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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Babyboomer (Teil 6)

 
       
   

Begrifflichkeiten und ihre Bedeutung für die Beurteilung des demografischen Wandels am Beispiel der öffentlichen Debatte

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 6: 2017 - 2018)

2017

DAHLKAMP, Siliva/HÜLSEN, Isabell/MÜLLER, Ann-Katrin/SEITH, Anne (2017): Reden ist Geld.
Familie: In kaum einem anderen EU-Land hält sich die klassische Rollenverteilung so beharrlich wie in Deutschland: Er verdient das Geld, sie kümmert sich um die Familie. Das ist gefährlich, für Männer und für Frauen,
in:
Der Spiegel Nr. v. 14.01.

"Weil die Rentenansprüche aus der Ehezeiten nur »abgeleitete Ansprüche« sind, informiert die Rentenkasse in ihrer jährlichen Renteninformation (...). nicht über die individuellen Rentenerwartungen, die sich aus der Ehe ergeben" (2016, S.89),

kritisiert Kristina VAILLANT in dem Buch Die verratenen Mütter. Wie die Rentenpolitik Frauen in die Armut treibt. Es verwundert zudem, dass die Journalistinnen zwar das 2014 erschienene Buch Die verratene Generation von BYLOW & VAILLANT, aber nicht das aktuelle Buch zitieren. Offenbar, weil dort die Situation noch stärker dramatisiert wird:

"Rund die Hälfte der westdeutschen Frauen der Jahrgänge 1962 bis 1966 wird einer Studie zufolge mit einer Rente unter 600 Euro im Monat leben müssen. Sie sind existenziell abhängig von ihrem Partner - oder arm.",

wird uns erklärt. Wie kommt diese Zahl zustande? Bei BYLOW & VAILLANT heißt es:

"Über sechseinhalb Millionen Frauen sind heute zwischen 45 und 55 Jahre alt (...). Etwa ein Drittel von ihnen, das sind über zwei Millionen Frauen, werden voraussichtlich eine Rente von maximal 600 Euro bekommen." (2014, S.60)

Die Autorinnen verweisen dabei auf die schon 2012 erschienene Studie Die Lebens- und Erwerbsverläufe von Frauen im mittleren Lebensalter von Barbara RIEDMÜLLER & Ulrike SCHMALRECK, die in ihrer Studie die Geburtsjahrgänge 1962 bis 1966 untersucht haben. BYLOW & VAILLANT haben diese Zahlen einfach auf die Jahrgänge 1958 bis 1968 übertragen. Wie, das verschweigen sie uns. Was jedoch noch gravierender ist: RIEDMÜLLER & SCHMALRECK differenzieren in ihrer Studie bei den westdeutschen Babyboomerinnen zwischen 7 Lebensverläufen. Daraus greifen sich sowohl VAILLANT als auch die Spiegel-Journalistinnen nur jene wenigen heraus, die besonders stark betroffen sind, gleichzeitig aber nur eine Minderheit dieser Babyboomer-Frauen betrifft.

"Die »Bildungsstarke« mit langen Ausbildungszeiten, hohem Qualifikationsniveau und guter Arbeitsmarktintegration sowie die »Langzeitarbeitslose« mit langen und häufigen Phasen der Arbeitslosigkeit. Diese beiden Typen zählen unter der Kohorte zu den kleinsten Gruppen mit einem Anteil von 6 bzw. 7%. Den quantitativ stärksten Typ mit 21% bildet die Vollzeiterwerbstätige. (...). Neben der höheren Erwerbsorientierung der Babyboomerinnen zeigt sich bei ihnen ein Bedeutungsverlust an reinen Hausfrauenbiografien. Mit einem Anteil von 19% sind unter den Babyboomerinnen weniger Familienorientierte zu finden, als unter den älteren Frauen (25%). Im Vergleich zu der älteren Kohorte hat sich der Anteil der Zwei-Phasen Frauen unter den jüngeren Frauen fast verdoppelt (von 9% auf 16%). Den siebten Biografietyp bildet die Mischerwerbstätige. Jede neunte Babyboomerin gehört diesem Cluster an (11%)"
(2012, S.39f.),

beschreiben RIEDMÜLLER& SCHMALRECK die Biografie-Typen der Babyboomer-Frauenjahrgänge 1962-1966. Die Journalistinnen verfälschen also diesen Befund dahingehend, dass sie den Typus Bildungsstarke zum Typus Langzeitarbeitslos bzw. Hausfrauenbiografie stilisieren, indem den Babyboomer-Frauen zum einen schlechte Arbeitsmarktchancen und zum anderen lange Babypausen andichten, obwohl die Studie andere Interpretationen nahe legt: Akademikerinnen gehören überwiegend zu den Gewinnerinnen und nicht zu den Verliererinnen.

Während uns die westdeutschen Frauen als Problemfall beschrieben werden, heißt es dagegen bei RIEDMÜLLER & SCHMALRECK, dass gerade den ostdeutschen Frauen das größere Altersarmutsrisiko droht:

"Unter den hier untersuchten Kohorten weisen die ostdeutschen Babyboomerinnen die stärkste Arbeitsmarktorientierung auf. Gleichzeitig sind sie dadurch stärker als die gleichaltrigen westdeutschen Frauen von Arbeitslosigkeit betroffen und damit auf Transfereinkommen angewiesen. Etwa jede sechste Babyboomerin der neuen Länder zählt zum Typ der Lang-zeitarbeitslosen. Sowohl das eigene Einkommen als auch das bedarfsgewichtete Haushalts-einkommen dieser Frauen ist alarmierend gering. So dass für diesen Typ ein erhöhtes Armutsrisiko besteht."
(2012, S.56)

Die Studie, auf die sich die Journalistinnen berufen, widerspricht sogar fundamental der öffentlichen Debatte. Vor allem kinderlose Frauen der Babyboomer sind bei der gesetzlichen Rente benachteiligt:

"Kinderreiche Frauen der Geburtsjahrgänge 1947 bis 1951 erzielen 15,1 Rentenpunkte. Der Wert für kinderlose Frauen liegt dagegen deutlich höher bei 21,4 Entgeltpunkten. Bei den Babyboomerinnen erreichen hingegen die Frauen mit drei und mehr Kindern trotz kürzere Dauer der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung die höchste Anzahl an persönlichen Entgeltpunkte (25,7) und erzielen damit das höchste prognostizierte Renteneinkommen. Dennoch würde dies aktuell einer geringen Rente von rund 700 Euro 20 entsprechen. Babyboomerinnen ohne Kinder erzielen dagegen nur 22,2 Entgeltpunkte (610 Euro). Für die Babyboomerinnen deuten die Daten daraufhin, dass die Anzahl der Kinder sich rentensteigernd auswirkt."
(2012, S.62)

Dabei muss berücksichtigt werden, dass durch die 2014 erhöhte Mütterrente sich die Situation der Geburtsjahrgänge 1947 bis 1951 verbessert hat, auch wenn sie immer noch nicht gleich gestellt sind. Die durchschnittliche Rentenhöhe wird also nicht - wie uns suggeriert wird, durch die Zahl der Kinder gedrückt, sondern im Gegenteil durch die niedrigeren Renten der kinderlosen Babyboomer-Frauen.

Nimmt man die Studie zum Ausgangspunkt und nicht deren Falschdarstellung, dann zeigt sich einmal mehr, wie Studien im Interesse der oberen Mittelschicht missbraucht werden.

ASTHEIMER, Sven (2017): Wer schuftet für die Babyboomer?
Migranten stellen die Demographie auf den Kopf. Leichter wird es dadurch nicht,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.03.

Sven ASTHEIMER kommt noch einmal auf den Demografiebericht der Bundesregierung zu sprechen, in dem die Bevölkerungsvorausberechnungen der vergangenen Jahrzehnte radikal infrage gestellt werden, weil sich sowohl die Zuwanderung als auch die Geburtenrate nicht an die bisherigen Annahmen der Bevölkerungswissenschaftler gehalten hat.

