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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland

 
       
   

Die Debatte um den Anstieg der Lebenserwartung, die Gesundheit Älterer und die Unterschiede der Sterblichkeit und ihre Gründe (Teil 5: 2016)

 
       
   

Die Chronologie der Debatte

 
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die Entwicklung der Lebenserwartung gilt Demografen und Ökonomen neben der Entwicklung der Geburten in Deutschland als das gesellschaftliche Hauptproblem des demografischen Wandels. Insbesondere die Rentenversicherung und die Krankenversicherung sowie die Pflegeversicherung (Stichworte: Pflegebedarf bzw. Pflegenotstand) erscheint in einer Gesellschaft der Langlebigen als bedroht. Spätestens seit Ende der 1970er Jahre wird das Rentensystem aufgrund der steigenden Altenlast immer wieder vor dem Kollaps gesehen. Leistungseinschnitte oder Privatisierungen gelten Neoliberalen bzw. Nationalkonservativen als einzige Möglichkeit, um die Sozialversicherungssysteme zu retten. Dabei bleiben die zentralen Fragen außen vor: Was bedeutet der Anstieg der Lebenserwartung überhaupt für unsere Gesellschaft? Nicht demografische Aspekte, sondern nicht-demografische Aspekte wie der medizinische und technologische Fortschritt, die Gesundheit jüngerer und älterer Menschen, infrastrukturelle und arbeitsmarktstrukturelle Veränderungen sind in der hier vertretenen Sicht bedeutender. Die Zukunft Deutschlands könnte also ganz anders aussehen als dies die üblichen Prognosen behaupten. Diese Bibliografie widmet sich deshalb in erster Linie jenen Fragen, die gewöhnlich eher vernachlässigt werden, weil sie nicht von mächtigen Interessensgruppen vorangetrieben werden.

Kommentierte Bibliografie

2016

LESSENICH, Stephan (2016): Die Volksmaße.
SZ-Serie Was ist Deutsch?: Die Ungleichheit ist groß, und doch ging es Deutschland nie so gut wie heute. Wer die Angst vor einer nationalen Krise herbeireden will, sollte ein paar Zahlen kennen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 25.01.

"Insbesondere für Männer lässt sich (...) ein deutlicher Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung feststellen: nur sieben von zehn Männern aus Armutshaushalten (aber neun von zehn aus den obersten Einkommensgruppen) erleben überhaupt ihren 65. Geburtstag. Ihre Lebenserwartung bei Geburt ist gegenüber jener der Bestverdienenden um durchschnittlich zehn Jahre, die sogenannte »gesunde Lebenserwartung« sogar um fast 15 Jahre reduziert. Deutschland altert also, aber äußerst »differenziell«, wie die Sozialstrukturanalyse das frühe Erkranken und Sterben in Armutsmilieus elegant umschreibt",

hält der Soziologe Stephan LESSENICH den Krankenkassen und Lebensversicherern entgegen, die über die Alterung der Gesellschaft klagen. Oder anders formuliert: Die so genannten "schlechten Risiken" nehmen in einer stark sozial ungleichen Gesellschaft der Langlebigen wie Deutschland ab statt zu.

HE, Wan/GOODKIND, Daniel/KOWAL, Paul (2016): An Aging World: 2015. International Population Reports, U.S. Census Bureau, März

DESTATIS (2016): Lebenserwartung für Jungen 78 Jahre, für Mädchen 83 Jahre,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 04.04.

LAMPERT, T./HOEBEL, J./KUNTZ, B./FUCHS, J./SCHEIDT-NAVE, C, NOWOSSADECK, E (2016) Gesundheitliche Ungleichheit im höheren Lebensalter, Robert Koch – Institut, Berlin, GBE kompakt Nr.1 v. 08.03.Lampert T, Kroll LE (2014) Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung. Hrsg. Robert Koch-Institut, Berlin. GBE kompakt 5(2) www.rki.de/gbe-kompakt (Stand: 16.06.2016)

Die Autoren berichten, dass der Forschungsstand zur Lebenserwartung in Deutschland im internationalen Vergleich hinter dem in Skandinavien oder Großbritannien zurück bleibt:

"Der Forschungsstand in Deutschland ist zwar nicht gleichermaßen entwickelt wie z. B. in Großbritannien und Skandinavien, einzelne aussagekräftige Studien liegen aber zwischenzeitlich vor. Beispielsweise belegen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für den Untersuchungszeitraum 1984-2010 deutliche Unterschiede in der Lebenserwartung älterer Menschen in Abhängigkeit vom Einkommen (Kroh et al. 2012). Den Ergebnissen entsprechend beträgt die Differenz in der ferneren Lebenserwartung ab 65 Jahren zwischen der niedrigen und hohen Einkommensgruppe 3,5 Jahre bei Frauen und etwas mehr als 5 Jahre bei Männern. Diese Unterschiede lassen sich der Studie zufolge zumindest teilweise auf eine erhöhte psychische und physische Belastung im Lebenslauf, insbesondere im Erwerbsleben, sowie auf geringere materielle, kulturelle und soziale Ressourcen in der unteren Einkommensgruppe zurückführen. Soziale Unterschiede in der ferneren Lebenserwartung zuungunsten älterer Menschen mit geringem Einkommen bestanden bereits in der westdeutschen Bevölkerung der 1980er und 1990er Jahre, wie eine Auswertung von Daten des Lebenserwartungssurveys des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung verdeutlicht (Luy et al. 2015). Spätere Daten der Deutschen Rentenversicherung belegen, dass die fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren von Männern in West- und Ostdeutschland mit der Anzahl der in der gesetzlichen Rentenversicherung erworbenen Entgeltpunkte (als Indikator für das Lebenseinkommen) ansteigt (von Gaudecker, Scholz 2007, Shkolnikov et al. 2008, Kibele et al. 2013). Dabei zeigte sich auch, dass sich die Unterschiede im Zeitverlauf vergrößert haben, da Männer mit hohem Lebenseinkommen stärker von einer steigenden Lebenserwartung profitierten als Männer mit sehr niedrigem Einkommen (Kibele et al. 2013). (...).
Deutschlandweite Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland aus den Jahren 2008 bis 2011 (DEGS1) machen deutlich, dass Gebrechlichkeit im Alter ebenfalls mit der sozialen Lage zusammenhängt. So weisen 65- bis 79-Jährige mit niedrigem Sozialstatus deutlich häufiger Anzeichen von Gebrechlichkeit auf als Gleichaltrige mit mittlerem und hohem Status (Buttery et al. 2015)."

