[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen ] [ News ]  [ Homepage ]

 
       
   

Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 8)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 8: 2011)

2011

TUTT, Cordula (2011): Wohlstandskinder.
Geburten: Paare in Deutschland schieben ihren Kinderwunsch nicht länger auf. Eine Trendwende kommt langsam in Sicht,
in: Wirtschaftswoche Nr.1/2 v. 10.01.

Cordula TUTT stilisiert die Dresdnerinnen zu Pionierinnen des deutschen Babybooms. Mit Hans BERTRAM und Michaela KREYENFELD hat sie zudem zwei Experten gefunden, die im Gegensatz zum bundesrepublikanischen Mainstream dem Elterngeld eine langfristig geburtenfördernde Wirkung zuschreiben.

DORBRITZ, Jürgen (2011): Kinderzahlen bei Frauen mit und ohne Migrationshintergrund im Kontext von Lebensformen und Bildung,
in: Bevölkerungsforschung aktuell v. 26.01.

Der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ hat den Zusammenhang zwischen Kinderzahl, Lebensform, Bildungsabschluss bei Frauen mit/ohne Migrationshintergrund anhand des Mikrozensus 2008 untersucht (der Beitrag ist hier als PDF-Datei downloadbar). Ärgerlich ist dabei, dass nicht die Geburtsjahrgänge 1960 - 1964 im Mittelpunkt standen, bei denen auch die Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen das 44. Lebensjahr erreicht haben. Stattdessen werden die Generation Golf-Geburtsjahrgänge 1965 - 1969 betrachtet, die insbesondere wenn sie eine Hochschule besucht haben, immer noch Kinder bekommen können. Dies gilt insbesondere für die 1968 und 1969 Geborenen

CHRISTMANN Karin (2011): Alles Hedonistinnen.
Kinderlosigkeit: Eine neue Front im Demografiekonflikt verläuft mitten durchs heimische Doppelbett: Männer wünschen sich häufiger Kinder als Frauen. Als Verbündeter bleibt der kinderlosen Frau nur einer - ihr Chef,
in:
Tagesspiegel v. 15.02.

Karin CHRISTMANN macht mittels einer FORSA-Umfrage im Auftrag von zwei Eltern-Zeitschriften Stimmung gegen angeblich "unwillige" kinderlose Frauen (mehr hier).

Der Kinderwunsch von Kinderlosen in der Debatte

LOCKE, Stefan (2011): Kinder, Kinder.
Dresden ist die geburtenstärkste Stadt im Land. Ein Fotograf dokumentiert seit zwei Jahren das kleine Wunder in seiner Heimat,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.03.

FAS-Kontroverse: Soll das Elterngeld wieder abgeschafft werden?
Das Elterngeld kostet Milliarden, der Effekt ist umstritten. Die FDP will es abschaffen, die Union nicht. Auch die FAS ist gespalten

WEIGUNY, Bettina (2011): Ja.
Geld zeugt keine Kinder,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.05.

NIENHAUS, Lisa (2011): Nein.
Geld fördert Frauenkarrieren,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.05.

Es ist noch kein halbes Jahr her, da war für den Wirtschaftsteil der FAS klar, dass das Elterngeld seine Wirkung verfehlt hat. Bettina WEIGUNY bleibt bei ihrer These vom Mitnahmeeffekt bei Akademikerpaaren und neidet ansonsten den jüngeren Familien ihr Elterngeld. Ansonsten behauptet sie anhand des Verweises auf die gleich gebliebene gesamtdeutsche Geburtenrate, dass die Wirkung des Elterngeldes, gemessen an der Geburtenrate der Akademikerinnen, ausgeblieben sei. Ihre 10 Jahre jüngere Kollegin Lisa NIENHAUS behauptet dagegen:

"Der Anteil der Frauen und Männer, die mehr als 1500 Euro Elterngeld bekamen, die also vor der Geburt gut verdient haben, ist zwischen 2008 und 2010 gewachsen: von 6,7 auf 9,5 Prozent."

