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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 10)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 10: 2013)

2013

RASCHE, Uta (2013): "Nirgendwo sonst stehen Eltern so unter Druck".
Die niedrige Geburtenrate in Deutschland hänge auch mit den hohen Ansprüchen zusammen, die Eltern an ihre Kinder stellen, sagt der Bevölkerungsforscher Norbert Schneider. Damit wachse das Risiko des Scheiterns. Ein Interview,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.01.

DESTATIS (2013): 2012 erneuter Bevölkerungsanstieg erwartet,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 14.01.

"Für das Jahr 2012 wird mit 660.000 bis 680.000 lebend geborenen Kindern und 860 000 bis 880 000 Sterbefällen gerechnet", meldet das Statistische Bundesamt.

SPIEGEL-Titelgeschichte: Das Sorgenkind.
Deutschlands gescheiterte Familienpolitik

DETTMER, Markus/HÜLSEN, Isabell/MÜLLER, Peter/NEUBACHER, Alexander/SAUGA, Michael/TIETZ, Janko (2013): Der 200-Milliarden-Irrtum.
Kaum ein Land Europas gibt so viel für Familien aus wie Deutschland, doch die Geburtenzahl sinkt. Eine Regierungsstudie zeigt: Der Großteil des Geldes wird verschwendet. Stattdessen müsste in Kinderbetreuung und Bildung investiert werden,
in: Spiegel Nr. 6
v. 04.02.

"Die Zahl der Entbindungen ist auf ein Rekordtief gesunken. Knapp 663 000 waren es 2011, zehn Jahre zuvor waren es noch 72 000 Babys mehr",

begründet der Spiegel die Kritik an der Bevölkerungspolitik. Die Nennung der Zahlen ist willkürlich und hätte auch ganz anders sein können, wäre das Ziel des Artikels gewesen, die Wirksamkeit der deutschen Bevölkerungspolitik zu belegen...

PÖTZSCH, Olga (2013): Wie wirkt sich der Geburtenaufschub auf die Kohortenfertilität in West und Ost aus?
in: Wirtschaft und Statistik, Heft 2

MPIDR (2013): Endgültige Geburtenraten werden steigen.
Neue Vorausberechnung: Die Zeit sinkender Kinderzahlen pro Frau in entwickelten Ländern geht zu Ende. Auch in Deutschland wird die Rate wieder wachsen,
in:
Pressemitteilung des Max-Planck-Institut für demografische Forschung v. 21.03.

WIERTH, Alke (2013): Von Kindern kalt erwischt.
Schulplatznot: In Berlin steigt die Kinderzahl schneller als erwartet. In manchen Bezirken platzen die Grundschulen schon aus allen Nähten. Schnelle Hilfe ist aber nicht in Sicht,
in:
TAZ Berlin v. 28.03.

"Die Senatsbildungsverwaltung musste ihre Prognose über die Schülerzahlentwicklung von 2012 auf 2013 allein für Grundschüler um gut 19.000 nach oben korrigieren. Insgesamt wird die Schülerzahl in Berlin nach der neuen Prognose bis 2020 um gut 12 Prozent steigen: von 289.152 auf 325.630. Noch vor einem Jahr hatte die Verwaltung einen Anstieg in diesem Zeitraum auf nur 300.000 erwartet. (...). Der unerwartete Anstieg der Schülerzahlen sei der »außerordentlich positiven Bevölkerungsentwicklung seit der Erstellung der letzten Prognose im Jahr 2008« zu verdanken, heißt es aus der Senatsbildungsverwaltung.",

berichtet Alke WIERTH. Während neoliberale Kaffeesatzleser von gleich bleibenden Geburtenzahlen bis 2060 ausgehen, sieht die Realität schon heute ganz anders aus. Die Bevölkerungsvorausberechnungen der letzten Jahrzehnte waren das Papier nicht wert, auf denen sie geschrieben standen. Inzwischen kritisiert auch Joshua GOLDSTEIN, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, die Prognosepraxis in Deutschland.

