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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland

 
       
   

Die Debatte um den Anstieg der Lebenserwartung, die Gesundheit Älterer und die Unterschiede der Sterblichkeit und ihre Gründe (Teil 7: 2018)

 
       
   

Die Chronologie der Debatte

 
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die Entwicklung der Lebenserwartung gilt Demografen und Ökonomen neben der Entwicklung der Geburten in Deutschland als das gesellschaftliche Hauptproblem des demografischen Wandels. Insbesondere die Rentenversicherung und die Krankenversicherung sowie die Pflegeversicherung (Stichworte: Pflegebedarf bzw. Pflegenotstand) erscheint in einer Gesellschaft der Langlebigen als bedroht. Spätestens seit Ende der 1970er Jahre wird das Rentensystem aufgrund der steigenden Altenlast immer wieder vor dem Kollaps gesehen. Leistungseinschnitte oder Privatisierungen gelten Neoliberalen bzw. Nationalkonservativen als einzige Möglichkeit, um die Sozialversicherungssysteme zu retten. Dabei bleiben die zentralen Fragen außen vor: Was bedeutet der Anstieg der Lebenserwartung überhaupt für unsere Gesellschaft? Nicht demografische Aspekte, sondern nicht-demografische Aspekte wie der medizinische und technologische Fortschritt, die Gesundheit jüngerer und älterer Menschen, infrastrukturelle und arbeitsmarktstrukturelle Veränderungen sind in der hier vertretenen Sicht bedeutender. Die Zukunft Deutschlands könnte also ganz anders aussehen als dies die üblichen Prognosen behaupten. Diese Bibliografie widmet sich deshalb in erster Linie jenen Fragen, die gewöhnlich eher vernachlässigt werden, weil sie nicht von mächtigen Interessensgruppen vorangetrieben werden.

Kommentierte Bibliografie

2018

GENTRUP, Anne & Friederike KRIEGER (2018): Kürzer leben.
Zu viel Fett, zu wenig Bewegung: Kommt die Trendwende bei der Lebenserwartung?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.01.

GENTRUP & KRIEGER lassen die Interessenvertreter der Versicherungswirtschaft zu Wort kommen, die natürlich nichts von einer Trendwende bei der Lebenserwartung in Deutschland wissen wollen. Die Interpretation von Fakten - so zeigt der Artikel - ist abhängig von den Interessen. Hätte man Verbraucherschützer zu Wort kommen lassen oder unabhängige Experten, dann wäre der Artikel informativer gewesen. Der aktuelle Rentenversicherungsbericht 2017 geht bereits von einer Verlangsamung des Anstiegs der Lebenserwartung aus. Für die Lebensversicherer wäre dagegen ein solcher Trend profitabel, weil sich für sie steigende Profite aus der Kluft zwischen tatsächlicher und prognostizierter Lebenserwartung ergeben.  

HENNING, Ulrike (2018): Gewonnene Jahre.
Gute Nachrichten aus der Geriatrie: Die gesunde Lebensphase lässt sich ausdehnen,
in:
Neues Deutschland v. 22.02.

Ulrike HENNING verficht in ihrem Artikel die These von der Kompression der Morbidität, d.h.

"Die Phase schwerer Krankheiten wird dabei verkürzt, im Gegenzug bleibt Autonomie bis ins hohe Alter erhalten, es werden gesunde und behinderungsfrei Lebensjahre gewonnen."

Dabei beruft sie sich u.a. auf den Barmer Pflegereport 2017 von Heinz ROTHGANG u.a. (vgl. 2017, S. 122ff.), der die altersbedingte Pflegewahrscheinlichkeit positiver einschätzen soll als frühere Pflegereports. Angesichts der Stagnation bei der ferneren Lebenserwartung in Deutschland erscheint die optimistische Sicht eher weniger begründet.

DESTATIS (2018): Lebenserwartung für Jungen und Mädchen steigt weiter an,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 26.03.

"Die Lebenserwartung in Deutschland ist erneut angestiegen: Sie beträgt nach der auf die aktuellen Sterblichkeitsverhältnisse bezogenen Sterbetafel 2014/2016 für neugeborene Jungen 78 Jahre und 4 Monate und für neugeborene Mädchen 83 Jahre und 2 Monate. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, erhöhte sich die Lebenserwartung im Vergleich zur vorherigen Sterbetafel 2013/2015 für neugeborene Jungen und Mädchen um jeweils etwa 2 Monate.
Auch für ältere Menschen hat die Lebenserwartung weiter zugenommen. Nach der Sterbetafel 2014/2016 beläuft sich zum Beispiel die sogenannte fernere Lebenserwartung von 65-jährigen Männern mittlerweile auf 17 Jahre und 10 Monate. Für 65-jährige Frauen ergeben sich statistisch 21 weitere Lebensjahre. Im Vergleich zur vorherigen Sterbetafel 2013/2015 hat die fernere Lebenserwartung in diesem Alter damit bei den Männern um 1 Monat und bei den Frauen um 2 Monate zugenommen.
Auf der Ebene der einzelnen Bundesländer weist Baden-Württemberg bei beiden Geschlechtern die höchste Lebenserwartung Neugeborener auf: Für Jungen beträgt sie hier 79 Jahre und 6 Monate, für Mädchen 84 Jahre. Die niedrigsten Werte weisen mit 76 Jahren und 4 Monaten Jungen in Sachsen-Anhalt und mit 82 Jahren und 3 Monaten Mädchen im Saarland auf", meldet das Statistische Bundesamt.