Die Autoren diskutieren drei Hypothesen zur Entwicklung der Gesundheit im Alter und der ferneren Lebenserwartung im höheren Lebensalter. Während einige Forscher von einem "unveränderten Fortbestehen (»Kontinuität«)" der Ungleichheit ausgehen, deuten andere Befunde auf eine "Ausweitung (»Divergenz«)" bzw. "Verringerung oder sogar Angleichung (»Konvergenz«)" hin. Da die Gesundheit im Alter ein komplexes Geschehen ist, können alle drei Hypothesen richtig sein, je nachdem welcher Aspekt im Vordergrund steht.

Fazit: Im Gegensatz zur Entwicklung der Lebenserwartung ist die Forschung zur Entwicklung der Gesundheit in Deutschland eher unterentwickelt.

BORSTEL, Stefan von (2016): Wo leben die Deutschen am längsten?
Am Starnberger See werden die Menschen am ältesten. Am niedrigsten ist die Lebenserwartung im strukturschwachen Pirmasens,
in:
Welt v. 31.03.

Stefan von BORSTEL berichtet über eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sabine ZIMMERMANN (Linkspartei) zur Lebenserwartung in Deutschland (mehr hier).

Tabelle: höchste und niedrigste geschlechtsspezifische
Lebenserwartung in Deutschland
Stadt oder Landkreis Männer Frauen
Breisgau-Hochschwarzwald (79,5) 85,0
Starnberg 81,3 (83,6)
Pirmasens 73,0 77,1
Quelle: Grafik in der Welt v. 31.03.2016

RÖTZER, Florian (2016): Selber schuld: Arm, kränker und früher Tod.
Sozioökonomische Bedingungen stehen hinter Unterschieden in der Lebenserwartung von bis zu 10 Jahren, die Bundesregierung sieht Chancengleichheit lediglich durch Prävention,
in:
Telepolis v. 07.04.

MOHR, Reinhard (2016): Richtig schön alt werden.
Für den Mann, der sich den besten Jahren nähert, ist der Starnberger See das Paradies: Hier hat er die höchste Lebenserwartung (aber meiden Sie bloß Pirmasens),
in:
Welt am Sonntag kompakt v. 10.04.

SEIBEL, Karsten & Holger ZSCHÄPITZ (2016): Gut gemeint.
Das Vertrauen in die Riester-Rente ist verloren: hohe Kosten, magere Renditen. Drei Strategien, die Altersvorsorge umzubauen,
in:
Welt am Sonntag kompakt v. 24.04.

SEIBEL & ZSCHÄPITZ versprechen den überlebenden Riester-Sparern goldene Riester-Zeiten angesichts der von den Versicherungen zu hoch angesetzten Lebenserwartung:

"In den nächsten Jahrzehnten müssten Riester-Sparer allein schon davon profitieren, dass Versicherte früher sterben als angenommen. Für die Berechnung der jährlichen Rentenzahlung nehmen die Anbieter eine bestimmte Lebenserwartung an. Stirbt der Versicherte früher, gehen 90 Prozent der nun nicht mehr notwendigen Zahlungen laut Gesetz an alle Kunden. Da der Großteil der Riester-Sparer nach maximal 25 Beitragsjahren vom Rentenalter noch ein Stück entfernt ist, kann diese Gewinnquelle noch nicht sprudeln."

ENDT, Christian (2016): Die Lücke.
Fast überall auf der Welt leben Frauen mehrere Jahre länger als Männer. Aber warum variiert der Unterschied von Land zu Land? Die Zahlen verraten einiges über die Situation der Geschlechter in verschiedenen Gesellschaften,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 27.04.

"Eine Frau, die 2014 geboren wurde, wird im weltweiten Durchschnitt 73,6 Jahre zu leben haben. Ein Mann dagegen nur 69,4 Jahre - fast vier Jahre weniger",

erklärt uns Christian ENDT. Berechnet hat dies die Weltbank. Glücklicherweise wird das nie jemand nachprüfen. Das haben Prognosen so an sich, dass sie mehr als selten überhaupt nachgeprüft werden. Oder macht sie heutzutage jemand die Mühe Prognosen von Mitte des 20. Jahrhunderts danach zu untersuchen, ob sie mit der Realität übereinstimmen?

Die Prognose der Weltbank könnte erst in fast 74 Jahren überprüft werden, abgesehen davon, dass die Statistiken in den unterschiedlichen Ländern kaum auf dem gleichen Niveau sind. Angesichts vieler Kriege weltweit, kann davon ausgegangen werden, dass viele Statistiken fehlerhaft sind. Die Exaktheit der genannten Zahlen soll offenbar darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier höchstens um ganz grobe Unterschiede gehen kann.

"Am geringsten unterscheidet sich die Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen in den armen Ländern Afrikas",

fasst ENDT das Ergebnis für einen ganzen Kontinent zusammen. Erstaunlicherweise kommt Krieg als Erklärung nicht vor. Die Länder Südamerikas werden im Gegensatz zu Afrika als Schwellenländer im Gegensatz zu Entwicklungsländern bezeichnet. Uns wird also eine modernitätstheoretische Sichtweise als Erklärung für Unterschiede in der Lebenserwartung angeboten.