BREUER, Ingeborg (2013): Neue Ergebnisse der Demografie.
Deutschlands Bevölkerung nimmt wieder zu: Hunderttausende strömen als Arbeitssuchende in die Bundesrepublik. Zudem prognostizieren Wissenschaftler eine steigende Geburtenrate. Während Optimisten hoffen, den demografischen Wandel stoppen zu können, bleiben Statistiker realistisch,
in: DeutschlandRadio v. 18.04.

Ingeborg BREUER berichtet über die Kontroverse um die Geburtenentwicklung in Deutschland. Während Olga PÖTZSCH vom Statistischen Bundesamt keine Trendwende bei der Geburtenrate erkennen will, geht Michaela KREYENFELD vom Rostocker Max-Planck-Institut dagegen von steigenden Geburtenraten in Deutschland aus. Bettina SOMMER vom Statistischen Bundesamt geht davon aus, dass auch eine veränderte Zuwanderung und Geburtenrate den demografischen Wandel bis 2060 nicht gravierend beeinflussen wird.

Verschwiegen wird dagegen, dass diese Kaffeesatzleserei auf Daten beruht, die mit dem Zensus - dessen Ergebnisse politisch motiviert immer noch verschwiegen werden - als vollkommen überholt gelten müssen. Bevölkerungsvorausberechnungen sind zudem meist nach kurzer Zeit überholt.

Wie wir z.B. von neoliberalen Think Tanks wie der Bertelsmann-Stiftung, die sich ihr willfähriges wissenschaftliches Personal sucht, hinsichtlich der Alterung in Deutschland manipuliert werden, das berichtet Gerd BOSBACH in einem Interview.

Unabhängig von den tatsächlichen Entwicklungen, stellt sich die Frage, inwiefern der demografische Wandel folgenreich für die weitere politische, ökonomische und soziale Entwicklung in Deutschland ist. Horrorszenarien, wie sie z.B. von Franz-Xaver KAUFMANN vertreten werden, steht die Einschätzung entgegen, dass der Geburtenrückgang ein Glücksfall für Deutschland ist.

KALARICKAL, Jasmin (2013): "Die Kohortenfertilität nimmt zu".
Demografie: Eine neue Prognose sagt, dass Frauen in Deutschland wieder mehr Kinder kriegen. Das sei ein echter Wendepunkt, meint die Demografin Michaela Kreyenfeld,
in: TAZ v. 29.04.

Jasmin KALARICKAL interviewt Michaela KREYENFELD zu einer Prognose des Max-Planck-Institut für demografische Forschung, die bereits am 21. März dieses Jahres veröffentlicht wurde:

"Wieso sitzen wir einer verzerrten statistischen Interpretation auf?
Statt der Geburtenziffer für jedes Jahr - 2011, 2012 und so weiter - kann man die Kinderzahl von Frauen nach ihren Geburtsjahrgängen - 1970, 1972 und so weiter - berechnen. Das Fachwort dafür heißt »Kohortenfertilität
«, die Fruchtbarkeit pro Jahrgang. Bei Frauen, die jetzt zwischen 45 und 50 sind, können wir mit Sicherheit sagen, wie viele Kinder sie bekommen haben, weil sie am Ende ihrer Reproduktionsphase sind. Für die Jahrgänge um 1965 waren es durchschnittlich 1,5 bis 1,6 Kinder. Das sind höhere Werte, als es die jährliche Geburtenziffer vorgibt."

Für regelmäßige Leser dieser Website ist das alles andere als eine Neuigkeit, neu ist lediglich, dass nun auch die Medien über das Problem der zu niedrig ausgewiesenen Geburtenrate der jüngeren Geburtsjahrgänge berichten - wenngleich noch mehr als zögerlich.

