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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 2)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie

2004

BÖLSCHE, Jochen u.a. (2004): Land ohne Lachen.
Deutschland schrumpft - und ergraut. Die Bundesrepublik rangiert mit ihrer Geburtenrate unter 190 Staaten auf Platz 185. Vier von zehn deutschen Akademikerinnen verzichten auf Mutterglück und Mutterstress. Sind die Frauen in den Gebärstreik getreten - oder die Männer in den Zeugungsstreik?
in: Spiegel Nr.2 v. 05.01.

SCHLEGEL, Matthias (2004): "Wenn Arbeitslose gehen, ist das eine Entlastung".
Wirtschaftsforscher sieht in der Abwanderung kein Drama. Nach seiner Einschätzung ziehen mehr Höherqualifizierte in den Osten,
in: Tagesspiegel v. 02.01.

Herbert BUSCHE vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle über die nicht vorhandenen demografischen Probleme des Osten:

"Die niedrige Geburtenrate in Ostdeutschland verschärft ja noch das demografische Problem.
Das wird sich bald wieder entschärfen: Zu DDR-Zeiten haben die Frauen mit 18 bis 20 Jahren Kinder bekommen. Nach der Wende haben sie sich westdeutschen Verhältnissen angepasst und warten damit zehn Jahre länger. Diesen Knick in der Geburtenrate werden wir bald hinter uns haben.
Bleibt nicht die Zukunftsfähigkeit des Ostens insgesamt auf der Strecke, wenn so viele junge Leute weglaufen?
In der DDR gab es damals eine Geburtenrate von 2,2, im Westen von 1,4. 1990 ging sie im Osten sprunghaft auf 1,1 zurück. Wir schieben dort also immer noch einen Geburtenüberschuss vor uns her. Auch deshalb ist die Abwanderung von jungen Leuten unter dem Strich kein Drama.
"

KIESER, Albrecht (2004): Demographie und Demagogie.
Über die "unumstößlichen" Grundlagen der Schröderschen "Agenda 2010",
in: junge Welt v. 09.02.

Während Kanzler SCHRÖDER das Weiter-So der Agenda 2010 durch den Rücktritt vom Parteivorsitz retten möchte, bröckelt die mediale Einheitsfront.
Lange Zeit stand single-generation.de mit dem Vorwurf, die Prognosen des nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftlers Herwig BIRG seien unrealistisch, fast völlig alleine. Der Journalist Detlef GÜRTLER hatte dann im August 2003 in der Welt zur neuesten Prognose geschrieben:

"Man kann solche extrem unwahrscheinlichen Annahmen treffen. Die wissenschaftliche Redlichkeit würde dann allerdings erfordern, noch mindestens eine andere Annahme durchzurechnen. Zum Beispiel die Bevölkerungsvorausberechnung der Vereinten Nationen, die Deutschland im Jahr 2050 eine Geburtenrate von 1,64 prognostiziert. Das Statistische Bundesamt hingegen hat zwar diverse unterschiedliche Wanderungs- und Lebenserwartungsszenarien beschrieben, die Geburtenrate aber konstant bei 1,4 belassen. Warum? Unter anderem um »den Handlungsdruck auf die Politik aufrechtzuerhalten«, wie einer der Beteiligten ebenso freimütig wie anonym zugab."

Das passte damals jedoch nicht zur politischen Stimmung, weswegen der Artikel in der Mitte-Presse keinerlei Widerhall fand. In der jungen Welt (17./18.02.2003) berief sich z.B. Manfred SOHN in einer zweiteiligen Serie ausdrücklich auf die Prognosen von Herwig BIRG, um den Geburtenrückgang zu dramatisieren.
Nun wird erstmals ein Statistikprofessor, Gerd BOSBACH, als Kritiker der Prognose mit Namen genannt:

"die demographische Prognose von der unbezahlbaren Überalterung ist offensichtlich Humbug, wie jetzt ein Statistikprofessor aufgedeckt hat, der selbst jahrelang im Statistischen Bundesamt tätig gewesen ist. Gerd Bosbach lehrt heute an der Fachhochschule Koblenz Statistik, Mathematik und Empirik, und was er Hahlen vorhält, unterstreicht einmal mehr, daß sich das derzeitige Sozialabbauprogramm auf gewagte Kaffeesatzleserei und bewußte Halbwahrheiten stützt.
Drei Haupteinwände hält Gerd Bosbach den »vorgegebenen und unausweichlichen« Prognosen (...) entgegen: Erstens sei eine Bevölkerungsprognose bis zum Jahre 2050 als Grundlage politischer Entscheidungen heute schlicht untauglich. Hätte man z. B. 1953 eine Prognose für 2000 als zielsicher und handlungsleitend ausgegeben, hätte man millionenfach daneben gelegen: Wegen Anwerbeverträgen für »Gastarbeiter«,
Pillenknick und 1989er Zusammenbrüchen, von mehreren Kriegen und entsprechenden Fluchtbewegungen ganz zu schweigen.
Nicht von ungefähr betrug die »Gültigkeitsdauer« der letzten neun Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes im Schnitt vier Jahre. Einige Vorgängerprognosen mußten sogar gänzlich über den Haufen geworfen werden.
Die Prognose (...) unterschlägt – das ist das zweite Argument von Gerd Bosbach – wesentliche demographische und ökonomische Größen. So kommt (...) nicht vor, daß auch unproduktive Kinder und Jugendliche ernährt werden müssen. Rechnet man aber diese Bevölkerungsgruppe in die Prognose ein, dann müssen heute hundert Menschen zwischen 20 und 60 Jahren 82 Junge und Alte ernähren. Im Jahre 2050 würden es 112 Junge und Alte sein. Nicht 80 Prozent mehr als heute sondern 40 Prozent mehr. Und nur zwölf Prozent mehr als 1970, als 100 Erwerbsfähige 100 Junge und Alte ernährten. Solche undramatischen Zahlen enthält auch die offizielle Bevölkerungsvorausberechnung. Aber der Präsident des Amtes, die hohe Politik und die Medien wollen sie offensichtlich nicht zur Kenntnis nehmen.
Eine andere Zahl wird von den Bundesdemographen allerdings komplett ausgeblendet: die absehbare, steigende Arbeitsproduktivität.
"

Wenn jetzt plötzlich die Prognose selbst in der Kritik steht, dann zeigt dies, dass die Agenda 2010 viel grundsätzlicher zur Disposition steht, als dies die Mitte-Politiker glauben machen wollen.

HORX, Matthias (2004): Deutschland im Jahre 2015.
Vier Szenarien für die Zukunft unserer Republik,
in: Welt v. 21.02.

"In den deutschen Betten beginnt eine fieberhafte Produktivität. Die Geburtenrate steht mit 2,0 auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren. Nach dem dritten Kind zahlen deutsche Bürger bis zu einem Einkommen von 100 000 Euro keine Steuern mehr, darüber nur linear 15 Prozent. Eine Vielzahl von steuerlich absetzbaren privaten Dienstleistungen macht Karriere auch mit Kindern möglich. Die Städte Deutschlands vibrieren vor Vitalität - sie sind rund um die Uhr geöffnet. Mit fünf bis sechs Prozent Dauerwachstum ist Deutschland wieder die Wachstumslokomotive Europas. Aber dies fordert einen Preis", lautet eines der Szenarien, mit denen Matthias HORX die Leser der Welt zur kostenlosen Mitarbeit an seinem neuen Projekt auffordert.

WITTSTOCK, Uwe (2004): Die Grundlage für die Arbeit der Bundesregierung.
Seit 30 Jahren sagt das "Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung" Deutschlands Rentenkrise voraus - aber keiner will es hören,
in: Welt v. 23.03.

Die Rentenkrise gibt es so genauso lange wie die Rentenreformen, nämlich seit 1957! Wer das nicht glaubt, der soll das Buch Die Transformation der Sozialpolitik. Vom Sozialstaat zum Sicherungsstaat lesen. Frank NULLMEIER & Friedbert W. RÜB haben darin bereits 1993 die demografische Debatte seit 1957 nachgezeichnet:

"Demographische »Bedrohungen« haben die Rentenpolitik immer begleitet. Prognostizierte »Rentenberge« spielten sowohl bei der Reform 1957 eine Rolle wie auch Mitte der 60er Jahre. (...). Bereits seit 1977/78 wurden die Folgen des Geburtenrückgangs als Rentenberg nach dem Jahre 2010 für restriktive Eingriffe in die Gesetzliche Rentenversicherung angeführt. Steigende Alterslasten und selbst die Warnung vor dem »Aussterben der Deutschen« waren und sind keine Rezessionsthemen."