Müssen diese Gutverdiener aber Akademiker sein? Das wird suggeriert, aber nicht belegt. Auf die gleiche Weise behaupten ja Gunnar HEINSOHN und Thilo SARRAZIN das Gegenteil, nur dass sie mit denjenigen Elterngeld-Empfängern argumentieren, die den Mindestsatz erhalten: alles faule geldgierige Sozialhilfemütter.

Festzuhalten ist: sowohl die Gegner als auch die Befürworter des Elterngeldes können derzeit ihre Standpunkte nicht belegen, weil die Daten dazu fehlen. Erst nächstes Jahr wird mit dem Mikrozensus 2012 erneut die Zahl der Geburten in Deutschland richtig erfasst. Danach wird man abschätzen können, welche Veränderungen es bei den Geburtenzahlen von Akademikerinnen zwischen 2008 und 2012 gegeben hat.

Klar ist aber auch: die Zensusergebnisse werden auch zu einer Revidierung der Geburtenrate führen, denn diese Zahl ist abhängig von der Bevölkerung. Wird festgestellt, dass es in Deutschland bereits heute 1 Million weniger Bürger gibt, dann bedeutet dies, dass sich die Geburtenrate erhöht, wenn davon Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind, aber auch die rohe Geburtenziffer, die gerne von Nachrichtenmagazinen im Ländervergleich benutzt werden, ändert sich. Die Auswirkungen werden sich voraussichtlich nur hinter dem Komma bemerkbar machen, aber selbst in diesem Bereich wird ja in Deutschland heftig gestritten.

DORBRITZ, Jürgen (2011): Dimensionen der Kinderlosigkeit in Deutschland,
in: Bevölkerungsforschung Aktuell Nr.3, Juni

Der Artikel von Jürgen DORBRITZ ist, was die Erforschung der Kinderlosigkeit betrifft, wenig  erhellend, zeigt aber unmissverständlich die politische Stoßrichtung des Autors:

"Soll es eine Trendwende in der deutschen Geburtenentwicklung geben, kann sie nur durch einen rückläufigen Anteil bei der Kinderlosigkeit erreicht werden."

Was insbesondere Feministinnen auf die Palme bringen wird, ist die Behauptung, dass

"insbesondere Vollerwerbstätigkeit ein die Kinderlosigkeit verursachender Faktor"

ist. Bislang galt die Erhöhung der Vollerwerbstätigkeit von Frauen als ein zentrales Mittel zur Bewältigung des anstehenden demografischen Wandels. Eine Politik, die nach Mütter- statt Frauenquoten für die Chefetagen ruft, erhält durch DORBRITZs Interpretation Aufwind. In der Hausfrauenecke dieser Republik war diese Trendwende bei DORBRITZ bereits vor längerem erkannt worden.

Man kann davon ausgehen, dass das Thema Kinderlosigkeit also bald wieder stärker auf der politischen Agenda stehen wird.

SCHAREIN, Manfred G. (2011): Der demografische Schluss: Kinderlose Akademikerinnen 0.3 - Wo war das Problem?
in: Bevölkerungsforschung Aktuell Nr.3, Juni

DESTATIS (2011): 2010 - Mehr Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 17.06.

"Im Jahr 2010 sind in Deutschland 678 000 Kinder lebend geboren worden. Dies teilt das Statistische Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen mit. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von 13 000 Kindern oder 1,9% – allerdings war 2009 auch das Jahr mit der bisher niedrigsten Anzahl Geborener", heißt es in der kurzen Pressemitteilung

DESTATIS (2011): Leichter Rückgang der Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2010,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 12.07.

"Im Jahr 2010 wurden nach vorläufigen Ergebnissen 678 000 Kinder geboren, das waren 13 000 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Sterbefälle nahm 2010 um 4 000 auf 859 000 weiter zu. Im Jahr 2010 verstarben somit 181 000 Menschen mehr als geboren wurden. Da die Zahl der Geburten stärker gestiegen ist als die Zahl der Sterbefälle, fiel das Geburtendefizit gegenüber dem Vorjahr (– 189 000) um 8 000 Personen geringer aus", meldet das Statistische Bundesamt.