Auch in der Welt war man aufgrund einer weniger weitreichenden Aktualisierung der Bevölkerungsvorausberechnung entsetzt, weil damit die neoliberale Argumentation zu kollabieren droht. Auch ASTHEIMER versucht nun die neoliberale Argumentation zu retten, indem er auf Unsicherheiten verweist. Dies hätte bislang auch schon gegolten, interessierte Neoliberale jedoch nie! Sie pochten lieber auf die Alternativlosigkeit ihrer Horrorszenarien. Wie fadenscheinig das ist, zeigt sich am Ende, wenn ASTHEIMER wieder die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung fordert und damit droht, dass sonst die Elite auswandert. Solche Drohungen kennen wir zuhauf von Konrad ADAM, ehemaliger FAZler, der nun bei der AfD seine Keule schwingt!

PLICKERT, Philip (2017): Bremst die Überalterung das Wirtschaftswachstum?
Ökonomen warnen vor Stagnation - doch eine neue Studie sieht einen Ausweg durch Automatisierung,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 18.04.

Philip PLICKERT verspricht Aufklärung über die Sicht der Ökonomen auf den demografischen Wandel, ein Thema, das die Welt bereits am Samstag einseitig in dramatisierender Absicht  präsentiert hat.

"Bundesbankpräsident Jens Waldmann hat vor einiger Zeit den Satz des Demographen Herwig Birg zitiert, die Gesellschaft gleiche immer mehr einem Ruderboot mit einer schrumpfenden Zahl an Ruderern und immer mehr Passagieren. Viele langfristige Prognosen gehen von künftig weniger Wachstum aus, weil die demographische Basis ungünstiger wird."

Schon die Ruderboot-Metapher ist mehr als albern. Seit wann sind das Passagierschiffe? Richtiger wäre es von einer Galeere zu sprechen, denn bei der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme geht es um Krieg und Ausbeutung.

"(Das) Schlagwort »säkulare Stagnation« (ist) schon fast 70 Jahre alt. Geprägt hat es der Keynesianer Alvin Hansen 1938 in seiner Rede als Präsident der American Economic Association (AEA)",

erklärt uns PLICKERT die Begriffsherkunft. Bekanntlich ist der Keynesianismus das Gegenteil vom Neoliberalismus, was nicht verhindern konnte, dass das Schlagwort die Seiten gewechselt hat.

"In den kommenden Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Das könnte die Wirtschaft ausbremsen, so die Pessimisten. Doch eine neue Studie des MIT-Ökonomen Daron Acemoglu und seines Kollegen Pascual Restrepo von der Boston University stellt diese These radikal in Zweifel. Die empirischen Daten aus einer großen Zahl von Ländern zeigten überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Alterung und Wirtschaftswachstum pro Kopf",

erklärt uns PLICKERT die optimistische Sicht auf den demografischen Wandel. Als Ursache wird die Kompensation des demografischen Wandels durch die Automatisierung genannt. Zum Schluss revidiert PLICKERT diese Sicht wieder durch eine andere Studie:

"Eine 2016 veröffentlichte Studie von Nicole Maestas (Harvard Medical School) sowie Kathleen Mullen und David Powell (beide Rand Corporation) kam zu einem anderen Ergebnis."

Im Gegensatz zur Welt kann sich hier der Leser ein eigenes Bild machen, denn was die Auswirkungen betrifft, wird der demografische Wandel gerne ideologisch vereinnahmt.

FICHTER, Alina (2017): Die Alten kommen.
Silicon Valley: Das Silicon Valley sortierte bislang ältere Mitarbeiter aus. Das könnte sich nun ändern. Denn Start-ups entdecken die Generation der Babyboomer als neue Kunden für technische Produkte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.04.

MÜLLENDER, Bernd (2017): Mitten unter uns.
Reportage: Die Stadt Aachen veranstaltet Trauerfeiern für vereinsamt Verstorbene: ohne Familie, ohne Angehörige, manche auch ohne Freunde - aber mit einem letzten Würdevollen Gedenken,
in:
TAZ v. 03.05.

Der Soziologe Janosch SCHOBIN hat sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der Armenbestattungen beschäftigt. Demnach existiert keine für Deutschland aussagekräftige Statistik über die Entwicklung solcher Bestattungen. Auch über die Gründe für die Zunahme kann bislang nur spekuliert werden, weil über die Verstorbenen kaum mehr als ihr Alter und Geschlecht bekannt ist.

"133 im Jahr klingt nicht viel für eine Viertelmillionenstadt wie Aachen, indes betrifft das schon jeden 18. aller pro Jahr Verstorbenen. In Köln ist es schon jeder 12, in Berlin jeder 9. Das sind in der Hauptstadt pro Tag fast 10 vereinsamt Verstorbene",

berichtet MÜLLENDER. Aber was sagt das aus? Arme sterben früher, d.h. wir haben es hier oftmals schon mit den Babyboomern zu tun - meist sind es zudem Männer. Inwiefern also Steigerungsraten von 50 Prozent einen realistischen Trend beschreiben, ist mehr als fraglich. Dazu müsste ein größerer Zeitraum beobachtet und repräsentative Stichproben erhoben werden. Nichts davon ist derzeit der Fall, sodass es sich hier lediglich um Spekulationen handelt. Reißerische Berichterstattung verstellt eher den Blick auf die Realität. 

MARTELL, Conrad Lluis (2017): Ein Job ist ein Job.
Spanien: Wer unter 35 Jahre alt ist, lebt häufig in prekären Verhältnissen und muss mit einem 800-Euro-Gehalt glücklich und zufrieden sein,
in:
Freitag v. 04.05.

Conrad Lluis MARTELL hält sich nicht lange mit den "wirklich Armen" in Spanien auf, sondern widmet sich den Klagen der jungen Erwachsenen in der Mittelschicht, deren Lebensstilvorstellungen mit jenen unserer Akademikerjugend in Deutschland identisch ist. Und wie in Deutschland wird ein Generationenkrieg inszeniert:

"Als die Blase platzte und die Krise einsetzte, waren die großen Leidtragenden nicht die Babyboomer (die heute 50- bis 70-Jährigen), die das überkommende Modell mitverantwortet und davon profitiert hatten, sondern ihre Söhne und Töchter."

SCHREIBER, Birgit (2017): Und was kommt nun?
PH-Serie Anders alt werden (3): Die starken Frauen der Babyboomer-Generation gehen in Rente. Sie haben die Frauenbewegung mitgetragen, neue Beziehungs- und Familienrollen gelebt, waren selbstverständlich berufstätig - werden sie auch das Alter revolutionieren?
in: Psychologie Heute, Juni

GREIVE, Martin & Peter THELEN (2017): Die Rente ist sicher - bis 2030.
Mit einem milliardenschweren Reformkonzept für die Rente will SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz seine Partei aus dem Umfragetief vor der Bundestagswahl führen,
in:
Handelsblatt v. 08.06.

Erstaunlich ist, dass uns nun verkündet wird, dass die Babyboomer erst ab 2028 in Rente gehen. Noch vor rund einem Jahrzehnt hieß es allenthalben, dass der Kollaps des Rentensystems bald bevorstehe, weil die Babyboomer spätestens 2020 in Rente gehen. Offenbar können sich die Babyboomer-Rentner in Luft auflösen.

"Ab 2010 gehen die Babyboomer in Rente, und spätestens 2020, wahrscheinlich aber schon früher, werden die Rentenbeiträge deutlich über 20 Prozent steigen. Da die Älteren nicht nur zahlreicher werden, sondern auch länger leben und im hohen Alter immer besser medizinisch versorgt werden, steigen die Beiträge für Krankenkassen und Pflegeversicherung. Die Beitragsquote wird 50 Prozent übersteigen - ein Wert, der jeden Arbeitsmarkt austrocknen lässt",

verkündete uns z.B. Michael FABRICIUS noch im Juli 2009 in der Welt am Sonntag.

KAUFMANN, Stephan (2017): Die Kinder der Krise.
Die Generation Y, auch Millennials genannt, leidet unter einem hohen Maß an wirtschaftlicher Unsicherheit. Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor Altersarmut sowie Krieg und Terror bestimmt ihre Gedankenwelt,
in:
Frankfurter Rundschau v. 01.07.

