Öko-Diktatur der Gutmenschen" abwertet.

LEMBKE erklärt uns, dass sich zwar die Bevölkerung einmal in 40 Jahren austauscht, aber die gebaute Umwelt länger stehen bleibt. Die Demografie dagegen erklärt uns, dass uns die Bevölkerung länger erhalten bleibt und deshalb die Zukunft heute schon feststeht. Egal mit welcher Zukunft wir uns befassen. Sie ist immer die Zukunft unserer Gegenwart, die linear fortgeschrieben wird. Das Projekt, soll dafür sorgen, dass Kommunen heute schon die Weichen stellen können für morgen. Kommunen können jedoch noch nicht einmal die Weichen fürs nächste Jahr richtig stellen. Das zeigt nicht nur die Flüchtlingskrise, sondern Bankenkrise, Ölpreisentwicklung oder der Bedarf an Kitas. Will man also mittels Zukunftsforschung vor dem eigenen Versagen in der Gegenwart flüchten?

LEMBKE erklärt uns deshalb die Ziele auch nur an jenem Beispiel, das uns im letzten Jahrzehnt als unsere darwinistische bzw. neoliberale Zukunft ausgemalt worden ist:

"in einer schrumpfenden Gesellschaft nicht zu den demographischen Verlierern zu gehören, sondern im Wettbewerb um Fachkräfte möglichst vorne mitzuspielen."

Schon der Begriff Gesellschaft ist in diesem Kontext falsch, denn lediglich Bevölkerungen können schrumpfen. Es zeigt jedoch bis in die Wortwahl hinein wie weit uns die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme bereits zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit geworden ist, wenn uns dies nicht mehr auffällt.

GROSSARTH, Jan (2016): Die Stadt ist das bessere Land.
Das Land wird zum Industriegebiet. Die Natur der Zukunft blüht in den Metropolen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.05.

HAMPEL, Lea & Pia RATZESBERGER (2016): Was vom Dorfe übrig blieb.
Viele Menschen zieht es in die Stadt. Deshalb und aus weiteren Gründen sterben die kleinen Ortschaften. Doch die Spirale muss nicht zwangsläufig abwärtsführen. Zu Besuch in zwei idyllischen Gemeinden, die sich wehren - jede auf ihre Weise,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 07.05.

HAMPEL & RATZESBERGER berichten aus den Gemeinden Kirchenlamitz im Fichtelgebirge und dem sächsischen Falkenau. Der Ort ist seit 2011 keine eigenständige Gemeinde mehr, was die Autorinnen verschweigen, sondern ein Stadtteil von Flöha.

"Kirchenlamitz ist einer dieser Orte in Deutschland, denen Statistiker prophezeien, dass sie in den nächsten Jahrzehnten viele Menschen verlieren werden, zu viele. (...). Schon 2028 sollen 500 Menschen weniger in der Ortschaft leben als heute, 2800 wären sie dann noch. Der Landkreis Wunsiedel wird in den nächsten Jahren 16 Prozent seiner Bevölkerung verlieren",

beschreiben HAMPEL & RATZESBERGER die düsteren Zukunftsaussichten der Stadt Kirchenlamitz, das eine Ansammlung von 27 Orten ist, von denen das Dorf Kirchenlamitz eines davon ist. Schreiben die Autorinnen also von Dörfern oder von Gemeinden?

Und wo immer es um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse geht, ist Reiner KLINGHOLZ nicht weit, als ob es dazu nicht auch andere Positionen gäbe. Aber was wären die Medien ohne jene, die mit steilen Thesen ihre lahmen Storys aufpeppen würden? Und ist mit "die Statistiker" auch nur das Institut von KLINGHOLZ gemeint?

ZWICK, Daniel (2016): Tue Gutes und pendle rüber.
Millionen Deutsche haben täglich sehr weite Arbeitswege. Stress für sie - aber ein Segen für manch darbende Region. Sonst würde da gar keiner wohnen, wie in der Südwestpfalz,
in: Welt am Sonntag kompakt
v. 15.05.

Daniel ZWICK argumentiert im Dienste der Wirtschaft gegen Sozialpolitiker und Umweltpolitiker, die in der Pendlermobilität nur die Ruinierung der Gesundheit oder die Beeinträchtigung der Lebensqualität sehen. Am Beispiel des Landkreises Südwestpfalz zeigt ZWICK, dass Studien, die sich z.B. wie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung oder die Bertelsmann-Stiftung nur an politischen Territorien, aber nicht an der Realität der Menschen orientieren, zu Fehleinschätzungen neigen:

"Rippertsweiler liegt in dem Landkreis Deutschland, der in gewisser Hinsicht der ärmste ist im ganzen Land. Südwestpfalz. Unternehmen gibt es hier fast keine mehr, Arbeitsplätze nur noch wenige, und die Wirtschaftsleistung (BIP) pro Kopf beträgt 14.473 Euro - weniger als in allen Kreisen Ostdeutschlands oder auch in Griechenland",

erklärt uns Zwick, um dann auf statistische Verzerrungen bei Vergleichen hinzuweisen:

"Größere Firmen gibt es nur in Pirmasens und Zweibrücken. Doch ausgerechnet diese Städte gehören nicht zum Kreis, »das führt zu starken statistischen Verzerrungen«, sagt Heiner Röhl, Regionalexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Viele Pendler arbeiten dort. »Gäbe es in Rheinland-Pfalz eine Kreisreform, ähnlich wie in Mecklenburg-Vorpommern, dann würde die Region bei der Wirtschaftskraft insgesamt zu den schwächeren Ostkreisen aufschließen.«"

Tatsächlich entscheiden oftmals historisch gewachsene Territorien über Wohl und Wehe der dortigen Bewohner und nicht irgendwelche demografischen Entwicklungen wie uns immer wieder gerne erzählt wird.

WILLE, Joachim (2016): Mobile Dörfer.
FR-Serie Wie wollen wir wohnen?: Die Verödung der ländlichen Räume ist kein unabwendbares Schicksal. Politik und Experten setzten ihre Hoffnung in die Digitalisierung,
in:
Frankfurter Rundschau v. 17.05.

Joachim WILLE berichtet u.a. am Beispiel des rheinland-pfälzischen Dorfes Mannebach über Aktivitäten zur Mobilisierung von Senioren. Außerdem werden neue Ideen der Gegensteuerung zur Landflucht vorgestellt. Zuletzt wird Reiner KLINGHOLZ mit seiner Kritik an der Anspruchshaltung der Bewohner ländlicher Räume zitiert ("Vollversorgung" das funktionale Äquivalent zur Sozialabbau-Volte "Vollkaskomentalität"). Totgesagt werden von ihm Dörfer, die nicht in Pendlerentfernung zu attraktiven Städten liegen oder touristisch nicht attraktiv sind. Was das sein soll, dürfte wohl auch von der entsprechenden Infrastruktur abhängig sein. Wenn z.B. Bahnstrecken in ländlichen Räumen neu errichtet bzw. stillgelegt werden, dann ändert sich dadurch auch die Pendlerdistanz. Nicht demografische Entwicklungen, sondern politische Entscheidungen sind also verantwortlich dafür wie sich ländliche Räume entwickeln.

KNUF, Thorsten (2016): Dorthin, wo das Leben tobt.
FR-Serie Wie wollen wir wohnen?: Der Ökonom Harald Simons über boomende Städte, die Mobilität junger Menschen und das Ausbluten der Provinz,
in:
Frankfurter Rundschau v. 17.05.

Der Ökonom Harald SIMONS, Vorstand des Privatinstituts Empirica belegt westdeutsche Städte mit großen bzw. bekannten Universitäten wie Heidelberg, Regensburg, Darmstadt oder gehypte ostdeutsche Städte mit dem modischen Label "Schwarmstädte". Die Zielgruppe von SIMONS sind Studenten, die dann als young urban professionals die Family-Gentrification der Städte vorantreiben. Rentnern wird dagegen eine Stadtflucht zugeschrieben:

"Bei Menschen im Rentenalter lässt sich wiederum beobachten, dass sie verstärkt die großen Städte wieder verlassen, um in landschaftlich attraktiven Regionen wie an der Küste oder am Alpenrand ihren Alterssitz zu nehmen."

SIMONS erklärt das Phänomen der Schwarmstädte, die doch eher als Städte mit angesagten Szenevierteln zu bezeichnen wären, als Phänomen der geburtenschwachen Jahrgänge:

"Die ersten Schwärmer waren die Geburtsjahrgänge nach dem Pillenknick. Diese Leute wurden also ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre geboren und sind jetzt etwa 40 Jahre alt. Das sind einfach wenige. Wer auf dem Land oder in einer Provinzstadt lebt, findet dort inzwischen zu wenig Gleichaltrige in Fuß- oder Fahrrad-Entfernung vor. Mangels Masse fehlte es irgendwann auch an der passenden Infrastruktur, etwa an Kneipen oder Jugendzentren, möglicherweise sogar an Schulen. Das geht teilweise so weit, dass man in manchen Dörfern nicht mal mehr elf Leute für eine Fußballmannschaft zusammenbekommt."

Diese Erklärung macht es sich entschieden zu einfach, denn selbst in den 1970er Jahren gab es so gut wie keine Infrastruktur für die Jugend in der Provinz und die Jungen zogen in die Städte.

SIMONS plädiert für ein von oben verordnetes Zentrenkonzept, das ländliche Regionen vor drohender Abwanderung bewahren soll. Aber kann man attraktive Szenen politisch verordnen? Bereits heute gibt es politische Zentrenkonzepte, die ja offensichtlich ihre Grenzen haben. Wie will man z.B. Handelsunternehmen dazu zwingen, ihre neuen Filialen dort zu bauen, wo sie zur Stabilisierung einer Region gebraucht werden? Durch teuere Standortsubventionen?

HONNIGFORT, Bernhard (2016): Geh doch einfach rüber.
FR-Serie Wie wollen wir wohnen?: Görlitz zieht westdeutsche Rentner an,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.05.

Görlitz statt Mallorca oder Teneriffa preist uns Bernhard HONNIGFORT als Rentnerparadies an.

"Immer mehr Rentner ziehen in Deutschland um, hat das Statistische Bundesamt herausgefunden. 2013 waren es 260.000, 50.000 mehr als 1995",

behauptet HONNIGFORT anhand von Zahlen, die das gar nicht belegen können, denn dazu wären Prozentzahlen notwendig und keine absoluten Zahlen. Es könnten genauso gut weniger Rentner geworden sein, die noch umziehen, weil die Anzahl an Rentnern von 1995 bis 2013 um mehr als 50.000 gestiegen ist. Es ist schlechter Journalismus, wenn wir mit Zahlen abgespeist werden, die nicht das nachvollziehen lassen, was uns der Journalist mit Worten erzählt. Als Leser hat man dann nur die Wahl das zu glauben oder zeitaufwändig selber zu recherchieren. Und dann soll man für einen solch schlampig recherchierten Text auch noch bezahlen?

Am Beispiel eines 73-jährigen Kölner wird die Attraktivität der Stadt Görlitz im Sinne eines Stadtmarketings angepriesen: Die Kaufkraft sei vergleichsweise hoch. Gegenüber Chemnitz, das den städtischen Altenrekord in ganz Europa hält (wann diese Erhebung stattgefunden hat, wird jedoch verschwiegen!), wird die Schönheit der Stadt hervorgehoben. Der Einzelfall des 73-jährigen Kölner wird dann zum Trend stilisiert, wenn HONNIGFORT schreibt:

"1200 gut betuchte West-Rentner sind in den vergangen Jahren in die ostsächsische Stadt an der Neiße gezogen, eine Menge, denn Görlitz hat insgesamt nur 56 211 Einwohner."