Mit Blick auf die Nachfolgestaaten der Sowjetunion kommt dann die geschlechterpolitische Dimension des Artikels in den Blick:

"Für Hausfrauen hat sich mit dem Systemwechsel weniger verändert als für berufstätige Männern, deren Arbeitswelt plötzlich vollkommen anders aussah."

Zum Schluss wird am Beispiel von Europa, das ja so unterschiedliche Staaten wie die ehemaligen Ostblockstaaten, die südländischen Krisenstaaten und die wohlhabenden Nordeuropäer umfasst, eine simplifizierende modernisierungstheoretische Perspektive untergejubelt:

"Während der Abstand in der Lebenserwartung beim Schritt vom Entwicklungs- zum Schwellenland wächst, geht es beim Aufstieg vom Schwellen- zum Industrieland in die andere Richtung. Die Lücke schließt sich wieder."

Sollte ein Land nicht in dieses Konzept passen, dann wird es als statistischer Ausreißer klassifiziert. So einfach macht es sich die Modernitätstheorie. Der Begriff taucht in dem Artikel nirgends auf. Stattdessen wird uns erklärt, dass mit den Forschungen biologische von gesellschaftlichen Ursachen getrennt werden sollen.

Vielleicht wäre es sinnvoller genauer hinzuschauen, statt uns eine solche undifferenzierte, westliche Modernitätsideologie vorzusetzen.

LAMBECK, Fabian (2016): Rente mit 70: Jeder Fünfte stirbt vorher.
Besonders Geringerverdiener mit schlechten Aussichten,
in:
Neues Deutschland v. 28.04.

Fabian LAMBECK berichtet im Zusammenhang mit einer von SCHÄUBLE angestoßenen Debatte eines höheren Renteneintrittsalters über eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sabine ZIMMERMANN von der Linkspartei:

"zwischen 2005 und 2014 (sind) fast 16 Prozent aller Verstorbenen höchstens 65 Jahre alt (...)(gewesen). Rund 22 Prozent waren 70 Jahre oder Jünger."

Nicht nur die Lebenserwartung von Armen ist niedriger, sondern auch die gesunden Jahre sind kürzer, wird Rolf ROSENBROCK vom Paritätischen Wohlfahrtsverband zitiert.

Hinzu kommt, dass Arbeitsplätze, die für Ältere geeignet sind, rar sind. Der Artikel endet deshalb mit einer Parole:

"Die, die uns bis 70 arbeiten lassen wollen, und die, die keinen über 50 mehr einstellen, das sind dieselben, oder?"

BUDRAS, Corinna & Sharon EXELER (2016): Pirmasens, abgehängt.
Arme Menschen haben wenig Geld und sterben früher. Pirmasens hält den traurigen Rekord. Ein Besuch,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.05.

"Das Leben in Pirmasens ist gefährlich. Das zeigt ein Blick in die Statistik. Nirgendwo in Deutschland sterben die Menschen so früh wie hier in der Westpfalz, auf den sieben Hügeln zwischen Kaiserslautern und der französischen Grenze, direkt an der Bundesstraße 10. Nach durchschnittlich 73 Jahren sind die Männer tot, mit 77 Jahren die Frauen. Am Starnberger See hätten sie dagegen noch acht Jahre länger zu leben, womöglich sogar die schönsten Jahre",

erzählen uns BUDRAS & EXELER. Bringt uns dies schon in Verwirrung, wird es noch verwirrender, wenn man den Text mit der Grafik vergleicht. Dort wird für Pirmasens und Starnberg jeweils nur für die Männer eine Lebenserwartung von 73 bzw. 81 Jahren angegeben. Gilt die Lebenserwartung nun für die Westpfalz oder für Pirmasens und warum leben Frauen nicht länger als Männer, wenn für Pirmasens oder Westpfalz bereits ein Unterschied von 4 Jahren besteht? Gemäß Wikipedia wird die kreisfreie Stadt Pirmasens vom Landkreis Südwestpfalz umschlossen.

Die Verwirrung hat offenbar eine dpa-Meldung Ende März ausgelöst. Seitdem sind Zahlen zur regional unterschiedlichen Lebenserwartung im Umlauf, die mit einer Anfrage von Sabine ZIMMERMANN (Linkspartei) in Verbindung stehen. In einem Welt-Beitrag von Stefan von BORSTEL wird die geschlechtsspezifische Lebenserwartung in den beiden Regionen noch am differenziertesten dargestellt.

BUDRAS & EXELER beschreiben die derzeitige Situation mit einer Arbeitslosigkeit von 13 Prozent (ohne Jahresangabe) vor dem Hintergrund einer golden Epoche:

"Pirmasens war einmal eine stolze Stadt, mit einer boomenden Schuhindustrie, die in der ganzen Welt ihresgleichen suchte. Die Stadt mit der höchsten Millionärsdichte und nahezu Vollbeschäftigung: 350 Schuhfabriken, die zu ihren Glanzzeiten 25.000 Menschen beschäftigten, und das über Generationen hinweg und mindestens bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts."

Das Bleiben eines traditionsreichen Schuhherstellers wird dann zum Wendepunkt stilisiert. Pirmasens wird jungen Familien und Rentnern als guter Standort gepriesen:

"Pirmasens mag zwar eine sterbende Stadt sein, aber eine, in der es sich leben lässt. Vor allem billig. Das ist ein Standortvorteil in einem Land mit explodierenden Immobilienpreisen. Rentner und Familien lieben Pirmasens, sagt sie. Da pendelt man schon mal ins nahe gelegene Daimler-Werk oder sogar nach Stuttgart, wie ihr eigener Ehemann",

zitieren BUDRAS & EXELER eine Immobilienmaklerin, die PR in eigener Sache betreibt und den Niedergang von Pirmasens auf Ende der 1990er Jahre datiert.