ÖCHSNER, Thomas (2011): Absage an die Familie.
Ein Überblick,
in: Süddeutsche Zeitung v. 04.08.

Gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten, weshalb die deutschen Zeitungen die Meldung des Statistischen Bundesamtes vom 12. Juli, wonach 2010 in Deutschland mehr Kinder geboren wurden, ignoriert haben.

Stattdessen wurden Zahlen über die Zunahme von Alleinlebenden zum Schreckgespenst aufgeblasen, mitunter auch mit falschen Zahlen wie ein Bericht in der Kölner Rundschau zeigt.

Und heute wird gar eine Pressekonferenz veranstaltet, die man besser nächstes Jahr abgehalten hätte, denn die jetzt bekannt gegebenen Zahlen verzerren lediglich die Situation in Deutschland. Haushaltszahlen sind nicht in der Lage die Geburtenentwicklung richtig zu beschreiben, wie der Mikrozensus 2008 gezeigt hatte, bei dem erstmals die Geburten von Frauen korrekt erfasst wurden. Warum wartet man also nicht bis 2012? Offenbar ist der Politik im Wahljahr an Hysterie und nicht an Information gelegen.

Das Familienministerium hat bezeichnenderweise eine eigene Pressemeldung zum Thema herausgegeben, die die Zahlen relativieren:

"Trotz der geringen Kinderzahl bewegt sich die Geburtenrate in Deutschland mit 1,36 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter seit einigen Jahren auf stabilem Niveau. Im Osten erreicht die Geburtenrate mit 1,40 sogar den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung. Laut dem Allensbach Monitor Familienleben sind 2010 die Kinderwünsche in Deutschland wieder deutlich gestiegen."

Auch wenn das Familienministerium ihre eigene Politik verkaufen möchte. Dass Zeitungen bewusst einseitig skandalisieren, statt zu informieren ist auch dem Auflagenschwund zuzuschreiben. Dass dies den schlechten Ruf der Presse verbessert, darf bezweifelt werden

SAUERBREY, Anna (2011): Kinder, Kinder.
Bevölkerungsstatistik,
in: Tagesspiegel v. 04.08.

MEISNER, Matthias (2011): Deutschland, keine Kinder.
Statistisches Bundesamt: Drastischer Rückgang vor allem in den neuen Ländern.  Jeder sechste Minderjährige von Armut bedroht ,
in: Tagesspiegel v. 04.08.

SCHULZE, Katrin (2011): Geburtenrekord in Berlin: Der Trend geht zum Stadtkind.
Berlin verzeichnet im Gegensatz zu anderen Ländern einen Geburtenrekord. Die meisten Babys kommen in Friedrichshain-Kreuzberg zur Welt,
in: Tagesspiegel v. 05.08.

Eine Pressekonferenz des Statistischen Bundesamtes, das mit einem wenig aussagekräftigen Begleitmaterial mit dem Titel Wie leben Kinder in Deutschland? daherkommt, hat unter den Journalisten, bekanntlich die kinderärmste soziale Gruppe der Deutschen, eine regelrechte Hysterie ausgelöst. In der taz schwadroniert Deniz YÜCEL über den Raum ohne Volk. Die Überschrift entstammt - gänzlich unoriginell - einem Bestsellertitel.