Was heißt vergangene Jahren? 5 Jahre oder seit 1991? Und wie viele sind weggezogen? Ein Vergleich mit Chemnitz wäre aussagekräftiger, denn dann könnte sich der Leser selber ein Bild davon machen.

Zuletzt wird die positive Bevölkerungsentwicklung in Görlitz hervorgehoben:

"Görlitz wachse wieder, erzählt Eva Wittig, die Sprecherin der Stadt. Seit 2014 gehe es wieder bergauf, nachdem jahrzehntelang die Zahlen in den Keller gingen, weil junge Familien wegzogen, nach Westen, der Arbeit hinterher. Nun geht es andersherum – und nicht nur die gut gelaunten Westrentner kommen. Es kommen Junge, um zu studieren, es kommen Polen aus der Nachbarstadt Zgorzelec, die einmal eins war mit Görlitz und nur durch den Grenzfluss Neiße getrennt ist. In Polen ist bezahlbarer Wohnraum knapp, in Görlitz kein Problem."

GROSSMANN, Uta (2016): "Dörfer müssen sich vernetzen".
FR-Serie Wie wollen wir wohnen?: Gabriele Göhring von der Caritas über das Altwerden auf dem Land, Fahrdienste zum Arzt oder Einkaufen und eine Bürokratie, die fantasievolle Lösungen blockiert,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.05.

Gabriele GÖHRING berichtet über eine Demografie-Studie, die der Deutsche Caritasverband beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in Auftrag gegeben hat und die im April veröffentlicht wurde. Eine generelle Zuwanderung der Alten in die Städte gäbe es danach nicht, sondern insbesondere Kurstädte, die eine altersgerechte Infrastruktur anbieten, würden von einem Zuzug profitieren.

GÖHRING berichtet, dass die privaten Pflegeanbieter Landkreise mit hohem Altenanteil vernachlässigen, weil sich für sie das Geschäft dort nicht lohne.

"Unsere Studie zeigt, dass in 180 Flächenlandkreisen im Westen und fünf im Osten, in denen 34 Millionen Menschen leben, der Anteil Älterer im Moment noch gering ist. Aber zwischen 2003 und 2011 hat der Anteil der Pflegebedürftigen um 23 Prozent zugenommen. Es wird mehr Bedarf an altersgerechten Wohnungen und pflegerischer Versorgung geben. Die Kommune muss sich als sorgende Gemeinschaft begreifen und rechtzeitig ein altersgerechtes Umfeld schaffen",

fordert GÖHRING. Da fragt man sich höchstens, warum wurde der Zeitraum 2003 bis 2011 ausgewählt? Etwa weil ein anderer Zeitraum keine so dramatischen Steigerungsraten aufgewiesen hätte? Es handelt sich dabei um jenen Zeitraum, in dem Deutschland statistisch einen Bevölkerungsrückgang verzeichnete, während das seitdem nicht mehr der Fall ist.

GÖHRING berichtet über Vorzeigeprojekte und zeigt Hindernisse aus Sicht der Pflege und des katholischen Caritasverbandes auf.

BUDRAS, Corinna & Sharon EXELER (2016): Pirmasens, abgehängt.
Arme Menschen haben wenig Geld und sterben früher. Pirmasens hält den traurigen Rekord. Ein Besuch,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.05.

WERMKE, Christian (2016): Heimlicher Aufstieg.
Prognos Zukunftsatlas (1): Still und leise hat sich in Flensburg eine starke Start-up-Szene entwickelt. Vor allem viele Studenten wagen hier den Schritt in die Selbständigkeit,
in:
Handelsblatt v. 27.05.

Welche Indikatoren sollen Flensburg als positives Beispiel charakterisieren?
Ein Schaubild nennt die Einwohnerzahl 2014, Einwohnerentwicklung in Prozent (ohne Zeitraum), Arbeitslosenquote Dezember 2015, Bruttoinlandsprodukt in Euro je sozialversicherungspflichtig Beschäftigter. Der Anteil des Dienstleistungsbereichs wird als Stärke gesehen und nicht etwa als Schwäche. Dagegen wird der Anteil an Bedarfsgemeinschaften als Schwäche gewertet
- 2,49 Gründungen pro 10.000 Einwohner werden als Innovationsmerkmal vermarktet. Nichts über die Anzahl der so geschaffenen Arbeitsplätze, die Lebensdauer einer solchen Gründung bzw. deren Aussichten auf Erfolg
- Ein Fünftel der Einwohner sind junge Erwachsene. Welche Altersgruppe hier gemeint ist, wird nirgends erläutert.

Fazit: Fakten werden lediglich in homöopathischen Dosen verabreicht. Stattdessen viel Stadtmarketing. Nachvollziehbar ist für den Leser nicht, warum Flensburg so toll sein soll. Dies mag daran liegen, dass hier nicht die Gegenwart zählt, sondern eine erhoffte Zukunft in die Stadt projiziert wird. Kreativität ist schließlich alles!

SAUER, Stefan (2016): Deutschland, ein geteiltes Land.
Welchen Regionen die besten Zukunftschancen vorausgesagt werden,
in:
Frankfurter Rundschau v. 28.05.

Stefan SAUER stellt die Ergebnisse des Prognos Zukunftsatlas 2016 in einen Zusammenhang mit dem Länderfinanzausgleich und die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse. Er kommt zu dem Schluss,

"dass der Länderfinanzausgleich alles in allem durchaus zumutbar und angemessen, jedenfalls nicht schreiend ungerecht ist."

Die größten Probleme westdeutscher Regionen in NRW und Norddeutschland sieht SAUER in der hohen Arbeitslosigkeit und Kinderarmut sowie in der Verschuldung der Kommunen.

Auch in der FR werden die Indikatoren des Rankings weder nachvollziehbar dargestellt, noch kritisch hinterfragt.

FRÖHLICH, Diana (2016): Am Boden geblieben.
Prognos Zukunftsatlas (2): Kaum eine Region ist im Zukunftsatlas von Prognos so stark abgerutscht wie die Stadt Kaiserslautern und der dazugehörige Landkreis. Die Probleme der strukturschwachen Region sind längst erkannt - doch unternommen wird zu wenig,
in:
Handelsblatt v. 30.05.

Diana FRÖHLICH beschreibt die Zweischneidigkeit der Tatsache, dass der Landkreis Kaiserslautern sich zu lange von der US-Air Base Rammstein abhängig gemacht hat und zuwenig auf moderne High Tech-Industrie setzte. Auch das touristische Potenzial sei zu wenig erschlossen, klagt FRÖHLICH.

"In Kaiserslautern selbst tragen die Arbeitslosenquote, die laut Agentur für Arbeit bei mehr als neun Prozent liegt, und der hohe Schuldenstand maßgeblich zum schlechten Ergebnis bei, im Umland ist es vor allem die Überalterung der Einwohner",

beschreibt FRÖHLICH die Probleme der Region aus neoliberalem Blickwinkel einer gnadenlosen Standortkonkurrenz, bei der die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse längst kein Politikziel mehr ist.

ASTHEIMER, Sven (2016): Warum mehr Wessis in den Osten ziehen.
Erstmal seit der Wende gewinnt Ostdeutschland Bevölkerung hinzu. Doch für eine Entwarnung gibt es noch lange keinen Grund,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 31.05.

Sven ASTHEIMER berichtet über die gestrige Pressemitteilung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zu Umzügen von West nach Ost und hat vom Studienautor Bernhard KÖPPEN weitere Informationen erhalten.

HERGERT, Stefanie (2016): Im Blech Valley.
Prognos Zukunftsatlas (5): Eine Grenzregion der Superlative: Die beiden Landkreise rund um Friedrichshafen und Lindau profitieren von einer starken Industrie. Doch das weiß kaum jemand - vor allem viele Fachkräfte nicht, die von den Firmen dringend gesucht werden,
in:
Handelsblatt v. 03.06.

HOYER, Niklas (2016): Das Geheimnis von Dietzhölztal.
Serie Die Tücken der Statistik (4): Mittelwerte suggerieren unumstößliche Wahrheit. Dabei lässt sich mit ihnen eine gewünschte Aussage herbeizaubern,
in:
Wirtschaftswoche Nr.23 v. 03.06.

Niklas HOYER erklärt uns u.a. am Beispiel der hessischen Gemeinde Dietzhölztal den Unterschied zwischen dem arithmetischen Mittel (Durchschnittseinkommen) und dem Medianeinkommen, dessen Berechnung im Falle der relativen Armut oftmals als lächerlich abgetan wird, hier jedoch auf der Gemeindeebene wird es uns als dem Durchschnittseinkommen überlegen präsentiert, weil es den verzerrenden Einfluss von Spitzenverdienern beseitigt. Auch zur ökonomischen Definition von Schichtgrenzen wird es herangezogen (z.B. hier).

ROTHHAAS, Julia (2016): Unser Dorf soll leben.
Immer mehr Menschen drängt es in die Städte, während kleinere Orte langsam aussterben. Wie kann man das verhindern? Manchmal hilft ein Kino oder ein Hochseilgarten,
in:
 Süddeutsche Zeitung v. 04.06.

Unsere Städte sterben aus! Immer mehr Städter drängt es aufs Land! Schafft die Pendlerpauschale ab! Hieß lange Zeit das Credo der urbanen SZ. Nun entdeckt die SZ scheinbar ihre Liebe zum Dorf. Landlust statt Landflucht? Eher nicht, denn wer lediglich Reiner KLINGHOLZ als angeblich unabhängigen Experten hofiert, der schreibt das Land bedenkenlos ab. Dabei gäbe es alternative Experten.

HILDENBRAND, Kathleen (2016): "Raum für Experimente".
Interview mit Reiner Klingholz,
in:
 Süddeutsche Zeitung v. 04.06.

AUTHALER, Theresa (2016): Lieber Kreuzfahrt als Kurpark.
Ausgerechnet die traditionellen Kurorte verpassen den Boom in der Gesundheitsbranche. Sie sind in der Krise, seit immer weniger Aufenthalte von den Kassen bezahlt werden. Bad Pyrmont setzt jetzt auf Schulungen gegen Burn-out statt auf Moorbäder und Klassikkonzerte,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.06.

"Heute kann es selbst an einem warmen Frühlingstag passieren, dass Besucher die Hauptallee für sich alleine haben. Statt Prinzessinnen flanieren dort nur noch Senioren in Gesundheitsschuhen, junge Menschen sind kaum unterwegs. Sie reisen seltener in Kurorte wie Bad Pyrmont, seit es schwieriger geworden ist, eine Kur bezahlt zu bekommen. Für die Heilbäder bedeutet das: Es reicht nicht mehr, nur auf die Kranken zu setzen. Doch um die Gesunden, die Erholungssuchenden, konkurrieren Kurorte mit Wellness-Tempeln auf der grünen Wiese und mit Anbietern von Bergurlauben und Kreuzfahrten",

klagt uns Theresa AUTHALER über Kurorte, die uns vor einem Jahrzehnt noch als Prototypen von Deutschlands Zukunft verkauft wurden. Ganz Deutschland sehe im Jahr 2030 so aus wie Bad XYZ. Nun also werden uns Kurorte als bedrohte Gemeinden dargestellt.

Bad Pyrmont wird uns als Blaupause einer neoliberalen Zukunftsvision vorgestellt, die auf eine verkürzte Form des allseits gepredigten  aktivierenden Sozialstaats (Fordern statt fördern!) setzt: Resilienz ist dessen Zauberwort:

"»Die Menschen werden in ihren Berufen immer mehr gefordert«, sagt er. Das könne man nicht ändern. »Aber man kann die eigenen Ressourcen stärken«.",

wird der Kurdirektor im Sinne der "Schönheit schwarzer Zahlen" zitiert. Der neoliberal verordnete "Sachzwang" wird hier als alternativ los dargestellt. Statt auf Krankenkassenleistungen setzt man nun vermehrt auf "betriebliches Gesundheitsmanagement" (BGM), das durch ein dieses Jahr in Kraft getretenes "Präventionsgesetz" gestärkt werden soll.