"Seitdem bleiben sie vornehmlich zu Hause, kassieren Hartz IV und bekommen Kinder, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls zu Hause bleiben und Hartz IV kassieren. Jedes dritte Kind unter 15 Jahren lebt hier in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft",

wird uns erzählt und die niedrige Lebenserwartung in Pirmasens damit nicht nur erklärt, sondern auch gleichzeitig die Verschärfung dieses Problems suggeriert.

Das Hauptproblem solcher Daten ist jedoch, dass nicht Lebensläufe, sondern die Korrelation von Gebiet und Bevölkerung, Grundlage sind, d.h. eine niedrige Lebenserwartung einer Region sagt erst einmal nichts über die Lebenserwartung konkreter Menschen aus, denn dann dürfte es innerhalb eines Menschenlebens keinerlei Mobilität in diesem Gebiet gegeben haben. Wie also soll eigentlich aus solchen Korrelationsdaten überhaupt sinnvoll die Lebenserwartung von Menschen ermittelt werden? Sagen die Zahlen nicht viel mehr über das Wanderungsgeschehen als über die Lebenserwartung aus? Deshalb bemühen die Autorinnen zur Erklärung Studien des Robert-Koch-Instituts, wobei deren Erkenntnisse sich offenbar nicht auf die Stadt Pirmasens beziehen, sondern lediglich allgemeine Zusammenhänge beschreiben:

"Nicht zuletzt dank des Robert-Koch-Instituts ist das alles hinreichend erforscht. Und doch verblüffen, gar empören die Befunde immer wieder aufs Neue. Dass arme Menschen schlechter leben als reiche, ist bekannt und wohl auch akzeptiert. Aber dass die Höhe des Einkommens und der Stand der Bildung über die Länge des Lebens entscheiden, ist nichts, woran sich eine Gesellschaft gewöhnt – oder gewöhnen sollte. Denn die Konsequenzen sind riesig: Armut, vor allem gepaart mit einem niedrigen Bildungsniveau, kostet rund zehn Jahre des Lebens. Rauchen, Alkohol, Übergewicht sind bei Hartz-IV-Empfängern weiter verbreitet als bei Menschen mit höherem Einkommen. Arme kümmern sich weniger um gesundes Essen und treiben weniger Sport, all das befördert Herz-Kreislauf-Krankheiten und Atemwegsbeschwerden. Hinzu kommen Stress und Frust über die eigene Situation. Auch das verkürzt das Leben."

Diese Situation wird uns als Grund für einen "Pakt für Pirmasens" präsentiert, der vor 7 Jahren geschlossen wurde und nun für Abhilfe sorgen soll. BUDRAS & EXELER präsentieren am Ende sogar noch Erfolge, die von dem Leser dem Projekt zugeschrieben werden sollen:

"Langsam geht es vorwärts, im vergangenen Jahr ist die Einwohnerzahl erstmals seit zwanzig Jahren wieder gestiegen, die Arbeitslosenzahl gesunken. Wenn in zwanzig Jahren 25 Prozent der betreuten Kinder eine Ausbildung schaffen, wäre das ein Erfolg, sagt Oberbürgermeister Matheis in einem Anflug von Pirmasenser Realismus."

BROEG, H. u.a. (2016): Zehn Jahre länger leben. Die neue Wissenschaft des Alterns.
Genanalyse, Blutverjüngung und der vermeintliche Wunderwirkstoff Rapamycin: Während unsere Gesellschaft immer älter wird, vermessen die Forscher die Möglichkeiten, dem Menschen mehr Lebensjahre zu schenken,
in: Focus Nr.24 v. 11.06.

KRISCHER, Markus (2016): Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir alle 100 werden?
Die Lebenserwartung steigt. Geburtenraten sinken. Schon bald stellen die Alten die Mehrheit - die Folgen sind dramatisch,
in: Focus Nr.24 v. 11.06.

In welchem Jahrtausend werden wir alle 100 müsste man angesichts dieser dummen Schlagzeile fragen. Bislang werden gerade einmal 50 % der Menschen in Deutschland um die 80 Jahre alt. KRISCHER nervt mit Horrorszenarien Marke SCHIRRMACHER, die vor allem eines sind: Kaffeesatzleserei!

FOCUS (2016): 31 Regeln für ein längeres Leben,
in: Focus Nr.24 v. 11.06.

Eine Sammlung von Banalitäten

GESTERKAMP, Thomas (2016): Jungs, hier kommt der Masterplan.
Essay: Warum eine neue Männerpolitik nötig ist, die im Dialog mit Frauen die Dinge verändern will,
in:
Freitag Nr.25 v. 23.06.

Aufgrund der Maskulistenbewegung, die in den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf erhalten hat, soll dem eine Alternative entgegengesetzt werden. So wie die CDU in der Vergangenheit rot-grüne Themen erfolgreich besetzt hat, will nun Thomas GESTERKAMP und seine Verbündeten vom Männerforum rechte Männerthemen besetzen. Es geht dabei auch um Themen wie die geringere Lebenserwartung von Männern im Gegensatz zu Frauen.

BRACHAT-SCHWARZ, Werner (2016): Warum leben Frauen im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald am längsten?
Zu möglichen Ursachen für die regional unterschiedliche Lebenserwartung in Baden-Württemberg,
in:
Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg, Heft 8

Werner BRACHAT-SCHWARZ erklärt uns die Probleme bei der Berechnung der durchschnittlichen Lebenserwartung einer Bevölkerung. Er unterscheidet zwischen Kohortensterbetafeln und Periodensterbetafeln. Üblicherweise werden letztere verwendet, obwohl sie einen gravierenden Nachteil haben: Ihre Werte stimmen nur bei gleichbleibender Lebenserartung. Ein Sinken/Anstiegen der Lebenserwartung führt zur Falscheinschätzung. Ein Anstieg führt zur Unterschätzung, ein Sinken zur Überschätzung der Lebenswartung. BRACHAT-SCHWARZ weist jedoch nur einseitig auf die Probleme beim Anstieg hin weil dies scheinbar das gegenwärtige Problem ist, von dem Demografen ausgehen.