In der Welt behaupten Dorothea SIEMS & Miriam HOLLSTEIN zu wissen, warum in Deutschland ein Babyboom ausbleibt. In der Wahl der Experten ist man dabei nicht wählerisch, sondern klar tendenziös. Da wird ein Experte eines Institut für Demografie, Allgemeinwohl und Familie zitiert. Institut klingt nach Wissenschaft und Allgemeinwohl sagt schon alles. Es handelt sich jedoch nur um einen nationalkonservativen Verein, der sich mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter schmückt. Als Geschäftsführer firmiert ein familienfundamentalistischer Katholik. Daneben wird der nationalkonservative Ökonom Hans-Werner SINN mit dem Beitrag Das demographische Defizit zitiert, ein Pamphlet, das 2003 erschien, um im Rahmen der Agenda 2010 die private Altersvorsorge salonfähig zu machen. Angeblich sei diese der Rentenversicherung überlegen. Seit den fortwährenden Finanzkrisen hat diese Sichtweise jedoch an Glaubwürdigkeit verloren. Einzig die Banken gewinnen bekanntlich dabei immer.

Was Welt und taz eint: Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes werden nicht kritisch gesichtet, sondern unreflektiert übernommen, weil sie den jeweiligen Kommentatoren gut ins eigene Denkschema passen. Es mag aber auch daran liegen, dass statistischer Sachverstand im Journalismus Mangelware ist.

DESTATIS (2011): Durchschnittliche Kinderzahl je Frau steigt 2010 auf 1,39,
in: Pressemeldung Statistischen Bundesamt Wiesbaden v. 18.08.

"Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau betrug im Jahr 2010 in Deutschland 1,39. Damit lag die zusammengefasste Geburtenziffer nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) etwas höher als 2009 (1,36) und ähnlich hoch wie 2008 (1,38). Einen höheren Wert hatte sie zuletzt im Jahr 1990 mit 1,45.

2010 kamen insgesamt rund 678 000 Kinder lebend zur Welt, etwa 13 000 mehr als 2009. Die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (zwischen 15 und 49 Jahren) war von 18,7 Millionen (2009) auf 18,4 Millionen im Jahr 2010 zurückgegangen.

Die Zunahme bei den Geburten von 2009 auf 2010 fiel bei den Geburten von zweiten und dritten Kindern stärker aus als bei den Geburten erster Kinder.

Im Westen Deutschlands stieg die durchschnittliche Kinderzahl von 1,35 im Jahr 2009 auf 1,39 im Jahr 2010. Im Osten Deutschlands nahm die durchschnittliche Kinderzahl ebenfalls zu und lag im Jahr 2010 bei 1,46 (2009: 1,40). Auch hier war sie zuletzt 1990 höher gewesen, anschließend stark abgefallen und dann allmählich wieder angestiegen. Dabei verschob sich das Alter, in dem Frauen ihre Kinder bekommen, deutlich. 1990 war in den neuen Ländern relativ gesehen die höchste durchschnittliche Kinderzahl für 23-jährige Frauen ausgewiesen worden, 2010 dagegen für die 30-jährigen", meldet das Statistische Bundesamt.

Hysterie herrscht in Deutschland immer dann, wenn neue Meldungen zu den Geburten vorliegen. Erst vor 2 Wochen hat das Statistische Bundesamt eine Pressekonferenz veranstaltet, um wenig aussagekräftige Zahlen vorzulegen. Jetzt also die zusammengefasste Geburtenziffer, deren Aussagekraft im Grunde nur im Zusammenhang mit dem durchschnittlichen Gebäralter betrachtet werden darf, denn steigende bzw. fallende Gebäralter verzerren das Gesamtbild.

Die Welt Online behauptet fälschlicherweise, dass Deutschland Schlusslicht bei den Geburtenzahlen sei. Die taz sieht das genauso. Jedoch wird nicht die Geburtenrate 2010 verglichen, sondern die rohen Geburtenziffern des Jahres 2009. In diese Ziffern fließen jedoch auch die Frauen ein, die gar nicht gebärfähig sind. Axel WERMELSKIRCHEN schreibt dagegen auf faz.net: "In Europa liegt Deutschland (...) auf den hinteren Rängen."

Die Hysterie um die Geburtenzahlen hat in erster Linie mit dem Streit um die richtige Familienpolitik zu tun. So warnt z.B. die FR angesichts des positiven Trends, die "Hände in den Schoß zu legen".