Aus Sicht des Neoliberalismus sind Kurorte lediglich eine besondere Form von Betrieben. Auf solche Betriebe namens Kurort hat sich das Beratungsunternehmen Project M (beschreibt seinen Beratungsbereich jedoch umfangreicher als "Tourismus und Freizeit") seit 15 Jahren spezialisiert. AUTHALER stellt den Branchenreport Kurorte und Heilbäder mit dem Titel Innovativer Gesundheitstourismus in Deutschland aus dem Jahr 2011 vor, eine Auftragsarbeit für das Bundeswirtschaftsministerium. Der hat jedoch wenig mit betrieblichem Gesundheitsmanagement, sondern viel mit Gesundheitstourismus zu tun. AUTHALER stellt uns 3 Gruppen von Kurorten vor, die den künftigen Herausforderungen im Gesundheitstourismus unterschiedlich gewachsen sind:

"Ein Teil der Orte sei für die neuen Herausforderungen im Gesundheitstourismus bereits gut gewappnet. Eine zweite Gruppe sei touristisch allgemein gut aufgestellt, etwa durch die Lage am Meer oder im Gebirge. In einer dritten Gruppe beschreibt der Bericht die Orte, die seit der Krise immer noch straucheln. Sie liegen weder am Meer noch im Gebirge, haben Probleme mit der Infrastruktur und dem Service für ihre Gäste."

Als Folgen der Krise kann der Verlust des Prädikats drohen, z.B. wie beim niedersächsischen Bad Fallingbostel. Zur Zeit wird an der Rettung des Prädikat Moorbad von Bad Freienwalde in Brandenburg gearbeitet.

Besorgt zeigt sich die FAS lediglich hinsichtlich der Kurkonzerte (Klassik!), aber auch hier wird Entwarnung gegeben, dank "evidenzbasiertem Ansatz". Das Bad Pyrmont der Zukunft wird uns deshalb als Kurbad für die "Betagten und Betuchten" sowie "Geschäftsleute" präsentiert.

AUTHALER, Theresa (2016): "Wir setzen nicht auf Yoga, nur weil es zeitgeistig ist".
Bad Aibling hat sich aus der Krise geackert. Kurdirektor Thomas Jahn sagt, das sei mit Mut und dem Sinn für Identität gelungen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.06.

Schlagzeilendichter und Textlieferanten widersprechen sich, während die Schlagzeile Yoga als Zeitgeist ausweist, wird im Text Ayurveda zum Zeitgeist erklärt.

Der Kurdirektor von Bad Aibling sieht in der Zielgruppendefinition anhand des Alters (Junge contra Rentner) keinen Sinn, wichtiger sei die jeweilige gemeinsame Lebenslage. So würden Thermen, die als Spaßbäder konzipiert seien mit den Anforderungen an Wellness- bzw. Gesundheitstourismus in Konflikt geraten. Bad Tölz wird als Beispiel für einen solchen falschen Ansatz genannt. 

KORIOTH, Stefan (2016): Mehr Geld gegen Selbstentmachtung?
Wissenschaft und Praxis: Der Vorschlag der Bundesländer zur Reform der Finanzverteilung hat auf die Schwächen des Föderalismus ein grelles Schlaglicht geworfen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.06.

BALZTER, Sebastian (2016): Sex and the City.
Der Sonntagsökonom: Plötzlich bekommen die Leute in der Großstadt mehr Kinder als auf dem Dorf. Am Storch liegt das nicht,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.06.

RICKENS, Christian (2016): Mittendrin.
Prognos Zukunftsatlas (9): Der Kreis Miltenberg in Mainfranken ist laut Prognos Zukunftsatlas die deutsche Durchschnittsregion schlechthin. Eine Exkursion ins Herzland der Republik,
in:
Handelsblatt v. 13.06.

Christian RICKENS will uns eine spannende Geschichte über den Landkreis mit der beschaulichen Kleinstadt Miltenberg erzählen:

"Anhand der Daten aus dem Zukunftsatlas 2016 (...) lassen sich (...) gleich drei Ecken ausmachen, die als deutsche Durchschnittsregion infrage kommen: Der Landkreis Broken in Nordrheinwestfalen, der im gleichen Bundesland gelegene Rhein-Erft-Kreis und schließlich der Kreis Miltenberg in Mainfranken."

Borken wird jedoch aufgrund seiner Randlage an der niederländischen Grenze genauso aussortiert wie der Rhein-Erft-Kreise als Speckgürtel der Metropole Köln.

Dass der Landrat im Kreis Miltenberg ein Grüner ist, nur einer von zweien in ganz Deutschland, und das in einem traditionellen CSU-Kreis, wird als Sensation hervorgehoben und soll uns die Erosion traditioneller politischer Milieus belegen:

"Die Erosion der traditionellen politischen Milieus, von Wahlforschern und Leitartiklern gerne beschworen, ist tatsächlich weit fortgeschritten."

Akademiker, die RICKENS als traditionelles Kernmilieu der Grünen bezeichnet, sind lediglich 7,1 Prozent der Beschäftigten, der Rest würde entweder in der Landwirtschaft oder in der Fabrik arbeiten. Stellt sich erstens die Frage, inwiefern die Einwohner des Kreises Miltenberg mit den Beschäftigten des Kreises identisch sind und zweitens inwiefern sich die Wahlbeteiligung der einzelnen Milieus unterscheidet. Sind also die Zahlen, die uns RICKENS hier liefert überhaupt aussagekräftig? Und was heißt überhaupt traditionell bei einer Partei, die gerade eine Generation lang existiert?

Kurz reißt RICKENS die Probleme des ländlichen Raums an, bedingt auch wegen dem "Kuriosenkabinett des deutschen Föderalismus", ohne den Rückgang der Bevölkerung im Landkreis überhaupt erwähnenswert zu finden. Stattdessen ein Loblied auf Familienunternehmen als Zentrum des Modells Deutschlands, das durch eine "unideologische Politik" gehegt und gepflegt wird. Vor allem Klingenberg am Main, berüchtigt durch einen Exorzismus-Fall in den 1970er Jahren, wird als Unternehmensstandort hervorgehoben.

"Trotz aller Durchschnittlichkeit ist Miltenberg privilegiert. Hier gibt es halb so viele Arbeitslose wie im Bundesdurchschnitt, weniger Kriminalität und weniger Hartz-IV-Empfänger",

erklärt uns RICKENS die Stärken der Region. Insbesondere dem Weltmarktführer Wika als Vorzeigeunternehmen der Region gilt das Interesse von RICKENS Regionenporträts.

BRILL, Klaus (2016): Wenn nur die Kirche im Dorf bleibt.
Die ländlichen Regionen in Deutschland verwaisen. Wo Arbeitsplätze fehlen, Geschäfte, Gaststätten oder Arztpraxen schließen, zieht es nicht nur die jungen in die großen Städte. Wie lässt sich dieser Trend aufhalten,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 15.06.

Was ist ein Trend? Antwort: wenn es in den Zeitungen steht! Nach diesem Motto versuchen die Mainstreammedien seit einiger Zeit das Bild vom ländlichen Raum im Sinne einer Stadtflucht zu inszenieren.

"Bisher gibt es nicht einmal verlässliche Daten darüber, wie der Rückgang der Bevölkerung und der damit verbundene Zuwachs des Anteils älterer Bewohner sich etwa in den deutschen Kleinstädten auswirken",

schreibt Klaus BRILL anlässlich der Tagung Grosse Dörfer, kleine Städte. Tatsächlich wird unser Bild von der deutschen Binnenwanderung in erster Linie von neoliberalen Privatinstituten wie dem Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Bertelsmann-Stiftung dominiert. Fakten sind nicht die Sache von BRILL, der uns lediglich spärliche Informationshappen zukommen lässt:

"Zu beobachten ist eine neuartige, mikrokosmische Migration, deren Orientierungspunkt die vorhandenen und nichtvorhandenen Versorgungseinrichtungen sind",

erzählt uns BRILL und zitiert die Soziologin Annett STEINFÜHRER mit einem Fazit:

"Was wir aus vielen, vielen Kleinstädten jetzt hören: dass die Menschen auf Infrastrukturangebote reagieren".

Angesichts neoliberaler Städte- und Regionenrankings, die seit Mitte der Nuller Jahre in immer schnelleren Takten und für immer speziellere Zielgruppen durchgeführt werden, wäre eine solche Entwicklung durchaus denkbar. Dennoch erscheint vieles eher Propaganda statt Wirklichkeit, denn sonst müssten uns doch empirische Belege, statt nur Beobachtungen von Praktikern, vorgelegt werden. So wird uns z.B. die folgende Beobachtung der Bürgermeisterin aus dem bayerischen Hollfeld bei Bayreuth mitgeteilt:

"In den dörflichen Teilen Hollfelds - es sind immerhin 19 - hätten bereits viele Witwen ihre alten Bauerhäuser verkauft und kleinere Wohnungen im Zentrum bezogen. Trotz Sanierungsmaßnahmen, Kulturprojekten oder Leerstandsmanagements sei die Bevölkerungsprognose für Hollfeld vorerst negativ."

Wenn ältere Witwen innerhalb einer Gemeinde umziehen, wie bitte soll das die Bevölkerungsprognose beeinflussen, die lediglich Wanderungen zwischen Gemeinden erfasst?

Da werden schon Befürchtungen angesichts eines prognostizierten Bevölkerungsrückgangs ab 2036 geschürt, obwohl wir nach früheren Bevölkerungsvorausberechnungen schon seit Mitte der Nuller Jahre mitten in einem Bevölkerungsrückgang stecken müssten.

Zum Schluss präsentiert uns BRILL die gängigen neoliberalen "Lösungsansätze": Unermüdliches bürgerschaftliches Engagement (dazu wird das fränkische Langenfeld und ein "Aktivist" bemüht) sowie Lage im Speckgürtel einer Metropole bzw. eines Ballungsraumes (Pfaffenhofen an der Ilm, das sich seit 2011 als "lebenswerteste Kleinstadt der Welt" vermarkten darf).

KERSTING, Silke (2016): Stadt, Land, Flucht.
Wohnungswirtschaft legt Zehn-Punkte-Plan vor, um die Verödung ganzer Landstriche zu stoppen,
in:
Handelsblatt v. 24.06.

Silke KERSTING berichtet anlässlich des Wohn-Zukunfts-Tags in dieser Woche über die Empirica-Studie Schwarmstädte in Deutschland – Ursachen und Nachhaltigkeit der neuen Wanderungsmuster in Deutschland im Auftrag des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft (GdW), die bereits im letzten November veröffentlicht wurde.

KERSTING beschreibt uns Halle an der Saale als Blaupause für die Revitalisierung von Regionen, wie sie der Bundesbauministerin Barbara HENDRICKS (SPD) vorschwebt.

Die Wohnungswirtschaft dagegen warnt vor einer Verödung des ländlichen Raums und einer Überkonzentration in Metropolen und Ballungsräumen. Mittels eines 10-Punkte-Plans soll die Abwanderung aus ländlichen Räumen gestoppt werden.

Als einzige Gegenstimme wird Christian KÜHN ("Grünen-Baupolitiker") zitiert, der eine neoliberale Konzentrationspolitik damit rechtfertigt, dass es absurd sei den Flächenverbrauch in schrumpfenden Regionen zu fördern, statt Ortszentren zu revitalisieren und so vor der Verödung zu bewahren.

LASCH, Hendrik (2016): Für manche bleibt nur Sterbehilfe.
Wanderungsbewegung in Sachsen stärkt nur Großstädte und wenige "versteckte Perlen",
in:
Neues Deutschland v. 24.06.