Stephan KAUFMANN (Artikel in der Berliner Zeitung hier) mixt die Situation in Frankreich, USA und Großbritannien zu einem globalen Generationen-Cocktail zusammen:

"Man nennt sie Generation Y oder Millennials - jene, die zwischen 1980 und der Jahrtausendwende geboren wurden. Ihr Arbeitsleben und ihre Finanzen unterscheiden sich deutlich von vorangegangenen Generationen. Ihnen hat der Internationale Währungsfonds (IWF) eine eigene Analyse gewidmet. »Millennials in den entwickelten Industriestaaten begannen ihr Berufsleben während des schlimmsten globalen Abschwungs seit der Großen Depression«, so der IWF. Und sie haben mit einer ganzen Reihe von Risiken zu kämpfen: unsichere Einkommen, unsichere Jobs, unsichere Altersvorsorge. Unsicheres Leben."

Tatsächlich handelt es sich bei der Analyse um den Artikel Playing Catch-up von Lisa DETTLING &  Joanne W. HSU in der Zeitschrift Finance & Development, Ausgabe Juni 2017, die vom IWF herausgegeben wird. Das Themenheft widmet sich den Millennials and the Future of Work. Darin befinden sich auch andere zitierte Autoren wie Nagwa RIAD und Arun SUNDARARAJAN  Die Untersuchung von DETTLING & HSU bezieht sich nicht auf die Generation Y in den Industriestaaten, sondern nur auf die USA. KAUFMANN jedoch suggeriert dagegen, dass die Situation hierzulande gleich sei:

"Im Durchschnitt hat die Generation Y in den entwickelten Ökonomien ein 40 Prozent geringeres Vermögen als die Baby Boomer oder die Generation X zu ihrer Zeit, errechnet der IWF. Ein Grund dafür sei, dass die jungen Menschen heute seltener Immobilien erwerben können als früher. Gleichzeitig kommen auf sie höhere Kosten für Bildung zu, insbesondere in Ländern wie den Vereinigten Staaten. Als Folge »starten Millennials ihr Berufsleben mit wesentlich höheren Schulden als junge Erwachsene früherer Generationen«, stellt der IWF fest. Das verschärft ein weiteres Problem der Jungen: die Sicherung des Alters. »Die Renten-Landschaft hat sich dramatisch geändert, seit die in den Sechzigern Geborenen ihr Berufsleben begannen«, so der Fonds. Die meisten Staaten hätten die Rentenleistungen gekürzt. Folge: drohende Altersarmut."

Dagegen heißt es bei DETTLING & HSU hinsichtlich der USA:

"Millennials, Gen Xers, and baby boomers all experienced the economic turmoil of the Great Recession. But because each cohort was at a different stage, the recession affected each differently. Compared with the two previous generations, millennials had fewer assets and thus lower exposure to financial losses during the crisis (...). And after the Great Recession, millennials and Gen Xers began accumulating wealth again, while baby boomer net worth has stalled. Although millennials have less wealth than their baby boomer parents at the same age, the median millennial’s net worth increased more than 40 percent between 2010 and 2013, and they still have much of their working lives ahead to recover further and continue to accumulate wealth. If millennials do eventually decide to buy homes or put away a nest egg for retirement, they may have the chance to begin when markets are on an upward trajectory, allowing them to reap the gains of future economic growth."

Während KAUFMANN Pessimismus hineinschreibt, sehen DETTLING & HSU dagegen die zukünftigen Chancen. Eine Einordnung von Stefan SELL findet sich hier.

ARAB, Adrian (2017): Rente? Echt jetzt?
Ich bin erst 20 und soll schon fürs Alter vorsorgen. Weil die Rente nicht mehr sicher ist. Wieso haben wir so etwas nicht in der Schule gelernt? In die Unterrichtspläne gehört mehr Wirtschaft,
in: Welt
v. 22.07.

Adrian ARAB hält Beamte für weltfremd. Da fragt man sich höchstens, warum er dann dem Beamten Bernd RAFFELHÜSCHEN nachplappert? Wer über das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenempfängern schreibt, sollte sich vorher über die Fakten informieren und nicht Vorurteile in die Welt setzen:

"die Babyboomer, haben weniger Kinder geboren, als seinerzeit ihre Eltern. Daher müssen schon heute immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren",

meint der 20-jährige Volontär. Das Verhältnis lag 2010 bei 1,81 und 2015 bei 1,92. In diesen Zahlen des Nachhaltigkeitsfaktors wird das Verhältnis exakter abgebildet als im Altenquotient, der für das Rentensystem - im Gegensatz zur Arbeitsmarktlage und der sozialpolitischen Gesetzgebung - eine geringere Bedeutung hat als ihm in den Medien gerne zugeschrieben wird.

Ausgewiesen wird dieses Verhältnis erst seit dem Jahr 2003. Würde man die Angabe dieses Faktors bis ins Jahr 1957 als Pflichtangabe einführen, dann wäre eine Beurteilung der Entwicklung des demografischen Faktors für die Rentenversicherung für alle ersichtlich. Da dies nicht geschieht, kann jeder Dahergelaufene Unsinn über die Bedeutung des Altenquotienten für die Rentenversicherung erzählen.

Fazit: Vor der Einführung eines Schulfachs Wirtschaft, das nur die Interessen des Finanzkapitalismus im Auge hat, wäre die politische Bildung mit einer Aufklärung über die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme und deren fatalen Folgen hinsichtlich der Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft notwendig!

ENZ, Werner (2017): Die AHV gerät bald in Schieflage.
Die Rentenreform 2020 verursacht mittelfristig hohe Zusatzkosten vor allem für die Jungen - ein Faktencheck,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 14.08.

"Bekanntlich lässt sich die Ausgabenseite ziemlich genau schätzen, weil die Anspruchsberechtigten in der Zahl und mit Jahrgang bekannt sind. Die Babyboomer werden in den späten zwanziger Jahren gehäuft in Rente gehen, was den Quotienten zwischen Aktiven und Rentenbezügern schnell verschlechtern wird",

erklärt uns Werner ENZ. In Deutschland sollen die Babyboomer dagegen schon Anfang der 20er Jahre das Rentensystem belasten, obwohl doch das Renteneintrittsalter in Deutschland höher liegt. Zudem ist auch in der Schweiz der Jahrgang 1964 mit 112.890 Geburten der geburtenstärkste Jahrgang.

Betrachtet man die Babyboomer als jene Jahrgänge mit mehr als 99.000 Geburten pro Jahr, dann wären dies die Geburtsjahrgänge 1961 - 1970. Im Jahr 1960 waren es 94.372 Lebendgeborene und 1971 nur noch 96.261. Daraus folgt, dass die Babyboomer bereits jetzt das Alterssicherungssystem der Schweiz belasten und nicht erst in 10 Jahren. 

Bekanntlich lassen jedoch Neoliberale auch jene Faktoren weg, die nichts mit der Demografie zu tun haben und die dennoch entscheidend die Entwicklung der Alterssicherung prägen, was in Deutschland besonders deutlich wird.

HOFFMANN, Catherine (2017): Merkels Nein.
Rente mit 70 - das ist im Wahlkampf kein Hit. Also ist Angela Merkel dagegen. Kommen wird sie aber, nur später,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.09.

Wann die Babyboomer in Rente gehen, das liegt im Belieben der Medien, die uns ständig neue Zahlen präsentieren. Für die einen gehen die Babyboomer schon heute in Rente, für die nächsten zwischen 2020 und 2030, für HOFFMANN gehen sie nun sogar zwischen 2030 und 2040 in Rente und das bei einem Babyboom, der in kaum einem Industriestaat mickriger ausgefallen ist als in Deutschland. Bereits diese Uneinigkeit zeigt, dass die Demografie als Ideologie dient, die je nach Belieben argumentativ eingesetzt werden kann. Es wundert deshalb kaum, dass die Glaubwürdigkeit der Mainstreammedien im freien Fall ist.