Welchen Einfluss hat das Elterngeld oder der Ausbau der Kinderbetreuung auf die Geburtenentwicklung? Aus den Zahlen wird gerne das herausgelesen, was zur eigenen Meinung passt. In der SZ behauptet z.B. Corinna NOHN, dass das Elterngeld nicht wirkt. Kathrin SPOERR behauptet in der Welt Online genau das Gegenteil.

Was aber, wenn die Geburtenentwicklung nicht Ausdruck eines einheitlichen Trends ist, sondern die Konsequenz gegenläufiger Entwicklungen? Jürgen DORBRITZ vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hebt im Tagesspiegel einzig auf unterschiedliche Trends in Ost- und Westdeutschland ab, als ob in den beiden Landesteilen die Interessenlage homogen wäre. Allein die Tatsache, dass seit Jahren die Geburtenzahlen in den citynahen Wohngebieten der Großstädte zunehmen, deutet darauf hin, dass berufstätige Mütter zunehmend mehr Kinder bekommen. Die allgemeine Geburtenrate ist auch wenig aussagekräftig, wenn es um bestimmte Milieus geht.

HORDYCH, Harald (2011): Das junge Glück.
Frühe Schwangerschaften: Frauen schieben das Kinderkriegen oft hinaus - bis es zu spät ist. In Sachen Lebensplanung können sie viel von Müttern unter 20 lernen. Zwei Geschichten von jungen Frauen, die eine frühe Mutterschaft stark gemacht hat,
in: Süddeutsche Zeitung v. 27.08.

BERTH, Felix (2011): Möhrenbrei und Latte macchiato.
Junge Frauen bekommen wieder mehr Kinder,
in: Süddeutsche Zeitung v. 05.09.

Felix BERTH berichtet auf der Titelseite über eine Pressemeldung des Max-Planck-Institut für demografische Forschung vom 2. September. Demnach bekommen die Frauen um den Geburtsjahrgang 1970 wieder mehr Kinder. Das sind jene Jahrgänge, über die Joachim LOTTMANN im Jahr 2004 den Poproman Die Jugend von heute verfasst hat. Damals wurde die Front im Demografiekrieg von den 1965 geborenen Frauen auf die in den 1970ern geborenen Frauen verlegt. Was das Max Planck-Institut für demografische Forschung nun belegt, das ist nichts anderes als das, was single-generation.de bereits im Jahr 2005 gegen die Interpreten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung einwandte:

"HULLEN hat für die ab 1970 geborenen Frauen eine signifikant niedrigere Geburtenneigung nachgewiesen, eine Tatsache, die sich im steigenden Erstgebäralter  ausdrückt.
        
 
Die Frage ist also, ob die nach 1970 geborenen Frauen ihre Geburten im späteren Alter nachholen, denn HULLEN konnte keinen direkten Zusammenhang zwischen Erstgebäralter (Tempo) und Geburtenhäufigkeit (Quantum) feststellen."

Bislang hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung auf solche Berechnungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung mit Dementis reagiert. Bei der Geburtenentwicklung in den neuen Bundesländern musste das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung jedoch seine Einschätzungen wegen Unhaltbarkeit revidieren. Das könnte bald auch auf anderen Feldern der Geburtenentwicklung der Fall sein.

PUSCHNER, Sebastian (2011): "Viele Länder sind uns demografisch auf den Fersen."
Im Gespräch: Die deutsche Angst vor dem Aussterben hat Tradition, sagt der Demografieforscher Ralf Ulrich. Zuwanderung allein kann das Problem nicht mehr lösen,
in: Freitag Nr.39 v. 29.09.

Drei Wellen der Beschäftigung mit dem Geburtenrückgang sieht der Bevölkerungswissenschaftler Ralf E. ULRICH in den letzten 100 Jahren. Single-generation.de hat im Jahr 2008 Drei Wellen der Generation Kinderlos in hundert Jahren beschrieben.