Ging es bislang um die Geburten der Mitte der 1960er Jahren geborenen Frauen, so geraten nun die in den 1970er Jahren geborenen Frauen in den Blickpunkt:

"Was ist mit den Jahrgängen ab den 70er Jahren? Für die jüngeren Jahrgänge muss prognostiziert werden, weil sie noch ein paar Jahre vor sich haben, in denen sie Kinder bekommen können. Je nach Methode gibt es einen leichten Anstieg oder ein Verharren auf demselben Niveau. Bei einer konservativen Schätzung kann man annehmen, dass die Frauen, die jetzt 40 sind, genauso viele Kinder kriegen wie diejenigen, die das Jahr zuvor 40 waren. Wenn man aber den Tempoeffekt berücksichtigt - also die Annahme, dass Frauen immer später Kinder bekommen -, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Kinderzahlen in Deutschland leicht steigen werden." 

Mit "konservativer Schätzung" ist die Sichtweise des Statistischen Bundesamtes gemeint. Olga PÖTZSCH weigert sich weiterhin von einem Wendepunkt in der Geburtenentwicklung zu sprechen. Dieses Spielchen kennt man bereits von der Debatte um den Frauenjahrgang 1965, dem lange Zeit eine Kinderlosigkeit von einem Drittel zugeschrieben worden ist. Erst mit einer Änderung der Erhebungsmodalitäten des Mikrozensus 2008 musste der Anteil der Kinderlosen drastisch nach unten korrigiert werden.

Der jetzt erst diskutierte Anstieg der Geburten bei den in den 1970er Jahren geborenen Frauen ist bereits seit 2003 bekannt. Erst im Jahr 2004 - die Agenda 2010 musste erst durch eine als alternativlos dargestellte Bevölkerungsvorausberechnung durchgepeitscht werden - gab das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zu, dass es diesen Anstieg gibt: Nur Tempoeffekte, kein Babyboom wehrte Jürgen DORBRITZ damals ab.

Das politische Ziel Elterngeld stand nun auf der Agenda und einen Anstieg der Geburtenrate durfte es auf keinen Fall geben. Die Popliteratur nahm die unfruchtbare Jugend von heute ins Visier und auf dieser Website wurde die neue Front im Demografiekrieg konstatiert.

Es hat also 10 Jahre gedauert, bis der Geburtenanstieg ernsthaft in den Medien diskutiert wird. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ist mit seiner aktuellen Broschüre zum Thema weiterhin auf Abwehrkurs - schließlich ist Bundestagswahlkampf.

Fallende absolute Geburtenzahlen werden in den Medien gerne instrumentalisiert, aber sie widersprechen nicht unbedingt dem Anstieg der Geburtenrate:

"Die Zahl der Frauen, die Kinder bekommen, sinkt eher. Also selbst wenn die endgültige Geburtenrate steigt, heißt das nicht, dass die absolute Anzahl an Kindern steigt."

Wir werden also noch einige Zeit einen politisch motivierten Deutungskampf um die Geburtenrate erleben.

EISENACH, Tanja (2013): Niedrigere Einwohnerzahl, höhere Geburtenrate in Deutschland.
Der Zensus, seine Ergebnisse und die Folgen,
in: Pressemitteilung der Universität Bamberg v. 31.05.

Die SZ klärte vor einiger Zeit ihr Online-Publikum darüber auf, dass die gefühlte Geburtenrate viel höher sei als die tatsächliche. Der Zensus 2011 stellt nun richtig: die gefühlte Geburtenrate liegt näher an der tatsächlichen Geburtenrate als die von unseren Bevölkerungswissenschaftlern bislang verbreitete Geburtenrate. Das sieht nun auch die Bevölkerungswissenschaftlerin Henriette ENGELHARDT-WÖLFLER von der Universität Bamberg so:

"Beachtenswerte Konsequenzen hält der Zensus auch für die Messung des Niveaus der Fertilität bereit, die neben Mortalität und Migration das Hauptinteressensgebiet der Bevölkerungswissenschaft darstellt: Betrachtet man die dafür relevanteste Altersgruppe, also Frauen, die zwischen 1961 und 1981 geboren wurden, dann hätte sich ihre Gesamtzahl laut Fortschreibung auf knapp 23,2 Millionen Personen belaufen müssen. Tatsächlich erbrachte der Zensus ein Ergebnis von ca. 22,6 Millionen und damit eine Differenz von knapp 600.000 Frauen in dieser Altersgruppe. Dazu Henriette Engelhardt-Wölfler: »Wenn die Geburtenzahlen stimmen, und davon können wir ausgehen, weil diese in den Krankenhäusern und Geburtshäusern registriert werden, dann würde dieses Ergebnis bedeuten, dass die Geburtenrate höher liegt als bislang angenommen.«"

Dass diese Konsequenzen - wie auf single-generation.de bereits bemängelt - in der Bundespressekonferenz verschwiegen wurden, sollte zu denken geben.

