[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen ] [ News ]  [ Homepage ]

 
       
   

Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 11)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 11: 2014)

2014

DESTATIS (2014): Erneuter Anstieg der Bevölkerung für 2013 erwartet,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 08.01.

"Nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) ist die Einwohnerzahl Deutschlands im Jahr 2013 erneut angestiegen. Lebten am Jahresanfang noch gut 80,5 Millionen Personen in Deutschland, waren es am Jahresende voraussichtlich knapp 80,8 Millionen Personen. Damit wird es das dritte Jahr in Folge eine Zunahme der Bevölkerung gegenüber dem Vorjahr geben. Ursache hierfür sind die erneut hohen Wanderungsgewinne gegenüber dem Ausland, die das Geburtendefizit – die Differenz aus Geburten und Sterbefällen – mehr als nur ausgleichen konnten. Für das Jahr 2013 wird mit 675 000 bis 695 000 lebend geborenen Kindern und 885 000 bis 905 000 Sterbefällen gerechnet. Da die erwartete Zunahme der Geburten etwas geringer ausfällt als die der Sterbefälle, wächst das Geburtendefizit voraussichtlich auf etwa 200 000 bis 220 000 an. Im Jahr 2012 betrug es 196 000; den 870 000 Sterbefällen standen 674 000 Geburten gegenüber. Die ohnehin schon hohen Wanderungsgewinne in den beiden Vorjahren (2011: + 279 000, 2012: + 369 000) werden der Schätzung zufolge 2013 nochmals übertroffen: Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass sogar erstmals seit 1993 etwas mehr als 400 000 Personen mehr aus dem Ausland zugezogen als ins Ausland fortgezogen sind. Damals hatte der Wanderungssaldo bei 462 000 gelegen", heißt es in der Pressemitteilung.

Bereits im November hatte das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Zuwanderung im 1. Halbjahr 2013 gemeldet.

Ganz nebenbei wird gemeldet, dass mit 675.000 - 695.000 Geburten gerechnet wird. Im Jahr 2012 wurden dagegen nur 673.544 Kinder geboren.

HUMMEL, Katrin (2014): Das ist nicht mein Opa, das ist mein Papa.
Nicht nur Promis wie Ulrich Wickert tun es: Immer mehr Männer über 50 werden Vater, zum wiederholten oder auch zum ersten Mal. Ist das schlimm? Drei Kinder und zwei alte Väter erzählen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 09.03.

"Die Zahl der alten Väter steigt hierzulande rasant. Im Jahr 2000 hatte jedes 120. Neugeborene einen Vater, der fünfzig oder älter war. Im Jahr 2012 war es schon jedes 69. Kind. Der demographische Wandel und hohe Trennungsraten sind die Ursache dafür, dass sich immer mehr jüngere Frauen mit älteren Männern zusammentun. Viele alte Papas zeugten ihre jüngsten Kinder in zweiter oder dritter Ehe, so François Höpflinger, Altersforscher und Professor für Soziologie an der Uni Zürich",

berichtet Katrin HUMMEL. Woher aber stammen die Zahlen? Die amtliche Statistik erfasst nur Mütter und keine Väter. Im Jahr 2000 wurde noch nicht einmal die biologische Geburtenfolge der Mutter erfasst, sondern nur die eheliche. Da es sich um ein sehr seltenes Ereignis handelt (Bei ca. 767.000 Geburten im Jahr 2000 wären das lediglich ca. 6390 Väter. Im Jahr 2012 wären es ca. 9760 Väter), helfen auch keine sozialwissenschaftlichen Studien weiter. Also wie kommt Frau HUMMEL auf diese Zahlen?

In der Schweiz wird das Alter von Vätern in Ehen erfasst. Dort war im Jahr 2000 jedes 92. Kind von einem verheirateten Vater 50 +, während es im Jahr 2012 bereits jedes 52. Kind war. Da die unehelichen Kinder fehlen, liegen die Zahlen höher als jene von HUMMEL.

In Baden-Württemberg war im Jahr 2000 jedes 105. Kind von einem verheirateten Vater, 2010 war es jedes 74. Kind.

BOLLMANN, Ralph & Inge KLOEPFER (2014): Mütter, geht mehr arbeiten!
Vollzeit für Mütter, Teilzeit für Väter, eine 35-Studnen-Woche für beide: Das fordert Familienministerin Manuela Schwesig - und jetzt auch Handelskammerchef Eric Schweitzer. Über den Weg dorthin streiten sie,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.04.