Bereits am 5. September hat single-generation.de Dementis zur Trendwende bezüglich der Geburtenrate erwartet. Nun kommt ein Dementi von ULRICH, das nur scheinbar stichhaltig ist:

"»Deutsche Frauen bekommen wieder mehr Kinder«, berichteten die Medien Anfang des Monats.
ULRICH: Da wurden Forschungsergebnisse offenbar missverstanden. Frauen in Deutschland bekommen Kinder heute biografisch später als vor zehn oder 30 Jahren. Man kann die Kinderzahl so kalkulieren, dass der Effekt dieser Verschiebung herausgerechnet wird und kommt dann auf 1,6 Kinder pro Frau, statt der vom Statistischen Bundesamt ausgewiesenen 1,4. Aber der Vergleich der beiden Zahlen liefert keine Aussage über einen Anstieg."

Tatsächlich gibt es zwei klassische Methoden, die Geburtenrate zu ermitteln: zum einen die durchschnittliche Kinderzahl (TFR) aller gebärfähigen Frauen zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die Geburtenrate eines oder mehrerer Geburtsjahrgänge (CFR). Beide Methoden werden zur Ermittlung eines Anstiegs/Rückgangs der Geburtenrate genutzt.

Fakt ist: Die endgültige Kinderzahl für den westdeutschen Geburtsjahrgang 1962 liegt bei 1,56 (KREYENFELD 2011). Dieser Geburtsjahrgang liegt also bereits definitiv über der hypothetischen TFR von 1,4. Das kann nicht einmal Herr ULRICH bestreiten. Der westdeutsche Jahrgang 1961 erreichte noch eine endgültige Kinderzahl von 1,6, d.h. die Kinderzahl pro gebärfähiger Frau hat vom Geburtsjahrgang 1962 auf 1961 um 0,04 abgenommen. 

Bald lässt sich auch für den prominenten Geburtsjahrgang 1965 die endgültige Kinderzahl pro Frau ermitteln. Sie wird mit Sicherheit über 1,5 liegen. Nach CFT-Berechnungen von Olga PÖTZSCH liegen seit dem Jahr 2008 alle in den 1960er Jahren geborenen west- und ostdeutschen Frauenjahrgänge über dem Wert von 1,4, obwohl sie das Ende der Gebärfähigkeit noch nicht erreicht haben (CPOS Heft 1/2010, S.183). Aber darum geht es bei der obigen Frage nach dem Anstieg gar nicht!

Worum geht es aber dann? ULRICHs Aussage, dass der Vergleich der beiden Zahlen 1,4 und 1,6 keine Aussage über einen Anstieg liefert, ist eine Finte. Das hat ja das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in dem obigen Zusammenhang gar nicht behauptet. Das Argument des MPIDR ist nämlich zweiteilig:

Es wird erstens behauptet, dass die Zahlen der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) das tatsächliche Geburtenniveau unterschätzt. Dies ist zumindest . Das hat aber nichts mit der behaupteten Trendwende beim Kinderkriegen zu tun, wie ULRICH suggeriert.

Der Anstieg wird vom MPIDR dagegen - zweitens - aus dem Vergleich jüngerer und älterer Geburtsjahrgänge gewonnen, wie das nachfolgende Schaubild beweist, das der Pressemeldung vom 2. September entnommen ist.

Bis zum Geburtsjahrgang 1961 handelt es sich um die Berechnung der endgültigen Kinderzahl (CFR). Für die Geburtsjahrgänge nach 1961, die ihre endgültige Kinderzahl noch nicht erreicht haben, wird die Geburtenrate nach einer "tempobereinigten Geburtenziffer" ermittelt. Dies ist eine  Berechnungsmethode die realitätsnähere Ergebnisse verspricht. 1998 brachten John BONGAARTS & Griffith FEENEY den so genannten Tempo-Ansatz in die demografische Debatte ein. Das aktuelle Heft der Comparative Population Studies, das vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgegeben wird, widmet sich diesem Ansatz. In Deutschland führte das bevölkerungspolitische Datendesaster dazu, dass dieser Ansatz nicht angewandt werden konnte. Erst seit 2009 werden auch in Deutschland die notwendigen Daten erhoben. Vorher verhinderte dies die normative, eheorientierte  amtliche Statistik.