GAUTO, Anna/HEIDE, Dana/RICKENS, Christian/STRATMANN, Klaus (2017): Wünsch dir was!
Beim TV-Duell präsentierten sich Kanzlerin Merkel und Herausforderer Martin Schulz als Vertreter der Generation Stillstand. Höchste Zeit, dass die Jugend mit einer eigenen Reformagenda für eine andere Zukunft kämpft,
in:
Handelsblatt v. 08.09.

Welche Jugend kämpft da? Alte neoliberale Säcke! Christian RICKENS (Jahrgang 1971), Klaus STRATMANN (Jahrgang 1964), Anna GAUTO (Jahrgang 1980). Wen wundert es da, dass Alte Säcke vorwiegend Alte Säcke zitieren? Die Babyboomer besetzen inzwischen die Schaltstellen in Medien, Wissenschaft und Politik. Jugend, das war einmal die Postadoleszenz unter 25 Jahren. Die hatten aber noch nie viel zu melden im Medienmainstream.

"Es ist unmöglich, über die drohende Diktatur der Grauen in Deutschland zu sprechen, ohne sich an jener Generation abzuarbeiten, die zwischen 1945 und 1965 zur Welt gekommen ist, in den kinderreichen Jahren, bevor der Pillenknick die Geburtenrate einbrechen ließ. Die sogenannten Babyboomer sind viele",

erzählen uns die Alten Säcke. Schon die Definition der Babyboomer als 1945 - 1965 Geborene mutet sehr merkwürdig an: Im Jahr 1946 wurden in Deutschland nur 921.677 Kinder geboren. Im Jahr 1971 waren es dagegen 1.013.396 Lebendgeborene. Wenn man also die 1946 Geborenen zu den Babyboomern zählt, dann gehört dazu auch noch der Jahrgang RICKENS! Warum sprechen die Autoren also von den Babyboomern als ob sie nicht dazugehören würden? Es entbehrt nicht einer gewissen Schizophrenie wenn die Babyboomer angeklagt werden, aber die eigene Rolle dabei ausgeblendet wird. Hinzu kommt, dass Geburtenboom und Geburtenrate zwei Phänomene sind, die nur bedingt etwas miteinander zu tun haben, denn der Babyboom war zu einem großen Teil dem Nachholen von Kindern durch die Kriegsgeneration geschuldet. Und noch etwas: In keinem anderen Industrieland war der Geburtenboom mickriger als in Deutschland, was im Umkehrschluss bedeutet, dass auch die Probleme hierzulande geringer sind als anderswo, z.B. Japan mit seinem gewaltigen Geburtencrash. Aus diesem Grund altert Deutschland wesentlich langsamer als Japan. Im Jahr 2050 fällt Deutschland vom heutigen Rang 2 auf 19 zurück, während Japan dann immer noch Platz 1 einnimmt. 18 Länder altern dann schneller als Deutschland. Wieso ist dies kein Thema? Ganz einfach: gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten für Neoliberale!  

Der Babyboomer Clemens FUEST (Jahrgang 1968) fordert eine Agenda 2025. Eine Studie hat gerade ergeben, dass Clemens FUEST eine miserable Reputation als Forscher besitzt (11 Punkte von 500 möglichen!), währenddessen er von deutschen Medien und Politik maximal möglichst hofiert wird. Der Soziologe Oliver NACHTWEY ("Die Abstiegsgesellschaft") sieht die Jugend sich in Richtung Sozialismus bewegen. Der "Jung"unternehmerlobbyist Hubertus PORSCHEN polemisiert gegen die Rentnerrepublik und Wolfgang GRÜNDINGER ("Alte-Säcke-Politik") fordert Kinder an die Urnen! Innovativ ist nichts davon.

SCHWEIZER MONAT-Sonderdruck: Bye- bye, Babyboomers.
Der abstrakte demographische Wandel und seine ganz konkreten Auswirkungen

GRÜNENFELDER, Peter & Daniel MÜLLER-JENTSCH (2017): Es wird ernst mit dem demographischen Wandel!
Die grosse Pensionierungswelle der geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge zwischen 1945 und 1964 hat begonnen. Mit der Verabschiedung der Babyboomer aus dem aktiven Arbeitsleben tritt der gesellschaftliche Alterungsprozess in seine entscheidende Phase,
in: Schweizer Monat, Sonderdruck Juni

"Bevor die sich daraus ergebenden Folgen und Probleme beschrieben werden, sollte zwischen zwei verschiedenen Abgrenzungen der Babyboomerjahrgänge unterschieden werden. Gemäss gängiger Definitionen zählen zu den Babyboomern die Geburtsjahrgänge 1945 (Ende des Zweiten Weltkriegs) bis 1964 (als der Höchststand der Geburten erreicht wurde und der Pillenknick einsetzte).
Eine sinnvollere (wenn auch unübliche) Abgrenzung der Babyboomergeneration wären die zehn geburtenstarken Jahrgänge vor und nach dem Pillenknick (1961–1971). (...). Besonders heikel wird es aus gesellschaftlicher Sicht, wenn diese Jahrgänge das Rentenalter erreichen bzw. ein Alter, in dem viele pflegebedürftig werden (ca. 80 Jahre)" (2017, S.4),

begründen Peter GRÜNFELDER & Daniel MÜLLER-JENTSCH ihre abweichende Definition der Babyboomer-Generation in der Schweiz mit dem Abgrenzungskriterium Kohortenstärke. Im Beitrag wird jedoch in erster Linie trotzdem die gängige Babyboomer-Definition benutzt, die von der Kriegsgeneration (1925 - 1945) und den Nachfolgern der Generation X (1965 - 1980), Generation Y (1981 - 1999) und Millianials (ab 2000) abgegrenzt wird.

Das Bundesamt für Statistik (BfS) hat für die Jahre 1940 bis 1975 folgende Zahlen zu Lebendgeborenen und Geburtenrate ermittelt:

Tabelle: Anzahl der Lebendgeborenen und Geburtenrate in der Schweiz
1940 - 1975
Jahr

Anzahl Lebendgeborene

Geburtenrate (TFR) Notwendige
Geburtenrate
zum Elternersatz
1940 64.115 1,82 2,26
1941 71.926 2,05 2,24
1942 78.875 2,27 2,23
1943 83.049 2,40 2,23
1944 85.627 2,50 2,24
1945 88.522 2,60 2,23
1946 89.126 2,62 2,23
1947 87.724 2,56 2,21
1948 87.763 2,54 2,19
1949 85.308 2,44 2,18
1950 84.776 2,40 2,16
1951 81.903 2,30 2,16
1952 83.549 2,32 2,15
1953 83.029 2,29 2,15
1954 83.741 2,28 2,14
1955 85.331 2,30 2,14
1956 87.912 2,35 2,13
1957 90.823 2,41 2,13
1958 91.421 2,40 2,12
1959 92.973 2,42 2,12
1960 94.372 2,44 2,12
1961 99.238 2,53 2,12
1962 104.322 2,60 2,12
1963 109.993 2,67 2,12
1964 112.890 2,68 2,11
1965 111.835 2,61 2,11
1966 109.738 2,52 2,11
1967 107.417 2,41 2,11
1968 105.130 2,30 2,11
1969 102.520 2,19 2,11
1970 99.216 2,10 2,10
1971 96.261 2,04 2,10
1972 91.342 1,91 2,10
1973 87.518 1,81 2,10
1974 84.507 1,73 2,09
1975 78.464 1,61 2,09
Quelle: Bundesamt für Statistik (BfS), Tabellen zur Fruchtbarkeit:
Zusammengefasste Geburtenziffern (Stand 28.09.2017), Lebendgeborene aus
Natürliche Bevölkerungsbewegung 1871-2015

Das Bundesamt für Statistik der Schweiz gibt statt der Nettoreproduktionsrate jene Geburtenrate an, die für den Generationenerhalt notwendig ist. Dies wird auch als Bestandserhaltungszahl bezeichnet. Von 1942 bis 1970 waren die zusammengefassten Geburtenziffern in der Schweiz bestandserhaltend.