Im Familienministerium hält man nichts von einer Arbeitszeitverkürzung à la SCHWESIG für Führungskräfte. Dort arbeiten die Abteilungsleiter alle Vollzeit.

Obligatorisch ist die Frage nach der Geburtenrate, ein Ziel, das keine Familienministerin als oberste Priorität anvisiert hat - außer Ursula von der LEYEN und damit baden ging, weshalb SCHWESIG antwortet:

"Ich sehe meine Aufgabe (...) nicht in erster Linie darin, die Geburtenrate zu erhöhen. Ich will ein familienfreundliches Klima schaffen: Wer einen Kinderwunsch hat, soll ihn auch verwirklichen können."

CORNELIUS, Ivar (2014): Kinderzahlen in Baden-Württemberg im Generationenvergleich,
in:
Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg, Heft 5, S.16-22

Angeblich hat die Generation Golf (1967 - 1973 Geborene) wesentlich weniger Kinder bekommen als ihre Vorgängergeneration. Susanne GASCHKE begründete damit die Rentenkürzungen für ihre Generation im Vergleich zu den 68ern (1940-1946 Geborene). Single-dasein.de und single-generation.de hatten das bereits im Jahr 2003 kritisiert. Nun zeigen die Ergebnisse von Ivar CORNELIUS zumindest für Baden-Württemberg, dass nicht einmal die Kluft zwischen der Kriegsgeneration (1930-1935 Geborenen) und der Babyboomer-Generation (1959-1967 Geborenen ) an den Mythos heranreicht, dass jede Generation um ein Drittel kleiner sei als ihre Vorgängergeneration (mehr hier).

KAISER, Tobias & Anne KUNZ (2014): Nur die Krippe bringt's.
Die Forschung belegt: Mehr Krippenplätze sorgen für mehr Geburten. Dafür kann woanders leicht gespart werden,
in:
Welt am Sonntag v. 01.06.

Die Datenlage zur Geburtenentwicklung in Deutschland ist immer noch unzureichend. Nur alle 4 Jahre werden seit 2008 im Mikrozensus die Geburten richtig erfasst. Dies geschah erst 2012 zum zweiten Mal. Erst 2016 werden erneut solche Daten erhoben. Wenn jetzt also Daten zum Zusammenhang von familienpolitischen Maßnahmen und Geburten aus dem Hut gezaubert werden, die einen Vergleich von Daten vor 2008 mit neueren Daten beinhalten, dann sollte das kritisch gesehen werden. Der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER spricht in diesem Zusammenhang von Demographismus, d.h. die unzureichende Faktenlage zur Geburtenentwicklung wird durch politische Ideologien hinsichtlich des demografischen Wandels geprägt.

Aus dieser Sicht ist es erforderlich, dass die Geburten im Mikrozensus jährlich erhoben werden. Es kann nicht sein, dass weiterhin ein Haushalt ohne Kinder mit lebenslanger Kinderlosigkeit gleich gesetzt wird, wie das immer noch gängige Praxis in Deutschland ist, weil nur alle 4 Jahre Daten zu den Geburten erhoben werden.

STALA BADEN-WÜRTTEMBERG (2014): Neue Bevölkerungsvorausrechnung: Der Alterungsprozess der Gesellschaft wird sich unvermindert fortsetzen.
Die Zahl der Hochbetagten in Baden-Württemberg könnte sich bis 2060 verdreifachen,
in:
Pressemitteilung Statistisches Landesamt Baden-Württemberg v. 04.06.

Die jetzige Vorausberechnung geht weiterhin von einer Geburtenrate TFR = 1,4 aus. Es wird lediglich ein weiterer Anstieg des durchschnittlichen Gebäralters berücksichtigt. Inwiefern dies angesichts höherer Geburtenraten der Anfang der 1970er Jahre geborenen Frauen realistisch ist, muss deshalb gefragt werden (mehr hier).

RASCHE, Uta (2014): Das Leitbild-Wirrwarr.
Erfolgreich im Job, Spitze daheim: überbordende Anforderungen machen das Müttersein unattraktiv,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.07.

ROSENFELD, Dagmar (2014): Kind und Karriere - eine Fiktion.
Die Politik hat zwar Infrastruktur und finanzielle Möglichkeiten geschaffen, die der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dienen sollen. Doch an der niedrigen Geburtenzahl hat das kaum etwas geändert,
in:
Rheinische Post Online v. 07.07.

BMFSFJ (2014): Gesamtevaluation ehe- und familienbezogener Leistungen,
in: Im Fokus Nr.23 v. 27.08.