Der Statistiker Gerd BOSBACH spricht in seinem Buch Lügen mit Zahlen in diesem Zusammenhang auch von politischen Zahlen.

Wenn jemand wie ULRICH auf eine Frage antwortet, die gar nicht gestellt wurde, dann verbergen sich dahinter politische Strategien und Interessen, die verschleiert werden sollen.

Warum wird der Tempo-Ansatz in Deutschland erst jetzt angewandt, obwohl er international bereits seit über 10 Jahren diskutiert und erprobt wird?

Für Deutschland gilt: Der Tempo-Ansatz hätte vorher dazu geführt, dass europäische "Musterländer" in der demografischen Debatte nicht als Vorbild hätten fungieren können, weil deren angeblicher Babyboom teilweise oder ganz auf einem veränderten Gebäralter bzw. Geburtenabstand beruhen.

Nun aber könnte die bislang verwendete zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) dagegen einen Babyboom vorgaukeln, den es nicht gibt. In dem programmatischen Aufsatz Wie Politik durch falsche Interpretationen der konventionellen Perioden-TFR in die Irre geführt wird: Sollten wir aufhören, diesen Indikator zu publizieren? von Tomas SOBOTKA & Wolfgang LUTZ heißt es:

"»Tempo-orientierte politische Maßnahmen« mit dem Ziel der Stimulation eines früheren Geburtentimings, um die Anzahl der Geburten zu steigern, ohne dass sich dies zwangsläufig auf die realisierte Fertilität auswirkt, stellen hingegen ein legitimes und potenziell nützliches Ziel dar (...). Diese politischen Maßnahmen stellen in der Tat einen Ausnahmefall dar, in dem die TFR ein nützlicher Indikator hinsichtlich ihrer Auswirkungen sein könnte" (2010, S.685f.)

Oder anders ausgedrückt: Die TFR diente bislang dazu den notwendigen Druck aufzubauen, um familienpolitische Reformen wie höherer Pflegebeitrag für Kinderlose, Elterngeld usw. als alternativlos erscheinen zu lassen.

Nun aber könnte die TFR auch in Deutschland zunehmend kontraproduktiv werden:

"Seit dem Ende der 1990er Jahre haben viele europäische Länder einen deutlichen Anstieg der konventionellen Perioden-TFR verzeichnet. (...) Dies wurde allgemein als erfreuliches Zeichen für den dringend notwendigen Umschwung des bisherigen,  langanhaltenden Trends sinkender periodenspezifischer Geburtenziffern interpretiert, der dafür gesorgt hatte, dass die TFR in vielen europäischen Ländern auf ein »Rekordtief« von 1,3 oder weniger gefallen war (Kohler et al. 2002). Einige Regierungen haben diesen Trend voller Stolz auf ihre politischen Maßnahmen zurückgeführt und eine der führenden deutschen Zeitungen, Die Zeit, kommentierte einen minimalen Anstieg der Anzahl der Geburten im Jahr 2007 mit dem freudigen Ausruf »Politik funktioniert!« (Gaschke 2009). Eine alternative Erklärung liefert jedoch einen anderen Blick auf den kürzlichen Anstieg der Perioden-TFR. Es ist möglich, dass der jüngste Anstieg dieser Maßzahl in europäischen Ländern zu einem großen Teil einer Verlangsamung oder der Beendigung des Aufschiebens von Geburten zuzuschreiben ist (Goldstein et al. 2009, Bongaarts/Sobotka 2010)."

Der Tempo-Ansatz wird nun also benötigt den politischen Druck weiter aufrecht halten zu können, um weitere bevölkerungspolitische Reformen in Deutschland durchzusetzen zu können. Durch zu viele  Babyboom-Medienberichte könnten nämlich weiteren geplanten Reformen mehr Widerstand entgegengesetzt werden.