Hendrik LASCH berichtet über eine Studie von Empirica, einer "neoliberalen Denkfabrik" (Andrej HOLM). Das Beratungsunternehmen spricht gerne von "Schwarmstädten", weil sich ein solcher Modebegriff gut als Marketinginstrument für neoliberale Standortpolitik eignet und von Journalisten begierig aufgegriffen wird.

Schwarmstadt soll die nicht gerade brandneue Entwicklung beschreiben, dass Menschen nicht jedem Arbeitsplatz hinterher ziehen, sondern zum Arbeitsplatz pendeln. Wer sich darüber verblüfft zeigt, hat sich kaum länger mit solchen Fragen beschäftigt.

Versteckte Perlen ist ein Begriff, der in neoliberalen Städte-Rankings gerne verwendet wird. Im Artikel wird dieser Begriff folgendermaßen definiert:

"Orte, aus denen auch weggezogen wird, die aber zugleich nennenswerten Zuzug aus ihre Umland verzeichnen."

Solche Orte, die für das Land Sachsen von LASCH mit 11 beziffert werden, darunter Bautzen, Döbeln, Stollberg und Borna, werden in neoliberaler Terminologie als "Stabilisierungsanker" bezeichnet, die mittels politischer Förderung zu Zentren ausgebaut werden sollen. Eine solche neoliberale Standortpolitik führt letztlich dazu, dass die Polarisierung, die  durch die Wanderungen ausgelöst wird, innerhalb der Bundesländer noch zusätzlich verstärkt wird. In diesem Zusammenhang wird konsequenterweise von "Sterbehilfe" gesprochen. Reiner KLINGHOLZ hat mit seinem Berlin-Institut diese Art der Entsolidarisierung seit Jahren popularisiert.

LASCH beschreibt uns Sachsen als gespaltenes Land, in dem auf der einen Seite 1,8 Millionen Menschen in nur noch 22 Gemeinden leben, zu denen "Schwarmstädte" wie Leipzig, Dresden, Chemnitz, Freiberg sowie Städte mit moderater Zuwanderung wie Zwickau, Görlitz, Plauen und Meißen sowie Speckgürtel-Gemeinden wie Taucha, Markleeberg, Freital und Radebeul.

Auf der anderen Seite verteilen sich 1,9 Millionen Sachsen auf die restlichen 391 Gemeinden. Zu den schrumpfenden Gemeinden gehören 11 der 24 Gemeinden über 20.000 Einwohner. Besonders betroffen ist Hoyerswerda, dessen Ruf in den 1990er Jahren ruiniert wurde:

"Extremster Fall ist Hoyerswerda. In der Lausitzstadt bleiben von 100 Menschen eines Altersjahrgangs nur 39 wohnen."

Die Aufnahme von Flüchtlingen wird in dieser Situation als Chance propagiert.  

NEIßE, Wilfried (2016): Zwischen Abriss und Wohnungsbau.
In berlinnahen Gemeinden wächst die Einwohnerzahl, doch die Peripherie dünnt weiter aus,
in:
Neues Deutschland v. 24.06.

HAAK, Sebastian (2016): Was eine Gebietsreform so bringt.
Rot-Rot-Grün in Thüringen hat sein wohl ambitioniertestes Projekt in Gang gesetzt - doch kann man damit sparen?
in:
Neues Deutschland v. 29.06.

LABERENZ, Lennart (2016): Netzland oder Wattland?
Utopismus: Eine Studie liest aus den unspektakulären Städten und Regionen der Gegenwart unsere abenteuerliche Zukunft,
in:
Freitag Nr.26 v. 30.06.

Lennart LABERERNZ will uns ein Buch über Zukunftsszenarien schmackhaft machen, die uns 3 unterschiedliche Entwicklungen vorstellen: Netzland, Integralland, Wattland. Dumm nur, dass diese ökonomisch-ökologische Entwicklungen fest mit sozio-demografischen Entwicklungen verkettet werden (vgl. Judith LEMBKE in der FAS). Dies suggeriert Alternativlosigkeit. Warum sollte Bevölkerungswachstum bzw. -schrumpfung nicht mit allen drei ökonomisch-ökologischen Entwicklungen einhergehen können? Hier werden uns also nicht alle möglichen Kombinationen vorgestellt, sondern lediglich normative Konzepte.

Fazit: Bunte Bildchen brauchen wir nicht, und schon gar nicht vom Umwelt- und Bauministerium finanziert! Man hätte uns das besser als PDF-Datei bereitgestellt, statt dafür auch noch 39 Euro zu verlangen.

GÜLL, Reinhard (2016): Im Blickpunkt: Die Stadt Furtwangen im Schwarzwald,
in:
Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg, Heft 7

Reinhard GÜLL stellt uns die Baden-Württembergische Kleinstadt Furtwangen im Schwarzwald-Baar-Kreis vor, die durch ihre Hochschule die Stadt mit dem höchsten Studentenanteil in Deutschland ist, aber nicht einmal einen Bahnanschluss besitzt. Furtwangen gehört zu den schrumpfenden Gemeinden. Es dominiert das Produzierende Gewerbe und der Tourismus.

FRITZSCHE, Andreas (2016): Kreisreform verlässt die Talsohle.
Die Linke in Cottbus zeigt sich inzwischen dem Projekt gegenüber wieder aufgeschlossen,
in:
Neues Deutschland v. 01.07.

NEIßE, Wilfried (2016): Der Speckgürtel könnte dicker sein.
Wohnungsunternehmen schlagen vor, aus Fürstenwalde nach Berlin zu pendeln,
in: Neues Deutschland v. 13.07.

FRITSCHE, Andreas (2016): Jetzt geht es an die Kreisgrenzen.
Möglichst bis zum Jahresende soll die neue politische Landkarte Brandenburgs gezeichnet sein,
in: Neues Deutschland v. 13.07.

NEIßE, Wilfried (2016): Kommunalreform beschlossen.
SPD, Linke und Grüne sehen die Notwendigkeit von Veränderungen,
in: Neues Deutschland v. 14.07.

DPA/ND (2016): Weimar verhängt Haushaltssperre.
Thüringischer Stadt droht Millionen-Defizit - am Nein zur Gebietsreform hält man fest,
in: Neues Deutschland v. 15.07.

SCHÖNBACH, Miriam (2016): Sieben Jahre Görlitz-Experiment.
Mit kostenlosem Probewohnen sollten Neubürger gewonnen werden - der Erfolg ist mäßig,
in:
Neues Deutschland v. 27.07.

Miriam SCHÖNBACH schildert uns Görlitz als sterbende Stadt:

"Ein knappes Viertel der etwa 4000 Baudenkmäler aus Romantik, Barock, Renaissance und Gründerzeit ist unbewohnt. In den vergangenen 25 Jahren sank die Bevölkerungszahl der Stadt von 72.000 auf 54.000 Einwohner. In ihrer Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten 81.000 Menschen in der »Perle der Oberlausitz«".

In Westzeitungen wird uns dagegen Görlitz als Rentnerparadies verkauft, die Westdeutsche besonders anzieht, so z.B. HONNIGFORT in der FR. Dass dies verzweifelten Werbemaßnahmen entsprungen ist, das wurde uns Westlern dagegen verschwiegen:

"Görlitzer Probewohnen (...). Zwei Drittel der Bewerber waren zwischen 60 und 69 Jahre oder älter. Auch bei den vorherigen Aktionen fühlten sich besonders Senioren angesprochen. Die meisten Bewerber kamen aus Nordrhein-Westfalen, Berlin, Sachsen und Baden-Württemberg.
Wissenschaftliche begleitet wird das Projekt durch das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden",

klärt uns SCHÖNBACH über das Probewohnen-Projekt der Kommwohnen Service GmbH auf, das 2009 gestartet wurde und bislang mit drei Aufrufen (zuletzt im Juli 2015) ein "Zeichen gegen den Leerstand in ihrer Stadt" zu setzen versuchte. Das Ergebnis:

"Acht Haushalte konnten mit dem Probewohnen bislang gewonnen werden (...). Dazu sind am 1. Juli zwei weitere Einwohner gekommen."

FRITSCHE, Andreas (2016): Die verhinderte Großstadt.
ND-Serie Industriestandorte: Singer-Nähmaschinenwerke machten kleine Orte zu Metropolen - nur Wittenberge nicht,
in:
Neues Deutschland v. 01.08.

WERNER, Uwe (2016): Aufbruch am Unteruckersee.
ND-Serie Industriestandorte (3): Prenzlau hat endlich sein Potenzial entdeckt,
in:
Neues Deutschland v. 08.08.

EISENRING, Christoph (2016): In Deutschlands "Schwarmstädten".
Etwa dreissig Wohnorte sind bei jungen Erwachsenen besonders gefragt,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 09.08.

FREYTAG, Bernd (2016): Alle auf einen Haufen.
Die Deutschen rotten sich zusammen - die Jungen in Hochschulstädten, die Alten am Meer. Darunter leidet nicht nur das flache Land, auch unbeliebte Städte verarmen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.08.

Nachdem bereits gestern die NZZ über die Studie Schwarmstädte in Deutschland von Harald SIMONS & Lukas WEIDEN berichtete, greift nun Bernd FREYTAG das Thema in der Reihe "Ungleichheit" ebenfalls auf.

HAHN, Thomas (2016): Von wegen.
Mecklenburg-Vorpommern wirkt an manchen Stellen wie leergefegt. Der Bürgermeister von Bollewick hat den Stall ausmisten lassen und wirbt mit der Stille. Und siehe da: es hilft,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.08.

Thomas HAHN berichtet anhand der Dörfer Bollewick und Wredenhagen im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern über den demografischen Wandel im ländlichen Raum. Einzig ein Experte des berüchtigten privaten Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wird erwähnt.

NEIßE, Wilfried (2016): Offerte vom Land an Reformkritiker.
Brandenburg: Finanzrahmen für Kreisreform vorgestellt - Entschuldungspläne sollen Lasten mildern,
in:
Neues Deutschland v. 12.08.

KRAUß, Matthias (2016): Abends gratis ein Feuerwerk.
ND-Serie Industriestandorte (4): Hennigsdorf hat sich als Industriestadt bis heute behauptet,
in:
Neues Deutschland v. 16.08.

FABRICIUS, Michael (2016): Berlin ist out, es lebe die Lausitz.
Geld: Der Immobilienboom verlagert sich von den Großstädten und ihren Speckgürteln in den Provinz. Hauskäufer beleben den Markt in den Kleinstädten - und gehen damit oft erhebliche Risiken ein,
in:
Welt am Sonntag kompakt v. 21.08.

In der WamS heißt die Schlagzeile des Artikels: Häuserjagd in der Provinz.

"Anders als erwartet, liegen in der Rangliste mit den höchsten Preisanstiegen nun nicht mehr die Top-Metropolen Berlin, Hamburg oder München an der Spitze. Sondern Städte wie Lübbenau im Landkreis Oderspreewald-Lausitz. Oder Eichstätt in Oberbayern. Und eben Cottbus. Empirica zufolge stiegen die Preise für aktuelle Kaufangebote in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs binnen zwölf Monaten um stattliche 21 Prozent."

Das Marktforschungsunternehmen habe den Preisanstieg vom 1. Halbjahr 2015 bis zum 1. Halbjahr 2016 exklusiv für die WamS für Wohnungen, Ein- und Zweifamilienhäuser ermittelt.