WEIGUNY, Bettina (2004): Und ein Gläschen zum Dessert.
Deutschland vergreist. Die Geburtenrate erreicht den tiefsten Stand in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Hersteller von Baby-Produkten brauchen dringend eine neue Zielgruppe: Die Senioren. Jedes fünfte Obst-Gläschen ißt bereits ein Erwachsener,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.04.

DESTATIS (2004): Weniger Geburten und Eheschließungen, aber mehr Sterbefälle im Jahr 2003,
in:
Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 05.04.

"Im Jahr 2003 wurden 715 000 Kinder lebend geboren, 9 000 oder 1,3% weniger als 2002. Die Geburten gehen damit seit 1991, mit Ausnahme der Jahre 1996 und 1997, zurück. Die Zahl der Sterbefälle war von 1993 bis 2001 ständig gesunken und dann 2002 erstmals wieder angestiegen. Mit rund 858 000 Sterbefällen gab es im Jahr 2003 erneut ein Plus von 13 000 bzw. 1,6%. 2003 starben somit etwa 143 000 Menschen mehr, als Kinder geboren wurden. Im Jahr 2002 war das Geburtendefizit um etwa 23 000 geringer ausgefallen", meldet das Statistische Bundesamt.

AP (2004): Geburtenzahl sinkt erneut.
Bundesbürger werden weniger,
in: Frankfurter Rundschau v. 06.04.

Obwohl die Überschrift eigentlich eine Negativschlagzeile ist, sind die veröffentlichten Zahlen sensationell:

"Nach den vorläufigen Ergebnissen der Behörde wurden 2003 rund 715 000 Kinder lebend geboren, das sind 9000 oder 1,3 Prozent weniger als 2002."

Ein solch geringer Geburtenrückgang ist angesichts des dramatischen Geburtenrückgangs in den 60er/70er Jahren nicht zu erwarten gewesen (siehe hierzu den Kommentar zum Artikel von Herwig BIRG). Zumindest wenn man den offiziellen Verlautbarungen folgt. Ohne eine starke Zunahme von Spätgebärenden ist dies nicht erklärbar. 1969 wurden z.B. allein in Westdeutschland ca. 90.000 weniger Kinder geboren als im Jahr 1970. Trotz des Geburtenrückgangs könnte deshalb erstmals die Geburtenrate nach oben weisen. Dies wäre - aufgrund der wirtschaftlichen Situation - eigentlich doppelt überraschend...

SCHMITT, Peter-Philipp (2004): Deutsche Kinderlosigkeit,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.04.

Die FAZ verspricht Hintergründe zum aktuellen Geburtenrückgang.
Dazu präsentiert man den Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ. Keine der Fragen, die Kinderlose interessieren könnten, werden jedoch gestellt, geschweige denn beantwortet. Unsere Bevölkerungswissenschaftler stellen sich taub. Es werden weiterhin die nicht mehr haltbaren Zahlen der Vergangenheit verteidigt.
Kein Wort darüber, dass Gert HULLEN anhand des Münchner Familiensurvey die Daten der Bevölkerungsfortschreibung widerlegt hat. Der Anteil der in den 60er Jahren geborenen kinderlosen Frauen ist nach dieser repräsentativen Befragung um die Hälfte niedriger als es die Zahlen der amtlichen Statistik ausweisen. Solange dies nicht in der Öffentlichkeit diskutiert wird, sind unsere deutschen Bevölkerungswissenschaftler nicht mehr ernst zu nehmen!

WEILAND, Severin (2004): Überalterte Gesellschaft.
Das Tabu Bevölkerungspolitik,
in: Spiegel Online v. 06.04.

Spiegel Online nutzt die Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes, um eine aktive Bevölkerungspolitik zu fordern. Vom nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG über Susanne MAYER von der ZEIT bis zum ostdeutschen Hardliner Thomas KRALINSKI reicht das Spektrum der zitierten Sozialpopulisten, die mittels Horrorszenarien die Biologisierung sozialer Konflikte betreiben.

HUMMEL, Katrin (2004): Wie eine Gemeinde die Geburtenfreude steigert.
Das Beispiel Laer bei Münster. Wo die Ganztagsbetreuung gesichert ist, enscheiden Frauen sich leichter fürs Kinderkriegen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.04.

SCHWÄGERL, Christian (2004): Im alten Land.
Raum ohne Volk: Zwischen Usedom und Fichtelgebirge wird man schon im Jahr 2020 kaum noch Menschen begegnen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.04.