Mit der Studie Evaluation der Wirkung ehe‐ und familienbezogener Leistungen auf die Geburtenrate/Erfüllung von Kinderwünschen wird keineswegs die Wirkung der Bevölkerungspolitik umfassend evaluiert, denn die Stichprobe umfasst lediglich Paarhaushalte, d.h. weder Paare mit getrennter Haushaltsführung noch Alleinstehende mit Kinderwunsch werden berücksichtigt. Außen vor bleibt also die Frage, inwiefern die Bevölkerungspolitik durch die kinderlosenfeindliche Politik die Paarbildung als Voraussetzung der Familiengründung verhindert. Dazu wäre es zudem notwendig die normativen Aspekte einer solchen Politik unter die Lupe zu nehmen. Inwieweit die Prämissen der Studie überhaupt plausibel sind, ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Statt einer umfassenden Kritik der Studie werden sich die Medien wohl ihnen genehme Ergebnisse entsprechend ihrem bevölkerungspolitischen Familienleitbild heraussuchen.

DESTATIS (2014): Bei 22 % der Geburten ist die Mutter mindestens 35 Jahre alt,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 03.09.

Ein beliebtes Märchen lautet, dass die Zunahme der Spätgebärenden zu einer Abnahme der Geburtenrate führt. In Irland, das eine der höchsten Geburtenraten in Europa hat, beträgt der Anteil der Spätgebärenden 30 % gegenüber nur 22 % in Deutschland:

"In sieben EU-Staaten waren späte Geburten häufiger als in Deutschland. Der Vergleich auf Basis von Eurostat-Daten ergab, dass 2012 in Spanien 34 % aller Neugeborenen eine Mutter hatten, die bei der Geburt mindestens 35 Jahre alt war. In Italien waren es 33 %, in Irland 30 %"

Eher stimmt das Gegenteil für Deutschland: Ohne die Zunahme der Spätgebärenden wäre die Geburtenrate in Deutschland noch niedriger.

STERN-Titelgeschichte: Lieb & teuer.
Was Kinder heute kosten - und was sie wirklich brauchen

SCHNEYINK, Doris (2014): Geld macht keine Kinder.
Warum sind in anderen Ländern die Geburtenraten höher? Ein Vergleich,
in: Stern Nr. 45 v. 30.04.

"Je widersprüchlicher die Rollenerwartungen an Frauen sind, desto weniger Kinder bekommen sie", fasst SCHNEYINK ein Sammelsurium an Momentaufnahmen aus den Ländern Italien, Dänemark, Frankreich und den USA zusammen. Dänemark gilt nun unter den skandinavischen Ländern als Vorbild. Zur Jahrtausendwende war das noch Schweden. Eine Analyse, die den Namen verdienen würde, müsste mehr als eine Momentaufnahme sein und Entwicklungstendenzen aufzeigen.

DESTATIS (2014): 682 000 Kinder kamen im Jahr 2013 zur Welt,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes v. 08.12.

Trotz Zunahme der späten Mütter ist die Geburtenrate leicht gestiegen. Ohne die über 39jährigen Mütter, die selbst noch Mitte der Nuller Jahre  als lebenslang Kinderlose galten, würde die Geburtenrate sinken. Das Statistische Bundesamt würdigt dies nicht, da späte Mütter bevölkerungspolitisch unerwünscht sind.

BERNDT, Christina & Ulrike HEIDENREICH (2014): Es geht aufwärts, Baby.
Das Statistische Bundesamt meldet für 2013 ein leichtes Plus bei den Geburten: 682000 Kinder kamen in Deutschland zur Welt. Aber was bedeutet das schon, wenn man die ganze Gesellschaft im Blick hat? Informationen aus den Kreissälen der Nation,
in: Süddeutsche Zeitung v. 09.12.

BUJARD, Martin (2014): Mehr Kinder von Akademikerinnen.
Das Elterngeld wirkt sich vor allem auf das Einkommen und die Fertilität hoch qualifizierter Frauen,
in:
Demografische Forschung Aus Erster Hand v. 10.12.

Demografische Forschung Aus Erster Hand? Aktuell ist nur die Veröffentlichung der Geburtenrate am Montag durch das Statistische Bundesamt. Der Newsletter nutzt dagegen nur diese Aufmerksamkeit, um längst Bekanntes nochmals aufzuwärmen! Aktuelle Analyse? Fehlanzeige! Denn die Entwicklung der Geburtenrate der Jahre 2012 und 2013 bleibt unberücksichtigt. Von Demografischer Forschung aus erster Hand müsste man mehr erwarten können als Pseudoaktualität.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Dezember 2015
Update: 29. Januar 2017