"Je abgelegener eine Stadt liegt, desto geringer ist die Chance, später einmal einen Käufer zu finden, wenn es darauf ankommt",

lautet das momentane neoliberale Credo. Solche Credos haben meist nur eine kurze Lebensdauer, denn sie stellen Trends der Vergangenheit dar, die linear in die Zukunft verlängert werden. Niemand weiß jedoch wie die Lage in 30 oder gar 50 Jahren aussieht. Selbst die Demografie hält sich selten an die Annahmen der Statistiker, die Verhaltensänderungen der Bürger genauso wenig in Betracht ziehen wie Änderungen des Arbeitsmarktes. Gegensteuern war einmal der Anspruch von fortschrittlicher Politik. Der Neoliberalismus predigt dagegen: Laufen lassen, denn der Markt regelt alles bestens. Der Markt jedoch ist keine Naturgewalt, sondern die Interessen von Investoren und Wirtschaft. Deren Interessenlage unterliegt jedoch eher kurzlebigen als langlebigen Moden. Noch Anfang des Jahrtausends wurde das Schrumpfen der Großstädte propagiert, nun will man die Provinz aussterben lassen. Man wird sehen, was davon in 20, 30 und mehr Jahren übrig bleiben wird. Die Großstädte könnten z.B. zu unwirtlichen Slums werden, ein Szenario, das keiner auf dem Schirm hat. Niemand weiß das!

Hinzu kommt: Uns wird verschwiegen, welche Datenbasis zur Erstellung der Rangliste, die uns eine Tabelle zeigt, verwendet wurde. Was ist Provinz und was ist Großstadt und Metropole? Heidelberg z.B. ist eine Großstadt, wenn man die amtliche Definition einer Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern nimmt. Landkreiszahlen und Zahlen kreisfreier Städte werden zudem miteinander vermischt.

Wurde uns von Ökonomen meist erklärt, dass Investoren ihr Geld meist rationeller anlegen als Privatanleger, so erklärt uns FABRICIUS, dass Selbstnutzer risikoärmer investieren würden als Investoren, die nicht mehr wüssten wohin mit ihrem Geld.

Teltow im Berliner Speckgürtel wird uns als schnell wachsende Stadt vorgestellt, die im Trend liege:

"Aus dem Urbanisierungstrend wird ein Sub-Urbanisierungstrend."

Dabei streiten Stadtforscher immer noch darüber, ob es überhaupt eine Renaissance der Städte gebe. Als C-Städte werden jene Wohnstandorte von Reiner BRAUN bezeichnet, die uns umgangssprachlich zur "Provinz" erklärt werden. Aber die Tabelle beinhaltet auch B-Städte wie Heidelberg. Des Rätsels Lösung dürften wohl statistische Ausreißer sein:

"Wenn der Preisdurchschnitt zuletzt sehr niedrig war, genügen wenige einzelne Kauffälle, um den Schnitt anzuheben."

Eine seriöse Auswertung sollte solche Ausreißer eigentlich benennen können, stattdessen werden sie benutzt, um eine reißerische Story daraus zu stricken!

KUNTZ, Michael (2016): Umzug ins Ungewisse.
SZ-Serie Unsere Zukunft, unsere Rente (17): Manche Senioren suchen im Ruhestand ihr Glück in der Ferne. Sie gehen ins Ausland oder in Gegenden, wo schon viele Gleichaltrige leben. Die mobilen Alten - ihre Hoffnungen, ihre Enttäuschungen,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 25.08.

Michael KUNTZ nimmt - wie schon Catrin KAHLWEIT - eine Pressemeldung der Deutschen Rentenversicherung Bund zu den Auslandsrenten im Jahr 2015 zum Anlass, um diese seltene Spezies (ca. 1 Prozent der Rentner) als Rahmen für jene Rentner zu nehmen, die im Alter noch umziehen, wobei KUNTZ sich zum einen auf die Luxusvariante (Tegernsee, Baden-Baden) und zum anderen auf die Billigvariante (Wilhelmshaven, Nordhessen) konzentriert, während ihm der Normalo zu uninteressant ist. Schon Gerhard MATZIG hat Benachteiligten das Wohnen in attraktiven Städten abgesprochen. Bei KUNTZ wird dieses Prinzip auf die Rentner angewandt:

"Auch wenn das oft anders gesehen wird, aber ein Anspruch darauf, dort im Alter wohnen zu bleiben, wo man gearbeitet hat und sich nun den Ruhestand nicht mehr leisten kann - einen solchen Anspruch mag es politisch geben, rechtlich gibt es ihn jedenfalls nicht. Also wird mancher Umzug schlicht uns spaßfrei der Senkung der Kosten für die Lebenshaltung dienen."

Das Stadtmarketing von Görlitz hat auch in KUNTZ einen Fan, wobei die Verzweifelung deutlich wird, wenn familienlosen Singles die östliche Grenzstadt folgendermaßen schmackhaft gemacht werden soll:

"Da immer mehr Singles alt werden, spielt es bei der Ortswahl auch keine so große Rolle mehr wie früher, ob die Familie in der Nähe wohnt. Wo Angehörige sich nicht besuchen, ist letztlich egal."

ÖFINGER, Hans-Gerd (2016):  In 50 Jahren von der Karte getilgt.
Die Stadt Pirmasens gilt als "Armenhaus" von Rheinland-Pfalz,
in:
Neues Deutschland v. 26.08.

Die Schlagzeile spielt auf die markigen Worte von Frank ESCHRICH ("Chef der Linksfraktion") an und ist kein Ergebnis der Bertelsmann-Stiftung oder des Berlin-Instituts zur Bevölkerungsentwicklung in Pirmasens, obwohl diese Institute immer für Horrorszenarien gut sind. Die kreisfreie Stadt Pirmasens ist das Oberhausen der Pfalz - nur noch schlimmer.

"Pirmasens galt einst als Hochburg der deutschen Schuhindustrie. Doch die Monostruktur wurde zum Verhängnis. (...) Auch die US-Army (...) hat sich seit den 1990er Jahren aus der Stadt verabschiedet. Die Folge ist ein massiver Bevölkerungsschwund. Waren es Mitte der 1960er Jahre noch rund 67.000 Einwohner, so sind es jetzt nur noch rund 40.000",

erklärt uns Hans-Georg ÖFINGER. Weder auf der offiziellen Website der Stadt, noch auf Wikipedia lassen sich diese Zahlen überprüfen. Glaubt man Wikipedia, dann ist die Einwohnerzahl zwischen 2011 und 2015 um rund 100 gestiegen. Für 1970 werden 57.773 Einwohner angegeben. Eine Broschüre der Stadt weist für das Jahr 1968 58.746 Einwohner aus (weiter zurück reicht die Pressebroschüre nicht und sie endet bereits mit Zahlen aus dem Jahr 2012). Das wäre also ein wahrhaft rasanter Niedergang von Mitte der 1960er Jahre bis 1968 und entsprechend der Entwicklung, die von der Broschüre gezeichnet wird, eher unwahrscheinlich.

GIERSBERG, Georg (2016): Ballungszentren verlieren ihre Bedeutung.
Mitarbeiter ziehen wieder auf das Land. Firmenzentralen verwaisen. Der Grund: Sinkende Transportkosten,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.08.

Georg GIERSBERG ist schockiert über die Ergebnisse der Studie Spatial Economics: The Declining Cost of Distance der Managementberatung Bain & Companye. Diese widersprechen allen linearen Fortschreibungen der Gegenwart in die Zukunft, die uns fast tagtäglich vorgebetet werden. Und sie widersprechen den Prophezeiungen von Reiner KLINGHOLZ vom Aussterben des ländlichen Raums.

GASSER, Florian/HAMANN, Götz/PAUSACKL, Christina/ROHRBECK, Felix/SCHULZ, Bettina (2016): Rettet die Provinz!
In ganz Europa werden abgelegene Landstriche vernachlässigt. Nun ballt sich in den verödeten Regionen Österreichs, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands die Rechte zusammen und fordert die etablierten Parteien heraus - so wie jetzt bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern,
in:
Die ZEIT Nr.37 v. 01.09.

Die Wochenzeitung für die großstädtische Mittelschicht entdeckt nun im Wahlkampfmodus die Provinz! Bislang sorgte sie sich nur um die Renaissance der Großstädte und forderte die Abschaffung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Das Berlin-Institut forderte gar unverfroren die Aufgabe von Dörfern, weil sich diese aus neoliberaler Sicht nicht mehr rentieren würde. Man solle die Bewohner lieber deportieren. Natürlich wurde das schönfärberisch dargestellt.

Die AfD hat nun das geschafft, was ohne sie nie möglich gewesen wäre. Die ZEIT entdeckt die Provinz, zumindest bis der Landtagswahlkampf am Sonntag überstanden ist.

"Die Geschichte vom schrumpfenden Osten ist oft erzählt worden, als Folge der Wende und des Zusammenbruchs der alten DDR-Industrie, als historischer Sonderfall eben. Aber inzwischen stellt sich heraus: Es ist kein Sonderfall.
Landflucht ist ein europäisches Phänomen",

verharmlosen GASSER u.a. das Problem, indem sie es relativieren und verzerren:

"Ganze Landstriche entleeren sich. Junge ziehen fort - und sogar Rentner wandern in die Stadt ab: Ein Bevölkerungsminus von bis zu 20 Prozent muss die Gegend rund um den Harz aushalten, dei Pfalz, die Rhön, das Fichtelgebirge und den Hundsrück, in Mittel- und Nordhessen - und natürlich in Ostdeutschland. Aber selbst in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, den bevölkerungsreichsten Bundesländern, schrumpfen mehrere Kreise. Im Kleinen ist dort zu erkennen, was sich im Großen zusammenballt."

Das Ruhrgebiet galt bereits im Westdeutschland der 1980er Jahre als schrumpfende Region und die westdeutsche Stadtforschung entdeckte schrumpfende Städte als Problem. Nur wurde das damals nicht als demografischer Wandel, sondern als struktureller Wandel und seine verheerenden Folgen beschrieben. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme führt nun dazu, dass Schrumpfen auf Demografie reduziert wird, obwohl es weiterhin in erster Linie auf verfehlte Wirtschaftspolitik zurückzuführen ist. Nicht mehr Gegensteuern zu Fehlentwicklungen, sondern Beschleunigen der Fehlentwicklung in strukturschwachen Gebieten heißt heute das Motto des Neoliberalismus.

Die Rentner sollen gefälligst die Provinz retten, statt sich in die Stadt abzusetzen (was die Autoren nicht einmal belegen!). Rentner wird inzwischen unverhohlen empfohlen sich ihren Wohnsitz in Gegenden mit niedrigen Lebenshaltungskosten zu suchen. Die gegenwärtige Rentendebatte befördert solche Lösungsvorschläge durch die neoliberale Preisgabe des Ziels einer lebensstandardsichernden gesetzliche Rente seit der Riester-Reform im Jahr 2001.

"Die politischen Folgen wird man bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern sehen - und einen Monat später in Österreich. Die abgehängten Regionen driften nach rechts",

belehren uns die Autoren. Wo bitte war die ZEIT zur Jahrtausendwende, als diese Entwicklungen bereits eingeleitet wurden? Jetzt nachdem die neoliberale Demografisierung gesellschaftlicher Probleme ihre sichtbaren Ergebnisse zeitigt, ist das Heulen nur noch verlogen! Jetzt werden uns die Schuldenböcke dieser Misere folgendermaßen präsentiert:

"22 Milliarden Euro, die Zahl hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in die Welt gesetzt als Antwort auf die Frage, wie viel der Staat 2016 für Flüchtlinge ausgeben muss. Es war eine Schätzung. Aber seither entfaltet die Zahl ihre Wirkung, weil Menschen, auch in Adamshoffnung, sie mit den Beobachtungen aus ihrem Alltag vergleichen. (...).
Adamshoffnung liegt in Mecklenburg-Vorpommern, einem der ärmsten Bundesländer, seit Jahren wird an öffentlichen Leistungen im Landkreis gespart. Der Bus? Fährt nur noch für Schüler. Die Südbahn? Teilweise stillgelegt. Die Reparatur am Dach der Kindertagsstätte frisst den Jahresetat der Gemeinde. In Adamshoffnung hatte sie sich arrangiert - bis diese 22 Milliarden Euro auftauchten."