Definiert man die Jahrgänge 1945 bis 1964 als Babyboomer, dann ist ein Geburtenanstieg keine notwendige Bedingung für die Zugehörigkeit. Auch eine bestimmte Kohortenstärke ist keine notwendige Bedingung, denn sonst müssten zumindest die Jahrgänge 1965 bis 1969 dazu gehören. Auch das Bestandserhaltungskriterium ist nicht entscheidend.

Der Vorschlag von GRÜNFELDER & MÜLLER-JENTSCH zielt dagegen auf die Kohortenstärke ab. Die Jahrgänge 1961 bis 1971umfassen jeweils mehr als 95.000 Geburten. Man könnte die Grenze auch bei 90.000 Lebendgeburten ziehen, dann wären die Babyboomer die Jahrgänge 1957 - 1972. In gewisser Weise sind diese Abgrenzungen willkürlich und werden auch nicht wissenschaftlich begründet.

Die Allianz-Studie aus dem Jahr 2014 zählt die Jahrgänge 1946 bis 1968 zu den Babyboomern. Auch diese Abgrenzung lässt nicht wirklich eine nachvollziehbare Systematik erkennen. Weder die Kohortenstärken noch die Entwicklung der Geburtenraten rechtfertigen die Abgrenzung.

Im Vereinigten Königreich wird von zwei Babyboom-Generationen gesprochen, weil der Babyboom zwei Gipfel aufweist. Auch in der Schweiz wäre diese Sichtweise möglich, denn 1946 gab es einen ersten Höchstwert, der nur knapp unter demjenigen von 1964 liegt.    

SCHMERGAL, Cornelia u.a. (2017): Sicherheit und Wut.
Die nächste Regierung steht vor großen Herausforderungen: für bessere Schulden und Universitäten, bei dem digitalen Umbau der Wirtschaft und der Reform Europas,
in:
Spiegel Nr.38 v. 16.09.

Der Spiegel verkündet uns das übliche neoliberale Programm. Zum demografischen Wandel fallen ihnen deshalb die immer gleichen dummen Klischees ein:

"Alternde Gesellschaften gelten als weniger innovativ und risikofreudig. Ihre Sozialsysteme ächzen, weil die jungen Beitrags. In Deutschland wird es ab 2025 ernst, wenn die Babyboomer in den Ruhestand gehen und die Pillenknick-Generationen für deren Rente aufkommen müssen",

behaupten die Spiegel-Autoren. Die Babyboomer werden hier nicht wie üblich als "geburtenstarke Jahrgänge" definiert, sondern im Zusammenhang mit der "Pillenknick-Generation". Die Grafik zur Altersverteilung im Jahr 2030 aber zeigt etwas ganz anderes: Die Pillenknick-Generation der 50- bis 60-Jährigen wird gefolgt von einem Erwerbstätigenberg der 40- bis 50-Jährigen. Zudem verschweigt der Spiegel, welcher Variante der Bevölkerungsvorausberechnung die Grafik entspricht. Seriös ist eine solche Berichterstattung nicht, sondern demagogisch. Schließlich vernachlässigen alle bislang veröffentlichten Bevölkerungsvorausberechnungen den Geburtenanstieg der letzten Jahre.

Fazit: Die "Babyboomer-Generation" ist eine neoliberale Fiktion, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte ständig gewandelt hat - immer angepasst an die aktuellen Bevölkerungsvorausberechnungen:

"Die vielen Zuwanderer, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland drängten, haben zwar das große Schrumpfen gemildert. Doch die Bevölkerung altert weiter",

heißt die aktuelle Devise. Wir warten also besser auf die nächste und übernächste Devise, denn die Bevölkerungsvorausberechnungen altern noch schneller als die deutsche Bevölkerung. Im internationalen Vergleich altert Deutschland weniger stark als andere Länder. Was heute noch als das "junge Europa" gilt, wird 2050 das wahrhaft "alte Europa" sein!

ARNETT, George & Dorothea SIEMS (2017): Zeit läuft für die Senioren.
Wählerschaft altert rasant - und die Parteien reagieren. In ihren Programmen bedienen sie vor allem die Generation 50 plus. Allerdings tragen die jungen Wähler eine Mitschuld an ihrer politischen Vernachlässigung,
in:
Welt v. 16.09.

Am Anfang steht der vom Beamten Roman HERZOG geprägte Begriff "Rentnerdemokratie", den Neoliberale gerne aufgreifen, obwohl sie ansonsten mit Beamten nichts zu tun haben wollen. Es herrscht also geradezu eine neoliberale Doppelmoral, wenn einerseits Beamte verteufelt werden, nur um andererseits auf deren Expertise umso williger zurückzugreifen!

Diesmal werden "Demografieexperten" statt "Rentenexperten" zitiert. Wer aber keine Namen nennen kann, der sollte schweigen. Alles andere ist unseriös!

Dreist ist es zudem wie im Laufe des Artikels die gegenübergestellten Bevölkerungsgruppen wechseln, um das Ausmaß der angeblichen Verzerrung des Wählerwillens dramatisieren zu können.

Die Babyboomer-Generation wird als Kohorte der 1955 bis 1969 Geborenen definiert. 1955 wurden 1.113.408 Kinder geboren, 1969 waren es 1.142.366. Diese Abgrenzung hat etwas Willkürliches. Sie könnte genauso gut bei 1947 (1.028.656) bis 1971 (1.013.396) liegen, und damit alle Jahrgänge umfassen, in denen mehr als 1 Million Kinder geboren wurden. Dann aber könnte man nicht mehr davon sprechen, dass die Babyboomer erst noch in Rente gehen, sondern dann wären wir bereits mitten im "Rentnerberg" angekommen. Das aber würde dann die Frage aufwerfen, warum unser Alterssicherungssystem nicht längst kollabiert ist.

Werden uns von ARNETT & SIEMS erst die unter-30-Jährigen als bedrohtes Wählerpotenzial präsentiert, so sind es auf einmal die 18- bis 34-Jährigen und zuletzt geht es dann nur noch um die "Milliennials", die "um die Jahrtausendwende herum aufwuchsen". Die Altersgrenzen der "Rentnerdemokratie" werden im Gegenzug immer weiter herabgesetzt: Erst sind die über-60-Jährigen die Übeltäter, dann bereits die über-50-Jährigen. Bald werden bei der Welt schon die über-40-Jährigen zu den Greisen gezählt werden! Das steht im krassen Gegensatz dazu, dass die Rentner in immer höheren Lebensaltern als erwerbsarbeitsfähig erklärt werden.

"Gekippt ist die Alterspyramide (...) in etlichen Regionen Ostdeutschlands. Besonders ausgeprägt ist die Dominanz der Rentner im Wahlkreis Chemnitzer Umland - Erzgebirgskreis II. (...).
Auch in Görlitz und im Vogtlandkreis ist die Alterung weit fortgeschritten. Und für etliche Wahlkreise in Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt gilt das Gleiche",

erklären uns ARNETT & SIEMS. Ein Argument gegen Schwarz-Gelb präsentieren uns die neoliberalen Autoren wohl eher unabsichtig:

"Die FDP, die 2013 knapp an der Fünf Prozent-Hürde gescheitert war, hat von allen Parteien die ältesten Anhänger. Sie sind durchschnittlich 54,3 Jahre alt."

Viele Ältere dürften nicht traurig sein, wenn die Klientelpartei FDP nicht wieder in den Bundestag käme, denn im Gegensatz zu diesem altersrassistischen Artikel sind die älteren Menschen keine homogene Gruppe mit identischen Interessen, sondern keine Altersgruppe ist heterogener. Und Diversität ist bekanntlich das genaue Gegenteil von dem was die Autoren den älteren Menschen unterstellen!

SCHLOEMAN Johan (2017): Kümmern ist Liebe, Geld ist die Norm.
Ein neues Debattenbuch beschreibt den wachsenden "tiefen Riss" zwischen Eltern und Kinderlosen in Deutschland,
in: Süddeutsch
e Zeitung v. 18.09.