PETER, Joachim (2004): Die Gegensätze verschärfen sich.
Bevölkerungswanderungen in wohlhabende Gebiete - Dramatischer Geburtenrückgang - Der Osten verliert,
in: Welt v. 23.04.

COLEMAN, David A. (2004): Im Angesicht des 21. Jahrhunderts.
Neue Entwicklungen und alte Probleme,
in: pro familia magazin, Schwerpunkt Familienpolitik = Bevölkerungspolitik, H.1,S.23-24

Deutsche Bevölkerungswissenschaftler und Politiker dramatisieren gegenwärtig den Geburtenrückgang. Bert RÜRUP hat in seinem Gutachten Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung die Kinderlosigkeit zum zentralen gesellschaftlichen Problem erklärt. Dies ist eine Kriegserklärung an die Singles in Deutschland. RÜRUP schließt sich in seiner Argumentation, die empirisch wenig stichhaltig ist, den Verfechtern einer Polarisierungsthese an. Für diese Hardliner ist die entscheidende Frage, ob Frauen überhaupt Mütter werden, d.h. es geht diesen Polarisierern darum, die Freiheit der Reproduktion einzuschränken. RÜRUP blendet alle wissenschaftlichen Ergebnisse aus, die seiner Argumentation widersprechen könnten. Zum einen wird behauptet, dass die Erhöhung des Erstgebäralters mit einer niedrigeren Geburtenrate verbunden ist.
Dem widersprechen eindeutig die Erkenntnisse von Gert HULLEN. RÜRUP und seine Co-Autorin müssen den Beitrag kennen, denn sie zitieren andere Autoren aus dem Sammelband, in dem HULLENs Ergebnisse publiziert sind.

In dem neuesten Heft des pro familia magazins wird das Gutachten von RÜRUP diskutiert. Der wichtigste Beitrag stammt jedoch von dem britischen Demografen David A. COLEMAN, der an der Oxford University lehrt. Er behauptet, dass inzwischen ein gewisses Einvernehmen darüber bestehe, dass das tatsächliche Geburtenniveau höher sei, als es die meisten europäischen Länder ausweisen. Single-generation.de hat des Öfteren auf diese Sachverhalt hingewiesen. Im RÜRUP-Gutachten heißt es dagegen:

"Im Jahr 2001 betrug für Deutschland die zusammengefasste Geburtenziffer 1,29 (...). Für die neuen Bundesländer gehen Schätzungen sogar von einer niedrigeren Geburtenhäufigkeit von 1,2 aus. Da das bestandserhaltende Niveau einer Bevölkerung bei 2,1 Kindern pro Frau liegt, wird jede Elterngeneration in Deutschland nur zu etwa zwei Dritteln durch Kinder ersetzt werden." (S.8).

Während RÜRUP von 1,2 Kindern pro Frau spricht, schreibt COLEMAN, dass sich das Geburtenniveau in Deutschland knapp unter 1,7 Kindern pro Frau stabilisiert habe. Wie ist es möglich, dass es eine solch gravierende Differenz in der Einschätzung der deutschen Geburtenrate gibt? Die Erklärung liegt darin, dass RÜRUPs Geburtenniveau keinen Unterschied zwischen jüngeren und älteren Frauenjahrgängen macht. Die Erhöhung des Erstgebäralters bei jüngeren Frauenjahrgängen hat jedoch dazu geführt, dass der traditionelle Ansatz in der Beschreibung des Geburtenverhaltens versagt. Dies hat Gert HULLEN anhand des Familiensurvey empirisch nachgewiesen.In Deutschland wird diese Erkenntnis jedoch von den Medien bislang totgeschwiegen. COLEMANs Beitrag macht dies zum ersten Mal außerhalb des Fachpublikums öffentlich.