"Frauen ernähren sich im Schnitt gesünder, sie setzen sich im Alltag weniger Gefahren aus, verüben deutlich seltener Suizid und nehmen häufiger Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen in Anspruch",

erklärt uns BRACHAT-SCHWARZ die Gründe für die höhere Lebenserwartung von Frauen. Doch können Sterbetafeln angesichts der Zunahme von Wanderungen bzw. ihrer Eigenheiten zu Fehleinschätzungen hinsichtlich der Lebenserwartung führen:

- Der 3-jährige Zeitraum kann bei niedrigen Fallzahlen zu kurz sein:

"Bis zum Alter von unter 65 Jahren sterben nämlich relativ wenige Menschen, sodass hier mögliche Zufallseinflüsse besonders groß sein könnten."

- Das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein von Pflegeeinrichtungen führt dazu, dass einer falschen Region die Ursachen zugeschrieben werden:

"Dort, wo es überdurchschnittlich viele vollstationär untergebrachte Pflegebedürftige gibt, ist die Lebenserwartung tendenziell geringer."

- Veränderungen der Bildungs- und Einkommensverhältnisse haben Einfluss auf die Lebenserwartung eines Gebiets.

Die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamtes geht für Baden-Württemberg bis 2060 von einer Abschwächung des Anstiegs der Lebenserwartung aus. Außerdem wird von größeren Unterschieden im Land ausgegangen:

"Zielgebiete inter- oder intraregionaler Wanderung (haben) nach Untersuchungen von Luy und Caselli in der Regel eine geringere Sterblichkeit als Abwanderungsgebiete. Damit spricht einiges dafür, dass die regionalen Unterschiede in der Lebenserwartung wieder größer werden könnten."

SCHÖNBERGER, Birgit (2016): Große Freiheit oder großes Loch?
Der Gedanke an die Rente weckt Hoffnung auf ein freies Leben ohne Leistungsdiktat. Doch wenn es dann so weit ist, kommt für viele ein böses Erwachen,
in:
Psychologie Heute, September

Das Bild vom "jungen Alten" ist die Vision einer oberen Mittelschicht, die Medien, Politik und Wissenschaft dominiert. SCHÖNBERGER definiert diese Gruppe als 60-75-Jährige und bleibt damit weit unterhalb jenen Neoliberalen, die diese Gruppe eigentlich bis zum Tode ausdehnen möchte. Dass sie keinen Widerspruch zwischen dieser Definition und der Tatsache sieht, dass sie die Lebenserwartung von 65-Jährigen nennt, liegt wohl daran, dass die Lebenserwartung von 60-Jährigen nicht publiziert wird. Erst recht nicht die Lebenserwartung von 50-Jährigen. Die Frage ist nämlich, inwieweit die so genannte Restlebenserwartung durch positive Selektion verzerrt ist. Solche Fragen passen jedoch nicht zur Fiktion des Durchschnittsalten.

Der Renteneintritt soll ein kritisches Lebensereignis sein. Dazu wird uns eine allgemeine Taxonomie von 40 "belastenden Lebensereignissen" genannt, deren genaue Zusammensetzung uns vorenthalten wird, sodass sie für den Leser nicht nachvollziehbar ist. Uns soll genügen, dass der Renteneintritt Platz 10 belegt, um uns zu ängstigen. Danach werden uns zwei Studien von Ursula STAUDINGER genannt, die auf den Slogan:

"Frühe Rente schadet der Gesundheit und reduziert die Lebensfreude"

verkürzt wird. Dies dürfte jedoch in erster Linie den Typus "Menschen, die beruflich sehr eingespannt waren" betreffen.

KUNTZ, Michael (2016): Wer früher geht, lebt kürzer.
SZ-Serie Unsere Zukunft, unsere Rente (24): Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Sterberisiko wächst, wenn Berufstätige vorzeitig in den Ruhestand wechseln: Viele fallen in ein Loch, weil sie nicht mehr gefragt sind, der Frust wächst. Familie, Freunde und Hobbys können helfen, den neuen Lebensabschnitt zu genießen,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 13.09.

Neoliberale flankieren ihre Forderung nach einem höheren Renteneintrittsalter mit Forschungsergebnissen, die angeblich beweisen sollen, dass ein Frührentnerdasein die Lebenserwartung verkürzt. Michael KUNTZ präsentiert uns nur Fallbeispiele aus der oberen Mittelschicht, speziell der Managerriege, denn der so genannte Ruhestandstod ist eher Problem jener, die ihren Machtverlust nicht verkraften. Mehr als die üblichen Studien, die das Phänomen auch bei anderen Rentnergruppen belegen sollen, liefert uns KUNTZ nicht (vgl. Die Zeit v. 30.07.2015).

"Mit jedem Jahr vorgezogenem Ruhestand steige die Wahrscheinlichkeit, vor dem 68. Geburtstag zu sterben, um 13,4 Prozent",

zitiert KUNTZ ein Studie von Andreas KUHN, Jean-Phnilippe WUELLRICH und Josef ZWEIMÜLLER, die im August 2010 als Diskussionspapier Fatal Attraction? Access to Early Retirement and Mortality erschienen ist. Dort heißt es:

"For males, instrumental-variable estimates show a significant 2.4 percentage points (about 13%) increase in the probability of dying before age 67."

Die Aussage gilt lediglich für österreichische, männliche Arbeiter der Geburtsjahrgänge 1929 - 1941) und ist mit äußerster Vorsicht zu genießen, da es sich hier nur um ein Diskussionspapier handelt und nicht um Erkenntnisse, die einer Überprüfung durch weitere Forschungen standgehalten haben. Die Aussagen haben also einen sehr eingeschränkten Aussagebereich, und sind nicht - wie KUNTZ suggeriert - verallgemeinerbar.