Johan SCHLOEMAN spielt Kinderlose und Eltern gegeneinander aus. Dazu rezensiert er das Buch Der tiefe Riss der Journalistinnen Susanne GARSOFFSKY & Britta SEMBACH:

"Garsoffky und Sembach beobachten, dass jener »tiefe Riss« mit der zunehmenden Vergreisung der deutschen Gesellschaft größer wird",

erklärt uns SCHLOEMAN. Schon der Begriff Vergreisung ist diffamierend und es ist nicht klar, ob der Begriff den Autorinnen nur zugeschrieben wird oder von diesen verwendet wird. Die "Vergreisung" ist eine spezielle Sicht auf den demografischen Wandel - und zwar eine negative. Nicht jeder wird dem zustimmen. Auf dieser Website wird der Begriff Gesellschaft der Langlebigen verwendet, der das Phänomen korrekter bezeichnet. Ein Kapitel des Buchs heißt Niedrige Geburtenraten akzeptieren. Daraus strickt SCHLOEMAN ein Szenario "böser Verteilungskonflikte":

"Denn es gibt ja ein strukturelles Problem, das kann man nicht wegreden, wenn man die zweitälteste Bevölkerung der Welt hat. Wir sind im Durchschnitt schon 44,1 Jahre alt. Älter sind die Menschen nur noch in Japan".

Bereits diese Aussagen sind ein Symptom der Debatte, denn die Bevölkerungsalterung schreitet - im Gegensatz zu Japan - nicht voran, sondern die Bevölkerung in Deutschland wird in Zukunft weniger stark altern als viele andere Staaten. Während nämlich Japan bis 2050 weiterhin Platz 1 innehat, wird Deutschland von 18 Ländern überholt werden. Der demografische Wandel wird also enorm dramatisiert! Aber in der Greisenzeitung liest man darüber nichts!

Die Leseprobe zum Buch verheißt nichts Gutes, denn es wird nicht etwa versucht zwischen den Interessensparteien zu vermitteln, sondern stattdessen werden jene Horrorszenarien skizziert, die geradezu den Verteilungskampf zwischen Eltern und Kinderlosen beschwören. Statt abzurüsten, wird aufgerüstet. So heißt es z.B.:

"Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) sind 20 Prozent der zwischen 1963 und 1967 geborenen Frauen kinderlos, bei den Jahrgängen 1968 bis 1972 lag der Wert im Jahr 2012, als diese Frauen 40 bis 44 Jahre alt waren, bereits bei 22 Prozent. Betrachtet man nur den Jahrgang von 1972 blieb hier sogar jede vierte Frau (24,7 Prozent) kinderlos."

Es wird also suggeriert, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland weiter zunimmt. Ein Vergleich der Mikrozensen 2008, 2012 und 2016 (Kinderlosigkeit, Geburten und Familien 2017, Tabelle 1.4, S.38) zeigt für die 40- bis 44-Jährigen, dass der Anteil 2008 bei 20 Prozent lag, 2012 bei 22 Prozent und 2016 bei 21 Prozent.

"In zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die »Babyboomer« in Rente gehen, werden immer mehr Menschen die selber keine Kinder haben, eine von der dann erwerbstätigen Generation zu bezahlende gesetzliche Altersrente beziehen",

heißt es an anderer Stelle. Die ersten Babyboomer sind bereits jetzt in Rente gegangen. Und warum ziehen die Autorinnen die Front zwischen Kinderlosen und Eltern und nicht z.B. zwischen Eltern mit nur einem Kind und jenen mit zwei und mehr Kindern? Diese Frontstellung wäre - der polarisierenden Argumentation folgend - plausibler, weil nach der kruden Generationenvertragsthese - ja auch die Eltern mit nur einem Kind den angeblichen Generationenvertrag (in Wahrheit ist es ein Gesellschaftsvertrag) nicht erfüllen.

Fazit: Mit ihrem polarisierenden Pamphlet werden die Autorinnen ihr angebliches Ziel verfehlen und die Debatte lediglich noch stärker anheizen!

ÖCHSNER, Thomas (2017): Raus aus der Altersarmut.
Rente: Die Solidarrente wird gerade denjenigen, die am meisten gefährdet sind, kaum helfen,
in: Süddeutsch
e Zeitung v. 22.09.

"Die Generation der Babyboomer geht bald in Rente, aber ein neuer Babyboom wird in Deutschland ausbleiben",

meint ÖCHSNER. Man wird sehen, ob das stimmt. Die Statistiker haben jedenfalls erfolgreich alle Zahlen zur Geburtenentwicklung 2016 aus dem Wahlkampf herausgehalten. Davon abgesehen werden die Amtsstatistiker erst dann von einem Babyboom sprechen, wenn es schon alle Spatzen von den Dächern pfeifen. Die Amtsstatistiker waren bekanntlich nicht einmal Anfang der 1960er Jahre in der Lage zu erkennen, dass sie sich mitten im Babyboom befanden. Erst als er bereits zu Ende war wurde er damals bei Bevölkerungsvorausberechnungen in Rechnung gestellt, mit der Folge, dass diese voll daneben lagen. Auch jetzt droht uns das gleiche Schicksal! 

AMANN, Susanne & Alexander JUNG (2017): Abschied vom "Immer mehr".
Demografie: Was tun, wenn das Wachstum schwindet? Der Forscher Reiner Klingholz warnt davor, dass eine stagnierende Wirtschaft das Sozialsystem sprengen wird,
in:
Spiegel Nr.44 v. 28.10.

Reiner KLINGHOLZ hat keine Fakten für seine Glaubenslehre zu bieten und die Interviewer verstehen sich lediglich als brave Stichwortgeber, statt das Mantra des Immer Weniger zu hinterfragen. Die Babyboomer werden wieder einmal zum Problemfall stilisiert, obwohl bislang sich keine einzige Prognose als richtig erwiesen hat, sondern das Problem ständig weiter in die Zukunft verschoben wird:

"Aber jetzt endet die Phase, in der wir eine demografische Dividende einfahren konnten, die geburtenstarken Jahrgänge verabschieden sich in den Ruhestand. Um das Jahr 2030 sind die Jahrgänge, die in Rente gehen, doppelt so stark wie die Jahrgänge, die ihr Erwerbsleben beginnen werden. Das bedeutet eine Zeitenwende",

schwadroniert KLINGHOLZ. Fakt ist dagegen, dass der Jahrgang 1964 noch um die Jahrtausendwende 2 Jahre früher in Rente hätte gehen können. Außerdem sind bereits viele Babyboomer in Frührente gegangen. Aber das ganze Geplänkel hat ja nur einen einzigen Grund: KLINGHOLZ plädiert für eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die durchschnittliche Lebenserwartung, was nichts anderes als eine Umverteilung von unten nach oben ist, denn Geringverdiener sterben bekanntlich weit früher als die gut betuchte Klientel, die KLINGHOLZ und der Spiegel vertritt.

Fazit: Die Thesen sind seit Jahrzehnten dieselben, aber die Argumente sind austauschbar, weil sie den herrschenden Interessen dienen und sich deshalb kein ernsthafter Widerspruch erhebt.

MENKENS, Sabine (2017): Babyboom in Deutschland.
Zum fünften Mal in Folge sind die Geburtenzahlen hierzulande gestiegen. Verantwortlich ist nicht nur die Zuwanderung - sondern auch die Familienpolitik,
in:
Welt v. 16.11.

Online hieß die Schlagzeile Deutschland erlebt Babyboom – doch das reicht nicht, damit auch der Dümmste mitbekommt, dass gute Nachrichten immer schlechte Nachrichten sind.

Sabine MENKENS verbreitet die nationalkonservative Doktrin, die sich in der Bestandserhaltungszahl von 2,1 Geburten pro Frau ausdrückt. Der Soziologe Karl-Otto HONDRICH hat sich bereits vor 10 Jahren gegen eine solche Sicht gewandt und stattdessen das evolutionäre Kriterium der Problemlösefähigkeit in den Mittelpunkt gerückt. Im heutigen Welt-Interview von Matthias KAMANN mit der nationalliberalen AfD-Spitzenpolitikerin Alice WEIDEL heißt es:

"Nötig ist vor allem, die demografische Entwicklung so zu beeinflußen, dass es  (...) endlich wieder eine Nettoreproduktionsrate von mehr als zwei Kindern pro Frau gäbe."