Die Ergebnisse des Zensus 2011 haben zudem gravierende Auswirkungen auf den Bedarf an Kinderbetreuung:

"Die Höhe der Geburtenrate bzw. die der Geburten hat wiederum Auswirkungen auf die Bedarfs- und Infrastrukturkalkulationen bei Kindergärten und -tagesstätten, Krippen und Schulen, wie Engelhardt-Wölfler zu berichten weiß: »Am Beispiel Bambergs lässt sich das schön zeigen. Der Zensus zählt 9.900 Personen, die zwischen 1994 und 2011 geboren sind, was laut Fortschreibung eine Differenz von plus 300 ergibt. Damit erhöht sich natürlich der Bedarf an Kindergärten, -tagesstätten, Krippen und Schulen.«"

Es ist seit langem bekannt, dass in Deutschland die Geburtenrate unterschätzt wird. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und das Statistische Bundesamt verweigern sich (noch) beharrlich der Anerkennung dieser Realität, wie das gerade erschienene Heft 3 von Bevölkerungsforschung Aktuell belegt. Dort wird noch einmal der Standpunkt aus einer Sendung des DeutschlandRadio bekräftigt.

Man darf wohl vor den Bundestagswahlen nicht mit einer Revidierung dieser Sichtweise rechnen. Einzig die jetzt wohl unvermeidliche Debatte über die Fehlprognosen hinsichtlich des unterschätzten Bedarfs an Kinderbetreuungseinrichtungen könnte hier den notwendigen Druck erzeugen.

MONATH, Hans (2013): Schröder: Geburtenrate können wir nicht heben.
Koalition legt Bewertung der Familienpolitik vor,
in:
Tagesspiegel v. 21.06.

BOLLMANN, Ralph (2013): Jedes Jahr 200 Milliarden Euro für die Familien.
Die Deutschen sollen mehr Kinder kriegen. Das war das Ziel der Familienpolitik. Doch davon redet jetzt keiner mehr. Stattdessen wird noch mehr Geld verteilt,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.06.

HANK, Rainer & Bettina WEIGUNY (2013): Für mehr Geburten zu sorgen ist nicht die Sache des Staates.
In private Entscheidungen dürfe sich die Politik nicht einmischen, sagt die Staatsrechtlerin Ute Sacksofsky. Finanzielle Nachteile soll sie aber ausgleichen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.06.

DESTATIS (2013): 2012: Mehr Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 04.07.

"Im Jahr 2012 sind in Deutschland 674 000 Kinder lebend geboren worden. (Das)(...) waren (...) 11 000 Kinder mehr als im Jahr 2011 (+ 1,6 %)", meldet das Statistische Bundesamt.

BUJARD, Martin & Norbert F. SCHNEIDER (2013): Das "Gedöns" und die Geschlechter.
Familienpolitik: Deutschland braucht mehr Gleichberechtigung – sonst bleiben die Geburtenraten niedrig,

in:
Die ZEIT Nr.30 v. 18.07.

DORBRITZ, Jürgen & Robert NADERI (2013): Trendwende beim Kinderwunsch?
in: Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.4, August

DESTATIS (2013): 80,5 Millionen Einwohner am Jahresende 2012 –Bevölkerungszunahme durch hohe Zuwanderung,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 27.08.