"Von den in den 1960er Jahren geborenen Babyboomern hat ein Drittel keine Kinder",

lügt uns KUNTZ an, denn diese Fehleinschätzung von Herwig BIRG Anfang des Jahrtausends ist längst durch Erhebungen widerlegt. Ledig rund 20 % dieser Babyboomer bleiben kinderlos. Dass dies ein Problem sei, ist allenfalls Spekulation und kein empirischer Beleg.

DFAEH (2016): Lebenserwartung: Trends bei Hochgebildeten weisen den Weg.
Unterschiede zwischen gut und wenig Gebildeten nehmen zu,
in:
Demografische Forschung aus erster Hand, Nr.3 v. 26.09.

Bei der Rentenpolitik gilt seit längerem die Kopplung des Renteneintrittsalters an die durchschnittliche Lebenserwartung. Nicht nur die Untersuchung von JASILIONIS & SHKOLNIKOV zeigen, dass sich die Lebenserwartung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen stark unterscheiden. Eine Rentenpolitik, die das nicht berücksichtigt, privilegiert die obere Mittelschicht und diskriminiert das Nicht-Akademikermilieu.

Die Forschungen zeigen aber auch, dass die Unterschiede möglicherweise noch wesentlich krasser sind als die amtliche Statistik behauptet. Allein schon die Feststellung von Bildungsunterschieden ist ein Problem:

"Werden etwa Zensusdaten und Sterbedaten verwendet, tritt oft das Problem auf, dass der höchste Bildungsabschluss zum Todeszeitpunkt ein anderer sein kann als in der Zensusbefragung. Zudem gibt es international unterschiedliche Bildungsklassifikationen, die einen Vergleich erschweren. Und schließlich ändern sich die Anteile der unterschiedlichen Bildungsklassen an der Gesamtbevölkerung",

werden uns die Probleme geschildert. Tatsächlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn Bildung ist meist nur ein Indikator für Einkommensunterschiede. Dabei wird naiverweise davon ausgegangen, dass hohe Bildung sich in hohe Einkommen umsetzt. Dies ist längst nicht mehr der Fall seit sich die Selektivität vom Bildungssystem in das Arbeitssystem verlagert hat. Nicht Bildung, sondern soziale Herkunft ist die ausschlaggebendere Variable. Die Forschungen zur Lebenserwartung berücksichtigen dies nicht.

Bei der hier vorgestellten Untersuchung wird die Situation in Deutschland gar nicht erst erwähnt, denn bei uns ist hier die Datenlage ähnlich katastrophal wie Anfang des Jahrtausends in Sache Kinderlosigkeit. Die Politik verhindert jegliche Forschung, die ihre Pläne durchkreuzen könnte. So wurde die Erhebung der Kinderlosigkeit erst nach Durchsetzung des Elterngelds verbessert. Zuvor wurde diese Durchsetzung jedoch mit weit überhöhten Kinderlosenzahlen erst als alternativlos dargestellt. Inzwischen stellt sich heraus, dass die niedrige Geburtenrate in Deutschland zu zwei Dritteln auf dem Rückgang der Kinderreichen beruht. Bei der Rentenpolitik droht nun das gleiche Spielchen. Mit überhöhten durchschnittlichen Werten zur Lebenserwartung wird die Kopplung des Renteneintrittsalters an diese falsch berechnete Lebenserwartung betrieben.

EUROSTAT (2016): Beinahe 27 Millionen Menschen in der Europäischen Union sind 80 Jahre oder älter.
Lebenserwartung von fast 10 Jahren für 80-Jährige,
in:
Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 29.09.

Aus der Pressemitteilung ergeben sich folgende Zahlen für die 80-Jährigen und älteren (31.12.2014) und die Lebenserwartung der 80-Jährigen im Jahr 2014

Land

Anzahl der
80-Jährigen

Prozentanteil der
80-Jährigen an der
Gesamtbevölkerung
(Rangfolge)
Prozentanteil
der Frauen an der
Bevölkerung
ab 80 Jahren
Lebenserwartung der 80-Jährigen (in Jahren)
Insgesamt Frauen Männer
Belgien 611.388 5,3 % (7) 64,4 % 9,7 8,5 10,4
Bulgarien 331.193 4,6 % (17) 64,2 % 7,0 6,4 7,3
Tschechien 418.698 4,0 % (22) 67,2 % 8,3 7,4 8,9
Dänemark 239.409 4,2 % (19) 62,5 % 9,1 8,2 9,8
Deutschland 4.544.298 5,6 % (6) 65,1 % 9,3 8,4 9,8
Estland 65.292 5,0 % (11) 75,2 % 8,9 7,3 9,5
Irland 141.566 3,1 % (27) 61,5 % 9,1 8,2 9,8
Griechenland 680.969 6,3 % (2) 59,2 % 9,4 9,1 9,6
Spanien 2.732.405 5,9 % (3) 63,3 % 10,4 9,2 11,2
Frankreich 3.850.802 5,8 % (4) 65,0 % 11,0 9,5 12,0
Kroatien 197.164 4,7 % (16) 68,4 % 7,7 6,9 8,1
Italien 3.977.449 6,5 % (1) 64,4 % 10,0 8,8 10.9
Zypern 27.506 3,2 % (26) 58,9 % 8,8 8,4 9,2
Lettland 96.615 4,9 % (13) 75,9 % 8,2 7,0 8,6
Litauen 149.111 5,1 % (8) 73,4 % 8,3 7,1 8,8
Luxemburg 22.294 4,0 % (22) 64,2 % 10,1 8,5 11,2
Ungarn 418.295 4,2 % (19) 70,5 % 7,9 6,9 8,4
Malta 17.129 4,0 % (22) 64,0 % 9,4 8,6 10,0
Niederlande 734.976 4,3 % (18) 63,8 % 9,3 8,3 10,0
Österreich 429.851 5,0 % (11) 65,6 % 9,5 8,6 10,1
Polen 1.525.896 4,0 % (22) 69,4 % 9,0 7,9 9,7
Portugal 595.570 5,7 % (5) 64,6 % 9,2 8,0 10,0
Rumänien 815.899 4,1 % (21) 64,5 % 7,6 7,0 7,9
Slowenien 99.523 4,8 % (14) 69,5 % 9,3 8,1 10,0
Slowakei 168.459 3,1 % (27) 69,7 % 7,9 7,0 8,4
Finnland 277.477 5,1 % (8) 66,2 % 9,4 8,4 10,1
Schweden 499.408 5,1 % (8) 61,9 % 9,3 8,4 10,0
Großbritannien 3.093.013 4,8 % (14) 61,4 % 9,5 8,7 10,0

CEH (2016): Lebenserwartung steigt um zehn Jahre in der Welt,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.10.