Die Steigerung von Mecklenburg-Vorpommern heißt Österreich, erklären uns die Autoren. Österreich nicht der Neoliberalismus und seine Kollateralschäden wird uns als Horrorszenario präsentiert:

"die heutige Abwanderung ist folgenreicher, sie ist fatal, weil es die jungen Frauen sind, die aufbrechen. Landflucht in Österreich ist weiblich, und zurück bleiben die Dörfer, in denen bis zu 40 Prozent mehr Männer als Frauen im Alter zwischen 20 bis 29 Prozent leben. Männer, die nur schwer eine Partnerin finden."

Man könnte das als Variante der seit Jahren bei neoliberalen Journalisten zunehmend beliebteren youth bulge-These betrachten, die in Deutschland mit dem Namen Gunnar HEINSOHN verknüpft ist. Es mag eine Ironie des Schicksals sein, dass HEINSOHN damit an seine - mittlerweile als falsch erwiesene, aber äußerst populären Hexenverfolgungs-These anknüpfen kann. In gewisser Weise erfüllt die youth bulge-These geradezu die gleiche Funktion wie die Hexenverfolgungs-These. Nur dass die Opferrolle von den Frauen zu den Männern übergegangen ist, genauso wie der Zeitgeist nicht mehr auf Emanzipation, sondern auf Antifeminismus gedreht ist. HEINSOHN ist eine Art Trüffelschwein, wenn es um solche Zeitgeistmoden geht.

Leider bleibt der Artikel folgenlos. Er ist Wohlfühlpalaver für unsere Elite, die sich im Selbstmitleid suhlen darf. Jedes Phänomen, das ihre Ruhe stört und sie aus ihren bequemen Schreibtischstühlen aufschreckt, kann entweder den Alten oder den Rechten zugeschrieben werden. Damit kann ruhigen Gewissen der Neoliberalismus weiter bis zum Exzess praktiziert werden. Umdenken? Wir doch nicht! Oder doch?

"Doch ein Grund wurde hartnäckig übersehen, vielleicht weil diejenigen, die öffentlich darüber reden, ihn nicht sehen wollen, nicht sehen können - denn sie leben in der Stadt.
Die Menschen in der Provinz abzuhängen ist demografiegefährdent. Wer diesen Prozess beschleunigt, für den wird es brandgefährlich",

erklären uns die Autoren, als ob eine solche Erkenntnis plötzlich vom Himmel gefallen wäre! Tatsächlich diskutiert die Demokratiegefährdung durch die Stadt-Landunterschiede bereits im Jahr 2012 das Buch Demografie und Demokratie - und zwar auf ganz fatale Weise. Die Autoren wollen nun vorschlagen Provinzpolitik als Rhetorikwechsel zu veranstalten:

"Stünde die Provinz (...) weniger fürs Abgehängtsein als für Freiheit, das wäre etwas".

Die Umdefinition von Abgehängtsein in Freiheit! Darauf muss man erst einmal kommen. Dass der Staat die Haushaltsmehreinnahmen für Investitionen in als aussterbende Dörfer bezeichnete Gegenden steckt, das ist wohl mehr als unwahrscheinlich. Mehr als Sonntagsreden wie dieser Artikel wird es nicht geben. Oder würden die Hamburger dafür auf ihren Wohlstand verzichten, um ihn mit schrumpfenden Dörfern zu teilen? Wie wäre es, wenn die ZEIT ihre Redaktion nach Mecklenburg-Vorpommern verlegen würde? Sie könnte sich dann als Vorbild der "Landlust-Elite" präsentieren. Ab nach Adamshoffnung.

ACKERET, Markus (2016): Politik im luftleeren Raum.
In Mecklenburg-Vorpommern dreht sich der Wahlkampf um die Flüchtlingspolitik und den Vertrauensverlust der Bürger,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.09.

"Kurz vor dem Wahltag an diesem Sonntag zeigen neueste Umfragen die AfD mit 23 Prozent an zweiter Stelle, hinter der SPD (28 Prozent) und vor der CDU (20 Prozent). Für Caffier, aber auch für die gesamte Bundespartei und Merkel wäre das ein Desaster. Die Linkspartei würde ebenfalls verlieren. Sollte es nicht mehr zur grossen Koalition reichen, käme sie aber vielleicht doch zum Zug",

erklärt uns Markus ACKERET die Verhältnisse in Mecklenburg-Vorpommern, wo gerade einmal rund 1,6 Millionen Bürger leben.

OCHS, Birgit (2016): Zufluchtsort Land?
Deutschland ist ein Musterbeispiel für ein durchs Stadtleben geprägtes Land,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.09.

PERGANDE, Frank (2016): Schuld ist die Demographie.
Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Wie Bevölkerungsschwund zu Politikverdrossenheit führt,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.09.

Frank PERGANDE verteidigt die neoliberale Politik, die den ländlichen Raum veröden lässt statt gegenzusteuern. Nicht die Demographie ist das Problem, sondern die neoliberale Standortpolitik. Inzwischen zeigen sich die fatalen Folgen auch in den Metropolen, was bei Birgit OCHS nachzulesen ist. Stattdessen singt PERGANDE ein Loblied auf die Austeritätspolitik. Die Menschen sind für PERGANDE einfach nur zu dumm, um die Vorteile dieser Politik zu begreifen, weshalb er ihnen mehr politische Bildung verabreichen will.

MÜLLER, Benedikt  (2016): Wo der Boom nur ein Traum ist.
Regierungsforscher warnen vor einem Verfall der Hauspreise auf dem Land. Bundesweit stehen mehr Wohnungen leer,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 14.09.

HENKEL, Gerhard (2016): Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist, München: Dtv Verlag

Rettet das Dorf!

"Ein leidenschaftliches Plädoyer des deutschen »Dorfpapstes« Bei aller Landlust und auch wenn mehr als die Hälfte der Deutschen auf dem Land lebt: Viele Dörfer befinden sich in einer Existenzkrise. Menschen, Arbeitsplätze, Schulen, Gasthöfe, Läden verschwinden. Die Jungen wandern ab, die Älteren bleiben zurück. Es gibt Stimmen, die sagen, da könne man nichts tun, damit müsse man sich abfinden.

Stadt und Dorf sind für unseren Staat gleich wichtig

Gerhard Henkel hält nichts von solcher Resignation. Dörfer und Landgemeinden sind seiner Ansicht nach wesentlicher Bestandteil der deutschen Kultur und Gesellschaft. Sie haben einen Anspruch auf Unterstützung durch die Eliten von Staat und Gesellschaft. Aber auch die Betroffenen können etwas unternehmen. Gerhard Henkel bietet in ›Rettet das Dorf!‹ konkrete Denkanstöße für Stadt und Land. Er zeigt Strategien und Beispiele für Verbesserungen von unten - auf der Lokal-, Gemeinde- und Regionalebene - sowie von oben – durch Bund, Bundesländer, aber auch Kirchen, die Wissenschaft und zentrale Institutionen wie den Deutschen Städte- und Gemeindebund oder Parteien und Stiftungen.

Plädoyer für das Dorf

Selbstverantwortung und Anpackkultur sind im Dorf tief verwurzelt. Das Dorf hat mit dem Wandel nicht nur vieles verloren, sondern auch gewonnen: durch Bildung und Mobilisierung ist die Bevölkerung heute wohlhabender, liberaler und weltoffener, die ehemals schroffen Abgrenzungen zwischen sozialen Schichten oder Alt- und Neubürgern sind (fast) vorbei. Ländliche Lebensstile sind in, das Dorf könnte vielleicht in die beste Phase seiner Geschichte eintreten."
(Klappentext)

HÖLL, Susanne (2016): Bleibt bei uns!
Willkommen im hessischen Landreis Werra-Meißner, in einer Region mitten in Deutschland, die ums Überleben kämpft. Niedrige Löhne und leere Gemeindekassen prägen das Bild. Die Jungen suchen ihr Glück anderswo, zurückbleiben die Alten - und mutige Menschen, die sich selbständig machen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 24.09.

LOCKE, Stefan (2016): Wie man Bürger gegen sich aufbringt.
Gebietsreformen bringen kaum Einsparungen, sind aber mit hohen politischen Kosten verbunden,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.09.

HAAK, Sebastian (2016): Suhl will Rekordsumme vom Land.
Noch nie hat eine Thüringer Kommune 17 Millionen Euro als Bedarfszuweisung vom Land erbeten oder gar erhalten,
in:
Neues Deutschland v. 28.09.

LEITHOLD, Iris (2016): Die Familie und das liebe Geld.
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es die erfolgreiche Gemeinde-Klage gegen die Kreisumlage,
in:
Neues Deutschland v. 29.09.

Bericht über die Klage der Gemeinde Perlin mit 386 Einwohnern im Landkreis Nordwestmecklenburg gegen die Kreisumlage.

MAYR, Markus  (2016): Es lebe das Land.
Niedrige Mieten, keine Staus und Natur vor der Tür: Immer mehr Menschen kehren den Metropolen den Rücken. Marktredwitz in der Oberpfalz hat nach schweren Jahren so den Umschwung geschafft,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 01.10.

"Der Niedergang von Marktredwitz, einer Kleinstadt im Fichtelgebirge ist endlich gestoppt. Nach der Grenzöffnung war in den Neunzigerjahren die heimische Textilindustrie mitsamt Tausender Arbeitsplätze nach Osten verschwunden, zurück blieben Brachen und leere Häuser. Doch seit zwei Jahren hat sich der Trend umgekehrt. Marktredwitz wächst wieder, die Zahl der Arbeitsplätze steigt",

erklärt uns Markus MAYR, der ein Loblied auf die neue Landlust singt.

"Würzburg zum Beispiel ist tatsächlich geschrumpft. In den vergangenen fünf Jahren hat die Großstadt beinahe 20.000 Einwohner verloren, fast sieben Prozent",

behauptet MAYR, der ganz offensichtlich die Zensusberichtigung 2011, bei der die Einwohnerzahl von Würzburg um 9.500 Einwohner nach unten korrigiert wurde, mit dem realen Wanderungsgeschehen vermengt hat. Lediglich im Jahr 2014 hat die Stadt ca. 500 Einwohner verloren, im Jahr 2015 ist die Zahl jedoch um ca. 3.000 auf 127.243 Einwohner gestiegen. Von einer Qualitätszeitung müsste man eine bessere Recherche erwarten können.

FRITSCHE, Andreas (2016): Über eine Landkarte gebeugt.
Opposition und Oberbürgermeister kritisieren Entwurf für Neuzuschnitt der Landkreise,
in:
Neues Deutschland v. 07.10.

WEBER, Hannes (2016): Demographie als Problem - und als Lösung.
Seit mehr als vierzig Jahren ist die Geburtenrate in Deutschland eine der niedrigsten der Welt. da liegt es nahe, die vermeintlich negative Bevölkerungsentwicklung zum Sündenbock für dieses und jenes zu machen: Von der Verödung ländlicher Räume über die Rentenpolitik bis zum Mangel an Fachkräften und zur Notwendigkeit von Einwanderung - für alles muss die Demographie herhalten. Ein großer Irrtum,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.10.

HAAK, Sebastian (2016): Nur noch halb so viele Landkreise.
Thüringens Innenminister legt Gebietsreform-Plan vor - Änderung nahezu ausgeschlossen,
in:
Neues Deutschland v. 12.10.