HAUN, Daniel (2013): Werden wir wirklich zu alt?
Dossier: Vier Irrtümer über den Demografiewandel und eine Bitte an den Bundestag,
in:
ZEITWISSEN, Oktober/November

Dass die Geburtenrate der Frauen höher liegt als die 1,4 Geburten pro gebärfähiger Frau, ist auf dieser Webseite schon häufig kritisiert worden. HAUN erwähnt zudem nicht, dass die Zahl der gebärfähigen Frauen aufgrund der Zensusdaten ebenfalls stärker zurückgegangen ist als in der Bevölkerungsfortschreibung angenommen, d.h. die Geburtenrate wird dadurch höher ausfallen.

HAUN sieht das Problem der geringen Geburtenrate nicht erst bei den jungen Frauen, sondern bei der Generation ihrer Mütter. Zudem wird mit Hinweis auf eine Studie von Rainer HUFNAGEL-PERSON darauf verwiesen, dass Akademikerinnen seit Mitte der 1990er Jahre mehr Kinder als andere Frauen bekommen - nur später. HAUN sieht (mittlerweile) politisch korrekt den Aufschub der Mutterschaft kritischer als einen fehlenden Kinderwunsch.

Es ist merkwürdig, dass mediale Fakten gerade dann als Irrtümer ausgewiesen werden, wenn sie ihre politische Schuldigkeit getan haben. Aber das ist natürlich das Kennzeichen politischer Propaganda.

BUJARD, Martin (2013): Familienpolitik braucht einen langen Atem.
Effekte auf die Geburtenrate sind langfristig und benötigen eine kohärente Politik,
in:
Demografische Forschung aus erster Hand, Nr.3 v. 09.10.

DESTATIS (2013): Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland 2012, Statistisches Bundesamt: Wiesbaden, Begleitheft zur Pressekonferenz am 07.11.

Erstmals ignoriert das Statistische Bundesamt in einer Publikation die Kohortenfertilität (CFR) und die Tempoeffekte nicht. Bisher wurde strikt geleugnet, dass die Geburtenrate (TFR) für die zukünftige Geburtenentwicklung in Deutschland nicht aussagekräftig ist:

"Die in den 1930er Jahren geborenen Frauen brachten in beiden Teilen Deutschlands im Durchschnitt etwa gleich viele Kinder zur Welt: die endgültige Kinderzahl der Frauen dieser Kohorten lag bei über zwei Kindern je Frau. Innerhalb der nächsten 30 Jahre ging die Kohortenfertilität im früheren Bundesgebiet um etwa 25 % zurück. Besonders schnell sank sie zwischen den Jahrgängen 1934 (2,2 Kinder je Frau) und 1943 (1,8). Dieser Rückgang spiegelte den Übergang vom stark ausgeprägten familienorientierten Geburtenverhalten in den Zeiten des sogenannten Babybooms (Ende der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre) zu neuen Lebensverläufen wider, die sich infolge des sozialen Wandels um das Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre herausgebildet haben. Danach hat sich der Rückgang fortgesetzt, er verlief aber langsamer. Die Frauen der Kohorte 1963, die im Jahr 2012 das 50. Lebensjahr erreichten, haben im früheren Bundesgebiet durchschnittlich nur noch 1,5 Kinder zur Welt gebracht" (2013, S.17),

heißt es nun. Im Jahr 2003 forderte die frühere ZEIT-Redakteurin und vor kurzem als Kieler Oberbürgermeisterin zurückgetretene Susanne GASCHKE: Kein Nachwuchs, keine Rente. Sie begründete dies mit falschen Zahlen zur Geburtenrate der 68er und nachfolgender Generationen. Das Statistische Bundesamt bestätigt nun die damalige Analyse von single-generation.de und Detlef GÜRTLER.

Wir erinnern uns: Weil angeblich die Nach-68er im besonderen Maße zum Geburtenrückgang unter das Bestandserhaltungsniveau beigetragen hätten, so die Argumentation, müssen die jüngeren Jahrgänge umso länger arbeiten und Rentenkürzungen in Kauf nehmen. Faktisch waren dagegen bereits die 68er für den größten Rückgang der Geburtenrate verantwortlich.