Die Rentenpolitik ist eines der Felder, die angeblich davon abhängig sei. Tatsächlich reicht zur Stabilisierung der Bevölkerungszahl eine Geburtenrate von 1,6 bis 1,7. Dies gilt umso mehr bei Bevölkerungen mit steigender Lebenserwartung. Die Glorifizierung der Bevölkerungspyramide gehört zu den Fundamenten einer solchen Sichtweise, obwohl diese Form die Folge hoher Kindersterblichkeit ist. Das linksliberale Bürgertum hat sich vor 15 Jahren der Bebilderung des demografischen Niedergangs verschrieben und hat damit den Erfolg der AfD mitzuverantworten.

Im Artikel werden Felix zur NIEDER vom Statistischen Bundesamt und Martin BUJARD vom Institut für Bevölkerungsforschung mit ihrer Sicht zitiert.

Der Begriff "Babyboom" - wie er von MENKENS verwendet wird - ist nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch, denn er wird allein auf die absoluten Geburtenzahlen bezogen, statt wie es richtig wäre, auf die Entwicklung der Fruchtbarkeit in Deutschland. Darüber gibt letztendlich nur die endgültige Kinderzahl der Frauenjahrgänge Auskunft. Die absolute Zahl der Geburten kann neben der Geburtenrate auch durch Veränderungen beim Timing der Geburten steigen, was in dem Artikel unerwähnt bleibt. Sollte bei den jüngeren Frauenjahrgängen das Erstgebäralter gegen den Trend sinken statt weiter zu steigen, dann könnte dies zum Anstieg der Geburtenzahlen trotz gleich bleibender Geburtenrate führen.

Könnten die Babyboomer - und nicht nur die Kinder der Babyboomer - einen Anteil am jetzigen Geburtengeschehen haben. Diese Erklärung erscheint entweder fragwürdig oder wäre eine echte Sensation. Im Jahr 1975 gab es 782.310 Geburten in Deutschland, d.h. weniger als in diesem Jahr geboren wurden. Die 1975 geborenen Frauen können also kaum zu den geburtenstarken Jahrgängen gezählt werden. Diese waren 2016 bereits 42 Jahre alt. Wenn man die Babyboomer als jene Geburtsjahrgänge definiert, die mehr als 1 Million Geburten umfassten, dann war der Frauenjahrgang 1971 der letzte Babyboomer-Jahrgang. Dieser war 2016 bereits 45 Jahre alt, d.h. die 45-Jährigen und Älteren hätten vermehrt Kinder bekommen müssen, wenn dieser Faktor einen entscheidenden Einfluss auf die Geburtenentwicklung 2016 gehabt hätte. Noch Mitte des letzten Jahrzehnts galten 40-jährige Frauen als endgültig Kinderlose, deren Beitrag am Geburtengeschehen als vernachlässigbar angesehen wurde. Das wurde selbst noch vor kurzem vertreten, wenngleich dies eher der Datenlage geschuldet ist.

Die Kinder der Babyboomer wären jene, die von Frauen der Geburtsjahrgänge 1947 bis 1971 geboren wurden. Anhand einer DESTATIS-Tabelle lässt sich nachvollziehen, in welchen Jahren diese Kinder der Babyboomer hauptsächlich geboren wurden. Die Tabelle enthält bislang die altersspezifischen Geburtenziffern bis zum Jahr 2015.    

Fazit: Eine seriöse Einschätzung zu den Ursachen der jetzt veröffentlichten Geburtenzahlen ist erst möglich, wenn die (altersspezifische) Geburtenrate und das Erstgebäralter der am Geburtenaufkommen beteiligten Frauenjahrgänge vorliegt.

ÖCHSNER, Thomas (2017): Sieben gute und sieben schlechte Jahre.
Wie geht's der gesetzlichen Rente? Die Bundesregierung wagt in einem Bericht den Blick in die Zukunft. Danach wird das Altersgeld um durchschnittlich gut zwei Prozent steigen. Doch von 2024 an geht es mit den Beiträgen abrupt abwärts,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 22.11.

Thomas ÖCHSNER benutzt die Erfindung eines Zwischenhochs (der Zusatz "demografisch", der auch gerne benutzt wird, fehlt jedoch), um die weitere Entwicklung der Renten zu erklären:

"Dem Bericht zufolge gibt es von 2017 bis 2023 ein Zwischenhoch mit steigenden Renten, einem stabilen Beitragssatz und stabilem Rentenniveau. Der Rentenexperte Werner Siepe, der die Zahlen der Regierung analysiert hat, spricht von »sieben guten Rentenjahren«, weil der Job-Boom viel Geld in die Rentenkasse spült. 2024 folgt dann ein Übergangsjahr. Danach kommen eher sieben schlechte Rentenjahre. »Das liegt am Eintritt der Babyboomer mit den Geburtsjahrgängen 1959 bis 1968 in den Ruhestand. Die Rentenneuzugänge in diesen Jahren werden deutlich zunehmen, was zu einem starken Anstieg der Rentenausgaben führen wird«, schreibt Finanzmathematiker Siepe in seiner Analyse."

Im Rentenversicherungsberichten 2017 und 2016 heißt es zur Bevölkerungsentwicklung:

"Ausgangspunkt für die Fortschreibung der Rentenausgaben bildet die Bevölkerungsentwicklung, die der 2017 aktualisierten Version der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes entspricht. Die Wanderungsannahmen und die Geburtenrate sind somit an die tatsächliche Entwicklung am aktuellen Rand angepasst. Die mittlere fernere Lebenserwartung 65-Jähriger beträgt im Jahr 2030 bei Männern 19,1 Jahre und bei Frauen 22,5 Jahre. Die zusammengefasste Geburtenziffer wird langfristig bei 1,5 konstant gehalten. Bezüglich der Außenwanderung wird für die langfristige Vorausberechnung von einem positiven Wanderungssaldo in Höhe von 200.000 Personen jährlich ausgegangen." (2017, S.11)

"Ausgangspunkt für die Fortschreibung der Rentenausgaben bildet die Bevölkerungsentwicklung, die sich an der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes orientiert, wobei die aktuellen Bevölkerungsdaten zum 31.12.2015 sowie die tatsächlichen Wanderungssalden der letzten Jahre berücksichtigt wurden. Auch die Veränderung der Lebenserwartung wurde am aktuellen Rand angepasst. Im Vergleich zu heute wird die mittlere fernere Lebenserwartung von 65-jährigen Frauen bis zum Jahr 2030 um 1,4 Jahre auf 22,5 Jahre ansteigen. Bei Männern wird ein Anstieg von 1,3 Jahren auf dann 19,1 Jahre erwartet. Bezüglich der Fertilität wird von einer zusammengefassten Geburtenziffer in Höhe von rund 1,4 ausgegangen. Darüber hinaus wird langfristig von einer jährlichen Nettozuwanderung von 200 000 Personen jährlich ausgegangen." (2016, S.11)

Die Annahmen unterscheiden sich lediglich in einer veränderten Geburtenentwicklung (TFR 1,5 statt 1,4), welche keinerlei Auswirkungen auf die Rentenentwicklung der nächsten Jahre hat. Vergleicht man diese Annahmen mit dem Rentenversicherungsbericht 2010, dann ergeben sich erstaunliche Unterschiede bei der Lebenserwartung:

"Die Berechnungen zur Bevölkerungsentwicklung basieren auf der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Die mittlere fernere Lebenserwartung von 65-jährigen Frauen wird von heute bis zum Jahr 2030 um gut 2 Jahre auf 22,8 Jahre ansteigen. Bei Männern wird ebenfalls ein Anstieg von gut 2 Jahren auf dann 19,4 Jahre erwartet. Die zusammengefasste Geburtenziffer bleibt annahmegemäß langfristig auf dem gegenwärtigen Niveau von rund 1,4. Darüber hinaus wird eine jährliche Nettozuwanderung unterstellt, die bis zum Jahr 2020 auf 200 000 Personen jährlich aufwächst." (2010, S.12)

2010 wurde im Rentenversicherungsbericht im Gegensatz zu 2016 und 2017 von einer höheren Lebenserwartung ausgegangen. Nimmt man den öffentlichen Diskurs, dann müsste eigentlich von einer steigenden und nicht von einer sinkenden Lebenserwartung ausgegangen werden.