Der belgische Demograf Ron LESTHAEGHE hatte bereits im Rahmen des Pflegeurteils 2001 die Sicht der deutschen Demografen kritisiert. Vom Interview in der Berliner Zeitung nahm jedoch - außer single-dasein.de - niemand Notiz. Wie lange lässt sich dieses Thema noch von unserer Elite unterdrücken? Wenn Singles diese Fakten nicht vehement in die öffentliche Debatte einbringen, dann wird das niemand tun. Stellen Sie die Politiker zur Rede. Konfrontieren Sie die Politiker mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Es ist keineswegs so, dass dieses Thema nur lebenslang Kinderlose angeht. Ganz im Gegenteil! Die Hauptlast der neuen Bevölkerungspolitik werden die Eltern tragen, deren Kinder nicht mehr im Haushalt leben - allein schon deswegen, weil sie die Mehrheit sein werden!
Die FAZ hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass Kinderlose - und hier sind eben nicht ausschließlich lebenslang Kinderlose gemeint, einen höheren Beitrag zur Pflegeversicherung zahlen sollen. Dies wäre der Einstieg in den katholischen Sozialstaat. Ein solcher Einstieg ist mit gravierenden Folgen verbunden, der offenbar kaum jemanden bewusst ist, denn sonst müsste ein wütender Protest durch die Republik gehen.
Die Polarisierer arbeiten mit einem weiten Kinderlosenbegriff, der alle Menschen, die gerade nicht mit Kindern in einem Haushalt leben zu Kinderlosen umdefiniert.

Auch der Geburtenrate, die von RÜRUP verwendet wird, unterliegt ein weiter Kinderlosenbegriff, insofern potentielle Eltern als lebenslang Kinderlose gezählt werden. Bei COLEMAN ist das nicht im gleichen Ausmaß der Fall, denn die jahrgangsspezifische Geburtenrate ist sich der Verzerrung durch späte Erstgeburten bewusst.

Seit einiger Zeit wird gerne auf das Vorbild Frankreich verwiesen. Frankreich sei ein einig Familienland. 1,9 Geburten je Frau wird uns Deutschen vorgerechnet. In der neuesten Titelgeschichte des Pariser Magazins Nouvel Observateur geht es um die neuen Singles in Frankreich. Von 1999 bis heute sind laut Marie LEMONNIER die Single-Haushalte in Frankreich um 5 Millionen auf ca. 14 Millionen angestiegen.
In Deutschland gab es dagegen den letzten starken Anstieg der Single-Haushalte in den 1980er Jahren. Stefan HRADIL, der Singles zu Pionieren der Moderne stilisiert hatte, musste vor einiger Zeit sogar zugeben, dass die Entwicklung der Single-Haushalte in Deutschland unter den Erwartungen zurück geblieben sei. Frankreich beweist zu allererst, dass der Zusammenhang zwischen Geburtenrate und Anstieg der Einpersonenhaushalte keineswegs ein negativer sein muss. Ein Anstieg der Single-Haushalte darf also nicht mit einem Rückgang der Geburtenrate verwechselt werden, obwohl das gerne nahe gelegt wird.
Nicht verschwiegen werden soll jedoch, dass LEMONNIER in ihrem Beitrag auch die Alleinerziehenden ("monoparents") zu den Singles zählt. Aber auch wenn man diese 1,8 Millionen Alleinerziehenden abzieht, bleibt unter dem Strich ein starker Anstieg übrig.

David A. COLEMAN weist in seinem Beitrag darauf hin, dass der französische Babyboom überschätzt wird. Deutschland steht dagegen angesichts des dramatischen Geburtenrückgangs in den neuen Bundesländern gar nicht so schlecht dar. COLEMAN verweist darauf, dass der Geburtenrückgang in Italien, Spanien und Österreich stärker sei, als dies in der traditionellen Berechnung der Geburtenrate zum Ausdruck komme. Im nächsten Heft des pro familia magazin soll der Beitrag von COLEMAN in voller Länge publiziert werden. Dann findet sich hoffentlich auch ausführlicheres Zahlenmaterial.

Mit dem Beitrag von COLEMAN ist nun hoffentlich auch in Deutschland die Debatte um die Berechnung der Geburtenzahlen eröffnet, die im internationalen Rahmen bereits seit längerem geführt wird.

MEDICUS, Thomas (2004): Exoten,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.06.

"Solange wir kein Kind hatten und die bundesdeutsche Wirtschaft gut lief, konnte uns die Diagnose, ausdifferenzierte moderne Gesellschaften krankten an mangelndem Grundkonsens, nicht schrecken. Als aber unser Sohn da war, sah die Welt von Grund auf anders aus. Nicht bloß weil aus Doppelverdienern zunächst Einfachverdiener wurden, die im Lauf der Jahre lernten, mit anderthalb nicht wachsenden Monatsgehältern auszukommen."