Es ist an der Zeit die Lebenslügen dieser Republik zur Kenntnis zu nehmen. In Deutschland wurde jahrelang Sozialabbau mit Hilfe angeblicher demografischer Sachzwänge begründet, die unhaltbar sind. Dabei ist erst die Spitze des Eisbergs sichtbar.

DESTATIS (2013): Jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren ist kinderlos,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt Wiesbaden v. 07.11.

Erst nach dem Bundestagswahlkampf 2005 und nach der Durchsetzung der Agenda 2010 wurden vereinzelt Stimmen laut, dass die Kinderlosigkeit mit ca. 33 % bei den 1965 geborenen Frauen und 40 % bei den westdeutschen Akademikerinnen zu hoch geschätzt ist. Die zweite Mikrozensus-Erhebung der Kinderlosigkeit in Deutschland zeigt, dass Anfang des Jahrtausends krasse Fehleinschätzungen im Umlauf waren. Für die  1970er Geburtsjahrgänge wurden sogar Kinderlosenzahlen von 40 % prognostiziert. Akademikerinnen sollten gar zu 50 % kinderlos bleiben. Die Tendenzen zeigen dagegen, dass die Anfang der 1970er Jahre geborenen Frauenjahrgänge eher zu einem niedrigeren Anteil kinderlos bleiben werden, was bereits im Jahr 2003 erkennbar war.

Auf dieser Webseite werden die Fakten in nächster Zeit genau analysiert werden, da die Interpretationen des Statistischen Bundesamtes bevölkerungspolitisch motiviert sind, d.h. Trendwenden werden erst dann verkündet, wenn sie sich nicht mehr leugnen lassen.

Mit 1,38 Kindern pro gebärfähiger Frau lag die Geburtenrate (TFR) 2012 höher als 2011 (1,36). Da diese Geburtenrate jedoch auf veralteten Volkszählungsdaten basiert, muss die Geburtenrate nach oben korrigiert werden, was jedoch - unverständlicherweise - erst mit dem Mikrozensus 2013 geschehen wird.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Tagesthema: Später zur Familie.
In Deutschland setzt sich der Trend fort, dass Frauen mit der Mutterschaft warten. Laut Statistik sind sie beim ersten Nachwuchs 29 Jahre alt

STOLZENBACH, Kathy (2013): Gebildet, westdeutsch, kinderlos.
Frauen gründen immer später eine Familie - Geburtenrate bleibt dennoch zunächst stabil,
in:
Kölner Stadt-Anzeiger v. 08.11.

TICHOMIROWA, Katja (2013): Einseitiges Bild,
in:
Frankfurter Rundschau v. 08.11.

HEIDENREICH, Ulrike (2013): Plädoyer für eine Kindergrundsicherung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 08.11.

ÖCHSNER, Thomas (2013): Jede fünfte Frau bleibt kinderlos.
Besonders Akademikerinnen bekommen weniger Babys. Statistiker erwarten weiteren Rückgang der Geburtenrate,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 08.11.

SIEMS, Dorothea (2013): Studiert und kinderlos.
Noch nie blieben in Deutschland so viele Frauen ohne Nachwuchs,
in:
Welt v. 08.11.

EPD (2013): Zahl der Kinderlosen steigt,
in: TAZ v. 08.11.

RHEINISCHE POST-Tagesthema: Leben ohne Kind

KRINGS, Dorothee (2013): Warum Paare kinderlos bleiben.
Analyse: Jede fünfte Frau in Deutschland zwischen 40 und 44 Jahren hat kein Kind. Doch steht dahinter oft keine bewusste Entscheidung, sondern Lebenswege ergeben sich so – und darin spiegeln sich die sozialen Verhältnisse,
in:
Rheinische Post v. 09.11.

ISRINGHAUS, Jörg (2013): "Ich mag Kinder, aber es müssen nicht meine eigenen sein".
Kinderlosigkeit – Zwei Frauen erzählen,
in:
Rheinische Post v. 09.11.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 19. Dezember 2015
Update: 29. Januar 2017