Wie steht es nun aber um die behauptete Trendwende? Das MPIDR verwendete den Tempo-Ansatz zur Vorausberechnung, d.h. der Anstieg könnte also tatsächlich einen Anstieg des Geburtenniveaus in den jüngeren Geburtsjahrgängen bedeuten. Aber einzig die endgültige Kinderzahl pro Frau (CFR) kann das letztendlich wirklich belegen. Politik braucht jedoch heute und nicht erst morgen Zahlen, um Handeln zu rechtfertigen. Der Tempo-Ansatz verspricht zumindest  realitätsnähere Ergebnisse. Der Geburtsjahrgang 1975 wird im Jahr 2025 das Ende der Gebärfähigkeit erreichen (so wie es gegenwärtig definiert wird!). Die Politik wird sich ihre Erfolge früher zurechnen wollen, woraus sich der Bedarf an politischen Zahlen ergibt.

Man sollte die Demografen an ihren eigenen Prognosen messen, was zum Abschluss getan wird.

Im Jahr 2008 hat sich single-generation.de den Mythen und Fakten des Geburtenrückgangs gewidmet. Damals wurden auch die Fehleinschätzungen zur Geburtenentwicklung in Ostdeutschland betrachtet. Ralf ULRICH & Rainer MÜNZ haben im Heft 4/1993-94 der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft für Ostdeutschland eine Prognose bis zum Jahr 2010 errechnet, die in der nachfolgenden Tabelle mit der tatsächlichen Entwicklung verglichen wird.

Jahr tatsächliche Entwicklung TFR (Ost) Vorausschätzung
(Variante 1-3)
1990 1,52  
1991 0,98  
1992 0,83  
1993 0,77  
1994 0,77  
1995 0,84  
1996 0,95  
1997 1,04  
1998 1,09  
1999 1,15  
2000 1,21 unter 0,95 (V 1)
0,95 (V 3)
1,1 (V2)
2010 1,46 1,35 (V 1) -1,4 (V 2)

Es zeigt sich, dass das Szenario der Angleichung mit Geburtenausfall von Ostdeutschland übertroffen wurde. Der Osten hat die Angleichung 2007 erreicht und liegt seitdem bei der TFR über dem Westniveau ( Geburtenraten 2001-2009 siehe hier).

Betrachtet man die Geburtenraten der west- und ostdeutschen Geburtsjahrgänge (CFT), dann hatten die ostdeutschen Geburtsjahrgänge sogar schon 2005 höhere Geburtenraten, wie die Tabelle 1 von KONIETZKA & KREYENFELD (2007, S.4) zeigt.

Im Fall Ostdeutschland hat der Indikator TFR gewaltig in die Irre geführt.

CPOS-Themenheft: Tempoeffekte in demografischen Periodenmaßen

LUY, Marc (2010): Tempo-Effekte und ihre Bedeutung für die demografische Analyse,
in: Comparative Population Studies, Heft 3

LUY, Marc & Olga PÖTZSCH (2010): Schätzung der tempobereinigten Geburtenziffer für West- und Ostdeutschland, 1955 - 2008,
in: Comparative Population Studies, Heft 3

FEENEY, Griffith (2010): Tempo-Effekte in der Mortalität: ein Wegweiser für Skeptiker,
in: Comparative Population Studies, Heft 3

SOBOTKA, Tomáš & Wolfgang LUTZ (2010): Wie Politik durch falsche Interpretationen der konventionellen Perioden-TFR in die Irre geführt wird: Sollten wir aufhören, diesen Indikator zu publizieren?
in: Comparative Population Studies, Heft 3

BINDE, Nico (2011): "Das Klima für Frauen stimmt in Hamburg".
Mehr Geburten je 1000 Einwohner als anderswo in Deutschland: die Soziologin Birgit Pfau-Effinger über objektive Fakten und subjektive Stimmung,
in: Hamburger Abendblatt v. 08.10.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Juli 2012
Update: 14. April 2017