FABRICIUS, Michael (2016): Immobilienboom erreicht die ostdeutsche Provinz.
Investoren haben plötzlich Städte wie Freiberg oder Nauen auf dem Radar,
in:
Welt v. 13.10.

Anlässlich des Wohnungsmarktbericht Ostdeutschland 2016 eines Immobilienunternehmens berichtet Michael FABRICIUS unkritisch über deren Sichtweise.

Lediglich 27 ostdeutsche Groß- und Mittelstädte wurden überhaupt betrachtet. Der Begriff "Mittelstadt" wird nicht definiert. Nimmt man die Wikipedia-Definition von 20.000 bis 100.000 Einwohner, dann gab es 2015 in Ostdeutschland neben 9 Großstädten allein 96 Mittelstädte. Der Wohnungsmarktbericht umfasst also lediglich ca. 20 % der Mittelstädte in Ostdeutschland. Das Auswahlkriterium "Interesse" deutet darauf hin, dass die Auswahl nicht repräsentativ für Ostdeutschland ist, sondern die Selektivität der Immobilienfirma widerspiegelt.

Als Investoreninteresse - was wohl mit dem Auswahlkriterium weitgehend identisch ist - werden uns von FABRICIUS folgende vier Faktoren genannt:
1) Starke Erhöhung der Kaufpreise
2) Hohe Renditen
3) Kein Einwohnerrückgang in den letzten Jahren
4) Verbesserung der Arbeitsmarktlage und damit Anstieg der Kaufkraft

WIETERSHEIM, Stefanie von,  (2016): Das Schwein, der Mercedes und die Kultur.
Das Landleben hat mit der Landlust der Städter nichts zu tun. Ein Besuch im Vorharz,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.10.

Stefanie von WIETERSHEIM macht PR für ihren Wohnort: das niedersächsische Liebenburg:

"Ein 2000-Einwohner-Dorf am Rande des Nordharzes, Landkreis Goslar. Der hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Einwohnern verloren. Die Statistiker rechnen mit einem Minus von 8,8 Prozent in den Jahren 2007 bis 2020. Allein Liebenburg wird bis zum Jahr 2017 sogar 12 Prozent seiner Einwohner einbüßen. Auch hier stimmt, was Forscher vom Bundsinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung unlängst feststellten: Überall auf dem Land fallen die Hauspreise, die Kluft zur Stadt wird immer größer. Große oder sanierungsbedürftige Häuser finden nur scher Käufer, auch wenn das lange so reiche Wolfsburg nur 65 Kilometer, Braunschweig 35 Kilometer und Wolfenbüttel nur 25 Kilometer entfernt liegen.
Dabei hat Liebenburg im Vergleich zu anderen Dörfern einiges zu bieten: Kindergarten, Grundschule, Oberschule, Freibad, Sportverein."

Liebenburg ist jedoch nicht nur ein 2000-Einwohner-Dorf, sondern Teil der Gemeinde Liebenburg mit ca. 8.000 Einwohnern, was uns WIETERSHEIM jedoch verschweigt.

CHILLA, Tobias/KÜHNE, Olaf/NEUFELD, Markus (2016): Regionalentwicklung, UTB

Regionalentwicklung

"Regionalentwicklung ist überall präsent: Wirtschaftsförderer denken an die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Stadt, Pendler machen sich im allmorgendlichen Stau Gedanken um metropolitane Verflechtungen, Bürgerinitiativen formieren sich gegen den Bau neuer Windkraftanlagen usw. Was kann man tun, damit sich eine Region positiv entwickelt? Erstmals erfolgt in diesem Lehrbuch eine umfassende und systematische Darstellung der Regionalentwicklung Deutschlands im europäischen Kontext. Die inhaltlichen Schwerpunkte bilden das Instrumentarium der Praxis – rechtliche, finanzielle und persuasive Instrumente – und die ‚klassischen‘ Handlungsfelder Wirtschaft, Gesellschaft sowie Landschaft und Umwelt. Zahlreiche Fallbeispiele und Abbildungen erleichtern das Verständnis von analytischen Befunden und normativen Handlungsoptionen. Für Studierende der Geographie, Raumplanung und (Landschafts-)Architektur sowie für Praktiker in Planung, Beratung und öffentlichen Institutionen."
(Klappentext)

CHILLA/KÜHNE/NEUFELD präsentieren folgendes Indikatorensystem, mit dem die Lebensverhältnisse von Regionen betrachtet werden kann:

Dimensionen Indikatoren
Demographie - Bevölkerungsentwicklung (%)
- Lebenserwartung der Männer (Jahre)
- unter 15-Jährige (% der Gesamtbevölkerung)
Wirtschaft - BIP (je Erwerbstätigen)
- Beschäftigte in wissensintensiven Dienstleistungen (%)
- FuE-Beschäftigte (%)
Arbeitsmarkt - Arbeitslosenquote (%)
- Pendeldistanz vom Wohnort zur Arbeitsstätte (Minuten)
- Erwerbstätigenbesatz (Erwerbstätige am Arbeitsort in Relation zur Einwohnerzahl zwischen 15 bis unter 65 Jahren)
- Ausbildungsplatzquote (Relation von Ausbildungsplätzen zu Bewerbern)
Wohlstand - Schuldenquote von Privatpersonen (%)
- unter 15-jährige, die in Bedarfsgemeinschaften leben (%)
- verfügbares Pro-Kopf-Einkommen (Euro)
- Langzeitarbeitslose im Verhältnis zu allen Arbeitslosen (%)
Infrastruktur - Einwohnerdichte (Einwohner/Quadratkilometer)
- Pkw-Reisezeit zu Ober- und Mittelzentrum (Minuten)
- Soziale Infrasturktur:

- Plätze in Kinderbetreuungseinrichtungen
- Ärzte-Einwohner-Relation
- Betten für stationäre Pflege (je Einwohner über 65 Jahren)
- Grundschulnetzdichte (Grundschulen/Quadratkilometer)

- Technische Infrastruktur:

- Erreichbarkeit von Autobahnen, Fernverkehrsanschlüssen, Flughäfen (Pkw-Reisezeit in Minuten)
- Breitbandversorgung (% der Haushalte)

Wohnungsmarkt - Hauspreis-Einkommensrelation für Standard-Familienhäuser
- Leerstandsquote (%)

Rupert KAWKA hat 2015 in seinem Aufsatz Gleichwertigkeit messen ein Indikatorensystem entwickelt, das Mindeststandards zur Bewertung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse enthält und damit über diese Auflistung hinausgeht. Es werden zudem andere Schwerpunkte gesetzt.

Die Autoren schränken zudem den Begriff "demographischer Wandel" auf seine angeblichen Problemdimensionen Alterung, Bevölkerungsrückgang und Heterogenisierung der Haushaltsstruktur ein (vgl. 2016, S.207ff.). Demografischer Wandel bezeichnet jedoch jegliche Änderung der Bevölkerungszusammensetzung und nicht nur jene Aspekte, die derzeit als Problem betrachtet werden. Dadurch wird das Potenzial des Begriffs auf eine normative Sicht eingeschränkt, statt das empirische Potenzial auszunutzen. In diesem Sinne kritisiert der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER den Begriff "Demographischer Wandel" zu Recht als politische Ideologie.     

MORGENSTERN, Tomas (2016): Unmut über Fusionspläne im Speckgürtel.
Im Streit um die Kreisgebietsreform verteidigt der Landkreis Dahme-Spreewald den Wunsch nach Eigenständigkeit,
in:
Neues Deutschland v. 20.10.

LOBENSTEIN, Caterina (2016): Der Zug ist abgefahren.
Deutschlands teuerste Bahnstrecke wird nach 25 Jahren fertig. Sie sollte das Land einen - und hat es geteilt,
in:
Die ZEIT Nr.44  v. 20.10.

Caterina LOBENSTEIN, Jahrgang 1983, klagt uns, dass Deutschland durch die Deutsche Bahn zweigeteilt ist in Großstadtmenschen, die immer schneller vorankommen und "große Teile der Provinz", die sich völlig abgehängt fühlen. Wer diese Entwicklung jetzt erst kritisiert, der muss wohl die letzten 20 Jahre im Tiefschlaf verbracht haben. Diese Zweiteilung ist keine Neuigkeit, sondern Folge der missglückten Bahnprivatisierung.

"Um München und Berlin in Rekordzeit zu verbinden, werden etwa die thüringischen Städte Weimar und Jena vom Fernverkehr abgeknapst. Keine schrumpfenden Käffer, sondern wichtige Zentren des Ostens, in denen Bevölkerung und Wirtschaft wachsen. Sie gehören demnächst zu jenen mittelgroßen Städten, in denen fast nur Bummelzüge halten. So wie Chemnitz (250.000 Einwohner), Krefeld (220.000) oder Zwickau (100.000)",

jammert uns LOBENSTEIN vor, die offenbar nicht weiß, wovon sie redet, denn Großstädte sind Städte über 100.000 Einwohner, während in Mittelstädten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohner leben. Nach dieser Klassifikation wäre lediglich Weimar eine Mittelstadt und damit Provinz. Dass die Bahn dagegen Millionenstädte bevorzugt, hat auch mit dem Neoliberalismus und dessen Standortideologie zu tun.

Gäbe es die AfD nicht, der ZEIT wäre das offenbar völlig egal, so muss man den Artikel interpretieren. Die AfD darf sich also für die Hilfe dieses Blattes bedanken, das sie derart hofiert und noch zu mehr Aufmerksamkeit verhilft. Es ist noch nicht lange her, da tönte es ganz anders. Reiner KLINGHOLZ und sein Privatinstitut forderten die Dörfer aktiv beim Veröden zu unterstützen. Claudia NEU, die uns als Erfinderin des Begriffs "territoriale Ungleichheit" präsentiert wird, gehört zu jenen, die diese Ungleichheit mittels Demografisierung gesellschaftlicher Probleme noch weiter befördern wollen.

Jeden Bahnfahrer wird es grausen, wenn uns die Autorin erklärt, dass die Bahn mit "besser getakteten Anschlüssen" die Strecken beschleunigen will. Kürzere Umsteigezeiten führen bei den krassen Bahnverspätungen dazu, dass noch mehr Bahnreisende jenseits der Großstädte, die durch Direktverbindungen verknüpft sind, länger unterwegs sein werden.

Fazit: Ohne AfD - und das ist das wahre Problem dieser Art von Neuorientierung der politischen Rhetorik - gäbe es diesen Artikel nicht. Und das sollte zu denken geben!

NEIßE, Wilfried (2016): Kreisreformgegner formieren sich.
Mit einer Volksinitiative wollen Oppositionspolitiker das rot-rote Reformprojekt stoppen,
in:
Neues Deutschland v. 21.10.

RUSSEW, Georg-Stefan & Winfried WAGNER (2016): Leben in Deutschland, arbeiten in Polen.
Das Uckermark-Dörfchen Mescherin ist auf ganz besondere Weise mit dem Nachbarland verbunden - jeder fünfte Bewohner stammt von dort,
in:
Neues Deutschland v. 25.10.

STAHL, Antje (2016): Schaut auf dieses Dorf!
Alle reden über die Stadt, dabei entscheidet sich unsere Zukunft auch auf dem Land: Zum Beispiel in Gundelsheim,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.11.

Antje STAHL präsentiert uns Gundelsheim als bayerisches Leuchtturmprojekt, das mit dem Sonderprogramm Leerstand nutzen - Lebensraum schaffen großzügig gesponsert wird. Solche Symbolpolitik - mehr kann ein solches überteuertes Projekt nicht sein - schafft in erster Linie Neid. Denn Leuchtturmprojekte dienen nicht der Bewältigung von Problemen, sondern sind Statussymbole, die Probleme nur vergrößern. Andere Dörfer dürfen sich zu Recht benachteiligt fühlen, weil sie nicht auf die gleiche Großzügigkeit der Förderung hoffen dürfen. Die Absurdität, einen Stararchitekten für die Neugestaltung einer ehemaligen Schleckerfiliale zu gewinnen, als ob nun jedes Dorf seine Elbphilharmonie bekommen könnte, zeigt wie unsensibel unsere Eliten inzwischen geworden sind.