In den letzten Jahren häufen sich Artikel, in denen sich Yuppie-Paare, die zu Eltern mutiert sind, als Letzte ihrer Art präsentieren dürfen.
Quasi als Vorgriff auf den letzten Deutschen, wie ihn der Spiegel vorgestellt hat, stilisieren sie sich zu Exoten:

"Die Statistiken über die niedrige bundesdeutsche Geburtenrate, kulminierend in dem Umstand, dass mehr als vierzig Prozent der deutschen Akademikerinnen kinderlos sind, wurden für uns Teil einer bedrohlich konkreten Lebensrealität."

MEDICUS, 1953 geboren, versucht mittels einer Statistik seiner Dramatisierung Glaubwürdigkeit zu verpassen. Tatsächlich ist keine Statistik weniger unglaubwürdig als die Erfassung der Kinderlosigkeit.
Die von MEDICUS missbrauchte Statistik bezieht sich weder auf seinen Jahrgang, noch auf arbeitende Kolleginnen. Sollte jemand irgendwann einmal eine Statistik über die Anzahl von Artikeln, die von jammernden Vätern und Müttern in Mitte-Zeitungen verfasst worden sind, erstellen, dann müsste er feststellen, dass kinderlos offenbar immer nur die anderen sind...

DORBRITZ, Jürgen (2004): "Nur Tempoeffekte, aber kein Babyboom".
"Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Babyboom", so überschrieb Detlef Gürtler einen Artikel, der am 19.08.2003 in der "Welt" erschien. Dort wurde ein dritter demographischer Übergang vorhergesagt, der nicht - wie die beiden ersten - zu einem deutlichen Geburtenrückgang führen wird, sondern einen neuen Baby-Boom bringen soll,
in: BIB-Mitteilungen, Nr.2 v. 22.06.

KAUFMANN, Franz-Xaver (2004): Gibt es einen Generationenvertrag?
Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Verträge mit Ungeborenen: Was steckt hinter den politisch aufgeladenen Begriffen? Die Gerechtigkeit ist es nicht, der gängigen Lesart entsprechend, in erster Linie eine Frage der Finanzen. Sie hängt vor allem an der Zahl der Geburten und der damit verbundenen Bevölkerungsentwicklung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.07.

Der Soziologe Franz-Xaver KAUFMANN, Angehöriger der Flakhelfer-Generation, verlässt mit diesem Artikel den Boden der seriösen Wissenschaftlichkeit und mischt sich parteiisch in die politische Debatte ein .

WIESEMANN, Hans-Olaf (2004): Gesellschaft im Zeitalter erhöhter Langlebigkeit.
Frank Schirrmachers "Methusalem-Komplott",
in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Nr.7/8, Juli-August

Hans-Olaf WIESEMANN, Jahrgang 1967, begrüßt den Einstellungswandel zum Demografieproblem:

"Jetzt ist die demografische Frage, der simultane Geburtenrückgang und Anstieg der Lebensdauer, in das gesellschaftliche Bewusstsein, in die Talkshows unseres Leitmediums Fernsehen, gedrungen. Frank Schirrmachers Buch Das Methusalem-Komplott kommt zur rechten Zeit und trägt zur Versachlichung bei",

schreibt WIESEMANN. WIESEMANN ist offensichtlich selbst Opfer dieser Debatte, denn einen "simultanen Geburtenrückgang und Anstieg der Lebensdauer" gibt es in Deutschland nicht. Dies hat kürzlich selbst das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verlautbaren lassen:

"Die bislang für einen westdeutschen Geburtsjahrgang niedrigste endgültige Kinderzahl wird mit 1439 für die 1968 geborenen Frauen geschätzt. Für die danach geborenen Frauen (1969, 1970) erwarten wir mit 1456 bzw. 1472 leichte Anstiege der endgültigen Kinderzahl. Der Rückgang der endgültigen Kinderzahlen, der bereits seit dem Jahrgang 1933 (2224) bestand, ist damit abgeschlossen." (Jürgen DORBRITZ in den BIB-Mitteilungen vom 22.06.2004)

GIERTH, Matthias (2004): Hilfe, wir schrumpfen!
Deutschland braucht eine neue Bevölkerungspolitik.
Der Geburtenrückgang droht 2004 alle Negativrekorde zu schlagen. Die Parteien reagieren hilflos: Ganztagsbetreuung allein löst das Problem nicht,
in: Rheinischer Merkur Nr.36 v. 02.09.