MPIDR (2018): Wer arm ist, ist weniger gesund. Aber warum?
in: Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung v. 26.03.

"In ihren Berechnungen konnten die Forscher bestätigen, dass sozioökonomischer Status und Gesundheit direkt miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen - ein geringer sozioökonomischer Status geht meist mit einer schlechteren gesundheitlichen Verfassung einher, während Menschen mit einem höheren sozioökonomischem Status im Schnitt gesünder sind. Sie haben auch bestätigen können, dass der sozioökonomische Status sich über den Lebensverlauf hinweg verfestigt. Vor allem aber stellten sie fest, dass bei dem Übergang von Kindheit zu Erwerbsalter beide möglichen Kausalitätsrichtungen - also sowohl »social causation« (sozioökonomischer Status beeinflusst die Gesundheit), als auch »health selection« (Gesundheit beeinflusst den sozioökonomischen Status) - gleich wichtig waren. Interessanterweise blieb diese Situation aber nicht bestehen, sondern ändert sich beim Übergang vom Erwerbsalter zum hohen Alter. Hier überwiegt eindeutig der Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Gesundheit. Mögliche Erklärungen seien, dass das Auftreten von Gesundheitsproblemen im Alterungsprozess ganz besonders abhängig von sozialen Faktoren ist, und dass sich bei Bezug von Rente die Gesundheit weniger auf den sozioökonomischen Status auswirken könne, so Hoffmann",

fasst die Pressemitteilung die Ergebnisse der Studie Pathways between socioeconomic status and health: Does health selection or social causation dominate in Europe? zusammen.

NEIßE, Wilfried (2018): Rente schützt vor Arbeit nicht.
Lebenserwartung steigt auch in Brandenburg weiter an - und mit ihr die Altersarmut,
in: Neues Deutschland v. 03.04.

LOSSAU, Norbert (2018): Der übersehene Faktor für ein langes Leben.
Reiche Menschen kommen leichter an Medikamente und bessere Therapien als arme. Trotzdem ist Wohlstand kein Garant für ein langes Leben. Bildung sei wichtiger sagt Sozialstatistiker Wolfgang Lutz aus Österreich,
in: Welt v. 05.05.

Der Artikel zeigt wie mit wissenschaftlichen Studien Verdummung betrieben werden kann. Es wird behauptet, dass zwischen Bildung und Lebenserwartung eine eindeutig kausale Beziehung besteht, während das für Einkommen und Lebenserwartung nicht gelten würde.

Die Untersuchung, die zitiert wird, ist jedoch gar nicht in der Lage dies zu belegen. Als Indikator für Wohlstand wird das BIP pro Kopf herangezogen, d.h. alle Einwohner eines Landes wird das gleiche Einkommen zugewiesen, egal wie viel jemand in diesem Land tatsächlich verdient. Es handelt sich also gar nicht um eine Kausalstudie, sondern lediglich um eine Korrelationsstudie. Eine Untersuchung, die 174 Länder vergleicht muss zwangsweise grob vereinfachen, denn wie lässt sich der Wohlstand von reichen und armen Ländern vergleichen?

"Nehmen wir Kuba. Die Lebenserwartung ist in diesem Karibikland eine der höchsten in ganz Latein- und Mittelamerika. Sie ist nach den jüngsten UN-Zahlen insbesondere sogar höher als in den USA, und zwar sowohl bei den Frauen als auch den Männern. Andererseits ist Kuba bekanntlich bettelarm, während die USA zu den reichsten Ländern der Welt zählen. Wie lässt sich das erklären? Doch wohl nun über das relativ gute Schul- und Gesundheitssystem in Kuba",

antwortet Wolfgang LUTZ. Da stellt sich die Frage, ob ein Wohlstandsmaß wie das BIP pro Kopf der Fragestellung nicht unangemessen ist und eher ein Maß für die Ungleichheit im Land erforderlich wäre. Und inwieweit ist die durchschnittliche Lebenserwartung ein angemessener Indikator? Das Maß sagt keineswegs etwas darüber aus, wie gesund das Leben in einem Land für die Mehrzahl der Menschen ist. Die 50 Prozent der Überlebenden könnten in Kuba ganz anders verteilt sein als in den USA. Der Artikel erzeugt mehr Fragen als er beantwortet!   

Einschränkend muss gesagt werden: Da die Untersuchung noch nicht einmal veröffentlicht wurde, ist eine Kritik nur anhand der Informationen des Artikels möglich.     

KOCH, Martin (2018): Der Osten holt weiter auf.
Warum sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen nur ungenau prognostizieren lässt,
in: Neues Deutschland v. 24.05.

Martin KOCH skizziert die Entwicklung der Lebenserwartung von der Steinzeit an! Mit sage und schreibe 3 Prominenten will uns KOCH belegen, dass es im Mittelalter bereits viele Hochaltrige gab. Belege hat er jedoch für seine These nicht. Anlass des Berichts ist jedoch die Pressemitteilung Sterblichkeit verbesserte sich schon in der DDR es Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung über eine Studie von Pavel GRIGORIEV.

 
     
 
       
   

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Update: 26. Juli 2018