NEIßE, Wilfried (2016): "Scheitern der Länderfusion ist kein Menetekel".
Linke und SPD halten geplante Kreisreform für realisierbar - Gegner wollen Projekt mit Volksinitiative stoppen,
in:
Neues Deutschland v. 02.11.

METZNER, Thorsten (2016): Brandenburgs Karte wird neu gemischt.
Aus 18 sollen zehn Landkreise werden: Nun werden Unterschriften gegen die Kreisreform gesammelt,
in:
Tagesspiegel v. 02.11.

AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Land und Ländlichkeit

HENKEL, Gerhard (2016): Geschichte und Gegenwart des Dorfes,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.46-47 v. 14.11.

NEU, Claudia (2016): Neue Ländlichkeit. Eine kritische Betrachtung,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.46-47 v. 14.11.

BEEGER, Britta (2016): Städter besonders von Armut bedroht.
Das Ost-West-Gefälle schrumpft hingegen, wenn man die unterschiedlichen Preisniveaus berücksichtigt, zeigt eine neue Studie,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 06.12.

Bericht über die Pressemitteilung Auf die Preise kommt es an des IW Köln.

RITZER, Uwe (2016): Reicher Süden, armer Osten.
Eine Kaufkraft-Studie zeigt, dass ein Starnberger im Schnitt fast doppelt so viel Geld zur Verfügung hat wie ein Görlitzer,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 07.12.

Uwe RITZER verbreitet die PR eines kriselnden Marktforschungsinstituts. Eine kritische - aber unzutreffende - Anmerkung folgt ganz zum Schluss:

"Die durchschnittliche Kaufkraft einer Region sagt alleine noch nichts über die Schere von Arm und Reich aus. Anders formuliert: Auch in Starnberg leben arme Menschen. Nur eben weniger."

Dies aber muss nicht stimmen. Die Marktforscher rechnen mit Durchschnittseinkommen statt mit Medianeinkommen, die in der Regel niedriger sind, weil sie nicht durch sehr hohe Einkommen verzerrt werden können. Wenn am Starnberger See eine hohe Millionärsdichte herrscht, dann könnten dort viele Arme leben - sogar mehr als in anderen kaufkraftstarken Regionen, in denen die Kaufkraft jedoch gleichmäßiger verteilt ist.

HOFFMANN, Catherine (2016): Stadt, Land, Kluft.
Regionalpolitik: Deutschland braucht urbane Zentren, will es auch in Zukunft innovativ sein,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 08.12.

Catherine HOFFMANN rechtfertigt mit Richard FLORIDA und Reiner KLINGHOLZ, dass das Land gegenüber den Ballungszentren noch weiter abgehängt wird. Städte sollen um die kreative Klasse werben. Der neue Standortwettbewerb wird nicht mehr um Unternehmen, sondern um die Ansiedlung von Talenten geführt, so will es die Elitentheorie von HOFFMANN. Das Land soll deshalb zum Reservat alter Menschen werden, während die lernende und arbeitende Bevölkerung in urbane Räume zieht. Die Aufgabe einer Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse führt dazu, dass das Land nur dann weiterhin attraktiv ist, wenn es zum einen verkehrsmäßig nicht abgehängt ist und zum anderen der städtischen Elite einen Mehrwert verschafft (Erholung und Biokost)

"Orte in verkehrsgünstiger Lage unweit von städtischen Zentren haben es am einfachsten - sie bieten schon heute günstige und grüne Rückzugsbereiche für Städter. Oder Erholungsraum für Touristen. Auch der Trend zu regionalen Produkten bietet Chancen".

In dieser Elitentheorie droht das überflüssige Land zur Abstellkammer für die unproduktiven Teile der Bevölkerung zu werden: Alte und Arbeitslose, die sich ein Leben in den urbanen Räumen nicht mehr leisten können.

HAAK, Sebastian (2016): In verschiedenen Welten.
Thüringer Landkreistag geht auf Konfrontationskurs zur rot-rot-grünen Regierung, vor allem wegen der Gebietsreform,
in: Neues Deutschland
v. 09.12.

MÜLLER, Benedikt (2016): Der Regionalexpress treibt die Preise.
Viele Familien ziehen aus teuren Metropolen ins Umland. Das führt zu einer beispiellosen Teuerung bei Immobilien,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 13.12.

Benedikt MÜLLER berichtet über ein Ranking der Immowelt, in dem die Preise von Häusern und Wohnungen in allen Städten mit 50.000 bis 100.000 Einwohner verglichen wurden.  Die teuersten 10 Städte waren 2016: (1) Konstanz, (2) Tübingen, (3) Rosenheim, (4) Landshut, (5) Bad Homburg, (6) Baden-Baden, (7) Friedrichshafen, (8) Meerbusch, (9) Bamberg und (10) Waiblingen.

HALLMANN, Barbara (2016): Zweifelhafter Luxus der Leere.
Trotz massivem Leerstand finden Interessenten in Sachsen-Anhalt keine Immobilien,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 27.12.

Barbara HALLMANN berichtet über Gemeinden im Landkreis Stendal (Sachsen-Anhalt), die mittels Leerstandsmanagement das innenstädtische Wohnen in Havelberg, Goldbeck, Werben und Seehausen attraktiver machen wollen. Dazu stilisiert HALLMANN die Wunschzielgruppe zum Trend:

"Familien ziehen aufs Land, denn hier ist Wohnraum günstig und die Sozialstrukturen sind verlässlich. Arbeitsplätze gibt es mittlerweile auch, und nicht wenige Rückkehrer haben sich entweder ein eigenes Unternehmen aufgebaut oder arbeiten im Home-Office für ihre Firmen in den Grossstädten."

Das ist jedoch offenbar eher Wunschdenken als Realität wie der Bericht zeigt.

"»Einige Eigentümer würden gern altersgerechte Wohnungen einrichten«, sagt der Leerstandsmanager. Davon rate er ab er ab, das sei eher etwas für funktionierende Städte wie Stendal, weil es dort Ärzte, Läden und Freizeiteinrichtungen vor Ort gebe. Mehrgenerationenhäuser seien für die ländlichen Regionen die bessere Option",

lautet ein weiteres Wunschbild, das eher dem Bundesfamilienministerium als der gelebten Realität in Deutschland entspricht.

ACKERET, Markus (2016): Rückzug in Raten.
In Mecklenburg-Vorpommern werden die Verwaltungsgebiete immer grösser - das belastet das Verhältnis der Bürger zum Staat,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 28.12.

Der Bericht über das CDU-regierte Demmin im rot-schwarzen Mecklenburg-Vorpommern, das von dem Sozialdemokraten Erwin SELLERING geführt wird, ähnelt eher einem Stadtmarketing als einer Aufklärung über die Probleme im größten Landkreis Deutschlands: der Mecklenburgischen Seenplatte.

"Als Handelszentrum hat Demmin, wie viele der bis weit ins Binnenland verstreuten Hansestädte, lange schon ausgedient. Die Altstadt fiel einem Grossbrand beim Kriegsende zum Opfer, ein Racheakt der Roten Armee, die an der Peene nicht weiterkam. Seit der Wende kämpft der Ort auch gegen den wirtschaftlichen und demografischen Strukturwandel an. (...).
17 Jahre lang war Demmin nach der Wiedervereinigung Hauptort eines Landkreises gewesen. Die historische Bedeutung der Stadt, aber auch deren geografische Lage machen sie zu einem natürlichen regionalen Zentrum. Die pommerschen Küstenstädte Stralsund und Greifswald sind 40 bis 60 Kilometer entfernt, die weiter südlich gelegenen Neubrandenburg und Neustrelitz 50 bis 80 Kilometer. Doch 2011 beendete die sogenannte Kreisgebietsreform die Eigenständigkeit Demmins als Kreisstadt.
Die Entscheidung, künftig nördlichster Vorposten des aus Neubrandenburg gesteuerten neuen Grosskreises Mecklenburgische Seenplatte zu werden und sich nicht dem historisch näherliegenden Greifswald-Vorpommern anzuschliessen, fiel mit hauchdünner Mehrheit. (...). Seit der Gerichtsreform 2015 ist auch das Amtsgericht nur noch mit einer Zweigstelle in Demmin vertreten, im kurz davor noch erstellten Neubau hinter dem zugenagelten historischen Gerichtsgebäude. (...). Über 400 Mitarbeiter beschäftigte die Kreisverwaltung früher in Demmin. Heute sind es noch knapp 100",

erklärt uns Markus ACKERET die Entwicklung in Demmin. Während die Politikwissenschaftler Daniel TREPSDORF und Jan KÖNIG aus Ludwigslust von "Demokratie-Entleerung" im ländlichen Raum sprechen, hebt Kathrin NEPPERSCHMIDT aus Neubrandenburg das ehrenamtliche Engagement der Mecklenburger hervor. Obwohl sie alle Mitarbeiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur Mecklenburgische Seenplatte sind, variieren ihre Ansichten nach der Entfernung ihres Standortes zum Epizentrum des AfD-Bebens in Mecklenburg-Vorpommern: Je näher dran, desto mehr Verdrängung des Problems.

Weil es in Demmin hauptsächlich nur Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor des Dienstleistungsbereichs gibt, hebt der Bürgermeister ein Leuchtturmprojekt hervor. Die Bevölkerungszahl stagniert - auch wegen dem Zuzug Älterer, die Neoliberalen eigentlich ein Ärgernis sind, denn sie wollen immer nur kaufkräftige Familien gewinnen:

"Zwar hat sich in Demmin die Bevölkerungszahl fast stabilisiert nach Jahren der Abwanderung. Doch geblieben sind tendenziell die Älteren. Koch beobachtet zudem, dass vermehrt Rentner ihre Liegenschaften in den Dörfern aufgeben und ins regionale Zentrum ziehen. Die Arbeiterwohlfahrt baut derzeit Wohneinheiten für Pflegebedürftige, und die städtische Wohnungsbaugesellschaft errichtet einen Neubau mit altersgerechten Wohnungen. Im sozialen Bereich schafft das auch Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit ist mit rund 16 Prozent jedoch immer noch hoch."

Auch Asylbewerber sind bei Neoliberalen wenig angesehen, denn sie setzen in erster Linie auf den Zuzug ausländischer Fachkräfte, weshalb sie Asylbewerber gerne ziehen lassen. Die Politik setzt in erster Linie auf Symbolpolitik:

"Zahlreiche Stiftungen sind in Mecklenburg-Vorpommern aktiv und haben die Region zu einem Laboratorium für die Folgen demografischer Umwälzungen ausgerufen",

erzählt uns ACKERET. Die Mecklenburger Anstiftung sieht das auf ihrer Website dagegen ganz anders:

"In MV gibt es erst ca. 160 selbstständige Stiftungen, während z. B. in Hamburg weit über 1000 existieren."

Das Ehrenamt gilt aus neoliberaler Sicht der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme als kostengünstiger Ersatz des Sozialstaats. Dumm nur, dass dies mit einem anderen Eckpfeiler des Neoliberalismus kollidiert: der geografischen Mobilität:

"Gerade das Ehrenamt ist von der demografischen Entwicklung besonders betroffen. Rund 80 000 Personen, die ihren Hauptwohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern haben, pendeln laut Trepsdorf jede Woche nach Berlin oder in den Grossraum Hamburg. Für Engagement in Vereinen bleibt für sie kaum noch Zeit."

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. April 2017
Update: 12. Juli 2017