Tatsächlich wurde auch die Lebenserwartung bei Geburt zwischen der 12. und der 13. aktualisierten Bevölkerungsvorausberechnung von 85,0 (Männer) auf 84,7 Jahre und bei Frauen von 89,2 auf 88,6 Jahre reduziert. Oder anders formuliert: Es wird heute von einem geringeren Anstieg der Lebenserwartung ausgegangen als noch vor wenigen Jahren prognostiziert wurde. Dies lässt sich auch anhand einer Tabelle zur Entwicklung der ferneren Lebenserwartung von 65-Jährigen in Deutschland ablesen. Zwischen 2005 und 2010 betrug der Anstieg der Lebenserwartung noch 0,76 Jahre, während es zwischen 2010 und 2015 gerade noch 0,2 Jahre waren. Diese Fakten stehen im Gegensatz zu der Debatte um die Erhöhung des Renteneintrittsalters, die von den Neoliberalen - nicht nur in Deutschland - vorangetrieben wird.

Der Begriff "Babyboomer" findet sich nirgends im Rentenversicherungsbericht. Steigende Rentnerzahlen drücken sich jedoch im Äquivalenzrentner aus (Die Ermittlung der Anzahl der Äquivalenzrentner erfolgt durch Division des Gesamtrentenvolumens durch eine Regelaltersrente mit 45 Entgeltpunkten). Die nachfolgende Tabelle vergleicht dessen Entwicklung anhand der Rentenversicherungsberichte (Abkürzung: RV) 2010 bis 2017 für die Jahre 2015 - 2030:

 
Jahr Entwicklung des Äquivalenzrentners 2015 - 2030
(in Tausend; gemäß Übersicht B 18 der Rentenver-
sicherungsberichte)
RV 2010 RV 2014 RV 2016 RV 2017 tatsächliche
Entwicklung
2015 15.097 15.420     15.389
2016 15.183 15.494 15.481    
2017 15.284 15.592 15.572 15.532  
2018 15.409 15.721 15.699 15.615  
2019 15.541 15.851 15.834 15.731  
2020 15.674 15.979 15.984 15.869  
2021 15.816 16.130 16.151 16.030  
2022 15.971 16.302 16.391 16.266  
2023 16.134 16.483 16.642 16.520  
2024 16.308 16.680 16.845 16.738  
2025   16.885 17.049 16.968  
2026   17.093 17.295 17.211  
2027   17.309 17.565 17.463  
2028   17.528 17.812 17.714  
2029     18.076 17.980  
2030     18.347 18.253  
 

Der Vergleich zeigt, dass die Entwicklung der Rentnerzahlen wenig aussagekräftig sind, wenn es um die Rentenentwicklung geht, sondern auch die Entwicklung der Rentenhöhe eine wichtige Rolle spielt. Bereits geringe Änderungen bei den Annahmen zur zukünftigen Entwicklung können zu gravierenden Änderungen bei der Rentenentwicklung führen - jenseits des demografischen Wandels.

2018

KITTLAUS, Bernd (2018): Das Märchen über die Kinder der Babyboomer ("Echoeffekt") als Ursache der steigenden Geburtenzahlen im Jahr 2015,
in: single-generation.de v. 07.01.

SCHWENN, Kerstin (2018): Übermütige Rentenversprechen.
Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird sich die Garantie nicht halten lassen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.02.

RÖSER, Sarna (2018): Die große Koalition saugt die Jungen aus.
Gastbeitrag: Deutschland muss die Rentenpolitik ändern. Nur politischer Druck wird CDU und CSU sowie die SPD dazu bringen, neue Wege zu beschreiten,
in:
Frankfurter Rundschau v. 27.03.

Sarna RÖSER, Lobbyistin der Jungen Unternehmer, möchte keine neuen Wege gehen, sondern setzt auf die Privatisierung der Rente und die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Das wird unter die Leerformel "Generationengerechtigkeit" subsumiert. Notwendig soll das angeblich durch die demografische Entwicklung werden.

"Im Jahr 2035 - das ist nur eine halbe Generation entfernt - wird ein Viertel der deutschen Bevölkerung älter als 67 Jahre sein. Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer wird dann mehr als zwanzig Jahre betragen. Die staatlichen Kosten für die Altersabsicherung werden sich von derzeit knapp 300 auf 600 Milliarden Euro im Jahr 2035",

erzählt uns RÖSER im Brustton der Überzeugung, als ob das bereits jetzt sicher feststehe.  Bis 2035 sind es 17 Jahre. Man muss nur 17 Jahre zurück gehen, also ins Jahr 2001, um festzustellen, dass wenig von dem eingetroffen ist, was damals zur demografischen Entwicklung und zur Rentenentwicklung fabuliert wurde. Die versprochen Renditen der privaten Altersvorsorge haben sich in Wohlgefallen aufgelöst und die Anbieter der Altersvorsorge jammern uns stattdessen die Ohren voll, weil sie ihre Versprechungen am liebsten nicht gemacht hätten. Weil sich die demografische Entwicklung partout nicht an die Prognosen gehalten hat, wurde inzwischen ein "demografisches Zwischenhoch" erfunden, um die Blamage der Fehlprognose zu verschleiern. Das Zwischenhoch soll angeblich bis maximal 2025 halten. Sollte das nicht der Fall sein, wird man wohl ein neues demografisches Zwischenhoch dafür verantwortlich machen, das sich aus dem Nichts ergeben hat.

Weil ein solcher Rückblick die Argumentation zum Zusammenbruch bringen würde, stilisiert RÖSER die Babyboomer lieber zu den Gewinnern der Rentenpolitik:

"Von der Rentenpolitik (...) profitieren (...) die Jahrgänge 1955 bis 1965, die sogenannten Babyboomer. Es handelt sich dabei um Jahrgänge, die mehrheitlich geschlossene Erwerbsbiografien vorweisen können und noch ganz andere Möglichkeiten hatten, für das Alter anzusparen."

Warum gerade die Jahrgänge 1955 (1,1 Millionen) bis 1965 (1,32 Millionen) von RÖSNER den Babyboomern zugerechnet werden, hat nichts mit Fakten zu tun, sondern ergibt sich aus der  der Argumentationslogik. In den Jahren 1966 bis 1968 wurden jeweils mehr Kinder geboren als im Jahr 1955.

Die Generation Golf (Jahrgang 1965 - 1975) stilisierte sich Anfang des Jahrtausends bekanntlich zur Verlorenen Generation und wurde dabei von den Mainstreammedien kräftig unterstützt. Als Gewinner der Bildungsexpansion und des Ausbaus des Wohlfahrtsstaats gelten dem Soziologen Berthold VOGEL die Jahrgänge bis Mitte der 1950er Jahre.

Möglichkeiten für das Alter anzusparen, gibt es erst seit 2001. Die damaligen hohen Renditen, die RÖSNER fabuliert, fielen der Inflation und dem Kaufkraftverlust zum Opfer. Ob die Generationen, die nach 1970 geboren wurden, zu den Verlierern zählen werden, das ist keineswegs ausgemacht.

Fazit: Die Demografie ist nicht unser Schicksal und die Entwicklung der Renten hängt keineswegs allein vom demografischen Wandel ab. Entscheidungen sollten getroffen werden, wenn sie erforderlich sind und nicht etwa als Vorgriff auf eine angeblich vorherbestimmte Zukunft. Der Versuch den Renteneintritt an die Lebenserwartung zu koppeln ist der Versuch durch postdemokratische Elemente die demokratische Willensbildung auszuhebeln.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. April 2018
Update: 12. April 2018