GIERTH fordert angesichts des erwartbaren Geburtenrückgangs eine neue Bevölkerungspolitik. Was GIERTH jedoch verschweigt: der Geburtenrückgang aufgrund der Tatsache, dass nun die geburtenschwachen Jahrgänge ins gebärfähige Alter kommen, sagt nichts über die Geburtenrate der jüngeren Jahrgänge aus. Vielmehr hat der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ in der neuesten Ausgabe der BIB-Mitteilungen das Ende des Geburtenrückgangs in Deutschland verkündet. Gerade im Hinblick auf die Debatte um den Beitrag der Kinderlosen in der Pflegeversicherung muss deshalb zwischen der Geburtenrate der jüngeren Jahrgänge (diese kann trotz Geburtenrückgang steigen!) und den absoluten Geburtenzahlen unterschieden werden.

GREFE, Christiane & Susanne MAYER (2004): "Mehr als nur Geld".
70000 Geburten weniger als 2003 – Anlass zum Handeln für eine Familienministerin? Ein Gespräch mit Renate Schmidt über Elterngeld, Gerechtigkeit und das Problem, den Kanzler überzeugen zu müssen,
in: Die ZEIT Nr.40 v. 23.09.

Die Behauptung, dass es 2004 ca. 70.000 Geburten weniger geben wird, wurde von single-generation.de bereits kommentiert.

STATISTISCHES LANDESAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (2004): Rund 97 600 Lebendgeborene im Jahr 2003 - Niedrigster Stand seit 1985.
Geburtenrückgang zum größeren Teil durch schwächer besetzte Frauenjahrgänge bedingt – Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt eines ersten Kindes bei 29,5 Jahren,
in: Pressemitteilung Statistisches Landesamt Baden-Württemberg v. 13.10.

Was in absoluten Zahlen dramatisch klingt, das erweist sich bei der Betrachtung der Geburtenrate weniger dramatisch: Trotz Geburtenrückgang ist die Geburtenrate gegenüber dem Vorjahr annähernd gleich geblieben! Aufgrund des immer noch steigenden Erstgebäralters ist mit Verzerrungen (so genannten Tempoeffekten) zu rechnen, d.h. die endgültige Geburtenrate der jüngeren Jahrgänge könnten immer noch höher liegen als es die Querschnittsbetrachtung (alle gebärfähigen Frauen zwischen 15 und 45Jahren werden zusammen betrachtet) derzeit ausweist. Meldungen über eine sinkende Geburtenrate, wie sie von Anhängern einer aktiven Bevölkerungspolitik, kürzlich verbreitet worden sind, lassen sich anhand der Zahlen aus Baden-Württemberg also keinesfalls bestätigen.

SCHWENTKER, Björn (2004): Schuld ist natürlich das Volk.
In Deutschland werden zuwenig Kinder geboren ,heißt es. Doch gesicherte Daten für Prognosen gibt es nicht. Weil sich niemand richtig nachzufragen traut,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 31.10.

STATISTISCHES BUNDESAMT (2004): Statistik erwartet für 2004 einen geringen Bevölkerungsrückgang,
in: Pressemitteilung des Statistischen Bundesamt v. 29.12.

"Zwar dürfte die Geburtenzahl 2004 nur geringfügig niedriger als 2003 (707 000) ausgefallen sein und die Anzahl der Sterbefälle (2003: 854 000) deutlich zurückgegangen sein. 2004 werden voraussichtlich insgesamt etwa 110 000 mehr Menschen gestorben sein als Kinder zur Welt kamen. Das Geburtendefizit wäre damit 2004 erheblich niedriger als 2003, als es 147 000 betragen hatte. Allerdings hat sich 2004 auch der Wanderungsüberschuss gegenüber dem Ausland weiter abgeschwächt. 2003 waren 143 000 Personen mehr nach Deutschland zugezogen als von hier fortgezogen. 2004 dürfte dieser Wanderungssaldo nur noch etwa 70 000 bis 80 000 betragen. Damit reichen die Wanderungsgewinne nicht aus, um das Geburtendefizit auszugleichen, und die Bevölkerungszahl (Jahresende 2003: 82,532 Millionen) dürfte auf knapp 82,5 Millionen gesunken sein", meldet das Statistisches Bundesamt zur Bevölkerungsentwicklung 2004.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Juli 2012
Update: 13. Juli 2017