Bericht über eine Studie der Global Burden of Disease (GBD) unter Leitung von Christopher MURRAY.

"Insgesamt steigerte sich die Lebenserwartung in den Jahren 1980 bis 2015 weltweit (...) von durchschnittlich 62 auf fast 72 Jahre",

schätzt die Studie.

DESTATIS (2016): Regionale Unterschiede in der Lebenserwartung haben in den letzten 20 Jahren abgenommen,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 20.10.

Pressemeldungen lenken gerne von politisch unkorrekten Sachverhalten ab und stellen gerne politisch korrekte Sachverhalte in den Mittelpunkt. So auch diesmal. Der entscheidende Satz befindet sich ganz am Ende der Pressemitteilung:

"Im Vergleich zur vorangegangenen Sterbetafel 2012/2014 ist die Höhe der Lebenserwartung bei Geburt im aktuellen Berechnungszeitraum 2013/2015 nahezu unverändert."

In der Rentenversicherung wird die Erhöhung des Renteneintrittsalters als Königsweg zur Kosteneinsparung betrachtet und vom Medienchor mit Berichten über sagenhafte Steigerungsmöglichkeiten begleitet. Politisch korrekt wird uns die Methusalemgesellschaft als Leitbild verkündet. Dass diese - wenn überhaupt - lediglich die Verhältnisse in der oberen Mittelschicht und der Oberschicht - wiederspiegelt, das wird uns verschwiegen.

Was aber, wenn längst eine Gegenbewegung eingesetzt hat, die nur noch nicht in den Massendaten deutlich erkennbar ist? Die Stagnation könnte bedeuten, dass die gestiegene soziale Ungleichheit und die Einkommensungleichheit bald auch bei der Entwicklung der Lebenserwartung sichtbar wird.

Warum aber betont das Statistische Bundesamt besonders die regionale Angleichung? Seit einiger Zeit haben die Medien ihre Rhetorik in Sachen regionale Unterschiede geändert.  Aufgrund der Wahlerfolge der AfD und wohl auch aufgrund des Brexit - gelten nun regionale Unterschiede als brisant, die bislang ignoriert oder gar begrüßt wurden. Meldungen, die scheinbare Angleichungen verkünden, sind deshalb hochwillkommen. 

THELEN, Peter (2016): Länger leben und arbeiten.
HB-Serie Zukunft der Rente (5): Diese Gleichung geht vor allem für Geringverdiener nicht auf,
in:
Handelsblatt v. 21.10.

Peter THELEN verweist auf eine Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2014, in der die Entwicklung der Lebenserwartung gar nicht mehr so rosig aussieht:

"Frauen und Männer, deren Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze liegt, haben ein um das 2,4- bis 2,7-Fache erhöhtes früheres Sterberisiko als die mit dem höchsten Einkommen. 84 Prozent der Frauen und 69 Prozent der Männer werden nicht mal 65".

Peter THELEN zitiert jedoch die Studie falsch, denn dort heißt es:

"Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen und Männer, deren Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze liegen, ein im Verhältnis zur höchsten Einkommensgruppe um das 2,4- bzw. 2,7-Fache erhöhtes Mortalitätsrisiko haben. Infolgedessen erreicht in der niedrigen Einkommensgruppe ein deutlich geringerer Anteil der Frauen und Männer das 65. Lebensjahr (...). Von den Frauen, die einem relativen Armutsrisiko unterliegen, trifft dies auf 84 % zu, während es von den relativ wohlhabenden Frauen 93 % sind. Bei Männern betragen die Vergleichswerte 69 % in der niedrigen und 87 % in der hohen Einkommensgruppe."
(2014, S.2)

Nicht 84 Prozent der Frauen, sondern 16 % sterben vor dem 65. Lebensjahr. Bei den Männern sterben nicht 69 Prozent vor dem 65. Lebensjahr, sondern 31 Prozent. Das aber ist auch kein zu vernachlässigbarer Anteil.

Mit der Armutsrisikogrenze ist nicht etwa - wie man angesichts der Rentendebatte glauben könnte - das Existenzminimum (oder der Transferbezug Hartz IV/Grundsicherung im Alter) gemeint, sondern 60 Prozent des Medianseinkommens, was gerne unter dem verharmlosenden Begriff der "Armutsgefährdung" läuft. Selbst kirchliche Organisationen wie die Caritas arbeiten an der Wegdefinition dieser Armutsschwelle mit. Die Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt jedoch, dass diese Armutsschwelle durchaus gerechtfertigt ist.  

Gemäß THELEN ginge eine Politik der Lebensarbeitszeitverlängerung zulasten der Geringverdiener, die auch durch die Senkung des Rentenniveaus schon stärker belastet wird.

BETHKE, Hannah (2016): Lebenserwartung steigt geringfügig.
Baden-Württemberg bleibt Spitzenreiter bei geringeren regionalen Unterschieden,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.10.

Die FAZ, die vehement auf eine Erhöhung des Renteneintrittsalters pocht, interpretiert "nahezu unverändert" als "geringfügige Steigung". Hannah BETHKE zitiert sogar das Statistische Bundesamt, das nicht gerade für fortschrittliche Deutungen bekannt ist:

"Die geringe Veränderung sollte man nicht überinterpretieren und die Ergebnisse der folgenden Sterbetafeln abwarten, bevor Aussagen über eine etwaige Stagnation getroffen werden können."

Aber bereits die letztjährige Bevölkerungsvorausberechnung ging in ihrer mittleren Variante von einem geringeren Anstieg bei der Lebenserwartung aus, was zeigt, dass man durchaus von einer Stagnation sprechen könnte.

KAUFMANN, Stephan (2016): Geld und Leben.
Die Menschen in den wohlhabenderen Bundesländern erreichen ein höheres Alter,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.10.

Die FR verschweigt die mögliche Stagnation der Lebenserwartung gleich ganz, denn unter dem neoliberalen Einpeitscher Karl DOEMENS wird das Länger arbeiten zur Pflichtveranstaltung, da kann man keine schlechte Nachrichten in Sachen Lebenserwartung verbreiten!

SEI (2016): In Baden-Württemberg leben Menschen am längsten.
Lebenserwartung insgesamt steigt aber nicht an,
in: Welt
v. 21.10.

Die Welt begrüßt die mögliche Stagnation der Lebenserwartung als Entlastung der Rentenversicherung:

"Die gesetzliche Rentenversicherung und alle privaten Versicherer dürfte eine andere Aussage besonders interessieren. Aktuell steigt die Lebenserwartung in Deutschland nicht weiter an. Noch sieht das Statistische Bundesamt darin nur eine Momentaufnahme. Sollte sich diese Entwicklung allerdings in den kommenden Jahren bestätigen, würde dies die Vorsorgesysteme der Zukunft zumindest ein wenig entlasten."

PFEIFFER, Hermannus (2016): Der Trick mit dem späten Tod.
Vorsorge: Die Deutschen werden immer älter. Doch amtliche Zahlen und Kalkulationen der Versicherungswirtschaft klaffen um viele Jahre auseinander - zulasten der Kunden,
in: TAZ
v. 21.10.

PFEIFFER, Hermannus (2016): Statistik trügt.
Über Versicherer und amtliche Lebenserwartung,
in: TAZ
v. 21.10.

ZSCHÄPITZ, Holger (2016): Armut kostet Lebenszeit.
Egal ob wir künftig mit 71 oder 73 in Rente gehen: Viele Menschen mit niedrigem Einkommen werden den Ruhestand nicht erleben,
in:
Welt v. 05.12.

"Die Daten des Versicherers dürften die aktuelle Diskussion um die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters (...) anheizen (...)(:) Denn die Studie der Zurich birgt sozialen Sprengstoff. Sie ruft in Erinnerung, dass arme Leute so kurz leben, dass eine pauschale Ausweitung des Renteneintrittsalters kaum möglich ist. Armutsgefährdete Männer in Deutschland haben eine Lebenserwartung von gerade mal 70,1 Jahren. Bei Frauen liegt diese bei knapp 77 Jahren. Dagegen können reiche Männer auf 81 Jahre Lebenszeit hoffen, Frauen auf 85. Als armutsgefährdet gelten hierzulande Bürger, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung haben. Reich ist laut Statistik derjenige, der über mehr als 150 Prozent des durchschnittlichen Einkommens gebietet.",

berichtet Holger ZSCHÄPITZ über die nicht öffentlich verfügbare Studie Ist Langlebigkeit in Deutschland ein versicherbares Risiko? der Zurich Lebensversicherung. Die Studie bezieht sich auf Berechnungen des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2014. Die Konsequenzen für die Armen beschreibt ZSCHÄPITZ folgendermaßen:

"Bei einer Ausweitung des Renteneintrittsalters auf 71 oder gar 73 Jahre hätten ärmere Bundesbürger keine Zeit mehr, den Ruhestand in Würde zu verbringen. Reichere Deutsche könnten hingegen zehn oder mehr Jahre ihre Rente verprassen. Damit würde die Rentenbezugsdauer ärmerer Menschen auf den niedrigsten Wert in der Geschichte der Bundesrepublik fallen. Sogar in den 60er-Jahren, als der Sozialstaat längst noch nicht so weit ausgebaut war, erhielten Männer im Schnitt 9,9 Jahre staatliche Altersbezüge und Frauen immerhin fast elf Jahre. Aktuell liegt der Wert für Männer im Durchschnitt bei 19,3 Jahren, für Frauen bei 21,4 Jahren."

WINKLER, Peter (2016): Sinkende Lebenserwartung in den USA.
Mehr Amerikaner sterben an einer Überdosis als bei Verkehrsunfällen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 12.12.

"Die «Washington Post» schlüsselte die Studie des Statistikzentrums der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) noch weiter auf und zeigte, dass von den wichtigsten Bevölkerungsgruppen die weissen Frauen und Männer sowie die schwarzen Männer im vergangenen Jahr eine höhere Sterblichkeit hinnehmen mussten. Schwarze Frauen sowie Latinos und Latinas waren von dem Negativtrend dagegen nicht betroffen. Ebenfalls unverändert blieb die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren. Das heisst, dass die Gründe für die gesunkene Lebenserwartung bei der Geburt die jüngeren Altersgruppen besonders treffen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu 1993. Damals, beim letzten Knick in der Statistik-Kurve zur Lebenserwartung, hatten die jüngeren Jahrgänge zwar ebenfalls höhere Sterberaten in den Kategorien Aids und Unfälle. Doch der grösste Beitrag an die höhere Sterblichkeit insgesamt kam aus der Gruppe der über 65 Jahre alten Personen. Eine Grippeepidemie hatte damals in Alterseinrichtungen besonders viele Todesfälle gefordert",

berichtet Peter WINKLER über die differentielle Entwicklung der Lebenserwartung in den USA.

ZURICH (2016): Ist Langlebigkeit (in Deutschland) ein versicherbares Risiko? 14.12.

 
     
 
       
   

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Update: 30. August 2017